unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2026.art30d
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Ein sicherer Ort für alle*?
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Christin Heger
Die geschlechtliche Vielfalt der trans* und genderdiversen Jugendlichen stellt die aktuelle Praxis der stationären Kinder- und Jugendhilfe vor verschiedenste Herausforderungen. Trans*, queere und nicht binäre Lebensweisen und Bedarfe werden nicht mitgedacht und verschwinden hinter heteronormativen Normalitätskonstruktionen. In diesem Artikel wird das Potenzial der Jugendhilfe in den Blick genommen und es werden praktische Handlungsimpulse formuliert, sodass ein offener, selbstverständlicher Umgang möglich werden kann.
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218 unsere jugend, 78. Jg., S. 218 - 226 (2026) DOI 10.2378/ uj2026.art30d © Ernst Reinhardt Verlag Ein sicherer Ort für alle*? Zur Relevanz von Trans*- und Gendersensibilität in der stationären Jugendhilfe Die geschlechtliche Vielfalt der trans* und genderdiversen Jugendlichen stellt die aktuelle Praxis der stationären Kinder- und Jugendhilfe vor verschiedenste Herausforderungen. Trans*, queere und nicht binäre Lebensweisen und Bedarfe werden nicht mitgedacht und verschwinden hinter heteronormativen Normalitätskonstruktionen. In diesem Artikel wird das Potenzial der Jugendhilfe in den Blick genommen und es werden praktische Handlungsimpulse formuliert, sodass ein offener, selbstverständlicher Umgang möglich werden kann. von Christin Heger Staatl. anerkannte Sozialarbeiterin/ -pädagogin und Traumapädagogin/ Traumazentrierte Fachberaterin (DeGPT/ FV Traumapädagogik), tätig als Teamleitung in der stationären Jugendhilfe, Studierende des MAPS Master-Studiengangs an der Hochschule Koblenz mit dem Schwerpunkt Kinder- und Jugendhilfe Vorbemerkung Die stationäre Kinder- und Jugendhilfe wird als sicherer Ort konzipiert, an dem Kinder und Jugendliche ein entwicklungsförderndes und wertschätzendes Umfeld zum Aufwachsen erleben sollen. Dabei werden verschiedene Lebenslagen berücksichtigt, um Teilhabe und die Entwicklung zu einer selbstbestimmten Persönlichkeit zu ermöglichen. Doch wenn es um die Vielfalt von Geschlechtern geht, trifft man in der aktuellen Praxis - aufgrund fehlender Beachtung der Thematik - auf Unwissen und Überforderung (Rein 2021, 103; Stählker et al. 2023, 116f ). Dadurch, dass vielfältige Lebensweisen durch heteronormative Normalitätskonstruktionen dethematisiert werden, werden die Bedarfe einer besonders vulnerablen Adressat: innengruppe kaum berücksichtigt und die stationäre Erziehungshilfe gestaltet sich selbst zu einem unsicheren Ort für geschlechtsdiverse Jugendliche. Dabei bietet sie ein enormes Potenzial und naheliegende, praktische Handlungsmöglichkeiten, um trans* oder auch nicht binäre Jugendliche ohne eine Spezialisierung adäquat und selbstverständlich zu begleiten. Aktuelle Lage, Diskussionen und die Vulnerabilität der trans* Jugend National und international werden steigende Zahlen von trans* Jugendlichen verzeichnet, die aufgrund von Geschlechtsinkongruenz oder -dysphorie im Gesundheitssystem vorstellig werden (Rölver et al. 2024, 4). In den letzten zwei Jahrzehnten ist im europäischen und angloamerikanischen Raum ein Prävalenzanstieg von 1000 % bei der Abweichung vom bei Geburt zugewiesenen Geschlecht zu beobachten. Dabei 219 uj 5 | 2026 Trans*- und Gendersensibilität in der stationären Jugendhilfe sind 80 % der betroffenen Minderjährigen weiblich gelesen bzw. zugewiesen (Lenzen-Schulte 2022). In diesem verschobenen Geschlechterverhältnis von vier zu eins bei den geschlechtsdysphorischen Symptomatiken liegt der Altersgipfel zwischen 15 und 19 Jahren, also innerhalb der Pubertät (Rölver et al. 2024, 6). Aufgrund der eklatant gestiegenen Zahlen und der medialen Präsenz zeigt sich geschlechtliche Vielfalt sowohl gesellschaftlich als auch wissenschaftlich als umkämpftes Verhältnis, das sich in kontroversen Diskussionen niederschlägt. Trans* Jugendliche erleben derzeit eine gesellschaftliche Thematisierung von geschlechtlicher Vielfalt, die sich in einem extremen Spannungsfeld zwischen öffentlich wirksamer Akzeptanz sowie der Verhärtung konservativer oder demokratiefeindlicher Standpunkte und dem Festhalten an binären und heteronormativen Geschlechterverhältnissen bewegt (ebd.; Schirmer 2017, 178). Trotz wichtiger, anerkennender rechtlicher Schritte wie dem Selbstbestimmungsgesetz wird ersichtlich, dass ein entpathologisierender Blick auf Menschen abweichend von der heteronormativen Vorstellung noch längst nicht etabliert ist und ein gesellschaftliches Exklusionsrisiko besteht (Roßbach 2024, 12ff; Krell/ Oldemeyer 2015, 5f ). Auch in der Wissenschaft bestehen divergierende Positionen. Einerseits wird betont, dass die dargestellte Steigerungsrate gegen jegliche medizinische Wahrscheinlichkeit spreche und andere familiäre sowie soziokulturelle Hintergrundproblematiken oder psychische Komorbiditäten stärker in den Blick genommen werden müssten. Diskutiert wird in diesem Kontext, ob psychische Erkrankungen im Zusammenhang mit der Inkongruenz oder Dysphorie entstanden sind oder als Ursache für den Identitätskonflikt gelten. Besonders umstritten ist dabei die wissenschaftlich unbelegte Hypothese der „Rapid-onset gender dysphoria“, die das plötzliche Auftreten von Genderdysphorie insbesondere bei adoleszenten Mädchen* unter anderem auf Einflüsse des sozialen Umfelds zurückführt (Ahrbeck/ Felder 2022, 14, 30; Korte 2022, 47; Rölver et al. 2024, 6). Affirmative wissenschaftliche Perspektiven argumentieren hingegen, dass der verzeichnete Anstieg weit unter der angenommenen Anzahl von trans* Personen in der Gesellschaft bleibe und andere soziokulturelle Gründe - wie bessere Aufklärung über Geschlechterrollen/ -identitäten, mediale Verbreitung und z. B. der Umstand, dass sich trans* Jungen im Schnitt zehn Jahre früher outen - sowie rechtliche Veränderungen ausschlaggebend sind (ebd.; dgti e.V. 2021; Korte 2022, 47). Konsens besteht trotz aller Uneinigkeit darüber, dass bislang von keinem gesicherten Erkenntnisstand der Forschung auszugehen ist. Lebenslagen von trans* Jugendlichen gelten nach wie vor aufgrund heteronormativer Sozialisationsbedingungen als am wenigsten erforscht (Kugler/ Nordt 2015, 207; Krell/ Oldemeyer 2015, 5f ). Sowohl kritische als auch affirmative Stimmen sind sich zudem einig, dass geschlechtsdysphorische Symptomatiken auch im Rahmen vorübergehender pubertärer Krisen auftreten können und eine sorgfältige Begleitung der jungen Menschen vonnöten ist (Rölver et al. 2024, 6; Ahrbeck/ Felder 2022, 32). Junge trans* Personen sind als besonders vulnerable Gruppe zu betrachten. Zum einen erleben sie - auch im Vergleich zur restlichen LGBTIQ*- Community - eine deutlich stärkere Diskriminierung in allen gesellschaftlichen Bereichen; davon sind Hilfe- und Gesundheitssysteme sowie Jugendamt und Jugendhilfe nicht ausgeschlossen. Allein 70 % der genderdiversen Jugendlichen erleben laut einer Studie des Deutschen Jugendinstituts (Krell/ Oldemeier 2017) Diskriminierung in der eigenen Familie, wobei alle weiteren Bereiche wie Bildung, Freund: innenkreis und Öffentlichkeit die 50 %-Marke treffen oder überschreiten. In diesem Zusammenhang wird angenommen, dass eine Abweichung vom zugewiesenen Geburtsgeschlecht vermehrt auf Unverständnis stößt, stärker als etwa eine Abweichung von der heterosexuellen Norm. Die Diskriminierung umfasst dabei Facetten des „Nicht-ernst-genommen-Werdens“ über 220 uj 5 | 2026 Trans*- und Gendersensibilität in der stationären Jugendhilfe Beleidigungen bis hin zu tätlichen Übergriffen (Krell/ Oldemeyer 2017, 162ff; Timmermanns 2017, 137ff ). Zum anderen verschränken sich neben den sehr häufigen Diskriminierungserfahrungen weitere Merkmale wie Geschlechtsidentität und junges Lebensalter, wodurch sich die Vulnerabilität intersektional potenziert (Sauer/ Meyer 2020, 57; Kugler/ Nordt 2015, 207). Die Adoleszenz mit ihren alterstypischen Entwicklungsaufgaben muss vor dem Hintergrund einer trans*geschlechtlichen Identität bewältigt werden, wobei die grundsätzliche pubertäre Auseinandersetzung mit dem Körper und dessen Veränderung schon zu einer psychischen Labilisierung und teilweise schweren Krisen führen kann (Streek-Fischer 2022, 139). Die Phase vor dem inneren Coming-out mit der eigenen Unsicherheit erweist sich als besonders vulnerabel. Der Coming-out-Prozess, innerlich wie äußerlich, erweist sich als länger andauernd und deutlich angstbesetzter als bei nicht heterosexuellen Jugendlichen. Minderjährige machen zudem deutlich häufiger ablehnende Erfahrungen beim Coming-out als Erwachsene. Aus Angst vor negativen Reaktionen outen sich manche Betroffene nur in bestimmten Bereichen ihres Lebens (Sauer/ Meyer 2020, 30, 43ff; Timmermanns 2017, 141). Jugendliche, die nicht der heteronormativen Ordnung binärer Geschlechter entsprechen, erleben folglich eine erhöhte psychosoziale Belastung durch ihre Umwelt (Kugler/ Nordt 2015, 207). Aufgrund des erheblichen Anpassungs- und Leidensdrucks sowie der mangelnden gesellschaftlichen Akzeptanz sind queere Jugendliche dauerhaft einem sogenannten Minoritätenstress zwischen erwarteter und erlebter Diskriminierung ausgesetzt, der sich in einer internalisierten negativen Einstellung zur eigenen Trans*identität äußern kann. Dies führt zu einer erhöhten Anfälligkeit für psychische Erkrankungen, Drogenkonsum und Suizidalität sowie zu einem geringeren Selbstwertgefühl, mangelnder Selbstfürsorge und einer erhöhten Risikobereitschaft durch negative soziale Kontakte (Baier/ Nordt 2021, 91; Timmermanns 2017, 137). Koinzidente psychische Störungen treten bei trans* Jugendlichen im Vergleich zu cis-geschlechtlichen Jugendlichen deutlich häufiger auf: Sie sind vierbis sechsmal so häufig von Depressionen, dreibis viermal häufiger von selbstverletzendem Verhalten und auch vermehrt von Angst- und Essstörungen betroffen. Diese Belastungen können sich auch unabhängig von der Geschlechtsinkongruenz entwickelt haben, zeigen sich jedoch meist mit ihr verstrickt. Eine niedrige elterliche Akzeptanz ist dabei der stärkste Prädiktor für Suizidalität, wobei gegenteilig elterliche Unterstützung protektiv auf die psychische Gesundheit wirkt (Rölver et al. 2024, 7; Sauer/ Meyer 2020, 50f ). Heteronormative Hürden der Jugendhilfe Folgt man den Zahlen und wirft einen Blick in den pädagogischen Alltag der Kinder- und Jugendhilfe, wird ersichtlich: Queere, trans* und genderdiverse Jugendliche - als besonders vulnerable Gruppe - sind in allen pädagogischen Einrichtungen vertreten (Baier/ Nordt 2021, 90). Nach Schirmer (2017, 179) gerät diese vor Diskriminierung zu schützende vulnerable Gruppe der geschlechtlich vielfältigen Jugendlichen dennoch erst langsam in den Blick der professionellen Kinder- und Jugendhilfe. Vielmehr ist die aktuelle Praxis durch heteronormative Barrieren für queere junge Menschen gekennzeichnet, die Einschränkungen bei partizipativen Prozessen, in der Persönlichkeitsentwicklung und Diskriminierungsfreiheit verursachen. Cis-Geschlechtlichkeit oder auch Heterosexualität gelten unreflektiert weiterhin als Normen und verhindern ein Thematisieren von sexueller und geschlechtlicher Vielfalt. So fehlt es an Materialien und entsprechenden Beratungsangeboten, durch geschlechtergetrennte Angebote werden queere junge Menschen ausgeschlossen oder verzichten aufgrund des binären Zwangs sogar bspw. auf Sport (Baier/ Nordt 2021, 90f; Krell/ Oldemeyer 2015, 13). Spezifische 221 uj 5 | 2026 Trans*- und Gendersensibilität in der stationären Jugendhilfe Problemlagen werden aufgrund des heteronormativ geprägten Alltagsverständnisses kaum berücksichtigt. Themen wie Sexualität, Geschlecht und verschiedene Lebensformen bleiben trotz ihrer zentralen Rolle im Jugendalter oftmals tabuisiert. Jugendliche außerhalb dieser vermeintlichen Norm geben sich daher häufig nicht zu erkennen, was wiederum zur irrtümlichen Annahme führt, das Thema habe nur geringe Relevanz (Kugler/ Nordt 2015, 212). Queere Lebensweisen werden dadurch unsichtbar gemacht und dethematisiert. Darüber hinaus ist anzunehmen, dass auch die Kinder- und Jugendhilfe, ähnlich wie die Schule, durch heteronormative Ordnungen (aber auch rassistische und ableistische Ordnungen) trans* Jugendliche subjektiviert und diskriminiert. Peers reproduzieren gesellschaftliche Machtverhältnisse, verstärken Ausgrenzungserfahrungen und tragen zur Konstruktion des „Andersseins“ bei. Subtile Praxen der Abwertung oder Ausgrenzung werden hingenommen und nicht sanktioniert (Rein 2021, 103ff ). Fachkräfte berichten zudem teilweise von trans*feindlichen Haltungen bei der Arbeit (Streit 2024, 23). Genderdiverse Jugendliche erleben im Setting der Jugendhilfe folglich immer wieder diskriminierende Sprache, Herabwürdigungen und Othering-Erfahrungen (Baier/ Nordt 2021, 91; Timmermanns 2017, 141). Die stationäre Erziehungshilfe stellt also per se keinen sicheren Ort für queere und genderdiverse Jugendliche dar (Rein 2021, 105). Ein theoretisches Wissen über geschlechtliche Vielfalt ist bei den meisten Fachkräften zwar vorhanden, findet sich jedoch weder in der Praxis noch im fachlichen Diskurs wieder. LGBTIQ*- Realitäten werden zwar toleriert, aber nicht aktiv mitgedacht und verschwinden so in der vermeintlichen Normalität heteronormativer Macht- und Herrschaftsverhältnisse. Die marginale Betrachtung der Thematik in Organisationsstrukturen und Praxis äußert sich in Unsicherheiten und Überforderung im pädagogischen Alltag (ebd.; Stählker et al. 2023, 116f ). Es ist daher vorstellbar, dass zunächst in der Auseinandersetzung eine Abwehr der ohnehin überlasteten Praxis (dazu Hagen 2023, 117ff; Hollenberg 2023, 205ff; Stahlmann 2023, 263ff ) zum Tragen kommt. Dabei markiert die besorgniserregende Situation vieler trans* Jugendlichen - bei einem gleichzeitigen hohen Bedarf und Mangel an trans*sensiblen Angeboten - den dringenden Handlungsbedarf der stationären Jugendhilfe als Erziehungs- und Sozialisationsinstanz, sich eingängig mit der Thematik auseinanderzusetzen (Kugler/ Nordt 2015, 210; Streit 2024, 23). Das Potenzial und die besondere Rolle der Jugendhilfe Mit dem Kinder- und Jugendstärkungsgesetz 2021 und der damit erfolgten Anpassung des § 9 Abs. 3 SGB VIII wurde die rechtliche Grundlage geschaffen, „[…] die unterschiedlichen Lebenslagen von Mädchen, Jungen sowie transidenten, nichtbinären und intergeschlechtlichen jungen Menschen zu berücksichtigen, Benachteiligungen abzubauen und die Gleichberechtigung der Geschlechter zu fördern“ (BGBl. Jahrgang 2021 Teil I Nr. 29, ausgegeben zu Bonn am 9. Juni 2021). Damit wurde die Jugendhilfe letztendlich normativ dazu aufgefordert, dem schon lange bestehenden Bedarf nachzukommen, auf die heteronormativ und binär strukturierte Gesellschaft zu reagieren und die besonderen Herausforderungen und Hürden der gesellschaftlichen Teilhabe für junge Menschen mit vielfältigen Geschlechtern in ihren Angeboten und Einrichtungen zu berücksichtigen (Schirmer 2017, 179f ). Blickt man nun auf die erläuterte Vulnerabilität der trans* Jugend - sich ergebend aus den sehr hohen Diskriminierungserfahrungen, dem Minoritätenstress und der erhöhten Komorbidität psychischer Erkrankungen -, wird die Notwendigkeit der Qualifikation von Fachkräften offenkundig. Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe können vor Diskriminierung schützen und bei der Entwicklung eines positiven Selbstwert- 222 uj 5 | 2026 Trans*- und Gendersensibilität in der stationären Jugendhilfe gefühls gezielt unterstützen (Timmermanns 2017, 141). Kinder und Jugendliche benötigen Begleitung in ihrer Persönlichkeits- und Identitätsentwicklung; dies gilt in besonderem Maße für Jugendliche, die sich außerhalb der binären und heteronormativen Verhältnisse bewegen (Baier/ Nordt 2021, 90). Während des inneren und äußeren Coming-outs sind die Reaktionen aus dem nahen sozialen Umfeld von starker Bedeutung, denn die vorherrschende Heteronormativität, auch in der Jugendhilfe, verunsichert junge queere Menschen (Krell/ Oldemeyer 2015, 6; Schumann 2024, 18). In diesem Kontext ist es naheliegend, dass protektive Faktoren aus schulischen und elterlichen Situationen übertragbar sind. Sicherheit und Zugehörigkeit zu einer Einrichtung sowie die Unterstützung und Beziehung zu elterlichen Personen sind wirksam gegenüber psychischen Erkrankungen (Rölver et al. 2024, 7). Insbesondere die stationäre Jugendhilfe als „Übergangszuhause“ oder auch „Erweiterungsfamilie“ besitzt die Verantwortung, diese schützenden Kräfte nutzbar zu machen, um dem erschwerten Ausbau eines positiven Selbstbildes und einer belastenden Entwicklung entgegenzuwirken. Allein das Leben in einer Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe entspricht nicht dem normativen Bild des Aufwachsens in einer Familie. Gerade deshalb ist es umso wichtiger, dass die Jugendhilfe weitere heteronormative Vorgaben aufrüttelt und sich gegen Queerfeindlichkeit und Diskriminierung stellt. Da die Machtstrukturen und Verwaltungsprozesse über individuelle Autoritätsbeziehungen hinausgehen (z. B. durch Antragstellung oder Hilfeplanung), kann die Selbststimmung und Entwicklung der jungen Menschen nicht nur durch die Sorgeberechtigten gefördert oder auch beeinträchtigt werden, sondern ebenso von pädagogischen Fachkräften, dem Träger oder auch dem zuständigen Kostenträger (Fazlali/ Greve 2022, 5ff, 24f; Timmermanns 2017, 141). Gerade für Jugendliche aus belasteten oder sogar schädlichen familiären Situationen kann die Unterstützung und Akzeptanz in stationären Einrichtungen stabilisierend wirken (Sauer/ Meyer 2020 28, 49). Als Fachkraft der Jugendhilfe ist es möglich, auf bestimmte Entwicklungen Einfluss zu nehmen und genderdiverse junge Menschen vor stetiger Ablehnung und Diskriminierung in ihrem nahen sozialen Umfeld zu schützen und sie in einer positiven Entwicklung zu unterstützen, indem man die Bedarfe in ihre Praxis inkludiert (Der Paritätische Gesamtverband 2025, 38). „Grundlage für jedes antidiskriminatorische Handeln - also Handeln, das diskriminierenden Strukturen entgegenwirken soll - ist die eigene Haltung.“ (Fazlali/ Greve 2022, 9) In der praktischen pädagogischen Auseinandersetzung mit geschlechtlicher Vielfalt steht daher zunächst die Reflexion der eigenen Haltung und Rolle sowie die des Teams im Fokus. Es geht darum, sich mit eigenen Vorstellungen und Vorannahmen zum Thema Geschlecht, aber auch zum Thema Familie auseinanderzusetzen. Denn die persönliche Haltung beeinflusst unbewusst ungemein den Umgang und die Begegnung mit anderen Personen und ist ausschlaggebend dafür, wann und wie gegen Diskriminierung vorgegangen wird (ebd., 9ff, 14ff ). Die individuellen biografischen und gesellschaftlichen Prägungen sowie Wahrnehmungsmuster müssen heteronormativitätskritisch hinterfragt werden, um Annahmen, Vorurteile und Abwehrmechanismen abzubauen. Es kann ein Bewusstsein geschaffen werden, bei dem nicht zwangsläufig von einer Cis-Geschlechtlichkeit ausgegangen wird. So wird es möglich, sensibel auf geschlechtliche Vielfalt zu reagieren und Kinder sowie Jugendliche ernst zu nehmen (Der Paritätische Gesamtverband 2025, 33). Darüber hinaus ist es auch relevant, die eigene Haltung zu Verantwortung und Selbstbestimmung zu beleuchten. Besonders im Gruppensetting der stationären Jugendhilfe ist es eine Herausforderung, einen Raum zu schaffen, in dem alle die Möglichkeit besitzen, sich mit Geschlechtsidentitäten oder sozialen Kategorien auseinandersetzen, ohne Ausgrenzungs- und Diskriminierungserfahrungen zu erleben. 223 uj 5 | 2026 Trans*- und Gendersensibilität in der stationären Jugendhilfe Dabei muss die Verantwortung zwischen Jugendlichen und Fachkräften ausbalanciert werden: Wann sollen Jugendliche für sich selbst einstehen, wann sollten sie durch Erwachsene entlastet und geschützt werden (Fazlali/ Greve 2022, 12f, 16f )? Hierbei darf auch nicht die Haltung der anderen Adressat: innen der Einrichtung außer Acht gelassen werden, auch wenn diese schwerer zu beeinflussen ist. Dennoch ist sie ein wichtiger Bestandteil, wenn es darum geht, die stationäre Jugendhilfe als sicheren Ort für trans* Jugendliche zu gestalten. Deshalb ist es von Bedeutung, alle Jugendlichen der Einrichtung auch anlassunabhängig für Queerness und vielfältige Lebensweisen zu sensibilisieren (ebd., 25). Grundsätzlich muss ein Interesse im pädagogischen Kontakt gegeben sein, sodass kleine Signale einer Offenheit für verschiedene Lebensweisen gesendet werden können. Hierbei können geschlechtsneutrale/ -unabhängige Formulierungen und eine nicht-diskriminierende Sprache als methodische Kompetenz genutzt werden, um heteronormative Vorannahmen nicht zu reproduzieren und für Sichtbarkeit zu sorgen (Nordt/ Kugler 2021, 25f; Höblich 2023, 114). Auch nonverbal gibt es diverse Möglichkeiten, die Offenheit der Einrichtung für geschlechtliche Vielfalt gegenüber aktuellen oder zukünftigen Adressat: innen zu vermitteln. Über Materialien, in Form von Büchern, Flyern, Filmen oder Serien wird ein Raum geöffnet, in dem vielfältige Identitäten thematisiert werden dürfen (Nordt/ Kugler 2021, 27f; Der Paritätische Gesamtverband 2025, 35). Insgesamt müssen jedoch auch stets im Sinne der Intersektionalität Mehrfachzugehörigkeiten mitgedacht werden, denn trans* und genderdiverse junge Menschen bilden keine homogene Gruppe, sondern bringen unterschiedliche Erfahrungen und Bedürfnisse mit (Der Paritätische Gesamtverband 2025, 33f; Fazlali/ Greve 2022, 27f ): „Um trans* Jugendliche auf ihrem Weg gut begleiten zu können, ist ein Bewusstsein über Machtverhältnisse und intersektionale Diskriminierung und Wirkungsweisen von großer Bedeutung“ (ebd., 31). Erst das Wissen über die Lebensrealitäten von genderdiversen Jugendlichen und die persönliche Reflexion machen es möglich, sensibel auf individuelle Problemlagen zu reagieren und sich aktiv gegen Diskriminierung einzusetzen (Nordt/ Kugler 2021, 27ff ). Darüber hinaus muss die Sensibilität für Trans*- und Geschlechtervielfalt auch im pädagogischen Konzept und im Leitbild der Einrichtung etabliert werden, damit die gesamte stationäre Einrichtung vielfältige Lebensweisen mitdenkt, nach außen in anderen Institutionen vertritt und somit zu einem sicheren, akzeptierenden Ort wird (Der Paritätische Gesamtverband 2025, 37; Nordt/ Kugler 2021, 32; Fazlali/ Greve 2022, 19, 28). Dilemmata Eine einheitliche Antwort der Kinder- und Jugendhilfe im Umgang mit sexueller und geschlechtlicher Vielfalt gibt es bislang nicht. Die bisher zumeist noch fehlende strukturelle Verankerung in Leitbildern und auch Konzepten überlässt es - trotz der normativen Vorgabe - vielmehr dem Zufall, ob sensibel mit queeren Themen umgegangen wird oder nicht (Mangold/ Rein 2021, 82). Darüber hinaus muss sich auch die Jugendhilfelandschaft, wie die Soziale Arbeit insgesamt, mit den Dilemmata der Zielgruppenkonstruktion auseinandersetzen: nämlich Angebote zu schaffen, ohne im selben Atemzug die Adressat: innen als „anders“ oder „besonders“ zu konstruieren. Othering-Prozesse und die Darstellung als „normabweichend“ stärken zunächst heteronormative Deutungen und erkennen Vielfalt ab. Um die gleichzeitige Gefahr der Homogenisierung abzuwenden, sollte stets die intersektionelle Perspektive bedacht werden, dass vielfältige Differenzkategorien verwoben wirken und der Fokus auf bestimmte Themen andere Aspekte nicht dethematisieren darf. Trotzdem erfüllen Angebote, die sich explizit an LGBTIQ*-Jugendliche richten, den wichtigen Auftrag, Schutzräume zu ermöglichen für die jungen Menschen, die sich in den Angeboten der Jugendhilfe nicht mitgedacht fühlen und 224 uj 5 | 2026 Trans*- und Gendersensibilität in der stationären Jugendhilfe sich als „anders erleben“. Dabei müssen Herrschafts- und Diskriminierungsverhältnisse und deren Auswirkungen auf das Leben trans* und genderdiverser Jugendlicher inkludiert werden, um eine Reproduktion zu vermeiden und den Blick in der Erfahrung des „Andersseins“ auf die in Frage zu stellende Ordnung selbst zu richten (Mangold/ Rein 2021, 82; Schirmer 2017, 182ff; Baer/ Höblich 2021, 96f ). Auch im Kontext der stationären Jugendhilfe kommt es manchmal - und gar nicht so selten - zu der Frage, ob eine Unterbringung in einer z. B. ausdrücklich queeren Einrichtung nicht „besser“ wäre, um entsprechende Schutzräume und umfassendes Wissen zu gewährleisten. Doch solche spezialisierten Einrichtungen und Plätze sind zu selten, um den Bedarf zu decken (Streit 2024, 23f ). So ist es Auftrag der einzelnen Einrichtungen, Antworten auf die noch nicht gemeinschaftlich beantworteten Fragen der geschlechtlichen Vielfalt in der individuellen Praxis zu finden. Auch hier bedürfen diverse Dilemmata individueller Lösungen, die nicht pauschal für jede Praxis beantwortet werden können. Ziel ist es, subjektive Schutzbedürfnisse und das Recht auf Selbstbestimmung der verschiedenen Adressat: innen gemeinsam zu denken und partizipativ einen Weg in eine trans*inklusive Praxis zu finden. Dafür gibt es Handreichungen, Unterstützungsmöglichkeiten und Netzwerke, in denen sowohl Fachkräfte ihre Kompetenzen erweitern können als auch Jugendliche nochmals spezialisierte Anlaufstellen erleben, sodass jede Gruppe durch Reflexion und Mitdenken - und ohne übermäßigen Aufwand - vielfältige Jugendliche sinnvoll unterstützen kann (ebd.; Fazlali/ Greve 2022, 24f ). Fazit „Die Berücksichtigung sexueller und geschlechtlicher Vielfalt kann als Kernaufgabe der Sozialen Arbeit gesehen werden, welche Professionelle in der Praxis aufgrund von eigenen Verwobenheiten in gesellschaftliche Normen und Tabuisierungen immer wieder vor große Herausforderungen stellt.“ (Höblich 2023, 115) Die Jugendhilfe muss dem Wunsch nach einem offenen, selbstverständlicheren Umgang mit dem Thema Trans*vielfalt und geschlechtlicher Vielfalt von jungen trans* Menschen folgen und sich das Ziel setzen, ein angst- und diskriminierungsfreier Ort zu werden, an dem junge queere Menschen selbstverständlich und sicher leben können (Sauer/ Meyer 2020, 5; Schumann 2021, 99) - unabhängig davon, wie die gesellschaftliche Debatte geführt wird und ob es sich um eine persistierende Identität handelt oder nicht. Soziale Arbeit kann in diesem Zuge einen wichtigen Beitrag zu einem entpathologisierenden Blick auf geschlechtliche Vielfalt leisten (Schimer 2017, 182). Eine trans*inklusive und gendersensible pädagogische Praxis geht von verschiedenen möglichen Identitätspositionen aus, adressiert diese wertschätzend und schafft Räume, in denen geschlechtliche und sexuelle Vielfalt als sicht- und besprechbar erlebt wird. Eine geschlechtlich vielfältige Kinder- und Jugendhilfe gründet auf der bedingungslosen positiven Akzeptanz und Nichtbewertung der Selbstzuschreibungen genderdiverser junger Menschen. Gleichzeitig erfordert sie die kontinuierliche Reflexion eigener heteronormativer Vorannahmen, Haltungen und gesellschaftlicher Konstruktionen (Baer/ Höblich 2021, 95f ). Es besteht ein klarer Weiterentwicklungsbedarf der pädagogischen Praxis und der Sozialen Arbeit, die vulnerablen Gruppen zu berücksichtigen und die vorherrschende Heteronormativität der Kinder- und Jugendhilfe kritisch zu hinterfragen - um trans*, genderdiverse und nicht binäre Jugendliche mitzudenken und damit allen einen sicheren Ort sowie ein gelingendes Arbeitsbündnis und eine unterstützende Begleitung eröffnen zu können. Christin Heger E-Mail: christin.heger@posteo.de 225 uj 5 | 2026 Trans*- und Gendersensibilität in der stationären Jugendhilfe Literatur Ahrbeck, B., Felder, M. (2022): Geboren im falschen Körper? Klinische und pädagogische Fragestellungen. In: Ahrbeck, B., Felder, M. (Hrsg.): Geboren im falschen Körper. Genderdysphorie bei Kindern und Jugendlichen. Kohlhammer, Stuttgart, 14 - 43, https: / / doi.org/ 10.17433/ 978-3-17-041239-2 Baer, S., Höblich, D. (2021): Umgang mit sexueller und geschlechtlicher Vielfalt. Sozial Extra - Extrablick: Kinder- und Jugendhilfe und LGBTIQ* 45 (2), 95 - 98, https: / / doi.org/ 10.1007/ s12054-021-00364-0 Baier, F., Nordt, S. (2021): Vielfalt stärken und schützen. Queer-inklusives Handeln in der Kinder- und Jugendhilfe. Sozial Extra - Extrablick: Kinder- und Jugendhilfe und LGBTIQ* 45 (2), 90 - 94, https: / / doi.org/ 10. 1007/ s12054-021-00363-1 Der Paritätische Gesamtverband (2025): Geschlechtliche Vielfalt in der Kinder- und Jugendhilfe. Inter* und trans* Jugendliche. In: https: / / www.der-paritaetische. de/ fileadmin/ user_upload/ inter-trans_1_13plus-Jahre _aufl2_2025.pdf, 3. 4. 2026 dgti e. V. - Deutsche Gesellschaft für Trans*- und Inter*geschlechtlichkeit (2021): Zahlenspiele. In: https: / / dgti.org/ 2021/ 08/ 12/ zahlenspiele/ , 26. 3. 2025 Fazlali, S., Greve, E. (2022): Trans*sensibel. Ein Leitfaden für Fachkräfte in der (teil)stationären Jugendhilfe. In: https: / / cdn.prod.website-files.com/ 623c2ace794a7f df373cbeba/ 64107f63610fe31d01f78c35_TS_brosch_ v4-web.pdf, 26. 3. 2025 Hagen, B. (2023): Neue Herausforderungen und Schwerpunkte für die Kinder- und Jugendhilfe. Jugendhilfe 61 (2), 115 - 122 Höblich, D. (2023): Professionalität aus queertheoretischer Perspektive. In: Forschungsgruppe Professionalität Sozialer Arbeit an der Hochschule RheinMain (Hrsg.): Zur Neujustierung und Professionalität Sozialer Arbeit zwischen Adressat*innen, Institutionen und Gesellschaft. Springer VS, Wiesbaden, 101 - 119, https: / / doi.org/ 10.1007/ 978-3-658-40187-0_7 Hollenberg, J. (2023): Kinder- und JugendHILFE(! ) in Not - Fachkräftemangel impliziert Systemkollaps. Zeitschrift für Kindschaftsrecht und Jugendhilfe 18 (6), 205 - 210 Korte, A. (2022): Geschlechtsdysphorie bei Kindern und Jugendlichen aus medizinischer und entwicklungspsychologischer Sicht. In: Ahrbeck, B., Felder, M. (Hrsg.): Geboren im falschen Körper. 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Sicher miteinander - ein Schutzkonzept für die heterogene Schule entwickeln Mit OnlineMaterial. 2023. 143 Seiten. 9 Abb. 3 Tab. (9783497031764) kt
