unsere jugend
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Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Dieter Kreft - ein moderner Klassiker der Sozialarbeit wird 90 Jahre
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Roland Merten
Es gibt Namen in der Sozialen Arbeit, die kennt man einfach. Sie begegnen einem in den ersten Tagen des Studiums, man liest in ihren Büchern und ihre Beiträge in Fachzeitschriften, und erst viel später entdeckt man, dass sich dahinter reale Personen verbergen. Dieter Kreft ist ein solcher Name, ich habe ihn zu Beginn meines Studiums in der Literatur wahrgenommen, er hat mich in dieser Form durch das Studium und in meiner anschließenden beruflichen Arbeit begleitet. Erst viele Jahre später bin ich ihm persönlich begegnet – 1996 im Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik (ISS) in Frankfurt am Main, dessen Leiter er seinerzeit war. Es war auf einer Tagung zum damals hitzig diskutierten Thema „Sozialarbeitswissenschaft“, die er trotz aller Aufgeregtheit souverän und mit Humor geleitet hat.
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198 unsere jugend, 78. Jg., S. 198 - 203 (2026) DOI 10.2378/ uj2026.art27d © Ernst Reinhardt Verlag Dieter Kreft - ein moderner Klassiker der Sozialarbeit wird 90 Jahre von Roland Merten Es gibt Namen in der Sozialen Arbeit, die kennt man einfach. Sie begegnen einem in den ersten Tagen des Studiums, man liest in ihren Büchern und ihre Beiträge in Fachzeitschriften, und erst viel später entdeckt man, dass sich dahinter reale Personen verbergen. Dieter Kreft ist ein solcher Name; ich habe ihn zu Beginn meines Studiums in der Literatur wahrgenommen, er hat mich in dieser Form durch das Studium und in meiner anschließenden beruflichen Arbeit begleitet. Erst viele Jahre später bin ich ihm persönlich begegnet - 1996 im Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik (ISS) in Frankfurt am Main, dessen Leiter er seinerzeit war. Es war auf einer Tagung zum damals hitzig diskutierten Thema „Sozialarbeitswissenschaft“, die er trotz aller Aufgeregtheit souverän und mit Humor geleitet hat. Wer aber ist Dieter Kreft? Zunächst gehört er ganz unzweifelhaft zu denjenigen Personen, die in den zurückliegenden Jahrzehnten einen prägenden Einfluss auf die Entwicklung der Sozialen Arbeit in Deutschland genommen haben. Aber anders als viele andere Kolleg: innen, die in diesem Zusammenhang auch zu nennen wären, allen voran C. Wolfgang Müller, Hans Thiersch und Hans-Uwe Otto, hat er das Feld nicht aus der distanzierten Perspektive der Theorie, sondern aus dem engagierten Handeln der Profession aufgerollt. Dieser Zugriff ist keineswegs selbstverständlich, aber vor dem Hintergrund seiner beruflichen Biografie ist er nicht nur konsequent, sondern auch außerordentlich erfolgreich. Sein Lebensweg beginnt 1936 in Groß Mandelkow (wobei die Ortsbezeichnung bei einer Einwohnerzahl von 594 Seelen [Stand 1933] putzig anmutet) und wird schnell von den Widernissen des Zweiten Weltkriegs überrollt. Er teilt das Generationenschicksal von Flucht und Vertreibung aus dem heute in Polen liegenden Ort; von einer ruhigen oder gar behüteten Kindheit kann nun wirklich nicht die Rede sein. Später wird die Schule in den Wirrnissen des Nachkriegsdeutschland besucht, um sich auf die weiteren Herausforderungen vorzubereiten. 1952 startet die Berufsbiografie des nunmehr 16-Jährigen mit einer intensiven Qualifikationsphase, d. h. einer Verwaltungslehre in Berlin-Schöneberg (1952 - 1955), der Laufbahnbefähigung für den gehobenen nichttechnischen Verwaltungsdienst (Dipl.- Verwaltungswirt (FH) - 1955 - 1958), und wird dann in den Folgejahren (1958 - 1962) mit einem verwaltungswissenschaftlichen Studium als Diplom-Kameralist abgeschlossen. Dieter Kreft ist aber kein „Aktenschieber“, er ist ein Mann, der etwas bewegen will. Deshalb engagiert er sich sehr früh politisch - als Sozialdemokrat. 1963 wird in Berlin Carl-Heinz Evers (1922 - 2010) Senator für Schulwesen und der 27-jährige Dieter Kreft tritt in seinen Dienst. Allerdings wechselt er schon im Folgejahr als Büroleiter zu Harry Ristock (1928 - 1992), der von 1965 - 1971 Bezirksstadtrat für Volksbildung von Berlin- Charlottenburg ist und sich ebenso stark wie erfolgreich für die Etablierung der Gesamtschule 199 uj 5 | 2026 Dieter Kreft wird 90 einsetzt. Dieter Kreft lernt bei dem die Parteilinke repräsentierenden, widerborstigen Politiker (und späteren Senator für Bau- und Wohnungswesen) die Herausforderungen einer sozial verantwortlichen Bildungspolitik aus nächster Nähe und unmittelbar vor Ort praktisch kennen. Die starken Bande zu Carl-Heinz Evers sind auch nach dem Wechsel zu Harry Ristock nicht abgerissen, sie finden in einer wichtigen bildungspolitischen Publikation ihren inhaltlichen Ausdruck (C.-H. Evers/ H. N. Burkert/ H.-G. Rolff/ D. Kreft [1971]: Versäumen unsere Schulen die Zukunft? Düsseldorf ). Offensichtlich hat sich Dieter Kreft in dieser Zeit in der Berliner SPD als aufstrebender und kompetenter Jungpolitiker bekannt gemacht, denn während Ristock 1971 zum Senatsdirektor beim Senator für Schulwesen ernannt wird, wird er 35-jährig in die gleiche Position berufen, die ihm gänzlich neue Gestaltungsmöglichkeiten eröffnet: auch er wird Senatsdirektor (Staatssekretär), allerdings bei der neuen Senatorin für Familie, Frauen und Jugend, Ilse Reichel-Koß (1925 - 1993). Gerade wegen der Parallelberufung zu Ristock ist er überrascht von seiner Ernennung, findet sich aber erwartbar schnell in die neue Aufgabe. Es wird eine vertrauensvolle und zugleich außerordentlich produktive Zusammenarbeit, die über zehn Jahre bis 1981 anhalten wird. In diese Zeit fällt die mit Vehemenz geführte Diskussion um ein neues Jugendhilfegesetz (JHG), das der Bundestag am 23. Mai 1980 beschlossen hatte, das aber am Widerstand der CDU-regierten Bundesländer im Bundesrat gescheitert ist (BT-Drs. 8/ 4388; Bundesrat Plenarprotokoll 490. Sitzung, 4. Juli 1980), weil es aus deren Sicht die Erziehungsaufgabe des Staates zu sehr stärke, dem familiären Erziehungsprimat (Art. 6 I GG) nicht angemessen Rechnung trage und nicht zuletzt leide die vom Bundestag beschlossene Fassung „immer noch an übergroßem Perfektionismus“ (ebd., S. 2). Das dann später von Rita Süßmuth vorgelegte und parlamentarisch erfolgreiche KJHG (BT-Drs. 11/ 5948) wird die konservative Ausrichtung festschreiben und von Dieter Kreft (1991, S. 214) deshalb mit der klaren Bemerkung der „völlig unverständlichen Zustimmung auch der SPD- Bundestagsfraktion zu diesem Gesetz“ scharf kritisiert. Ilse Reichel-Koß, von Hause aus Sozialarbeiterin, brennt für die Kinder- und Jugendhilfe. Sie und ihr junger Senatsdirektor (Staatssekretär) sind ein Dream-Team für die ( Weiter-) Entwicklung dieses wichtigen Feldes. Sie stoßen Debatten an und geben Impulse, die bis heute nachwirken und nichts an Aktualität verloren haben: Planung für die Entwicklung von Kindertagesstätten, Zusammenarbeit von freien und öffentlichen Trägern und immer wieder die Debatte um ein neues Jugendhilferecht. Auch wenn sein Herz wie das „seiner! “ Senatorin für die Jugendhilfe schlägt, so zeitigt die Zusammenarbeit dieser beiden kongenialen Geister weitaus größere Früchte: die Gründung des ersten Frauenhauses der Bundesrepublik, die starke Unterstützung der Bürgerinitiativbewegung, um nur zwei markante Punkte hervorzuheben. Das alles erfolgt theoretisch fundiert und politisch versiert. In seiner Anfangszeit als Senatsdirektor fallen Dieter Kreft, der sich inhaltlich auf die neuen Aufgaben vorbereiten will, Defizite auf: „… es gab keine Rechtssammlung, keinen aktuellen Handkommentar zum damaligen Jugendwohlfahrtsgesetz, keine Einführung in die Jugendhilfe und kein aktuelles Wörterbuch“ (Kreft 2017, S. 95). Gleichsam „nebenbei“ (tatsächlich ist es harte Arbeit im ohnehin knappen Urlaub und ohne technische Hilfsmittel wie Computer etc.) wird eine dieser Aufgaben gemeinsam mit Ingrid Mielenz in Angriff genommen: das „Wörterbuch Soziale Arbeit“ wird konzipiert und realisiert. In erster Auflage erscheint es 1980 und ist inzwischen ein „Grundlagenwerk für Generationen von Studierenden und Praktiker: innen“ geworden, wie Michel Boße zutreffend im Vorspann zum Interview mit Ingrid Mielenz und Dieter Kreft formuliert (Mielenz/ Kreft 2017). 200 uj 5 | 2026 Dieter Kreft wird 90 Von damals 536 Seiten hat es sich bis zur 8. Auflage im Jahr 2017, die von beiden noch allein verantwortet wurde, mit 1.192 Seiten mehr als verdoppelt. Die andere Seite, die sich hinter dieser Mitteilung verbirgt, muss auch erwähnt werden: Dieter Kreft ist mit Erscheinen der 8. Auflage immerhin 81 Jahre alt: Ruhestand sieht anders aus. Danach haben er und Ingrid Mielenz die Herausgeberschaft in jüngere Hände abgegeben (9. Auflage 2021) - man muss sich von einem großen Projekt auch in Größe verabschieden können. In der Rückschau resümiert er: „Die Vorworte zu den einzelnen Auflagen werden inzwischen als ein kurzer Abriss der Geschichte der Sozialen Arbeit seit den 1970er Jahren gelesen und beachtet.“ (Kreft 2017, S. 96). Ebenso wird in seiner Zeit als Senatsdirektor von ihm und Friedrich Nagel die Loseblattsammlung „Jugendhilfe in Berlin“ begründet und herausgegeben. Angesichts des Fulltimejobs in der politischen Spitze eines Ministeriums fragt man sich vor diesem Hintergrund und angesichts seiner sonstigen, vielfältigen Aktivitäten, wie der Arbeitstag Dieter Krefts in dieser Zeit ausgesehen hat, wann er wohl geschlafen hat. In einem sehr sensiblen Beitrag für Unsere Jugend hat er im Dezember 2003 anlässlich des 10. Todestages von Ilse Reichel-Koß Rückschau auf die damalige Zeit gehalten und die Mitstreiterinnen des politischen Duos Ilse Reichel-Koß/ Dieter Kreft benannt: Heinz (Micky) Beinert, Detlef Dzembritzki, Ilse Haase-Schur, Wolfgang Heckmann, Horst-Achim Kern, Ingrid Mielenz, Norbert Meißner, Manfred Schneider, Ingrid Stahmer, Armin Tschoepe, Wolf Tuchel, Peter Widemann, Bernd Zenke. Viele dieser Namen sind heute noch bekannt und eng mit der Entwicklung der Kinder- und Jugendhilfe in Berlin und Deutschland verbunden. Nach dem Regierungswechsel 1981 in Berlin startet Dieter Kreft die dritte Phase seiner Berufsaktivitäten. Von 1981 bis 1987 ist er Vorstandsvorsitzender der neugegründeten Stiftung Sozialpädagogisches Institut „Walter May“, Berlin. Aus dieser Zeit resultieren Arbeiten zur Stadterneuerung, zur Sozialpädagogischen Familienhilfe, zum Verhältnis von Recht und Sozialer Arbeit, zur Jugendarbeitslosigkeit etc. Auch hier gilt wieder, dass sich fachliche Kompetenz und Bezug zur Lösung aktueller Probleme in bester Weise ergänzen. Aber zugleich besticht die Offenheit für Neues, für anderes. Während andere sich nach dem Ende ihrer politischen Karriere auf die viel zitierten „Elefantenfriedhöfe“ abschieben lassen, nimmt sich Dieter Kreft von 1983 - 1988 - im dafür „typischen Alter“ von 47 Jahren - die Freiheit, noch einmal zu studieren: Diplom-Pädagogik. Während Studierende dieser Studienrichtung heute über die große Belastung des Studiums klagen, unternimmt Dieter Kreft 1987 einen Umzug nach Nürnberg (seine Frau wird dort berufsmäßige Stadträtin/ Sozialdezernentin), schließt das Studium ab, gründet und leitet in Nürnberg das Institut für Soziale und Kulturelle Arbeit - ISKA. Dort entsteht gemeinsam die mit Helmut Lukas durchgeführte große Untersuchung „Perspektivenwandel der Jugendhilfe“ (1990; 2. Aufl. 1993), in der eine Gesamterhebung aller deutschen Jugendämter erfolgte. Die zweibändige Publikation (382 + 392 S.) kann heute noch gewinnbringend zur Hand genommen werden, in ihr versammeln sich alle die damalige Jugendhilfedebatte bestimmenden Autor: innen. Sie ist zugleich eine Erinnerung und ein Auftrag daran, den aktuellen Stand der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland - jenseits der letztlich pflichtschuldig zu erstellenden und wirkungslos verpuffenden Kinder- und Jugendberichte - systematisch zu erfassen. Dieter Kreft ist ein unruhiger Geist, sein Interesse an neuen Herausforderungen ist ebenso stetig wie beeindruckend. Anstatt sich in Nürnberg gemütlich einzurichten, übernimmt er 1990 die Leitung des Frankfurter Instituts für Sozialarbeit und Sozialpädagogik - ISS -, die er dann bis 1997 innehat (vgl. Hottelet/ Kreft 1994, S. 27 - 33). 201 uj 5 | 2026 Dieter Kreft wird 90 Es ist dies die Zeit nach der deutsch-deutschen Vereinigung, in der sich rechtsextremistische Wellen - begleitet von Gewaltexzessen - Bahn brechen und von politisch höchst problematischen Diskussionen zum Asylrecht begleitet werden. Sie münden dann in eine Änderung des Art. 16 GG (Asylrecht) sowie mit der Verabschiedung des gegenüber der Sozialhilfe vom Leistungsanspruch deutlich reduzierten Asylbewerberleistungsgesetzes; ein fataler Erfolg. Dieter Kreft, politisch erfahren und in der Jugendhilfe versiert, begnügt sich nicht mit wohlfeilen Fensterreden und Gesinnungsrhetorik, er ergreift die Gelegenheit, mittels des bundesweit durchgeführten Aktionsprogramms gegen Aggression und Gewalt - AgAG - tiefergehende Erkenntnisse zu den Ursachen der rechtsextremen Gewalt zu gewinnen sowie programmatische Vorschläge zum Umgang mit diesem neuen Phänomen der (Jugend-) Gewalt vorzulegen. Dass das AgAG-Programm dabei einen positiven Einfluss auf die Entwicklung der Jugendhilfeinfrastruktur in den neuen Bundesländern gewinnen wird, ist einer seiner positiven, indes bis heute kaum gewürdigten Nebeneffekte. In den 1990er-Jahren erfahren die Themen Neues Steuerungsmodell und Verwaltungsmodernisierung in der Sozialen Arbeit einen enormen Aufschwung. Obwohl die Ausgangsbedingungen für diesen Diskurs alles andere als positiv sind, vielmehr ist der Anstoß zu dieser Debatte den klammen öffentlichen Kassen geschuldet, kann und darf sich Soziale Arbeit nicht damit begnügen, die neuen Zumutungen bruchlos zu übernehmen. Vielmehr kommt es darauf an, in schwierigen Zeiten die eigene Fachlichkeit geltend zu machen. Dieter Kreft, der immer die Fahne der Fachlichkeit und Professionalität hochhält, ist auch in der Diskussion deutlich zu vernehmen, seine kritischen Beiträge verhallen nicht ungehört! Neben seinen hauptberuflichen Aktivitäten gibt es auch noch in vielfältiger Gestalt Nebenberufliches, wie die folgende kurze Auswahl zeigt: Zwanzig Jahre, von 1977 bis 1997, gehört Dieter Kreft dem Hauptausschuss des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge an. 1993 wird er Honorarprofessor an der damaligen Fachhochschule Nordostniedersachsen, heute ist er Honorarprofessor an der Leuphana Universität Lüneburg. Und nicht zuletzt in den Jahren von 2001 bis 2015 ist er Mitherausgeber, von 2016 bis 2019 aktiver Vertreter im Beirat von Unsere Jugend! Sein Wort hat Gewicht, sein Rat wird gesucht und geschätzt. Das schließt streitbare Diskussionen nicht nur nicht aus, sie sind Ausdruck des Ringens um das beste Argument, um den überzeugendsten Weg. Die außerordentlich lange Liste seiner sehr erfolgreich erschienenen und erscheinenden Publikationen zwingt zu einer knappen Auswahl: Kreft/ Mielenz (Hrsg.): Wörterbuch Soziale Arbeit ( 9 2021); Weidner/ Kilb/ Kreft: Gewalt im Griff 1: Neue Formen des Anti-Aggressivitäts-Trainings ( 5 2009); Kreft u. a. (Hrsg.): Fortschritt durch Recht (2010); Mit-Herausgeber der fünfbändigen Buchreihe zu den Ergebnissen des Aktionsprogramms gegen Aggression und Gewalt. Er ist ferner Mit-Herausgeber und Autor des Frankfurter Kommentars zum SGB VIII: Kinder- und Jugendhilfe ( 7 2013). 2010 erscheint erstmals seine mit C. Wolfgang Müller (1928 - 2021) verfasste Methodenlehre in der Sozialen Arbeit (München: Ernst-Reinhardt-Verlag); C. W., wie er von allen freundlich genannt wird, der Kollege und langjährige Freund (vgl. Kreft 2001), ist zu diesem Zeitpunkt 82 Jahre alt, Dieter Kreft „erst“ 74. Und entgegen allen Unkenrufen: es ist kein Buch älterer Herren, sondern binnen kürzester Zeit eine der wesentlichen Veröffentlichungen zur Methodenfrage in der Sozialen Arbeit, das 2023 (nunmehr zusammen mit Christian Spatschek) in der vierten Auflage vorliegt. 202 uj 5 | 2026 Dieter Kreft wird 90 Wie diese fast sträflich kurze Auswahl seiner Publikationen (ein ausführliches Verzeichnis der Schriften findet sich in (Münder, J./ Jordan, E. (Hrsg.), 1996: Mut zur Veränderung. Festschrift zum 60. Geburtstag von Dieter Kreft. Münster, S. 326 - 335) zeigt, ist Dieter Kreft kein Einzelkämpfer, sondern ein Mann der Kooperation und des Austauschs. Dass Produktivität und Solidität dabei in einer beeindruckenden Qualität zusammenfinden, das zeigen die hohen Auflagen, in denen seine Veröffentlichungen erscheinen - ein für die Soziale Arbeit sonst eher ungewöhnliches Phänomen. Wer so lange wie Dieter Kreft (publizistisch) im Geschäft der Sozialen Arbeit tätig ist, der lässt sich nicht mehr so leicht beeindrucken. So hat er schon vor vielen Jahren in einem äußerst anregenden Beitrag „Moden, Trends und Handlungsorientierungen in der Sozialen Arbeit seit 1945“ rekonstruiert und damit zugleich eine kritische Gesamtschau über die (Fehl-)Entwicklungen im Bereich der Sozialen Arbeit für diesen Zeitraum vorgelegt (Archiv für Wissenschaft und Praxis der Sozialen Arbeit, H. 4/ 2004). Das Ergebnis fällt damals schon nicht nur positiv aus. Nicht alles, was seither im und zum Feld der Sozialen Arbeit geschrieben und veröffentlich wurde, ist es wert, (noch einmal) zur Hand genommen zu werden, über manches ist die Zeit in gnädigem Vergessen hinweggegangen. Aber es hat zugleich viele positive Entwicklungen gegeben, z. B. die Weiterentwicklung des SGB VIII, die es zu verteidigen gilt - gegen erkennbare ökonomistische Zumutungen und beabsichtigte Leistungsbeschränkungen. „Die ‚kopernikanische Wende der Sozialen Arbeit‘ hat spätestens 1993 begonnen, ist unumkehrbar und auch richtig: In Zukunft muss jeder Anbieter genau benennen, welche Leistungen für welche Zielgruppe(n) er vorhält (und für wen eben nicht), was seine Leistungen kosten und wie er kontrollieren will, ob die mit der Leistung erwarteten Wirkungen (Ergebnisse) eingetreten sind (QE / QS). Auch der damit verbundene Wechsel von der traditionellen bürokratisch-kameralistischen zur betriebswirtschaftlichen Steuerung (im Rahmen eines Sozial-Managements mit neuen Instrumenten) ist voll zu unterstützen. Aber selbstverständlich nur, wenn das nicht zu einem (Tunnel-)Blick auf Kosten / Kostensenkung / Kostenvermeidung verkommt, sondern (immer noch) Wirtschaftlichkeit und Fachlichkeit' bedeutet.“ Dieser fachlich ebenso nüchternen wie abgeklärten Position Dieter Krefts bleibt nichts hinzuzufügen. Johannes Münder hat Dieter Kreft einmal ebenso knapp wie zutreffend charakterisiert: „Solidität in der Analyse des Bestehenden, Hartnäckigkeit in der Verfolgung von Zielen, Parteilichkeit in der Arbeit“. In der Tat, so ist er! Mit Dieter Kreft kann man streiten - in der Sache. Das ist ihm, dem Sportfreund, mehr als sportlicher Ehrgeiz, wenn es um die richtige Sache geht. Er ist offen für Argumente, ohne dabei den eigenen Standpunkt aus den Augen zu verlieren; er lässt keinen Zweifel, auf welcher Seite er in Sachen Sozialarbeit steht, nämlich auf der Seite derjenigen, denen es nicht beschieden ist, auf der Sonnenseite dieser Gesellschaft aufzuwachsen und zu leben. Bereits mit Blick auf die damaligen sozialrechtlichen Änderungen, die unter dem Label „Agenda 2010“ zu erheblichen Veränderungen (d. h. Kürzungen) im sozialen Sicherungssystem geführt haben, hat er nüchtern prognostiziert: „Und die Folgen der Agenda 2010 werden wohl einen (faktischen) Trend verstärken, der auch die Kinder- und Jugendhilfe tendenziell eher ‚zum Ausfallbürgen‘ macht denn ihre ,soziale Anspruchsseite‘ stärkt.“ Die weitere Entwicklung hat ihm Recht gegeben. Der Sozialstaat ist auch aktuell wieder unter Druck: Anstatt seine Aufgabe der Daseinsvorsorge zu stärken, wird das öffentliche Klima mit einer nachgerade obszönen Debatte über faule Arbeitslose sowie in die soziale Hängematte einwandernde „Asylanten“ vergiftet, es werden mit neuen und verschärften Sanktionsandrohungen Einsparphantasien angestachelt, die eben- 203 uj 5 | 2026 Dieter Kreft wird 90 so abwegig wie falsch sind (BT-Drs. 21/ 3541, 21/ 4087 und 21/ 4522) und die von einem wesentlichen Problem ablenken, dass nämlich ein Großteil sozialrechtlicher Ansprüche deshalb nicht realisiert wird, weil die betroffenen Bürgerinnen und Bürger überhaupt nichts von den ihnen zustehenden Leistungen wissen. Dieter Kreft betrachtet all das heute aus engagierter Distanz: nicht gelassen, sondern mit scharfem Blick und klaren Worten. Er meldet sich zu Wort: aktiv und tagesaktuell (Kreft 2026). Er bleibt als Person und mit seinem Werk: Kritiker, Mahnender und Herausforderung. Und zu seinem 90. Geburtstag die besten Glückwünsche, verbunden mit dem Wunsch: ad multos annos! Prof. Dr. Roland Merten Friedrich-Schiller-Universität Jena Institut für Erziehungswissenschaft Am Planetarium 4 07737 Jena E-Mail: roland.merten@uni-jena.de Literatur Hottelet, H., Kreft, D. (1994): Den Innovationen der Praxis verpflichtet. Zwanzig Jahre Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik. In: Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit, 45. Jg., H. 1, 27 - 33 Kreft, D. (1977): Überlegungen zur Zusammenarbeit der öffentlichen und freien Träger der Jugendhilfe. In: Überlegungen zur Zusammenarbeit der öffentlichen und freien Träger der Jugendhilfe/ Dt. Verein für Öffentliche und Private Fürsorge. Frankfurt a. M., 17 - 27 Kreft, D. (1991): Auswirkungen des Jugendamtes neuer Prägung auf die Gegenwart. In: Reichel-Koß, I./ Beul, U. (Hrsg.): Ella Kay und das Jugendamt neuer Prägung. Weinheim, 213 - 233 Kreft, D., Weigel, G. (2021): Zur Erinnerung an Wolfgang Bäuerle (8. Juni 1925 - 19. Februar 1982). In: NDV, 407 - 410 Kreft, D. (2021): Nachruf für einen Kollegen und Freund: Zum Tode von C. Wolfgang Müller. In: Unsere Jugend, 73. Jg., H. 6, 285 - 288 Kreft, D. (2026): Rezension Lehrbuch Kinder- und Jugendarbeit. In: NDV, 105. Jg., H. 1, 47 - 48 Mielenz, I., Kreft, D. (2017): 40 Jahre „Wörterbuch Soziale Arbeit“: Von der Idee zum Grundlagenwerk. Ein Interview mit den Herausgeber/ innen. In: Sozialmagazin, 42. Jg., H. 9 - 10, 95 - 98 a www.reinhardt-verlag.de Bewährtes Methodenlehrbuch neu bearbeitet Namhafte Autor: innen erläutern in diesem Buch gut strukturiert die drei klassischen Methoden sowie die zentralen Verfahren und Techniken der Sozialen Arbeit als Grundlagen für das methodische Handeln nach den Regeln der Kunst. 4., neu bearbeitete und erweiterte Auflage 2023. 235 Seiten. 7 Abb. 1 Tab. utb-S (978-3-8252-6083-5) kt
