unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2026.art49d
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Ungleiche Lebenslagen, ungleiche Erfahrungen: Gewalt- und Ausgrenzungserfahrungen im Jugendalter
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Lisa Hasenbein
Shih-cheng Lien
Katrina Julia Blindow
Gewalt, Mobbing und Diskriminierung gehören für viele Jugendliche zum Alltag, treffen aber nicht alle gleichermaßen. Der Beitrag zeigt anhand des DJI-Surveys „Aufwachsen in Deutschland: Alltagswelten“ (AID:A), dass Erfahrungen von Benachteiligung, Gewalt, Ausgrenzung eng mit sozialen Ungleichheiten verbunden sind und was sie für das Wohlbefinden Jugendlicher bedeuten.
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375 unsere jugend, 78. Jg., S. 375 - 385 (2026) DOI 10.2378/ uj2026.art49d © Ernst Reinhardt Verlag Ungleiche Lebenslagen, ungleiche Erfahrungen: Gewalt- und Ausgrenzungserfahrungen im Jugendalter Gewalt, Mobbing und Diskriminierung gehören für viele Jugendliche zum Alltag, treffen aber nicht alle gleichermaßen. Der Beitrag zeigt anhand des DJI-Surveys „Aufwachsen in Deutschland: Alltagswelten“ (AID: A), dass Erfahrungen von Benachteiligung, Gewalt, Ausgrenzung eng mit sozialen Ungleichheiten verbunden sind und was sie für das Wohlbefinden Jugendlicher bedeuten. von Lisa Hasenbein Psychologin, Leitung der Fachgruppe „Lebenslagen und Lebensführung Jugendlicher“ in der Abteilung „Jugend und Jugendhilfe“ am Deutschen Jugendinstitut (DJI) Shih-cheng Lien Raumwissenschaftlerin, Wissenschaftliche Referentin in der Abteilung „Jugend und Jugendhilfe“ am Deutschen Jugendinstitut (DJI) Katrina Julia Blindow Sozialepidemiologin, Wissenschaftliche Referentin in der Abteilung „Dauerbeobachtung und Methoden“ am Deutschen Jugendinstitut (DJI) Junge Menschen in Deutschland wachsen heute in einer von historisch beispielloser Vielfalt geprägten Gesellschaft auf. Der 17. Kinder- und Jugendbericht verdeutlicht, dass unterschiedliche Lebensbedingungen, kulturelle Hintergründe, Bildungswege, Lebensstile und Identitätsentwürfe das Aufwachsen heute in einer Weise prägen, die sich deutlich von früheren Generationen unterscheidet (Deutscher Bundestag 2024). Gleichzeitig bestehen gesellschaftlich weiterhin weitreichende strukturelle Ungleichheiten. Während ein Teil der Jugendlichen in stabilen sozialen Verhältnissen aufwächst und vergleichsweise geringe Belastungen erfährt, sind andere von materieller Deprivation sowie begrenzten Bildungs- und Teilhabechancen betroffen. Ungleiche Lebenslagen führen so zu ungleichen Erfahrungen im alltäglichen Leben, die nicht nur das unmittelbare Wohlbefinden beeinflussen, sondern auch langfristige Auswirkungen auf Bildungs- und Teilhabechancen haben können. Diese gesellschaftliche Differenzierung wird von jungen Menschen nicht nur passiv erfahren, sie geht auch mit einem ausgeprägten Bewusstsein für Fragen sozialer Gerechtigkeit einher. Viele Jugendliche setzen sich heute intensiv mit sozialen Fragen auseinander und zeigen eine hohe Sensibilität für Ungleichbehandlung und Diskriminierung in ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen. Sie thematisieren Benachteiligungen, hinterfragen bestehende Normen und treten aktiv für einen respektvollen Umgang sowie die 376 uj 9 | 2026 Ungleiche Lebenslagen im Jugendalter Anerkennung individueller Lebensweisen ein (z. B. Schneekloth/ Wolfert 2024). Sie tragen damit selbst zur Sichtbarkeit von Benachteiligung und der Weiterentwicklung gesellschaftlicher Debatten über Gleichberechtigung und Teilhabe bei. Für junge Menschen spielen hierbei Erfahrungen von Benachteiligung, Gewalt, Ausgrenzung und Stigmatisierung eine große Rolle. Solche Erlebnisse sind für viele Jugendliche keine isolierten Einzelereignisse, sondern oftmals wiederkehrende und sich überlagernde Erfahrungen, die tief in den Alltag eingebettet sind. Die Folgen sind weitreichend. Sie betreffen nicht nur das momentane Wohlbefinden, sondern können die psychische Gesundheit junger Menschen langfristig beeinträchtigen (Lereya et al. 2015; Moore et al. 2017). Gerade im Jugendalter, einer Lebensphase, die durch intensive soziale Aushandlungsprozesse und eine besondere Sensibilität für Zugehörigkeit und Anerkennung gekennzeichnet ist, können Erfahrungen von Ausgrenzung und Abwertung ein gesundes Aufwachsen erheblich beeinträchtigen (Eschenbeck/ Lohaus 2022; Ye et al. 2023). Dabei wirken sich Erfahrungen (mangelnder) sozialer Eingebundenheit nicht nur auf die persönliche Entwicklung aus, sondern können auch das Vertrauen in gesellschaftliche Institutionen schwächen (siehe 17. Kinder- und Jugendbericht, Deutscher Bundestag 2024 oder auch Nugin/ Unt 2025). Die bundesweite, bevölkerungsrepräsentative Befragung „Aufwachsen in Deutschland: Alltagswelten“ (AID: A) des Deutschen Jugendinstituts (DJI; siehe weitere Informationen unter www.dji.de/ aida) gibt einen differenzierten Einblick in das Ausmaß sowie die Zusammenhänge von Diskriminierung, Gewalt und Mobbing im Jugendalter. Zugleich ermöglicht sie es, die Bedeutung dieser Erfahrungen für das subjektive Wohlbefinden und die Zufriedenheit Jugendlicher in zentralen Lebensbereichen wie Schule, Ausbildung und Beruf näher zu beleuchten. Um ein umfassendes Bild zu zeichnen, fasst der vorliegende Beitrag bereits veröffentlichte Analysen der jüngsten AID: A- Erhebung aus dem Jahr 2023 (Kuger et al. 2024) zusammen und ergänzt diese durch vertiefende Auswertungen auf Basis der Befragung aus dem Jahr 2019 (Kuger et al. 2020), in der Gewalterfahrungen differenzierter erhoben wurden. Im Zentrum stehen Erfahrungen körperlicher und psychischer Gewalt sowie Mobbing als spezifische Form wiederholter Viktimisierung. Körperliche Gewalt umfasst direkte physische Angriffe, während psychische Gewalt Beleidigungen, absichtliche Ausgrenzung oder das Zerstören persönlicher Gegenstände einschließt. Mobbing wird als wiederkehrende, gezielte Form solcher Handlungen verstanden. Um die Gewalterfahrungen Jugendlicher im Kontext sozialen Ungleichheitserlebens zu verorten, werden zudem Diskriminierungserfahrungen berücksichtigt. Hier werden neben Benachteiligung aufgrund geschützter Merkmale (siehe Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz (AGG); Antidiskriminierungsstelle des Bundes 2022) auch Benachteiligungen aufgrund des Gewichts sowie aufgrund der sozialen und finanziellen Situation in der Familie - aktuell keine geschützten Merkmale, im Jugendalter aber hochrelevant - berücksichtigt. Basierend auf den AID: A-Erhebungen aus den Jahren 2019 und 2023 geht der vorliegende Beitrag der Frage nach, wie Diskriminierungs-, Gewalt- und Mobbingerfahrungen im Jugendalter mit sozialen Ungleichheiten zusammenhängen. Zunächst wird die Verbreitung dieser Viktimisierungserfahrungen beschrieben und ihre soziale Ungleichverteilung dargestellt. Daran anschließend wird untersucht, wie Diskriminierungs- und Gewalt-, sowie Mobbingerfahrungen zusammenwirken, in welchen sozialen Kontexten sie auftreten und welche Bedeutung sie für das Wohlbefinden und die Selbstwirksamkeit Jugendlicher haben. Abschließend werden Konsequenzen für die pädagogische Praxis und Politik diskutiert. 377 uj 9 | 2026 Ungleiche Lebenslagen im Jugendalter Verbreitung von Diskriminierungs-, Gewalt- und Ausgrenzungserfahrungen In AID: A wurden 2019 und 2023 Diskriminierungserfahrungen junger Menschen in ihrem bisherigen Leben für sechs Merkmale abgefragt, die unterschiedliche Formen von Gruppenzugehörigkeit bzw. sozialer Zuschreibung abbilden: das Geschlecht, die soziale und finanzielle Situation der Familie, eine nicht-deutsche Herkunft (nur bei Befragten mit Migrationsgeschichte), das Gewicht, eine Behinderung oder körperliche Beeinträchtigung (nur bei Befragten, die eine Behinderung oder Beeinträchtigung angegeben haben) und die Religion. In der Erhebung 2023 wurde zudem die sexuelle Orientierung als Diskriminierungsgrund abgefragt. Geschlechtsidentitäten wurden in AID: A 2019 und 2023 differenziert erfasst. Aufgrund geringer Fallzahlen von Befragten mit nicht-binären bzw. weiteren Geschlechtsidentitäten beschränken die Auswertungen sich auf männliche und weibliche Jugendliche. Die AID: A-Befragung von 2023 zeigt deutlich, dass Diskriminierung im Leben junger Menschen keineswegs ein Randphänomen darstellt (Lien 2024; Hasenbein et al. 2025). Ein erheblicher Anteil der 12bis 17-Jährigen - rund 57 Prozent (n = 1.034) - berichtet, im Laufe ihres bisherigen Lebens bereits mindestens einmal aufgrund eines oder mehrerer der abgefragten Merkmale benachteiligt worden zu sein. Besonders bedeutsam ist dabei die Gruppe derjenigen, die wiederholt oder häufig Diskriminierung erfahren haben: Mit einem Anteil von 14 Prozent (n = 256) betrifft dies etwa jede: n siebte: n befragte: n Jugendliche: n. Die Ergebnisse aus AID: A 2023 verdeutlichen, dass die Betroffenheit von Diskriminierungserfahrungen höchst ungleich verteilt ist und klaren Mustern struktureller Benachteiligung folgt. Betrachtet man Diskriminierungserfahrungen über alle abgefragten Diskriminierungsgründe hinweg, geben junge Menschen, die von gesellschaftlichen Normvorstellungen abweichen oder über geringere soziale und ökonomische Ressourcen verfügen, in erheblich höherem Maße Diskriminierungserfahrungen an. Besonders deutlich wird dies mit Blick auf die sexuelle Orientierung und das Vorliegen einer Behinderung: So berichten 38 Prozent (n = 64) der nicht-heterosexuellen Jugendlichen sowie 26 Prozent (n = 58) derjenigen mit einer Behinderung oder Beeinträchtigung von häufigen Diskriminierungserfahrungen, während die entsprechenden Anteile unter heterosexuellen beziehungsweise nicht beeinträchtigten Gleichaltrigen deutlich niedriger (bei jeweils 13 Prozent, n = 184 bzw. 198) liegen. Auch die materielle Lebenslage spielt eine zentrale Rolle. Jugendliche, die in materiell deprivierten Haushalten aufwachsen, berichten mit einem Anteil von 23 Prozent (n = 120) deutlich häufiger von wiederholter Diskriminierung als Gleichaltrige aus besser gestellten Verhältnissen (11 Prozent bzw. n = 137). Ähnliche Unterschiede zeigen sich im Hinblick auf die Migrationsgeschichte: Auch hier berichten Jugendliche, die selbst oder deren beide Elternteile im Ausland geboren wurden, häufiger von entsprechenden Erfahrungen (21 Prozent bzw. n = 87 im Vergleich zu 11 Prozent bzw. n = 133 derer, die weder selbst noch deren Eltern im Ausland geboren sind). Ein zentraler Befund betrifft darüber hinaus die Verbreitung von Mehrfachdiskriminierung: Die Hälfte bzw. 518 der in AID: A 2023 befragten Jugendlichen, die von Diskriminierungserfahrungen berichten, geben an, dass sie im Laufe ihres bisherigen Lebens aufgrund von zwei oder mehr abgefragten Merkmalen benachteiligt wurden (das entspricht 28 Prozent aller 12bis 17-Jährigen). Häufige Kombinationen betreffen das Geschlecht, das Gewicht sowie die soziale und finanzielle Situation der Familie (Lien 2024). Dabei erleben Jugendliche zum einen Benachteiligung in verschiedenen Situationen aufgrund unterschiedlicher (zugeschrie- 378 uj 9 | 2026 Ungleiche Lebenslagen im Jugendalter bener) Merkmale, zum anderen wird die spezifische Kombination dieser Eigenschaften in bestimmten Situationen relevant für eine Ungleichbehandlung. Diese sich überlagernden Diskriminierungsdimensionen gehen nicht nur mit einer erhöhten Belastung für die Betroffenen einher, sie verweisen zugleich auf die Vielschichtigkeit und Verwobenheit sozialer Ungleichheitsverhältnisse. Diskriminierung vollzieht sich damit selten entlang einer einzelnen Dimension, sondern entsteht häufig im Zusammenspiel verschiedener Merkmale und sozialer Positionierungen. Dieses Zusammenwirken und die damit verbundenen Erfahrungen werden seit Längerem unter dem Begriff der Intersektionalität diskutiert (vgl. etwa Alemann 2022). Zugleich zeigen die Ergebnisse aus AID: A, dass Diskriminierungserfahrungen nicht losgelöst von anderen negativen Erlebnissen betrachtet werden können. Vielmehr deuten die Befunde darauf hin, dass sie häufig in umfassendere Prozesse der Abwertung und Ausgrenzung eingebettet sind. Von Diskriminierung betroffene junge Menschen geben auch auffällig häufig Gewalt- oder Mobbingerfahrungen an (Hasenbein et al. 2025). Für viele Betroffene handelt es sich daher nicht um punktuelle Ereignisse, sondern um wiederkehrende Erfahrungen, die sich in unterschiedlichen sozialen Kontexten verdichten. Ungleiche Betroffenheit: Soziale Muster von Gewalt und Mobbing Gewalt- und Mobbingerfahrungen im Jugendalter sind in der erziehungs- und sozialwissenschaftlichen sowie psychologischen Forschung seit Langem als relevantes und international gut dokumentiertes Phänomen bekannt. Auch für Deutschland weisen zahlreiche Untersuchungen - insbesondere im Kontext Schule - darauf hin, dass entsprechende Erfahrungen unter Gleichaltrigen keineswegs Ausnahmephänomene sind (z. B. Ergebnisse der HBSC- Studie; Fischer/ Bilz 2024). Die Ergebnisse aus AID: A 2023 fügen sich in diese Befundlage ein und bestätigen die Verbreitung von Gewalt- und Mobbingerfahrungen im Jugendalter (Hasenbein et al. 2025, vgl. auch Grüne et al. 2024 zu Cybermobbing). Für eine vertiefende Analyse der unterschiedlichen Formen und Kontexte von Gewalt und Mobbing wird im Folgenden auf die AID: A-Erhebung aus dem Jahr 2019 zurückgegriffen. Diese ermöglicht dank einer differenzierteren Erfassung einzelner Gewaltformen und der Kontexte, in denen sie stattfanden, einen Blick auf Muster von Gewalt- und Mobbingerfahrungen im Jugendalter. Es zeigt sich, dass Gewalt und Mobbing das Aufwachsen vieler Jugendlicher prägen, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß und in unterschiedlichen Erscheinungsformen. Die Ergebnisse aus AID: A 2019 zeigen, dass psychische Gewalt unter 12bis 17-Jährigen deutlich weiter verbreitet ist als körperliche Übergriffe. So berichtet rund ein Viertel der befragten Jugendlichen (26 Prozent bzw. n = 584), dass sie in den letzten Monaten mindestens einmal im Monat beleidigt, beschimpft, ignoriert oder ihre persönlichen Gegenstände absichtlich beschädigt wurden oder dass sich über sie lustig gemacht wurde, während vier Prozent (n = 98) körperlich angegriffen oder verprügelt wurden. Von häufigen Mobbingerfahrungen (mindestens einmal pro Monat) berichten acht Prozent der Jugendlichen (n = 172). Zugleich treten unterschiedliche Gewaltformen oftmals gemeinsam auf. Körperliche Gewalt wird zwar insgesamt deutlich seltener angegeben als psychische Gewalt, geht jedoch vielfach mit dieser einher. Jugendliche, die körperliche Angriffe erleben, berichten überdurchschnittlich häufig auch von wiederholten Formen der Abwertung und Ausgrenzung. Körperliche Gewalt ist somit nicht als isoliertes Ereignis zu verstehen, sondern als Teil eines Geflechts sich überlagernder Viktimisierungserfahrungen. 379 uj 9 | 2026 Ungleiche Lebenslagen im Jugendalter Die Betroffenheit von Gewalt- und Mobbingerfahrungen ist - ähnlich wie bei Diskriminierung - sozial ungleich verteilt. Besonders gefährdet sind Jugendliche, die nicht-heterosexuell sind, mit einer Behinderung oder Beeinträchtigung leben oder in materiell benachteiligten Verhältnissen aufwachsen. Für sie lässt sich konsistent eine höhere Betroffenheit sowohl von körperlicher als auch von psychischer Gewalt und Mobbingerfahrungen beobachten. Bei genauerer Betrachtung zeigen sich dabei differenzierte Muster zwischen den einzelnen Gewaltformen. Körperliche Gewalt wird häufiger von Jungen als von Mädchen angegeben und ist zudem stärker mit nicht-heterosexueller Orientierung sowie materieller Deprivation des Haushalts, in dem die Jugendlichen aufwachsen, verbunden. Viktimisierung mit psychischer Gewalt hingegen wird besonders häufig von Jugendlichen mit nicht-heterosexueller Orientierung und Jugendlichen mit einer Behinderung oder Beeinträchtigung angegeben. Mobbing weist wiederum ein eigenes Profil auf. Anders als bei körperlicher Gewalt sind hier insbesondere Mädchen stärker betroffen als Jungen. Darüber hinaus geben Jugendliche aus materiell deprivierten Haushalten, mit einer Behinderung oder Beeinträchtigung oder mit nicht-heterosexueller Orientierung häufiger an, dass sie Opfer von Mobbing waren. Auch schulische Kontexte spielen eine Rolle: So berichten Jugendliche aus nicht-gymnasialen Schulzweigen häufiger von Mobbingerfahrungen als Gymnasiast: innen. Insgesamt verdeutlichen diese Befunde, dass Gewalt- und Ausgrenzungserfahrungen eng mit gesellschaftlichen Ungleichheitsverhältnissen verknüpft sind. Sie treffen besonders häufig diejenigen Jugendlichen, die ohnehin strukturellen Benachteiligungen ausgesetzt sind, und tragen damit zur Reproduktion sozialer Ungleichheit im Jugendalter bei. Jugendliche erleben Gewalt oft im Zusammenhang mit Diskriminierung Die bisherigen Befunde zeigen, dass Gewalt- und Ausgrenzungserfahrungen unter Jugendlichen abhängig von ihrer sozialen Positionierung ungleich verteilt sind. Dies legt nahe, diese Erfahrungen Jugendlicher im Kontext (struktureller) Diskriminierung zu betrachten und das Diskriminierungserleben der Jugendlichen selbst mit einzubeziehen. Dabei können Diskriminierungserfahrungen zusätzliche Belastungen darstellen oder Gewalt- und Ausgrenzungserfahrungen werden von Jugendlichen selbst als Diskriminierung eingeordnet, wenn sie - mehr oder weniger explizit - mit bestimmten Merkmalen in Verbindung gebracht werden. Abbildung 1 zeigt, inwieweit Jugendliche, die in ihrem bisherigen Leben aufgrund eines der erhobenen Merkmale Diskriminierung erfahren haben, ebenfalls von Viktimisierung mit körperlicher oder psychischer Gewalt oder Mobbing in den letzten Monaten berichten. Dem gegenüber gestellt werden die Angaben zu Gewalterfahrungen oder Mobbing von Jugendlichen ohne entsprechende Diskriminierungserfahrungen. Die Befunde verdeutlichen, dass Jugendliche mit Diskriminierungserfahrungen deutlich häufiger auch von Gewalt oder Mobbing berichten. Dieser Zusammenhang zeigt sich insbesondere für psychische Gewalt und Mobbing konsistent über verschiedene Formen der Benachteiligung hinweg und weist darauf hin, dass Diskriminierungs- und Gewalterfahrungen eng miteinander verbunden sind. Unterschiedliche Prozesse der Abwertung und Ausgrenzung sollten daher nicht isoliert voneinander betrachtet werden. Zugleich deutet sich an, dass Gewalterfahrungen, die nicht zwingend an nach dem AGG geschützte Merkmale gebunden sein müssen, von Jugendlichen als Diskriminierung eingeordnet werden. 380 uj 9 | 2026 Ungleiche Lebenslagen im Jugendalter Auffällig ist dabei, dass insbesondere psychische Gewalt eng mit Diskriminierung verknüpft ist. Dies legt nahe, dass Beleidigungen, soziale Ausgrenzung oder gezielte Herabsetzung häufig entlang bestimmter Merkmale stattfinden. Dies kann explizit geschehen, wenn Abwertungen ausdrücklich an bestimmte Merkmale anknüpfen, beispielsweise an die Herkunft oder die sexuelle Orientierung. Zugleich können Jugendliche entsprechende Erfahrungen auch ohne direkte Benennung als systematische Viktimisierung und Ausdruck struktureller Ungleichbehandlung aufgrund bestimmter (zugeschriebener) Eigenschaften einordnen. Orte der Ausgrenzung: Zur Bedeutung sozialer Kontexte Die Übergänge zwischen den verschiedenen Gewaltformen sind oftmals fließend: Abwertungen, Ausgrenzung und Benachteiligung können sich in konkrete Gewalthandlungen verdichten und umgekehrt durch wiederholte Gewalterfahrungen stabilisieren. Gewalt ist somit nicht allein als individuelles Verhalten zu verstehen, sondern auch als Ausdruck sozialer Ungleichheitsverhältnisse und gruppenbezogener Abwertung. Das zeigt die starke Häufung von vor allem psychischer Gewalt 80 % 60 % 40 % 20 % 0 % Körperliche Gewalterfahrung Psychische Gewalterfahrung Mobbingerfahrung ohne Diskriminierungserfahrung mit Diskriminierungserfahrung (mindestens selten) Diskriminierungsgründe Geschlecht soziale/ finanzielle Situation der Familie Herkunft außerhalb Deutschlands Gewicht Behinderung/ körperliche Beeinträchtigung Religion Abb. 1: Vergleich der Anteile der Jugendlichen mit und ohne Diskriminierungserfahrungen, die mindestens einbis zwei Mal im Monat körperliche oder psychische Gewalt oder Mobbing erlebt haben Quelle: AID: A 2019, gewichtete Daten, eigene Berechnungen; 12bis 17-Jährige. Gewalt- und Mobbingerfahrungen wurden jeweils für unterschiedliche Gruppen von Befragten analysiert: Analysen zu Benachteiligung wegen der nicht deutschen Herkunft beziehen sich auf Befragte mit Migrationsgeschichte (n = 683 - 684); bei Benachteiligung wegen einer Behinderung oder körperlichen Beeinträchtigung wurden Befragte mit Behinderung beziehungsweise Beeinträchtigung untersucht (n = 171 - 172); bei Benachteiligung wegen des Geschlechts, der sozialen/ finanziellen Situation in der Familie, des Gewichts sowie der Religion wurden alle Jugendlichen untersucht, wobei je nach Frage Antworten von 2.125 bis 2.208 Befragten vorliegen. 381 uj 9 | 2026 Ungleiche Lebenslagen im Jugendalter und Mobbing bei Jugendlichen, die sich als aufgrund geschützter Merkmale diskriminiert erleben. Vor diesem Hintergrund kommt den sozialen Kontexten, in denen junge Menschen aufwachsen, eine besondere Bedeutung zu. Insbesondere die Schule stellt einen zentralen Ort sozialer Interaktion dar. Sie ist nicht nur ein Raum des Lernens und der Wissensvermittlung, sondern zugleich ein sozialer Erfahrungsraum, in dem Zugehörigkeit hergestellt, Anerkennung erfahren, Freundschaftsbeziehungen angebahnt und aufgebaut und darüber soziale Positionierungen ausgehandelt werden. Hier werden Prozesse von Inklusion und Exklusion besonders sichtbar. Erfahrungen von Wertschätzung und Unterstützung stehen dabei oftmals neben Erfahrungen von Abwertung, Ausgrenzung und Gewalt. Für viele Jugendliche ist die Schule daher nicht nur ein Bildungsort, sondern ein zentraler Bezugspunkt sozialer Zugehörigkeit - und damit auch ein Ort, an dem Diskriminierung und Ausgrenzung besonders schmerzhafte Themen sind. Die AID: A-Daten unterstreichen die zentrale Rolle der Schule als Ort von Gewalt- und Ausgrenzungserfahrungen (vgl. Abbildung 2). Sowohl körperliche als auch psychische Gewalt ereignen sich am häufigsten im schulischen Kontext, insbesondere im Zusammenspiel mit Mitschüler: innen. Betrachtet man darüber hinaus den weiteren Kreis Gleichaltriger, wird deutlich, dass ein Großteil der Gewalterfahrungen im Umfeld von Peers stattfindet. Gleichwohl beschränken sich diese Erfahrungen nicht auf die Schule oder den engeren schulischen Kontext. Ein erheblicher Anteil der Jugendlichen berichtet davon, dass Formen psychischer Gewalt, etwa das Wegnehmen oder absichtliche Beschädigen persönlicher Gegenstände, auch im familiären Umfeld oder in anderen sozialen Kontexten auftreten. Insbesondere körperliche Gewalt findet zu relevanten Anteilen in anderen, nicht spezifisch abgefragten, sozialen Räumen statt, kann also weder im Kreis von Gleichaltrigen noch in der Familie verortet werden. Dabei spielen möglicherweise öffentliche Räume und Treffpunkte wie etwa Kneipen, Musik- Körperliche Gewalt (körperl. angegriffen o. verprügelt) (n = 92) Sachen weggenommen o. absichtlich kaputt gemacht (n = 118) Über mich lustig gemacht (n = 318) Beleidigt oder beschimpft (n = 354) Ignoriert o. ausgeschlossen (n = 272) Psychische Gewalt 0 % 10 % 20 % 30 % 40 % 50 % 60 % 70 % 80 % 90 % 100 % n Mit Mitschüler: innen n Mit anderen Gleichaltrigen n In der Familie n Anderswo 47 % 17 % 11 % 26 % 61 % 14 % 18 % 7 % 68 % 20 % 5 % 8 % 56 % 27 % 5 % 13 % 65 % 24 % 4 % 8 % Abb. 2: Kontexte, in denen Jugendliche körperliche oder unterschiedliche Formen der psychischen Gewalt erfahren Quelle: AID: A 2019, gewichtete Daten, eigene Berechnungen; 12bis 17-Jährige, die entsprechende Formen der Gewalt erfahren haben. Es ist zu berücksichtigen, dass in der Erhebung jeweils nur ein Ort abgefragt wurde, nämlich derjenige, der für die Befragten bei der jeweiligen Gewaltform am wesentlichsten erscheint. Es ist daher davon auszugehen, dass ein Teil der Jugendlichen Gewalterfahrungen in mehreren Kontexten erlebt, diese Mehrfachverortung wird jedoch in den vorliegenden Daten nicht sichtbar. 382 uj 9 | 2026 Ungleiche Lebenslagen im Jugendalter und Sportveranstaltungen, die von gemischten Altersgruppen aufgesucht werden, eine Rolle. Dies verweist auf die Vielschichtigkeit der sozialen Räume, in denen Viktimisierung stattfinden kann und die damit bei Präventionsmaßnahmen berücksichtigt werden müssen. Der Zusammenhang mit Wohlbefinden und Selbstwirksamkeit Gewalt-, Mobbing- und Diskriminierungserfahrungen gehen mit erheblichen Beeinträchtigungen des subjektiven Wohlbefindens einher. Jugendliche, die regelmäßig von solchen Erfahrungen betroffen sind, zeigen erhöhte Werte von Einsamkeit (Berngruber et al. 2024; Berngruber/ Hasenbein 2025) sowie eine geringere Lebenszufriedenheit und ein erhöhtes Depressionsrisiko (Hasenbein et al. 2025; Lien 2024; Ye et al. 2023). Die Erfahrungen wirken sich damit nicht nur situativ aus, sondern betreffen zentrale Dimensionen des Aufwachsens und der psychosozialen Entwicklung junger Menschen. Vor dem Hintergrund, dass Jugendliche Gewalterfahrungen am häufigsten im schulischen Kontext angeben, verwundert es nicht, dass diese Erfahrungen auch Einfluss auf die Zufriedenheit mit der persönlichen Situation in der Schule beziehungsweise Ausbildung haben (vgl. Abbildung 3). Mit zunehmender Häufigkeit von Viktimisierungserfahrungen nimmt die schulische Zufriedenheit deutlich ab. Besonders ausgeprägt zeigt sich dieser graduelle Zusammenhang der angegebenen Viktimisierungshäufigkeit mit der Zufriedenheit in Bildungseinrichtungen bei psychischer Gewalt, Mobbing und Diskriminierungserfahrungen. Bei körperlicher Gewalt hingegen zeigt sich bereits bei seltenen Erfahrungen ein ähnlich starker Zusammenhang mit der Zufriedenheit wie bei häufigeren Erfahrungen. Diese Zusammenhänge unterstreichen die enge Verknüpfung zwischen sozialer Einbindung, Anerkennungserfahrungen und einer Vielzahl von Dimensionen des Wohlbefindens und Wohlergehens Jugendlicher. 100 % 80 % 60 % 40 % 20 % 0 % n (sehr) zufrieden n weniger bis überhaupt nicht zufrieden monatl. seltener nie monatl. seltener nie monatl. seltener nie oft selten/ manchmal nie Diskriminierungserfahrung Körperliche Gewalterfahrung Psychische Gewalterfahrung Mobbingerfahrung 41 % 39 % 23 % 37 % 27 % 17 % 45 % 32 % 23 % 40 % 30 % 22 % 59 % 61 % 77 % 63 % 73 % 83 % 55 % 68 % 77 % 60 % 70 % 78 % Abb. 3: Zufriedenheit mit der Situation in Schule/ Ausbildung bei Jugendlichen je nach Häufigkeit von körperlichen sowie psychischen Gewalt-, Mobbing- und Diskriminierungserfahrungen Quelle: AID: A 2019, gewichtete Daten, eigene Berechnungen; 12bis 17-Jährige, je nach Art der Erfahrung liegen die Antworten von 2.197 bis 2.214 Befragten vor. 383 uj 9 | 2026 Ungleiche Lebenslagen im Jugendalter Vertiefende Analysen der AID: A-Daten weisen zudem auf einen engen Zusammenhang zwischen psychischer Gewalt und Mobbing mit dem Selbstwirksamkeitserleben Jugendlicher hin. Je häufiger Jugendliche entsprechende Erfahrungen machen, desto geringer fällt ihre wahrgenommene Selbstwirksamkeit aus - auch unter Berücksichtigung weiterer Merkmale, die mit einem erhöhten Viktimisierungsrisiko und dem Selbstwirksamkeitserleben verbunden sind, wie etwa ihrem Geschlecht, ihrer sexuellen Orientierung oder materieller Benachteiligung. Für körperliche Gewalt und Diskriminierungserfahrungen hingegen zeigt sich ein solcher Zusammenhang mit dem Selbstwirksamkeitserleben der Jugendlichen nicht gleichermaßen eindeutig. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, dass insbesondere häufige körperliche Gewalterfahrungen vergleichsweise selten berichtet wurden und die entsprechenden Analysen daher mit größerer statistischer Unsicherheit verbunden sind. Die Befunde lassen unterschiedliche Interpretationen zu. Zum einen kann eine geringere Selbstwirksamkeit die Vulnerabilität für Viktimisierung erhöhen, etwa wenn Jugendliche sich in sozialen Konflikten als weniger handlungsfähig erleben. Zum anderen liegt es nahe, dass insbesondere wiederholte Erfahrungen von psychischer Gewalt und Mobbing das Selbstwirksamkeitserleben beeinträchtigen können, wenn Jugendliche Situationen von Ausgrenzung und Abwertung als dauerhaft und kaum kontrollierbar erleben und sich als hilflos ausgeliefert erfahren. Möglicherweise bedingen und verstärken sich diese Prozesse auch gegenseitig und verdichten sich für Betroffene in eine schwer zu durchbrechende Dynamik aus Unsicherheit, Abwertung und verstärkter Verunsicherung. Selbstwirksamkeit kommt eine zentrale Bedeutung im Umgang mit Gewalt- und Ausgrenzungserfahrungen zu. Sie ist nicht nur als individuelles Schutzmerkmal relevant, sondern auch für die Frage, wie Jugendliche auf belastende Erfahrungen reagieren und welche Bewältigungsstrategien sie nutzen. So konnte mit den AID: A-Daten bereits gezeigt werden, dass sich rund 60 Prozent der von Mobbing betroffenen Jugendlichen Unterstützung suchen - wesentliche Prädiktoren für das Hilfesuchen waren dabei die Selbstwirksamkeit und das Wohlbefinden der Jugendlichen: Je höher die Selbstwirksamkeit und je niedriger das Wohlbefinden, desto eher wurde Hilfe gesucht (Grüne/ Willems 2024). Implikationen für die pädagogische Praxis und Politik Die Ergebnisse aus den AID: A-Erhebungen machen deutlich, dass Gewalt-, Mobbing- und Diskriminierungserfahrungen keine Randphänomene sind, sondern den Alltag vieler Jugendlicher prägen. Sie treten häufig gemeinsam auf, verstärken sich gegenseitig und sind eng mit sozialen Ungleichheitsverhältnissen verbunden. Zugleich zeigen die Analysen weitreichende Konsequenzen für das Wohlbefinden sowie für die schulische und gesellschaftliche Teilhabe der Jugendlichen auf. Besonders betroffen sind Jugendliche, die ohnehin in strukturell benachteiligten Lebenslagen aufwachsen oder von gesellschaftlichen Normvorstellungen abweichen. Dadurch verdichten sich Ungleichheiten bereits im Jugendalter und können sich im weiteren Lebensverlauf weiter verfestigen. Aus den vorgestellten Befunden lassen sich für die pädagogische Praxis und Politik verschiedene Implikationen ableiten, die allesamt an langjährige fachliche, wissenschaftliche und politische Diskussionen zu Gewaltprävention, Kinderschutz und Antidiskriminierungsarbeit anschließen und zentrale Erkenntnisse und Handlungsbedarfe bekräftigen, die in diesen Feldern seit vielen Jahren formuliert und in vielfältigen Programmen und Initiativen bereits aufgegriffen werden. So verweisen die Befunde auch auf die hohe Verbreitung von Mehrfachdiskriminierung sowie auf die Verschränkung verschiedener sozialer Ungleichheitsdimensionen. Daraus ergibt sich auch eine wichtige Konsequenz für pädagogische und sozialpolitische Handlungsansätze: 384 uj 9 | 2026 Ungleiche Lebenslagen im Jugendalter Um den Lebensrealitäten Jugendlicher gerecht zu werden, müssen Unterstützungs- und Präventionsmaßnahmen dieser Komplexität Rechnung tragen und unterschiedliche soziale Ungleichheitsdimensionen sowie deren Zusammenwirken stärker berücksichtigen. Für den schulischen Kontext ergibt sich darüber hinaus eine besondere Verantwortung. Schule ist ein zentraler Lebensraum junger Menschen und zugleich ein institutioneller Ort, an dem Bildungs- und Teilhabechancen maßgeblich mitgeprägt werden. Die Ergebnisse zeigen, dass nicht nur körperliche Gewalt, sondern auch andere Gewaltformen und Ausgrenzungserfahrungen in einem Zusammenhang mit eingeschränkter schulischer Zufriedenheit stehen. Dies unterstreicht die Notwendigkeit klarer Schutz- und Interventionsstrukturen sowie einer konsequenten Haltung gegenüber Gewalt in der Schule. Gleichzeitig verweist die Bedeutung sozialer Zugehörigkeit für Motivation und Lernen - etwa im Sinne der Self-Determination Theory (Deci/ Ryan 1993) - auf die Relevanz eines schulischen Klimas, das Autonomie, Kompetenz und soziale Eingebundenheit systematisch stärkt. Auch wenn der schulische Kontext eine herausragende Rolle spielt, zeigt sich, dass Gewalt und Ausgrenzungserfahrungen nicht auf Schule beschränkt sind, sondern in unterschiedlichen Lebensbereichen auftreten. Präventions- und Interventionsansätze sollten daher über den formalen Bildungsbereich hinausgedacht und in den verschiedenen Kontexten des Aufwachsens verzahnt werden. Für Praxis und Politik ergibt sich daraus die Notwendigkeit, Gewalt-, Mobbing- und Diskriminierungserfahrungen nicht isoliert zu betrachten, sondern als miteinander verflochtene Problemlagen zu verstehen und entsprechend integrierte Unterstützungs- und Präventionsstrukturen auszubauen. Diese sollten niedrigschwellig zugänglich, vor Ort verankert sein und die Lebensrealitäten junger Menschen in ihrer Vielfalt berücksichtigen. Zentral ist dabei auch die konsequente Weiterentwicklung von Schutzkonzepten sowie die enge Zusammenarbeit zwischen Schule, Kinder- und Jugendhilfe, Familie und außerschulischen Einrichtungen. Ebenso wichtig ist die Gestaltung sozialer Räume, in denen Anerkennung, Zugehörigkeit und Teilhabe tatsächlich erfahrbar werden - insbesondere dort, wo Jugendliche ihren Alltag verbringen. Neben der Prävention von Gewalt, Mobbing und Diskriminierung erscheint es sinnvoll, auch individuelle Ressourcen wie Selbstwirksamkeit gezielt zu stärken. Solche Ansätze können dazu beitragen, die Handlungsspielräume Jugendlicher zu erweitern und ihre Fähigkeit, mit belastenden Erfahrungen umzugehen, zu fördern - ohne dabei die Bedeutung struktureller Veränderungen aus dem Blick zu verlieren. Dazu kann es auch gehören, soziale Ungleichheiten gemeinsam mit Jugendlichen zu thematisieren und ihre eigenen Erfahrungen von Ein- und Ausschlüssen zu reflektieren. Jugendliche sollten mit ihrem Diskriminierungserleben nicht allein gelassen werden. Bereits die Möglichkeit, entsprechende Erfahrungen zu benennen, einzuordnen und ernst genommen zu werden, kann entlastend wirken und die Verarbeitung belastender Erlebnisse unterstützen. Dafür braucht es diversitätssensible pädagogische Konzepte sowie Fachkräfte und institutionelle Strukturen, die einen sicheren Umgang mit diesen Themen ermöglichen. Zugleich machen die Befunde jedoch deutlich, dass die Stärkung individueller Ressourcen wie Selbstwirksamkeit strukturelle Bedingungen nicht ersetzen kann. Ein chancengerechtes Aufwachsen erfordert daher nicht nur die Förderung individueller Bewältigungsfähigkeiten, sondern vor allem die konsequente Reduktion von Gewalt, Ausgrenzung und Diskriminierung in den zentralen Lebensbereichen Jugendlicher. Kontakt: Deutsches Jugendinstitut (DJI) e.V. Nockherstr. 2 81541 München 385 uj 9 | 2026 Ungleiche Lebenslagen im Jugendalter Literatur Alemann von, A. (2022): Soziale Ungleichheit und Intersektionalität. In: Mefebue, A. B., Bührmann, A. D., Grenz, S. (Hrsg.): Handbuch Intersektionalitätsforschung. Wiesbaden, 21-34, https: / / doi.org/ 10.1007/ 978-3-658-26292-1_6 Antidiskriminierungsstelle des Bundes (2022): AGG- Wegweiser. Erläuterungen und Beispiele zum Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz. Berlin Berngruber, A., Hasenbein, L., Steiner, C. (2024): Sozial eingebunden, trotzdem einsam? Einsamkeitsempfinden Jugendlicher und junger Erwachsener. Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ) 74 (52), 24 - 30 Berngruber, A., Hasenbein, L. (2025): Allein unter vielen. Einsamkeit von Schüler: innen auf dem Schulhof und im Klassenzimmer. In: Beutel, W., Hasenbein, L., Steiner, C., Quenzel, G., Tillmann, K.-J. (Hrsg.): Schüler: innen. Wissen für Lehrer: innen. Identität. 54 - 55 Deci, E. L., Ryan, R. M. (1993): Die Selbstbestimmungstheorie der Motivation und ihre Bedeutung für die Pädagogik. Zeitschrift für Pädagogik 39 (2), 223 - 238 Deutscher Bundestag (2024): 17. Kinder- und Jugendbericht. Bericht über die Lage junger Menschen und die Bestrebungen und Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe. BT-Drucksache 20/ 12900. Berlin Eschenbeck, H., Lohaus, A. (2022): Bedeutung von Peerbeziehungen im Zusammenhang mit der Entwicklung von Gesundheit und Wohlbefinden von Jugendlichen. In: Heinen, A., Samuel, R., Vögele, C., Willems, H. (Hrsg.): Wohlbefinden und Gesundheit im Jugendalter. Wiesbaden, 101 - 128 Fischer, S. M., Bilz, L. 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