unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2026.art43d
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2026
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Sozialpädagogische Verlaufsdiagnostik: Erfahrungen aus der Praxis des stationären Frühbereichs
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Svenja Kühnemann
Kristin Tafferner
Manuela Gärtner
Seit vier Jahren wird eine innovative Form der webbasierten sozialpädagogischen Verlaufsdiagnostik in der Praxis des Kinderheims Pilgerbrunnen bei sogenannten Diagnostikplätzen im Frühbereich (0–7 Jahre) angewendet. Welche Ressourcen (Strukturqualität) werden für die Umsetzung der Diagnostik in einem Frühbereichsheim benötigt? Wie werden diese umgesetzt (Prozessqualität)? Was hat sich dadurch verändert, was braucht es für die erfolgreiche Umsetzung, welche Verbesserungen zeigen sich und wo bestehen Herausforderungen?
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315 unsere jugend, 78. Jg., S. 315 - 322 (2026) DOI 10.2378/ uj2026.art43d © Ernst Reinhardt Verlag Sozialpädagogische Verlaufsdiagnostik: Erfahrungen aus der Praxis des stationären Frühbereichs Seit vier Jahren wird eine innovative Form der webbasierten sozialpädagogischen Verlaufsdiagnostik in der Praxis des Kinderheims Pilgerbrunnen bei sogenannten Diagnostikplätzen im Frühbereich (0 - 7 Jahre) angewendet. Welche Ressourcen (Strukturqualität) werden für die Umsetzung der Diagnostik in einem Frühbereichsheim benötigt? Wie werden diese umgesetzt (Prozessqualität)? Was hat sich dadurch verändert, was braucht es für die erfolgreiche Umsetzung, welche Verbesserungen zeigen sich und wo bestehen Herausforderungen? von Svenja Kühnemann Jg. 1992; M. A. Soziale Arbeit, Diagnostische Fachkraft, Kinderheim Pilgerbrunnen, Zürich (Schweiz) Kristin Tafferner Jg. 1986; Diplom-Pädagogin und Systemische Beraterin und Therapeutin (DGSF), Fachmitarbeiterin Pädagogik und Entwicklung, Kinderheim Pilgerbrunnen, Zürich (Schweiz) Manuela Gärtner Jg. 1971, Dipl.-Sozialpädagogin (FH), MAS-Sozialmanagement, system. Familienberaterin, Leiterin Kinderheim Pilgerbrunnen, Zürich Einleitung Das Kinderheim Pilgerbrunnen ist eine sozialpädagogische Institution im stationären Frühbereich, die im Rahmen von Kindesschutzmaßnahmen, welche von der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) veranlasst werden, Kinder ab Geburt bis zum Alter von sieben Jahren betreut. Es gibt vier altersgemischte Wohngruppen für insgesamt 32 Kinder. Davon stehen acht Plätze für die sozialpädagogische Verlaufsdiagnostik zur Verfügung, die in die Wohngruppen integriert sind. Seit über zehn Jahren ist die Traumapädagogik auf den Ebenen Kinder, Eltern, Mitarbeitende, Diagnostik und Raum ein zentraler Orientierungspunkt für die professionelle Arbeit im Kinderheim Pilgerbrunnen. Die Standards für Traumapädagogische Konzepte in der stationären Kinder- und Jugendhilfe (Fachverband Traumapädagogik e.V. und Schweizer Fachverband Traumapädagogik 2025) sowie ein eigens entwickeltes Konzept des sicheren Orts, unter Bezugnahme auf die vier psychischen Grundbedürfnisse nach Klaus Grawe (Grawe 2004), bilden dabei die Grundlagen. Ziel der traumapädagogischen Arbeit ist es, dass alle - Kinder, Eltern, Mitarbeitende und Leitung - die Einrichtung als entwicklungsfördernden und sicheren Ort erleben. In der Zusammenarbeit mit den Herkunftssystemen werden die Eltern als Expert: innen für ihr Kind und ihre Familie betrachtet. Die Mitarbeitenden investieren viel in die Beziehungsarbeit mit den Eltern, da die Kinder sich nur dann auf die Lebenswelt Einrichtung gut einlassen können, wenn sie erleben, dass ihre Eltern und die pädagogischen Fachkräfte in einem guten Kontakt zueinander stehen. Auch in Bezug auf die Eltern besteht das Bewusstsein, dass die guten Gründe für ihr Verhalten in ihren belasteten 316 uj 7+8 | 2026 Sozialpädagogische Verlaufsdiagnostik Biografien liegen. Daneben gibt es in allen Familien Ressourcen und Stärken, die anzuerkennen und zu fördern sind. Bereits vor der Einführung des Diagnostik-Angebots fand im Verlauf der Platzierungen eine „implizite Diagnostik“ statt, bei der die Fachpersonen der Institution auf der Basis ihrer Alltagsbeobachtungen Einschätzungen über Kind und Familie vornahmen. Aus diesen Einschätzungen wurden Empfehlungen für die weitere Hilfeplanung abgeleitet und bei Bedarf wurden auch Stellungnahmen zuhanden der platzierenden Fachstellen geschrieben. Obwohl sich diese Vorgehensweise in vielen Situationen bewährte, bestand Optimierungsbedarf. Zwar verfügten die sozialpädagogischen Fachpersonen im Frühbereich über umfangreiche Beobachtungserfahrungen, jedoch fanden diese Einschätzungen häufig nicht die nötige Anerkennung bei Behörden und Gerichten. Es fehlte ein strukturiertes und standardisiertes Verfahren, um die Beobachtungen und Einschätzungen objektiviert erfassen und dokumentieren und daraus abgeleitet passgenaue Hilfeplanungen für die Kinder und ihre Familien gestalten zu können. Deshalb hat das Kinderheim Pilgerbrunnen, gemeinsam mit der Klinik für Kinder und Jugendliche der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel, eine Erweiterung des EQUALS-Programms für den Frühbereich entwickelt und wendet dieses nun erfolgreich in der Praxis an (Schmid et al. 2026, Wallnöfer et al. 2026 in diesem Sonderheft). 1. Was zeichnet die sozialpädagogische Verlaufsdiagnostik für den stationären Frühbereich aus? Die Diagnostik verbindet strukturierte sozialpädagogische Beobachtungen mit ausgewählten standardisierten Instrumenten. Dabei werden verschiedene Perspektiven einbezogen: die Entwicklung des Kindes, die Lebenssituation der Eltern sowie die Qualität der Eltern-Kind-Interaktion. Die Ergebnisse werden im Verlauf des Prozesses zusammengeführt und in einem Abschlussbericht festgehalten. Die zentralen Charakteristika der sozialpädagogischen Verlaufsdiagnostik werden im Folgenden beschrieben. Im deutschsprachigen Raum existieren bislang keine passgenauen diagnostischen Instrumente für den stationären Frühbereich. Viele Verfahren wurden für klinische oder ambulante Settings entwickelt und lassen sich nur begrenzt auf den stationären Bereich übertragen. Im Rahmen der Entwicklung der sozialpädagogischen Verlaufsdiagnostik wurden deshalb, neben bestehenden Screening-Instrumenten, auch neue Einschätzungsinstrumente entwickelt. Diese sind auf die Anforderungen des stationären Frühbereichs und die Fragestellungen der sozialpädagogischen Praxis abgestimmt. Sie ermöglichen eine strukturierte Erfassung von Beobachtungen zur Entwicklung des Kindes, zur Eltern-Kind-Interaktion sowie zur Zusammenarbeit mit den Eltern. Gleichzeitig bieten sie genügend Flexibilität, um unterschiedlichen Familiensystemen angemessen zu begegnen. Eine zentrale Besonderheit des Angebots liegt in der Verbindung von Diagnostik und Intervention. Während der diagnostischen Phase wird bereits intensiv mit den Eltern zusammengearbeitet. Eltern nehmen an Gesprächen teil, erhalten Rückmeldungen zu diagnostischen Erkenntnissen und Unterstützung im Umgang mit ihrem Kind. Begleitete Eltern-Kind-Kontakte, welche anhand ausgewählter Kategorien ausgewertet werden, bieten die Möglichkeit, Interaktionen differenziert zu beobachten und gemeinsam zu reflektieren. So beginnen Unterstützungsprozesse bereits während der Abklärung und müssen nicht erst nach deren Abschluss aufgebaut werden. Gleichzeitig entstehen zahlreiche Situationen, in denen das Verhalten der Eltern im Kontakt mit ihrem Kind beobachtet werden kann. Diagnostische Einschätzungen stützen sich dadurch auf Erfahrungen aus der fortlaufenden Zusammenarbeit mit der Familie. 317 uj 7+8 | 2026 Sozialpädagogische Verlaufsdiagnostik Zudem besteht eine enge Vernetzung zwischen der Diagnostik, den Beteiligten des Hilfesystems und den fallführenden Mitarbeitenden der Wohngruppen. Dadurch können Abläufe flexibel an die jeweilige Situation der Familie angepasst werden. Zu Beginn einer Platzierung sind Eltern häufig stark belastet. In solchen Situationen können Eltern-Kind-Kontakte eng durch Fachpersonen der Einrichtung begleitet werden, um das Kindeswohl zu sichern und gleichzeitig erste Beobachtungen zur Interaktion zu ermöglichen. Zeigen sich Fortschritte, können die Kontakte ausgeweitet werden und es wird beobachtet, wie das Kind auf diese Veränderungen reagiert und wie die Eltern mit den jeweiligen Anforderungen umgehen. Wenn beim Kind Anzeichen von Stress oder Belastung auftauchen, oder bei den Eltern eine Überforderung wahrgenommen wird, wird dies in den diagnostischen Tools festgehalten und die Kontakte können ggf. entsprechend angepasst werden. Der diagnostische Prozess mit den breit angelegten Unterstützungsformen ermöglicht außerdem zu beobachten, welche Interventionen bei Eltern am besten wirken. Einige Eltern profitieren beispielsweise stark von videogestütztem Feedback zu ihren Interaktionen mit dem Kind, während andere besser auf Lernen am Modell reagieren. Diese Erfahrungen sind für die weitere Hilfeplanung von großer Bedeutung. Wenn Eltern noch nicht bereit sind, Unterstützung durch Fachpersonen anzunehmen, wird dies ebenfalls im diagnostischen Prozess sichtbar und in den Empfehlungen berücksichtigt. Eine weitere Besonderheit ergibt sich durch den Beobachtungszeitraum im stationären Setting. Die Fachpersonen können die Entwicklung der Kinder über mehrere Monate hinweg in unterschiedlichen Situationen beobachten. Diese kontinuierliche Beobachtung ermöglicht einen differenzierten Blick auf die Entwicklung der Kinder. Verhaltensweisen zeigen sich im Betreuungsalltag und nicht nur in einzelnen Untersuchungssituationen. Veränderungen werden über einen längeren Zeitverlauf hinweg sichtbar, und im Vergleich zu punktuellen Abklärungen entsteht so ein zuverlässigeres Bild der Entwicklung. Situative Einflüsse, wie Unsicherheit gegenüber fremden Fachpersonen oder die Tagesform, beeinflussen die Einschätzung somit weniger stark und verschiedene Beobachtungen können miteinander verglichen werden. Auch die Einschätzung der Erziehungskompetenzen profitiert vom längeren Beobachtungszeitraum. Durch die kontinuierliche Zusammenarbeit mit den Eltern entstehen zahlreiche Interaktionssequenzen, etwa in Gesprächen, in Spiel- und Versorgungssituationen zwischen Eltern und Kind sowie bei medizinischen und schulischen Terminen. Dabei kann nicht nur beobachtet werden, wie die Eltern auf Signale ihres Kindes reagieren, sondern auch wie sie mit alltäglichen Belastungen umgehen, wie sie Rückmeldungen aufnehmen und wie sich ihr Verhalten im Verlauf verändert. Die sozialpädagogische Verlaufsdiagnostik ist so aufgebaut, dass unterschiedliche professionelle Rollen darin zusammenwirken und ein multiperspektivischer Blick auf das Familiensystem einfließt. Die Kinder werden im Alltag von den Fachpersonen der Wohngruppe betreut, während die diagnostische Fachkraft den diagnostischen Prozess koordiniert und zusätzliche Beobachtungen einbringt. Diese Struktur ist durch ein Vier-Augen-Prinzip, bei dem Einschätzungen von mehreren Fachpersonen diskutiert und überprüft werden, qualitätssichernd. Neben den Beobachtungen der Fachpersonen der Wohngruppe und der diagnostischen Fachkraft werden auch die Perspektiven der Eltern und der Kinder einbezogen. Darüber hinaus werden Informationen aus dem Hilfesystem berücksichtigt (u. a. Beistandspersonen, Lehrpersonen, Therapeut: innen und sozialpädagogische Familienbegleitung [SPFH]). Ein Hausbesuch ermöglicht zusätzlich einen Einblick in 318 uj 7+8 | 2026 Sozialpädagogische Verlaufsdiagnostik das häusliche Umfeld der Familie, so können Lebensbedingungen, Ressourcen und Belastungen besser verstanden werden. Die verschiedenen Perspektiven werden im Verlauf des diagnostischen Prozesses zu einem Gesamtbild zusammengeführt. 2. Welche Ressourcen sind für die Umsetzung der Diagnostik erforderlich? Die Umsetzung der sozialpädagogischen Verlaufsdiagnostik benötigt bestimmte personelle, strukturelle und zeitliche Voraussetzungen, welche nachfolgend beschrieben werden. Für die Umsetzung der sozialpädagogischen Verlaufsdiagnostik wird neben dem Personal der Wohngruppen ein Diagnostikteam, mit klar definierten Aufgaben und ausreichenden zeitlichen Ressourcen und einer entsprechenden Qualifikation, benötigt. Bei acht Diagnostikplätzen sind zwei diagnostische Fachkräfte mit je 80 Stellenprozenten angestellt, ergänzt wird das Team durch eine diagnostische Leitung mit 10 Stellenprozenten. Die diagnostischen Fachkräfte begleiten die Diagnostikfälle über die gesamte Diagnostikphase hinweg. Zu ihren Aufgaben gehören Gespräche mit den Eltern, die Begleitung von Eltern-Kind- Kontakten, die Koordination und Durchführung diagnostischer Tools, die Zusammenführung der verschiedenen Informationen sowie die Erstellung der Berichte. Für die Besetzung dieser Stelle sind Fachpersonen mit einer sozialpädagogischen Grundausbildung sowie fundierten Kenntnissen in Frühpädagogik, Entwicklungspsychologie und Traumapädagogik sowie mit vertieften Kompetenzen in der Beobachtung von Eltern-Kind-Interaktionen gefragt. Die diagnostische Leitung übernimmt die Führung des Diagnostikteams. Zu ihren Aufgaben gehören die Koordination und Leitung von Liniengesprächen mit den diagnostischen Fachkräften, Fallbesprechungen, Coachinggespräche sowie die Weiterentwicklung des diagnostischen Angebots. Für diese Rolle sind neben sozialpädagogischem Fachwissen auch Führungskompetenz und Erfahrung in der Koordination komplexer Fallverläufe erforderlich. Neben dem Diagnostikteam sind die Fachpersonen der Wohngruppen wesentlich an der Umsetzung der Diagnostik beteiligt. Gruppenleitungen sowie Sozialpädagog: innen bringen ihre Beobachtungen aus dem Alltag der Kinder ein, dokumentieren Entwicklungsverläufe, beteiligen sich an Einschätzungen zur Eltern- Kind-Interaktion und nehmen an Coachinggesprächen teil. Für diese zusätzlichen Aufgaben werden, neben dem regulären Gruppendienst, gezielt eingeplante Zeitressourcen benötigt. In der Praxis zeigt sich, dass es eine Herausforderung ist, diese Zeiten planerisch in den dynamischen Gruppenalltag zu integrieren. Der zeitliche Aufwand der Diagnostik sowie die Verteilung der zeitlichen Ressourcen zwischen den beteiligten Fachpersonen ist nicht zu unterschätzen. Um eine qualitativ hochwertige Diagnostik gewährleisten zu können, sind erhebliche Ressourcen erforderlich, was für die Einrichtung eine entsprechende Investition bedeutet. Neben personellen Ressourcen ist auch ein geeigneter Raum für die Durchführung der Diagnostik erforderlich, in dem Elterngespräche, das Ausfüllen von Fragebögen, Entwicklungstests, Begleitung von Eltern-Kind-Kontakten und videobasierte Diagnostik störungsfrei und ablenkungsarm stattfinden können. Schließlich sind fortwährende Weiterbildung und Schulung unabdingbar. Neues Personal wird durch bereits eingeführte Kolleg: innen sowie das Diagnostikteam eingearbeitet und für die herausfordernde Aufgabe qualifiziert. Das umfassende Manual und das interne Diagnostikkonzept, welche eine Beschreibung der Tools sowie eine Darstellung der internen Abläufe 319 uj 7+8 | 2026 Sozialpädagogische Verlaufsdiagnostik enthalten, unterstützen diesen Prozess. Die diagnostischen Fachkräfte besuchen fortlaufend externe Weiterbildungen zu spezifischen Themen, beispielsweise zur Beobachtung von Interaktionen zwischen Eltern und Kind, zur Anwendung videogestützter Methoden oder zum Verfassen diagnostischer Berichte. Für Fachpersonen der Wohngruppen werden regelmäßig interne Schulungen durch das Diagnostikteam angeboten. Dabei werden Grundlagen zum diagnostischen Prozess sowie zur Beobachtung und Dokumentation der Kinder im Alltag vermittelt. 3. Was hat sich durch die sozialpädagogische Verlaufsdiagnostik positiv verändert? Nachfolgend wird aufgezeigt, welche positiven Veränderungen in der Praxis durch die Einführung der Diagnostik beobachtet werden konnten. Am Beginn jeder Diagnostik steht eine ausführliche Anamnese mit den Eltern. Anhand eines strukturierten Gesprächsleitfadens wird die Familiengeschichte gemeinsam rekonstruiert. Die Eltern erhalten dabei Raum, ihre Perspektiven, Beweggründe und biografischen Erfahrungen einzubringen. Diese Gespräche werden von vielen Eltern als wertschätzend erlebt und sie berichten offen von ihren biografischen Erfahrungen, da sie Interesse an sich und ihrer Geschichte erleben. Dadurch entsteht eine wichtige Grundlage für den Aufbau eines tragfähigen Vertrauensverhältnisses. Im weiteren Verlauf der Diagnostik finden regelmäßige Rückgabegespräche statt, in denen Beobachtungen und diagnostische Einschätzungen mit den Eltern besprochen und gemeinsam eingeordnet werden. Durch diese kontinuierliche Einbindung der Eltern vertieft sich in der Regel die Zusammenarbeit. Für die Fachpersonen entsteht ein differenzierteres Fallverständnis, da biografische Hintergründe, Belastungen und Ressourcen der Familien noch besser sichtbar werden. Insbesondere werden die „guten Gründe“ elterlichen Handelns nachvollziehbarer. Zugleich eröffnet die diagnostische Arbeit erweiterte Möglichkeiten der Psychoedukation im Bereich von Erziehungs- und Beziehungskompetenzen. Die transparente Rückmeldung diagnostischer Beobachtungen stärkt zudem die Partizipation der Eltern im Hilfeplanungsprozess. Entwicklungsverläufe werden nachvollziehbar, Erwartungen an die Zusammenarbeit können klarer formuliert und mögliche Kooperationsschwierigkeiten frühzeitig gemeinsam bearbeitet werden. Insgesamt zeigt sich, dass es durch die Diagnostik meist zu einer engeren Kooperation und einer höheren Akzeptanz der Platzierung kommt. Des Weiteren lassen sich auch positive Veränderungen in der internen Zusammenarbeit beobachten. So hat sich der fachliche Austausch zwischen den fallführenden Mitarbeitenden intensiviert und ausdifferenziert. Die zusätzliche Zusammenarbeit zwischen den diagnostischen Fachmitarbeitenden und den Fachpersonen der Wohngruppen wird als bereichernd erlebt; es ist unterstützend für die Mitarbeitenden auf den Wohngruppen, dass jeweils noch eine diagnostische Fachperson auf einer weiteren Ebene involviert ist und so die eigene Perspektive erweitert werden kann. Seit einigen Monaten werden im Rahmen jeder diagnostischen Abklärung zudem vier Coachinggespräche, zu fixen Zeitpunkten und mit festgelegten Tagesordnungspunkten, zwischen den fallführenden Mitarbeitenden der Wohngruppe, der zuständigen diagnostischen Fachkraft und der diagnostischen Leitung geführt. In diesen Gesprächen geht es darum, den diagnostischen Prozess gemeinsam zu planen, diagnostische Ergebnisse kritisch zu reflektieren, diagnostische Standortsitzungen gemeinsam vorzubereiten und Empfehlungen kritisch zu diskutieren. Diese Coachinggespräche führen zu mehr Struktur und Sicherheit im Prozess. Auch im Bereich Entwicklungsbeobachtungen konnte durch die Einführung der Diagnostik eine Progression beobachtet werden. Die Entwicklung der Kinder in den verschiedenen 320 uj 7+8 | 2026 Sozialpädagogische Verlaufsdiagnostik Bereichen wird inzwischen noch differenzierter wahrgenommen, dokumentiert und analysiert. Angeregt durch die Diagnostik wurde die Dokumentation der Entwicklungsbeobachtungen weiter systematisiert und es wurden unterstützende Hilfsmittel, wie eine präzise Entwicklungstabelle, gegliedert nach Entwicklungsbereichen und Altersstufen, implementiert. Dies trägt maßgeblich dazu bei, dass Förderbedarfe schneller und klarer deutlich werden. Zudem ist es insbesondere im Bereich der Entwicklungsbeobachtung gewinnbringend, die zusätzliche Perspektive der diagnostischen Fachkraft, die das Kind in einem anderen Kontext erleben kann, miteinbeziehen zu können. Die Perspektive der Kinder wurde durch die Diagnostik ebenfalls gestärkt, da noch mehr darauf geachtet wird, dass die Kinder über alle sie betreffenden wichtigen Schritte altersentsprechend informiert werden und mitbestimmen dürfen. Je nach Alter werden die Kinder ebenfalls zu ihren Wünschen und ggf. auch Sorgen in Bezug auf ihre Zukunftsperspektive befragt und die Aussagen finden im Abschlussbericht ihren Platz. Auch in den diagnostischen Tools wird die Kinderperspektive berücksichtigt. So z. B. im traumapädagogischen Tool „Ankommen an einem sicheren Ort“, das erhebt, ob das Kind hinreichend über den Platzierungsgrund aufgeklärt wurde, alle wichtigen Informationen über den neuen Lebensort erhalten hat und sich dementsprechend orientieren und sicher auf der Wohngruppe bewegen kann, eine emotionale Beziehung zu den Fachpersonen aufbauen konnte, als in der Kindergruppe integriert erlebt wird und inwiefern es nach wie vor eine gute Verbindung zum Herkunftssystem hat. Auf der Ebene der externen Zusammenarbeit, also mit Beistandspersonen und Behörden sowie teilweise juristischen Instanzen, haben sich in einigen Fällen Verbesserungen gezeigt. Die Diagnostik bietet eine wichtige Grundlage, um fachliche Einschätzungen einzubringen und die Perspektive der Einrichtung im Dialog im Hilfesystem zu stärken. Mit den Beistandspersonen hat sich die Zusammenarbeit intensiviert und durch die diagnostischen Erhebungen können die Ziele für die Familien transparenter und objektiver festgelegt werden. Inzwischen kommt es immer häufiger vor, dass Beistandspersonen bei Platzierungsanfragen gezielt um einen diagnostischen Platz bitten. Dazu tragen maßgeblich auch die sozialpädagogischen Abschlussberichte bei, welche am Ende der Diagnostikphase von der diagnostischen Fachkraft verfasst werden. Im Abschlussbericht werden die Themen ➤ Platzierungsgrund und Familiengeschichte, ➤ diagnostische Erkenntnisse zum Kind (Entwicklung, Temperament, Ergebnisse aus standardisierten Fragebögen, Perspektive des Kindes plus ggf. Geschwisterbeziehung usw.), ➤ diagnostische Erkenntnisse zur Eltern-Kind- Interaktion (Einschätzungen Interaktion und Erziehungskompetenz im Fremdurteil [Fachpersonen] und Einschätzungen der Eltern im Selbsturteil), ➤ diagnostische Erkenntnisse zu den Eltern (Elternfragebögen im Selbsturteil, Sichtweise der Eltern und häusliches Umfeld) ➤ und eine Zusammenfassung der Erkenntnisse, Risiko- und Schutzfaktoren und Empfehlungen mit Bezug auf die Fragestellungen der platzierenden Stelle zusammenfassend dargestellt. Durch die Abschlussberichte entsteht die Möglichkeit, alle Beobachtungen und Einschätzungen in einem standardisierten Dokument zusammenzuführen. Schließlich hat sich auch die Rolle der Mitarbeitenden durch die Diagnostik positiv verändert. Bei der Einführung in der Diagnostik wurde befürchtet, dass die expliziten Einschätzungen und Bewertungen von z. B. Eltern-Kind-Kontakten sich negativ auf die Zusammenarbeit mit den Eltern und die Beziehungsarbeit auswirken könnten. Inzwischen konnten diese Bedenken 321 uj 7+8 | 2026 Sozialpädagogische Verlaufsdiagnostik weitgehend durch korrigierende Praxiserfahrungen entkräftet werden. Es wurde eine zunehmende Professionalisierung der Rolle durch eine Erweiterung des Fachwissens, eine stärkere Standardisierung und Systematisierung der Beobachtungen, einen strukturierteren Austausch im Team und mit den diagnostischen Fachkräften, die Weiterentwicklung und Vertiefung der traumapädagogischen Haltung und eine höhere Kultursensibilität, durch ein vertieftes Verständnis für die Biografien und Lebenswelten der Familien, wahrgenommen. Durch die Diagnostik wurde die Sichtbarkeit der Position der Einrichtung im Hilfesystem gestärkt, was zu mehr Selbstwirksamkeit der Mitarbeitenden geführt hat. 4. Herausforderungen in der Umsetzung und Ausblick Die sozialpädagogische Verlaufsdiagnostik hat sich in der Praxis als gewinnbringender Ansatz erwiesen. Gleichzeitig zeigen sich wiederkehrende Herausforderungen, die abschließend dargestellt werden. Eine umfassende Diagnostik ist auf eine grundlegende Elternzusammenarbeit und ein Mindestmaß an Vertrauen in einen gemeinsamen Weg angewiesen. Nur so können alle relevanten Perspektiven einbezogen werden. Sind Eltern nicht zur Kooperation bereit oder aufgrund ihrer Symptomatik nicht dazu in der Lage, kann die Diagnostik zwar eingeschränkt weitergeführt werden, es entsteht jedoch ein weniger vollständiges Bild. Grundsätzlich setzt die Diagnostik voraus, dass sich Eltern mit ihrer eigenen, meist sehr belastenden Situation und ihrem eigenen Verhalten, das zur Gefährdung ihres Kindes geführt hat, auseinandersetzen und eine gewisse Problemeinsicht entwickeln. Dies ist mit Scham- und Schuldgefühlen verbunden und es ist somit eine hohe Anforderung an die Eltern, sich gegenüber den Fachpersonen zu öffnen und in eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zu kommen. In der Praxis zeigt sich ein gemischtes Bild; viele Eltern beteiligen sich aktiv, nehmen Termine wahr und eine positive Zusammenarbeit gelingt von Beginn an. Es kommt jedoch auch vor, dass Eltern Termine wiederholt nicht wahrnehmen, sie Besuchskontakten unentschuldigt fernbleiben oder Fragebögen trotz mehrfacher Erinnerung nicht ausfüllen. Wie es gelingen kann, mit den schwer zu erreichenden Eltern eine transparente und vertrauensvolle Zusammenarbeit zu etablieren, bleibt eine zentrale Herausforderung für die Kooperation mit jedem neuen Familiensystem. Im Anspruch einer transparenten Zusammenarbeit ist es uns wichtig, dass Eltern den diagnostischen Prozess und dessen Inhalte verstehen und einordnen können. Das Verfahren ist jedoch intellektuell angelegt und erfordert ein gewisses Abstraktionsvermögen, das nicht bei allen Eltern aus unterschiedlichen Lebenswelten im gleichen Maße vorhanden ist. Hier ist das Ziel, die Diagnostik stärker an den Lebenswelten der Familien auszurichten, indem Inhalte so aufbereitet werden, dass sie für möglichst alle Eltern zugänglich sind, z. B. durch mehr visuelle Darstellungen wie Piktogramme, die zentrale Inhalte verständlich vermitteln. Die Arbeit mit Familien aus unterschiedlichen Sprach- und Kulturkreisen gehört zum Alltag und die Sprachbarriere ist somit eine sehr präsente Herausforderung, die im Rahmen der Diagnostik umso vordringlicher wird. Für geplante Gespräche werden Dolmetschende eingesetzt, daneben gibt es jedoch auch viele spontane Gespräche oder die Interaktionen während der Eltern-Kind-Kontakte, bei denen es nicht möglich ist, immer mit dolmetschenden Personen zu arbeiten. So stellt sich die Frage, wie die Kommunikation trotz Sprachbarriere so gestaltet werden kann, dass die Informationen vollständig vermittelt werden können. Dabei werden weitere Kommunikationswege, beispielsweise der Einsatz von technischen Hilfsmitteln, erprobt. 322 uj 7+8 | 2026 Sozialpädagogische Verlaufsdiagnostik Ein weiteres Spannungsfeld besteht in der Möglichkeit der Umsetzung der diagnostischen Empfehlungen in der weiteren Hilfeplanung. Die Erfahrung zeigt, dass nicht alle Empfehlungen gleichermaßen umgesetzt werden. Während Empfehlungen zur Förderung der Kinder meist von der platzierenden Stelle umgesetzt bzw. bewilligt werden, geschieht dies bei Unterstützungsmaßnahmen für die Eltern nicht im gleichen Ausmaß. Mögliche Erklärungen dafür könnten sein, dass einige Eltern aus unterschiedlichen Gründen nicht bereit sind, entsprechende Unterstützungsangebote anzunehmen (z. B. eine Suchtberatung). Zudem zeigt sich, dass bei Eltern ohne eigene Beistandschaft oft keine klare Zuständigkeit besteht, wer sie bei der Anmeldung und der Inanspruchnahme von Angeboten unterstützt. Einigen Eltern ist es beispielsweise nicht möglich, eigenständig eine entsprechende Behandlung bei den zuständigen Kostenträgern zu beantragen. Hier zeigt sich die Trennung der Beistandschaften als systemimmanente Barriere; es wäre hilfreich, wenn die Beistandschaften systemischer ausgelegt werden würden, sodass die Beiständ: innen der Kinder situativ auch die Ressourcen hätten, um sich um die Belange der Eltern zu kümmern. Fazit Die erfolgreiche Einführung und Umsetzung des Verfahrens der sozialpädagogischen Verlaufsdiagnostik im Kinderheim Pilgerbrunnen waren und sind mit erhöhtem Aufwand und bedeutenden Veränderungen der bestehenden Abläufe sowie der bekannten Rollen verbunden. Dies ist nur durch das große Engagement, die kontinuierliche Motivation und die tatkräftige Veränderungsbereitschaft der Fachkräfte im Kinderheim Pilgerbrunnen möglich. Mit Blick auf die Fallverläufe, die professionelle Weiterentwicklung und die gewachsene Selbstwirksamkeit der Fachpersonen hat sich dieser Prozess zweifelsfrei gelohnt und es war möglich, für viele hoch belastete Kinder und ihre Familien eine differenzierte und fundiert begründete Hilfeplanung zu gestalten. Die ausgeführten Herausforderungen werden im weiteren Verlauf reflektiert und in die Weiterentwicklung des diagnostischen Angebots miteinbezogen. Dadurch bleibt die sozialpädagogische Verlaufsdiagnostik ein Verfahren, das theoretisch fundiert entwickelt wurde und an den Erfahrungen der Praxis wächst. Kristin Tafferner & Svenja Kühnemann Evangelischer Frauenbund Zürich Kinderheim Pilgerbrunnen Badenerstr. 409 8003 Zürich E-Mail: kristin.tafferner@pilgerbrunnen.ch svenja.kuehnemann@pilgerbrunnen.ch Literatur Grawe, K. (2004): Neuropsychotherapie. Hogrefe Verlag, Göttingen Fachverband Traumapädagogik e.V. & Schweizer Fachverband Traumapädagogik (2025): Standards für Traumapädagogische Konzepte in der stationären Kinder- und Jugendhilfe. 2. Aufl. https: / / fachverband-trauma paedagogik.org/ wp-content/ uploads/ 2025/ 05/ stan dards_KJH_final_02.pdf, abgerufen am 30. 3. 2026
