unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2026.art42d
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Wesentliche Aspekte in der frühkindlichen Diagnostik
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Petra Wallnöfer
Dina Bürgin
Nils Jenkel
Manuela Gärtner
Marc Schmid
Frühe Platzierungen haben weitreichende Konsequenzen für den Lebensweg eines Kindes. Umso wichtiger ist eine fundierte Grundlage für eine stabile Perspektive. Der vorliegende Beitrag widmet sich der Vorstellung der im Rahmen von EQUALS neu entwickelten Testbatterie und stellt ein webbasiertes, multiperspektivisches Verfahren dar, das Informationen auf Kind-, Eltern- und Interaktionsebene systematisch erfasst und in ihrer Dynamik zusammenführt. So unterstützt sie traumasensible und tragfähige Entscheidungen.
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301 unsere jugend, 78. Jg., S. 301 - 314 (2026) DOI 10.2378/ uj2026.art42d © Ernst Reinhardt Verlag Wesentliche Aspekte in der frühkindlichen Diagnostik Eine multiperspektivische Testbatterie für die (Verlaufs-)Diagnostik im stationären Frühbereich: Integration etablierter und neu entwickelter Instrumente Frühe Platzierungen haben weitreichende Konsequenzen für den Lebensweg eines Kindes. Umso wichtiger ist eine fundierte Grundlage für eine stabile Perspektive. Der vorliegende Beitrag widmet sich der Vorstellung der im Rahmen von EQUALS neu entwickelten Testbatterie und stellt ein webbasiertes, multiperspektivisches Verfahren dar, das Informationen auf Kind-, Eltern- und Interaktionsebene systematisch erfasst und in ihrer Dynamik zusammenführt. So unterstützt sie traumasensible und tragfähige Entscheidungen. von Petra Wallnöfer* Jg. 1984; Master of Arts in Erziehungswissenschaft. Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Forschungsabteilung der Klinik für Kinder und Jugendliche der Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPKKJ) Basel (Schweiz) Dina Bürgin* Jg. 1995; Master of Science in Psychology (MSc) - Vertiefungsrichtung Klinische Psychologie und Neurowissenschaften, Psychologie. Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Forschungsabteilung der Klinik für Kinder und Jugendliche der Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPKKJ) Basel (Schweiz) Nils Jenkel Jg. 1978; lic. phil. Psychologe. Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Forschungsabteilung der Klinik für Kinder und Jugendliche der Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPKKJ) Basel (Schweiz) Milou Leiting Jg. 1999; Master of Science in Psychology (MSc) - Vertiefungsrichtung Klinische Psychologie und Neurowissenschaften, Psychologie-Doktorandin an der Universität Basel und der Forschungsabteilung der Klinik für Kinder und Jugendliche der Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPKKJ) Basel (Schweiz) Manuela Gärtner Jg. 1971; Dipl.-Sozialpädagogin (FH), MAS-Sozialmanagement, system. Familienberaterin, Leiterin Kinderheim Pilgerbrunnen, Zürich Marc Schmid Jg. 1971; PD Dr. Dipl.-Psych., Psychologischer Psychotherapeut, Systemischer Familientherapeut und Supervisor, Bereichs- und Forschungsgruppenleiter in der Klinik für Kinder und Jugendliche der Universitären Psychiatrischen Kliniken UPK Basel, Universität Basel * geteilte Erstautorenschaft 302 uj 7+8 | 2026 Frühkindliche Diagnostik Einleitung In den Situationen, in welchen Kinder außerfamiliär untergebracht werden, kommen zahlreiche belastende und strukturelle Faktoren zusammen, die das Familiensystem vorübergehend überfordern und eine interdisziplinäre Unterstützung erforderlich machen. Mit der Platzierung treten nun vermehrt Behörden als Entscheidungsträger sowie verschiedene sozialpädagogische Fachpersonen in der alltäglichen Begleitung in den Vordergrund und übernehmen eine zentrale Rolle im weiteren Prozess. Die Behörden beauftragen die Abklärung und entscheiden anschließend über die weitere Lebenssituation des Kindes. Die Platzierung soll zunächst einen sicheren Ort schaffen, an dem das Kind Schutz erfährt, sich entwickeln kann und dessen Bedürfnisse verlässlich wahrgenommen werden. Zugleich stellt sie häufig eine Übergangslösung dar, bis ein solcher Ort für das Kind mittel- oder langfristig gefunden werden kann. Das Ziel der hier vorgestellten Testbatterie ist es, die Situation und den Kontext von fremdplatzierten Kindern im Alter von null bis etwa sieben Jahren möglichst konkret und systematisch zu erfassen. Um dem jeweiligen Kind möglichst rasch eine mittel- oder langfristig stabile Lebenssituation zu ermöglichen, unterstützt sie Fachpersonen dabei, im Verlauf der ersten Monate, alltägliche Beobachtungen strukturiert festzuhalten, relevante Themenbereiche gezielt zu screenen und mit den elterlichen Bezugspersonen (im Folgenden: Eltern) in einen vertieften Austausch zu treten. Die Ergebnisse können einzeln oder in Form eines Abschlussberichtes mit zusammenfassender Empfehlung gezielt an Behörden oder Entscheidungsträger weitergeleitet werden, sodass sie in fachliche Entscheidungen einfließen können. Der ganze Platzierungsprozess und die Diagnostik richten sich durchgängig traumapädagogisch und traumasensibel aus. Dies bedeutet ein transparentes, partizipatives und individuell gestaltetes Vorgehen sowie eine wertschätzende Haltung gegenüber den Familien. Ziel ist es, die Situation aller Beteiligten möglichst gut zu verstehen, die guten Gründe für besorgniserregende Verhaltensweisen zu klären, das Zusammenspiel der Faktoren, die zur aktuellen Platzierung beigetragen haben, aufzuzeigen und passende Perspektiven für das Kind zu entwickeln. Im Zentrum des diagnostischen Prozesses steht die Förderung des Selbstverstehens der Familie, um sie zur aktiven Mitwirkung an der Hilfeplanung zu motivieren. Die Diagnostik sollte dazu führen, mehr mit der Familie und nicht mehr über die Familie zu sprechen. Das Kinderheim Pilgerbrunnen Zürich und die Universitären Psychiatrischen Kliniken für Kinder und Jugendliche (UPKKJ) Basel entwickelten im Rahmen des Projekts „Sozialpädagogische Verlaufsdiagnostik im stationären Frühbereich“ gemeinsam eine standardisierte, webbasierte sozialpädagogisch-diagnostische Testbatterie, die etablierte Verfahren mit speziell für den stationären Frühbereich konzipierten Fragebögen kombiniert. Mit den dafür entwickelten Fragebögen werden wertvolle Beobachtungen der Fachpersonen aus dem Heimalltag systematisch erfasst und für eine standardisierte Diagnostik sowie zur Beschreibung von Verläufen nutzbar gemacht. Bislang werden Informationen im stationären Frühbereich häufig nur beschreibend und wenig strukturiert erfasst. Dadurch fehlt oft eine systematische Analyse von Verläufen und ein umfassendes Verständnis der Situation. In der Folge werden die fundierten Beobachtungen und Empfehlungen der Frühbereichsheime bei Entscheidungen von Beistandspersonen und Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden (CH) bzw. Jugendämtern und Familiengerichten (D) nicht immer ausreichend berücksichtigt. In ihrer Kombination binden die Fragebögen viele verschiedene Personen und Perspektiven ein. Diese Vielfalt trägt dazu bei, die oft vielschichtigen Lebensrealitäten von Kind und Eltern angemessen abzubilden. Durch einen strukturierten diagnostischen Prozess und eine systematische Dokumentation sollen die 303 uj 7+8 | 2026 Frühkindliche Diagnostik Fachpersonen ihre Beobachtungen gezielter auf wichtige positive und negative Aspekte im Verhalten der Eltern, des Kindes und in der Eltern-Kind-Interaktion richten und dafür sensibilisiert werden. Dieser strukturierte Ansatz sowie die Ausbildung stärken die Sicherheit der Fachpersonen in ihren Einschätzungen und ermöglichen klarere Empfehlungen. Dadurch wird die Position der Frühbereichsheime im diagnostischen Prozess gestärkt. Abb. 1: Kind im Kontext - vernetzte Perspektiven, ganzheitliche Einschätzung. Diagnostik im Frühbereich mit Blick auf das Kind (siehe Kapitel 2.1), die elterlichen Bezugspersonen (siehe Kapitel 2.2) und die Eltern-Kind- Interaktion (siehe Kapitel 2.3). 304 uj 7+8 | 2026 Frühkindliche Diagnostik In diesem Zusammenhang bündelt die Testbatterie alle Informationen auf drei Ebenen, die jeweils eigenständig, aber zugleich miteinander verknüpft sind (siehe Abbildung 1). Auf Kind-Ebene (siehe Kapitel 2.1 & Tabelle A) stehen Entwicklungsstand, Temperament, Stärken und psychische bzw. medizinische Auffälligkeiten im Zentrum. Hierzu gehören somatische und entwicklungsbezogene Basisdaten sowie psychische Belastungen. Diese Ebene macht sichtbar, welche Bedürfnisse, Vulnerabilitäten und Stärken das Kind selbst in die Situation einbringt. Auf Eltern-Ebene (siehe Kapitel 2.2, Tabelle B) stehen Biografie, Belastungen, Ressourcen und Kompetenzen der elterlichen Bezugspersonen im Vordergrund. Erfasst werden unter anderem soziodemografische Merkmale, Lebenslage, frühere Hilfen und eigene traumatische Erfahrungen sowie Erziehungskompetenzen, Erziehungsstil, der Umgang mit schwierigem Verhalten, Bestrafungsverhalten und erlebte Selbstwirksamkeit. Anschaulich formuliert beschreibt diese Ebene, mit welchem „Rucksack aus eigenen Beziehungserfahrungen“ die Eltern in ihre Rolle gehen und wie gut sie den Anforderungen des Kindes gewachsen sind. Durch diese transgenerationale Ebene lassen sich oft gute Gründe für das problematische Erziehungsverhalten, welches zur diagnostischen Platzierung/ Inobhutnahme führte, identifizieren, was es erlaubt, eine verstehende und helfende Beziehung zu den Eltern aufzubauen. Die Interaktions-Ebene (siehe Kapitel 2.3, Tabelle C) beschreibt, wie Eltern und Kind im konkreten Alltag aufeinander reagieren. Sie umfasst die Qualität der Kontakte, Feinfühligkeit, Bindungsqualität und Alltagsinteraktion sowie das erzieherische Verhalten im direkten Umgang. Entscheidend ist, aus den vorliegenden Beobachtungen und Informationen gute Gründe für die Herausforderungen in der Eltern-Kind-Interaktion zu entwickeln, die dann Ansatzpunkte für gemeinsame Veränderungsprozesse bieten. Die Ebene der Interaktion bildet damit die Schnittstelle zwischen Eltern- und Kind-Ebene und ist zentral für Empfehlungen, die eine Rückplatzierung und die Zukunftsperspektive des Kindes betreffen. 1. Durchführung Die Testbatterie ist in Struktur, Inhalt und Ablauf speziell auf den Frühbereich zugeschnitten und orientiert sich an aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Sie wird webbasiert über die für EQUALS (www.equals.ch) und andere Forschungsprojekte entwickelte Online-Plattform WeAskYou umgesetzt, was eine datenschutzkonforme, flexible und nutzerfreundliche Anwendung sowie eine unmittelbare, visualisierte Ergebnisrückmeldung ermöglicht (Schröder et al. 2013). Die verwendeten Verfahren werden individuell ausgewählt und nach Bedarf je nach Fragestellung eingesetzt. Auf diese Weise entsteht ein klar strukturierter Online-Erhebungsplan, der übersichtlich darstellt, zu welchem Zeitpunkt und durch welche Person die einzelnen Verfahren durchgeführt werden (siehe Abb. 2). Nach unserer Empfehlung gliedert sich ein solcher Erhebungsplan in vier Abschnitte, wobei das Vorgehen je nach Interessen, Setting oder Zielgruppe flexibel angepasst werden kann. Zu Beginn wird eine umfassende Anamnese erhoben. Sie trägt dazu bei, mit den Eltern bereits früh in Kontakt zu kommen, ihre Sichtweise gezielt wahrzunehmen und eine vertrauensvolle Beziehung aufzubauen. Zusätzlich zur Anamnese wird der Ist-Zustand anhand der Eintrittsdiagnostik beschrieben, während eine systematische Verlaufsdiagnostik durch wiederholte Anwendungen ausgewählter Instrumente Entwicklungen in zentralen Lebensbereichen multiperspektivisch abbildet. In der Abschlussdiagnostik wird schließlich mit einem Fragebogen die Einschätzung aller Beteiligten zur Platzierung, zur Zusammenarbeit mit Einrichtung, Eltern, Behörden und zur weiteren Perspektive des Kindes erhoben. Wichtig ist dabei, dass die Sicht des Kindes unbedingt einbezogen wird, indem sie altersentsprechend beobachtet, erfragt und im Alltag aktiv berücksichtigt wird. 305 uj 7+8 | 2026 Frühkindliche Diagnostik Abb. 2: Erhebungsplan am Beispiel der Pilotinstitution Kinderheim Pilgerbrunnen. 306 uj 7+8 | 2026 Frühkindliche Diagnostik 2. Die Verfahren In den folgenden Abschnitten werden die konkreten Verfahren in Kürze dargestellt. Es soll für jede Ebene deutlich werden, welche Informationen relevant sein können. Sollten sich in irgendeinem Bereich Auffälligkeiten zeigen, kann eine vertieftere externe Abklärung organisiert werden. 2.1 Ebene Kind Welchen Risiken war das Kind ausgesetzt? Zu Beginn der Platzierung schätzen die zuweisenden Behörden mit dem Child Neglect Index (CNI) (Trocmé 1996) das Ausmaß elterlicher Vernachlässigung ein, um Gefährdungen zu erkennen und Hilfen bzw. Schutzmaßnahmen fundiert planen zu können. Anhand der anamnestischen Fragebögen erfassen die sozialpädagogischen Fachpersonen gemeinsam mit den Eltern die rechtliche, familiäre, biografische und betreuungsbezogene Ausgangslage des Kindes. Sie werden im Ergebnisreport als zentrale Risiko- und Schutzfaktoren dargestellt, sodass die aktuelle Maßnahme fachlich nachvollziehbar eingeordnet und weitere Abklärungs- und Unterstützungsschritte gezielt geplant werden können. Ergänzend können bei Bedarf spezifische Risiken wie eine Fetale Alkoholspektrumstörung (FASD) (Landgraf/ Heinen 2016) oder traumabezogene Belastungen (CATS-2) (Sachser et al. 2022) abgeklärt werden. Was ist der Entwicklungsstand des Kindes? Der Fragebogen zur Einschätzung der kindlichen Entwicklung (angelehnt an Beller/ Beller 2016; Motorische Entwicklung Handmotorik/ Grafomotorische Entwicklung Emotionale Entwicklung Entwicklungsnetz Einschätzung der kindlichen Entwicklung Sprachliche Entwicklung Bildungsentwicklung Soziale Entwicklung Kognitive Entwicklung 7 6 5 4 3 2 1 n Fremdurteil 19. 2. 2025 Betreuer: in n Fremdurteil 4. 6. 2025 Betreuer: in Abb. 3: Beispiel einer visualisierten Auswertung zur kindlichen Entwicklung im Verlauf zu unterschiedlichen Messzeitpunkten. 307 uj 7+8 | 2026 Frühkindliche Diagnostik Petermann/ Macha 2003; Lohaus et al. 2024) ordnet den aktuellen Entwicklungs- und Gesundheitszustand des Kindes ein (siehe Abb. 3). Dies ist besonders bei potenziell vernachlässigten Kindern wichtig, um früh zu erkennen, ob Entwicklungsdefizite in einem förderlichen Umfeld kompensierbar sind, und eine gezielte Förderung einzuleiten. Der Relationship Problems Questionnaire (RPQ) (Kleinrahm et al. 2009; Minnis et al. 2002; Schröder et al. 2020) erfasst frühe Auffälligkeiten im Beziehungsverhalten und gibt Hinweise auf mögliche Bindungs- und Beziehungsstörungen. Der Attachment & Relationship Inventory (ARI-CP) (Spruit et al. 2021) erfasst ergänzend das aktuell erlebte Bindungsmuster zwischen Kind und Bezugsperson und macht Merkmale sicherer bzw. unsicherer Beziehungen sichtbar. Wie ist das Kind und welchen pädagogischen Bedarf hat es? Ressourcen- und Temperamentsfragebögen (in Anlehnung an Thomas/ Chess 1977; Zentner; Interview Protokoll von B. Smith) nehmen die individuelle Persönlichkeit, Vorlieben und das typische Reaktionsmuster des Kindes in den Blick und machen sichtbar, wie herausfordernd der Alltag und die Begleitung für Eltern bzw. Fachpersonen sein kann. Der Strengths and Difficulties Questionnaire (SDQ) (Goodman 1997; Klasen et al. 2003) erfasst psychische Auffälligkeiten und Stärken und ermöglicht den Vergleich von Eltern- und Fachpersonensicht, um gemeinsame, realistische Ziele zu formulieren. Der Fragebogen Ankommen an einem sicheren Ort unterstützt die Einschätzung, ob das Kind in der Einrichtung angekommen ist, und dient als Grundlage für weitere Planungsschritte und mögliche Zukunftsperspektiven. Verfahren und Bearbeitungsdauer Kurzbeschreibung Wer füllt aus Verlaufsdiagnostik CNI (0-16) 15 min. Strukturiertes Rating der elterlichen Fürsorgequalität in zentralen Lebensbereichen: Aufsicht, Versorgung, Förderung. Zuweisende Fachperson im Expertenurteil x Einschätzung der kindlichen Entwicklung* 20 - 30 min. Sieben entwicklungspsychologische Dimensionen - Sprache, Motorik, Handmotorik, Bindung, kognitive, soziale und emotionale Entwicklung - werden erfasst. In der Eingabemaske werden prototypische Entwicklungsschritte als Beispielitems für den jeweiligen Altersbereich angeführt (siehe Abb. 3). Fachperson im Expertenurteil x Ressourcenprofil* 20 - 30 min. Erfasst Vorlieben, Wünsche, Lebenswelt, Umfeld und Bewältigungsstrategien des Kindes. Eltern Fremdeinschätzung zum kindlichen Temperament* 20 min. Die neun Temperamentsdimensionen (Ablenkbarkeit, Aktivität, Ausdauer, Neugierverhalten, Regelmäßigkeit, Reaktionsintensität, Stimmung, sensorische Empfindlichkeit und Anpassungsvermögen) werden in Bezug auf ihre Stärke bzw. Ausprägung beurteilt. Fachperson im Expertenurteil Einschätzung zum Ankommen des Kindes an einem sicheren Ort* 20 - 30 min. Bewertet auf einer siebenstufigen Skala, wie sicher, orientiert und integriert sich das Kind in der Einrichtung fühlt, und unterstützt die traumapädagogische Gestaltung eines sicheren Ortes sowie weitere Planungsschritte. Fachperson der Einrichtung x Tab. A: Ebene Kind. ▶ 308 uj 7+8 | 2026 Frühkindliche Diagnostik 2.2 Ebene Eltern Auch auf der Elternebene kommen psychometrische Selbstbeurteilungsfragebögen zum Einsatz, wohlwissend dass die Befunde vorsichtig interpretiert werden müssen. Kognitive oder psychopathologische Einschränkungen sowie Scham oder der Wunsch, sich sozial erwünscht darzustellen, können das Antwortverhalten und damit die Ergebnisse beeinflussen (Whitcombe-Dobbs et al. 2023; Kirsch et al. 2026; Kindler 2023). Dennoch ist es wichtig, das Selbsturteil zu nutzen, um die unterschiedlichen Perspektiven gegenüberzustellen und die guten Gründe für eine mögliche Diskrepanz zu er- und bearbeiten. Welche Erziehungs- und Beziehungserfahrungen haben die Eltern gemacht? Im Rahmen der Anamnese werden soziodemografische Merkmale, Belastungen und ein Ressourcenprofil der Eltern erfasst; der Childhood Trauma Questionnaire (CTQ-E) (Bader et al. 2009; Bernstein et al. 1998; Bernstein et al. 1994; Paquette et al. 2004; Wingenfeld et al. 2010) macht darüber hinaus deutlich, welche eigenen potenziell traumatischen Kindheits- und Jugenderfahrungen in die aktuelle Familiensituation hineinwirken. Wie belastet, gestresst und selbstwirksam beschreiben sich die Eltern? Fragebögen zu elterlicher Selbstwirksamkeit (SWE-E) (Schwarzer/ Jerusalem, 1995, 1999), elterlichem Stress (PSS-E) (Berry/ Jones 1995; Kölch et al. 2022) und eigenen Stärken und Schwierigkeiten (SDQ-SE18) (Goodman 1997; Klasen et al. 2003) bilden das aktuelle Erleben und die Belastungssituation der Eltern ab und zeigen, wo Entlastungs- und Unterstützungsbedarf besteht. Verfahren und Bearbeitungsdauer Kurzbeschreibung Wer füllt aus Verlaufsdiagnostik SDQ-P (2-4/ 4-17) 10 - 15 min. Beurteilung der vier Kategorien bezogen auf das letzte halbe Jahr: emotionale Symptome, Verhaltensprobleme, Hyperaktivität, Probleme mit Gleichaltrigen. Zudem werden prosoziales Verhalten und der Einfluss der Schwierigkeiten auf den Alltag beurteilt. Eltern & Fachperson im Fremdurteil x RPQ (3-16) 5 min. Dieser Fragebogen erfasst, ob ein Kind ein auffälliges Bindungsverhalten zeigt. Eltern & Fachperson im Fremdurteil ARI-CP (2-5) 15 min. Erfasst aus Elternsicht, wie die Beziehung zum Kind aktuell erlebt wird, und ordnet Merkmale sicherer bzw. unsicherer (vermeidender, ambivalenter, desorganisierter) Bindungsbeziehungen ein. Eltern im Fremdurteil x Diagnostik zum medizinischen Gesundheitszustand des Kindes und zu FASD* 10 - 20 min. Der erste Teil klärt und erhebt gesundheitliche Fragen und körperliche, Entwicklungs- und Verhaltensauffälligkeiten. Der zweiteTeil beinhaltet eine gezielte FASD-Diagnostik. Fachperson zusammen mit Kinderarzt/ -ärztin CATS-2 10 min. Kurzfragebogen zur Erfassung potenziell traumatischer Ereignisse und aktueller PTSD/ CPTSD-Symptome nach DSM 5 und ICD 11. Eltern im Fremdurteil Anmerkungen: * eigens für den Frühbereich entwickeltes Verfahren; Verlaufsdiagnostik: Das Verfahren eignet sich für wiederholte Anwendungen. ▶ 309 uj 7+8 | 2026 Frühkindliche Diagnostik 2.3 Ebene Interaktion In der Interaktion wird deutlich, wie die Ebenen zirkulär ineinandergreifen: Elterliche Belastungen, Kompetenzen und Einstellungen beeinflussen, welche Risiko- oder Schutzfaktoren beim Kind wirksam werden; umgekehrt wirken Temperament, Entwicklungsbesonderheiten und Symptome des Kindes auf Stress, Selbstwirksamkeit und Erziehungsstrategien der Eltern zurück. Es zeigt sich, wie gut Eltern trotz eigener Belastungen auf die spezifischen Bedürfnisse des Kindes eingehen können und wie das Kind auf dieses Verhalten reagiert, sodass sich nachvollziehen lässt, warum sich bestimmte Entwicklungsverläufe sowie Schutz bzw. Risikokonstellationen herausbilden. Wie gestaltet sich der Alltag im Umfeld des Kindes? Die Einschätzung der Kontakte (angelehnt an Hauri et al. 2021) und dokumentierte Hausbesuche (angelehnt an MST-CAN Safety Checklist; HOME Bradley et al. 2003 und Kinderschutz Schweiz) erfassen die Rahmenbedingungen der Begegnungen, die Qualität und Verlässlichkeit der Kontaktgestaltung sowie das häusliche Umfeld, um Risiken und Ressourcen sichtbar zu machen und Entscheidungen zu Kontaktregelungen, Schutz- und Unterstützungsmaßnahmen zu begründen. Unter Berücksichtigung der anderen Fragebögen kann die Einschätzung der Erziehungskompetenz (angelehnt an Petermann/ Petermann 2006) durch das Fachteam aufzeigen, inwieweit Eltern in der Lage sind, den Alltag mit dem Kind angemessen zu gestalten, mit dem Kind sensitiv und wirkungsvoll zu interagieren, ihm auch Grenzen zu setzen und es adäquat zu fördern. Oft wird unterschätzt, wie stark die gesellschaftliche Teilhabe und die Fähigkeit der Eltern, den Familienalltag zu strukturieren und selbstwirksam zu gestalten, die Entwicklung der Kinder beeinflussen - denn Verfahren und Bearbeitungsdauer Kurzbeschreibung Wer füllt aus Verlaufsdiagnostik Ressourcenprofil* 20 - 30 min. Erfasst Vorlieben, Wünsche und Bewältigungsstrategien der Eltern. Eltern im Selbsturteil SWE-E 3 min. Erfasst das Vertrauen der Eltern in ihre Fähigkeit, Alltags und Erziehungssituationen aus eigener Kraft zu bewältigen. Eltern im Selbsturteil x PSS-E 5 min. Misst, wie belastend Eltern den Alltag mit ihrem Kind erleben, und ordnet das Belastungsniveau im Vergleich zu einer Normstichprobe ein. Eltern im Selbsturteil x SDQ-SE18 10 - 15 min. Beurteilung der vier Kategorien bezogen auf das letzte halbe Jahr: emotionale Symptome, Verhaltensprobleme, Hyperaktivität, Probleme mit Gleichaltrigen. Zudem werden prosoziales Verhalten und der Einfluss der Schwierigkeiten auf den Alltag beurteilt. Eltern im Selbsturteil x CTQ-E 10 min. Erfasst die Stärke der eigenen Misshandlungserfahrungen in der Kindheit (emotionaler, körperlicher und sexueller Missbrauch, emotionale und körperliche Vernachlässigung). Eltern im Selbsturteil Anmerkungen: * eigens für den Frühbereich entwickeltes Verfahren; Verlaufsdiagnostik: Das Verfahren eignet sich für wiederholte Anwendungen. Tab. B: Ebene Eltern. 310 uj 7+8 | 2026 Frühkindliche Diagnostik Kinder brauchen Vorbilder in ihrem Umfeld. Moderne Definitionen der Erziehungsfähigkeit berücksichtigen diese Aspekte und verlangen diese bei der Einschätzung abzubilden (Petermann/ Petermann 2006; Zumbach/ Oster 2021). Wie reagieren Eltern in schwierigen Erziehungssituationen? Der Erziehungsfragebogen EFB-K (Naumann et al. 2010) bildet das Erziehungsverhalten in belastenden Alltagssituationen ab und macht Muster wie ausgeprägte Nachsichtigkeit oder Überreagieren erkennbar. Ergänzend erfasst der Fragebogen zum Bestrafungsverhalten Art, Häufigkeit und Gründe eingesetzter Strafen, insbesondere körperliche Bestrafungen und deren Auslöser, um Risiken für das Kind zu erkennen und Schutz-, Entlastungs- und Unterstützungsangebote abzuleiten. Wie erleben Kind und Fachpersonen die Beziehung und Interaktion? Das Screening zur Interaktion (angelehnt an Als/ Brazelton 1981; Buchheim et al. 2007; Downing 2025; Steele/ Steele 2008) ermöglicht eine kindzentrierte, systematische Einschätzung typischer Interaktionsmuster und feinfühliger versus dysfunktionaler Verhaltensweisen seitens der elterlichen Bezugsperson (siehe Abb. 4), um festzustellen, ob diese passend und ausreichend gut auf die Bedürfnisse des Kindes eingehen kann oder wo sich Brüche in der Interaktion zeigen (Ziegenhain et al. 2014). Strukturierung - Führung - Präsenz Umgang der Bezugsperson mit eigenen Bedürfnissen - Selbstregulation Gelöstheit - Wohlbefinden - geteilter positiver Aspekt Umgang mit Bindungsbedürfnissen - emotionale Bezogenheit - Akzeptanz Sensitivität für Bedürfnisse - mentale und emotionale Zustände - Feinzeichen Umgang mit den kindlichen Bedürfnissen Kooperation - soziales Problemlösen/ Verhandeln - verbale/ nonverbale Kommunikation Rhythmus - Organisation von Zeit und Raum Einschätzung der Interaktion zwischen Kind und Mutter 1 2 3 4 5 6 7 n Fremdurteil 14. 12. 2023 Mutter Kategorien: 1 = kann überhaupt nicht beobachtet werden, 2 = kann großteils nicht beobachtet werden, 3 = kann wenig beobachtet werden, 4 = kann teils beobachtet werden, 5 = kann oft beobachtet werden, 6 = kann großteils beobachtet werden, 7 = kann voll und ganz beobachtet werden Abb. 4: Beispiel einer visualisierten Auswertung zur Interaktionsbeobachtung. 311 uj 7+8 | 2026 Frühkindliche Diagnostik Schlusswort Frühe Platzierungsentscheidungen haben weitreichende Konsequenzen für das gesamte weitere Leben eines Kindes und seiner Familie. Jede Entscheidung hat ihre Vor- und Nachteile, gravierende Fehlentscheidungen können fatale Konsequenzen haben. Deshalb sollten sie nicht auf einzelnen Beobachtungen oder Momentaufnahmen beruhen, sondern auf einer fundierten, multiperspektivischen Grundlage, und im Prozess kontinuierlich evaluiert werden. Die vorgestellte Testbatterie setzt genau hier an: Sie ermöglicht es, Informationen auf Kind-, Eltern- und Interaktionsebene systematisch zu erfassen und in ihrem Zusammenspiel zu verstehen - ausschlaggebend ist dabei nicht ein einzelner Faktor, sondern die Dynamik zwischen ihnen. Zentral ist dabei eine traumasensible Haltung, die Verhalten nicht vorschnell bewertet, sondern nach den zugrunde liegenden „guten Verfahren und Bearbeitungsdauer Kurzbeschreibung Wer füllt aus Verlaufsdiagnostik EFB-K 10 min. Selbsteinschätzung in Bezug auf nachsichtiges versus überreagierendes Erziehungsverhalten. Eltern im Selbsturteil x Bestrafungsverhalten der Eltern 15 - 20 min. Erhebt Art, Häufigkeit, Intensität und Gründe eingesetzter Strafen. Eltern im Selbsturteil x Einschätzung der Kontakte zwischen Eltern & Kind* 30 min. Strukturierte Beobachtung der Kontaktgestaltung durch die Eltern sowie des Erlebens und Verhaltens des Kindes vor und nach den Kontakten über einen längeren Zeitraum. Fachperson im Expertenurteil x Screening der Interaktion zwischen Kind und Bezugsperson* 45 min. Videobasierte oder strukturierte Verhaltensbeobachtung in acht Kategorien: Strukturierung/ Führung/ Präsenz, Selbstregulation, Gelöstheit/ Wohlbefinden/ geteilter positiver Affekt, Bindungsbedürfnisse/ emotionale Bezogenheit/ Akzeptanz, Sensitivität für Bedürfnisse, mentale und emotionale Zustände sowie Feinzeichen, Umgang mit den kindlichen Bedürfnissen, Kooperation/ soziales Problemlösen/ verbale und nonverbale Kommunikation, Rhythmus und Organisation von Raum und Zeit (siehe Abb. 4). Fachperson im Expertenurteil x Einschätzung zum häuslichen Umfeld und zu kindlichen Entwicklungsmöglichkeiten* 25 min. Bewertet Sicherheit, Wohnsituation, Spiel- und Lernmöglichkeiten zu Hause und hält zugleich Ressourcen und Belastungen im Auftreten der Bezugspersonen fest. Fachperson im Expertenurteil x Einschätzung der Erziehungskompetenz* 30 min. Standardisierte Einschätzung zentraler Erziehungsbereiche: Beziehung, Interaktion, Grenzsetzung, Förderung, Vorbildfunktion, Alltagsmanagement auf einer siebenstufigen Skala anhand von Verhaltensbeispielen. Fachpersonen im Teamurteil x Anmerkungen: * eigens für den Frühbereich entwickeltes Verfahren; Verlaufsdiagnostik: Das Verfahren eignet sich für wiederholte Anwendungen. Tab. C: Ebene Interaktion. 312 uj 7+8 | 2026 Frühkindliche Diagnostik Gründen“ fragt. Gerade unterschiedliche Sichtweisen von Eltern, Fachpersonen und weiteren Beteiligten stellen dabei keinen Widerspruch dar, sondern liefern wertvolle Hinweise für ein vertieftes Verständnis der Situation und können das Selbstverstehen der Eltern fördern. Die grundlegenden Voraussetzungen für jeden erfolgreichen Hilfeprozess und für eine höhere Sensitivität in der Eltern-Kind-Interaktion sind eine Reduktion des Stressniveaus, ein Ankommen, sich wertgeschätzt und verstanden zu fühlen. Für die Praxis bedeutet dies eine spürbare Entlastung und zugleich eine Stärkung fachlicher Handlungssicherheit: Beobachtungen können strukturiert gebündelt, Entwicklungen nachvollziehbar dargestellt und Empfehlungen gegenüber Behörden klar und begründet formuliert werden. Die Kombination aus etablierten diagnostischen Verfahren und eigens entwickelten Instrumenten für den Frühbereich stellt dabei eine innovative Weiterentwicklung dar, die den spezifischen Anforderungen dieses sensiblen Altersbereichs gerecht wird. Die Ergebnisse der standardisierten Diagnostik fügen sich schrittweise zu einem Gesamtbild zusammen und müssen entsprechend gewichtet werden. Neben den Befunden der Testbatterie spielen auch das klinische Urteil und das „Bauchgefühl“ eine wichtige Rolle, die idealerweise durch psychometrische Ergebnisse gestützt werden und so Fehleinschätzungen reduzieren. Ein standardisiertes Vorgehen strukturiert die Erhebung, schafft eine gemeinsame Grundlage für den interdisziplinären Austausch und ermöglicht differenzierte Einschätzungen komplexer Familiensituationen. Darauf aufbauend können gezielte Empfehlungen für die Hilfeplanung sowie fundierte Entscheidungen im weiteren Hilfeverlauf (z. B. Besuchsregelung, Rückplatzierung oder ergänzende Hilfen) getroffen werden. Eine standardisierte Diagnostik im Frühbereich leistet einen entscheidenden Beitrag dazu, tragfähige und langfristig stabile Perspektiven für Kinder zu entwickeln - mit dem Ziel, für jedes Kind einen passenden „sicheren Ort“ zu finden, die Rückplatzierungsprozesse fachlich und nachvollziehbar zu gestalten und dadurch die Platzierungskontinuität und den nachhaltigen Erfolg der Hilfen zu verbessern. Petra Wallnöfer Universitäre Psychiatrische Kliniken (UPK) - Klinik für Kinder und Jugendliche (UPKKJ) Wilhelm Klein-Str. 27 4002 Basel E-Mail: petra.wallnoefer@upk.ch Literatur Als, H. & Brazelton, T. B. (1981): A new model of assessing the behavioral organization in preterm and fullterm infants: two case studies. J Am Acad Child Psychiatry, 20 (2), 239 - 263, https: / / doi.org/ 10.1016/ s0002-7138 (09)60987-0 Bader, K., Hänny, C., Schäfer, V., Neuckel, A. & Kuhl, C. 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