eJournals unsere jugend78/7+8

unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2026.art46d
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"Welchem Tier vertraust du dein Geheimnis an?"

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Heinrike Horster
Lukas Kues
Von Gewalt betroffene Kinder wählen Vertrauenspersonen nicht zufällig. In Teams führt dies dazu, dass Signale manchmal nur von Einzelnen wahrgenommen werden. Die vorgestellte Symbolarbeit mit Tierbildern macht unterschiedliche Bedürfnisse und Schutzbedarfe der Kinder sichtbar und unterstützt Teams dabei, abweichende Wahrnehmungen professionell zu reflektieren.
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359 unsere jugend, 78. Jg., S. 359 - 363 (2026) DOI 10.2378/ uj2026.art46d © Ernst Reinhardt Verlag „Welchem Tier vertraust du dein Geheimnis an? “ Symbolarbeit mit Fachkräften zur Sensibilisierung für kindliche Schutzbedürfnisse Von Gewalt betroffene Kinder wählen Vertrauenspersonen nicht zufällig. In Teams führt dies dazu, dass Signale manchmal nur von Einzelnen wahrgenommen werden. Die vorgestellte Symbolarbeit mit Tierbildern macht unterschiedliche Bedürfnisse und Schutzbedarfe der Kinder sichtbar und unterstützt Teams dabei, abweichende Wahrnehmungen professionell zu reflektieren. von Heinrike Horster Diplom-Pädagogin, Insoweit erfahrene Fachkraft im Kinderschutz, Fachkraft im Handlungsfeld Hilfe bei sexueller Gewalt an Kindern und Jugendlichen Lukas Kues Sozialarbeiter MA, Insoweit erfahrene Fachkraft im Kinderschutz Problemstellung und gesetzlicher Rahmen „Ich habe mir wirklich Sorgen um das Kind gemacht, aber im Team sah das niemand so. Als dann auch die Leitung meinte, da sei nichts, konnte ich nichts weiter tun, mein Gefühl blieb.“ In unserer praktischen Arbeit erleben wir immer wieder, dass uns Fachkräfte in Fortbildungen mit der Frage konfrontieren, wie sie im Kinderschutz handeln können, wenn sie den Eindruck haben, ein Kind benötige dringend Unterstützung, das Team jedoch diese Wahrnehmung nicht teilt. Pädagogische Fachkräfte in Einrichtungen der Jugendhilfe sind gemäß § 8 a SGB VIII verpflichtet, bei Bekanntwerden gewichtiger Anhaltspunkte für eine Kindeswohlgefährdung zu handeln. In der Praxis sehen die Verfahrensabläufe vor, dass Fachkräfte sich zunächst mit dem Team austauschen, wenn sie solche Anhaltspunkte wahrnehmen. Dieser Schritt ist Teil der standardisierten Gefährdungseinschätzung (Deutscher Kinderschutzbund Landesverband NRW 2020) und dient der Hypothesenbildung sowie der Klärung der Situation im internen Rahmen. Selektive Vertrauensentscheidungen von Kindern Kinder, welche Gewalt erleben und einen hohen Leidensdruck verspüren, teilen sich etwa sieben Erwachsenen mit, bevor Gewalt oder sexualisierte Gewalt aufgedeckt wird (Lorenzen 2019). Diese Zahl verdeutlicht, wie wichtig es ist, dass Fachkräfte sensibel auf Signale reagieren und ihnen nachgehen - auch wenn sie zunächst allein mit ihrer Wahrnehmung stehen. 360 uj 7+8 | 2026 Symbolarbeit mit Fachkräften Kinder senden ihre Signale nicht zufällig, sondern gezielt an Personen, die für sie bestimmte Eigenschaften verkörpern. Diese Auswahl orientiert sich an individuellen Bedürfnissen und bisherigen Erfahrungen der Kinder und Jugendlichen (Brisch 2023). Teamdynamik Die individuelle Wahrnehmung einer Fachkraft wird erst dann handlungsrelevant, wenn sie im Teamkontext eingebracht und bewertet wird. Genau an dieser Schnittstelle entstehen häufig Spannungen: Wird die Einschätzung einer Fachkraft vom Team nicht geteilt, bleiben Maßnahmen oft aus. Für die jeweilige Fachkraft entsteht dadurch eine belastende Situation: Sie teilt ihre Wahrnehmung, kann ohne Zustimmung des Teams jedoch nicht ohne Weiteres tätig werden. Die Diskrepanz zwischen innerem Verantwortungsgefühl und äußerer Handlungsunfähigkeit kann zu fachlicher Ohnmacht, Frustration und langanhaltenden Schuldgefühlen führen (Wutzler 2017). Gleichzeitig bietet Teamarbeit wichtige Chancen: Sie ermöglicht Fehlerkorrektur, erweitert Perspektiven und verteilt Verantwortung. Zugleich können gruppendynamische Prozesse Entscheidungen verzerren. Dazu zählen etwa Groupthink, also die Tendenz von Gruppen, Harmonie zu wahren, indem kritische Stimmen unterdrückt werden, was Fehlentscheidungen begünstigen kann (Janis 1972), sowie Konformitätsdruck, der wahrgenommene Druck auf Einzelne, sich an die vorherrschenden Gruppenstandards anzupassen (Stangl 2026). Auch Machtverhältnisse und soziale Anerkennungsprozesse innerhalb des Teams beeinflussen nachweislich professionelle Einschätzungen im Kinderschutz (Wutzler 2017). Teams können dann gut zu tragfähigen Entscheidungen im Kinderschutz gelangen, wenn die Organisation eine Kultur schafft, in der Unsicherheiten offen angesprochen werden dürfen und Fachkräfte sich sicher und angenommen fühlen. Gerade im Kinderschutz brauchen Fachkräfte Räume, in denen Sorgen ohne Angst vor Abwertung geteilt werden können und Zeit für Austausch zur Verfügung steht. Unter solchen Bedingungen können Teams abweichende Wahrnehmungen ernst nehmen, Minderheitenpositionen prüfen und gruppendynamische Verzerrungen vermeiden (vgl. Lagemann, Dobelmann und Bock-Famulla, 2025). Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, pädagogische Fachkräfte und Teams für diese Prozesse zu sensibilisieren. Dies stärkt nicht nur den aktiven Kinderschutz, sondern auch die Psychohygiene im pädagogischen Alltag, da die Fachkräfte mit ihrer Wahrnehmung nicht alleine gelassen werden und Verantwortung geteilt werden kann. Wahrnehmungen einzelner Fachkräfte müssen ernst genommen und professionell reflektiert werden - gerade, weil sie subjektiv und fehleranfällig sind, aber dennoch wertvolle Hinweise auf mögliche Kindeswohlgefährdungen liefern können. Eine Kultur psychologischer Sicherheit, also das Vertrauen, dass man ohne Angst vor Abwertung oder negativen Konsequenzen sprechen kann, fördert zudem, dass Fachkräfte abweichende Beobachtungen einbringen und Verantwortung teilen. (Kauffeld 2016). Um die Herausforderungen innerhalb des Teams sichtbar zu machen und gemeinsam anzugehen, braucht es Methoden, die sowohl die individuelle Perspektive als auch die kollektive Dynamik berücksichtigen. Die folgende Symbolarbeit setzt genau an diesem Punkt an: Sie eröffnet einen gemeinsamen Reflexionsraum, in dem Wahrnehmung, Vertrauen und teambezogene Prozesse in den Blick genommen werden können. Die Wirksamkeit symbolischer Methoden zur Förderung von Empathie und Reflexionsfähigkeit in pädagogischen Teams ist wissenschaftlich belegt (Mombeck 2022). 361 uj 7+8 | 2026 Symbolarbeit mit Fachkräften Symbolarbeit als Methode Symbolarbeit beschreibt ein Verfahren, bei dem innere Bilder, Bedürfnisse oder Beziehungserfahrungen über Symbole sichtbar gemacht werden (Mombeck 2022). Die hier vorgestellte Methode entstammt unserer praktischen Arbeit und dient dazu, Teamdynamiken im Kontext von Kinderschutz erfahrbar zu machen. Sie verdeutlicht, dass Wahrnehmung nicht nur individuell geprägt ist, sondern auch davon abhängt, wem Kinder sich anvertrauen oder wem sie Signale senden. In unseren Fortbildungen setzen wir hierfür eine einfache, aber wirkungsvolle Reflexionsmethode ein: „Welchem Tier vertraust du dein Geheimnis an? “ 1. Reflexion eines eigenen Geheimnisses Die Fachkräfte werden eingeladen, kurz an ein kleines, schambehaftetes oder emotional belastendes Geheimnis zu denken, das sie bisher niemandem anvertraut haben. 2. Symbolische Vertrauenswahl Anschließend folgt die Frage: „Wenn Sie dieses Geheimnis nun erzählen müssten - welchem Tier würden Sie es anvertrauen? “ Die genannten Tiere werden auf einer Flipchart gesammelt. 3. Eigenschaftenzuordnung Im nächsten Schritt überlegen die Teilnehmenden, welche Eigenschaften sie dem gewählten Tier zuschreiben und warum es für sie ein guter Geheimnisträger wäre. 4. Interpretative Ebene Zum Abschluss wird gemeinsam reflektiert, was diese Überlegungen für Kinder bedeuten, die Gewalt erfahren haben: ➤ Warum vertrauen sie sich nur bestimmten Personen an? ➤ Warum senden sie ihre Signale selektiv? ➤ Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für die Teamarbeit? Tier Eigenschaft Interpretation Elefant Große Ohren, dickes Fell, groß und stark Kann gut zuhören, wird durch Geheimnisse nicht belastet, kann beschützen Schildkröte Langsam und bedacht, Panzer handelt überlegt, schützt sich gut, ist emotional abgegrenzt Löwe Stark und majestätisch übernimmt Verantwortung, Beschützer Eule Große Augen, Nachtaktiv, ist wachsam sieht viel, arbeitet im Verborgenen, Symbol für Weisheit Delfin Verspielt und sozial bringt Leichtigkeit, fördert Gemeinschaft, Intelligent Hund Häufig wird das eigene Haustier als besondere Vertrauensperson genannt Vertrauen Maulwurf Blind, lebt unter der Erde Kann Geheimnisse nicht weiter verraten Tab. 1: Beispielhafte Ergebnisse der Symbolarbeit 362 uj 7+8 | 2026 Symbolarbeit mit Fachkräften 5. Praxiserfahrungen und Implikationen Die regelmäßige Anwendung reflexiver Methoden wie der Symbolarbeit kann dazu beitragen, eine Teamkultur zu etablieren, in der auch Einzelwahrnehmungen wertgeschätzt und professionell bearbeitet werden. Die Reflexion über das eigene Geheimnis und die Wahl eines symbolischen „Geheimnisträgers“ sensibilisiert Fachkräfte dafür, dass jedes Kind eine individuelle Konstellation braucht, um sich öffnen zu können - bewusst oder unbewusst. Diese Erkenntnis fördert das Verständnis dafür, warum Signale manchmal nur von Einzelnen wahrgenommen werden. Umso wichtiger ist es, solchen Wahrnehmungen im Team Raum zu geben und gemeinsam in die Reflexion zu gehen. Dabei wird nicht nur betrachtet, ob tatsächlich nur eine Fachkraft Signale wahrnimmt, sondern auch, welche Rolle eigene biografische Erfahrungen, innere Bilder oder persönliche Sensibilitäten spielen könnten. Ein Team, das sich offen und vertrauensvoll auf diesen Prozess einlässt, schafft einen wertvollen Abgleich zwischen individueller Intuition und gemeinsamer professioneller Einschätzung. In einem psychologisch sicheren Team kann auf dieser Ebene eine tragfähige, reflektierte Einschätzung entstehen, die sowohl das Kind als auch die Fachkräfte schützt. Tiere bieten in pädagogischen und psychologischen Kontexten eine hohe Anschaulichkeit, da sie als vertraute, konkrete Bilder leicht vorstellbar sind. Zugleich lösen sie emotionale Reaktionen wie Sympathie, Fürsorge oder auch Angst aus, wodurch die Auseinandersetzung mit abstrakten Themen erleichtert wird (Mombeck 2022). Fazit Diese Methode verdeutlicht, dass Kinder ihre Vertrauenspersonen nicht zufällig wählen - bewusst oder unbewusst. Wenn nur eine Fachkraft die Signale wahrnimmt, kann das bedeuten, dass gerade sie vom Kind als geeignet angesehen wird. Offenbar besitzt diese Person eine Eigenschaft, die für das Kind besonders wichtig ist, um sich sicher und geschützt zu fühlen, und von der es Unterstützung erwartet. Gleichzeitig ist es zentral, dass diese Wahrnehmung nicht im Alleingang stehen bleibt. Ein offener Teamprozess ermöglicht es, die Beobachtung gemeinsam zu prüfen, zu sortieren und in einen professionellen Reflexionsrahmen zu stellen. Dabei wird nicht nur betrachtet, ob tatsächlich nur eine Fachkraft Signale wahrnimmt, sondern auch, ob eigene biografische Erfahrungen, innere Bilder oder persönliche Sensibilitäten die Wahrnehmung beeinflussen könnten. Steigt das Team in diesen Prozess ein und reflektiert die Eindrücke miteinander, entsteht ein wertvoller Abgleich zwischen individueller Intuition und gemeinsamer professioneller Einschätzung - und damit ein wichtiger Schutzfaktor für das Kind wie auch für die Fachkraft. Die Sozialpädagogin Lotte Knoller (2008) bringt dies prägnant auf den Punkt: „Ohne Landeplatz keine Landung.“ Kinder brauchen einen Ort, an dem sie sicher landen können - eine Person, die ihnen das Gefühl gibt, mit ihrem Geheimnis nicht allein zu sein, nicht beschämt zu werden und Hilfe zu erhalten. Heinrike Horster Lukas Kues Kinderschutz Zentrum Escherstr. 23 30519 Hannover E-Mail: Heinrike.horster@web.de Kues@ksz-hannover.de 363 uj 7+8 | 2026 Symbolarbeit mit Fachkräften Literatur Brisch, K. H. (2023): Wie Kinder Bindung lernen: Early Life Care - Das Fundament zwischenmenschlicher Beziehungen. Pädiatrie hands on, 35, 64 - 67, https: / / doi.org/ 10.1007/ s15014-023-4965-0 Bundesministerium der Justiz (2023): Sozialgesetzbuch (SGB) VIII - Kinder- und Jugendhilfe § 8 a Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährdung. Gesetze im Internet, https: / / www.gesetze-im-internet.de/ sgb_8/ __8a.html Deutscher Kinderschutzbund Landesverband NRW e.V. (2020): Methodenmappe zur Umsetzung des Schutzauftrages bei Kindeswohlgefährdung (2. aktualisierte Ausgabe). Kompetenzzentrum Kinderschutz NRW, https: / / www.kinderschutz-in-nrw.de/ fachinformatio nen/ materialien/ sammlung/ methodenmappe-zurumsetzung-des-schutzauftrages-bei-kindeswohlge faehrdung/ Janis, I. L. (1972): Victims of groupthink: A psychological study of foreign-policy decisions and fiascoes. Boston, MA: Houghton Mifflin Junk, M. (2016): Supervision im Kinderschutz: Ein Beitrag zur Qualitätsentwicklung am Beispiel der Kindertagesstätte. Gesprächspsychotherapie und Personzentrierte Beratung, 4, 212 - 216 Kauffeld, S. (2016): Psychologische Sicherheit in Teams: Bedeutung, Einflussfaktoren und Messung. In S. Kauffeld (Hrsg.): Arbeits-, Organisations- und Personalpsychologie für Bachelor Knoller, L. (2008, 23. April): Kindeswohl und Kinderrechte [Dokumentation]. Rosa-Luxemburg-Stiftung, https: / / www.rosalux.de/ dokumentation/ id/ 13807/ kindeswohl-und-kinderrechte-1/ Lagemann, M., Dobelmann, N. & Bock-Famulla, K. (2025): Teamarbeit in KiTas: Zentral für Schutz und Wohlbefinden von Kindern. Bertelsmann Stiftung Lorenzen, A.-K. (2019, 23. April): Sozialpädagogin über Kindesmissbrauch: „Täter sind unauffällig“. taz, https: / / taz.de/ Sozialpaedagogin-ueber-Kindesmissbrauch/ ! 5586280/ Mombeck, M. M. (2022): Empirischer Forschungsstand: tiergestützte Pädagogik. In Tiergestützte Pädagogik - Soziale Teilhabe - Inklusive Prozesse. Springer Stangl, W. (2026): Konformitätsdruck. Online Lexikon für Psychologie & Pädagogik, https: / / lexikon.stangl. eu/ 3947/ konformitaetsdruck. Wutzler, M. (2017): Falldynamiken und die Aushandlung von Kindeswohl im Kinderschutz. Sozialer Sinn, 18 (2), 281 - 313, https: / / doi.org/ 10.1515/ sosi-2017- 0013 Traumatisierten Menschen helfen Das Buch ermutigt und befähigt zur traumasensiblen Arbeit. Der erste Teil vermittelt theoretisches Verständnis über Trauma, basierend auf dem aktuellen Wissensstand der Psychotraumatologie, Neurobiologie und Psychologie. Das vom Autor entwickelte Traumapädagogische Anwendungsmodell (TAM) wird verständlich erklärt und bildet eine Brücke zur Praxis. Der zweite und der dritte Teil gehen auf die Anwendung im Alltag ein. 2025. 245 Seiten. 63 Abb. 2 Tab. Innenteil farbig. (978-3-497-03299-0) kt a www.reinhardt-verlag.de