eJournals unsere jugend78/7+8

unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2026.art45d
4_078_2026_7+8/4_078_2026_7+8.pdf71
2026
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Bedeutung einer qualifizierten Diagnostik bei Notfallplatzierungen/Inobhutnahmen in Frühbereichsheimen " fachliche und ethische Aspekte

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2026
Marc Schmid
Manuela Gärtner
Milou Leiting
Petra Wallnöfer
Eine Diagnostik in einem Frühbereichsheim muss schnell eine Einschätzung darüber liefern, ob ein längerer Rückführungsprozess oder eine langfristige außerfamiliäre Platzierung indiziert ist. Dafür muss die Frage geklärt werden, inwiefern die Gefährdung eines Kindes auch mit ambulanten Hilfen mit einer hinreichenden Wahrscheinlichkeit abgewendet werden kann und unter welchen Bedingungen die Sicherheit des Kindes in seiner Familie ausreichend sicher gewährleistet werden kann. Die Diagnostik muss so organisiert werden, dass unabhängig vom Ergebnis sowohl der Schutz des Kindes sichergestellt wird als auch eine möglichst hohe Platzierungskontinuität ohne häufige Wechsel des Settings und der Bezugspersonen gewährleistet werden kann und keine Entfremdung von den Eltern einsetzt. Gleichzeitig sollen die Eltern durch eine verstehende Haltung innerhalb des diagnostischen Prozesses für eine enge mittelfristige Zusammenarbeit zum Erreichen gemeinsamer Ziele in der Hilfeplanung gewonnen werden. Diese grundlegenden Überlegungen auf dem Weg hin zu fachlich und ethisch belastbaren diagnostischen Entscheidungen sollen auf den folgenden Seiten vermittelt werden.
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335 unsere jugend, 78. Jg., S. 335 - 358 (2026) DOI 10.2378/ uj2026.art45d © Ernst Reinhardt Verlag Bedeutung einer qualifizierten Diagnostik bei Notfallplatzierungen/ Inobhutnahmen in Frühbereichsheimen - fachliche und ethische Aspekte Eine Diagnostik in einem Frühbereichsheim muss schnell eine Einschätzung darüber liefern, ob ein längerer Rückführungsprozess oder eine langfristige außerfamiliäre Platzierung indiziert ist. Dafür muss die Frage geklärt werden, inwiefern die Gefährdung eines Kindes auch mit ambulanten Hilfen mit einer hinreichenden Wahrscheinlichkeit abgewendet werden kann und unter welchen Bedingungen die Sicherheit des Kindes in seiner Familie ausreichend sicher gewährleistet werden kann. Die Diagnostik muss so organisiert werden, dass unabhängig vom Ergebnis sowohl der Schutz des Kindes sichergestellt wird als auch eine möglichst hohe Platzierungskontinuität ohne häufige Wechsel des Settings und der Bezugspersonen gewährleistet werden kann und keine Entfremdung von den Eltern einsetzt. Gleichzeitig sollen die Eltern durch eine verstehende Haltung innerhalb des diagnostischen Prozesses für eine enge mittelfristige Zusammenarbeit zum Erreichen gemeinsamer Ziele in der Hilfeplanung gewonnen werden. Diese grundlegenden Überlegungen auf dem Weg hin zu fachlich und ethisch belastbaren diagnostischen Entscheidungen sollen auf den folgenden Seiten vermittelt werden. von Marc Schmid Jg. 1971; PD Dr. Dipl.-Psych., Psychologischer Psychotherapeut, Systemischer Familientherapeut und Supervisor, Bereichs- und Forschungsgruppenleiter in der Klinik für Kinder und Jugendliche der Universitären Psychiatrischen Kliniken UPK Basel, Universität Basel Manuela Gärtner Jg. 1971; Dipl.-Sozialpädagogin (FH), MAS-Sozialmanagement, system. Familienberaterin, Leiterin Kinderheim Pilgerbrunnen, Zürich Milou Leiting Jg. 1999; Master of Science in Psychology (MSc) - Vertiefungsrichtung Klinische Psychologie und Neurowissenschaften, Psychologie-Doktorandin an der Universität Basel und der Forschungsabteilung der Klinik für Kinder und Jugendliche der Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPKKJ) Basel (Schweiz) Petra Wallnöfer Jg. 1984; Master of Arts in Erziehungswissenschaft. Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Forschungsabteilung der Klinik für Kinder und Jugendliche der Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPKKJ) Basel (Schweiz) 336 uj 7+8 | 2026 Bedeutung von Diagnostik bei Notfallplatzierungen Einleitung Kindesschutz im Kleinkindalter Über ein Drittel aller angezeigten Fälle von Misshandlung und Vernachlässigung entfallen auf Kinder unter sechs Jahre, was befürchten lässt, dass die Dunkelziffer in diesem Alter noch wesentlich höher ist (Destatis 2025; BKA 2021). Die nationale Kinderschutzstatistik der Schweiz berichtet, dass von den über 1800 „Vorgängen“, mit welchen sich die 20 beteiligten pädiatrischen Kinderschutzgruppen befassten, über 50 % der Gemeldeten auf Kinder unter vier Jahren entfallen (Nationale Schweizer Kinderschutzstatistik 2025). Es gibt viel Evidenz für die Folgen von Misshandlung und Vernachlässigung in der Kindheit, sie haben oft sehr gravierende Auswirkungen auf die Teilhabe im Erwachsenenalter, und Menschen mit solchen Erfahrungen haben ein viel höheres Risiko auf geringe Schulbildung, Armut und soziale Isolation. Insbesondere die dramatischen Folgen von erheblicher Vernachlässigung in der frühen Kindheit werden oft unterschätzt (Schmid 2025). 4700 Kinder unter drei Jahren werden in Deutschland in Obhut genommen. Circa die Hälfte aller Inobhutnahmen (nicht der besonders jungen Kinder) kehren im Rahmen einer ambulanten Hilfeplanung wieder in ihr Herkunftssystem zurück (Petermann et al. 2014; Destatis 2025). Gerade auch die dramatischen Fälle, die zum Tod eines Kindes führen, betreffen meistens die ganz jungen Kinder. Jedes Jahr sterben in Deutschland über 150 Kinder an den Folgen von Misshandlung und Vernachlässigung und Gewalt (BKA 2020). Bereits ein Schütteln oder eine Nacht das Kind alleine zu lassen kann zum Tod des Kindes führen, was aufzeigt, wie hoch die Verantwortung der Fachkräfte in den Kinderschutzbehörden ist und wie herausfordernd es sein muss, diese Verantwortung tagtäglich zu tragen, und welche Unterstützungsstrukturen es braucht, um diesen Job dauerhaft und mit Freude ausüben zu können und keine Stress- und Burnout-Symptome zu entwickeln. Das zentrale Problem für die Fachkräfte bei Platzierungen im Frühbereich ist, dass gerade eine Fremdplatzierung junger Kinder auch gravierende Nebenwirkungen haben kann und eine immense Belastung für die Familie darstellt und schnell zu einer Entfremdung von der Familie führen kann. Andererseits kann der Verzicht auf eine Platzierung zu dem von allen Sozialarbeitern am meisten gefürchteten größten anzunehmenden „Unfall“, nämlich, dass ein Kind, für das man Mitverantwortung trägt, zu Tode kommt oder nachhaltig geschädigt wird, führen. Man steht also vor einem erheblichen ethischen Dilemma, auch zwischen Gesinnungsethik („ambulant vor stationär“, „Eltern sind für ein Kind am wichtigsten“) und Verantwortungsethik (Weber 1919, 1992) und hat oft nur die Wahl zwischen zwei wenig attraktiven Alternativen, ist aufgrund der Verantwortung, die auf einem lastet, aber zum Handeln und zu Gewährung der Sicherheit für das Kind verpflichtet. Der diagnostische Aufenthalt ist hier ein guter Kompromiss. Ein diagnostischer Aufenthalt erhöht die Sicherheit für die Entscheidungsträger und man ge winnt Zeit für eine qualifizierte Entscheidung. Auch ein Großteil der Eltern, die ja in der Regel ambivalent sind und auf einer gewissen Ebene schon realisieren, wie sehr die Erziehungsaufgaben sie heraus- und überfordern, kann sich oft auf einen klar definierten diagnostischen Auftrag einlassen. Die Tatsache, dass man eine Abklärung beauftragt, um die bestmögliche Lösung für das Kind und seine Familie zu suchen und den Eltern gegenüber klar, transparent und wertschätzend auftritt, führt oft zu einer vorsichtigen Akzeptanz, da dies eine konkrete Hoffnung auf Veränderung und gemeinsame Lösungsfindung für eine schwierige Situation nährt und gleichzeitig 337 uj 7+8 | 2026 Bedeutung von Diagnostik bei Notfallplatzierungen konfrontiert, indem der Veränderungsbedarf aufgezeigt wird. Es ist wichtig, hier ein eindeutiges Narrativ mit den Eltern für die diagnostische Maßnahme und die Ziele zu vermitteln, und wenn dies von der Familie unter dem Stress noch nicht verstanden wird, dieses wieder und wieder zu vermitteln. Von den Eltern wird bei einem expliziten Abklärungsauftrag verlangt sich mit ihrer Situation und den eigenen Stärken und Schwächen intensiv auseinanderzusetzen. Die Betreuung von Kinderschutzfällen mit sehr jungen Kindern wird von den beteiligten Sozialarbeitern oft als besonders belastend und schwierig beschrieben (Schäuble & Rätz, R. 2015; Kahl et al. 2023; Schmid et al. 2024), insbesondere wenn man wegen unbesetzter Stellen viel kompensieren muss (Pamme 2018). Für die Fachkräfte sind diese Abklärungen besonders herausfordernd, da die einzigen Quellen oft die Eltern sind und die Kinder noch in keinen anderen Strukturen wie Schule, Kindergarten oder staatliche Kinderbetreuung eingebunden sind und sich zudem selbst kaum verbal einbringen können. Dadurch ist es schwer ein ausreichend tragfähiges Sicherheitsnetz für ein Kind in dieser Altersgruppe aufzubauen bzw. sehr aufwendig, dieses zu initiieren. Hinzu kommen natürlich noch andere spezifische Zwänge im Frühbereich, dort fallen Eltern oft plötzlich aus, sodass zeitgleich mehrere Geschwister von einer Gefährdung des Kindeswohles betroffenen sind, was es oft besonders verunmöglicht (Schrapper & Hinterwälder 2019), ausreichend viele Plätze im gleichen Heim zu finden und die Geschwister so zu begleiten, dass die Ressourcen gestärkt und maladaptive Tendenzen zur Parentifizierung erkannt und bearbeitet werden können - ein Kind, das sich für seine Geschwister verantwortlich fühlt, einfach von ihnen zu trennen, ist oft keine gute Lösung, da es die Verantwortung nur abgeben kann, wenn es erlebt, dass es seinen Geschwistern gut geht. Zumal dann in der Regel keine Elternarbeit aus einer Hand mehr möglich ist. Weshalb die Frühbereichsheime die Möglichkeit haben müssen, ihre Belegung so steuern zu können, dass auch mehrere Kinder aufgenommen werden können, ohne die Teams dauerhaft zu überlasten. Besonders problematisch für die Fachkräfte in den Kinderschutzbehörden ist es, wenn sie die Indikation für eine stationäre Abklärung stellen und dann keinen Platz in einem Frühbereichsheim finden können und deshalb die Inobhutnahmen trotz eines schlechten Gefühls immer wieder verschieben müssen oder eine Notfalllösung einleiten müssen, die zwangsläufig sehr viele Betreuungswechsel nach sich zieht, da kein Heim mit einem mittelfristigen Angebot eine Aufnahmemöglichkeit bei sich sieht. Wichtig wäre es, mehr explizite Plätze für diagnostische Abklärung in Heimen vorzuhalten, um immer die Möglichkeit für Notfallplatzierungen zu haben. Durch eine explizitere Diagnostik mit klareren Rückführungsoptionen sollte sich die durchschnittliche Aufenthaltsdauer in den Frühbereichsheimen auch deutlich verkürzen. Hier muss angemerkt werden, dass die zuweisenden Behörden auch aus finanziellen Überlegungen heraus ein großes Interesse daran haben müssten, dass im Frühbereich mit einer guten Diagnostik eine sehr nachhaltige Hilfeplanung realisiert wird, da natürlich eine erfolgreiche Rückführung, die zu keinen weiteren stationären Hilfen mehr führt, im Vergleich zu einer Heimkarriere zu erheblichen Einsparungen führt (Oezdirek et al. 2024; Bellis et al. 2019). Ob ein fünfjähriges Kind 15 Jahre lang platziert wird oder nicht, kann mehr als eine Million CHF oder € einsparen. Gerade frühe Hilfen haben daher den relativ besten „Return of Investment“ für die Kostenträger (Heckman 2008) und sollten deshalb besonders gut ausgestattet werden. Eine gute Diagnostik in Frühbereichsheimen ist wesentlich kostenintensiver als eine reine Betreuung, hat aber langfristig durch klarere Rückführungsoptionen und erfolgreiche Verläufe ein immenses Einsparpotenzial. 338 uj 7+8 | 2026 Bedeutung von Diagnostik bei Notfallplatzierungen Vom impliziten zum expliziten diagnostischen Auftrag Es ist wichtig, hier noch einmal festzuhalten, dass Frühbereichsheime schon immer einen diagnostischen Auftrag hatten, in dem sie ihre Beobachtungen zumeist sehr deskriptiv in die gemeinsame Hilfeplanung einbrachten. Es war schon immer der Sinn einer Platzierung in einem Frühbereichsheim, das Kind und die Eltern im Alltag beobachten zu können und dann auch nach und nach die Eindrücke aus den Besuchskontakten in die Hilfeplanung mit den Beiständen einfließen zu lassen. Neu ist, dass dieser Auftrag nun explizit erteilt und nicht nur implizit erwartet wird. Durch das Explizieren des Auftrages kann dieser auch im Rahmen eines Zuweisungsprozesses mit Eingriffen in das Obhuts- und Sorgerecht mit verfügt werden. Mit einem expliziten Auftrag eine Diagnostik zu betreiben sind gewisse Erwartungen und eine höhere Verantwortung für den Hilfeprozess verbunden, was eine intensivere Kooperation mit den Beistandspersonen expliziert. Dies setzt voraus, dass die Frühbereichsheime dafür die nötigen Ressourcen vorhalten und Prozesse und methodische Standards für eine solche Diagnostik und die Berichtslegung von Empfehlungen zur Hilfeplanung entwickeln. Eine Herausforderung bei der Diagnostik von so hoch belasteten Familien ist es, bei dem ganzen Leid konkrete explizite Fragestellungen und Unterfragestellungen zu formulieren, die man konkret beantworten kann. Die übergeordnete Frage „Unter welchen Voraussetzungen kann eine Rückführung erfolgen“ besteht bei genauer Betrachtung aus sehr vielen einzelnen Unterfragestellungen (Wie psychisch belastet sind die Eltern? Inwiefern beeinflusst diese Belastung die Versorgung der Kinder? Hat das Kind einen Entwicklungsrückstand und braucht besondere Förderung ungewöhnlich viel Betreuung? Können die Eltern den Alltag mit den Kindern ausreichend gut strukturieren? ). Prozessstatt Statusdiagnostik Die Tatsache, dass der diagnostische Prozess mit einer Fremdplatzierung kombiniert wurde, führt dazu, dass der diagnostische Prozess sehr eng mit der Hilfsmaßnahme verschmilzt und die Frage, wie die Eltern mit der Wohngruppe zusammenarbeiten und wie der Verlauf bzw. die Prognose der Hilfe beurteilt wird, kann zwangsläufig in den diagnostischen Prozess einfließen, was die Qualität der prognostischen Aussagen in der Regel erheblich verbessern wird. In familienrechtlichen Verfahren hat sich schon lange ein Standard durchgesetzt, die Begutachtungen nicht als reine Statusgutachten, sondern prozessorientiert durchzuführen (Fichtner 2023; Aebi et al. 2020). Gerade für eine Prognose im Kinderschutz ist es von entscheidender Bedeutung, wie gut die Eltern mit den Kindesschutzbehörden zusammenarbeiten, wie offen sie sind und wie bereit sie sind, ein Sicherheitsnetz um die Familie herum aufzubauen (Kindler 2006 a, b; Schmid, 2017). Letztlich spielt hier auch wieder die Problemeinsicht, die Motivation und die Fähigkeit der Eltern, sich auch in Situationen, in denen es ihnen selbst nicht gut geht, sie gestresst sind, sich sensitiv in die Bedürfnisse ihres Kindes hineinversetzen zu können und die kindlichen Bedürfnisse nicht als Angriff auf ihre eigenen Bedürfnisse zu sehen, eine entscheidende Rolle. In der Umsetzung von prozessorientierten Empfehlungen zur weiteren Hilfeplanung steckt eine enorme Chance für die Frühbereichsheime und die betreuten Familien, da man hier eben den Hilfeprozess im Verlauf begleiten kann und gerade auch die Entwicklung der Besuchskontakte und die Entwicklung bzw. das Potenzial der Eltern im Rahmen einer intensiven Elternarbeit beurteilen kann - wichtig ist die notwendige Problemeinsicht und Geduld bei den Eltern zu erreichen, um von einem diagnostischen Auftrag hin zu einer mittelfristig setting-übergreifenden Hilfeplanung zu gelangen. 339 uj 7+8 | 2026 Bedeutung von Diagnostik bei Notfallplatzierungen Trennung und Zusammenführen von Betreuungsauftrag und diagnostischem Auftrag Die gleichzeitige Erteilung eines Betreuungsauftrags und eines diagnostischen Auftrages stellt eine erhebliche Herausforderung für die Beziehungsgestaltung mit den Eltern dar. Die Eltern müssen einerseits für eine enge Zusammenarbeit in der Diagnostik und eine Unterstützung der Fremdplatzierung gewonnen werden, andererseits transparent über die diagnostischen Prozesse und die Bedeutung der Empfehlungen informiert werden. In der Dualität dieses Auftrages liegt auch eine riesige Chance dar, da klar ist, dass eine gute Zusammenarbeit mit dem Heim die Prognose im Rahmen des diagnostischen Prozesses positiv beeinflusst. Dies kann die Motivation der meisten Eltern, im Rahmen ihrer Möglichkeiten mit dem Heim zusammenzuarbeiten, stärken. Es kann sehr herausfordernd sein, sich einerseits um die Bedürfnisse des Kindes gut zu kümmern, die Elternarbeit für ein gutes Ankommen in einem Heim auszugestalten und andererseits eine ergebnisoffene Diagnostik mit den Eltern durchzuführen. Für eine gute Diagnostik braucht es eine gewisse Distanz, Objektivität und Neutralität. Dennoch muss die diagnostische Fachkraft einerseits eine emotional engagierte, vertrauensvolle Beziehung zu den Eltern aufbauen, um den objektiv besten Lösungsweg aus der Krise mit der Familie zu finden, denn hier braucht man offene, ehrliche Antworten, und andererseits müssen die Eltern manchmal mit Fehlverhalten und der Gefährdung des Kindeswohls und Widersprüchen konfrontiert werden. Gerade für den Beziehungsaufbau und das Einlassen der Familie auf eine längerfristige Betreuung ist es wichtig, dass die Eltern eine Person haben, mit der sie eng zusammenarbeiten, die sehr ressourcen- und lösungsorientiert vorgehen kann und viel Hoffnung vermittelt. Für die Erarbeitung von belastbaren Empfehlungen zur weiteren Hilfeplanung muss man aber manchmal konfrontativer auftreten und die Kompetenzen und Entwicklungsmöglichkeiten der Eltern eher kritisch distanziert hinterfragen. Eine Konfrontation durch eine Vertrauensperson kann die helfende Beziehung untergraben, weshalb es gut ist, diese Rollen zu trennen und einerseits eine Fachkraft zu haben, die sich primär um die Betreuung und den Aufbau einer tragfähigen helfenden Beziehung kümmert, und eine andere diagnostische Fachkraft, welche eine diagnostische Einschätzung vornimmt und die Empfehlung für die zuweisenden Behörden erarbeitet und verschriftlicht. Die unterschiedlichen Rollen und Aufträge sollten für die Eltern transparent sein und es sollte auch klar ausgesprochen werden, dass die Beurteilung der Kooperation mit der Wohngruppe ein wesentlicher Bestandteil der Einschätzung ist und sich die Fachkräfte regelmäßig austauschen, die Entwicklung der helfenden Beziehung fließt somit ständig in die diagnostische Einschätzung ein. Die Eltern sollten verstehen: es gibt jemanden, mit dem sie über die Betreuung und den Alltag sprechen und der konkrete Hilfen für sie und ihr Kind mit ihnen umsetzen kann, und es gibt jemanden, der ihre Situation gut verstehen will und Empfehlungen an den Beistand aussprechen kann und diese auch in einem Bericht verschriftlichen muss. Um die bestmögliche Lösung zu erarbeiten, müssen die Familie, der Beistand, die Wohngruppe und die diagnostische Fachkraft eng zusammenarbeiten. Alle Beteiligten bringen ihre Erfahrungen aus der Zusammenarbeit und ihre Einschätzung der Situation in die gemeinsamen Gespräche zur Lösungsfindung ein. Der diagnostische Prozess und die Betreuung sind zwei getrennte Prozesse, die man zum Wohle des Kindes, aber nicht gänzlich unabhängig gestalten kann und zusammen umsetzen muss. Durch eine gute Balance zwischen Diagnostik und Betreuungsauftrag ist es möglich, eine möglichst hohe Beziehungskontinuität unabhängig 340 uj 7+8 | 2026 Bedeutung von Diagnostik bei Notfallplatzierungen von den diagnostischen Ergebnissen sicherzustellen und gleichzeitig intensiv mit den Eltern und den Behörden an einem lösungsorientierten Narrativ für die weitere Hilfeplanung zu arbeiten. Bindungstheoretische Überlegungen Es ist sehr wichtig, die Entwicklung von möglichst sicheren Bindungen zu fördern und weitere Bindungstraumatisierungen und Abbrüche im Hilfeprozess zu verhindern, dies sollte die oberste Prämisse jedes Handelns im Kinderschutz sein und auch durch die fachlichen und juristischen Entscheidungen unterstützt werden. Eine Gruppe renommierter Bindungsforscher hat in einem sehr gut strukturierten und recherchierten Übersichtsartikel „Bindungsforschung geht vor Gericht“ (Forslund et al. 2022) leider aufgezeigt, dass die Erkenntnisse der Bindungsforschung bei zentralen Entscheidungen noch viel zu wenig beachtet werden. Das Wichtigste für eine gesunde Bindungsentwicklung ist es, dass das Kind sicher ist und keine weitere Vernachlässigung und Misshandlung erfährt, da dieser Schutz vor belastenden Beziehungserfahrungen und die bestmögliche Sicherstellung von positiven (korrigierenden) Beziehungserfahrungen die Voraussetzung für eine gesunde Bindungsentwicklung ist. Leider wird oft fälschlicherweise davon ausgegangen, dass es für die Bindungsentwicklung ausreicht, wenn ein Kind mit seinen Eltern interagiert. Aber die Interaktion ist nur eine notwendige und keine hinreichende Bedingung für eine gesunde Bindungsentwicklung. Das Kind muss auch erleben, dass die Eltern seine Bedürfnisse erkennen und mit ihrem Verhalten adressieren, wenn die Eltern weiterhin wenig sensitiv umgehen und nicht auf seine Bedürfnisse eingehen können, untergräbt dies eher eine sichere Bindungsentwicklung. Das relative Risiko für hochunsichere Bindungen und Bindungsstörungen ist bei fremdplatzierten Kindern aufgrund ihrer Beziehungserfahrungen vor der Platzierung um ein Vielfaches im Vergleich zu Kindern in der Allgemeinbevölkerung erhöht. 30 % der Pflegekinder und 37 % der Kinder, die in Wohngruppen leben, leiden unter Symptomen einer Bindungsstörung im Vergleich zu „nur“ 2 % in der Allgemeinbevölkerung (Schröder et al. 2017). Schwere Bindungsbeeinträchtigungen sind eng mit mehr traumatischen Ereignissen und einer höheren Psychopathologie assoziiert (Pèrez et al. 2011; Schröder et al. 2017; Schmid 2025). Eine höhere Psychopathologie ist wiederum ein Risikofaktor für Abbrüche insbesondere in Pflegefamilien, aber auch in Heimen (Engler et al. 2022; Asif et al. 2024). Um eine möglichst hohe Platzierungskontinuität zu erreichen und die sozialpädagogischen Fachkräfte und Pflegeeltern vor Überforderung zu schützen, ist es wichtig, zuverlässige Unterstützungsstrukturen aufzubauen (Schmid und Lang 2012, 2015; Schmid et al. 2017), in denen diese ihre herausfordernden Interaktionen mit dem Kind und/ oder seinen Eltern reflektieren und pädagogische Strategien entwickeln können. Beziehungskontinuität und Bindungsentwicklung müssen im Prozess unabhängig vom Ergebnis gewährleistet werden Es ist ganz entscheidend, dass die Hilfeprozesse nicht ihrerseits systemimmanent zu immer neuen Beziehungsabbrüchen führen. Deshalb sollte die Abklärung in einem Setting erfolgen, in dem die Kinder auch mittelfristig verbleiben können, und es sollte nicht nach der abgeschlossenen Abklärung zwangsläufig ein Beziehungsabbruch erfolgen. Es wäre also gut, wenn das Kind nach dem Abschluss der Abklärung in seiner gewohnten Umgebung mit seinen vertrauten Bezugspersonen und den gleichen Kindern auf der Wohngruppe ver- 341 uj 7+8 | 2026 Bedeutung von Diagnostik bei Notfallplatzierungen bleiben kann. Dies ist sehr entscheidend, da das wahrscheinlichste Ergebnis einer guten diagnostischen Abklärung ist, dass man mit den Eltern gemeinsam einen längeren Rückführungsprozess einleitet, wenn die gemeinsamen Ziele in der Heimerziehung erreicht wurden und ein ambulantes Netzwerk aufgebaut werden konnte. Dies bedeutet aber, dass man die Logik von spezialisierten Beobachtungsstationen oder Clearingstellen aus dem Jugendalter, die sich auf eine interdisziplinäre Abklärung spezialisiert haben und dafür mit der notwendigen Struktur- und Prozessqualität ausgestattet sind, nicht einfach auf den Frühbereich übertragen kann, da dies mit zu vielen Beziehungsabbrüchen in einer für die Bindungsentwicklung sensiblen Phase verbunden wäre. Im Frühbereich darf der diagnostische Auftrag daher nicht vom langfristigen Betreuungsauftrag getrennt werden, was mehrere Implikationen hat. Dies bedeutet z. B. 1. Es ist nicht möglich, ein hochspezialisiertes diagnostisches Setting vorzuhalten. Daher müssen die verschiedenen Wohngruppen eines Frühbereichsheims die Möglichkeit haben, immer wieder einzelne diagnostische Platzierungen aufzunehmen. 2. Kein separates Diagnostikteam zu haben impliziert, dass alle Mitarbeiter in einem Heim die grundlegenden diagnostischen Kompetenzen erlernen müssen und ein standardisierter Prozess und Verantwortlichkeiten über die unterschiedlichen beteiligten Wohngruppen hinweg definiert werden müssen. 3. Die Wohngruppen müssen darauf vorbereitet sein, dass es immer wieder relativ plötzlich Aufnahmen und Veränderungen der Gruppendynamik gibt. Dies bedeutet, die Diagnostikkinder müssen gut in die Gruppe eingeführt werden und der „sichere Ort“ für alle Kinder in der Gruppe muss immer wieder bei wechselnden Gruppendynamiken hergestellt werden (vgl. Schmid 2021). Dies ist bei jüngeren Kindern tendenziell einfacher als bei Jugendlichen, darf aber nicht unterschätzt werden. 4. Das Diagnostikteam muss mit verschiedenen Wohngruppen zusammenarbeiten, was viel Koordinationsaufwand bedeutet, da es länger braucht, bis sich Routinen z. B. bei der gemeinsamen Gesprächsführung, Berichtslegung, Hilfeplanung entwickeln. Im Übrigen sind diese Wechsel auch für die Elternarbeit im Jugendalter eine Herausforderung. Zu bedenken ist dabei, dass alle Beteiligten erst einmal an einem „sicheren Ort“ ankommen müssen, um in einen Hilfeplanungsprozess einsteigen zu können (Schmid 2021). Andererseits bringt die Aussicht auf personelle Kontinuität viele Vorteile mit sich, insbesondere wenn man die Eltern für einen gemeinsamen Weg gewinnt und sie dann auch zunehmend einbinden kann und sie sich auf eine helfende Beziehung mit den Gruppenleiter: innen und Sozialpädagog: innen der Wohngruppe einlassen können im Wissen, dass sie dort langfristig von einer inzwischen vertrauten Person, die es auch aus Perspektive der Eltern gut mit ihrem Kind meint, begleitet werden. Übrigens wäre es auch bei Pflegefamilien wichtig, solche Pflegeeltern zu suchen, die sowohl eine schnelle Rückführung begleiten als auch ergebnissoffen gegebenenfalls eine langfristige Unterbringung betreuen oder vice versa, was natürlich eine erhebliche Herausforderung darstellt, da diese Anforderungen oft unterschiedliche Motive und Qualifikationen der Pflegeeltern voraussetzen (Kindler & Meysen 2011). Die klare Trennung zwischen Notfallpflegeplatzierungen und langfristigen Platzierungen in Kombination zu langwierigen Abklärungen und juristischen Entscheidungen führt nicht selten dazu, dass die Kinder sich zwangsläufig an die Pflegeeltern in der Notfallplatzierung binden und dann einen Beziehungsabbruch in einer sensiblen Phase erfahren. 342 uj 7+8 | 2026 Bedeutung von Diagnostik bei Notfallplatzierungen Gute Balance aus Geschwindigkeit und Qualität der Diagnostik Die Frage des Zeitpunkts für einen diagnostischen Prozess in einem Kinderschutzverfahren mit kleinen Kindern ist ein wichtiges Qualitätsmerkmal. Wenn ein Kind mit 18 Monaten über ein Jahr in einer Pflegefamilie oder einem Heim in Obhut genommen wird und nur vergleichsweise wenig Kontakt zu seinen leiblichen Eltern hat, entwickelt sich eine Bindung zu den Bezugspersonen oder Pflegeeltern. Wenn dann entschieden wird, dass ein Obhutsentzug juristisch nicht ausreichend gerechtfertigt ist und das Kind bei seinen Eltern verbleiben soll und diese dann das Kind ohne jede Übergangsphase einfach mitnehmen, erlebt das Kind dann zwei Beziehungsabbrüche in einer für die Bindungsentwicklung sensiblen Phase. Deshalb ist es wichtig, die Diagnostik möglichst effizient und effektiv durchzuführen, um die Bindungsentwicklung der Eltern zu den Kindern nicht bzw. nur dann zu unterbrechen, wenn die Kontakte zu den Eltern belastend sind, zum Beispiel indem sie traumatische Erinnerungen auslösen. Gleichzeitig darf die Frage der Dauer des Prozesses nicht unabhängig von der Qualität des Prozesses betrachtet werden und es ist entscheidend, diese beiden Pole gut auszubalancieren. Die Geschwindigkeit ist bei genauerer Betrachtung dann besonders wichtig, wenn die Eltern nicht für eine gemeinsame Hilfeplanung gewonnen werden können. Beim wahrscheinlichsten und gewünschten Ende jedes erfolgreichen Diagnostikprozesses, in dem die Eltern über die diagnostischen Erkenntnisse für ein gemeinsames Verständnis der Situation gewonnen werden können und gemeinsam ein Narrativ für die weitere Hilfeplanung und die Notwendigkeit einer Fortsetzung der stationären Hilfe erarbeitet werden kann (Schmid & Fegert 2019), nimmt der hohe Druck, der auf den diagnostischen Empfehlungen und juristischen Entscheidungen lastet, in der Regel dann auch schnell ab - der Zeitdruck und die Angst vor den Folgen von Fehlentscheidungen sind in der Regel bei Verläufen, in denen es den Beiständen und den Fachkräften der Institution nicht gelingt, eine Vertrauensbeziehung aufzubauen und ein gemeinsames Narrativ zu entwickeln, besonders ausgeprägt. Diagnostische Prozesse und juristische Entscheidungen im Kinderschutz, die sich über Jahre hinziehen, sind problematisch - schnelle falsche Entscheidungen sind allerdings hoch problematisch. In der Praxis zeigt sich, dass dem Wunsch, den diagnostischen Prozess zu beschleunigen, gewisse Grenzen gesetzt sind, die diagnostischen Erhebungen sind recht anstrengend und müssen deshalb langfristig gut in mehreren Terminen organisiert werden, insbesondere wenn einzelne Termine ausfallen, lassen sich Verzögerungen kaum vermeiden. Insbesondere wenn für die Standortbestimmungen mit den Beistandspersonen auch noch dolmetschende Personen beteiligt werden müssen, braucht es oft sehr viel Zeit, die Termine zu koordinieren, und es vergehen oft Wochen, bis ein neuer Termin fixiert werden kann. Qualifikation der Fachkräfte Ein diagnostisches Vorgehen, das nicht nur auf einer spezialisierten Wohngruppe, sondern in der gesamten Institution mit allen Wohngruppen realisiert wird, stellt dann andere Anforderungen an die Qualifikation der Fachkräfte in der Breite der Belegschaft. Alle Fachkräfte müssen über eine diagnostische Grundqualifikation verfügen und die neuen Mitarbeiter und -innen müssen ständig nachqualifiziert werden. Leider werden viele Fachkräfte in ihrer grundlegenden Ausbildung weder ausreichend gut für den Einsatz im Frühbereich noch für eine standardisierte psychometrische Diagnostik vorbereitet. Es ist entscheidend, dass alle Fachkräfte die eingesetzten diagnostischen Verfahren, Prozesse und ihre Interpretation kennen. Darüber hinaus brauchen sie Kenntnisse in der Entwicklungspsychologie und insbesondere 343 uj 7+8 | 2026 Bedeutung von Diagnostik bei Notfallplatzierungen der Bindungstheorie. Im Frühbereich ist es wichtig, Aspekte der Pflege von kleinen Kindern sowie die Bedeutung von Berührungen im Alltag zu vermitteln und mit Fragen einer gesunden Entwicklung von Kindern zu verbinden. Zudem braucht es Wissen zur Beurteilung von Eltern-Kind-Interaktionen mit den entsprechenden Kenntnissen zur Erkennung von Feinzeichen für Rupturen und Stress, welche nur in recht aufwendigen Weiterbildungen und gemeinsamer Videoanalyse vermittelt werden können. Grundlegend braucht es ein spezifisches Wissen über Misshandlungen und Vernachlässigung im Frühbereich (Schütteltrauma, erhebliche Vernachlässigung) und die damit einhergehenden Risiko- und Schutzfaktoren. Zudem benötigen die Fachkräfte, welche die diagnostischen Prozesse und die Gespräche durchführen, Kenntnisse über die Auswirkungen von elterlichen Traumatisierungen und psychischen Störungen auf die Erziehungsfähigkeit der Eltern und entsprechende Fertigkeiten in der Gesprächsführung. Pflegefamilie vs. Frühbereichsheim Frühbereichsheime müssen bindungssensibel aufgebaut und entsprechend gut personell ausgestattet sein, um den dort betreuten Kindern hoffnungsvolle korrigierende Beziehungserfahrungen zu ermöglichen. Kinder in guten Heimen bauen Bindungen sowohl zu ihren Bezugspersonen wie auch zu dem Ort auf (Magalh-es & Calheiros 2020; Morais et al. 2024; Fellmann et al. 2025). Die Bindungsentwicklung der Kinder ist insbesondere dort gut, wo ein guter Personalschlüssel pro Kind gegeben ist (Magalh-es & Calheiros 2020; Morais et al. 2024), die Kinder eine besonders intensive Beziehung zu den gut geschulten Fachkräften entwickeln können (Törrönen et al. 2021; Slaatto et al. 2021) und eine gute Elternarbeit (Shalem & Attar 2022) betrieben wird. Die Elternarbeit profitiert sehr davon, wenn die Fachkräfte des Heimes eine sehr positive Einstellung zum Einbezug der Eltern und entsprechende systemfamilientherapeutische Kompetenzen haben (Shalem & Attar 2022). Die oft sehr global geäußerte Kritik an Frühbereichsheimen (van Izendoorn et al. 2020; Li et al. 2023) und die Forderung, kleine Kinder wann immer möglich in Pflegefamilien unterzubringen, sollte bei genauer Analyse dieser Metaanalysen nicht als generelle Kritik an der modernen Heimerziehung insbesondere in den westlichen Ländern verstanden werden. Die Haltung, dass langfristige Platzierungen möglichst in Familien erfolgen sollten, wird von keinem, der sich wirklich mit der Materie beschäftigt, ernsthaft hinterfragt werden. Man sollte diese Artikel nicht so interpretieren, dass man ganz auf Frühbereichsheime verzichten kann, diese haben eine ganz spezifische Indikation. Insbesondere wenn es um diagnostische Notfallplatzierungen geht, wenn es um die Frage einer Rückführungsoption oder langfristigen Platzierung in einer Pflegefamilie mit eher geringer mittelfristiger Rückführungsoption geht. Theoretisch wäre es auch möglich, eine so umfassende Diagnostik und intensive Elternarbeit in Pflegefamilien zu realisieren. Es zeigt sich aber, dass es gerade in den größeren Städten schwierig ist, ausreichend viele Pflegefamilien, die sich auf ergebnisoffene Platzierungen mit unsicheren Rückführungsprozessen einlassen, zu finden. Außerdem muss bedacht werden, dass eine Pflegefamilie für die biologischen Eltern oft bedrohlicher erscheint und der Widerstand für eine diagnostische Abklärung ausgeprägter wäre. Bei der Frage Pflegefamilien oder Heim muss im Sinne der Platzierungskontinuität auch in Erwägung gezogen werden, dass sehr viele Pflegeplatzierungen in einem Abbruch enden (Bombach et al. 2018), insbesondere bei den Kindern und Jugendlichen mit besonders starken psychischen Problemen und Bindungs- 344 uj 7+8 | 2026 Bedeutung von Diagnostik bei Notfallplatzierungen störungen (Engler et al. 2019; Schmid & Fegert 2019). Gerade sehr schwere Bindungsstörungen können eine Pflegefamilie auch überfordern, da Kinder, die sich nicht binden, das Pflegeelternsystem nicht mit ihrer Zuneigung nähren, kaum Regeln internalisieren und sich deswegen im Alltag viel schwerer steuern lassen (vgl. Friedrich & Schmid et al. 2014). Im Sinne der Platzierungskontinuität sollte man also einen gewissen Puffer einplanen. Auch zur Feststellung des langfristigen Betreuungsbedarfes und Vorbereitung eines sehr sicheren Pflegeverhältnisses kann ein diagnostischer Aufenthalt dienen. Auch systematische Reviews sehen eine spezifische Indikation für die Heimerziehung, wenn dadurch eine höhere Platzierungskontinuität garantiert werden kann (van Ijzendoorn et al. 2020; Li et al. 2020). Bei schwer belasteten Kindern muss man bei der Platzierung in Pflegefamilien bereits den zukünftig zu erwartenden pädagogischen, schulischen und medizinischen heilpädagogischen Förderbedarf bedenken, der dann vermutlich sehr aufwendig realisiert werden muss. Es wäre sehr bedauerlich, wenn das Kind eine sichere Beziehung zu Pflegeltern verliert, weil keine Schule in der Region es halten und ausreichend fördern kann (Friedrich & Schmid 2019). Bei vielen stark traumatisierten und belasteten Pflegekindern muss man leider auch davon ausgehen, dass sie in ihrer Pubertät ein relativ großes Risiko für Suchterkrankungen und Schwierigkeiten in der Selbst- und Emotionsregulation haben. Bei der Hilfeplanung sollte daher eine realistische Prognose für die Pubertät getroffen werden, ohne dass sich eine sich selbsterfüllende Prophezeiung entwickelt, die das Helfersystem lähmt. Zu viele Hilfen in Pflegefamilien enden in der Pubertät im Abbruch, weil die psychopathologischen Themen Sucht, Suizidalität und Selbstverletzung auch sehr gut ausgebildete und unterstützte Pflegefamilien überfordern können, einfach weil ihnen Auszeiten von den herausfordernden Interaktionen und Übertragungen fehlen (Schmid et al. 2017). Nachhaltige und kontinuierliche Hilfeplanung Eine gute Diagnostik und der Aufbau von helfenden Beziehungen mit gemeinsam getragenen transparenten Zielen stellt die Grundlage für eine nachhaltige Hilfeplanung dar. Wenn es bei der ersten Platzierung gelingt, dass die Eltern die Hilfe nicht immer wieder infrage stellen und die Kinder nicht in Loyalitätskonflikte verwickelt werden, ist dies und vor allem die Motivation aller Beteiligten die beste Voraussetzung für eine erfolgreiche Maßnahme. Die meisten Abbrüche werden von den Eltern, die das Sorgerecht innehaben, ausgelöst, indem sie Maßnahmen früher abbrechen, oft bevor sich im Familiensystem ausreichend viel geändert hat und ohne, dass ausreichend intensive ambulante Hilfen implementiert wurden (van Santen 2023; Schmid & Fegert 2019), was in einen Teufelskreis mit erneuter Überforderung und Fremdplatzierung mündet. Die Kinder geraten dann in Loyalitätskonflikte, die diese auch emotional belasten, den Stress erhöhen und zu mehr psychischen Symptomen führen können (Baker et al. 2013). Die Logik und die guten Gründe für die Fremdplatzierungen werden zwar oft von den Beiständen und Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden und Familiengerichten ausgeführt, können aber in dem Erregungszustand von den Familien gar nicht rational und emotional verarbeitet werden. Weswegen es wichtig ist, diese guten Gründe in ein Narrativ zu gießen und im Verlauf der Maßnahme immer besser zu erarbeiten. Eine gute Diagnostik sollte also vor allem dazu dienen, dass die Familien mit Hilfe der sozialpädagogischen Fachkräfte selbst ihren nachhaltigen Unterstützungsbedarf erkennen und verstehen, in welchen Bereichen sie sich „wie“ noch weiter entwickeln müssen, um ihr Kind ausreichend gut fördern und in seiner gesunden Entwicklung unterstützen zu können. Zentral ist es zu verstehen, aus welchen guten Gründen sich die Krise derart zugespitzt hat, 345 uj 7+8 | 2026 Bedeutung von Diagnostik bei Notfallplatzierungen dass die Behörden entschieden haben, dass das Kind vorübergehend fremdplatziert werden muss. Dies bedeutet vor allem, dass die Kinder und Eltern ein Narrativ bzw. eine Cover-Story brauchen, in der sie mit einem selbstwerterhaltenden, nicht stigmatisierenden, ehrlichen Satz die guten Gründe zusammenfassen können und in ihrem Sozialraum erklären können, wie es zur Fremdplatzierung gekommen ist und wie diese ihnen und ihrer Familie helfen kann, die Krise zu überwinden. Ein solcher Satz sollte authentisch, ehrlich, aber auch selbstwertschützend und so klar sein, dass keine Nachfragen mehr erfolgen. Andererseits bedeuten die diagnostischen Erkenntnisse aber auch, dass man als Beistand sein Wächteramt aufgrund der diagnostischen Erkenntnisse effektiver und effizienter ausüben kann und man durch die bessere Kenntnis von vorliegenden Risikofaktoren für eine latente Gefährdung des Kindeswohls ausreichend Argumente hat, um mit der nötigen Vehemenz, Präsenz und Sicherheit entweder die Eltern von ausreichend intensiven Hilfen überzeugen zu können oder man sonst eben ausreichend gut dokumentierte und juristisch belastbare Ansatzpunkte hat, um zur Not auch Hilfen gegen die Willen der Eltern einleiten und aufrechterhalten zu können. Es ist extrem wichtig, dass ausreichend intensive Hilfen auch rechtzeitig konsequent eingeleitet werden, weil diverse Studien zeigen, dass die Jugendlichen mit besonders schlechten Verläufen und vielen Abbrüchen oft zu spät ausreichend intensive Hilfe bekommen (Mascenaere & Feist-Ortmanns 2021). Ein wesentlicher Aspekt der Diagnostik liegt folglich auch darin sicherzustellen, dass auch ausreichend intensive Hilfen eingeleitet werden und insbesondere die ambulanten Hilfen wirklich am Kern der Risikoverhaltensweisen der Eltern ansetzen. Abb. 1: Trias der Veränderung zur Schaffung von erfolgreichen Rückführungsoptionen (Abb.: Marc Schmid) Ergänzende kinderpsychiatrischpsychotherapeutische Hilfen sowie gezielte heilpädagogische und therapeutische und sozialpädiatrische Frühförderung für die Kinder falls indiziert Ergänzende lebensweltorientierte und psychiatrisch-psychotherapeutische Hilfen für die Eltern Kombination aus ambulanten und stationären Hilfen zur Vorbereitung der Rückführung Stationäre kindbezogene Hilfen Ambulante familienbezogene Hilfen Prozess der fremdplatzierten Kinder Prozess der Eltern-Kind- Interaktion Prozess der Eltern Veränderungen Veränderungen Veränderungen Prozess mit nicht platzierten Geschwistern 346 uj 7+8 | 2026 Bedeutung von Diagnostik bei Notfallplatzierungen Die Trias aus 1. Kind-, 2. Eltern- und 3. Eltern-Kind-Interaktion Ein zentraler Ansatz für jeden Platzierungsprozess und jede Diagnostik im Frühbereich ist die Orientierung an der Trias aus Einschätzung und Entwicklung auf Ebene des Kindes, der Eltern und an dem ganz zentralen Aspekt der Eltern-Kind-Interaktion. Gerade bei der Indikationsstellung und der Begründung der Hilfen wird oft zu sehr auf die offensichtlichen Defizite der Eltern fokussiert und zum Beispiel argumentiert, die Fremdplatzierung ist notwendig, weil sie ein Alkoholproblem haben und sich einer Entzugsbehandlung unterziehen müssen, weil dieser Punkt offensichtlich ist und die eingeschränkten Erziehungskompetenzen und Schwierigkeiten in der Interaktion mit ihren Kindern oft nur sehr schwer zu erkennen und gegenüber den Eltern zu beschreiben sind. Dadurch wird deutlich, dass es wichtig ist, sowohl die Probleme der Eltern und des Kindes zu behandeln, aber vor allem an der Eltern- Kind-Interaktion zu arbeiten, da diese für die Frage einer erfolgreichen Entwicklung des Kindes und der Chance einer erfolgreichen Rückführung des Kindes am bedeutendsten ist. Ein erfolgreicher Alkoholentzug ist nur eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für die Frage, ob eine suchtkranke Mutter ausreichend gut für ihr Kind sorgen kann. Entscheidend ist, ob sie sensitiv, liebevoll und selbstwirksam mit der notwendigen wertschätzenden pädagogischen Präsenz mit ihrem Kind interagieren kann und es dabei auch ausreichend fördern aber auch adäquat Grenzen setzen kann. Auch in längsschnittlichen Studien, in denen man Kinderschutzfälle weiter beobachtet hat, zeigte sich, dass bei jenen Familien, in denen sich in der Eltern-Kind-Interaktion und bei der Sensitivität der Eltern wenige Veränderungen zeigten, das Rückfallrisiko am höchsten war (Horwitz et al. 2011). Bei Betrachtung der Trias aus Kind-, Eltern- und der Eltern-Kind-Interaktion mit dem Fokus auf das Kindeswohl und seine positive Entwicklung ist anzumerken, dass die Ebenen des Kindes und der Eltern insbesondere dann relevant werden, wenn sie sich auf das Kindeswohl und damit eben auch wieder auf die Eltern-Kind-Interaktion auswirken. Gerade psychische Erkrankungen der Eltern werden dann besonders belastend, wenn die Kinder das Verhalten der Eltern nicht mehr einschätzen können und sich die Erkrankungen stark auf die Erziehung und soziale Teilhabe auswirken. Einschätzung der Bedürfnisse und Bedarfe des Kindes sowie seines Entwicklungsstandes und seiner psychischen Belastungen und Ressourcen Auf der Kinderebene zielt die Diagnostik darauf ab herauszufinden, ob und in welchen Bereichen das Kind in seiner Entwicklung verzögert ist und inwiefern diese Entwicklungsdefizite vermutlich auch auf eine unzureichende Förderung zurückzuführen sein könnten. Wenn es Entwicklungsverzögerungen gibt, die auch aus einer Vernachlässigung herrühren, machen die Kinder durch die adäquate Förderung in einer Pflegefamilie oder einer Wohngruppe eines Frühbereichsheims oft ganz erhebliche Entwicklungssprünge in den nächsten Monaten und Jahren und können ihre Defizite zumindest teilweise wieder kompensieren. Zudem ist es auch wichtig abzuschätzen, ob das Kind aufgrund seines Temperamentes, vorliegender Entwicklungsverzögerungen oder somatischer und psychischer Störungen eine besondere Herausforderung für die Betreuungspersonen darstellt. Leider gibt es viele Studien, die zeigen, dass Kinder, die unter Entwick- 347 uj 7+8 | 2026 Bedeutung von Diagnostik bei Notfallplatzierungen lungsverzögerungen, körperlichen und kognitiven Beeinträchtigungen, chronischen somatischen Krankheiten leiden, ein höheres Risiko für Misshandlungen aufweisen (Metaanalyse Mulder et al. 2018). Es ist klar, dass ein Kind, welches einen sehr viel höheren pädagogischen Bedarf hat, seine Eltern im Alltag einer Familie ganz anders herausfordert. Deshalb ist es wichtig, nicht nur die elterlichen Kompetenzen zu betrachten, sondern diese auch in Relation zu den Anforderungen, die das Kind an die Eltern stellt, zu setzen. Es kann Kinder geben, die auch sehr kompetente Eltern schnell an den Rand bringen und es kann so belastete Eltern geben, bei denen selbst normale kindliche Belastung schnell Stress und Überforderung auslöst. Leider zeichnet sich hier oft auch ein Teufelskreis ab, in dem eine psychische Belastung der Eltern zu einem höheren Stress bei den Kindern oder gar zu ernsthaften Symptomen führt, diese erhöhen den Stress auf die Eltern und belasten die Eltern weiter, was zur Chronifizierung der psychischen Erkrankung beitragen kann (Kölch & Schmid 2008). Zum anderen ist es von entscheidender Bedeutung gut abzuschätzen, ob die belastenden Erfahrungen und Erziehungsbedingungen bereits zur Entwicklung von psychischen Belastungen oder gar Krankheiten geführt haben. Dies ist oft nicht einfach zu beurteilen, da die Reaktionen auf Misshandlung und Vernachlässigung sehr unterschiedlich sein können und kindliche Symptome immer multifaktoriell und nicht kausal bestimmten Erfahrungen zugeordnet werden können. Gerade in der frühen Kindheit, wo man auch noch nicht nach Inhalten von traumatischen Wiedererinnerungen fragen kann und die PTSD Symptomatik sich nicht unbedingt in einer körperlichen Übererregung, sondern die Diagnose auf einer Vielzahl von anderen Feinzeichen beruht (Scheeringa 2016, 2026), ist es daher wichtig, das Kind gut zu beobachten. Einschätzung der Erziehungskompetenzen der Eltern Es ist extrem wichtig, dass man sich im Rahmen eines diagnostischen Prozesses, in dem es um die Rückführung von Kindern geht, auch theoretisch mit dem Konstrukt der Erziehungsfähigkeit bzw. der Kompetenzen auseinandersetzt (Petermann & Petermann 2006; Zumbach und Oster 2021). Wichtig ist es zu verstehen, dass die Erziehungskompetenz ein komplexes multifaktorielles Konstrukt ist, welches sich auch mit zunehmendem Alter des Kindes verändert, sodass bei der Einschätzung der Erziehungskompetenzen auch potenzielle Probleme im Entwicklungsverlauf eines Kindes berücksichtigt werden müssen. Die Fähigkeit, Grenzen zu setzen und Verhandlungen zu führen oder ein Kind schulisch zu fördern und zu fordern, werden mit dem Alter eines Kindes wichtiger und müssen bei der langfristigen Hilfeplanung antizipiert werden. Sehr wichtig für die Einschätzung der Erziehungskompetenz ist, wie der Alltag einer Familie strukturiert ist und wie die Grundbedürfnisse des Kindes sichergestellt werden können, auch wenn diese sich mit den Bedürfnissen der Eltern konkurrenzieren. Traumatische Erfahrungen und psychische Erkrankungen der Eltern bedeuten nicht zwingend, dass die Eltern so große Defizite in den Erziehungskompetenzen haben, dass die Kinder Auffälligkeiten entwickeln müssen, es bedeutet aber oft, dass die betroffenen Eltern besonders viel leisten müssen, um ihre Defizite kompensieren zu können und die Erziehungsaufgaben ausreichend gut bewältigen zu können, da sie diese oft ganz neu erlernen mussten. Gerade im Frühbereich bedeutet dies, dass Eltern sich mit ihren eigenen psychischen Belastungen und Teilhabedefiziten sehr aktiv auseinandersetzen und bereit sein müssen, entsprechende psychiatrische/ psychotherapeutische, oft auch lebensweltorientierende Hilfen anzunehmen. 348 uj 7+8 | 2026 Bedeutung von Diagnostik bei Notfallplatzierungen Wenn sie dieses konsequent tun, ist oft vieles möglich und fast jedes Elternteil mit noch so großen Defiziten, welches sich seinen Problemen stellt und die Hilfen eines Frühbereichsheims offen annimmt, kann eine wichtige Rolle im Leben seines Kindes ausfüllen. Mit einer konsequenten Anwendung von evidenzbasierten Interventionen zur Verbesserung der Eltern- Kind-Interaktion kann in der Regel (Eusers et al. 2013; Gautschi & Lätsch 2024; Gubbels et al. 2019; Thomas et al. 2017) sehr viel erreicht werden. Selbst wenn ein Kind nicht erfolgreich rückplatziert werden kann, können Eltern, die die Platzierung akzeptieren, ihre Elternrolle mit Unterstützung des Heimes oder einer Pflegefamilie bestmöglich ausfüllen, eine wichtige Rolle im Leben eines Kindes ausfüllen, da es erfährt, dass es liebende und für ihn engagierte Eltern an seiner Seite hat. Eltern, die ihre Kinder in Loyalitätskonflikte stürzen, machen sich oft gar nicht klar, dass sie damit dem Kind den Aufbau von sämtlichen helfenden Beziehungen, die auf zwischenmenschlichem Vertrauen beruhen, erschweren und sich selbst damit ethisch eine erhebliche Verantwortung für das Kind aufladen, da so belastete Familien sehr wahrscheinlich nochmals auf professionelle Helfersysteme angewiesen sein werden. Ebene der Eltern-Kind-Interaktion Es braucht einerseits sehr viel Erfahrung und eine gute Ausbildung, um die Eltern-Kind-Interaktion verlässlich beobachten zu können. Andererseits ist es auch wichtig, dass die Verfahren nicht so komplex in der Anwendung sind, dass sie in Settings wie dem Alltag eines Frühbereichsheims gar nicht verlässlich angewendet werden können. Ziel war es folglich ein Verfahren zur Interaktionsbeobachtung zu entwickeln, welches sich sowohl aus wissenschaftlichen Standards herleiten lässt und sämtliche methodischen Grundanforderungen gut erfüllt und gleichzeitig so standardisiert und einfach zu bedienen ist, dass es von weitergebildeten diagnostischen Fachkräften zuverlässig angewendet werden kann. Es gibt drei Ebenen, auf denen standardisierte Interaktionsbeobachtung für den diagnostischen Prozess wichtig wird: ➤ Alltagsbeobachtungen mit dem Kind ➤ Besuchskontakte ➤ Eltern-Kind-Interaktion von standardisierten Situationen mit Videos In erster Linie ist es wichtig, bei den Alltagsbeobachtungen der Eltern-Kind-Interaktion sensibilisiert zu sein und zum Beispiel Feinzeichen und Situationen, in denen das Bindungssystem aktiviert wird, im Alltag zu erkennen, zu beobachten, dokumentieren und interpretieren zu können. Die Besuchskontakte sind ein zentrales Mittel der Steuerung und Vorbereitung der Rückführung, diese können nach und nach ausgeweitet werden. In der Praxis gibt es aber kaum aussagekräftige und praktikable Beurteilungs- und Dokumentationssysteme (Kindler 2009) für Besuchskontakte und viele Konflikte, die sich in der Hilfeplanung um die richtige Interpretation des Besuchskontaktes entspinnen, weshalb es uns wichtig war, hier ein gutes System vorzulegen, welches sowohl die Eltern als auch die Kinder beurteilt und Entwicklungen im Verlauf der Platzierung abbilden kann. Schön wäre es, wenn sich zeigt, dass die Eltern und die Kinder von der Platzierung profitieren und man die Besuchskontakte nach und nach steigern kann. Letztlich sollten sämtliche Beobachtungen auf Elternebene im Verlauf wiederholt in eine zusammenfassende Einschätzung der Erziehungskompetenzen der Eltern einfließen, um die Veränderungen durch die Elternarbeit im Verlauf der Maßnahme abzubilden. Es macht Sinn, eine solche zusammenfassende Beurteilung im Team zu machen und dort die Eindrücke gemeinsam zusammenzutragen, zu gewichten und alle sieben Aspekte der Erziehungsfähigkeit zu berücksichtigen (Petermann & Petermann 2006). 349 uj 7+8 | 2026 Bedeutung von Diagnostik bei Notfallplatzierungen Die Reflexion der drei Ebenen zeigt die wesentlichen Ansatzpunkte für weitergehende Hilfen auf. Die Fördermöglichkeiten für das Kind lassen sich oft relativ schnell umsetzen, sofern die entsprechenden kooperierenden Frühförderzentren, psychotherapeutische, logopädische, ergotherapeutische, psychomotorische und heilpädagogische Angebote Kapazitäten haben. Die Interaktionsebene profitiert besonders von der objektiven Beschreibung der Ausgangslage mithilfe der Diagnostik, von der dann Ziele und Zwischenziele und die notwendigen Interventionen abgeleitet werden können. Der besondere Charme liegt darin, dass man sowohl Fortschritte gut dokumentieren und als ressourcenorientierten Prä-Post-Vergleich bei den Standortbestimmungen gemeinsam auswerten kann und somit über die Fortschritte sprechen kann. Gerade die Ziele für die Eltern-Kind-Interaktion können und sollten derart formuliert werden, dass man diese auch in der Transitionsphase ambulant weiterführen kann und leicht überprüfen kann, ob der positive Verlauf nach dem Austritt nachhaltig stabilisiert werden konnte. Für die diagnostischen Fachkräfte des Frühbereichsheims am schwierigsten umzusetzen sind oft die Ziele auf Elternebene, die nur mittelbar mit dem Kind zusammenhängen. Hier werden Hilfsbedarfe oft identifiziert, stoßen aber bei der Umsetzung an die Grenzen, weil man nur Empfehlungen aussprechen kann. Leider sind auch evidenzbasierte familientherapeutische Verfahren in der Jugendhilfe im deutschsprachigen Raum nicht sehr verbreitet und es macht auch keinen Sinn, diese aufwendigen Verfahren nur für die Zeit, in der die Kinder fremdplatziert sind, anbieten zu können. Gerade im Frühbereich wären zum Beispiel auch videobasierte Interventionsverfahren sehr hilfreich, da die Eltern hier neue Erziehungspraktiken sehr konkret erlernen können. Hier zeigt sich auch, wie wichtig es ist, frühzeitig eltern- und familienbezogene Hilfen mit stationären Maßnahmen zu kombinieren. Hilfe und Förderplanung mit der Vernetzung von ambulanten familienbezogenen und kindbezogenen Hilfen Es ist wichtig, dass ambulante familienbezogene und stationäre kindbezogene Hilfen sehr viel intensiver und wesentlich früher im Verlauf von Hilfen kombiniert werden, um die Erziehungskompetenzen und die Eltern-Kind-Interaktion gezielt möglichst mit evidenzbasierten Verfahren (Eusers et al. 2015; Schmid 2024) zu fördern. Wenn man evidenzbasierte Familientherapeutische Verfahren und Elterntrainings anbieten möchte, wäre es vermutlich wichtig, diese Leistungen separat als ambulante oder aufsuchende Leistung zu finanzieren und anzubieten (z. B. videobasierte Therapien, Multisystemische Therapie-Kinderschutz, Parent-Child-Interaktion Therapie oder TripleP etc.). Letztlich ist es ein großes Versäumnis, das Potenzial dieser Interventionen nicht zu nutzen, auch wenn die Anwendung auf die Eltern von fremdplatzierten Kindern sicher Herausforderungen mit sich bringt. Wichtig ist insbesondere, dass die Interventionen sowohl das misshandelnde und vernachlässigende Elternverhalten adressieren als auch Ressourcen der Eltern aktivieren und positive Erziehungsfertigkeiten vermitteln. Es wird kaum möglich sein, dies einfach über die Tagessätze zu realisieren und es braucht auch eine inhaltliche Vorbereitung der Eltern, sodass es ein zusätzliches Angebot wäre, welches in enger Kooperation mit dem Heim oder von einem dort angesiedelten Team angeboten werden sollte. Dies hätte den Vorteil, dass die familientherapeutischen Maßnahmen sowohl zu einer Rückführung der Kinder beitragen und die erfolgreiche Arbeit dann nach der Entlassung ambulant mit demselben Team und Interventionsansatz noch weitergeführt werden könnten. Die Rückführung ist oft auch ein Moment, in dem es schwieriger wird, den Verlauf zu überwachen und die Sicherheit des 350 uj 7+8 | 2026 Bedeutung von Diagnostik bei Notfallplatzierungen Kindes und die Nachhaltigkeit der Maßnahmen sicherzustellen. Ein Problem ist oft, dass im Rahmen der Übergaben die gemeinsamen Ziele und die Möglichkeit, Fortschritte zu dokumentieren, verloren gehen und man den roten Faden in der Hilfeplanung verliert. Hier kann es wertvoll sein, explizite Ziele zu formulieren und die Ausgangslage und die Verbesserung vor der Rückführung anhand von diagnostischen Erkenntnissen sehr gut zu beschreiben und einen expliziten Auftrag an die nach- oder weiterbehandelnden ambulanten Teams zu formulieren. Dieses Vorgehen erleichtert es, die Ziele weiter zu verfolgen und zu stabilisieren, die weiteren Fortschritte können im Verlauf dann anhand einer Wiederholungsmessung erneut überprüft werden. Falls sich keine Fortschritte, sondern Stagnation oder gar Rückschritte einstellen, hat man frühzeitig klare Hinweise und kann entsprechend gegensteuern und die Familie wieder stärker unterstützen. Es ist wichtig, in den Übergängen eine gemeinsame Sprache und eine Operationalisierung unabhängig von den handelnden Personen zu haben, um Rückfälle in alte Muster rechtzeitig erkennen zu können. Leider zeigt sich bei schlechten Kinderschutzverläufen oft, dass Übergaben ins Leere liefen und es keine klar formulierten Ziele und definierte Warnzeichen gab. Grenzen der Zusammenarbeit mit dem Herkunftssystem Für den Verlauf und die Prognose ist es in der Regel besonders problematisch, wenn die Eltern nur vom Wunsch geleitet sind, dass das Kind möglichst schnell wieder nach Hause kommt und dabei gar nicht vom Wohl des Kindes, sondern vielmehr von der Reduktion ihrer Schamgefühle, der narzisstischen Kränkung getrieben werden. Wenn die Eltern komplett auf Konfrontation gehen und keine Kooperation für die Fragen der Diagnostik entstehen kann, ist dies tragisch, aber letztlich läuft es dann recht schnell auf eine formale juristische Entscheidung und die Frage heraus, ob sich eine totale Ablehnung von Hilfen mit einer hinreichenden Sicherheit mit dem Kindeswohl vereinbaren lässt. Eine Totalverweigerung führt dann oft zu einem Obhutsentzug und zu einer langfristigen Platzierung ohne gute elterliche Kooperation, was den Verlauf der stationären Maßnahme oder auch des Pflegeverhältnisses negativ beeinflusst, da das Kind in Loyalitätskonflikten gefangen bleiben kann (Shalem & Attar 2022; Schmid & Fegert 2019). Traurig sind Verläufe, wenn die Eltern sehr gut kooperieren und sich bemühen, alles ausreichend gut zu machen, und zeigen, wie sehr sie ihr Kind lieben und wie wichtig ihnen die Elternrolle ist, und gleichzeitig im Laufe des diagnostischen Prozesses klar wird, dass sie selbst in ihrer Teilhabe und mit ihrem Alltag aufgrund bestimmter unverschuldeter Defizite schon deutlich überfordert sind und sie das Kind langfristig nicht ausreichend fördern und durch seine Entwicklungsaufgaben begleiten können werden. In solchen Fällen ist es wichtig, die Eltern in ihrer Rolle wertzuschätzen und ein gutes Narrativ zu erarbeiten, welches es erlaubt eine sehr stabile langfristige Zusammenarbeit mit einer Pflegefamilie zu implementieren, die für die Zusammenarbeit mit den Eltern vielleicht auch noch eine gezielte Unterstützung bekommt. Problematischer sind Verlaufsformen, in denen auch der diagnostische Prozess an seine Grenzen kommt und die Fachkräfte sehr stark herausfordert. Einmal, wenn die Eltern zu beeinträchtigt sind, um zum Beispiel die Termine sicher wahrzunehmen, sich um ihre Belange und die der Kinder zu kümmern. Auf der Elternebene lässt sich ein Handlungsbedarf oft klar identifizieren, man kann die Eltern aber häufig „nur“ auf diese Bedarfe hinweisen und zum Beispiel in eine psychotherapeutische oder psychiatrische Behandlung oder für gewisse Behördengänge oder Entwicklungsschritte motivieren. Die Interventionen 351 uj 7+8 | 2026 Bedeutung von Diagnostik bei Notfallplatzierungen auf Elternebene sind im Kinderschutz oft heikel, da nicht ganz klar geregelt ist, wie die Beistände der Kinder darauf reagieren sollen, wenn Eltern nicht das für sich tun, was sie tun müssten, um für ihre Kinder ausreichend gute Eltern sein zu können. Viele gute und motivierte Beistände unterstützen die Eltern, wenn sie z. B. merken, dass die Eltern bei der Suche nach einem Psychiater/ Psychotherapeuten Probleme haben. Die Beistände der Kinder haben dafür aber eigentlich keine Ressourcen. In gewisser Weise wäre es hilfreich, die Beistandschaften im Kinderschutz systemischer auszurichten und mit Ressourcen und Kompetenzen oder der Möglichkeit, niederschwellig Kollegen aus dem Erwachsenenschutz beizuziehen auszustatten, um die Eltern mehr zu fordern und zu fördern und dadurch Kinderschutzprozesse beschleunigen zu können, da diese teilweise aufgrund der Überforderung der Eltern ausgebremst werden und die Überforderung in der konkreten Umsetzung oft voreilig auf mangelnde Motivation der Eltern zurückgeführt wird. Eine Schwierigkeit entsteht, wenn die Eltern eine Scheinkooperation aufbauen, sie sich aber nicht wirklich öffnen und fast alle Probleme negieren, die Experten aber spüren und wissen, dass es massive Probleme in diesen Familien gibt, diese aber im Rahmen des Hilfeprozesses nicht bearbeitet werden können, da man keine gemeinsame Problemdefinition besitzt, die Familie aber formal ausreichend gut kooperiert und mitarbeitet und gleichzeitig auf eine schnelle Rückführung gedrängt wird. Wenn Eltern sich nicht öffnen und sich im diagnostischen Prozess besonders positiv darstellen wollen, fordert dies den diagnostischen Prozess heraus. Der diagnostische Prozess bietet aber auch Chancen, dies zu erkennen und aufzulösen, indem man unterschiedliche Beobachtungen naiv gegenüberstellt und nach Erklärungen sucht. Es kann auch helfen den Wunsch, sich positiv darzustellen, zu benennen und wertzuschätzen, gleichzeitig aber dessen negative Folgen für den Verlauf zum Ausdruck zu bringen. Ein expliziter diagnostischer Prozess zeigt hier sehr viel schneller die Grenzen der Kooperation mit dem Herkunftssystem auf - da man die Eltern in dem Prozess mehr fördert, aber auch mehr fordert. Wichtig ist, dass diese Kooperation bereits im Zuweisungsprozess von den Beiständen und Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden von den Eltern explizit eingefordert wird. Gerade bei Problemen in der Kooperation mit den Eltern ist es eine wichtige diagnostische Aufgabe zu verstehen, woher dieser Widerstand resultiert und welche Bedürfnisse der Eltern dahinterstehen und wie das Helfernetzwerk auf diese gut koordiniert reagieren kann (sozial erwünschte oder bewusst falsche Antworten, Vermeidung von Schuld, Scham und Stigma). Gerade die Eltern im Frühbereich sehen oft selbst nicht, wo ihre eigenen Probleme liegen und welche Bedürfnisse ihre Kinder haben, insbesondere in stressigen Zeiten, wenn die eigenen mit den kindlichen Bedürfnissen in Konflikt geraten. Die Eltern verstehen häufig gar nicht, worin die Behörden das Problem und die Gefährdung sehen. Wenn die Eltern die Bedürfnisse ihres Kindes jederzeit gut wahrnehmen könnten, würden sie diese auch versuchen adäquat zu adressieren. In der Regel wollen die Eltern das Beste für ihr Kind. Das Problem bei der diagnostischen Beschreibung der Vernachlässigung ist, dass man nicht sehen und beschreiben kann, was man nicht kennt und was nicht da ist, und viele Eltern selbst keine fürsorgliche Elternschaft erfahren haben und so gar kein Bild einer ausreichend fürsorglichen Elternschaft vor Augen haben (Schmid, 2025). Traumapädagogische Haltung Viele der Familien, die in Frühbereichsheimen begleitet werden, sind schon über Generationen hinweg in emotional invalidierenden 352 uj 7+8 | 2026 Bedeutung von Diagnostik bei Notfallplatzierungen und potenziell traumatisierenden Familienkonstellationen aufgewachsen, sodass die Eltern viele wichtige sozio-emotionale Fertigkeiten und Erziehungskompetenzen nicht entwickeln und erlernen konnten. Oft werden Erziehungskompetenzen über ein Modelllernen weitergegeben und es ist sehr aufwendig sich positive Erziehungsfertigkeiten anzueignen, wenn man diese nie gesehen oder erfahren hat. Die Einnahme einer verstehenden, wertschätzenden Haltung und Würdigung der „guten Gründe“ für elterliche Defizite, ohne damit einverstanden zu sein, kann sehr hilfreich sein, um mit den hochbelasteten Eltern eine helfende Beziehung aufzubauen. Ein transparentes, partizipatives individualisiertes Vorgehen ermöglicht es, mit ihnen auch herzuleiten, in welchen Bereichen sie Unterstützung benötigen. Die nötige Traumasensibilität und die verstehende Haltung erlaubt es häufig, aber nicht immer, den Stress so weit zu reduzieren, dass die Eltern sich besser öffnen, die guten Gründe für die Hilfsmaßnahme anerkennen und die Bedürfnisse ihres Kindes besser wahrnehmen, um daraus eine konkrete Hilfeplanung ableiten zu können. Grundsätzlich ist es wichtig zu verstehen, wie sich Stress und eigene Kooperation mit dem Herkunftssystem auf die Erziehungskompetenzen auswirkt (Greene et al. 2020). Es gibt auch viele Befunde, die zeigen, wie die Entwicklung der Kinder durch traumatische Erfahrung der Eltern massiv beeinträchtigt wird (Folger et al. 2019). Es zeigt sich, dass eine Reduktion des elterlichen Stresses oft auch mit einem geringeren Misshandlungs- und Vernachlässigungsrisiko einhergeht (Bauch et al. 2021). Es ist vor allem für die Fachkräfte in den Frühbereichsheimen und den zuweisenden Behörden daher wichtig, auch eine Familien- und Traumaanamnese der Eltern in die Diagnostik zu integrieren, da diese die Perspektive auf die Eltern grundlegend verändert und aus einer Rolle als misshandelnde und vernachlässigende Eltern herausholt und es erlaubt, sie als sehr hilfsbedürftige Eltern zu sehen und eine entsprechende Beziehung zu ihnen aufzubauen. Selbstverstehen als Ziel jeder Diagnostik Wenn man sich an einer traumapädagogischen Haltung orientiert, wird deutlich, dass die Diagnostik kein Selbstzweck ist. Die Diagnostik darf nicht nur etwas sein, worüber die „Profis“ miteinander sprechen und fachsimpeln. Jede gute Diagnostik sollte vor allem dem Selbstverstehen der Klientinnen und Klienten dienen und dazu führen, dass man mit den Kindern und ihren Familien und nicht über sie spricht. Die Fachkräfte verstehen das Verhalten der Eltern, ohne damit einverstanden sein zu müssen - man balanciert zwischen Verstehen der Situation und der Belastungen und klaren Erwartung von Veränderungen im Elternverhalten. Es ist wichtig, dass die Eltern durch eine psychoedukative Erklärung der diagnostischen Befunde erfahren, welche Stärken und Schwächen sie haben und wie man daraus konkrete Ansatzpunkte für Hilfe ableitet. Die Beschreibung einer möglichst konkreten Differenz, zwischen einem Soll- und einem Zielzustand erlaubt es, den Hilfeprozess als lösbares Problem zu definieren, in dem die Familie administrative, emotionale und fachliche Unterstützung erfährt. Die wertschätzende verstehende Beschreibung des Bedarfes ohne jeglichen Vorwurf ist der Schlüssel für einen nachhaltigen Hilfeprozess - da sich nur so eine wirkliche Akzeptanz des Hilfebedarfs entwickeln kann. Auch sehr junge Kinder kann man bereits über ihre Diagnostik und die weiteren Schritte in der Hilfeplanung informieren, selbst wenn es etwas kompliziert und anstrengend ist und sie vermutlich nicht alles verstehen werden, hat es eine Wirkung, da die Kinder spüren, dass sich die vertrauten Helfer um sie bemühen, und sie wissen und erfahren, dass sie jederzeit nachfragen können und dürfen. 353 uj 7+8 | 2026 Bedeutung von Diagnostik bei Notfallplatzierungen Rollenklarheit und Zusammenarbeit mit platzierenden Behörden als Schlüssel zu erfolgreichen Verläufen Gerade durch den expliziten Auftrag zur Durchführung eines diagnostischen Prozesses zur Vorlage von Empfehlungen zur weiteren Hilfeplanung können die Rollen nochmal klarer geklärt werden. Es ist entscheidend, dass auch die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden und Beistände einen expliziten Abklärungsauftrag für das Heim gegenüber den Eltern formulieren und die Ergebnisse dann auch in den Standortsitzungen/ Hilfeplangesprächen besprechen. Sehr wünschenswert wäre es, wenn der Abklärungsauftrag und die Pflicht zur Mitwirkung auch sehr explizit im Beschluss der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde formuliert werden würden. Dann kann diese Kooperationspflicht der Eltern von den diagnostischen Fachkräften in Heimen auch eingefordert werden und es ist möglich, bei Kooperationsproblemen eine Standortbestimmung mit den Zuweisern einzuberufen, und man kann die Erwartungen an die Eltern für das Mitwirken im diagnostischen Prozess nochmals präzisieren und ausformulieren. Die diagnostischen Ergebnisse verändern das Verhältnis aber auch insofern, dass die Beistände ihre Einschätzungen, Pläne und Sorgen auch kontinuierlich in den diagnostischen Prozess und die Hilfeplanung einfließen lassen müssen, um möglichst ein einheitliches Bild und eine gemeinsame Idee für die gemeinsame Hilfeplanung zu entwickeln. Durch den expliziten diagnostischen Prozess geben die Beistände auch etwas Verantwortung an die Frühbereichsheime ab, was die Rollen im Hilfeprozess verändert und die Beistandspersonen den Hilfeverlauf eher aus moderierender Rolle heraus begleiten und ihre Entscheidungen auf Basis der Befunde vorbereiten. Dies ist für die meisten Beistände sehr entlastend, da man nicht die ganze Verantwortung alleine tragen muss. Letztlich müssen die Beistandspersonen sich zu den diagnostischen Ergebnissen und den Empfehlungen positionieren, was am leichtesten geht, wenn ihre Einschätzungen frühzeitig einfließen. Wenn die Beistände ihre Überlegungen und Beobachtungen kontinuierlich in den Prozess einfließen lassen und sich alle professionellen Rollen einig sind und die Familie für einen gemeinsamen Weg gewonnen werden kann, sind die Grundlagen für einen guten Verlauf gegeben. Problematisch ist es, wenn die Beistandsperson eigene Erkenntnisse und Überlegungen nicht frühzeitig und kontinuierlich genug in den Prozess und die gemeinsame Hilfeplanung einbringen kann und sie im Prozess nicht sehr präsent ist und sich die diagnostischen Empfehlungen dann nicht ganz mit ihren Eindrücken und Planungen decken, da die Beistandspersonen dann am Ende der Hilfe oft unter Druck kommen. Die diagnostischen Fachkräfte in den Heimen untermauern ihre Empfehlungen mit diagnostischen Befunden. Wenn die Beistandspersonen die Einschätzung nicht teilen, müssen sie ihre Einschätzung ebenfalls gut begründen und belegen können, wenn sie einen anderen Eindruck haben, und daraus entsteht dann ein neues Verständnis der Situation, das kann aber nicht erst am Ende erfolgen. Falls die Einschätzung und die neuen Informationen nicht kontinuierlich in den diagnostischen Prozess eingebracht wurden und diese fundiert sind und das Bild ergänzen, ist das nicht optimal, kann aber in der Regel noch in der Vorbereitung auf die Hilfeplangespräche/ Standortbestimmung korrigiert werden. Problematisch kann es werden, wenn sich zwischen den diagnostischen Fachkräften und bei der Beistandsperson eine grundlegend andere Einschätzung der Situation ergibt, und diese Unsicherheit sich auf die Familie überträgt. Die Familie wird sich dann vermutlich nicht auf einen Hilfeprozess einlassen können, sondern eher auf eine Entscheidung drängen. Es kann auch passieren, dass die Beistandspersonen einfach anders entscheiden und die Entscheidung vielleicht zu früh und vielleicht gar nicht vollbewusst unter Druck der Familie kommunizieren, 354 uj 7+8 | 2026 Bedeutung von Diagnostik bei Notfallplatzierungen ohne diese mit dem Heim ausreichend abzusprechen und sich bei ihrer Entscheidung gar nicht auf die diagnostischen Befunde abstützen. Dies karikiert die Idee der diagnostischen Platzierung völlig und ist sehr unprofessionell, entwertet die Arbeit der Fachkräfte im Heim, kann aber leider immer noch vorkommen. Vielleicht weil die Beistandspersonen unsicher sind, wie sie die Empfehlungen in der weiteren Hilfeplanung umsetzen sollen, ihnen der Aufwand zu hoch erscheint und sie merken, dass sie keine ausreichend guten Argumente haben, die diagnostischen Fachkräfte im Heim zu überzeugen. Der Druck der Familie und die Gefühle, die das Kind oder die Eltern in der Gegenübertragung bei den Beiständen auslöst können entweder dazu führen, das Kind gegen die Empfehlungen des Heims, je nach Konstellation der Platzierung langfristig platzieren oder schnell rückführen zu wollen. Gerade die Begleitung einer Rückplatzierung bedeutet natürlich für die Beistände, dass sie wieder viel Verantwortung übernehmen müssen, zumal es schwer ist, ausreichende tragfähige ambulante Angebote zu finden, die die Gefährdung sicher abwenden (Euser et al. 2015; Schmid et al. 2017; Gautschi & Lätsch 2024). Gerade die Einbettung des Bauchgefühls in diagnostische Befunde ist ja ein großer Vorteil eines hochstrukturierten diagnostischen Prozesses, der ja gerade verhindern soll, Entscheidungen impulsiv aufgrund von einzelnen Informationen zu sehen. Hochproblematisch ist es sowohl, wenn die Heime klare Anzeichen für eine potenzielle weitere Kindeswohlgefährdung im Falle einer Rückführung sehen und diese Sorge von den Beistandspersonen nicht geteilt und bei der Entscheidungsfindung nicht ausreichend berücksichtigt wird als auch wenn große Fortschritte in der Elternarbeit durch eine Entscheidung für eine langfristige Fremdplatzierung negiert und entwertet werden. Es ist einfach wichtig, den diagnostischen Prozess als Entlastung zu sehen, die sich aber nur einstellt, wenn man auch gut und strukturiert zusammenarbeitet und man die Rollen gut klärt. Das größte Hindernis für eine erfolgreiche Zusammenarbeit sind sicher die sehr begrenzten zeitlichen Ressourcen aller Beteiligten, insbesondere der Beistandspersonen/ Jugendamtsmitarbeiterin (Schmid et al. 2014). Es ist für diese oft nicht zu leisten, kontinuierlich in einem engen Austausch mit einem Frühbereichsheim zu sein. Gleichzeitig ist es ihre Aufgabe, den Hilfeprozess zu steuern und zu verfolgen und die Verantwortung für die weitere Hilfeplanung zu übernehmen. Ein expliziter diagnostischer Auftrag kann den Beistandspersonen/ Jugendamtsmitarbeiter: Innen aber viel Planungssicherheit und Entlastung bringen, da sie ihre Einschätzung ganz gezielt zu frühzeitig definierten Zeitpunkten in den Hilfeprozess einbringen können. Im Idealfall kann ein gemeinsamer Weg dann mit den Eltern bereits in den Rückgabegesprächen der Diagnostik vorbereitet werden. Eine kontinuierliche Diagnostik dient auch der Qualitätssicherung Eine kontinuierliche regelmäßige Diagnostik im Verlauf der Hilfe mit psychometrischen Erhebungen zu mehreren Messzeitpunkten dient auch der Qualitätssicherung der Heime und der interdisziplinären Hilfeplanung. Es ist unerlässlich zu wissen, ob sich Kind und Eltern- Kind-Interaktion im Verlauf der Hilfe positiv entwickeln, um gemeinsam mit den Eltern die Erfolge zu feiern oder um gegebenenfalls gezielt gegensteuern zu können. Wenn man sieht, dass sich das Kind gut entwickelt und sich die Belastungen reduzieren, ist es oft auch für die Eltern ein gutes Argument, den Hilfeplan fortzusetzen und man kann die Eltern davon überzeugen, sich genug Zeit für die Rückführung zu lassen, da sie sehen, dass sie ihren Zielen oft näherkommen. Im Folgeprojekt „Hilfeplanung im Visier“ wird beschrieben, wie man aus diagnostischen Erkenntnisse Hilfeplanziele definieren kann. Jede Form der Qualitätssicherung schützt auch die Institutionen vor willkürlicher Kritik und ist sehr hilfreich für die Selbstwirksamkeit der Fachkräfte, weil es sehr motivierend ist 355 uj 7+8 | 2026 Bedeutung von Diagnostik bei Notfallplatzierungen zu sehen, wie gut sich die meisten Kinder entwickeln. Oft leiden die Teams daran, dass die weniger guten Verläufe die gesamte Aufmerksamkeit binden und emotional einen negativen Fokus setzen und die Teams gar nicht mehr richtig sehen können, welch gute Arbeit sie im Alltag leisten und bei wie vielen Familien sie erhebliche Fortschritte erzielen und ihre Ziele erfolgreich erreichen. Auch im Falle von Stagnationen kann dies wertvolle Argumente für einen anderen pädagogischen Ansatz sowie eine Legitimation für zusätzliche Mittel liefern, z. B. dass noch mehr oder andere Elternarbeit oder eine sehr spezifische gezielte Förderung des Kindes notwendig ist. Abgrenzung von Erziehungsfähigkeits- und Sorgerechtsgutachten Es ist sehr wichtig, abschließend noch einmal festzuhalten, dass ein solcher pädagogischer diagnostischer Abklärungsauftrag allein der Erarbeitung von Empfehlungen zur Hilfeplanung dient und somit eindeutig von Sorgerechtsgutachten durch eine/ n Sachverständigen zu differenzieren ist und diese keinesfalls ersetzen kann. Die Hoffnung ist allerdings, durch eine explizitere Stellungnahme zur Hilfeplanung und eine stärkere Beachtung der elterlichen Erziehungskompetenzen in den Hilfeprozessen und Empfehlungen dazu zuführen, dass die Perspektive der Frühbereichsheime bei den zentralen juristischen Entscheidungen eine stärkere Beachtung findet, da sie eben durch die enge Zusammenarbeit mit dem Kind den Eltern und der Beobachtung der Eltern-Kind-Interaktion im Verlauf sehr viel zur Prognose beitragen können. Es ist für die Fachkräfte in Frühbereichen schwer auszuhalten, dass ihre Beobachtungen manchmal bei den Entscheidungen weniger Berücksichtigung finden, als schlechte oberflächliche Sorgerechtsbegutachtungen, die sich teilweise sogar nur mit der Psychopathologie der Eltern auseinandersetzen und das Kind und eine Eltern-Kind-Interaktion und den Hilfeprozess nicht ausreichend berücksichtigen (Aebi et al. 2020) - wobei es natürlich auch sehr gute Sorgerechtsgutachter gibt, die sehr eng mit den Heimen zusammenarbeiten und die Eltern-Kind-interaktion sehr standardisiert beurteilen und sehr differenziert in ihr Gutachten einfließen lassen. Fazit Auch in einer noch so modernen und gut aufgestellten und ideal ausgestatteten auf Prävention ausgerichteten Jugendhilfeplanung wird man kaum gänzlich auf Notfallplatzierungen in Frühbereichsheimen verzichten können. Durch eine bessere Ausstattung und einen expliziten diagnostischen Auftrag werden die Frühbereichsheime aufgewertet und noch weiter professionalisiert. Eine effektive und effiziente Diagnostik in Frühbereichsheimen kann dadurch einen wesentlichen Beitrag zu einer effizienteren und effektiveren und vor allem nachhaltigen Hilfeplanung unter Wahrung der Platzierungskontinuität leisten. Indem die ersten Platzierungen erfolgreich verlaufen und klare Ziele für eine nachhaltige stabile Rückführung definiert werden, an denen dann bereits während der Platzierung, aber auch nach einer erfolgreichen Rückführung weitergearbeitet werden kann. Durch eine gute Diagnostik können die Fortschritte kontinuierlich unabhängig vom Setting dokumentiert werden und die Übergänge zwischen stationären und ambulanten Settings können sicherer und erfolgreicher gestaltet werden. Gerade nach einer Rückplatzierung benötigen die ambulant arbeitenden sozialpädagogischen Familienhilfen oft klarere Ansatzpunkte und eine Unterstützung durch externe Fachkräfte und Beistandspersonen, um kontinuierlich strukturiert an den zentralen Themen in der Eltern-Kind-Interaktion arbeiten zu können. Letztlich zeigt sich aber, wie wichtig es ist, mehr Evidenz im Kinderschutz, insbesondere im Frühbereich zu generieren, sodass es viel mehr Forschung zu langfristigen Verläufen und dem 356 uj 7+8 | 2026 Bedeutung von Diagnostik bei Notfallplatzierungen effektiven und effizienten Zusammenspiel von ambulanten und stationären Hilfen braucht. Besonders bedeutsam wären Erkenntnisse zur Steuerung dieser Hilfen durch die Beistandspersonen/ öffentliche Jugendhilfe aufgrund von diagnostischen Befunden über Schutz- und Risikofaktoren, um diese für das gesamte weitere Leben der betroffenen Familien prägenden Entscheidungen aufgrund von möglichst fundierten wissenschaftlichen Erkenntnissen treffen zu können. Es wäre schön, wenn die Implementierung von diagnostischen Standards dazu beiträgt, die Rolle der Frühbereichsheime als Wegweiser an den Scheidewegen des Lebens für die vulnerabelsten kleinen Kinder in unserer Gesellschaft zu stärken. Die Implementierung der diagnostischen Verfahren und die sich damit verändernde Rolle in der Hilfeplanung hat nach einer anfänglichen Verunsicherung zu einem anderen professionellen Selbstverständnis der Fachkräfte beigetragen, weshalb diese sich dann auch in der Zusammenarbeit mit Kindeserwachsenenschutzbehörden (Familiengerichten), Beistandspersonen und Gutachtern selbstbewusster positionieren und ihre Empfehlungen aus ihren Befunden herleiten und begründen. PD Dr. Dipl.-Psych. Marc Schmid Milou Leiting Petra Wallnöfer Universitäre Psychiatrische Kliniken (UPK) - Klinik für Kinder und Jugendliche (UPKKJ) Wilhelm Klein-Str. 27 4002 Basel E-Mail: Marc.Schmid@upk.ch Petra.Wallnoefer@upk.ch Milou.Leiting@upk.ch Manuela Gärtner Kinderheim Pilgerbrunnen Brahmsstr. 34 8003 Zürich Literatur Aebi, M., Banholzer, K., Bodmer, N., Büchler, T., Eschmann, S., Gamper, H., … & Zingaro, M. 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