unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2026.art28d
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"Nach Corona ist Vieles einfach geblieben"
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Sven Riegler
Jens Dreger
Carolin Keim
Jens Dreger (Gemeinnützige Jugendhilfe Sirius GmbH) und Sven Riegler (AHA-Jugendhilfe e.V.), beide im Vorstand des Bundesverbandes Individual- und Erlebnispädagogik e.V., werfen einen subjektiven Blick auf die Coronazeit und deren Folgen für die Hilfen zur Erziehung, die bis heute spürbar sind.
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204 unsere jugend, 78. Jg., S. 204 - 209 (2026) DOI 10.2378/ uj2026.art28d © Ernst Reinhardt Verlag „Nach Corona ist Vieles einfach geblieben“ Herausforderungen und Veränderungen durch Corona in den Hilfen zur Erziehung Jens Dreger (Gemeinnützige Jugendhilfe Sirius GmbH) 1 und Sven Riegler (AHA-Jugendhilfe e.V.) 2 , beide imVorstand des Bundesverbandes Individual- und Erlebnispädagogik e.V., werfen einen subjektiven Blick auf die Coronazeit und deren Folgen für die Hilfen zur Erziehung, die bis heute spürbar sind. von Sven Riegler Jg. 1975; seit 2011 im Vorstand des Bundesverbandes Individual- und Erlebnispädagogik e.V. (be), von 2018 bis 2021 Leitung des Fachbereichs „Hilfen zur Erziehung“ im be, Gründer und Vorstandsmitglied der Jugendhilfeeinrichtung AHA-Jugendhilfe e. V., vorher u. a. bei W-IP e.V. tätig (Koordination Individualpädagogische Hilfen), Erzieher und Outdoortrainer Die Rolle des Bundesverbandes während der Pandemie Plötzlich war Stillstand. Eine völlig neue und unbekannte Lage war eingetreten. Wie in fast allen Lebens- und Arbeitsbereichen hat die Coronapandemie auch in den Hilfen zur Erziehung Vieles verändert. Es gab unzählige Fragen: Wie gestalten Jugendämter, Eltern und Träger Hilfeplan- oder Aufnahmegespräche? Wie können Mitarbeiter: innen neben den täglichen Anforderungen die Kinder und Jugendlichen durch die Arbeitspakete und Online-Unterrichtsstunden der geschlossenen Schulen begleiten? Was machen die Betreuten in ihrer Freizeit, oft ohne Gleichaltrige und Angebote? Welche finanziellen Unterstützungsmöglichkeiten gibt es - und wie um Himmels willen beantragt man diese? Jens Dreger Jg. 1978; seit 2018 im Vorstand des Bundesverbandes Individual- und Erlebnispädagogik e.V., seit 2021 dort Leitung des Fachbereichs „Hilfen zur Erziehung“, zertifizierter Erlebnispädagoge be®, Gründer und seit 2010 Geschäftsführer der Gemeinnützigen Jugendhilfe Sirius GmbH, Erzieher, Business Coach, systemischer Familientherapeut, Outdoortrainer und Sozialmanager (M. Sc.) Carolin Keim Jg. 1981; freie Kulturwissenschaftlerin und Verfasserin dieses Artikels auf Basis von verschiedenen Gesprächen mit Jens Dreger und Sven Riegler 205 uj 5 | 2026 Herausforderungen in den HzE nach Corona In vielen dieser Fragen stand der Bundesverband Individual- und Erlebnispädagogik e.V. (be) 3 seinen Mitgliedern unterstützend zur Seite. Über E-Mail-Newsletter informierte der Verband eng getaktet über die landes- und bundesweite Lage, sich ständig ändernde Verordnungen, Unterstützungsmöglichkeiten und Wege, Angebote auch unter Pandemiebedingungen durchzuführen. Fanden im be vorher Sitzungen, Tagungen und Austauschrunden in Präsenz statt, traf man sich nun - häufiger und mit deutlich höherer Beteiligung - virtuell, was unkomplizierter, weniger zeitintensiv und kostengünstiger war. Allerdings fielen die wertvollen Türund-Angel-Gespräche weg, in denen zahlreiche Ideen und Projekte entstanden waren. Aufgrund dieser Erfahrungen führt der be nun beide Formate durch: echte sowie virtuelle Vernetzungs- und Austauschtreffen. „Der Kontakt ist eben anders geworden“ (Sven Riegler) - Die Situationsbeschreibung Wie sah der Alltag für Kinder und Jugendliche, für Mitarbeitende und Träger in der Coronazeit aus? Durch die Vorgaben der Bundes- und Landesregierung(en) gab es phasenweise große Einschränkungen. „Echte“ Angebote wie Fußballtraining, Konfirmandenunterricht etc. fielen weg, Schulen wurden geschlossen, Spielplätze gesperrt, es gab Kontaktbeschränkungen. Die betreuten Kinder und Jugendlichen hatten aber natürlich dieselbe Energie und dieselben Bedürfnisse wie immer. Die Folge waren oft Langeweile, Spannungen und Auseinandersetzungen. In den Wohngruppen hatten Schule und Vereinsangebote viel entzerrt. Wo man sich also vorher aus dem Weg gehen konnte, gab es nun erzwungene Nähe und fehlende Privatsphäre - und entsprechend mehr Konflikte. Das Abstandhalten innerhalb der Gruppen war befremdlich, aber durch die vorkommenden Coronaverstöße notwendig. Freie Sitzplätze zwischen den Betreuten am Esstisch und fehlende Umarmungen gehörten zum Alltag, Distanz wurde zum traurigen Phänomen. Kontakthalten war oft nur noch digital möglich, die Mediennutzung stieg stark an. Bei der Online-Beschulung war ein „Herausziehen“ für die Betreuten einfach, gerade auf dem Land, wo die oft überlastete Internetverbindung durch das Abschalten von Ton und/ oder Bild besser aufrechterhalten werden konnte. Das alles hatte natürlich auch große Auswirkungen auf die Mitarbeitenden. Waren Schule und Betreuung vor Corona strikt getrennt, mussten die Betreuer: innen plötzlich auch die Beschulung stemmen und etwa von Zimmer zu Zimmer gehen, um zu kontrollieren, wie die Videokonferenzen liefen (oder ob die Jugendlichen parallel auf IServ chatteten, statt dem Unterricht zu folgen). Zusätzlich zu den gesetzlichen Vorgaben kamen oft noch Vorschriften vom Träger; bei Sirius etwa wurde noch lange Zeit vor dem Dienst täglich getestet, unabhängig vom Impfstatus, weil personelle Engpässe gedroht hätten, wenn ein Team komplett in Quarantäne gekommen wäre. Bei W-IP 4 wurde am Vormittag auf einen Doppeldienst umgestellt, denn für die Beschulung musste meist so viel ausgedruckt und vorbereitet werden, dass sich eigens eine Person darum kümmern musste. Nachmittags war es für die Mitarbeitenden oft herausfordernd, eine Struktur für die Kinder und Jugendlichen aufrechtzuerhalten. Da musste man kreativ werden und z. B. Online-Sport-Kanäle heranziehen, raus in die Natur gehen (wo es möglich war), die neu erstandenen Spiele nutzen und vieles mehr - man versuchte, selbst eine geregelte Taktung zu schaffen. Für die Träger stellte sich irgendwann die Frage, wie sie das Thema Impfen angemessen behandeln, die Wichtigkeit der Impfung überzeugend in den Teams vermitteln und zugleich konstruktiv mit der „Gegenüberstellung“ von Impfgegner: innen und -befürworter: innen in den Teams umgehen sollten. Da gab es 206 uj 5 | 2026 Herausforderungen in den HzE nach Corona plötzlich einen neuen Krisenherd, bei dem die Träger für Empfehlungen dankbar gewesen wären. Diese kamen aber nur für die Eingliederungshilfe - nie für die Jugendhilfe. Für die Koordinator: innen in den Trägern gab es sehr viel zu organisieren: Oft mussten beinahe täglich neue Verordnungen beachtet und umgesetzt werden. Das Homeoffice wurde eingeführt, es galt, Schutzmaßnahmen für Mitarbeitende durchzuführen und Betreuungsmaßnahmen unter Hygieneauflagen sicherzustellen. Elternarbeit musste aus der Distanz gemacht werden, außerdem mussten ausreichend große Räume z. B. für Hilfepläne gefunden werden, welche die vorgeschriebenen Abstände ermöglichten. Die Träger mussten mit Ängsten, Unsicherheiten und Fragen (Darf ich jemand tröstend in den Arm nehmen? ) bei den Betreuten, Mitarbeitenden und im eigenen Team umgehen - kurz: Es kam manches zum Aufgabenfeld hinzu. „Unser Partner nach außen fehlt immer noch“ (Jens Dreger) - Die Zusammenarbeit mit den Jugendämtern Bereits vor der Pandemie war die Zusammenarbeit von Trägern der Hilfen zur Erziehung und Jugendämtern durch viele Herausforderungen geprägt. Seit Ausbruch der Pandemie hat sich die Situation weiter verschärft. In der stationären Kinder- und Jugendhilfe hatten die Träger damit zu kämpfen, dass die Jugendämter ihren Betrieb stark einschränkten: Der vorher übliche Telefonkontakt wurde auf E-Mail-Kommunikation umgestellt, die Mitarbeitenden in den Jugendämtern wurden ins Homeoffice geschickt, oft haben Telefonumstellungen nicht geklappt. Der Fachkräftemangel machte und macht sich auch hier bemerkbar. Viele Stellen sind nicht besetzt und oft werden Träger nicht informiert, wenn zuständige Mitarbeitende aufhören - plötzlich fehlt eine zuständige, mit dem Fall vertraute Ansprechperson. In vielen Jugendämtern scheint das genaue Angebot der verschiedenen Träger gar nicht bekannt zu sein, Pauschalanfragen häufen sich. In Großstädten haben die Ämter offenbar mit mehr Fluktuation zu kämpfen als in ländlichen Regionen. Dort ist zum Teil noch mehr Kommunikation und Zusammenhalt - auch intern - spürbar. Während vorher viele Hilfepläne in den Wohnräumen der Kinder und Jugendlichen oder in den Büros der Träger stattgefunden hatten und das Jugendamt so Einblick in die Lebenswelt der Betreuten bekommen konnte, wurden während der Pandemie andere Formen gefunden. In manchen Jugendämtern gab und gibt es sogenannte „Hilfeplan-Tage“, an denen Hilfepläne reihenweise in den Räumen des Jugendamtes stattfinden. Aus Sicht der Träger fehlt dabei oft die Wertschätzung des Amtes gegenüber den Betreuten: Es ist mittlerweile selten, dass die Mitarbeitenden der Jugendämter die Kinder und Jugendlichen persönlich aufsuchen. Diese Situation zeigt sich in vielen Ämtern, es gibt aber Unterschiede zwischen den einzelnen Mitarbeitenden: die „alten Hasen“, die zurückwollen in den persönlichen Kontakt, und die „Neuen“, die unter Pandemiebedingungen in der „Distanz-Blase“ angefangen haben. Allgemein ist die Zusammenarbeit zwischen den Trägern und den Jugendämtern gefühlt weniger verlässlich geworden - auf E-Mails kommt oft erst nach der dritten Nachfrage eine Antwort, bei einem Notfalltelefon für 8 a-Fälle, in denen es um Kindeswohlgefährdung geht, meldete sich einmal eine Schreibkraft. Es entsteht das Gefühl, dass viele Jugendämter in der Distanz bleiben wollen. Natürlich gab es auch positive Erlebnisse während der Corona-Zeit: Das Jugendamt im Landkreis Verden etwa arbeitete sehr unkompliziert und kooperativ mit Sirius zusammen, als es um die Bereitstellung von Tests für Mitarbeitende und Betreute ging. Ambulante Hilfen konnten in Abstimmung mit dem Jugendamt nach 207 uj 5 | 2026 Herausforderungen in den HzE nach Corona draußen verlegt werden, Fachleistungsstunden wurden dann auch für Telefonate und Videokonferenzen anerkannt und bezahlt, was vorher oft strittig gewesen war, nun aber beibehalten wird. „Noch 15 Kilometer bis zur Ausgangssperre“ (Jens Dreger) - Reise- und Auslandsprojekte Reise- und Auslandsprojekte in den Hilfen zur Erziehung waren von den Einschränkungen und Herausforderungen der Corona-Pandemie besonders stark betroffen. Die besonderen Anforderungen an die Organisation solcher Projekte, etwa Grenzschließungen, unterschiedlichste Reiseverordnungen und weggebrochene Flugverbindungen, erschwerten die Durchführung erheblich und sorgten dafür, dass deutlich mehr Personal für die Planung und Begleitung von Reiseprojekten nötig war. Wirtschaftlich rechneten sich die Reiseprojekte in dieser Zeit vermutlich nicht, da eine Leitungskraft und eine Verwaltungskraft kontinuierlich damit beschäftigt waren, sich mit wechselnden Regularien auseinanderzusetzen. Die gewohnte Qualität und ein verlässlicher Rahmen ließen sich kaum aufrechterhalten. Wo etwa vorher ein zweistündiger Flug nötig war, mussten jetzt zwei Tage Autofahrt eingeplant werden; ein positiver Coronatest am Flughafen brachte u. a. großen Verwaltungsaufwand zur Klärung der Kosten mit sich. Improvisationstalent und Flexibilität waren täglich gefordert. Bei Reiseprojekten innerhalb Deutschlands begab man sich auf einen administrativen Flickenteppich. Zum Teil waren die Vorschriften von Landkreis zu Landkreis sehr unterschiedlich, die Verantwortlichen mussten sich also jedes Mal über Fallzahlen, damit einhergehende Vorschriften und Ausgangssperren informieren und diese in den Tagesablauf einplanen. Manchmal war klar: „Es sind jetzt noch 15 Kilometer bis zum Ziel, das muss bis zu einer bestimmten Zeit erreicht werden, denn dann ist Ausgangssperre.“ Für Sirius bedeuteten die Vorschriften eine zum Teil so große Herausforderung, dass der Träger ins Ausland ausgewichen ist, wo es frühere und deutlichere Lockerungen gab. Die Unsicherheit bezüglich der weiteren Entwicklungen der Pandemie machten eine langfristige Planung und Vorbereitung von Reiseprojekten und Auslandsaufenthalten praktisch unmöglich. Das Schöne an dieser Zeit war, dass nichts los war: Es gab keine Jugendgruppen, keinen Tourismus und keine Abgängigkeiten (wohin hätte man als Jugendlicher auch verschwinden sollen? ). Bei Sirius mussten während der Pandemie keine Auslandsprojekte abgebrochen werden. Im Gegenteil: Es gab über die ganze Zeit weiterhin Anfragen von Jugendämtern. „Das Zwischenmenschliche ist runtergefallen“ (Sven Riegler) - Eine Bilanz Was hat sich durch die Pandemie für die Hilfen zur Erziehung und die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen verändert? Die Digitalisierung hat einen großen Schub erfahren. Onlinekonferenzen, Messenger-Dienste wie WhatsApp oder Signal, digitale (Schul-)Managementplattformen und Onlinespiele haben einen Hype erlebt. Das ist alles geblieben: Während die angeschafften Gesellschaftsspiele in den Wohngruppen verstauben, haben Spiele auf dem Handy weiterhin einen hohen Stellenwert. Teambesprechungen finden auch jetzt noch online statt, auch die Schulen haben ihre digitalen Kommunikationskanäle beibehalten. Online-Nachhilfe wurde professionalisiert und ist heute ein fester Bestandteil in der Jugendhilfe. Das alles ermöglicht einen unkomplizierten, zeit- und ressourcensparenden (Fach-)Austausch. Die Umstellung auf digitale Treffen hat manche Fahrstrecke überflüssig gemacht, die Umweltbilanz fällt hier sicher positiv aus. Wo vorher großer 208 uj 5 | 2026 Herausforderungen in den HzE nach Corona Zeitaufwand nötig war, reicht jetzt ein Klick auf einen Link. Beim zweiwöchentlichen Online- Teammeeting der AHA-Jugendhilfe zum Beispiel sind jetzt auch alle Mitarbeitenden aus dem Ausland oder anderen Regionen dabei. Das persönliche Zeitmanagement hat sich durch die Digitalisierung geändert, es bleibt theoretisch mehr Zeit für Familie, Freund: innen, Freizeit. Praktisch aber hat diese Entwicklung zu mehr Verdichtung und höherer Taktung geführt: Dinge finden oft parallel statt, man versucht, Multitasking zu betreiben und ist selten wirklich präsent und fokussiert. Die Fahrt nach einem Termin, in der früher über das Besprochene nachgedacht werden konnte, fällt weg, ebenso wie gemeinsame Kaffeepausen, Fahrstuhlgespräche oder der kurze Austausch auf dem Flur. Es fehlt der persönliche, menschliche Kontakt, das qualitätvolle Auseinandersetzen, die Weiterentwicklung von Ideen und Projekten im zufälligen Dialog. Spürbar ist aber auch, dass die Wertschätzung (von Jugendlichen) gegenüber „echten“ Angeboten wie Treffen in Vereinen, mit Freund: innen oder in der Familie gestiegen ist. Es gibt weniger Konflikte in den Vereinen, man freut sich, wieder in Urlaub fahren und ins Kino, ins Schwimmbad oder zu Veranstaltungen gehen zu können und im Bus keine Maske tragen zu müssen. Viele haben die Solidarität während der Pandemie als wertvoll empfunden. Die Kinder und Jugendlichen hatten wirkliches Interesse daran, wie es ihren Familien und Freund: innen geht. Sirius hat in der Coronazeit auch Anfragen von Menschen aus dem Dorf bekommen, die Hilfe angeboten haben und sich ehrenamtlich engagieren wollten. Auf der anderen Seite haben die Fälle von Kindeswohlgefährdung massiv zugenommen. Waren sie vor Corona eher die Ausnahme, gehören sie heute in den Jugendämtern schon fast zur Tagesordnung. Über Jahre fehlte der Einfluss und der wachsame, fürsorgliche Blick von außen, während sich die Hilfen teilweise zurückgezogen haben. „Den Jugendlichen fehlen zwei Jahre an Entwicklungszeit“ (Sven Riegler) - Ein Wunsch Während anfangs noch ein Bewusstsein in den Jugendämtern und in der Gesellschaft dafür vorhanden war, dass gerade Jugendlichen durch die Beschränkungen wichtige soziale Lern- und Lebensbereiche über lange Zeit verschlossen blieben, gerät diese Tatsache zunehmend aus dem Blick. Alles soll nun wieder seinen normalen Gang gehen. Mit dem 18. Geburtstag rückt die Verselbstständigung der Betreuten in den Fokus - als ob nichts gewesen wäre. Das sehen Jens Dreger und Sven Riegler als Fehler an: Die Jugendlichen haben durch Corona eine gewisse Zeit einfach verloren. Hier gibt es den klaren Wunsch nach mehr Flexibilität im Hilfesystem, mehr Durchlässigkeit und mehr Bezug zum individuellen, menschlichen Fall und nach Berücksichtigung der fehlenden zwei Entwicklungsjahre - diese Zeit müsste eigentlich an das Ende der Betreuung „drangehängt“ werden. Corona hat die Hilfen zur Erziehung vor enorme Herausforderungen gestellt, der Fachkräftemangel erhöht den Druck zusätzlich. Aber wenn wir das Menschliche im Blick behalten, nicht in Akten und Fallzahlen denken, sondern Beziehungen pflegen und leben, wenn wir jede Betreute und jeden Betreuten als einen einzigartigen Menschen mit einer einzigartigen Geschichte begreifen, dann haben wir die Chance, aus den letzten Jahren etwas Positives mitzunehmen. Denn sie haben uns ganz klar vor Augen geführt, was wirklich zählt im Leben. Anmerkungen 1 Die Gemeinnützige Jugendhilfe Sirius GmbH ist ein freier Träger der Kinder- und Jugendhilfe und betreut Klient: innen nach Konkretisierung im Hilfeplanverfahren (§ 36 SGB VIII) bis zur Verselbstständigung oder Rückführung ins Elternhaus. Sirius verfügt über verschiedene Angebote der Hilfen zur Erziehung - mit dem Schwerpunkt, passgenaue Angebote für verhaltensoriginelle Klient: innen zu kreieren. Die Einrichtung verfügt über eine familienanaloge Wohngruppe, 209 uj 5 | 2026 Herausforderungen in den HzE nach Corona eine Jugendwohngruppe, eine Kinderintensivwohngruppe und eine traumapädagogische Wohngruppe. Alle Wohngruppen verfügen über vier Regelplätze und zwei integrierte Intensivplätze. Darüber hinaus bietet Sirius 40 Plätze im familienanalogen Wohnen in Niedersachsen an und erbringt ambulante Familienhilfe in den Landkreisen Verden/ Aller, Heidekreis und Rotenburg/ Wümme. Ergänzt wird das Angebot durch acht Plätze in Verselbstständigungsangeboten sowie fünf individualpädagogische Projekte in Deutschland und 12 ISE-Plätze auf den Kanarischen Inseln und in der Ukraine. Sirius ist zudem Ansprechpartner für die Nachsorge nach stationären kinder- und jugendpsychiatrischen Behandlungen. 2 Die AHA-Jugendhilfe e.V. mit Sitz in Wuppertal ist seit März 2022 als gemeinnütziger Verein im öffentlichen Auftrag tätig. Das Portfolio des Trägers umfasst individualpädagogische Projekte im In- und Ausland, betreutes sowie trägereigenes Wohnen, die Begleitung und Betreuung von unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten und die Schaffung von kreativen Jugendhilfemaßnahmen im Rahmen der Gesetzgebung. Der entstehende Bedarf an individuellen und pädagogischen Dienstleistungen für Kinder, Jugendliche und deren Familien stellt die Arbeitsgrundlage dar. Der Name des Trägers, „AHA“, leitet sich von der altägyptischen Schutzgöttin für Mütter und Kinder ab - wobei heute selbstverständlich auch Väter gleichwertig in den Blick genommen werden. 3 Der Bundesverband Individual- und Erlebnispädagogik e.V. (be) ist ein gemeinnütziger Verein, der sich für die Förderung und Entwicklung von pädagogischen Konzepten und Methoden im Bereich der Individual- und Erlebnispädagogik stark macht. Der Fachverband vertritt in Politik und Gesellschaft die Interessen seiner Mitglieder (Einrichtungen, Organisationen und Einzelpersonen, die in diesem Bereich tätig sind) und fördert den fachlichen Austausch sowie die Zusammenarbeit untereinander. Dabei setzt sich der be für eine qualitativ hochwertige und zertifizierte Aus- und Weiterbildung von Erlebnispädagog: innen ein und arbeitet eng mit verschiedenen Bildungsinstitutionen und anderen Fachverbänden zusammen. 4 W-IP steht für Wuppertal Individualpädagogische Projekte e.V. Bei diesem Träger war Sven Riegler vor der Mitgründung von AHA-Jugendhilfe tätig und erlebte dort als Koordinator individualpädagogischer Hilfen die Pandemiezeit. Sven Riegler s.riegler@be-ep.de www.be-ep.de / www.aha-jugendhilfe.de Jens Dreger j.dreger@be-ep.de www.be-ep.de / www.sirius-jugendhilfe.de Weitere Literatur COPSY Studie (bisher Mai 2020 bis Oktober 2022): Die COPSY-Längsschnittstudie untersucht die Auswirkungen und Folgen der COVID-19 Pandemie auf die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Ansprechpartnerin: Prof. Dr. Ulrike Ravens-Sieberer/ Forschungsabteilung Child Public Health am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf Jenkel, N., Güneş, S. C., Schmid, M. (Hrsg.) (2020/ 2021): Die Corona-Krise aus der Perspektive von jungen Menschen in der stationären Kinder- und Jugendhilfe (CorSJH). Erste Ergebnisse. In: https: / / www.integras. ch/ images/ aktuelles/ 2020/ 20200902_CorSJH_DE.pdf, 25. 4. 2025 Kommunalverband für Jugend und Soziales Baden- Württemberg (Hrsg.) (2021): Auswirkungen der Corona- Pandemie auf Kinder und Jugendliche. In: https: / / www. kvjs.de/ fileadmin/ dateien/ jugend/ Arbeitshilfen_ Formulare_Rundschreiben_Newsletter_Tagungsunter lagen/ Rundschreiben/ Rundschreiben_2021/ RS_86_ 2021_Anlage.pdf, 25. 4. 2025 Rätz, R., Baumann, A., Brattig, N., Knes-Zierold, M., Lipp, C., Wirth, R. (2022): Ja, in Quarantäne war ich auch noch. Leben und Alltag mit der Corona-Pandemie aus Sicht von Menschen in den Hilfen zur Erziehung (HzE) und den Hilfen für Junge Volljährige (HfJV). Alice-Salomon- Hochschule Berlin
