unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2026.art44d
4_078_2026_7+8/4_078_2026_7+8.pdf71
2026
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Was finden Beistandspersonen und Fachpersonen aus Frühbereichsheimen in Standortsitzungen herausfordernd?
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Milou Leiting
Kristin Tafferner
Petra Wallnöfer
Dina Bürgin
Marc Schmid
Standortsitzungen im stationären Frühbereich sind zentral für die Hilfeplanung, da unterschiedliche Perspektiven, Erwartungen und Interessen aufeinandertreffen. Doch wo entstehen Spannungen, und was trägt zu gelingenden Hilfeplanungsprozessen bei? Der Beitrag gibt Einblicke aus Sicht von Fachpersonen und Beistandspersonen und zeigt, wo Herausforderungen liegen und wie mehr Klarheit in der Hilfeplanung entstehen kann.
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323 unsere jugend, 78. Jg., S. 323 - 334 (2026) DOI 10.2378/ uj2026.art44d © Ernst Reinhardt Verlag Was finden Beistandspersonen und Fachpersonen aus Frühbereichsheimen in Standortsitzungen herausfordernd? Ergebnisse einer qualitativen Untersuchung Standortsitzungen im stationären Frühbereich sind zentral für die Hilfeplanung, da unterschiedliche Perspektiven, Erwartungen und Interessen aufeinandertreffen. Doch wo entstehen Spannungen, und was trägt zu gelingenden Hilfeplanungsprozessen bei? Der Beitrag gibt Einblicke aus Sicht von Fachpersonen und Beistandspersonen und zeigt, wo Herausforderungen liegen und wie mehr Klarheit in der Hilfeplanung entstehen kann. von Milou Leiting Jg. 1999; Master of Science in Psychology (MSc) - Vertiefungsrichtung Klinische Psychologie und Neurowissenschaften, Psychologie-Doktorandin an der Universität Basel und der Forschungsabteilung der Klinik für Kinder und Jugendliche der Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPKKJ) Basel (Schweiz) Kristin Tafferner Jg. 1986; Diplom-Pädagogin und Systemische Beraterin und Therapeutin (DGSF), Fachmitarbeiterin Pädagogik und Entwicklung mit den Ressorts Leitung, Diagnostik und Ausbildungsverantwortung, Kinderheim Pilgerbrunnen, Zürich (Schweiz) Petra Wallnöfer Jg. 1984; Master of Arts in Erziehungswissenschaft, wissenschaftliche Mitarbeiterin, Forschungsabteilung der Klinik für Kinder und Jugendliche der Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPKKJ) Basel (Schweiz) Dina Bürgin Jg. 1995; Master of Science in Psychology (MSc) - Vertiefungsrichtung Klinische Psychologie und Neurowissenschaften, Psychologie. Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Forschungsabteilung der Klinik für Kinder und Jugendliche der Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPKKJ) Basel (Schweiz) Marc Schmid Jg. 1971; PD Dr. Dipl.-Psych., Psychologischer Psychotherapeut, Systemischer Familientherapeut und Supervisor, Bereichs- und Forschungsgruppenleiter in der Klinik für Kinder und Jugendliche der Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK) Basel, Universität Basel 324 uj 7+8 | 2026 Standortsitzungen in Frühbereichsheimen Einleitung Die diagnostische Einschätzung von Kindeswohlgefährdungen gehört zu den komplexesten Aufgaben im Kinderschutz, insbesondere im Frühbereich. Bei sehr jungen Kindern sind Risiken oft nicht eindeutig zu erkennen, da sich Belastungen schnell verändern können, Hinweise nicht immer greifbar zu beobachten sind und Eltern häufig wenig Einsicht in eigene Erziehungsdefizite zeigen sowie auf eine rasche Rückführung drängen. Gleichzeitig stehen sozialpädagogische Fachpersonen unter hohem Druck, Entscheidungen zu treffen, die für die betroffenen Kinder und Familien weitreichende Folgen haben. Dieser Druck verdichtet sich insbesondere in gemeinsamen Hilfeplangesprächen (Standortsitzungen), in denen unterschiedliche Perspektiven, Erwartungen und Interessen aufeinandertreffen. Die Dynamik verdeutlicht, wie zentral fundierte diagnostische Abklärungen und nachvollziehbare Hilfeplanungsprozesse im Kinderschutz sind. Die Hilfeplanung stellt ein zentrales Steuerungsinstrument der Kinder- und Jugendhilfe dar (Sommer/ Kohlhof 2021). In Deutschland ist dieses Verfahren mit § 36 SGB VIII gesetzlich auf Bundesebene geregelt (Wiesner 2022) und verpflichtet die beteiligten Institutionen dazu, gemeinsam mit den Sorgeberechtigten und, soweit möglich, mit den betroffenen Kindern den Hilfebedarf zu klären, Ziele zu definieren und den Verlauf der Hilfe regelmäßig zu überprüfen. Hilfeplanung wird daher nicht nur als administratives Verfahren, sondern als zentraler fachlicher Aushandlungsprozess (Rotering/ Weber 2018; Sommer/ Kohlhof 2021) und zugleich als eine sozialpädagogische Praxis der Beratung, Diagnose und Kommunikation beschrieben, in der ein gemeinsames Verständnis der Situation und der weiteren Perspektive entwickelt werden soll (Hopmann et al. 2019). Studien zeigen, dass die Qualität der Hilfeplanung einen entscheidenden Einfluss auf den Erfolg von Hilfen haben kann. Zentrale Qualitätsmerkmale sind unter anderem klare Zieldefinition, transparente Entscheidungsprozesse sowie die aktive Beteiligung von Eltern und Kindern (Rotering/ Weber 2018; Sommer/ Kohlhof 2021). Im Zentrum vieler Entscheidungen steht die Frage, ob eine Fremdplatzierung notwendig ist und welche Perspektive für das Kind langfristig tragfähig erscheint. Diese Maßnahme kann zwar Schutz und Stabilität bieten, bringt jedoch auch psychosoziale Belastungen mit sich. Für Kinder kann die Trennung von Bezugspersonen, verbunden mit Loyalitätskonflikten und Beziehungsabbrüchen, eine erhebliche Belastung darstellen (Oswald et al. 2010). Auch Eltern erleben Fremdplatzierungen häufig als krisenhafte Situation, die mit Stress, Schuldgefühlen, Kontrollverlust und Stigmatisierung einhergehen kann. Vor diesem Hintergrund ist die Beteiligung von Eltern und Kindern im Hilfeprozess zentral und darf nicht nur als formales Element verstanden werden (Arnold et al. 2008; Toros 2021; Graf/ Gutmann 2021). Im stationären Kontext sind Standortsitzungen ein zentrales Instrument der Hilfeplanung. Dort werden Ziele, weitere Schritte sowie Fragen zur Platzierung und zu ergänzenden Hilfen zwischen Behörden, Einrichtungen und Familiensystemen abgestimmt. Gleichzeitig dienen sie der Legitimation der Hilfe gegenüber vorgesetzten Instanzen. Damit sind Standortsitzungen nicht nur organisatorische Termine, sondern zentrale Entscheidungsräume, in denen fachliche Einschätzungen, institutionelle Rahmenbedingungen und die Perspektiven der Familie zusammenkommen (Arnold et al. 2008). Standortsitzungen sind außerdem mit hohen Erwartungen verbunden. In kurzer Zeit müssen zahlreiche Informationen zusammengeführt, unterschiedliche Perspektiven berücksichtigt und transparente Entscheidungen getroffen werden. Gleichzeitig sollen gemeinsame Ziele partizipativ entwickelt werden, häufig unter Bedingungen traumasensibler Kommunikation 325 uj 7+8 | 2026 Standortsitzungen in Frühbereichsheimen und sprachlicher Vermittlung. Für Fachpersonen bedeutet dies, einerseits den Schutz und die Entwicklung des Kindes zu sichern und andererseits Eltern in einem hochbelasteten Setting einzubeziehen und professionelle Einschätzungen zu vertreten. Die Balance zwischen Unterstützung und Kontrolle beziehungsweise zwischen Hilfe und Kindesschutzauftrag gehört dabei zu den zentralen Spannungsfeldern im Alltag stationärer Einrichtungen (Günder 2007). Ein zentrales Problem besteht darin, dass im stationären Frühbereich in der Schweiz bislang kein einheitlicher diagnostischer Standard etabliert ist. Diagnostische Einschätzungen können daher stark von institutionellen Routinen, fachlichen Logiken und verfügbaren Ressourcen abhängen. Gleichzeitig treffen im Hilfeplanungsprozess unterschiedliche Rollen, Erwartungen und Bedürfnisse der Beteiligten aufeinander, wodurch Zuständigkeiten nicht immer klar sind. Trotz der hohen Relevanz dieser Prozesse ist bislang wenig darüber bekannt, wie Standortsitzungen in stationären Frühbereichseinrichtungen konkret umgesetzt werden und welche Herausforderungen die Beteiligten in der Praxis erleben. Ziel dieser Studie ist es daher, Standortsitzungen in einem stationären Frühbereichsheim aus multiperspektivischer Sicht zu untersuchen. Dazu werden Fachpersonen und Beistandspersonen zu ihren Erfahrungen und wahrgenommenen Herausforderungen interviewt. Die Studie soll dazu beitragen, diagnostische Prozesse transparenter zu gestalten und die Unterstützung für Kinder, Eltern und Fachpersonen zu verbessern. Methoden Teilnehmende und Inhalt der Interviews Die Interviews wurden vom Forschungsteam der Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK) Basel im Kinderheim Pilgerbrunnen (Zürich) im Rahmen des Projektes „Hilfeplanung im VISIER“ durchgeführt. An unseren Interviews nahmen elf Fachpersonen aus dem Kinderheim Pilgerbrunnen, zwölf Beistandspersonen, die im Kanton Zürich beruflich tätig sind, zehn Dolmetschende, die Erfahrungen mit Fremdplatzierungen haben, und fünf Elternteile, deren Kinder fremdplatziert worden sind, teil. Der vorliegende Beitrag konzentriert sich auf die Interviews mit Fachpersonen und Beistandspersonen und analysiert insbesondere Herausforderungen im Erleben und in der Durchführung von Standortsitzungen. Aufnahme, Transkription und Kodierung Nach Einholung des schriftlichen Einverständnisses wurden alle Interviews aufgezeichnet. Insgesamt dauerte jedes Gruppeninterview rund 3.5 Stunden. Alle Audiodateien wurden mit der Software f4 (https: / / audiotranskription.de/ ) transkribiert und insgesamt entstanden rund 360 Seiten Transkriptmaterial. Die Interviews wurden anschließend mit dem Computerprogramm MAXQDA 2022 ausgewertet (VERBI Software 2021), auf Grundlage der inhaltlich strukturierenden Inhaltsanalyse nach Mayring (2014). Ziel der Analyse war es, zentrale Kategorien und Themen aus dem Material herauszuarbeiten. Die Ergebnisse werden in vier Themenbereiche gegliedert (siehe Abbildung 1): ➤ Zusammenarbeit mit Beistands- und Fachpersonen ➤ Zusammenarbeit mit Eltern/ Familiensystem ➤ Struktur der Standortsitzung ➤ Eigene Herausforderungen In den folgenden Kapiteln werden die Perspektiven der interviewten Fachpersonen und Beistandspersonen anhand zentraler Interviewaussagen dargestellt. 326 uj 7+8 | 2026 Standortsitzungen in Frühbereichsheimen Perspektive der Beistandspersonen Beistandspersonen beschreiben Standortsitzungen grundsätzlich als ein wichtiges Instrument für den Austausch mit Eltern und die gemeinsame Planung des Hilfeprozesses. Besonders positiv werden sie wahrgenommen, wenn sie gut vorbereitet und strukturiert sind, eine respektvolle Zusammenarbeit zwischen den Beteiligten besteht und Fortschritte im Familiensystem oder beim Kind sichtbar werden. Gleichzeitig können Standortsitzungen auch als belastend erlebt werden. Herausforderungen in der Zusammenarbeit mit den anderen Fachpersonen Beistandspersonen berichten, dass sie insbesondere Rollenunklarheit sowie fehlende oder kurzfristig neu auftauchende Informationen in Standortsitzungen als herausfordernd erleben. Schwierigkeiten entstehen, wenn zwischen Fachpersonen und Beistandspersonen Uneinigkeit über Ziele oder die Einschätzung der Gefährdung besteht, was zu Konflikten mit den Eltern während der Standortsitzungen führen und direkte Auswirkungen auf den Verlauf und weitere Maßnahmen haben kann. Bereits kleine Uneinigkeiten können bei Eltern große Verunsicherung auslösen und den Verlauf der Standortsitzung negativ beeinflussen: „Also nicht, dass wir dann unter Fachpersonen uneinig sind, weil das löst dann bei Eltern sehr viel aus, oder? Ja, sondern dass man da einig ist oder sich annähern kann. (…) Damit es eben nicht zu Eskalationen an einer Standortsitzung kommt.“ Beistandspersonen befürworten einen gemeinsamen Konsens während der Standortsitzung, da diese Sitzung eine Gelegenheit bietet, um Eltern einen sicheren Rahmen zu geben. Abb. 1: Überblick der Hauptherausforderungen aus den Interviews mit Beistands- und Fachpersonen (Abb.: Milou Leiting). Zusammenarbeit mit Eltern/ Familiensystem Struktur der Standortsitzung Eigene Herausforderungen Herausforderungen für Beistandspersonen Herausforderungen für Fachpersonen Zusammenarbeit mit Fachpersonen - Rollenklarheit Zusammenarbeit mit Beistandspersonen - Rollenklarheit Zusammenarbeit mit Eltern/ Familiensystem Struktur der Standortsitzung Eigene Herausforderungen 327 uj 7+8 | 2026 Standortsitzungen in Frühbereichsheimen Weiterhin berichten Beistandspersonen, dass sie es als schwierig erleben, wenn Fachpersonen aus Institutionen hohe Erwartungen an sie richten, die sie im Rahmen ihrer Rolle nicht erfüllen können, wie zum Beispiel, wenn von ihnen erwartet wird, bereits vor der Sitzung Klarheit zu konfliktbehafteten Themen herzustellen oder eine abgestimmte Position zu vertreten: „Also die hohen Erwartungen an mich, die ich nicht erfüllen kann, finde ich immer sehr schwierig. Und das dann vor den Eltern, finde ich noch schwieriger, weil das verunsichert die Eltern einfach ganz fest, oder? “ Herausforderungen in der Zusammenarbeit mit Eltern/ Familiensystem Auch die Zusammenarbeit mit Eltern kann von Beistandspersonen als herausfordernd erlebt werden. Besonders, wenn Eltern eine stark ablehnende Haltung einnehmen oder die Platzierung ihres Kindes grundsätzlich infrage stellen, entstehen schwierige Situationen. In solchen Fällen wird die Standortsitzung eher als konflikthafter Aushandlungsprozess erlebt: „Wenn sie [Eltern] immer so in der Abwehrhaltung sind und alles einfach nur negativ sehen, dann ist das einfach schwierig, weil dann ist für sie eine Standortsitzung ein Kampf.“ Solche Situationen treten aus Sicht der Beistandspersonen insbesondere dann auf, wenn Eltern die Platzierung nicht akzeptieren und die Verantwortung dafür bei der Beistandsperson sehen: „Wenn die Eltern so gar nicht einverstanden sind mit dieser Platzierung und dann die ganze Wut auf der Beiständin ist. Also einfach sie ist schuld, sie wollte das, sie hat das bewirkt.“ Herausforderungen bezüglich der Struktur und Organisation der Standortsitzung Beistandspersonen beschreiben auch strukturelle Aspekte der Standortsitzungen als herausfordernd. Dazu gehören insbesondere unerwartete Themen oder Fragen, die während der Sitzung aufkommen und auf die sie sich nicht vorbereiten konnten. Einige Beistandspersonen äußern den Wunsch, wichtige Punkte bereits im Vorfeld zu kennen, um sich entsprechend vorbereiten zu können: „(…) Aber es gibt dann plötzlich Themen, da denke ich ach was, da hätte ich mir jetzt gerne vorgängig Gedanken gemacht. Das kann ich jetzt nicht entscheiden, weil das höre ich jetzt heute zum ersten Mal oder es ist für mich neu, da muss ich mir jetzt Gedanken machen und dann verzögert sich das, weil dann kein Beschluss gefasst wird (…)“. Als schwierig werden auch Sitzungen erlebt, die wenig strukturiert oder chaotisch verlaufen und es kein gutes Zeitmanagement gibt und am Ende Zeitdruck entsteht. Wenn unklar bleibt, welche Punkte besprochen wurden oder welche Entscheidungen getroffen wurden, führt dies häufig zu Frustration: „Wenn es chaotisch verläuft und man nicht weiß, was haben wir jetzt da besprochen, was wurde abgemacht. Am Schluss finde ich das stressig, weil dann hat aus meiner Sicht das Standortgespräch eigentlich nichts gebracht.“ Solche unstrukturierten Sitzungen können nicht nur die Beistandspersonen verunsichern, sondern stellen einen Risikofaktor für die helfende Beziehung, das Verständnis und die Partizipation von Eltern dar: „(…) Wenn es so ein Gespräch ist, wo Sie einfach den Bericht runterrattern oder nur mit Fachbegriffen um sich werfen. Und ich schaue zu den Eltern und merke, die verstehen rein gar nichts, dann werde ich auch sehr ungeduldig“. Ein weiterer herausfordernder Aspekt entsteht, wenn wichtige Themen von Eltern (z. B. Verlust der Wohnung, psychische Probleme) nicht angesprochen werden. Dadurch fehlt Transparenz gegenüber dem restlichen Hilfesystem: „(…) Wenn gewisse Themen nicht auf den Tisch gelegt werden. Also wenn Transparenz nicht besteht, wenn die Eltern sich nicht getrauen, ihre Themen anzubringen oder sowieso schon eine 328 uj 7+8 | 2026 Standortsitzungen in Frühbereichsheimen schwierige Arbeitsbeziehung zwischen der Beiständin und den Eltern besteht, dann wird es ganz, ganz schwierig“. Eigene Herausforderungen Neben strukturellen und zwischenmenschlichen Herausforderungen berichten Beistandspersonen auch von persönlichen Belastungen im Rahmen von Standortsitzungen. Eine zentrale Schwierigkeit besteht darin, Eltern sensible oder belastende Informationen mitteilen zu müssen. Trotz professioneller Distanz und verschiedener Gesprächsführungstechniken fühlen viele Beistandspersonen mit den Eltern mit. Der tägliche Umgang mit schwierigen Lebenssituationen, traumatischen Erfahrungen und belastenden Geschichten bewegt Beistandspersonen daher auch auf persönlicher Ebene. Besonders schwierig ist es, engagierten Eltern mitteilen zu müssen, dass eine erhoffte Rückplatzierung trotz ihres Einsatzes noch nicht möglich ist. Dies kann auch mit Umständen zusammenhängen, die nur begrenzt im Einflussbereich der Eltern liegen, etwa wenn sich der Hilfeprozess verzögert oder noch keine geeignete Tagesstruktur beziehungsweise ambulante Unterstützung gefunden werden konnte. In anderen Fällen zeigen sich elterliche Belastungen oder Defizite als so ausgeprägt, dass selbst bei großem Engagement der Eltern keine ausreichende schulische Förderung oder Teilhabe gewährleistet werden kann: „Wenn ich den Eltern etwas wirklich Negatives sagen muss. (…) Lieber würde ich denen mal sonst was sagen, aber das muss ich jetzt hier einfach festhalten, das ist mir unangenehm. (…) Aber es ist meine Rolle.“ Eine weitere Herausforderung besteht darin, dass nach Standortsitzungen häufig neue Aufgaben entstehen, die im Anschluss bearbeitet werden müssen: „(…) Also was ich nicht mag, ist nach einer Standortsitzung solche Aufgaben, die ich bewältigen muss, die aus der Standortsitzung entstanden sind. Ich arbeite lieber vorgängig“. Perspektive der Fachpersonen Fachpersonen beschreiben Standortsitzungen als herausfordernde, besondere und emotionale Situationen, die für alle Beteiligten eine hohe Bedeutung haben und daher eine sorgfältige Vorbereitung erfordern. Insbesondere für Eltern sind diese Gespräche oft belastend, weshalb Fachpersonen ihr Vorgehen flexibel an die jeweilige Situation anpassen müssen. Herausforderungen in der Zusammenarbeit mit Beistandspersonen Fachpersonen erleben es als herausfordernd, wenn Beistandspersonen aufgrund hoher Fallbelastung oder Zeitmangel nur unzureichend vorbereitet in Standortsitzungen kommen: „Eigentlich ist der Auftrag, dass die Beistandsperson mit Informationen an Sitzungen kommt. (…) Es kommt aber auch ganz oft vor, dass sie an Informationen kommen, aber scheinbar ja nicht eine große Vorbereitung mit sich bringen.“ Eine fehlende Vorbereitung seitens der Beistandspersonen kann dazu führen, dass in der Standortsitzung keine gemeinsame fachliche Grundlage besteht. Für Eltern kann dadurch der Eindruck entstehen, dass zwischen Fachpersonen und Beistandspersonen kein Konsens besteht, was wiederum zu Unsicherheit über Rollen und Zuständigkeiten führen kann. Als besonders schwierig werden zudem Situationen beschrieben, in denen sich Beistandspersonen zu zentralen Themen, etwa Besuchsregelungen, nicht klar positionieren. In solchen Fällen geraten Fachpersonen der Institution in eine schwierige Situation, da sie diese Themen vor den Eltern ansprechen müssen, obwohl sie selbst auf eine funktionierende Kooperation angewiesen sind. Des Weiteren wurden eine unklare Verteilung und Ausübung der verschiede- 329 uj 7+8 | 2026 Standortsitzungen in Frühbereichsheimen nen Rollen als Herausforderungen für Fachpersonen erlebt: „(…) Es gibt auch Beistände, die den Eltern in der Standortsitzung vor uns sagen: Ja, ich würde Ihnen ja das Wochenende schon geben, aber sie hören ja, was die Fachperson sagt.“ Es gibt Beistandspersonen, die sich in der Standortsitzung positionieren und wenn nötig Entscheidungen treffen, aber es kommt oft vor, dass andere Beistandspersonen diese Position nicht einnehmen, woraufhin sich die Fachpersonen in ihrer Rolle und Position in der Standortsitzung überfordert fühlen, was auch Folgen auf die Kooperation mit den Eltern haben kann. Fachpersonen wünschen sich daher eine präsente Beistandsperson, die ihre Rolle wahrnimmt und den Eltern Orientierung geben kann: „Schlussendlich ist sie in einer Rolle, natürlich mit der KESB [Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde] im Hintergrund, in der sie die Entscheidungen treffen kann und sollte und dafür diese Verantwortung übernimmt. Wir haben schon alles Mögliche erlebt und Personen, die fast schon die Sitzung leiten und sehr präsent sind und andere, die wirklich sehr im Hintergrund sind und auch nach Aufforderung sich kaum positionieren. Und das macht es für uns schwieriger. Also wir brauchen schon eine präsente Beistandsperson, die ihre Aufgabe übernimmt und den Eltern somit auch Orientierung gibt.“ Auch wenn im Vorfeld Absprachen getroffen wurden, kommt es vor, dass diese während der Sitzung nicht eingehalten werden: „(…) Was mich stresst beim Leiten von Sitzungen ist, wenn man sich nicht an Absprachen hält. Also vor allem wenn Personen ihren eigenen Fahrplan haben oder einfach ständig unterbrechen. (…) Und wenn die Beistandsperson das nicht wie vorher besprochen übernimmt oder im Prozess, wenn dieser Person das Wort gegeben wird, nicht reagiert, dass man das dann selber übernimmt. Das führt dann in eine unangenehme Situation allenfalls. Das habe ich schon als sehr herausfordernd erlebt (…)“. Solche Situationen können Fachpersonen in eine unangenehme Position gegenüber den Eltern bringen und die Zusammenarbeit erschweren. Herausforderungen in der Zusammenarbeit mit Eltern/ Familiensystem In der Zusammenarbeit mit Eltern berichten Fachpersonen von verschiedenen Herausforderungen. Eine häufig genannte Schwierigkeit betrifft kommunikative Grenzen, insbesondere Sprachbarrieren, die zu Missverständnissen führen können: „Schon nur mit dem Zeitfaktor, mit der Übersetzung, mit dem Redefluss und halt auch einfach in der Übersetzung gehen viele Informationen verloren, also gerade wenn es simultan ist (…)“. Auch kognitive und/ oder psychopathologische Einschränkungen von Eltern werden als Herausforderung beschrieben. In solchen Situationen fällt es Fachpersonen schwer, Inhalte der Sitzung so zu vermitteln, dass sie von allen Beteiligten nachvollzogen werden können: „Es gibt auch Eltern, die sind kognitiv eingeschränkt und die erfassen das Thema nicht und sitzen da und stellen immer die gleiche Frage. Und alle erklären und erklären. Und nach zwei Stunden kommt wieder die gleiche Frage: Wann kann ich meine Kinder zurückhaben? “ Eine weitere Schwierigkeit entsteht, wenn Eltern die Platzierung ihres Kindes nicht nachvollziehen oder akzeptieren können und starken Widerstand zeigen. Dies erschwert nicht nur die Durchführung der Standortsitzung, sondern kann sich auch auf den gesamten Platzierungsprozess auswirken: „Wenn der Platzierungsgrund nicht eingesehen wird, sozusagen von den Eltern. (…) Dann habe ich teilweise das Gefühl, dass keines der Gespräche zielführend sein kann und das finde ich schon eigentlich ein sehr wichtiges Element, dass man eben da eine Einigkeit finden kann, mit dem Wissen, dass da so viel Schuld und Scham und persönliche Themen mitkommen.“ 330 uj 7+8 | 2026 Standortsitzungen in Frühbereichsheimen Darüber hinaus berichten Fachpersonen von einer gewissen Anspannung im Vorfeld von Standortsitzungen, insbesondere wenn unklar ist, wie Eltern reagieren werden: „Bei Eltern, wo wir nicht so genau wissen, ob es eskalieren könnte, versuchen wir schon so ein Sicherheitsdispositiv aufzubauen: Wer geht raus, wer ruft wen an, wer ist im Hintergrund? Aber die Anspannung bleibt (…)“. Schließlich werden auch unerwartete oder schwer einzuordnende Reaktionen von Eltern als belastend erlebt: „Wenn Eltern nicht so reagieren, wie wir das gewohnt sind (…), also jemand, der einfach vom Thema losgelöst in seiner Endlosschlaufe sitzt. (…) Wenn man abwarten muss, man weiß die Gewalt, physische oder vielleicht psychische Gewalt oder Drohung wird kommen und man muss den Moment abwarten. Das ist für mich Stress.“ Herausforderungen bezüglich der Struktur und Organisation der Standortsitzung Neben zwischenmenschlichen Herausforderungen werden auch strukturelle Aspekte der Standortsitzung als belastend erlebt. Fachpersonen sind häufig nicht nur inhaltlich beteiligt, sondern übernehmen auch die Leitung und Moderation der Sitzung, was zusätzlichen organisatorischen Druck erzeugt. Insbesondere Zeitdruck wird als herausfordernd beschrieben, durch beispielsweise eine hohe Anzahl an Traktanden, Widerstand seitens der Eltern oder den Einsatz von Dolmetschenden: „Herausfordernd ist der Zeitdruck, also eben gerade mit vielen Themen, Widerstand und Dolmetscher. (…) Dass man allen gerecht wird und das, was eigentlich Thema wäre, besprechen kann.“ Gleichzeitig besteht der Anspruch, den Eltern genügend Platz zu geben, um ihre Beobachtungen und Anliegen einzubringen, ohne dabei den Blick auf notwendige nächste Schritte zu verlieren: „Trotzdem ist es auch immer schwierig, dass das nicht so viel Platz einnimmt, weil man so viele Traktanden hat zu besprechen, die auch sehr wichtig sind.“ Als weitere Herausforderung werden unerwartete Themen genannt, die trotz Vorbesprechung während der Sitzung aufgebracht werden: „(…) Wenn die Beistandsperson plötzlich mit etwas in den Raum kommt, das sie bei einer Vorbesprechung nicht benannt hat. Und dann ist man so vor den Kopf gestoßen“. Auch mangelnde Transparenz und fehlende Informationen tragen zur Anspannung während Standortsitzungen bei. Fachpersonen berichten von Situationen, in denen sie sich unsicher fühlen, weil relevante Inhalte nicht ausgesprochen werden: „Aber es gibt auch Sitzungen, in denen ich angespannt bin. Meistens dann, wenn mir Informationen fehlen oder wenn ich merke, dass nicht alles ausgesprochen wird, was eigentlich ausgesprochen sein sollte.“ Eigene Herausforderungen Neben strukturellen und zwischenmenschlichen Herausforderungen berichten Fachpersonen auch von eigenen emotionalen Belastungen im Rahmen von Standortsitzungen. Mehrere Interviewte beschreiben die Hilflosigkeit der Eltern in solchen Gesprächen: „Ich finde auch die Hilflosigkeit der Eltern spürbar und schwierig auszuhalten.“ Die Aussage verdeutlicht, dass die emotionale Lage der Eltern nicht nur erkannt wird, sondern auch bei den Fachpersonen selbst emotionale Reaktionen auslöst, die im professionellen Rahmen bewältigt werden müssen. Während Fachpersonen den fachlichen Teil der Gespräche meist als gut bewältigbar erleben, wird insbesondere die emotionale Begleitung der Eltern als anspruchsvoll beschrieben: 331 uj 7+8 | 2026 Standortsitzungen in Frühbereichsheimen „(…) Die Eltern emotional abzuholen, also da würde ich mich nicht so hoch einschätzen und das finde ich, ist jetzt auch in dieser Runde das Thema als Herausforderung und dass da noch etwas, da muss es noch etwas geben, um die Eltern mehr abzuholen“. Ein wiederkehrendes Thema ist zudem das Spannungsfeld zwischen professionellen Zielsetzungen und der emotionalen Unterstützung der Eltern: „(…) Man hat noch ein Ziel, so viele Ansprüche, die man erfüllen muss und dann möchte man auch einerseits nicht, dass es noch schwieriger wird für die Person, andererseits nicht noch ein Thema noch größer machen, als es eigentlich aktuell möglich ist“. Gleichzeitig wird betont, dass nicht alle emotionalen Aspekte innerhalb der Standortsitzung bearbeitet werden können und teilweise andere Settings oder spätere Gespräche hilfreicher sind. Diskussion Die vorliegende qualitative Untersuchung zeigt, dass Standortsitzungen im stationären Frühbereich von allen Beteiligten als hochrelevante, zugleich jedoch auch als belastende Situationen erlebt werden. Fachpersonen und Beistandspersonen berichten insbesondere von Herausforderungen in der Zusammenarbeit zwischen den Berufsgruppen, im Umgang mit Eltern, in strukturellen Aspekten der Sitzungen sowie in persönlichen beziehungsweise berufsbezogenen Anforderungen. Diese Ergebnisse sind besonders relevant, da Standortsitzungen im stationären Frühbereich eine zentrale Rolle im Hilfeplanungsprozess einnehmen. Forschung zur Hilfeplanung betont ebenfalls die Bedeutung transparenter Entscheidungsprozesse sowie der Beteiligung von Eltern und Kindern (Arnold et al. 2008; Graf/ Gutmann 2021; Rotering/ Weber 2018). Das qualitative Material dieser Studie verdeutlicht, dass Standortsitzungen nicht nur fachliche Besprechungen darstellen, sondern komplexe Interaktionsräume sind, in denen professionelle Anforderungen und familiäre Belastungssituationen aufeinandertreffen. Wenn Rollen, Erwartungen und Verantwortlichkeiten nicht ausreichend geklärt sind, kann dies zu Unsicherheiten im Hilfeprozess führen. Besonders für Eltern kann wahrgenommene Uneinigkeit zwischen Fachpersonen das Vertrauen und die Kooperationsbereitschaft beeinträchtigen. Ähnliche Beobachtungen werden auch in Studien zur Qualität von Hilfeplanungsprozessen beschrieben, in denen eine klare Rollenverteilung und abgestimmte Kommunikation als zentrale Voraussetzungen für konstruktive Hilfeplangespräche hervorgehoben werden (Rotering/ Weber 2018; Sommer/ Kohlhof 2021). Über alle Themenbereiche hinweg wird deutlich, dass emotionale Belastungen eine zentrale Rolle in Standortsitzungen spielen. Eltern befinden sich häufig in krisenhaften Situationen, die von Angst, Scham oder Kontrollverlust geprägt sind. Diese Dynamiken beeinflussen nicht nur die Wahrnehmung der Sitzung, sondern auch die Fähigkeit der Eltern, Informationen aufzunehmen und aktiv am Hilfeprozess teilzunehmen (Toros 2021). Gleichzeitig stehen Fachpersonen und Beistandspersonen vor der Herausforderung, diese emotionalen Reaktionen aufzufangen und zu begleiten, während sie ihren fachlichen und institutionellen Auftrag erfüllen müssen. Das Spannungsfeld zwischen empathischer Unterstützung, fachlicher Distanz und Kindesschutzauftrag wird in den Ergebnissen deutlich sichtbar und trägt wesentlich zur subjektiv erlebten Belastung der Beteiligten bei. Trotz unterschiedlicher Rollen lassen sich gemeinsame Verbesserungsbedarfe identifizieren, die zentrale Ansatzpunkte für die Weiterentwicklung von Standortsitzungen bieten (siehe Abb. 2). 332 uj 7+8 | 2026 Standortsitzungen in Frühbereichsheimen Im Folgenden werden zentrale Aspekte dieser Verbesserungsansätze näher erläutert. Unerwartete Themen oder fehlende Vorinformationen können als besonders stressauslösend erlebt werden. Beide Berufsgruppen berichten von belastenden Situationen, wenn zentrale Inhalte erstmals im Beisein der Eltern diskutiert werden. Daraus ergibt sich der Bedarf nach einer strukturierten Vorbereitung der Standortsitzung, in der Themen, Zuständigkeiten und Zielsetzungen im Vorfeld geklärt werden. Neben einer inhaltlichen Vorbereitung, etwa durch Vorbesprechungen zwischen Fachpersonen, kann auch eine emotionale Vorbereitung der Beteiligten hilfreich sein, beispielsweise durch vorbereitende Gespräche mit Eltern oder Supervision für Fachpersonen. Ein weiterer zentraler Aspekt betrifft die Rollenverteilung zwischen Fach- und Beistandspersonen. Fachpersonen berichten von Überforderung, wenn sie neben der Moderation der Sitzung auch implizit Entscheidungsverantwortung übernehmen müssen, während Beistandspersonen wiederum hohe oder unklare Erwartungen als belastend erleben. Eine klare Rollenverteilung sowie eine abgestimmte Haltung zwischen den beteiligten Fachpersonen können dazu beitragen, Unsicherheiten bei Eltern zu reduzieren und die Kooperation zu stärken. Ähnliche Befunde finden sich auch in internationalen Studien zu multiprofessionellen Fallbesprechungen im Kindesschutz, die eine klare Struktur der Sitzung, vorbereitete Traktanden und eine abgestimmte Rollenverteilung als zentrale Gelingensbedingungen beschreiben (Richardson-Foster et al. 2021). Die Ergebnisse zeigen, dass Standortsitzungen eine zentrale Gelegenheit darstellen, um Hilfeplanungsprozesse weiterzuentwickeln, zu strukturieren und gemeinsame Zielsetzungen für das Kind und die Familie zu definieren. Gleichzeitig machen die Interviews deutlich, dass Eltern in diesen Situationen häufig emotional belastet sind und Orientierung benötigen. Studien zur Beteiligung von Eltern und Kindern im Kindesschutz betonen ebenfalls, dass Partizipation wesentlich von verständlicher Kommunikation und klaren Strukturen abhängt (Toros 2021; Graf/ Gutmann 2021). Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, Ziele und Erwartungen im Rahmen der Standortsitzung klar und verständlich zu formulieren und Eltern in deren Umsetzung aktiv und kontinuierlich zu begleiten und gegebenenfalls auch die Grenzen der Eltern zu antizipieren und die Standortsitzung entsprechend zu planen. Darüber hinaus beschreiben sowohl Beistandspersonen als auch Fachpersonen Zeitdruck, unklare Gesprächsführung sowie fehlende Transparenz als belastende Faktoren. Daraus ergibt sich ein Bedarf nach klar strukturierten Sitzungsabläufen, einer zielgerichteten Moderation sowie ausreichend Zeit für die Besprechung Klar strukturierte Vorbereitung Realistische und konkrete Zielsetzung Rollenklärung und -verteilung Effizientere Strukturierung der Standortsitzung Emotionales Abholen der Eltern Stressreduktion während der Standortsitzung Abb. 2: Überblick der zentralen gemeinsamen Verbesserungsansätze in Standortsitzungen (Abb.: Milou Leiting). 333 uj 7+8 | 2026 Standortsitzungen in Frühbereichsheimen schwieriger Themen. Eine frühzeitige Abstimmung darüber, wer bestimmteThemen anspricht und wie Entscheidungen vorbereitet werden, kann dazu beitragen, Spannungen während der Sitzung zu reduzieren. Es ist nachvollziehbar, dass bei vielen Themen zunächst eine Klärung und Abstimmung einer gemeinsamen Haltung zwischen den beteiligten Fachpersonen notwendig ist, da solche Themen häufig schwierig anzusprechen sind. Aus Perspektive der Einrichtungen ist es wichtig, eine tragfähige Kooperation mit den Eltern aufzubauen, weshalb belastende oder negative Informationen nur ungern im Rahmen der Standortsitzung erstmalig eingebracht werden, auch wenn Eltern im Alltag immer wieder mit entsprechenden Beobachtungen konfrontiert werden müssen. Gleichzeitig liegt die formale Entscheidungsverantwortung häufig bei den Beistandspersonen, die gegebenenfalls Rücksprache mit den Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden halten müssen. Für Beistandspersonen kann es wiederum schwierig sein, Entscheidungen konkret zu begründen, da sie häufig auf die Berichte und Beobachtungen der Einrichtungen angewiesen sind. Dies verdeutlicht die Bedeutung einer vorgängigen Abstimmung: Wenn Fachpersonen und Beistandspersonen ihre Perspektiven im Vorfeld klären, können Entscheidungen im Rahmen der Standortsitzung klarer vertreten und für Eltern nachvollziehbarer kommuniziert werden. Insgesamt zeigen die Ergebnisse, dass Standortsitzungen stark emotional geprägte Situationen darstellen. Fachpersonen und Beistandspersonen stehen vor der Herausforderung, Eltern emotional zu begleiten und gleichzeitig fachliche Anforderungen zu erfüllen. Daraus ergibt sich der Bedarf, Eltern vor, während und nach der Sitzung stärker vorzubereiten und ihre Perspektiven systematisch einzubeziehen. Schlussfolgerung Ziel dieser Arbeit war es, die Herausforderungen von Beistandspersonen und Fachpersonen in Standortsitzungen eines stationären Frühbereichsheims zu untersuchen. Die Ergebnisse zeigen, dass Standortsitzungen nicht nur organisatorische Gefäße der Hilfeplanung sind, sondern komplexe Entscheidungs- und Interaktionssituationen, in denen fachliche Anforderungen, institutionelle Rahmenbedingungen, Rollenverteilungen und emotionale Dynamiken gleichzeitig zusammenwirken. Unklare Rollen, fehlende Vorbereitung und hohe emotionale Belastung können die Zusammenarbeit im Hilfesystem sowie mit den Eltern erschweren. Gleichzeitig zeigt sich, dass die Erwartungen an Standortsitzungen oft sehr hoch sind, was zusätzlichen Druck erzeugt. Eine frühzeitige Vorbereitung sowie die Klärung zentraler Themen bereits im Vorfeld der Sitzung können dazu beitragen, diese Anspannung zu reduzieren. Standortsitzungen haben im Frühbereich eine zentrale Funktion für die Hilfeplanung und Zieldefinition. Eine bewusste Gestaltung dieser Prozesse kann daher wesentlich zur Qualität des Hilfeverlaufs beitragen. Die Ergebnisse verdeutlichen somit, dass Standortsitzungen im Kinderschutz nicht nur strukturell, sondern auch relational und emotional reflektiert gestaltet werden sollten. Vor diesem Hintergrund wurde im Anschlussprojekt „Hilfeplanung im VISIER“ ein Leitfaden für die Gestaltung von Hilfeplanungsprozessen entwickelt (www.hilfeplanung-im-visier.ch). Milou Leiting Universitäre Psychiatrische Kliniken (UPK) - Klinik für Kinder und Jugendliche (UPKKJ) Wilhelm Klein-Str. 27 4002 Basel E-Mail: Milou.Leiting@upk.ch 334 uj 7+8 | 2026 Standortsitzungen in Frühbereichsheimen Literatur Arnold, C., Huwiler, K., Raulf, B., Hannes, T., & Wicki, T. (2008): Pflegefamilien- und Heimplatzierungen. Eine empirische Studie über den Hilfeprozess und die Partizipation von Eltern und Kindern. Verlag Rüegger, Zürich/ Chur Graf, E. & Gutmann, V. (2021): Beteiligungsorientierte Hilfeplanung. unsere jugend, 73 (9), 365 - 373, https: / / doi.org/ 10.2378/ uj2021.art58d Günder, R. (2007): Praxis und Methoden der Heimerziehung. Entwicklungen, Veränderungen und Perspektiven der stationären Erziehungshilfe. Lambertus-Verlag, Freiburg im Breisgau Hopmann, B., Rohrmann, A., Schröer, W. & Urban-Stahl, U. (2019): Hilfeplanung ist mehr als ein Verfahrensablauf: Ein Plädoyer zur Öffnung der aktuellen Fachdiskussion im Kontext der SGB VIII-Reform. 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Die Geschichten sind eine wertvolle Hilfe für Pflegeeltern und Fachkräfte. 2024. 135 Seiten. (978-3-497-03247-1) kt a www.reinhardt-verlag.de
