unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2026.art23d
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2026
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Gemeinsam für das Kind: gelingende Zusammenarbeit in der ehrenamtlichen Vormundschaft
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2026
Jana Schrempp
Carolin Hörscher
Der kinderrechtsbasierte Ansatz der Vormundschaftsreform von 2023 setzt die Themen Beteiligung von Kindern und Jugendlichen, Beziehungsarbeit und Kooperation ganz oben auf die Agenda. Eine Strategie ist die Stärkung der ehrenamtlichen Vormundschaft. Wie gestaltet sich diese und was bedeutet es für Kinder und Jugendliche, Ehrenamtliche und die Stellen, welche die Zusammenarbeit mit Ehrenamtlichen koordinieren?
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164 unsere jugend, 78. Jg., S. 164 - 174 (2026) DOI 10.2378/ uj2026.art23d © Ernst Reinhardt Verlag Gemeinsam für das Kind: gelingende Zusammenarbeit in der ehrenamtlichen Vormundschaft Gute Praxis aus dem Rhein-Neckar-Kreis Der kinderrechtsbasierte Ansatz der Vormundschaftsreform von 2023 setzt die Themen Beteiligung von Kindern und Jugendlichen, Beziehungsarbeit und Kooperation ganz oben auf die Agenda. Eine Strategie ist die Stärkung der ehrenamtlichen Vormundschaft. Wie gestaltet sich diese und was bedeutet es für Kinder und Jugendliche, Ehrenamtliche und die Stellen, welche die Zusammenarbeit mit Ehrenamtlichen koordinieren? von Jana Schrempp Jg. 1985; Sozialwissenschaftlerin, ist seit Mai 2025 Referentin beim Bundesforum Vormundschaft und Pflegschaft. Davor hat sie über 10 Jahre zum Thema Schutz von Kindern vor sexueller Ausbeutung gearbeitet. I. Hintergrund: Gesetzesreform und aktuelle Rahmung ehrenamtlicher Vormundschaft Vormundschaft existiert seit jeher, als Übernahme der Sorge für ein Kind, wenn die Eltern dies nicht oder nicht mehr tun können. Die Grundzüge des Vormundschaftsrechts haben sich im 19. Jahrhundert entwickelt und wurden in der jüngsten Vergangenheit zweimal reformiert; 2011 mit der sogenannten kleinen Vormundschaftsrechtsreform und zum 1. 1. 2023 mit einer umfassenden Vormundschafts- und Betreuungsrechtsreform, zu deren Inhalten es gute Zusammenstellungen gibt (Fröschle 2022; Bundesforum Vormundschaft 2025). In diesem Artikel wird der Aspekt der Stärkung der ehrenamtlichen Vormundschaft unter anderem anhand eines Praxisbeispiels in den Mittelpunkt gestellt. Carolin Hörscher Jg. 1984; war lange Zeit im Allgemeinen Sozialen Dienst und auch als Amtsvormundin tätig. Seit August 2023 leitet sie das Sachgebiet Koordinationsstelle Vormundschaft im Landratsamt Rhein-Neckar-Kreis. Der Artikel ist in drei Teile gegliedert. Durch diese Struktur können die Lesenden zunächst die aktuelle Rahmung ehrenamtlicher Vormundschaft kennenlernen ( Teil I Hintergrund) und darauf aufbauend ein konkretes Praxisbeispiel nachvollziehen ( Teil II Beispiel). Abschließend wird das Thema gelingende Zusammenarbeit in der ehrenamtlichen Vormundschaft in einer Gesprächsrunde erörtert ( Teil III Gesprächsrunde). Der Artikel schließt mit einem kurzen Fazit. 165 uj 4 | 2026 Zusammenarbeit in der ehrenamtlichen Vormundschaft Erklärtes Ziel der Reform ist es, das Kindeswohl, die Selbstbestimmung sowie die individuelle Förderung von jungen Menschen in den Mittelpunkt zu stellen und die persönliche Betreuung und Beziehungsgestaltung durch die Vormund: innen zu betonen. Die Stärkung der Rechte von Kindern und Jugendlichen in Vormundschaften soll auch durch eine explizite Förderung der ehrenamtlichen Vormundschaft erfolgen (Fritsche 2022, 9). In der Gesetzesbegründung der Bundesregierung werden die Potenziale der ehrenamtlichen Vormundschaft wie folgt gefasst: „Eine Person, die die Vormundschaft aus bürgerschaftlichem Engagement und nicht im Rahmen einer auf Einkommenserwerb gerichteten beruflichen Tätigkeit übernimmt, ist am ehesten in der Lage, Zeit und persönliche Zuwendung für den Mündel aufzubringen, und ist daher von besonderem Wert für ihn. Sie ist einem beruflichen Vormund vorzuziehen (…).“ (BT Drucksache 19/ 24445 2020, 131) Die private Motivation, die größeren zeitlichen Kapazitäten und die damit zusammenhängende persönliche Zuwendung sind fraglos Gelingensfaktoren für die individuelle Förderung von jungen Menschen sowie persönliche Begleitung und Interessenvertretung. Das Gesetz sieht einen monatlichen Kontakt mit dem Mündel in dessen „üblicher Umgebung“ (§ 1790 Abs. 3 BGB) vor. In der Praxis ist dies für viele Amtsvormund: innen bei hohen Fallzahlen schwer umzusetzen. Der Befund, dass Ehrenamtliche häufig mehr Zeit und Beziehungsangebot mitbringen, bestätigt sich in der Praxis. Ergebnisse des Forschungsprojekts von Dr. Michael Maas in Kooperation mit der Universität Duisburg-Essen (2021 - 2022) zeigen, dass über die Hälfte der befragten Ehrenamtlichen wöchentlich oder häufiger Kontakt zu den Kindern und Jugendlichen haben (Maas 2023, 118). Zudem sind die Kontakte der Ehrenamtlichen mit den Kindern und Jugendlichen meist umfangreicher und auch über die Volljährigkeit hinaus eher üblich (Maas 2023, 167). Die zugrunde liegende Argumentation für die Stärkung der ehrenamtlichen Vormundschaft erscheint klar. Doch wie sieht es auf der strukturellen Ebene aus? Auch wenn die vier Formen der Vormundschaft: ehrenamtliche Vormundschaft, Vereinsvormundschaft, Amtsvormundschaft und Berufsvormundschaft (Bundesforum Vormundschaft 2025 a) weiterhin neben und miteinander bestehen werden, wird sich, so die gesetzliche Zielsetzung, die Vormundschaftslandschaft weiter wandeln. Es wird davon ausgegangen, dass zum Zeitpunkt der Gesetzesreform ca. 80 % der Vormundschaften durch Amtsvormund: innen geführt wurden. Wie viele ehrenamtlich geführt werden, wird leider nicht bundesweit erfasst. Berichte aus der Praxis zeigen eine dynamische Entwicklung, durch die sich annehmen lässt, dass die prozentuale Verteilung sich in den letzten Jahren verändert hat und dies auch weiter tun wird. Die ehrenamtliche Vormundschaft umfasst wiederum drei Vormundschaftskonstellationen, die aus unterschiedlicher Motivation zustande kommen. Dr. Miriam Fritsche konkretisiert diesen Unterschied der Motivlagen und Ausgangslagen der Ehrenamtlichen, die sich in der Übernahme der Vormundschaft für ein spezifisches Kind bei Pflegeeltern und Familienangehörigen und der Übernahme einer Vormundschaft für ein noch unbekanntes Kind bei engagierten Dritten unterscheiden (Fritsche 2022, 9). Darüber hinaus stellen sich bei den verschiedenen Konstellationen unterschiedliche Bedarfe mit Blick auf Akquise, Schulung, Begleitung und Aufsicht. Dies betonen auch freie Träger, die umfangreiche Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit Ehrenamtlichen haben. Es gibt eine bundesweit sehr heterogene Landschaft von Vereinen, die teilweise schon seit Jahrzehnten im Bereich ehrenamtliche Vormundschaft aktiv sind. So zum Beispiel das Berliner Netzwerk Einzelvormundschaften akinda, das seit über 25 Jahren in der Begleitung von unbegleiteten Kindern und 166 uj 4 | 2026 Zusammenarbeit in der ehrenamtlichen Vormundschaft Jugendlichen mit Fluchterfahrung und in der Qualifizierung, Vermittlung und Beratung von ehrenamtlichen Einzelvormund: innen tätig ist. Oder der Kinderschutzbund in Frankfurt, der seit über 10 Jahren Einzelvormundschaften durch Ehrenamtliche qualifiziert, vermittelt und begleitet. Es gibt viele weitere gute Beispiele; auch von Jugendämtern, die schon lange etabliert direkt mit Ehrenamtlichen zusammenarbeiten. Oder Jugendämter, die Akquise, Schulung und Begleitung von Ehrenamtlichen an freie Träger oder Vormundschaftsvereine delegieren. Vor dem Hintergrund der Reform ist aber erneut auszuloten, welche Aufgaben im Zuständigkeitsbereich des Jugendamts verbleiben müssen und welche delegiert werden dürfen (Fritsche 2022, 50f ). Dem Ansatz dieser Akteur: innen wurde durch die Reform recht gegeben (für die übertragbaren Aufgaben siehe § 76 Abs. 1 SGB VIII). Doch neben der Kooperationsmöglichkeit mit freien Trägern sieht die Reform eine Rolle der Jugendämter als „Vormundschaft koordinierende Stellen“ (Fasse/ Fritsche 2020, 222) vor. Dies bedeutet für viele Jugendämter eine deutliche Veränderung ihrer Arbeitsweise. Das Jugendamt bleibt beteiligt, auch wenn andere Vormundschaftsformen übernehmen, und so stößt die Reform strukturelle Entwicklungen in den Jugendämtern an, die eigene Infrastruktur auf eine Umsetzung der Gesetzesvorgaben neu auszurichten. Ein Beispiel für eine neu geschaffene Stelle, die die gesetzliche Idee praktisch umsetzt, ist die Koordinationsstelle Vormundschaft im Rhein-Neckar-Kreis, deren Arbeit im Folgenden vorgestellt wird. II. Beispiel: Die Arbeit der Koordinationsstelle im Rhein-Neckar-Kreis Das Jugendamt Rhein-Neckar-Kreis hat sich 2023 entschlossen, eine Koordinationsstelle einzurichten, um die Potenziale der ehrenamtlichen Vormundschaft zu nutzen. Zielsetzung der Koordinationsstelle ist die Sicherstellung des gesetzlichen Anspruchs der Kinder und Jugendlichen auf die: den am besten geeignete: n Vormund: in, unter Berücksichtigung der individuellen Lebenssituation und besonderen Bedarfe der Kinder und Jugendlichen. Dies erforderte einige strukturelle Veränderungen im Kreisjugendamt. Die Koordinationsstelle bündelt nun die konzeptionellen, organisatorischen und fachlich-beratenden Aufgaben im Bereich der ehrenamtlichen Vormundschaften und dient der Qualitätssicherung und Weiterentwicklung der Vormundschaftsarbeit. Aktuell (November 2025) bestehen 132 ehrenamtlich geführte Vormundschaften, die durch vier hauptamtlich tätige Personen (3,5 Vollzeitäquivalente) begleitet werden. Das entspricht einer zu betreuenden Fallzahl von 44 Fällen pro hauptamtlich tätiger Person. Neben der Begleitung der ehrenamtlich geführten Vormundschaften übernehmen die Mitarbeitenden die Akquise, Überprüfung der Eignung und Schulung von Bewerber: innen sowie die Einzelfallprüfung, welche Vormund: in am besten geeignet ist. Die einzelfallbezogenen Vorschläge werden als qualifizierte Stellungnahme dem Familiengericht mitgeteilt, welches die: den Vormund: in bestellt. Die Koordinationsstelle versteht sich auch als Schnittstelle zwischen den internen Fachdiensten des Jugendamtes (Allgemeiner Sozialer Dienst, Pflegekinderdienst), den Familiengerichten und Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe. Sie sieht sich dafür zuständig, die Zusammenarbeit zwischen allen Akteure: innen im Vormundschaftswesen zu befördern und gegebenenfalls an Konfliktlösungen mitzuwirken. Darüber hinaus fungiert die Koordinationsstelle als Beschwerdestelle für Mündel und Pflegekinder. Im Folgenden werden drei besonders zentrale Aspekte der Zusammenarbeit mit Ehrenamtlichen gesondert in den Blick genommen: Akquise und Schulung der Ehrenamtlichen, Eignungsüberprüfung, Passung und Vorschlag beim Familiengericht sowie Beratung, Unterstützung und Beaufsichtigung. 167 uj 4 | 2026 Zusammenarbeit in der ehrenamtlichen Vormundschaft 1. Akquise und Schulung Die Koordinationsstelle des Rhein-Neckar-Kreises versucht auf verschiedenen Wegen interessierte Ehrenamtliche zu erreichen. Am effektivsten scheinen Pressemitteilungen über Informationsveranstaltungen in den Wochenblättchen der Gemeinden oder den Regionalzeitungen zu sein. Auch im Regionalradio ausgestrahlte O-Töne führten ebenfalls zu einem großen Interesse. Weniger gut kamen allgemeine Flyer ohne Bezug zu einer Informationsveranstaltung an. Aufgrund der Größe des Kreises zeigte sich, dass die Informationsveranstaltungen besser angenommen wurden, wenn sie dezentral angeboten wurden. Regionale Werbe- und Informationsangebote scheinen sinnvolle Strategien der Akquise zu sein. Von Mai 2023 bis Ende 2025 führte die Koordinationsstelle Vormundschaft über den ganzen Kreis verteilt 15 Informationsveranstaltungen für interessierte Menschen durch. Insgesamt wurden 61 Personen in sechs Schulungsreihen für die Amtsübernahme als ehrenamtliche Vormund: in qualifiziert. Von diesen Personen konnte bereits ein Teil dem Familiengericht als Vormund: in für ein bestimmtes Kind vorgeschlagen werden, nachdem Kind und Vormund: in sich beide für eine Zusammenarbeit entschieden hatten. Für alle ehrenamtlichen Vormund: innen gibt es zudem regelmäßig stattfindende Austauschtreffen und Sachschulungen zu verschiedenen Themenbereichen über die Koordinationsstelle. Der aktuelle Pool von noch verfügbaren Ehrenamtlichen besteht aus ca. 20 Personen mit unterschiedlichen beruflichen Hintergründen. Viele im Pool befindliche Personen sind noch berufstätig, andere in Rente. Eine fast paritätische Geschlechterverteilung wird von der Koordinationsstelle sehr begrüßt. Neben den unterschiedlichen beruflichen Hintergründen der Interessierten gibt es vielfältige Vorstellungen über die Ausübung des Ehrenamtes hinsichtlich der zeitlichen Ressourcen, Einbindung von Familie und Haustieren oder über Aktivitäten, die mit dem Mündel durchgeführt werden könnten. Einige Personen bringen Zusatzqualifikationen mit, die für die Ausübung hilfreich sein können. Andere engagieren sich bereits in anderen Ehrenämtern. Die Erhöhung der Anzahl und Kompetenz ehrenamtlicher Vormund: innen ist auch wesentlich für die Auswahlmöglichkeit. Dabei setzt die Koordinationsstelle gezielt auf Vielfalt und spricht in den Pressemitteilungen unterschiedliche Personenkreise an, um möglichst vielen Kindern und Jugendlichen ein passgenaues Angebot machen zu können. Dabei ist die Weiterentwicklung von Qualitätsstandards in ehrenamtlich geführten Vormundschaften immer im Blick zu behalten. Die ehrenamtlichen Vormund: innen bekommen an drei Abenden Grundlagenwissen über die Rolle und Aufgabe von Vormund: innen, entwicklungspsychologische Grundlagen, der Ausgestaltung von persönlichen Kontakten, Zusammenarbeit mit dem Familiengericht und Jugendamt. Nach Abschluss erhalten die Bewerber: innen eine Teilnahmebescheinigung und zusammenfassende Informationen. 2. Eignungsüberprüfung, Passung und Vorschlag Die Überprüfung der Eignung von interessierten ehrenamtlichen Vormund: innen, auch bezüglich der Kooperationsfähigkeit mit den leiblichen Eltern, basiert auf Kriterien, die immer wieder neu an die Praxis angepasst werden. Neben formalen Anforderungen (erweitertes Führungszeugnis, Gesundheitszeugnis, Lebenslauf, Kopie Personalausweis, Führerschein, Schufa-Auskunft) ist für die Koordinationsstelle vor allem die Motivation der Ehrenamtlichen von Relevanz. Motivation und auch eigene Vorstellungen über die Führung der Vormundschaft (bspw. Kontakthäufigkeit) ist sowohl Inhalt der schriftlichen Bewerbung als auch Thema im Kennenlerngespräch. Dabei geht es um (pädagogische) Haltung, eigene Werte, Religion, die Reflexionsfähigkeit sowie Fähigkeit zur Zusammenarbeit mit den anderen Beteiligten als Kriterium der Eignung. 168 uj 4 | 2026 Zusammenarbeit in der ehrenamtlichen Vormundschaft Bei der Eignung von ehrenamtlichen Vormund: innen geht es auch darum, dass diese nicht nur zum jeweiligen Kind, sondern auch zum Umfeld, zum Beispiel zu den Eltern und der Einrichtung, passen müssen. Auch eine räumliche Nähe wird angestrebt, sodass die Ausübung des Ehrenamtes, insbesondere was den direkten Kontakt angeht, machbar bleibt. Inzwischen erfolgen qualifizierte Vorschläge gegenüber den Familiengerichten über die im jeweiligen Einzelfall am besten geeignete: n Vormund: in entsprechend festgelegter Standards im Rhein-Neckar-Kreis ausschließlich über die Koordinationsstelle. Zentral hierbei sind die Darstellung, wie die Passung zwischen Mündel und Vormund: in ermittelt wurde, tiefergehende Informationen über den: die Vormund: in, die persönliche Situation des Mündels, der bisherige Kontakt/ die Beziehung zwischen vorgeschlagener Vormund: in und Mündel, die Haltung der leiblichen Eltern, die Einschätzung anderer Fachdienste oder Fachkräfte und abschließend die Einschätzung der Koordinationsstelle Vormundschaft. 3. Beratung, Unterstützung und Beaufsichtigung Alle im Kreis lebenden ehrenamtlichen Vormund: innen werden durch die Koordinationsstelle begleitet. Alle ehrenamtlichen Vormund: innen sind einem: einer Sachbearbeiter: in zugeordnet, welche mindestens zweimal im Jahr persönlichen Kontakt zu Vormund: in und gegebenenfalls auch dem Mündel hat. Darüber hinaus steht er: sie bei Bedarf immer für Fragen zur Verfügung und begleitet auf Wunsch Krisengespräche/ Hilfepläne. Ziele sind die Stärkung des: der Ehrenamtlichen und die Einhaltung von Qualitätsstandards beim Führen einer Vormundschaft. Sollten Versäumnisse beim Führen einer Vormundschaft durch die Koordinationsstelle Vormundschaft festgestellt werden, wird mittels Beratung und Unterstützung darauf hingewirkt, dass der: die Vormund: in die Aufgabe im Interesse des Mündels ausübt. Sollte dies nicht gelingen, können Maßnahmen vorgeschlagen werden, z. B. eine zusätzliche Pflegschaft für Teilbereiche der Sorge oder die Abgabe der Vormundschaft. Die gesetzlich geregelte Zuständigkeit für die Begleitung von ehrenamtlich geführten Vormundschaften ist an den Wohnort des: der Ehrenamtlichen und nicht den der Kinder und Jugendlichen gekoppelt. Grundsätzlich kann natürlich auch ohne Kenntnisse über den konkreten Fall beraten werden, jedoch besteht das Risiko, dass die Orientierung am Kind verloren geht. Das Jugendamt Rhein-Neckar-Kreis ist mit anderen Koordinationsstellen vernetzt und hat mit angrenzenden Jugendämtern individuelle Absprachen getroffen, um entweder die notwendigen Informationen zu erhalten oder die Begleitung der ehrenamtlich geführten Vormundschaft durch das hilfegewährende Jugendamt des Kindes zu realisieren. Neben der individuellen Begleitung haben die Ehrenamtlichen nach der Überprüfung und Schulung die Möglichkeit, an regelmäßig stattfindenden Austauschtreffen und Sachschulungen teilzunehmen. Die Themen für die Sachschulungen ergeben sich durch Wünsche der Ehrenamtlichen und den fachlichen Impulsen der Koordinationsstelle. In 2024/ 2025 fanden zum Beispiel Veranstaltungen mit dem Flüchtlingsrat Baden-Württemberg über das Asyl- und Aufenthaltsgesetz und mit der Agentur für Arbeit über die Möglichkeiten im Übergang Schule - Beruf sowie mit der Suchtberatungsstelle zu Konsumtrends, Mediensucht und Beratungsangebote in der Suchthilfe statt. Die Austauschtreffen für die Ehrenamtlichen werden durch eine Mitarbeiterin der Koordinationsstelle begleitet und moderiert. Weiterentwicklung Durch die Einrichtung und Arbeit der Koordinationsstelle hat sich eine neue Perspektive im 169 uj 4 | 2026 Zusammenarbeit in der ehrenamtlichen Vormundschaft Jugendamt Rhein-Neckar-Kreis etabliert. Inzwischen ist die Koordinationsstelle erfolgreich in die bestehenden fachlichen und organisatorischen Strukturen integriert, wodurch eine effektive Zusammenarbeit innerhalb des Jugendamtes gewährleistet und der Kinderschutz im Kreis spürbar erhöht wird. Die neuen Blickwinkel der Ehrenamtlichen geben Hinweise auf manche „blinden Flecken“ innerhalb der behördlichen Strukturen oder in den Einrichtungen. Dies kann manchmal unbequem sein, doch dass es sich lohnt, davon ist das Team der Koordinationsstelle überzeugt. Die Erfahrungen der letzten Jahre zeigen, was es braucht: „wertschätzende Konfliktarbeit“ sowie ein Zurücktreten aller Beteiligten zum besten Interesse des Kindes. Die Koordinationsstelle im Jugendamt Rhein-Neckar-Kreis ist in ihrer Konzeption und Ausgestaltung zu einem Aushängeschild geworden, das Vorbildcharakter für viele andere Kommunen und Kreise in Baden-Württemberg hat. Wie dies ganz konkret aussehen kann, ist Thema der nachfolgenden Gesprächsrunde. III. Gesprächsrunde: Chancen und Grenzen der ehrenamtlichen Vormundschaft Im Oktober 2025 treffen sich die Autorinnen mit der ehrenamtlichen Vormundin Elisa Winter 1 in der Geschäftsstelle des Bundesforums Vormundschaft und Pflegschaft zu einem Gespräch über die Chancen und Grenzen der ehrenamtlichen Vormundschaft insbesondere für die Kinder und Jugendlichen. Jana Schrempp: Als neue Mitarbeiterin beim Bundesforum bin ich in einem Projekt tätig, das den Fokus auf die ehrenamtliche Vormundschaft legt. Zuerst mal würde mich deine Motivation interessieren, wie kam es, dass du ehrenamtliche Vormundin geworden bist? Elisa Winter: Eigentlich bin ich aus beruflichen Gründen mit der Koordinationsstelle in Kontakt gekommen. Als die Frage aufkam, ob ich mir vorstellen kann, auch eine Vormundschaft zu übernehmen, war ich erstmal zögerlich, denn ich habe sehr viel zu tun, habe zwei Kinder, bin alleinerziehend und alleinernährend und gebe schon so viel. Aber andererseits finde ich es auch selbstverständlich, sich ehrenamtlich zu engagieren. Ich habe im Studium Kindern, die geflüchtet waren, Nachhilfe gegeben. Als ich dann eigene Kinder hatte, habe ich immer in Kindergarten und Schule ganz viel mitgearbeitet. Ich denke, dass eine Zivilgesellschaft gar nicht anders funktionieren kann - sie würde zusammenbrechen, wenn sich Menschen nicht ehrenamtlich engagieren. Die erste Anfrage zur Übernahme einer Vormundschaft war für einen 10-jährigen Jungen aus Syrien. Das wäre aber zu viel gewesen, das hätte ich nicht leisten können. Und dann kam auch schon bald die nächste Anfrage. Es ging darum, ob ich die Vormundschaft für ein 16-jähriges Mädchen aus Gambia übernehmen könnte. Schon der Zeitraum schien mir verantwortungsvoll machbar, da ich wusste, in zwei Jahren wird das Kind volljährig. Und Fatima ist hierhergekommen, da ihre Schwester hier auch lebt. Ich glaube ihr hattet auch zuerst die Schwester gefragt? Carolin Hörscher: Ja genau, wir prüfen zunächst immer, ob es Bezugspersonen im familiären Umfeld gibt, die eine Vormundschaft übernehmen können. Das war auch bei Fatima der Fall - ihre Schwester wurde zuerst angefragt. Die Schwester hat abgelehnt und kam auch aufgrund ihrer eigenen Lebenssituation nicht als „Weichenstellerin“ infrage. Sie hätte Fatima weder zeitlich noch sprachlich ausreichend gut unterstützen können. Und das zeigt auch schon gut unsere Arbeit als Koordinationsstelle. Es geht darum den oder die bestgeeignetste Vormund: in zu finden. Ein Großteil unserer Vermittlungen kommt von unseren Amtsvormund: innen, die sich für bestimmte Kinder eine engere persön- 1 Zum Schutz ihrer Privatsphäre wurde ein Pseudonym für die Vormundin sowie die Jugendliche, die sie begleitet, gewählt. 170 uj 4 | 2026 Zusammenarbeit in der ehrenamtlichen Vormundschaft liche Begleitung wünschen. Viele Jugendliche profitieren davon sehr - insbesondere, wenn die Beziehung so tragfähig ist, dass sie nach der Volljährigkeit weitergeführt wird. Für mich war das einer der Gründe, am Aufbau der Koordinationsstelle mitzuwirken. Als ehemalige Amtsvormundin weiß ich, wie schwer es ist, bei sehr vielen Mündeln allen Bedarfen gleichermaßen gerecht zu werden. Ehrenamtliche können hier wertvolle Nähe und Kontinuität bieten. Jana Schrempp: Wie läuft denn die Zusammenarbeit zwischen Ihnen, Elisa Winter, und der Koordinationsstelle? Elisa Winter: Wenn ein neues Thema aufkommt und ich nicht direkt weiterkomme, dann schreibe ich oder rufe an. Das habe ich bei allen schwierigen Situationen so gemacht. Als Vormundin begleite ich ja bei allen Situationen, die Kinder und Jugendliche durchleben, Schule und Gesundheit zum Beispiel. Immer wenn ich nicht weiterweiß, wende ich mich an Frau Hörscher. Carolin Hörscher: Und genau dafür sind wir da als Koordinationsstelle. Wir sind ja zu viert und haben uns aufgeteilt. Alle Ehrenamtlichen haben eine feste Ansprechperson, die kennen sie bestenfalls schon vom Bewerbungsverfahren. Die Ansprechperson ist zuständig für die direkte Beratung und Unterstützung der Vormund: innen. Daneben gibt es Austauschtreffen oder Sachschulungen. Da haben wir jetzt auch ein neues Konzept gestrickt, jetzt sind auch Mündel zu einer Schulung zu Suchtthemen eingeladen. Wir wollen uns so auch bei den Jugendlichen „bekannt machen“, damit unsere Beschwerdestelle die Kinder- und Jugendlichen leichter erreichen kann. Wir versuchen deshalb unsere Angebote kontinuierlich anzupassen und die Wünsche und Rückmeldungen der Ehrenamtlichen und auch der Mündel zu berücksichtigen. Und die Einrichtungen muss man auch immer mitdenken, die muss man mitnehmen, damit sie mit den Ehrenamtlichen gut zusammenarbeiten. Elisa Winter: Das stimmt, das ist tatsächlich für mich auch der schwierigste Teil. Da muss man sich schon auch durchsetzen können. Mit der ersten Einrichtung von Fatima war es zum Beispiel sehr schwierig. Ich empfand die Einrichtung als sehr starr. Sie konnten sich nicht auf Fatima einstellen, zeigten überhaupt kein Interesse an ihr. Die Mitarbeitenden dort haben von Anfang an sehr viel Druck aufgebaut, auch bei alltäglichen Dingen, wie beispielsweise dem Speiseplan. Kinder und Jugendliche aus anderen Ländern sind natürlich ganz anderes Essen gewöhnt und müssen sich in Deutschland sehr umstellen. Von täglich Gemüse und Reis zu mit Käse überbackenen Nudeln. Das klingt wie ein Luxusproblem, aber Essen ist so ein wichtiger Bestandteil des Lebens und auch der Integration. Für Fatima lief es insgesamt dort nicht gut. Als es ihr immer schlechter ging, wurde ich ständig angerufen, auch mitten in der Nacht. Da dachte ich zeitweise, das sprengt jetzt mein kraftmäßiges Budget. Einmal wurde ich nachts um zwölf angerufen, ob Fatima geröntgt werden darf, und dann musste ich ihr am nächsten Tag Kleidung und Waschsachen ins Krankenhaus bringen. Jana Schrempp: Ist das etwas, was Sie kennen? Schildern Ihnen die Ehrenamtlichen häufiger solche Situationen, dass Einrichtungen die Vormund: innen sehr fordern? Carolin Hörscher: Nein, in dieser Dringlichkeit und „Not“ handelt es sich um Einzelfälle. In diesem Fall haben wir es nicht geschafft, die Einrichtung gut mit ins Boot zu nehmen. Denn immer, wenn Elisa Winter angerufen worden ist, waren das eigentlich nicht ihre Aufgaben, sondern die der Einrichtung. Möglicherweise hatten die Bitten bzw. Aufforderungen, alltägliche Aufgaben für Fatima zu erledigen, einen anderen Hintergrund und mündete in einem missverständlichen „Aneinander-vorbei-Arbeiten“. Es ist absurd, dass die Vormundin zuerst in die Einrichtung fährt, dort die Klamotten holt, um sie dann dem Mündel ins Krankenhaus zu bringen. Dass die Vormundin das Kind in der Klinik besucht, ist hingegen notwendig, weil natürlich 171 uj 4 | 2026 Zusammenarbeit in der ehrenamtlichen Vormundschaft auch Entscheidungen anstehen können. Im Fall von Fatima ist die Zusammenarbeit mit der ersten Einrichtung leider gescheitert. Rückblickend ist deutlich geworden, dass grundlegende Absprachen nicht eingehalten wurden. Viele der nächtlichen Anrufe bezogen sich auf Aufgaben, die eigentlich in die Verantwortung der Einrichtung fallen - etwa die Organisation eines Krankentransports oder die Bereitstellung von Kleidung. Das Problem war weniger die Bereitschaft der Ehrenamtlichen oder Einrichtung, sondern fehlende Rollenklarheit und mangelnde Abstimmung im Vorfeld. Wichtig ist die Zusammenarbeit von Einrichtung und Vormund: in, insbesondere bei Kernthemen, wo es um den Verbleib in der Einrichtung oder Perspektiventwicklung geht. Keinesfalls kann dem Vormund einfach nur das Ergebnis mitgeteilt werden. Hier haben die Jugendlichen ein Recht auf eine vertraute Person an ihrer Seite, ihre Sichtweise muss ausreichend gehört werden. Passiert das nicht, ist das sehr ungünstig, weil natürlich auch ein Stück Vertrauen in die Vormund: in verloren gehen kann … Wir wissen, dass die gute Zusammenarbeit mit den Einrichtungen sehr wichtig ist, deshalb haben wir Erwartungsgespräche mit den Einrichtungen während der Vermittlungen von Vormundschaften eingeführt. Aber in diesem Fall hat das leider nicht ausgereicht. In einer anderen Wohngruppe haben wir gemeinsam mit dem Team vereinbart, dass Entscheidungen zu Schulfragen immer frühzeitig mit der Vormundin besprochen werden, dass Termine (z. B. Arzt, Behörde) zentral über eine Ansprechperson der Einrichtung koordiniert werden, dass die Jugendlichen vor wichtigen Gesprächen die Möglichkeit bekommen, sich mit ihrem Vormund vorzubereiten. In dieser Einrichtung funktioniert die Zusammenarbeit hervorragend, weil alle Beteiligten wissen, wer in welchem Bereich Verantwortung trägt - und weil das Team die zusätzliche Beziehungsebene zwischen Jugendlichen und Ehrenamtlichen sehr wertschätzt. Jana Schrempp: Was ich mich frage: Was hätte die Einrichtung denn gemacht, wenn es Elisa Winter nicht gäbe? Wen hätten sie dann mitten in der Nacht angerufen? Carolin Hörscher: Niemanden. Und das zeigt ja sehr deutlich, dass der Umgang teilweise noch sehr unterschiedlich ist mit ehrenamtlichen und beruflichen Vormund: innen. Die Einrichtungen wollen ja gut arbeiten und im Kern profitieren auch die Mitarbeitenden von diesem frischen Blick von außen, neben dem ganzen Organisatorischen, was abgenommen wird. Dafür braucht es aber Absprachen, die Rollenklarheit ermöglichen, damit der Mehrwert beim Kind ankommt. Dies müssen wir als Koordinationsstelle gemeinsam mit den Einrichtungen und Ehrenamtlichen schon während der Vermittlung der Vormundschaft in den Blick nehmen. Elisa Winter: Ja das würde ich auch sagen. Und es muss nicht nur zwischen Vormund und Kind passen, sondern auch mit dem Ort, an dem sie leben. Denn das ist der Lebensmittelpunkt des Kindes. Und wenn das überhaupt nicht harmoniert, wenn gegenseitig alles infrage gestellt wird, das ist natürlich ungünstig. Ich denke das müssten die Einrichtungen eigentlich gewohnt sein, denn Eltern müssen sie ja auch einbeziehen. Carolin Hörscher: Das stimmt. Es ist aber auch herausfordernd, zwischen den unterschiedlichen Bedarfslagen der unterschiedlichen Entscheider: innen zu navigieren. Und viel zu oft verhaken sich die Erwachsenen, egal ob hauptamtlich oder ehrenamtlich, und es wird nicht gemeinsam mit dem Kind gesprochen, was er oder sie eigentlich möchte. Es ist ja, etwas vereinfacht gesprochen, mindestens ein Dreieck um das Kind aus Vormund: in, Einrichtung und Jugendamt. Es geht darum, Kommunikationswege zu erarbeiten, damit die Jugendlichen, Ehrenamtlichen und Einrichtungen eine Handlungssicherheit und einhergehend deutliche Stabilität erhalten. Und da ist es dann schon auch gut, wenn wir als Koordinationsstelle unterstützen und auch die Perspektive der jungen Menschen einfordern: „Sprich doch erstmal mit dem Kind. Was sagt denn Fatima 172 uj 4 | 2026 Zusammenarbeit in der ehrenamtlichen Vormundschaft dazu? Wie schildert sie es? “ Für uns geht es darum, die Ehrenamtlichen in ihrer Rolle zu stärken, insbesondere in der Haltung absolut parteilich für den jungen Menschen sein zu dürfen und immer wieder einzufordern, die Jugendlichen zu beteiligen. Denn Jugendliche haben ein Recht darauf, dass ihre Sichtweise frühzeitig und kontinuierlich berücksichtigt wird. Dies kann aber nur mit aktiver Beteiligung aller Akteure gelingen. Jana Schrempp: Was sagt dann die Jugendliche, die du begleitest, über dich als Vormundin? Wie würde sie mir deine Rolle beschreiben? Was glaubst du? Elisa Winter: Das glaube ich, kann man sie vielleicht irgendwann mal später fragen, wenn sie zurückblickt und das dann einschätzen kann. Sie ist zurzeit sehr unter Druck und sehr angespannt und will alles einfach nur richtig machen, um irgendwie hierbleiben zu können. Ich glaube, sie ist immer noch so ein bisschen verwirrt, wer welche Rolle hat und wer was darf. Aber ich glaube, sie würde auch sagen, dass, egal was ist, ich bedingungslos zu ihr stehe. Und sie weiß genau, dass sie mit jedem Anliegen zu mir kommen kann. Carolin Hörscher: Die zielgenaue Passung und die somit stärkere Interessensvertretung der Jugendlichen ist wirklich eine tolle Chance in der ehrenamtlichen Vormundschaft. Auch wenn nicht alle Vormundschaften so gelingend und so vertrauensvoll sind wie diese hier. Und klar kann auch eine Amtsvormund: in eine Beziehung aufbauen und die Interessen der Mündel stark vertreten. Aber ich bin mir nicht sicher, wann Fatima dann beispielsweise ihre Wäsche im Krankenhaus bekommen hätte, wenn es wirklich vom Vormund abhängig gewesen wäre, dass Kleidung ins Krankenhaus gebracht wird. Und das macht einen Unterschied, ob das noch am selben Tag passiert oder erst 2 Tage später. Außerdem ist es aus Perspektive der Jugendlichen sehr wertvoll, dass nach Beendigung der Vormundschaft der Kontakt fortbesteht. Und das ist in den allermeisten Fällen so. Jana Schrempp: Ich würde total gerne noch auf die unterschiedlichen Zielgruppen von Kindern und Jugendlichen zu sprechen kommen. Der ganze Asylbereich ist ja hochkomplex und trotzdem hast du dir zugetraut für Fatima, die unbegleitet hierhergekommen ist, die Vormundschaft zu übernehmen. Wie geht es dir mit diesen Themen? Elisa Winter: Das ist natürlich sehr herausfordernd. Ich habe großen Respekt vor der Aufgabe und versuche, mein Bestes zu geben. Ich habe aber auch erst mit der Arbeit an diesem Thema registriert, wie gut das Netz ist, das man sich auch hier aufbauen kann. Und wie viel Unterstützung es gibt. Denn auch in diesem Bereich engagieren sich viele Menschen ehrenamtlich und steuern ihr Wissen bei. Aber ich bin tatsächlich auch sehr froh, so viel Neues zu lernen. Carolin Hörscher: (lacht) Wir haben auch wirklich besondere Ehrenamtliche. In schwierigen oder unklaren Situationen in Bezug auf Asyl und Aufenthalt stehen wir beratend zur Seite und unterstützen die Entscheidungsfindung. Auch wir verweisen an Vereine oder Experten, z. B. Flüchtlingsrat Baden-Württemberg oder Asylarbeitskreis Heidelberg. Sollte es jedoch notwendig werden, kann seit der Gesetzesreform nach Zustimmung des Vormundes ein zusätzlicher Pfleger eingesetzt werden. Für unbegleitete Minderjährige haben wir so die Möglichkeit, eine zusätzliche Pfleger: in vom Amt zur Seite zu stellen, um bspw. den Bereich Asyl abzudecken. Das ist aber auch für andere Bereiche, wie Vermögenssorge, denkbar. Ehrenamtliche stehen nie alleine da. Jana Schrempp: Ich höre oft, wie unerfüllbar die gesetzliche Vorgabe des monatlichen Kontaktes im gewöhnlichen Umfeld des Mündels für die Vormund: innen ist. Wie erlebst du das für die Ehrenamtlichen? Schaffen sie das, diese Vorgabe umzusetzen? Carolin Hörscher: Ja, die sind mehr als im Soll, würde ich sagen. Die Ehrenamtlichen haben viel Kontakt mit den Mündeln, natürlich in der Einrichtung, aber auch andernorts, für einen 173 uj 4 | 2026 Zusammenarbeit in der ehrenamtlichen Vormundschaft Termin bei der Bank oder wenn man das Mündel im Krankenhaus besucht… Also, ich würde schätzen, unsere Ehrenamtlichen sind mehr als einmal im Monat im Kontakt. Elisa Winter: (lacht) Ja oder eben täglich. Manchmal ist es natürlich auch nicht jede Woche nötig. Ich glaube, das Bedeutsame an diesem ehrenamtlichen Format ist, dass man sich ganz bewusst dafür entscheidet. Man nimmt sich Zeit und investiert vieles, um eine Bindung aufzubauen. Ich bin eine überzeugte Verfechterin der Bindungstheorie, die besagt, dass es nicht unbedingt die Mutter oder der Vater sein muss, die ein Kind stark machen. Aber, jedes Kind braucht einen Menschen, der voll und ganz hinter einem steht. Und dann schafft es den Weg in ein gutes Leben. Jana Schrempp: Das ist jetzt aber ein schönes Schlusswort. Vielen Dank für die Offenheit, Elisa Winter, und die Zeit. Carolin Hörscher, was ist Ihnen noch wichtig am Ende zu benennen? Carolin Hörscher: Also mir ist wichtig zu betonen, dass die Jugendämter sich wirklich auf den Weg gemacht haben, das Kind von Anfang an zu beteiligen und nicht erst, wenn die Vormundschaft steht. Für uns ist das eine übergreifende Jugendamtsaufgabe, die steht und fällt mit einer positiven Kooperation aller beteiligten Akteure. Gute Kommunikation, klare Absprachen, feste Zuständigkeiten und ein gemeinsamer Blick auf das Kind sind entscheidend. Natürlich gibt es auch viele Jugendämter, die so klein sind, dass sie all die Aufgaben mit einer halben Stelle umsetzen müssen. Die brauchen dann Konstrukte, in denen sie sich zusammentun, damit es funktionieren kann. Weil auch die Kinder, die dort leben, haben das Recht, dass man ihnen eine ehrenamtliche Vormundschaft anbietet. Ich weiß von vielen Jugendämtern, die ihre internen Strukturen und Denkmuster angepasst haben. Wenn es beispielsweise einen Sorgerechtsentzug gibt, dann ist von Anfang an die Koordinationsstelle oder wie sie vor Ort genannt wird, mit dabei, weil das Kind einfach ein Recht darauf hat. Und wenn das passiert, dann hat dieses Gesetz schon etwas genützt, und von einer gelingenden ehrenamtlichen Vormundschaft profitieren nicht nur die Jugendlichen - auch die Teams in den Einrichtungen erleben Entlastung und eine wertvolle zusätzliche Perspektive von außen. IV. Fazit Der vorliegende Beitrag arbeitet die Potenziale der ehrenamtlichen Vormundschaft systematisch heraus. Gleichzeitig wird deutlich, dass die Förderung ehrenamtlicher Vormundschaften mit hohen Anforderungen verbunden ist und die Auswahl der für den jeweiligen jungen Menschen geeigneten Vormundsperson einen komplexen und vielschichtigen Prozess darstellt. Am Beispiel der Koordinationsstelle des Rhein- Neckar-Kreises konnte aufgezeigt werden, dass die Stärkung der ehrenamtlichen Vormundschaft eine Qualitätsentwicklung in der Vormundschaft insgesamt befördert. Insbesondere die „Außenperspektive“ der Ehrenamtlichen wird sowohl für die Kinder und Jugendlichen als auch für die Fachkräfte als wertvoll und bedeutsam erachtet. Weiterführende Informationen Bundesforum Vormundschaft und Pflegschaft https: / / vormundschaft.net/ Projekt ZukeV - Zukunft des Ehrenamts in Vormundschaft und Kinder- und Jugendhilfe https: / / vormundschaft.net/ zukev/ Landratsamt Rhein-Neckar-Kreis - Jugendamt, Koordinationsstelle Vormundschaft https: / / www.rhein-neckar-kreis.de/ start/ landrats amt/ koordinationsstelle+vormundschaft.html Jana Schrempp E-Mail: jana.schrempp@vormundschaft.net Carolin Hörscher E-Mail: C.Hoerscher@Rhein-Neckar-Kreis.de 174 uj 4 | 2026 Zusammenarbeit in der ehrenamtlichen Vormundschaft Literatur Bundesforum Vormundschaft und Pflegschaft (2025): Materialien zur Vormundschaftsrechtsreform. In: https: / / vormundschaft.net/ vormundschaftsreform/ , 22. 12. 2025 Bundesforum Vormundschaft und Pflegschaft (2025 a): Informationen zu den vier Vormundschaftsformen. In: https: / / vormundschaft.net/ vier-formen-der-vor mundschaft/ , 22. 12. 2025 Bundestag Drucksache 19/ 24445 (2020): Gesetzentwurf der Bundesregierung - Entwurf eines Gesetzes zur Reform des Vormundschafts- und Betreuungsrechts. In: https: / / dserver.bundestag.de/ btd/ 19/ 244/ 1924445.pdf, 22. 12. 2025 Fasse, A., Fritsche, M. (2020): „Ansatzpunkte sind vorhanden, sie werden nur nicht genutzt“ - Ein Fachgespräch zu der Frage wie Vielfalt in der Vormundschaft erreicht werden kann. In: BundesforumVormundschaft, S. Wedermann, H. Katzenstein, J. Kauermann-Walter, K. Lohse (Hrsg.): „Vormundschaft. Sozialpädagogischer Auftrag, Rechtliche Rahmung, Ausgestaltung in der Praxis“, Frankfurt/ Main, IGfH-Eigenverlag, 212 - 222 Fritsche, M. (2022): Jugendamt und ehrenamtliche Vormundschaft - Förderung und Kooperation. Eine Orientierungshilfe für die Praxis. In: https: / / vormund schaft.net/ assets/ uploads/ 2022/ 12/ Orientierungs hilfe_Foerderung-ehrenamtlicher-Vormundschaft_ Bundesforum.pdf, 22. 12. 2025 Fröschle, T. (2022): Das neue Vormundschafts- und Betreuungsrecht. München, C. H. BECK Maas, M. (Hrsg.) (2023): Ehrenamtliche Vormundschaften, Potenziale, Grenzen, Gestaltungsmöglichkeiten. Weinheim, Beltz a www.reinhardtverlag.de In Kliniken, in der medizinischen und sozialen Rehabilitation sowie in der Behinderten und Al tenhilfe und vielen weiteren Handlungsfeldern spielt die gesundheitsbezogene Soziale Arbeit eine große Rolle. Das umfassende Handbuch vermittelt das relevante Wissen sowohl für die Soziale Arbeit im Gesundheitswesen wie auch für den Gesundheitsbezug im Sozialwesen. Das Werk bietet einen fundierten Überblick über theoretische und methodische Aspekte, rechtliche, gesundheits und sozialpolitische Perspektiven und nicht zuletzt die vielen ver schiedenen Praxisfelder gesundheitsbezogener Sozialer Arbeit. Für Studium und Praxis 2., aktualisierte Auflage 2021. 276 Seiten. 13 Abb. 14 Tab. (978-3-497-03083-5) kt
