unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2026.art47d
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Nachhaltigkeit leben
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Andrea Scharinger
Andreas Trummer
Der nachhaltige Gedanke ist ein viel geteilter Anspruch, der aus unserer Erfahrung heraus jedoch nach wie vor mit vielen Fragezeichen versehen ist. Dass er mit Kindern, Jugendlichen und Fachkräften in der Kinder- und Jugendhilfe gewinnbringend aktiviert werden kann, soll unser Projekt „Nachhaltigkeit leben“ im folgenden Artikel zeigen.
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364 unsere jugend, 78. Jg., S. 364 - 369 (2026) DOI 10.2378/ uj2026.art47d © Ernst Reinhardt Verlag Nachhaltigkeit leben Ein Projekt zur nachhaltigen Entwicklung in der Kinder- und Jugendhilfe Der nachhaltige Gedanke ist ein viel geteilter Anspruch, der aus unserer Erfahrung heraus jedoch nach wie vor mit vielen Fragezeichen versehen ist. Dass er mit Kindern, Jugendlichen und Fachkräften in der Kinder- und Jugendhilfe gewinnbringend aktiviert werden kann, soll unser Projekt „Nachhaltigkeit leben“ im folgenden Artikel zeigen. von Andrea Scharinger Jg. 1965; Mag.; Studium der Wirtschaftspädagogik, Dipl. Organisationsberatung, Personalentwicklung und Supervision; seit 1990 tätig in leitender Funktion im Bildungs- und Sozialbereich mit Schwerpunkt Personalwesen und Bildung; seit 2013 Geschäftsführerin der Pro Juventute Soziale Dienste GmbH Nachhaltigkeit etablieren „Es wirkt so, als wäre es sowieso egal“ - ein Vorwurf aus unserer Online-Befragung von Kindern und Jugendlichen, dem wir uns im Hinblick auf nachhaltige Lebens- und Arbeitsformen auch und besonders in der Kinder- und Jugendhilfe stellen müssten. Und doch wiegen viele andere Themen unserer Praxis auf den ersten Blick schwerer: Kann man auf dem Themenstapel der Bildungsbedarfe neben Demokratie-, Sexual- und Medienpädagogik auch noch die Bildung zur nachhaltigen Entwicklung balancieren? Hat die Sorge um unsere Zukunft überhaupt Platz im prallgefüllten Rucksack der Entwicklungsaufgaben der Kinder und Jugendlichen, die wir begleiten? Bei Pro Juventute versuchen wir, Nachhaltigkeit ernst zu nehmen, ohne uns zu überfrachten - als Querschnittsthema und als eine der grundlegenden Haltungen, die wir unserer Arbeit zugrunde legen: Diese Haltungen haben wir im Zuge der Überarbeitung unserer internen pädagogischen Qualitätsstandards (ProFI) herausgearbeitet. Dabei durften wir die Erfahrung machen, dass Partizipation und Mitbestimmung auf allen Ebenen und in allen Phasen dieses Überarbeitungsprozesses zur breiten Verankerung eines gemeinsamen Verständnisses unseres pädagogischen Auftrages und insbesondere des Nachhaltigkeitsgedankens beigetragen haben. Zusammen mit den begleiteten Kindern, Jugendlichen und Andreas Trummer Jg. 1978; Dipl. Päd. Univ., MSc, Bakk. Phil.; Studium der Erziehungswissenschaft, Kunstgeschichte und Human Resources Management; seit 2012 in unterschiedlichen Feldern der Kinder- und Jugendhilfe tätig, derzeit im Bereich Nahtstellenmanagement und Nachhaltigkeit bei Pro Juventute Soziale Dienste GmbH 365 uj 7+8 | 2026 Nachhaltigkeit leben Familien haben wir in zahlreichen Gestaltungsgruppen, Workshops und Arbeitsphasen also folgende Grundpfeiler für unsere Arbeit definiert: Beteiligung,Traumasensibilität, Zusammenarbeit mit Angehörigen, Kooperation und Vernetzung sowie Nachhaltigkeit. Bei Letzterem mussten wir jedoch zu Nadel und Faden greifen und das meiste selbst stricken. Wer also wie wir anfänglich etwas planlos und frustriert nach Literatur und Leuchtturmprojekten in der Kinder- und Jugendhilfe sucht, kann sich in diesem Artikel vielleicht Inspirationen für das eigene Projekt holen. Vom aufgescheuchten Huhn zur fleißigen Biene Nun ist es mit einer Recycling-Station und dem Bekenntnis zur ökologischen Verantwortung in der Einrichtung nicht getan - Nachhaltigkeit birgt ebenso viele inhaltliche Facetten wie Möglichkeiten der Verarbeitung. Unter Ihren Mitarbeitenden und Adressat: innen werden Sie wie wir alle „Klimatiere“ finden: vom aufgescheuchten Huhn in ängstlicher Überforderung über den Vogel Strauß mit dem Kopf im Sand bis hin zur fleißigen Biene, die sich bereits aktiv engagiert (als spielerisches Tool zur Auseinandersetzung zu finden bei der Museumsstiftung: https: / / klima-x.museumsstiftung.de/ ). Unser erster Schritt war also eine Standortbestimmung: Bei einer Umfrage unter den Kindern und Jugendlichen zeigte sich: das Thema Umwelt- und Klimaschutz beschäftigt die jungen Menschen intensiv. Sie finden es wichtig, gut zur Natur zu sein und umweltfreundlich zu leben, stoßen dabei im Alltag aber oft auf Hürden. Fehlendes Wissen, wenig Möglichkeiten oder das Gefühl, alleine wenig verändern zu können, machen es schwierig für sie. Viele wünschen sich von ihren Betreuer: innen mehr Unterstützung, konkrete Tipps und gemeinsame Aktionen. Themen wie Mülltrennung, Energiesparen oder nachhaltiges Einkaufen sollen in Abb. 1: Befragungsergebnisse Kinder und Jugendliche Was könntet ihr in der Wohngruppe tun, um besser auf die Umwelt zu achten bzw. nachhaltiger zu leben? 8 - 11 Jahre ab 12 Jahren 366 uj 7+8 | 2026 Nachhaltigkeit leben der Wohngruppe stärker gemeinsam umgesetzt werden. Auch der Wunsch nach mehr Wissen über Klima, Umwelt und Zukunft ist deutlich spürbar. Trotz Sorgen über den Klimawandel gibt es dennoch Hoffnung: Zusammenhalt, eigenes Engagement und kleine Schritte im Alltag machen Mut. Klar wurde: Nachhaltigkeit soll in den Wohngruppen nicht kompliziert sein, sondern konkret, alltagstauglich und zum Mitmachen einladen. Konkrete Ideen waren dementsprechend auch präsent (Abb. 1). Wie sieht nun die Lage bei den Fachkräften aus? Bei guter Beteiligung aus allen Bereichen und Ebenen setzten die Mitarbeitenden bei einer Online-Umfrage ein Zeichen für mehr Nachhaltigkeit in unserer Organisation. Was dies für unseren Arbeitskontext heißen kann, zeigt die Wordcloud aus der Umfrage (Abb. 2): Das darauf aufbauende Projekt „Nachhaltigkeit leben“ verfolgt nun verschiedene Stoßrichtungen, die sich Schritt für Schritt im Austausch mit Kindern, Jugendlichen und Kolleg*innen herauskristallisiert haben. Dahinter stehen beispielsweise der Wunsch von Kindern und Jugendlichen nach gemeinsamen Aktionen und Unterstützung, Anfragen von Mitarbeiter*innen nach mehr Know-how, aber auch deren Anspruch an Pro Juventute, die entsprechenden organisationalen Rahmenbedingungen und Weichenstellungen anzugehen: ➤ Austausch-, Beteiligungs- und Bildungsformate für Mitarbeitende ➤ Austausch-, Beteiligungs- und Bildungsformate für Kinder und Jugendliche ➤ Organisationale Maßnahmen zur nachhaltigen Entwicklung Formate für Mitarbeitende Um den Boden für unser Projekt zu bereiten und unsere Ideen abzustimmen, wurde die Reihe der Nachhaltigkeitsgespräche mit den Fachkräfte-Teams und Kinder-/ Jugendlichengruppen gestartet. Von den Fachkräften kamen wertvolle Anregungen und best-practice-Beispiele, die in die weitere Planung einflossen: mit der Ernennung von Nachhaltigkeitsbotschafter: innen in allen Teams bekamen die ohnehin schon „fleißigen Bienen“ auch einen organisationalen Auftrag und die Möglichkeit, im Austausch mit anderen wirksam zu werden. Das folgende Schwerpunkt-Jahr zu Nachhaltigkeit bot dann allen Mitarbeitenden die Möglichkeit, am Thema anzudocken: ➤ (Online-) Fortbildungen zu Bildung für Nachhaltige Entwicklung Sustainable Development Goals und nachhaltigem Wirtschaften, sowie zur Erarbeitung von individuellen Initiativen/ Nachhaltigkeitschallenges in den sozialpädagogischen Angeboten ➤ Führungskräfteforum: Erarbeitung einer gemeinsamen Haltung als Grundlage für Nachhaltigkeit im pädagogischen Qualitätsmanagement und „Save-the-World-Cafe“ für Maßnahmen zur nachhaltigen Entwicklung ➤ Jahreskonferenz für alle Mitarbeitenden: Erkenntnisse aus der Umweltpsychologie für konkretes nachhaltiges Handeln; Achtsamkeit im Zusammenspiel mit den Inner Development Goals und spielerische Weltrettung beim 2030 SDGs Game ➤ Verankerung von Nachhaltigkeit in den pädagogischen Qualitätsstandards und somit in den Regelabläufen der Personalentwicklung Abb. 2: Befragungsergebnisse Mitarbeiter: innen 367 uj 7+8 | 2026 Nachhaltigkeit leben Formate für Kinder und Jugendliche Was den Kindern und Jugendlichen für ein gutes Leben heute und in der Zukunft wichtig ist, haben wir spielerisch in den Gruppen erfragt und für die Prozessplanung mitgenommen. Die Vielfalt ihrer Themen spiegelt tatsächlich auch die Bandbreite der in den SDGs formulierten Ziele wider. Aussagen wie „Dass man nicht gierig ist und andere auch was bekommen“, „Wenn man Stopp sagt, dass dann aufgehört wird“ oder „Egal, wie man aussieht, dass man trotzdem dazugehört, egal, wo man herkommt“ verdeutlichen die enge Verbindung von klassischen pädagogischen Zielen und nachhaltigem Handeln. Dementsprechend wurde neben umweltbezogenen Workshops und Angeboten für alle auf individuelle Nachhaltigkeitsprojekte gesetzt, die von denTeams mit den Kindern und Jugendlichen gemeinsam geplant und umgesetzt werden. Als Hilfestellung hierfür dient unser Challenge- Plakat zur Projektplanung (Abb. 3, das Plakat kann gerne bei uns angefordert werden). Ein gelungenes Beispiel einer dieser Challenges ist das Projekt „Näh dich frei“ unserer Krisen- Wohngemeinschaft in Tirol, dessen Titel die Chance aufgreift, von überkommenen Dingen durch kreative Gestaltung zu neuen Möglichkeiten und Wegen zu gelangen: Aus alter, aussortierter Kleidung entstehen neue, bunte und individuell gestaltete Kissenbezüge. Dabei geht es nicht nur um Nachhaltigkeit, sondern auch um Transformation: Etwas, das nicht mehr passt, bekommt eine neue Form - so wie auch das eigene Leben ein ständiger Prozess der Veränderung ist. Im gemeinsamen Tun finden Gespräche über nachhaltigeThemen ebenso Platz wie die Lebensthemen der Kinder und Jugendlichen: „Wie war es für mich, aus etwas Altem etwas Neues zu machen? Gibt es in meinem Leben noch andere Dinge, die ich verwandeln möchte? “ (Abb. 4). Abb. 3: Challenge-Plakat zur Projektplanung 368 uj 7+8 | 2026 Nachhaltigkeit leben Organisatorische Maßnahmen In den beschriebenen Austauschformaten wurde neben großem Engagement und neuen Ideen aber auch der Anspruch an die Organisation deutlich, das Thema nicht einfach bei den Kindern und Fachkräften „abzuladen“, sondern zentrale Maßnahmen zu setzen. Um dies strukturiert und in Organisationsentwicklungsprozesse eingebunden anzugehen, wurde das Tool der Gemeinwohlbilanzierung gewählt: Die Gemeinwohlbilanz macht sichtbar, wie ein Unternehmen über den wirtschaftlichen Erfolg hinaus Verantwortung für Mensch und Umwelt übernimmt. Anhand von Werten wie Menschenwürde, Solidarität und Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit und demokratische Mitbestimmung misst sie den Beitrag eines Unternehmens zum Gemeinwohl und zur Erreichung der Nachhaltigkeitsziele. Die Recherchen für die Bilanz wurden im Rahmen eines besonderen Trainee-Konzeptes umgesetzt: Ein Trainee erhielt die Möglichkeit, alle Bereiche der zentralen Dienste sowie die pädagogische Praxis in sozialpädagogischen Angeboten kennenzulernen. Dies sollte einen ungetrübten Blick auf unsere Organisation ermöglichen und vor Betriebsblindheit schützen. Der Trainee war über einen Zeitraum von einem dreiviertel Jahr jeweils mehrwöchig in allen Bereichen und für zwei Monate in einer Wohngemeinschaft tätig, erhob dort mit den Teams die Berichtsfragen und ergänzte durch teilnehmende Beobachtung. Diese Daten wurden angereichert im Rahmen der partizipativen Kommunikationsforen im Schwerpunktjahr (Abb. 5). An den im Prozess identifizierten Entwicklungsthemen arbeiten wir nun weiter - beispielsweise mit folgenden Maßnahmen (siehe auch: https: / / www.projuventute.at/ de/ pro-juventute/ nachhaltigkeit): Abb. 4: Projektziele „Näh dich frei“ Abb. 5: Prozess Gemeinwohlbilanzierung 369 uj 7+8 | 2026 Nachhaltigkeit leben ➤ Zuschuss zum Klimaticket, um die Mobilität im öffentlichen Verkehr zu fördern ➤ Einrichten einer Tauschbörse im Intranet ➤ Nachhaltige Einkaufsrichtlinien ➤ Ökologische Sanierung: Leitlinien und interne Kommunikation ➤ Energie-, Mobilitäts- und Verbrauchsbuchhaltung ➤ … Fazit Was haben wir nun aus all den beschriebenen Schritten und Prozessen gelernt und was hat uns bewogen, diesen Artikel zu verfassen? Zunächst einmal: Jeder kleine Schritt zählt! Im Austausch der Mitarbeitenden wurden viele kleine Initiativen sichtbar, die in ihrem Wirkungskreis eine große Bedeutung bekommen haben. Da, wo sich die Beteiligten als wirksam erleben, entfaltet das Thema eine besondere Dynamik. Nachhaltigkeit und Pädagogik können sich gegenseitig befruchten In den Nachhaltigkeitsgesprächen und Befragungen wiesen die Fachkräfte mehrfach darauf hin, dass nachhaltiges Handeln bei der Fülle von anderen pädagogischen Fragestellungen und angesichts besonderer Bedürfnisse und Biografien unserer Kinder und Jugendlichen mitunter nicht einfach ist. So mag beispielsweise das Thema nachhaltiger Ernährung nur auf fruchtbaren Boden fallen, wenn bereits ein Gefühl von ausreichender Versorgung und Sicherheit vermittelt wurde. Wir streben jedoch Lösungen an, die beide Anliegen bestmöglich verbinden. Das kann zu ungewöhnlichen Lösungen führen, die besser als das Gewohnte sind. Rückenwind hilft Vielen unserer Mitarbeitenden ist nachhaltige Entwicklung zur Sicherung unserer Zukunft ein wirkliches Anliegen. Das Bekenntnis der Organisation und die Möglichkeit, auch im Berufsalltag seinen Beitrag leisten zu können, stellt für viele einen Mehrwert dar. Ohne Partnerschaften geht es nicht Wo die Kinder- und Jugendhilfe selbst oft noch wenig Antworten zu Fragen der nachhaltigen Entwicklung oder zum Auftrag einer dementsprechenden Bildung bietet, durften wir uns von vielen engagierten Menschen und Organisationen aus unterschiedlichen Kontexten inspirieren lassen. Dabei ist gegenseitiges Bewusstsein und neues Know-how entstanden. Wie im „SDG 17 - Partnerschaften zur Erreichung der Ziele“ beschrieben, kommen wir also nur gemeinsam weiter. Aus diesem Grund haben wir diesen Artikel auch als Anregung und Aufruf verfasst, mit uns in Kontakt zu treten: wir freuen uns über Reaktionen, Austausch und gemeinsame Weiterentwicklung im Sinne der Nachhaltigkeit! (Kontakt: https: / / www.projuventute.at/ de/ anfrage) Andrea Scharinger Andreas Trummer Raiffeisenstr. 20 5020 Salzburg E-Mail: andrea.scharinger@projuventute.at andreas.trummer@projuventute.at
