eJournals unsere jugend78/6

unsere jugend
4
0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2026.art39d
4_078_2026_6/4_078_2026_6.pdf61
2026
786

Jugend ist Zukunft

61
2026
Roland Benedikter
Wenn es ernsthaft um die Welt der Zukunft geht, wird die Jugend noch immer wenig bis kaum gehört. Die zahlreichen Krisen und Umbrüche der gegenwärtigen Entwicklungsphase haben sie eher noch weiter in den Hintergrund treten lassen. Dabei haben junge Menschen viel mehr über die kommenden Jahre zu sagen, als viele von uns trotz allen Wohlwollens erwarten. Statt sie als Schneeflocken-Generation abzustempeln, sollten wir die Jugendlichen als Agenten sozialer Veränderung anerkennen. Denn sie sind – gewollt oder ungewollt – Träger der Zukunft in der Gegenwart.
4_078_2026_6_0007
287 unsere jugend, 78. Jg., S. 287 - 293 (2026) DOI 10.2378/ uj2026.art39d © Ernst Reinhardt Verlag von Roland Benedikter Jg. 1965; Interdisziplinärer Politik- und Sozialwissenschaftler, UNESCO-Lehrstuhl für Antizipation und Transformation bei Eurac Research/ Europäische Akademie in Bozen, Südtirol Jugend ist Zukunft Von Schneeflocken zu Agenten sozialer Veränderung Wenn es ernsthaft um die Welt der Zukunft geht, wird die Jugend noch immer wenig bis kaum gehört. Die zahlreichen Krisen und Umbrüche der gegenwärtigen Entwicklungsphase haben sie eher noch weiter in den Hintergrund treten lassen. Dabei haben junge Menschen viel mehr über die kommenden Jahre zu sagen, als viele von uns trotz allen Wohlwollens erwarten. Statt sie als Schneeflocken-Generation abzustempeln, sollten wir die Jugendlichen als Agenten sozialer Veränderung anerkennen. Denn sie sind - gewollt oder ungewollt - Träger der Zukunft in der Gegenwart. Vor kurzem begegnete ich Bekannten, die sich erregt über die heutige Jugend beklagten: „Das sind Schneeflocken! Sie zerschmelzen beim leichtesten Gegenwind.“„Die Generation Z arbeitet doch gar nicht mehr.“ „Wenn sie nicht sofort und unmittelbar erreichen, was sie sich ausgemalt haben, werden sie abweisend und intolerant.“ Andere nennen die heutige Generation sogar „Niemandskinder“, dabei lose einem Buchtitel der italienischen Autorin Francesca Barra (2025) folgend. Er verweist - neben zuweilen tragischen Schicksalen - auf die Desorientierung und angebliche strukturelle Werteinstabilität Jugendlicher in Zeiten von Ungewissheit und gleichzeitiger zivilisatorischer Beschleunigung. Manches an diesen Bildern mag vielleicht nicht ganz unrichtig sein. Dies schon deshalb, weil laut dem Hermeneutiker Hans Georg Gadamer praktisch jede Interpretation etwas Wertvolles in sich trägt, das anerkannt werden sollte. Doch in einer Kampagne für die bessere politische Einbeziehung junger Menschen in Richtungsentscheidungen im Januar 2025 entgegneten wir diesen Diagnosen: „So oder so - im Jahr 2050 werden die Jungen die Gewinner sein! Denn dann sind sie auf der Höhe ihrer Schaffenskraft - und werden die Gesellschaft leiten. Beziehen wir sie also heute schon ein, damit sie sich auf eine komplizierte Welt vorbereiten können.“ Dass diese deutlich positivere Sichtweise ebenso plausibel wie die Kritik ist, zeigen konkrete Beispiele. Eines stammt aus dem Kontext der deutsch-, italienisch- und ladinischsprachigen Autonomen Provinz Bozen-Südtirol im Dreiländereck Italien-Österreich-Schweiz. Es ist die Reihe „Die Welt im Jahr 2050“, die von Oktober 2024 bis März 2025 in dem von Jugendlichen ebenso wie von Erwachsenen viel gelesenen Onlinemagazin „Barfuss“ erschien (Benedikter 288 uj 6 | 2026 Jugend ist Zukunft 2024). Dort stellten zwölf junge Menschen unter 30 Jahren ihre Vision des Jahres 2050 vor. Es entstanden beeindruckende persönliche Gemälde davon, wie sie sich ihre Welt in 25 Jahren vorstellen, wie man darin lebt und wer man darin ist - inklusive aller Vorteile und Probleme, Errungenschaften und Herausforderungen. Das Ergebnis empfehle ich allen Kritiker: innen und Skeptiker: innen der heutigen Jugend zur Lektüre: Es ist ein Panorama einer neuen Welt. In seiner überwältigenden Bildhaftigkeit beweist es, dass junge Menschen durchaus eine sehr differenzierte, bewusste und genaue Sicht über langfristige Entwicklungspfade pflegen und sehr viel über die „richtige“ und „falsche“ Zukunft nachdenken - weil sie spüren, dass sie diese Zukunft letztlich selbst sind. Je mehr Probleme die Gegenwart mit sich bringt, desto mehr wird den Jugendlichen bewusst, dass ihnen selbst das Noch-Nicht innewohnt. Das Jahr 2050 gehört den jungen Menschen - und zwar nicht erst später, sondern heute schon! Und so sollten das auch Erwachsene sehen: Jugend ist buchstäblich verkörperte Zukunft - heute vielleicht mehr denn je. Aber heute auch weniger selbstverständlich (und weniger einfach) als zuvor. Die Schlussfolgerungen der „Barfuss“-Jugend- Reihe? Junge Menschen merken in der heutigen Phase von Brüchen und Disruptionen vielleicht deutlicher als noch in der Phase der „glücklichen Globalisierung“ 1990 - 2020, dass bis 2050 sehr viel zu tun ist - gerade weil es für sie so viele Herausforderungen gibt: vom Klimawandel bis zu Kriegen und Ungleichheiten. Diese Fülle an gleichzeitigen Herausforderungen, die in der Öffentlichkeit präsenter sind und stärker diskutiert werden als noch vor einigen Jahren, bringt bei jungen Menschen sowohl Aktivismus als auch Überforderungsdruck. Das kann sowohl zu Überaktivität als auch zu Resignation führen. Das Ergebnis ist, dass die Jugend in der aktuellen Re-Globalisierungsphase (Benedikter 2021) im Dilemma zwischen Euphorie zur Veränderungsbereitschaft einerseits und Desinteresse an einer bereits fast verloren geglaubten (und von allgegenwärtigen Niedergangs-Prophetien auch so propagierten) Welt andererseits steckt. Sie windet sich in diesem Zwiespalt, und manche suchen nach Extremen als Ausweg - wie: in Paris und anderen Großstädten über Dächer springen oder sich in gefährliche Sprünge in tiefes Wasser wagen, wie das inzwischen auf den sozialen Medien allgegenwärtig ist und von Peers mit Anerkennung bedacht wird. Ob das Negative oder Positive, das Aufbauende oder Selbstzerstörerische im Vordergrund steht und ergriffen wird, entscheidet sich oft zufällig oder abhängig von Freundeskreis und Umgebung. Als Jugendlicher das Glas nicht halb leer, sondern halb voll zu sehen, kann aber auch bewusst von heutigen Entscheidungsträgern ermutigt werden. Dann kann der Weg im Idealfall in der Selbstkonzeption von zurückgezogener „Schneeflocke“, die sich vor Schwierigkeiten auflöst, zum „Agenten sozialer Veränderung“ gehen - weil junge Menschen an sich glauben können, um an und mittels der Schwierigkeiten resilient zu werden und diese Resilienz auch kollektiv und bewusst zu praktizieren. Interessanterweise sind zu diesem Thema 2024 und Anfang 2025 drei wegweisende, theoretische Meta-Artikel in einer der weltweit wichtigsten wissenschaftlichen Zukunftszeitschriften erschienen: dem Periodikum„Futures“. Es ist sinnvoll, sich einige Stellen daraus vor Augen zu führen, um in ihrem Zusammenhang die aktuelle Jugend zu verstehen und sie darauf aufbauend zum Tun zu ermutigen. Der erste Artikel lautet übersetzt „Von Schneeflocken zu Agenten sozialen Wandels“ (Marcu 2024). Er basiert auf 60 ausführlichen Interviews mit jungen Menschen, die dazu befragt wurden, ob sie sich eher als frustrierte Schneeflocken oder als potenzielle oder aktive Agenten des Wandels sehen. Dabei stellte sich heraus, dass … 289 uj 6 | 2026 Jugend ist Zukunft „… die Schneeflockengeneration angesichts unerreichter Ziele durchaus zerbrechlich und intolerant sein kann. Mehr Resilienz wäre da ein erster Schritt zur Überwindung von Fragilität. Wo sie Agenten des Wandels sein sollten, werden sie durch den Wunsch nach Partizipation motiviert. Junge Menschen brauchen Möglichkeiten, als Akteure von Veränderung an der gesellschaftlichen Entwicklung teilzuhaben. Die in der Zeit nach der Pandemie entstandene digitale Generation ist in der Lage, zu reifen und einen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten“ (Marcu 2024). 1 Besonders interessant ist, was die Autorin der Studie als ihre Kernbeobachtung hervorhebt: dass es heute breitere Perspektiven als im 20. Jahrhundert für Jugendaktivismus gibt, d. h. für … „…eine Generation, die vom Wunsch motiviert ist, eine erneuerte Gesellschaft (…) aufzubauen. Die Fragilität der jüngeren Generation hat sich nach der Pandemie im Lauf der Zeit in die Motivation verwandelt, Akteure des sozialen Wandels zu werden. Die Ergebnisse zeigen, dass junge Menschen ihr technologisches Wissen und ihre Widerstandsfähigkeit nutzen, um Fragilität zu überwinden, indem sie sich beteiligen und Anerkennung ihrer Kritik an den Verhältnissen sowie Wahrnehmung von Ungerechtigkeit einfordern. [Das zu erkennen,] ermöglicht ein besseres Verständnis junger Menschen und ihrer Fähigkeiten, grundsätzlich verantwortungsbewusst und innovativ zu sein und Schwächen in Stärke umzuwandeln. Es zeigt die Notwendigkeit, das theoretische und empirische Verständnis junger Perspektiven in Bezug darauf zu fördern, wie diese sich selbst verändern und einen größeren Beitrag zur künftigen Gesellschaft leisten wollen” (Marcu 2024). Der zweite, ebenfalls stark zeitsymptomatische Artikel trägt den Titel „Vorgestellte Zukünfte in Prozessen nachhaltiger Veränderung“ (Friedrich/ Hendriks 2024). Er zeigt, dass für eine nachhaltige Gesellschaftsentwicklung die Vorstellungen der Jugendlichen mit entscheidend sind - vor allem ihre Zukunftsvorstellungen. Es nützt für die erwachsene Gesellschaft nichts, normative Zukunftsideen vom richtigen Leben zu entwickeln und sie den Jugendlichen einfach als „die“ Zukunft zu verkaufen. Vielmehr müssen ihre eigenen Ideen in den Prozess einfließen. Die nach Möglichkeit kooperative Entwicklung von Vorstellungen zur Zukunft - wie zum Beispiel eben in unserer Reihe auf„Barfuss“ zur Welt im Jahr 2050 - ist dabei für das Ganze wichtiger als„die richtige“ Perspektive: nämlich eine, die bloß mit der politischen Korrektheit oder moralischen Vorgaben einer bestimmten Zeit übereinstimmt. Wie die Autoren der Studie zu Recht schreiben, sollte nun gelten: „Angesichts der räumlichen Kontingenz von Zukünften, der sozialen Konstruktion von Zeit und der Tendenz, etablierte Zukünfte in der Veränderungsforschung zu reproduzieren, [sollten] wir Konturen verschiedener Zukünfte skizzieren, anhand derer wir nicht nur analysieren, sondern uns auch aktiv an der Gestaltung vielfältiger Zukünfte beteiligen können“ (Friedrich/ Hendriks 2024). Der dritte und letzte Artikel trägt den Titel: „Eine Zukunft der höheren Bildung: Affektive Zukünfte“ (Zembylas 2025). Er führt in vielerlei Hinsicht die beiden vorherigen Ideenansätze zusammen, und zwar auf dem für Jugendliche instinktiv wichtigsten Gebiet: dem der Gefühle und Empfindungen. Die Ergebnisse lassen sich laut dem Autor so zusammenfassen: „Gefühlszentrierte Zukunftsfähigkeit ist für die Konzeptualisierung der Zukunft wertvoll. Affektive Zukunft ist dazu ein komplexes und mehrdimensionales Konzept. Die affektive Zukunft hat wichtige Auswirkungen vor allem auf die Wahrnehmung sozialer Gerechtigkeit“ (Zembylas 2025). 1 Dieses und die folgenden Artikel-Zitate in den Kästen sind, soweit nicht Deutsch im Original, Übersetzungen aus dem Englischen von Roland Benedikter. 290 uj 6 | 2026 Jugend ist Zukunft Es sticht hervor, dass es heute gut erforschte Typologien von Gefühlszugängen zu Zukünften gibt, welche der Autor „affektive Regime“ nennt. Von (und in) Gruppen kultiviert, wirken sie sich besonders stark auf Zukunftserwartungen und -hoffnungen von Generationen aus. Dazu schreibt der Autor: „Die Analyse von Beispielen der Hoffnung und des Optimismus verdeutlicht, dass affektive Zukunft ein Konzept ist, bei dem Zukunft und Gegenwart von verschiedenen sozialen Gruppen unterschiedlich erlebt werden. Diese Analyse hat wichtige Implikationen auch für Chancengleichheit (. . . ). [Dabei sollte insbesondere einbezogen werden], wie Macht durch Affekt, Diskurs und Materialität affektiv wirkt“ (Zembylas 2025). Nimmt man diese drei Reflexionen zusammen, ergibt sich ein deutlicheres Bild zur Zukunftswahrnehmung junger Menschen. Sie ist von individuellen und kollektiven Einflüssen, Stimmungen und Gefühlen geprägt. Es wird deutlich, dass Gefühle sowie Affektreaktionen auf die umgebende „große“ Geschichte starke Bedeutung für junge Menschen entfalten. Dabei fließen Imaginationen unbekannter Zukünfte in variierenden und dabei stärker als bei Erwachsenen formbaren Weisen ein. Es zeigt sich insgesamt praktisch durchgängig immer wieder, dass junge Menschen hinsichtlich ihrer eigenen Zukunft von zarten Schneeflocken zu aktiven und tätigen Agenten sozialer Veränderung werden wollen, soweit man sie dabei unterstützt. Ihnen vonseiten Erwachsener den Weg in eine bessere Zukunft aufzuzeigen, ist dabei wichtig. Aber die Unterstützung zur Findung eigener Visionen und Perspektiven ist noch wichtiger und für junge Menschen subjektiv entscheidender. Denn es schafft Mut, Zuversicht in die eigenen Fähigkeiten und damit auch eine gewisse Grundsicherheit von Ausrichtung und Handeln. Das ist gerade deshalb wichtig, weil wir uns in der gefühlten Wahrnehmung der Jugend wohl noch immer in einer Art Post-Covid-Phase befinden - psychologisch nicht zuletzt deshalb, weil die jungen Menschen aus ihrer eigenen Sicht in dieser Pandemie einen wertvollen Teil ihrer bisherigen Lebenszeit verloren haben. Auch wegen dieser subjektiv großen Opfer haben sie es aus eigener Sicht verdient, in einer Gesellschaft zu leben, die die junge Bevölkerung gerade in Zeiten ihres demografischen Schrumpfens stärker wertschätzt und besser berücksichtigt als in jüngsten Jahren, wo wiederholte Systemkrisen sie eher in den Hintergrund haben treten lassen. Politische Spaltung und anhaltender Gesellschafts-Alarmismus haben das Verhältnis zwischen Politik und Zivilgesellschaft, insbesondere aber die Verbindung zwischen Politik, Öffentlichkeit und Jugend, in den letzten Jahren auf harte Proben gestellt. Umso wichtiger sind Gegen-Akzente. Im Überblick deuten Umfragen und Meinungsbarometer auf diesen zentralen Bedarf hin. Neben Fragen der Klimakrise und der Zukunft der Arbeit gehören die Stärkung der Zivilgesellschaft, Bürgerbeteiligung und vor allem die bessere Einbindung der jüngeren Generationen in Entwicklungsvisionen und Entscheidungsprozesse zu den wichtigsten Zukunftsthemen, die von der Jugend in allen EU-Staaten genannt werden. Das ergab repräsentativ die europaweite Initiative EurHope im November 2023, in der 1,5 Millionen junge Menschen zwischen 15 und 34 Jahren ihre Zukunftsvorstellungen in einer„Agenda of Hope“ äußern konnten (Renkamp 2023). Die Ergebnisse spiegeln sich in der Europäischen Jugendstrategie 2019 - 2027 der Europäischen Union wider, die darauf auch mit einem „EU-Jugenddialog“ zu reagieren versucht (EU 2019ff.). In diesem Zusammenhang gibt es heute von vielen Seiten die Bereitschaft für einen neuen Händedruck zwischen Politik, Jugend und Zivilgesellschaft. Allerdings klaffen Ideale und Wirklichkeit oft auseinander. So werden emotional kontroverse Politikbereiche wie die Sozialpolitik immer noch zu oft mit einem politisch nor- 291 uj 6 | 2026 Jugend ist Zukunft mativen Diskurs in Verbindung gebracht, wodurch die Beteiligung von jungen Menschen mit unterschiedlichen Meinungen und offenem Horizont zuweilen eher erschwert als erleichtert wird. Das zeigt, dass einige Aspekte des Zusammenspiels der politischen und zivilgesellschaftlichen Ebene nicht ausreichend funktionieren - die Jugend fühlt sich dabei in ihrer Eigenheit radikaler Zukunftsoffenheit zuweilen wenig berücksichtigt. Dafür gibt es zahlreiche Beispiele. So ist der Einstieg in die Politik für junge Menschen in den 2020er Jahren in ihrer eigenen Wahrnehmung nicht einfacher, sondern schwieriger geworden. Denn der unmittelbare Druck der sogenannten „sozialen Medien“ auf Einzelpersonen hat zugenommen. Eine Umfrage des renommierten Instituts für Demoskopie Allensbach (IfD) in Deutschland unter mehr als 1200 repräsentativ ausgewählten Bürger: innen im Sommer 2021 ergab, dass 55 Prozent der Deutschen sich nicht mehr trauen, ihre Meinung offen zu äußern, weil sie dadurch Nachteile in Beruf und Alltag erwarten - darunter auch ein hoher Prozentsatz von Jugendlichen. Dabei handelt es sich um den schlechtesten Wert hinsichtlich der Meinungsfreiheit in Deutschland seit 1953 (Petersen 2021). Auch das führt dazu, dass sich Jugendliche eher von der Post-Covid-Demokratie distanzieren, als sich ihr anzunähern. Es besteht kein Zweifel, dass diese Herausforderungen nicht nur im deutschsprachigen Raum, sondern in ganz Europa bestehen. Wir sollten sie nicht ignorieren oder unterdrücken, sondern uns ihnen stellen. Wir sollten auch nicht „Positivität um jeden Preis“ einfordern oder diejenigen bestrafen, die - wie viele heutige Jugendliche - Probleme antizipieren, indem wir sie als ängstliche oder unerfahrene Schneeflocken stigmatisieren. Im Gegenteil: die mythologische Figur der Kassandra, die vor Fehlentwicklungen in der Zukunft warnt, ist gerade in der heutigen volatilen Zeitlage eine sehr wichtige und positive Gestalt, die auf der Grundlage europäischer Weisheit steht. Kassandra wird im Mythos ungerecht behandelt, weil sie ihre wohlwollende Besorgnis über die Zukunft äußert. Nicht wenige junge Menschen vergleichen sich heute instinktiv mit Kassandra - und zwar nicht nur jene, die zu den Fridays-for- Future-Versammlungen gehen. In Zeiten von Umwelt- und Klimakrisen beschäftigen sie sich mit tiefen und berechtigten Sorgen, und sie tun das letztlich nicht anders als Kassandra. Gleichzeitig ist, wie eben in der überbordenden Energie der Klima-Protestveranstaltungen bei zugleich zähem Durchhaltevermögen zu spüren ist, die Jugend von heute keine„No-Future“- Generation mehr wie vielleicht jene in den 1980er Jahren, die manches relativ einseitig schwarz sah (wobei auch dieses Narrativ grundsätzlich zu hinterfragen wäre). Vielmehr ist, wie ihre oben genannten Visionen auf das Jahr 2050 ebenso zeigen wie die erwähnten Fachartikel, die heutige Jugend gerade deshalb „ernsthaft“, weil sie - und daran besteht kein Zweifel - besser informiert und aktiver an globalen Echtzeitprozessen beteiligt ist als die meisten Generationen vor ihr. Sie erlebt Krisen geradezu am eigenen Leib, da sie die Umwelt- und Sozialschulden, die wir heute verursachen, in den kommenden Jahren wird lösen müssen. Was bedeutet das in der Perspektive? Platon schreibt Sokrates (469 - 399 v. Chr.) in einem heute von der Wissenschaft allerdings stark angefochtenen Zitat zu, angesichts seiner manchmal sichtbaren Verzweiflung über die Jugend geseufzt zu haben: „Die Jugend liebt jetzt den Luxus; sie hat schlechte Manieren, sie verachtet Autorität; sie zeigt Respektlosigkeit gegenüber den Älteren und liebt Geschwätz statt Taten. Junge Menschen sind jetzt Tyrannen und keine Diener ihrer Haushalte. Sie stehen nicht mehr auf, wenn ihre Ältesten den Raum betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, plappern vor der Gesellschaft, verschlingen Süßigkeiten am Tisch, schlagen die Beine übereinander 292 uj 6 | 2026 Jugend ist Zukunft und tyrannisieren ihre Lehrer“ (Patty/ Johnson 1953). Doch wer dasselbe über die heutige Generation sagen würde, läge falsch. Er verstünde die zugleich „stille“ und beharrliche Rebellion der heutigen Jugend nicht. Auch wenn sie manchmal zu „introvertiert“ erscheint, um politisch zu wirken, und manchmal zu extrovertiert, um von Erwachsenen ernst genommen zu werden, hat das seine Gründe. Auch Verweigerung oder Überschwänglichkeit sind letztlich politische Signale. Die Lektion im Ausblick lautet: Wir sollten mehr auf die erst noch im Werden begriffenen, deshalb manchmal unklaren oder dissonanten Stimmen unserer Jugend hören und mit ihr pragmatischer für eine positive Zukunft arbeiten - nicht für sie oder neben ihr, sondern gemeinsam mit ihr. Dafür müssen dringend neue soziale Instrumente geschaffen werden. Beispielsweise sollte es mehr „Hackathons“ für Jugendliche geben, um gemeinsam Problemlösungspfade zu entwickeln, auch auf größere Entfernungen und ohne die Möglichkeit zu physischer Zusammenkunft zu haben. Zweitens bietet sich die breitere Einführung von „Futures Literacy“ oder „Zukünftebildung“ an. Hierbei handelt es sich um das von der UNESCO entwickelte Programm der Zukunftskompetenz, um junge Menschen zukunftsfähiger zu machen. Drittens wäre die Organisation von„Futures Literacy Labs“ hilfreich, also von „Zukunftslaboren“ unter breiter Beteiligung junger Menschen auf lokaler und regionaler Ebene. Alle drei Ansätze sind zugleich konkrete Wege sozialer Inklusion. Dazu hat die UNICEF zuletzt im November 2023 auf dem Dubai Zukunftsforum ihr„Jugend-Vorausschau-Handbuch“ unter dem Titel „Eine Jugend-zentrierte Reise in die Zukunft entwerfen“ präsentiert (UNICEF 2023). Es ist Lektüre und Anwendung wert. Die wichtigste grundsätzliche Herausforderung für die kommenden Jahre aber ist eine der Gesten: nämlich, die Teilhabe der Jugend an der Zivilgesellschaft durch Anerkennung, Ermutigung und Angebote in der Zukunftsbildung zu stärken. Umgekehrt sollten Zukunftsdiskussionen von Jugendlichen, Bürger: innen und Politiker: innen gemeinsam veranstaltet werden. Das Wichtigste für unsere gesamtgesellschaftliche Zukunft ist insgesamt das Bewusstsein, dass Europa und seine Jugend untrennbar miteinander verbunden sind und ohne einander nicht existieren können. Dieses Bewusstsein sollte der Leitstandard jeder nachhaltigkeits- und resilienzorientierten EU-Politik der kommenden Jahre sein. Die Möglichkeiten für ihre Umsetzung im Alltag und in Einzelprojekten sind zahllos. Welches Fazit kann aus alledem gezogen werden? Vor allem dieses: Die Jugend verdient unser Vertrauen in ihre Zukunftsvorstellungen, einschließlich aller Hoffnungen und Ängste. Wir sollten darauf hoffen, dass sie dieses Vertrauen in den kommenden Jahren auf uns zurückspiegelt: weil sie in letzter Instanz eine „schöne Sorge“ in sich trägt, die mit das Wertvollste ist, was die heutige Zeit hat. Wer der heutigen Jugend Kredit gibt, hat richtig investiert, gewinnt Zinsen und Zinseszinsen - auch wenn sie oder er das erst nach Jahren merken mag. Roland Benedikter E-Mail: roland.benedikter@eurac.edu https: / / www.eurac.edu/ en/ people/ rolandbenedikter 293 uj 6 | 2026 Jugend ist Zukunft Literatur Barra, F. (2025): Figli di nessuno. Rizzoli, Mailand Benedikter, R. (Hrsg.): Die Welt 2050: Was junge Menschen in Südtirol über die Welt im Jahr 2050 denken. Barfuss. Das Südtiroler Onlinemagazin. Okt. 2024 - März 2025. In: https: / / www.barfuss.it/ series/ was-jun ge-menschen-in-suedtirol-ueber-die-welt-im-jahr- 2050-denken/ , 13. 2. 2025 Benedikter, R. (2021): What is Re-Globalization? A key term in the making that characterizes our epoch. In: New Global Studies. Edited by Saskia Sassen, Nayan Chanda, Akira Iriye and Bruce Mazlish. De Gruyter, New York 2021, Volume 15, Issue 1 (March 2021), pp. 73 - 84, https: / / www.degruyter.com/ journal/ key/ NGS/ 15/ 1/ html Europäische Union (EU) (Hrsg.): EU-Jugendstrategie. In: https: / / youth.europa.eu/ strategy_de, 13. 2. 2025 Friedrich, J., Hendriks, A. (2024): Imagined futures in sustainability transitions: Towards diverse future-making. Futures 164. In: https: / / doi.org/ 10.1016/ j.futures.2024.103502, 13. 2. 2025 Marcu, S. (2024): From “snowflake generation” to “agents of social change”: Recognizing the voice of Spanish young people in the post-pandemic era. Futures 164. In: https: / / doi.org/ 10.1016/ j.futures.2024. 103500, 13. 2. 2025 Patty, W. L., Johnson, L. S. (1953): Attributed to SOCRA- TES by Plato. In: Patty, W. L., Johnson, L. S.: Personality and Adjustment. McGraw-Hill, New York, 277 Petersen, T. (2021): Die Mehrheit fühlt sich gegängelt. Frankfurter Allgemeine Zeitung 136. In: https: / / www. ifd-allensbach.de/ fileadmin/ kurzberichte_dokumentationen/ FAZ_Juni2021_Meinungsfreiheit.pdf, 13. 2. 2025 Renkamp, A. (2023): Europawahl 2024: Europas Jugend fordert institutionelle Reformen für mehr Demokratie in der EU. Bertelsmann Stiftung. In: https: / / www.bertelsmann-stiftung.de/ de/ unsereprojekte/ new-democracy/ projektnachrichten/ euro pawahl-2024-europas-jugend-fordert-institutio nelle-reformen-fuer-mehr-demokratie-in-der-eu, 13. 2. 2025 UNICEF (2023): Designing a Youth-centred Journey to the Future. A youth foresight playbook, New York, November 2023. In: https: / / www.unicef.org/ in nocenti/ reports/ designing-youth-centred-journeyfuture Zembylas, M. (2025): Theorizing ‘the future’ in higher education: A framework for studying affective futurity. Futures 165, https: / / doi.org/ 10.1016/ j.futures. 2024.103517, 13. 2. 2025 a www.reinhardt-verlag.de Gelassen bleiben in unsicheren Zeiten Der Umgang mit Unsicherheit ist eine wesentliche Herausforderung im menschlichen Alltag. Obwohl viele beunruhigende Ereignisse der Vergangenheit (z. B. Sonnenfinsternis) erklärt werden konnten, verharren wir bei neuen Unsicherheitslagen in unseren alten Denk- und Verhaltensmustern. Dieses Buch leistet einen Beitrag zum kompetenten Umgang mit Unsicherheit. Mithilfe von psychologischem Wissen werden Denkprozesse und Interaktionen besser verständlich gemacht, um künftig reflektierter (re-)agieren zu können. 2022. 218 Seiten. 5 Abb. (978-3-497-03144-3) kt