Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete
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Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Sonderpädagogen im Dritten Reich
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Sieglind Ellger-Rüttgardt
Anhand lebensgeschichtlicher Zeugnisse soll die Vielfalt sonderpädagogischen Handelns der NS-Zeit dargestellt werden, das von unterschiedlichen Nuancen systemkonformen Verhaltens über Anpassung und Anbiederung bis zu Formen widerständigen Handelns reichen konnte. Das Bewusstsein von der Schwierigkeit der „Nachgeborenen“, ein „historisch gerechtes“ Urteil zu fällen, ist dabei ein zugrunde liegendes Leitmotiv.
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„Für die Deutung des Nationalsozialismus ist die in Lebenserinnerungen gespeicherte konkrete Erfahrung unverzichtbar.“ (Dirk Blasius 1988, 6) Die Beschäftigung mit der Situation Behinderter - vor allem der Hilfsschüler und der Fachdisziplin Sonderpädagogik - während der Zeit des Nationalsozialismus fand seit den späten 70er und frühen 80er Jahren des 20. Jahrhunderts zwar auch in der Behindertenpädagogik zunehmend Beachtung, aber bis auf den heutigen Tag sind erhebliche Lücken in der Erforschung dieser Zeitepoche erkennbar. Während Erkenntnisse über die Funktion der Hilfsschule (Höck 1979), das Verhalten von Sonderpädagogen auf Funktionärsebene (Ellger-Rüttgardt 1998), die ideologischen Vorläufer des sonderpädagogischen Diskurses (Ellger-Rüttgardt 1988; Brill 1994) sowie Studien zur Veröffentlichungspraxis von Sonderpädagogen während der NS- Zeit (Wolf 1992) vorliegen, muss der seit den 80er Jahren in Geschichte und Erziehungswissenschaft eingeforderte alltagsgeschichtliche Zugang bei der Erforschung der NS-Zeit als eher desiderat für die Behindertenpädagogik angesehen werden (Ellger-Rüttgardt 1985, 2001). Alltagsgeschichtliche Forschung bedeutet einen Perspektivenwechsel, nämlich Geschichtsschreibung aus der Sicht des Subjekts, gewissermaßen „von unten“, sowie die Einbeziehung bislang vernachlässigter Quellensorten wie Interviews, Zeitungen, Fotos, Briefe, Tagebücher, lokale Quellen aus Archiven und Schulen, private Sammlungen u. ä.: „Eine Alltagsperspektive …muss Trampelpfade und Schneisen finden, die es erlauben, ein Bild davon zu bekommen, wie Menschen im Dritten Reich lebten, wie sie sich den Zumutungen des Regimes entzogen oder diesen entgegenkamen, wie sie ihren Platz 350 Sonderpädagogen im Dritten Reich Der Versuch einer Annäherung 1 Sieglind Ellger-Rüttgardt Humboldt-Universität zu Berlin Zusammenfassung: Anhand lebensgeschichtlicher Zeugnisse soll die Vielfalt sonderpädagogischen Handelns der NS-Zeit dargestellt werden, das von unterschiedlichen Nuancen systemkonformen Verhaltens über Anpassung und Anbiederung bis zu Formen widerständigen Handelns reichen konnte. Das Bewusstsein von der Schwierigkeit der „Nachgeborenen“, ein „historisch gerechtes“ Urteil zu fällen, ist dabei ein zugrunde liegendes Leitmotiv. Schlüsselbegriffe: Sonderpädagogen, Nationalsozialismus, biografische Zeugnisse Special Educators in the Third Reich - Attempt of an Approach Summary: In the light of several biographical testimonies the author delineates the variety of the way of acting of special educators during the years of National Socialism in the Third Reich. These actions include behaviours in conformity with the system, adapting and chumming up to the “rulers” as well as various forms of opposition and resistance. The underlying leitmotiv of these testimonies is the awareness and the knowledge of the difficulties of the “descendants” to pass a “historically fair” judgement. Keywords: Special educators, National Socialism, biographical testimonies Fachbeitrag VHN, 73. Jg., S. 350 - 364 (2004) © Ernst Reinhardt Verlag München Basel zwischen dem ‚Abseits‘ und der Sturmkolonne fanden“ (Peukert 1985, 26). Die Arbeiten von Broszart u. a. (1997), Peukert (1982, 1985), Peukert/ Reulecke (1981) und Breyvogel/ Lohmann (1985) belegen eindrucksvoll, dass alltägliches Handeln im Nationalsozialismus auf einer Palette von Verhaltensweisen angesiedelt war, die sich zwischen den Polen „Überzeugung“ und „offener Widerstand“ verorten lässt. Im Hinblick auf abweichendes Verhalten im Dritten Reich unterscheidet Peukert zwischen Nonkonformität, Verweigerung, Protest und Widerstand und unterstreicht, dass „Widerstand“ keine einmalige Gewissensentscheidung, sondern situations- und interessengebunden war, dass alltägliches Handeln vielmehr durch eine Verbindung von Teilopposition mit zeitweiliger oder partieller Regime-Bejahung gekennzeichnet war (Peukert 1985, 58f). Bezogen auf die Geschichte des Sonderschulwesens und der Sonderpädagogik bedeutet dies: Allgemeine Darstellungen zur Berufsideologie der Sonderschullehrer sowie zur Funktion nationalsozialistischer Behindertenpolitik liefern zweifellos unverzichtbare Erkenntnisse, sie sagen aber noch nichts darüber aus, wie sich einzelne Personen wie etwa Lehrer in konkreten Lebensvollzügen und zu bestimmten Zeitpunkten tatsächlich verhalten haben und warum sie so handelten. Das Bedürfnis nach Erklären und Verstehen kann nur befriedigt werden, wenn auch die Frage nach der Subjektivität menschlichen Handelns gestellt wird, und dazu bedarf es vor allem einer alltagsgeschichtlichen Zugehensweise mit den dazu gehörenden Quellenbeständen. Nicht die suggestive, entscheidungsorientierte Frage „Schützten Lehrer ihre Schüler? “ (Gers 1981) ist hierfür der richtige Schlüssel - denn diese Frage wird sich in dieser Pauschalität niemals beantworten lassen -, sondern ein Ansatz, der neben allen anderen Quellen auch Erlebnisse und Erfahrungen einzelner Personen mit einbezieht. Im Folgenden möchten wir Beispiele für unterschiedliche Verhaltensweisen von Sonderpädagogen im Dritten Reich vorstellen, die auf exemplarische Weise systemkonformes Verhalten, Anpassung und Anbiederung sowie Formen oppositionellen Verhaltens repräsentieren sollen. Ebenfalls am Beispiel lebensgeschichtlicher Erfahrungen wird abschließend die Frage nach einer „historisch gerechten“ Beurteilung von Biografien während der Zeit des Nationalsozialismus aufgeworfen. 1 Systemkonformes Verhalten Die Frage, welche tatsächlichen Auswirkungen staatliche Behindertenpolitik und sonderpädagogische Positionen der Funktionäre der Fachschaft V des Nationalsozialistischen Lehrerbundes (NSLB), veröffentlicht in der Zeitschrift „Die deutsche Sonderschule“, auf das Handeln einzelner Lehrer hatten, ist nur - so lautet unsere These - durch eine alltagsgeschichtliche Zugehensweise befriedigend zu beantworten, die auf lokaler Ebene verschiedene schriftliche Quellen und idealiter auch mündliche Zeugnisse zu berücksichtigen hätte 2 . Grundlage für eine Analyse systemkonformen Verhaltens von Hilfsschullehrern bildeten 824 Personalbögen der Jahrgänge 1910 - 1932 einer Hamburger Hilfsschule 3 , wobei als systemkonformes Verhalten jenes Gutachterverhalten klassifiziert werden soll, das ein getreues Spiegelbild der offiziellen Hilfsschulpolitik des Dritten Reiches widerspiegelt. Nach einer ersten Durchsicht des gesamten Aktenbestandes wurden für die nähere Analyse nur jene 44 Schülerbögen ausgewählt, die neben den üblichen routinemäßigen Eintragungen zusätzliche Schulberichte enthalten. Diese in aller Regel vom Schulleiter formulierten bzw. zusammengestellten Berichte lassen sich in zwei Kategorien einteilen: Die eine Gruppe sind Berichte, die aufgrund behördlicher Anfragen seitens der Jugend- und Gesundheitsämter, Erbgesundheitsgerichte, Justiz- und Sozialverwaltungen u. a. abgefasst wurden; bei der zweiten Gruppe handelt es sich um Gutachten und Berichte, die auf Initiative der Schule hin entstanden sind. Sonderpädagogen im Dritten Reich 351 VHN 4/ 2004 Die in den ausgewählten Schülerbögen enthaltenen Berichte des Hilfsschulrektors Möller und seiner Kollegen sind ein getreues Spiegelbild der offiziellen Hilfsschulpolitik, denn all jene Schüler, die aufgrund eines sozial erwünschten Verhaltens und eines Mindestmaßes an schulischem Erfolg dem propagierten Leitbild der Hilfsschule als einer Leistungsschule entsprachen, konnten mit positiven Urteilen seitens der Schule rechnen. Tugenden wie Fleiß, Gehorsam, Ordnung und Sauberkeit, die Zugehörigkeit zur Hitlerjugend und die Aussicht auf erfolgreiche soziale und berufliche Eingliederung waren entscheidende Kriterien für die Zuerkennung des Status eines nützlichen und brauchbaren Volksgenossen. Von der Ausgrenzung betroffen waren hingegen all jene, die aufgrund persönlicher Eigenschaften oder ideologischer Zuschreibungen vom Prototyp des nützlichen Hilfsschülers abwichen: „nicht-arische“, „charakterlich minderwertige“ und geistig „zu tief stehende“ Kinder und Jugendliche. Grundzug des pädagogischen Beurteilungsverhaltens des Hilfsschulrektors Möller war keineswegs eine besonders forcierte, scharfmacherische Beurteilungspraxis, sondern vielmehr die korrekt-bürokratische Umsetzung nationalsozialistischer Ideologie und Politik in den Alltag der Schule. So ist an dem folgenden Beispiel „positiver Beurteilungspraxis“ die Dominanz der Kriterien „soziale Angepasstheit“ und „Leistungsfähigkeit“ uneingeschränkt ablesbar. In seinem Abschlussbericht vom 19. März 1938 schreibt Rektor Möller über die Schülerin T. M.: „Charakterlich hat sie sich ebenfalls gut entwickelt. In die Klassengemeinschaft fügte sie sich gut ein. Als einziges Mädel der Klasse gehört sie dem BDM an. Ihre schulischen Leistungen sind ebenfalls als gut zu bezeichnen. Ihre bisherige Entwicklung lässt erwarten, dass sie ein brauchbares Glied der Volksgemeinschaft werden wird.“ Eine Mitgliedschaft in der Hitler-Jugend begünstigte in jedem Fall eine positive Beurteilung seitens der Lehrerschaft dieser Altonaer Hilfsschule. Nahezu schwärmerisch erscheint folgendes Schulgutachten des Lehrers S. über den Schüler H. B., in dem es u. a. heißt: „Er ist nach seinen Leistungen einer der besten Schüler, wenn nicht der beste. … Nach seinem Charakter ist er von Anfang an der unbestrittene Führer der Klasse gewesen. Er ist schon einige Jahre im DJ und mit Leib und Seele Pimpf. Der Dienst kann ihm gar nicht hart genug sein. Zu derselben Härte, Kameradschaft und Disziplin hat er von Anfang an seine Kameraden zu erziehen versucht. ... Zusammenfassend muss ich sagen, dass mir H.B. ein wirklich lieber Schüler und, ich muss wohl sagen, junger Kamerad ist.“ Schüler, die den Erwartungen an einen „einwandfreien“ Charakter, an angepasstes Verhalten, ausreichende Schulleistungen und berufliche Bewährung entsprachen, konnten mit Sympathie seitens ihrer Lehrer rechnen. Kompromisslose Härte traf hingegen all jene, die vom Idealtypus des Hilfsschülers deutlich abwichen. Gerade im Falle jener in irgend einer Weise auffällig gewordenen Kinder und Jugendlichen, die der Parteinahme von Pädagogen bedurft hätten - so würden wir heute argumentieren -, urteilten die hier in Rede stehenden Lehrer uneingeschränkt systemkonform, indem sie sich aktiv an der Ausgrenzung der Betroffenen beteiligten. Besonders negativ fielen die Urteile aus, wenn nach Ansicht der Schule Schüler als „charakterlich minderwertig“ galten. Die Dominanz der Beurteilungskriterien „Charakter“ und „gesellschaftliches Verhalten“ ist ablesbar an dem folgenden Abschlussbericht, den der Rektor im März 1938 über den Schüler F. W. in den Personalbogen schrieb: „Körperlich hat er sich gut entwickelt, ist groß und kräftig, besitzt das Frei- und Fahrtenschwimmerzeugnis. Charakterlich ist leider nur Nachteiliges über ihn zu berichten. In die Klassengemeinschaft fügte er sich nur schwer ein, hatte viel Streit mit den Klassenkameraden. Er ist ein weichlicher Junge, der keinen Mut und keinen Einsatz kennt. Mit zunehmendem Alter trat das Abgleiten nach der Minusseite immer mehr hervor. Innerhalb einer kurzen Zeit nahm er zweimal Geld, das er von seiner Mutter zum Sieglind Ellger-Rüttgardt 352 VHN 4/ 2004 Mietebezahlen bzw. Einholen bekommen hatte, und verbrauchte es für sich. Halt- und hemmungslos gab er sich seinen Trieben hin. Auch nach der sexuellen Seite hin zeigte sich bei ihm diese Abgleitung. … Seine schulischen Leistungen waren eben genügend. Nach diesen Feststellungen sehe ich die Zukunft des Jungen äußerst gefährdet an. Nur durch strenge Zucht und dauernde Beaufsichtigung ist es vielleicht möglich, das gänzliche Abgleiten zu verhüten.“ In nicht seltenen Fällen konstatierten die beurteilenden Lehrer neben der charakterlichen Auffälligkeit eine wie auch immer definierte „geistige Minderwertigkeit“, welche die Bewertung einer völligen „Nutzlosigkeit“ des betreffenden jungen Menschen entsprechend verstärkte. Gesellte sich zu „Charakterschwäche“ und „geistige Minderleistung“ auch noch eine Beeinträchtigung der im Nationalsozialismus hochgeschätzten Körperlichkeit, so konnte mit einem vernichtenden Urteil gerechnet werden. Hatte im Falle des körperbehinderten R. H. der Altonaer Stadtarzt im April 1932 noch von einem „leicht debilen“, aber „durchaus bildungsfähigen“ Jungen geschrieben, der zwar nicht in die Normal-, wohl aber in die Hilfsschule gehörte, so beantragte die Hilfsschule am 17. Februar 1937 die vorzeitige Entlassung dieses Schülers mit folgender an das Schulamt gerichteten Begründung: „Der Schüler R., geb. 22. 03. 22, …, Schüler der 4. Klasse, ein geistig völlig minderwertiger Mensch, durch rechtsseitige Lähmung in seinen Bewegungen behindert, durch seinen Jähzorn für die Klasse und damit auch für die ganze Schule eine sehr große Belastung und Gefahr, hat heute in seiner unberechenbaren Wut einen Mitschüler mit seinem Griffelkasten schwer am Kopf verletzt. Diesen Schüler habe ich sofort in die Poliklinik schicken müssen. Auf Grund dieses Vorfalles habe ich den Schüler R. mit dem heutigen Tage beurlaubt und beantrage gleichzeitig die Befreiung vom Schulbesuch bis zu seiner Entlassung Ostern 1937. Die Mutter ist benachrichtigt.“ Dass es sich zumindest bei dem Schulleiter dieser Altonaer Hilfsschule nicht nur um einen Mitläufer handelte, sondern um einen Pädagogen, der aktiv im Sinne der herrschenden NS- Ideologie handelte und sich damit oft genug gegen seine Schüler stellte, ist anhand einzelner Personalbögen nachweisbar. So meldete Rektor Möller am 17. Februar 1936 in seinem ausführlichen Bericht dem deutschen Jungvolk in Altona Verfehlungen seines Mitgliedes H. L., wobei er einen Ausschluss des Jungen aus der Hitler-Jugend nahe legte. Schließlich schreckte der Rektor der Hilfsschule auch nicht davor zurück, dem Jugendamt die Sterilisation des Betreffenden vorzuschlagen. In dem Gutachten für das Jugendamt vom 23. März 1936 heißt es: „G. P. wurde am 20. 03. 36 nach Erfüllung der gesetzlichen Schulpflicht aus der 2. Klasse der 1. Hilfsschule entlassen. Er ist ein völlig willensschwacher Junge. Unter Tränen verspricht er Fleiß und alles Gute, vermag sich aber keine halbe Stunde in eine Arbeit, für ihn angemessen, zu vertiefen. Er ist sehr leicht erregbar. Wenn er für seine grenzenlose Faulheit oder für eine Dummheit seine Strafe bekommen sollte, gebärdete er sich in den ersten Monaten wie ein wilder Mann, schrie und brüllte aus vollem Halse. Durch strenge Zucht wurde es aber erreicht, dass er im letzten Jahr sich nach dieser Seite hin etwas gebessert hat. Die Gefährlichkeit des Jungen liegt aber auf sexuellem Gebiet. Infolge seiner körperlichen Entwicklung ist er vollreif und kennt nach dieser Seite hin keine Hemmungen. Vom Baden und Schwimmen musste er ausgeschlossen werden, weil er durch sein schamloses Verhalten den Mitschülern gegenüber eine Gefahr für diese war. Durch seinen Mitschüler, den Zigeunerjungen F. St., wurde er im Oktober 35 zur Onanie verleitet. Mehrfach wurde er auch bei der Bettelei ertappt, besonders erbettelte er sich Brot. Der Ungebührlichkeit seines Handelns ist er sich wohl bewusst, ist aber doch zu willensschwach, um sauber zu bleiben. Er ist unbedingt hochgradig schwachsinnig, bei dem unbedingt eine Sterilisation notwendig ist.“ 2 Anpassung und Anbiederung Mit dem „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April 1933 wurden Angehörige kommunistischer Organisationen und Beamte „nicht-arischer Abstammung“ aus Sonderpädagogen im Dritten Reich 353 VHN 4/ 2004 dem Staatsdienst entlassen. Der Passus, dass Beamte, die nicht „rückhaltlos“ für den Staat eintraten, ebenfalls entlassen werden konnten, öffnete der Willkür Tür und Tor und führte dazu, dass sozialdemokratische, liberale, grundsätzlich demokratisch gesonnene Beamte und nicht zuletzt reformpädagogisch orientierte Pädagogen vom Verlust ihrer beruflichen Existenz bedroht waren. Die Konfrontation mit dieser existentiellen Notlage führte zu individuell sehr unterschiedlichen Reaktionen - eilfertige (Über-)Anpassung und Anbiederungsversuche gehörten auch dazu. Davon zeugt das folgende Beispiel: Der Hilfsschullehrer Erich Thomaschewski, der wie Frieda Buchholz nach dem Jena-Plan an der Hilfsschule arbeitete (Ellger-Rüttgardt 1997, 74ff), aber nicht bei Petersen promoviert hatte, versuchte sowohl in der Korrespondenz mit Peter Petersen im Jahre 1932 als auch durch Formulierungspassagen im Stile der neuen Zeit der Bedrohung seiner beruflich-wirtschaftlichen Existenz zu entkommen. Am 4. Juni 1933 schrieb Thomaschewski folgenden Brief an Peter Petersen: Sehr geehrter Herr Professor! Ich schreibe Ihnen noch ganz unter dem Eindruck der heutigen Konferenz, in der unser Schulleiter seine Kritik über den in meiner Klasse während 2 Stunden empfangenen Eindruck - ich war abwesend - aussprach. Ich zitiere wörtlich seine Sätze: „Die Klasse machte einen geistig sehr belebten Eindruck. Im Schreiben sticht sie merklich unvorteilhaft von der Parallelklasse ab, das undeutliche leise Lesen ist ein Fehler der Gruppenarbeit. Man merkt, dass die Kinder gewohnt waren, still für sich zu lesen. Wenn schon die Elementarfertigkeiten so vernachlässigt werden, was soll dann erst später mit den andern Fächern geschehen? “ Als ich erwidert hatte, dass die Schrift beim Diktatschreiben natürlich nicht so gut sein könne, er außerdem noch keine Gruppenarbeit bei mir gesehen habe, blieb als einzige und wohl ausschlaggebende Bemerkung die Feststellung, es handele sich wohl um eine kommunistische Sache, die irgendein weltfremder Professor erdacht habe und die überhaupt verboten werden müsste! Der Rektor hätte sich auch bei dem Schulsachverständigen bei der NSDAP hier die Auskunft geholt, die seine vorgefasste Meinung durchaus bestärkte. Mein Hinweis auf Ihren letzten Brief verschlug wenig; die Anteilnahme der linksgerichteten Kreise an dem Jena-Plan könnte wohl Schuld daran sein, dass er in Misskredit geraten wäre. - Tags zuvor sagte mir schon Stadtschulrat Gaile, er wünsche eine Weiterführung des Jena- Planes nicht. - Was ich dazu vorschlagen möchte, betrifft notwendige Aufklärungsarbeit u. zw. in erster Linie eindeutige Stellungnahme Krieck’s und Hördt’s zu Ihrem Programm und vor allem Fühlungnahme mit dem Kommissar Rust, besonders jedoch Ihrerseits eine kurzgefasste Schrift über Idee und persönliche Stellung zum neuen Staat. Die Mühe, sich in Ihren Büchern zu informieren, nimmt man sich hier leider nicht, und aus den von mir zur Verfügung gestellten drei Werken (Grundschule usw. Jenaplan I und II) hat man anscheinend nichts gefunden, was der Meinung, es handle sich um umstürzlerische Ideen, wirksam entgegenzutreten geeignet war. - Ich kann jetzt auch verstehen, wo die Quellen sitzen, die mich aus dem Amte zu bringen trachteten, obwohl ich ganz auf dem Boden des national-geeinten Deutschtums stehe. Ich betrachte die „Angelegenheit“ im Gegensatze zum Rektor durchaus nicht als erledigt und würde mich freuen, wenn Sie, sehr geehrter Herr Professor, die nötigen Schritte bei der Kulturzentrale der NSDAP unternehmen wollten. Mit vorzüglichster Hochachtung bin ich Ihr dankbar ergebener Erich Thomaschewski 4 Dass Petersen dem in Bedrängnis geratenen Thomaschewski keinesfalls zur Seite sprang, sondern sich vielmehr von ihm distanzierte, war durch Petersens eigene Interessenlage begründet, vor allem der Sorge, „der Jena-Plan könne durch die Person Thomaschweskis in ein falsches politisches Licht gerückt werden“ (Retter 1996, 88). Die Distanzierung von Thomaschewski hinderte Peter Petersen allerdings nicht daran, in seinem 1934 erschienenen Band „Die Praxis der Schule nach dem Jena-Plan“ Schulberichte Thomaschewskis aufzunehmen, die vor 1933 abgefasst worden waren und die nun mit „zeitgemäßen“ Formulierungen versehen wurden. In dem Bericht Thomaschewskis über die Arbeit nach dem Jena-Plan in einer einklassigen Hilfsschule in der Zeit vom Oktober 1931 Sieglind Ellger-Rüttgardt 354 VHN 4/ 2004 bis zum April 1932 stehen neben sachlich reformpädagogischer Berichterstattung anbiederische Formulierungen, die Hein Retter zutreffend wie folgt formuliert: „Deutlich wird bei Thomaschewski die Identifikation des Opfers mit dem Täter (dem Nationalsozialismus), um beruflich überleben zu können. Die Existenzbedrohung durch die Diktatur führt zu Veränderungen der Identität, die unter ,normalen‘ Bedingungen nicht vorstellbar gewesen wären“ (Retter 1996, 88). In dem Bericht von Thomaschewski lesen wir: „Mit dieser, dem Versuch erwachsenen Feststellung stoßen wir gegen ein Organisationsproblem von überragender Bedeutung vor: die Klassifikation der Begabungen schon nach zweijährigem Schulbesuche und ihre verschiedenartige Beschulung: Volksschule - Hilfsschule. Damit wird die Existenz der letzteren natürlich unmittelbar berührt. Wenn in unserm zukünftigen Staate die Aufnordung beginnt, die alles Faule abstößt und die Quellen der Minderwertigkeit im Sinne der Erbuntüchtigkeit verstopft, also praktisch die Zahl der Hilfsschüler auf Fälle erworbenen Schwachsinns (Trauma, Krankheiten usw.) vermindert, dürfte die Form der Hilfsschule von selbst eine wesentlich andere werden“ (Thomaschewski 1934, 169). 3 Oppositionelles Verhalten von Sonderpädagogen Wir wollen mit Lutz van Dick (1988, 35) oppositionelles Lehrerverhalten jener Minderheit von Sonderpädagogen attestieren, „die sich vor dem Hintergrund ihres ausgeübten Berufs - in zum Teil auch nur kleinsten Alltagsformen - verweigerten, ihre eigene Meinung zu wahren suchten und Kritik übten oder hilfreich für andere waren - oder auch erst allmählich oder an bestimmten Situationen entzündet, ein Widerdenken, Widersprechen und (unter in der Regel isoliertesten Bedingungen) auch ein Widerhandeln entwickelten. Kriterium und Auswahl ist ein nachweisbarer Konflikt mit NS-Behörden …“ (vgl. auch Peukert 1985, 46f). Entsprechend der eher dürftigen sonderpädagogischen Forschungslage zum Dritten Reich gibt es bislang nur wenige Hinweise auf oppositionelles Verhalten von Sonderpädagogen. Das von Höck berichtete Schreiben des Staatlichen Gesundheitsamtes von Hamburg an alle Hilfsschulen, in dem Beschwerde darüber geführt wird, dass im Zuge der Anträge auf Sterilisation der Inhalt des Intelligenzbogens „bereits dermaßen bekannt (sei), dass die Hilfsschulkinder sich gegenseitig seine Fragen abhören“ (1979, 115), die Tatsache, dass ein jüdischer Schüler in einer Hamburger Hilfsschule „untertauchen“ konnte 5 , und schließlich unsere Forschungen zu der Hamburger Hilfsschullehrerin Frieda Stoppenbrink-Buchholz, die nicht nur eine Verteidigungsschrift für die Hilfsschüler im Dritten Reich verfasste (Buchholz 1939), sondern angesichts der drohenden Sterilisation einer ehemaligen Schülerin eine für sie folgenreiche Auseinandersetzung mit dem Leiter des Hamburger Erbgesundheitsgerichts führte (Ellger-Rüttgardt 1997), sind unübersehbare Hinweise auf oppositionelles Verhalten auch von Sonderpädagogen zur Zeit des Nationalsozialismus. Die folgenden beiden lebensgeschichtlichen Darstellungen können diese Aussage weiter bekräftigen. Die beiden Hilfsschulpädagogen Theodor Dierlamm aus Baden-Württemberg und Mathilde Eller aus Bayern lernten sich angesichts des Ausbildungsganges für Hilfsschullehrer in München während der Jahre 1935/ 1936 kennen. Beide Pädagogen waren überzeugte Christen und damit bereits aufgrund ihrer religiösen Bindung in Distanz zum Nationalsozialismus. Es war die von den Nazis betriebene feindliche Politik gegen die christlichen Kirchen in Deutschland, die bei beiden Hilfsschulpädagogen ein oppositionelles Verhalten auslöste, das Elemente von Nonkonformität, Verweigerung, Protest und Widerstand enthielt und wovon im Folgenden zu berichten ist. Am 21. Juli 1994 führte ich ein Gespräch mit Frau Mathilde Eller in München, in dem Sonderpädagogen im Dritten Reich 355 VHN 4/ 2004 sie unter anderem von einem einschneidenden Erlebnis mit der Propaganda des NS-Regimes während ihrer Ausbildungszeit zur Hilfsschullehrerin in München berichtete: Jeden Samstag mussten wir uns in der politischen Akademie Vorträge anhören, die von reinen Nazis gehalten wurden. Das war eine Art politischer Unterricht. Und da haben wir zum Beispiel von Sterilisation und Euthanasie in ganz anderer Art als üblich erfahren. Wir durften nichts mitschreiben, keiner durfte den Bleistift zücken, das war streng verboten. Wir waren verpflichtet, darüber nicht zu reden, und so haben wir die ganzen ,Naziwahrheiten‘ erfahren. … Und wir hatten einmal einen Vortrag über Kirche und Nationalsozialismus 6 . Ich weiß die Einzelheiten jetzt nicht mehr genau, aber es war für jeden, der gläubig war, so ein erschreckender Vortrag, so voller Hass gegen die Kirche, dass sie verfolgt und ausgerottet werden müsste. Wir durften ja nichts mitschreiben, aber ein Kollege von mir, ein Württemberger Pfarrerssohn, Dierlamm hat er geheißen, mit dem hab’ ich mich nach dem Vortrag in einen Hauswinkel zurückgezogen und den Vortrag aus dem Gedächtnis niedergeschrieben. Ich hatte Kontakt zu Jesuitenpatern und habe ihnen das Papier gegeben, und der Dierlamm hat es seinem Vater gegeben, der eine hohe Stellung in der evangelischen Kirche hatte. Die Evangelischen waren etwas unklug, denn sie haben ein Flugblatt daraus gemacht und auf das genau das geschrieben, was in dem Vortrag gesagt worden war, wortwörtlich. Die Jesuiten waren schlauer, die haben es rumgesagt und das Papier verschwinden lassen. Und bei den Evangelischen ist irgendetwas nicht dicht gewesen. Das Flugblatt wurde beschlagnahmt, und der Dierlamm ist ins Gefängnis gegangen. Und am 25. August 1937 bekomme ich einen Brief von der Gestapo, dass ich mich dort zu melden habe. Ich habe nicht gewusst, ob mich jemand angezeigt hat, und ich habe das Schlimmste befürchtet. Meine Mutter war krank gelegen, und mein Bruder war damals gerade von einem Herzinfarkt genesen. Denen konnte ich gar nicht sagen, was los ist. Ich habe dann meine Aufzeichnungen vom Keller raufgeholt, habe alles durchgelesen und bin um 10 Uhr in die Gestapo gegangen im Wittelsbacher Palais. Und daheim hab’ ich gar nichts gesagt. Zwei Jahre später, am 12. Juli 1996 konnte ich ein Interview mit Theodor Dierlamm in Kernen bei Stetten führen, in dem er mir aus seiner Sicht von den Ereignissen in München berichtete, wobei er in den wesentlichen inhaltlichen Punkten mit den Aussagen von Mathilde Eller übereinstimmte. Meine Bitte an beide Zeitzeugen, über die Erlebnisse einen schriftlichen Bericht zu erstellen, wurde ein Jahr später erfüllt. Da Herr Dierlamm über all die Jahre hinweg den Kontakt zu Frau Eller aufrecht erhalten hatte, konnte er mir am 15. März 1997 nicht nur seine schriftlichen Erinnerungen, sondern auch das von Mathilde Eller verfasste Protokoll ihrer Vernehmung bei der Gestapo schicken. Im Folgenden gebe ich zunächst einen Auszug der von Theodor Dierlamm verfassten Erinnerungen wieder, um anschließend die für Dierlamm entlastende Zeugenaussage von Mathilde Eller bei der Gestapo in München in der von Frau Eller erstellten Version mitzuteilen 7 . Theodor Dierlamms Erinnerungen: München 1935 Nach Rückkehr aus den Weihnachtsferien Anfang 1936 erfuhren wir, dass wir jetzt auch als Gasthörer an Veranstaltungen der neu eröffneten „Staatsmedizinischen Akademie“ zur Ausbildung Nationalsozialistischer Amtsärzte in Bayern teilnehmen dürften. Zur vollzähligen Teilnahme verpflichtet wurden wir für den Vortrag von Herrn Reichsleiter Dr. Walter Groß, Leiter des Rassenpolitischen Amtes in Berlin, am Samstag, 26. Januar 1936, 10 Uhr, mit dem Thema „Der Amtsarzt als N.-S.-Propagandist“. (Rektor Lesch: „Bitte pünktlichst erscheinen - zum Hören, nicht aber zum Mitschreiben! “) Ort des Vortrags: Der große Hörsaal des Chemischen Instituts der Universität Nähe Georg-Hirth- Platz! Überpünktlich stellten wir „Heilpädagogen“ uns alle dort ein. Die etwa zwanzig Herren Amtsärzte - geziert mit Goldenem Parteiabzeichen der NSDAP - setzten sich in die vordersten Hörerreihen, hinter ihnen nahmen die Damen unseres Lehrgangs Platz, dahinter in Stuhlreihen mit schmalen Schreibplatten fanden wir „Herren“ Platz. Pünktlich 10 Uhr kam schwungvoll schnittig in allerfeinster brauner Gala-Uniform Reichsleiter Dr. Sieglind Ellger-Rüttgardt 356 VHN 4/ 2004 Walter Groß durch die Tür und schaute sich erstaunt um: „Heil Hitler - verehrte Kolleginnen und Kollegen! Ich wusste gar nicht, dass wir auch schon Amtsärztinnen ausbilden. Doch die Bayern sind ja schon immer in allem Vorkämpfer! Für Familienfragen sind ja Ärztinnen oft wichtiger als Herren Doktores! Ich habe Ihnen heute keinen medizinischen Vortrag zu halten. Als Leiter des Rassenpolitischen Amtes der Partei möchte ich Sie vielmehr in Fragen der Nationalsozialistischen Propaganda einführen, die im Blick auf die Zukunft unseres deutschen Volkes für Sie als NS-Amtsärzte von besonderer Wichtigkeit sind. Dazu eine Überlegung vorweg: Als Gegner des Nationalsozialismus sind die Kommunisten schon ausgeschaltet (Konzentrationslager! ). Die Sozialdemokraten sind verstummt. Die einsichtig Gewordenen traten bereits in unsere Partei ein! Zu politischen Auseinandersetzungen mit Fäusten oder Stuhlschlägen in Saalschlachten kommt es nicht mehr... Die Gegner und Feinde des Nationalsozialismus sind heute für uns die beiden großen christlichen Kirchen, die behaupten, dass Christentum und Nationalsozialismus als Weltanschauung nicht miteinander vereinbar wären! Dass das so ist, dürfen wir jetzt noch nicht zugeben. Wir müssen - wie die Bibel sagt - „Wölfe in Schafskleidern“ sein. Denn noch brauchen wir die Kirchen, bis sich der Nationalsozialismus in den Massen unseres deutschen Volkes genügend gefestigt hat! Erst dann darf es zu einem Kampf gegen die Kirchen kommen! Dann gibt es kein Konkordat mehr. Das Vermögen der Kirchen wird als Volksvermögen beschlagnahmt werden und die katholischen Orden aufgehoben, ja verboten; ihr Eigentum wird als Volkseigentum kassiert werden. In den Schulen gibt es keinen Religionsunterricht mehr, er wird durch unseren Weltanschauungsunterricht ersetzt ... Ihnen wünsche ich, dass Sie als gute NS-Amtsärzte auch gute NS-Propagandisten zum Wohle unseres Volkes sein werden! “ (Kräftiger Beifall.) Dr. Groß winkte lächelnd ab und verabschiedete sich mit „Heil Hitler, liebe Kolleginnen und Kollegen.“ Ein mit goldenem Parteiabzeichen geschmückter bayrischer Amtsarzt geleitete Groß durch die Tür, kehrte aber auf seinen Stuhl zurück. Jetzt erst wagten wir „Gasthörer“ den Saal zu verlassen; unser Beifall war ja wohl nur der Dank für die Offenheit des Redners gewesen. … Etwa in der Mitte der Lessingstraße erwartete mich Frau Mathilde Eller und bat, doch mit ihr und einer weiteren Kollegin dort in die Hofeinfahrt einer alten Herrschaftsvilla zu gehen; dort könnten wir wohl ungestört Stücke der soeben gehörten Rede wiederholen. Sie wolle sich das möglichst auswendig einprägen, um es notfalls frei aus dem Gedächtnis niederschreiben zu können (etwa Wölfe in Schafskleidern …, kein Konkordat mehr…). Klar wiederholte Frau Eller Stücke des gehörten Vortrages, bei dem sie aufrecht sitzend dem schwäbischen Mitschreiber hinter ihr gute „Rückendeckung“ gegeben hatte. Nach einiger Zeit gingen wir weiter und verabschiedeten uns am Sendlinger Tor Platz. Abends beim alltäglichen Spaziergang mit „Wiederholungslernen“ gab mir der ältere Stuttgarter Kollege Ludwig Goldschmidt sehr ernst und eindringlich den Rat, ja keinem Menschen auch nur ein Wörtchen des heute gehörten Vortrages zu sagen; denn das könnte sehr gefährlich werden! Wir dürften jetzt nur daran denken, gute Prüfungszeugnisse zu schaffen, alles andere sei jetzt Nebensache. … Esslingen Im Kreis einer uns besonders nahe stehenden Stuttgarter Familie berichtete ich erstmals von dem Vortrag Groß in München und wurde von dem Vetter um eine leserliche Abschrift meines Nachschriebs gebeten. Im Januar 1937 tippte dann Vetter Adolf Scheffbuch seinen Auszug daraus mit zwei Durchschlägen, um einen davon mit meinem Einverständnis an seinen Schwager, den Jugendpfarrer Wilhelm Busch nach Essen Ruhr weiterzugeben, als Hilfe für den Kirchenkampf im Rheinland. Pfarrer W. Busch gab diesen Auszug aus dem Vortrag des Dr. Groß in München an Pastor Held von der Geschäftsstelle des Rheinischen Bruderrats, der das Schriftstück an die vorläufige Kirchenleitung der Bekennenden Kirche in Berlin schickte. - Die dort gemachten Vervielfältigungen für die angeschlossenen Landeskirchen wie auch das Original fielen dort bei einer Hausdurchsuchung in die Hände der Geheimen Staatspolizei - Am 24. Mai 1937 wurde Pastor W. Busch in Essen in Haft genommen, er schwieg aber wochenlang über die Herkunft des Papiers. Bei einer Postkontrolle in Calw wurde der zweite Durchschlag der Groß-Rede entdeckt. (Scheffbuch hatte diesen als Geschäftspapier an einen Freund von Di 8 [mit Di als Absender] gesandt). Am 13. Juni wur- Sonderpädagogen im Dritten Reich 357 VHN 4/ 2004 de Di in Esslingen deshalb polizeilich vernommen. - In der Morgenfrühe von Montag, 20. Juni, wurde Di in Esslingen von der Polizei abgeholt und später nach einem Telefonanruf aus Stuttgart in eine Zelle verbracht mit der Bemerkung: Di würde morgen erst abgeholt. Zum Einschlafen war vom nahen Alten Rathaus das Glockenspiel zu hören „Weißt Du wieviel Sternlein stehen? “ mit dem besonderen Gute-Nacht- Gruß „Gott, der Herr, hat sie gezählet, dass ihm auch nicht eines fehlet. Kennt auch Dich und hat Dich lieb! “ Am nächsten Morgen erfolgte die Abholung durch die SS. Im offenen Wagen ging es durch das Neckartal zum Stuttgarter Hauptbahnhof. Im Wartesaal zweiter Klasse hatte Di auf einem Stuhl Platz zu nehmen; nach etwa zehn Minuten kam sehr aufgeregt ein Gestapo-Herr in Zivil, ging auf die SS- Leute zu: „Ich soll einen Kerl nach Berlin bringen! ? “ Er wird auf Di verwiesen, entschuldigt sich, er hätte nicht gewusst, dass er einen Herrn zu geleiten hätte (Di aber wusste nun, wohin die Reise ging). - Im D- Zug geht es in ein Sonderabteil. Der Begleiter stellt sich vor, versucht im Laufe der Fahrt den Grund seiner Reise zu erfahren. Als der Begleiter um die Mittagszeit beginnt, seine Vesperbrote zu verzehren, ahnt er wohl, dass Di Hunger hätte. Er fragt: „Heute noch nichts gegessen? “ und reicht dann eines seiner wurstbelegten Doppelbrote. - Berlin Als wir gegen Abend Berlin nahe kommen, fragt Herr Gulde (Zivil-Polizist), ob Di schon einmal in Berlin gewesen sei; er: „Noch nie“. Vom Anhalter-Bahnhof aus sei es nur etwa zehn Minuten bis zum Berliner Ziel; wenn Di nicht fliehen würde, könnte man ja zu Fuß gehen. - In der Prinz-Albrecht-Straße ging es zu einem palaisähnlichen Gebäude mit Portal zwischen Säulen. Es war die höchste Stelle der Gestapo. Die Tür öffnete sich. Innenstehend - wie aus Stein gehauen - SS-Leute mit aufgepflanzten Bajonetten. Di wurde es wind und wehe, er wusste, dass hier im Keller schon Menschen abgeknallt worden waren. In einem Zimmer hatte er dann zu warten. Nach etwa zehn Minuten kam der Stuttgarter Herr Gulde mit einem SS-Mann und sagte: „Wir sind am falschen Platz und würden jetzt zum richtigen gefahren.“ - Etwa zwanzig Minuten ging die Fahrt durch’s nächtliche Berlin, dann durch Torbogen in den Innenhof eines Riesengebäudes. Sofort wurden wir über Treppen nach oben geleitet. In dem großen Raum war ein Gitterkäfig, in den Di gesetzt wurde. Der Stuttgarter Polizist übergab Papiere und verschwand. Nach Aufnahme der Personalien wurde Di weitergeführt, kam in einen Zellenbau in die dunkle Zelle 327. Nach einer Weile öffnete ein uniformierter Polizist die Tür, machte Licht, wies auf das hochgeklappte Bett an der Wand, schnarrte: „Abklappen! “ - Später erfuhr Di einmal beim Duschen, dass er hier im „Alex“ sei (großes Polizeigefängnis am Alexanderplatz in Berlin). … Nach kurzer Feststellung meiner Personalien bekam ich einige Blätter der Kurzfassung des Dr. Groß- Vortrages, München, mit der Frage ausgehändigt, ob ich dieses Papier kennen würde. Auf mein: „Nein“ kam die Aufforderung, alles genauestens durchzulesen. Der Herr verschwand. Beim Lesen sah ich, dass es genau der Auszug aus dem München-Vortrag von Reichsleiter Dr. Groß war, der hier mit dem Vermerk „Geheim“ von der vorläufigen Leitung der Bekennenden Kirche an die Gliedkirchen der Länder verschickt werden sollte. - Nach etwa fünf Minuten hatte ich alles gelesen und legte die Blätter auf meine Knie. … Als dann der Vernehmer mit einem fragenden „Und? “ ins Zimmer kam, konnte ich nur bestätigen, dass Dr. Groß bei seinem Vortrag in München alles so gesagt habe, wie es auf den Papieren stehe. Darauf kam die Antwort: „Dr. Groß kann sich aber gar nicht entsinnen! “ - Zwei Tage später, am Freitag, hieß es bei der nächsten Vernehmung, Dr. Groß könnte sich jetzt doch entsinnen, aber ich hätte ihm in diesem Schrieb gröblichste Fälschungen unterschoben - z.B. „der Reichsbund der Kinderreichen“, dessen Vorsitzender Dr. Groß ja ist, „sei ein Hirngespinst und eine Schnapsidee“. - Für solche Behauptungen müsste ich Zeugen nennen. Auf meine Gegenfrage wie viele - ob 25 genügen würden, kam die Antwort: „Vorsicht, zwei oder drei genügen! ! “ Daraufhin nannte ich meinen Freund Ludwig Goldschmidt aus Stuttgart und Frau Mathilde Eller aus München. … Ab Samstag (dem 4. Tag im „Alex“) gab es insgesamt verbesserte Kost und zum Wochenschluss eine Viertelstunde Duschbad. Am Sonntagmorgen wurde eine Stunde später geweckt. Durch das schräg gestellte Fenster waren Geräusche von ankommenden und abfahrenden Zügen auf einem Bahnhof zu hören - und dann von einem Glockenspiel das Lied „o, dass ich tausend Zungen hätte“. Unwillkürlich faltete ich die Hände und summte mit „ich habe ja mein Lebetage es schon so manches mal gespürt, wie Gott mich unter vieler Plage getreulich hat Sieglind Ellger-Rüttgardt 358 VHN 4/ 2004 hindurchgeführt, denn in der größesten Gefahr ward ich sein Trostlicht stets gewahr“ - wie gut, dass ich schon als Schulbub dieses Lied auswendig lernen durfte! Die nächsten Tage verliefen im Gefängnistrott ohne Besonderheiten. Erst am Donnerstag wurde ich wieder zum Vernehmungszimmer geführt. Schon im Vorzimmer durfte ich mich hinter einen Tisch setzen, bekam einen Zettel vorgelegt mit der Bemerkung „Wenn Sie das unterschreiben, werden Sie noch heute entlassen! “ - Da stand dann, dass ich nach einigen Tagen der Schutzhaft im Berliner Polizeigefängnis am Alexanderplatz durch meine Unterschrift gelobe, in Zukunft weder schriftlich noch mündlich etwas gegen den Nationalsozialismus zu unternehmen, andernfalls hätte ich mit sofortiger Haft (lebenslang) zu rechnen. Beim Überlegen hörte ich in mir eine Stimme „Du hast doch nichts gegen den Nationalsozialismus unternommen, sondern nur die Rede eines NS-Reichführers weitergegeben! Unterschreibe ruhig.“ Bei der Rückkehr zur Zelle hieß es „Sie sind entlassen, gehen Sie zur Kammer und holen dort Ihre abgegebenen Habseligkeiten.“ - In meinem Geldbeutel hatte ich nur noch etwa 15 Mark, die würden nicht für den Kauf einer Fahrkarte nach Esslingen reichen! - Ich ließ mich nochmals zum Vernehmungszimmer führen. Dort wurde beratschlagt und mir gesagt: Gegen Unterschrift mit der Versicherung „Rücküberweisung“ binnen fünf Tagen erhielte ich 30 Mark geliehen. … Der Nachtzug nach Stuttgart war übervoll, nirgendwo gab es einen Sitzplatz. Ab Würzburg dämmerte es draußen, in Heilbronn war es heller Tag - und endlich kam Stuttgart. Umsteigen nach Esslingen und dort im Eilschritt zu meiner Schule. Im Klassenzimmer frohe staunende Kinder, aber auch ein junger Lehrer, der mir sagte „Ich bin jetzt hier, Sie sind ja entlassen.“ … Auf schnellstem Wege ging es zur Behörde in Stuttgart. Nach Abfertigen der fünf Wartenden vor mir klopfte ich an die Tür. Hinter dem Schreibtisch schrie der Herr „Raus! Raus! Mit Landesverrätern haben wir hier nichts zu tun! “. Damit hatte ich mich jetzt abzufinden. Mathilde Eller: „Erinnerungen an besondere Erlebnisse in der Zeit des Nationalsozialismus Mein Verhör in der Gestapo am 25. August 1937 (E. = Eller; G. = Gestapobeamter): G.: Heil Hitler! E.: Heil Hitler! G.: Es ist ein Flugblatt gedruckt worden: ‚Nationalsozialismus gegen die Kirche‘. In einem Vortrag in der Politischen Akademie habe Herr Groß vom Goebbels-Ministerium behauptet, dass Kirche und Nationalsozialismus nicht miteinander zu vereinbaren seien. Sie haben diesen Vortrag gehört. Sie sind nicht zu spät gekommen. Sie sind nicht früher gegangen, Sie haben nicht mitgeschrieben. Sie sollen nun das Flugblatt lesen und bestätigen, dass das nicht gesagt worden und alles erlogen ist. Herr Groß wurde bereits darüber befragt und sagte, dass er das nicht gesagt habe, was auf dem Flugblatt steht. E.: Ich kann mich an den Vortrag noch erinnern. Ich möchte aus dem Gedächtnis aufschreiben, was ich noch weiß und dann erst lesen. Sonst könnten meine Erinnerungen durch das Lesen des Flugblattes beeinträchtigt werden. G.: Unterschreiben Sie nur! Es ist ja alles erlogen! E.: Ich möchte vorher aus dem Gedächtnis aufschreiben. G.: Nein, das ist nicht notwendig, unterschreiben Sie! E.: Ich unterschreibe nichts, bevor ich selbst meine Aufzeichnungen niedergeschrieben habe. Der Gestapobeamte wiederholt seine Aufforderung zu unterschreiben. Da ich mich wieder weigere, gibt er nach. G.: Nun, dann schreiben Sie! Da ist Papier! Er setzt sich an den Tisch, mir gegenüber. Ich besinne mich und zögere noch mit dem Schreiben und bete. G.: Wenn ich Sie störe, setze ich mich an einen anderen Platz. Er geht an seinen Schreibtisch am Fenster. Ich schreibe nun aus dem Gedächtnis. Ich hatte seinerzeit nach dem Vortrag mit Herrn Dierlamm über den Vortrag gesprochen, der uns beide entsetzt hatte, und wir schrieben nachträglich ein Protokoll. Dieses Protokoll las ich am Vorabend des Verhörs genau durch, in der Vorahnung, dass ich darüber befragt würde. Als ich mit der Aufzeichnung fertig war, übergab ich mein Schreiben dem Gestapobeamten. Der Beamte liest mit großer Aufmerksamkeit und sichtlichem Erstaunen und sagt, das decke sich ja ganz mit dem Flugblatt. Er werde das ins Protokoll aufnehmen. Im Protokoll verwendet er korrekt meine Angaben und reicht es mir zur Unterschrift. Sonderpädagogen im Dritten Reich 359 VHN 4/ 2004 E.: Ich unterschreibe nur, wenn vermerkt wird, dass ich die Niederschrift vor Einsichtnahme in das Flugblatt gemacht habe, aus der Erinnerung. Der Beamte machte bereitwillig diesen Vermerk, dann unterschrieb ich. G.: Nun schreiben Sie noch dazu, was Sie sich bei diesem Vortrag gedacht haben. Ich schrieb ungefähr: Ich dachte mir: Das stimmt nicht zusammen mit dem, was Hitler sagt. Dem Führer ist mit der Wahrheit besser gedient. Der Gestapobeamte schaut mich von oben bis unten an und sagt: G.: Sie haben den Nationalsozialismus studiert. Keiner von allen, die wir gefragt haben, hat uns eine Auskunft gegeben. Ich danke Ihnen. Heil Hitler! “ 4 Die Frage nach dem „historisch gerechten“ Urteil: das Beispiel Herrmann Maeße Mit den bisherigen Ausführungen wollen wir auf eine eigentlich banale Tatsache aufmerksam machen, nämlich dass es sich verbietet, in pauschalierender Weise von dem Verhalten der Sonderpädagogen während der Zeit des Nationalsozialismus zu sprechen. Das Gebot einer differenzierten und facettenreichen Betrachtungsweise sollte durch die Präsentation von Beispielen unterschiedlicher Verhaltensmodi unterstrichen werden, die von überzeugtem, systemkonformem bis zu widerständigem Handeln reichen. Die Möglichkeit, mündliche Quellen zu befragen, wurde in der Historiographie der Behindertenpädagogik weitgehend nicht genutzt, und zwar keineswegs nur von denen, die das „gespaltene Bewusstsein einer Kriegsgeneration“ hatten (Bleidick 1993, 228), sondern auch von der jüngeren Generation. 1986 erschien ein Aufsatz über den ehemaligen Leiter der Hamburger Gehörlosenschule, Herrmann Maeße, der von 1934 - 1935 Reichsfachgruppenleiter für Taubstummenlehrer im Nationalsozialistischen Lehrerbund (NSLB) war (Pape/ Romey 1986). In diesem Aufsatz, der sich auf drei Publikationen Maeßes aus den Jahren 1933, 1934 und 1935 stützte, wurde jener als „Täter und Mittäter“ klassifiziert. Die unterbliebene mündliche Befragung hätte vor einer pauschalen Etikettierung bewahren können und stattdessen einen Menschen erkennbar werden lassen, der im Dritten Reich einen Entwicklungs- und Lernprozess durchlief und dessen Biografie sogar Elemente widerständigen Handelns enthält. Wir führten am 3. Oktober 1986 ein Gespräch mit Herrmann Maeße, von dem wir hier einen Auszug wiedergeben möchten und an dem nachzuweisen ist, „wie schmal der Grat zwischen Anpassung und Resistenz“ im Dritten Reich sein konnte (Langewiesche 1983, 157). I.: Wenn man Ihre Artikel aus „Die Deutsche Sonderschule“ von 1934 und 1935 liest, in denen Sie sich zur Sterilisation äußern, dann würde man heute sagen: Das ist eindeutig ein überzeugter Nazi gewesen. M.: Ja, ich war auch ein überzeugter Nazi. Das kann ich nicht bestreiten. I.: Also, es war keine Anpassung, was Sie damals geschrieben haben, sondern Überzeugung? M.: Ja, das war Überzeugung. Also angepasst habe ich mich nie, dann habe ich lieber den Mund gehalten. Und wenn ich mir heute den Artikel durchlese, dann sage ich: Ein Fehler war die fehlende Freiwilligkeit. Die habe ich nicht betont, sondern ich habe den Zwang bejaht. Das habe ich gemacht. Aber wäre der damals nicht bejaht worden, dann wäre das ganze Gesetz überflüssig geworden. I.: Meinen Sie nicht, dass das ganze Gesetz überhaupt ein Unrechtsgesetz war? M.: Ja, das war insofern ungerecht, als die Betroffenen sterilisiert werden mussten. Das aber haben wir damals nicht gesehen. Sehen Sie mal, damals sagten wir: ‚Ich Gesunder bin verpflichtet, mein Leben für mein Vaterland einzusetzen. Ich bin bereit zu sterben. Warum sollen nicht Erbkranke, die den geringeren Teil tragen, auf Kinder verzichten? ‘ Das war die geltende Ansicht, auch die meine! I.: Sie sagten vorhin, dass Sie aus Überzeugung am 1. 5. 1933 der NSDAP beigetreten waren, dass Ihnen aber 1938 nach der „Reichskristallnacht“ Zweifel am Nationalsozialismus gekommen sind. M.: Also, den ersten Knacks habe ich schon früher bekommen. Ich war Ende 1931 in den Vorstand Sieglind Ellger-Rüttgardt 360 VHN 4/ 2004 des Berliner und Brandenburger Taubstummenverbandes gewählt worden. Nun kam der Nationalsozialismus, und Anfang September kamen Kollegen auf mich zu, ich war erst 28 Jahre alt, und schlugen mich für den neuen Vorstand vor. Sie redeten auf mich ein und sagten: ‚Sehen Sie, wenn Sie ablehnen, müssen wir einen alten Nazi wählen, der den Direktor von der Städtischen Taubstummenschule abgesägt hat. Und das wollen wir nicht. Und dafür müssen Sie jetzt einspringen.‘ Und dieses Argument hat gezogen. Da habe ich gesagt: ‚Gut, dann mache ich es‘. Also, dann wurde ich Vorsitzender des Vereins Brandenburger und Berliner Taubstummenlehrer. Ende 33 oder Anfang 34 wurden sämtliche Lehrerverbände aufgelöst, und der Bund Deutscher Taubstummenlehrer kam zur Fachgruppe V im NSLB, und jetzt war ich auf einmal Fachgruppenleiter im NSLB. Den ersten Knacks bekam ich, als ich vom Fachgruppenleiter Berlin zum Reichsfachgruppenleiter ernannt wurde, denn Ruckau 9 verlangte Verschiedenes von mir, was ich in Berlin durchsetzen sollte. I.: Wie war die Politik von Ruckau? M.: Radikal nationalsozialistisch. Ich möchte sagen, dass Ruckau fachlich nicht viel los hatte. Wie seine Klasse aussah, weiß ich nicht. Ich habe sie nie gesehen. Aber auf theoretischem Gebiet war er nicht sattelfest. Er war allgemein politisch, und er war in seinem Handeln, möchte ich sagen, eine Landsknechtsnatur. Und er verlangte, nachdem ich einige Mal schon tief geschluckt hatte, dass ich meinen Direktor Gotthold Lehmann, Direktor der staatlichen Taubstummenanstalt in Berlin, abzusetzen habe, das heißt, den Antrag auf Absetzung stellen sollte, da er Logenmitglied war. Ich hatte ein sehr herzliches Verhältnis zu Direktor Lehmann, er war ein sehr nobler Mensch, dem ich auch wissenschaftlich folgen konnte. Er hatte viel los. Nun sollte ich begründen, dass er als Logenmitglied abzusetzen sei, weil er die jungen Lehrer nicht ausbilden könne. Ich schrieb an Ruckau zurück, dass wir im Augenblick keinen Kandidaten hätten und ich schon aus diesem Grunde Herrn Lehmann gar nicht absetzen könnte, und außerdem schrieb ich, dass Herr Lehmann alles tun wird, was der Staat von ihm verlangen wird und was rechtlich ist. Ich habe Ruckau geschrieben, dass ich nicht in der Lage bin, diesen Antrag zu stellen. Da muss er in die Luft gegangen sein. Er berief eine Fachgruppenleitersitzung ein, und aus Halle kam Bechthold, aus Hannover Krampf, aus Berlin Bartsch und ich, und er selbst kam aus Liegnitz 10 . Ruckau trug den Fall vor, dass ich nicht gespurt hätte und er die Absicht habe, mich abzusetzen. Und da habe ich etwas Wunderbares erlebt. Wie mir Herr Krampf später erzählte, hatten sich die anderen drei Fachgruppenleiter mit mir solidarisch erklärt und gesagt, wenn er mich absägt, dann würden sie auch ihr Amt niederlegen. Aber Krampf sagte auch zu mir: ‚Ruckau ist Mitarbeiter des SD, des Sicherheitsdienstes, und als solcher kann er seinen Willen immer durchsetzen und kann Sie verschwinden lassen. Ich rate Ihnen, verschwinden Sie jetzt, nehmen Sie einen anderen Beruf an.‘ Ich bin dann in die Lehrerbildung gegangen, habe zum 1. Juli einen Ruf an die Hochschule für Lehrerbildung in Lauenburg bekommen und habe dann zum 1. Juli mein Amt niedergelegt 11 . Damit hatte ich Ruckau einen Gefallen getan, denn nun war ich ihm ja aus den Augen. I.: War das die Zeit, in der Ihre Zweifel am Nationalsozialismus kamen? M.: Ja, die kamen in der Zeit, als mich Herr Ruckau absetzen wollte. Obwohl ich doch nur nach meinem Gewissen handelte und ihm das auch schriftlich begründete, dass ich das nicht könnte. Der Hauptgrund, den ich nicht geschrieben habe, war, dass ich mich Herrn Lehmann persönlich verbunden fühlte; er ist mein Lehrer gewesen, er ist mein Chef gewesen, und er war immer anständig. Ich bekam das nicht fertig. I.: Aber wann haben Sie an der Idee gezweifelt? Hier haben Sie ja sozusagen nur an einem einzelnen Menschen gezweifelt. M.: An der Idee habe ich ernsthaft im Herbst 1938 gezweifelt, als es zu diesen praktischen Auswirkungen der Judenpolitik kam. Da habe ich dieses harte Wort gesagt: Er 12 geht unter oder er ändert sich. I.: Was empfinden Sie heute, wenn Sie zu der Clique von Tornow und Krampf gezählt werden? 13 Fühlen Sie sich sehr ungerecht behandelt? M.: Ja, ich fühle mich ungerecht behandelt. Nehme das aber nicht übel. Ich sage nur: Der Mann muss sehr schlecht orientiert sein, der das geschrieben hat, denn ich war in Berlin, und Tornow war in Halle und später in Magdeburg. Ich Sonderpädagogen im Dritten Reich 361 VHN 4/ 2004 hatte mit ihm nur ab und zu zu tun in den anderthalb Jahren, in denen ich in der Fachschaft tätig war. I.: Kann es nicht aber auch daran liegen, dass über die Nazizeit so wenig geredet wurde, dass man so wenig weiß und deswegen vieles nicht richtig berichtet wird? Es ist doch ein Phänomen, dass im Grunde erst seit ein paar Jahren überhaupt über die Situation der Sonderpädagogik während des Dritten Reichs geforscht und gearbeitet wird. Vorher hat doch kein Mensch darüber geredet. M.: Ja, das ist richtig. Aber sehen Sie mal, ich bin doch nach Hamburg gekommen, und alle haben gewusst, wer ich gewesen bin. Alle, nur nicht zwei, die waren nach dem Krieg mit ihrer Ausbildung erst fertig geworden. I.: Sind Sie entnazifiziert worden? M.: Ja, bin ich. Ich habe geschrieben, dass ich vom Nationalsozialismus überzeugt war und dass ich nun einsehe, dass er zum Ruin geführt hat. Aber was ich getan habe, habe ich aus Überzeugung getan, ich bin auch aus Überzeugung in die Partei eingetreten. Da wurde ich als Mitläufer eingestuft, als Mitläufer mit Berufsgenehmigung. Und bei der Vernehmung habe ich gesagt: Bitte, hier steht ein ‚Mitläufer‘. Ich bin nie mitgelaufen, ich war immer überzeugt und habe immer das getan, was meine Überzeugung war. Da guckten sich die Polizisten groß an und sagten: ‚Das hat uns noch keiner gesagt.‘ I.: Hatten Sie auch einmal Schuldgefühle? M.: Schuldgefühle? I.: Wenn Sie an früher denken? M.: Schuldgefühle, wie meinen Sie das? I.: Vielleicht gegenüber Schülern. Es sind ja durch die Nazis letztlich immerhin über 30 % der Taubstummen sterilisiert worden, und es sind etwa 10 % den „Euthanasiemaßnahmen“ zum Opfer gefallen. Wenn man das heute weiß und gleichzeitig dieser Bewegung angehörte, hat man doch möglicherweise Schuldgefühle, nicht wahr? M.: Ja, also was die Sterilisierung betrifft, da ist ihnen wirklich etwas genommen worden, was ich damals für richtig hielt. Ich habe damals geglaubt, dass es nur auf diese Weise durchzuführen ist. Aber es ist nach heutiger Auffassung falsch. Der Mensch muss über sich selbst entscheiden. Und mit Tötung hatte in der Fachgruppe - auch unter den Leitern - keiner etwas zu tun, so lange ich da war. I.: Ist das nie diskutiert worden, Euthanasiemaßnahmen? M.: Während ich da war, also bis 1935, nein. Da war ja auch im Großen nichts passiert. I.: Können Sie die Reaktionen der jungen Lehrer verstehen, deren Empörung, dass Sie 1934 und 1935 diese beiden Artikel geschrieben haben? M.: Die Reaktion kann ich verstehen, ja. Aber ich habe sie nicht erwartet, weil das so lange her war, weil das sozusagen tot für mich war, ferne Vergangenheit. Ich lebe im Heute und habe auch im Heute etwas geschaffen. Ich stand auch nach dem Krieg mit meiner ganzen freien Zeit in der Gewerkschaftsarbeit. Und diese Reaktion habe ich einfach nicht erwartet. I.: Hat es ein Gespräch darüber gegeben? Haben Sie versucht, das zu erklären, was Sie mir jetzt erzählt haben? M.: Ja, das habe ich versucht. I.: Und wurde das nicht verstanden? M.: Ja, also das wurde schon von einigen meiner Kollegen verstanden. Und ich habe auch gesagt: Ich stehe zu einer Aussprache zur Verfügung. Aber die jungen Leute aus der Arbeitsgemeinschaft, die haben mein Gespräch nicht angefordert. I.: Sind Sie nicht eingeladen worden zum Gespräch? M.: Ich bin nicht eingeladen worden zum Gespräch - das ist schade - damit werde ich eigentlich verurteilt. I.: Was ist aus Ihrer Lebenserfahrung wichtig, damit sich ein Nationalsozialismus nicht wiederholen kann? M.: Erziehung zum selbständigen Denken und Handeln, Erziehung zur Zivilcourage, aber auch Erziehung zum Anstand. Anmerkungen 1 Ich widme diesen Beitrag dem Andenken an Mathilde Eller (1902 - 1999) und Theodor Dierlamm (1912 - 2004), zwei Sonderpädagogen, die in schwerer Zeit viel Tapferkeit bewiesen haben. 2 In unserer Biografie über Frieda Stoppenbrink- Buchholz waren wir in der glücklichen Lage, auf beide Sorten von Quellenbeständen zurückgreifen zu können (vgl. Ellger-Rüttgardt 1997) - ein Vorgehen, das mit zunehmender zeitlicher Entfernung zum Dritten Reich naturgemäß immer schwieriger wird. Sieglind Ellger-Rüttgardt 362 VHN 4/ 2004 3 Es handelt sich um die Hilfsschule in Hamburg Altona in der Hafenstraße 30 (vgl. Ellger-Rüttgardt 1986). 4 Abgedruckt in Retter 1996, 338f. 5 Interview der Verfasserin mit dem Betroffenen am 21. Mai 1986 in Hamburg. 6 Der Redner war kein geringerer als der Leiter des Rassenpolitischen Amtes der NSDAP, Walter Groß (1904 - 1945). 7 Der Umstand, dass ich von beiden Zeitzeugen sowohl transkribierte Interviews als auch selbstverfasste Berichte zur Verfügung hatte, erlaubte es mir, den größten Teil von Unklarheiten bzw. von Ungenauigkeiten auszuräumen. Lediglich die widersprüchliche Mitteilung, dass die Reden der NS-Propagandisten nicht schriftlich festgehalten werden duften (M. Eller) bzw. doch niedergeschrieben wurden (Th. Dierlamm) lässt sich im Nachhinein leider nicht mehr aufklären. Ich neige zu der Annahme, dass sich Theodor Dierlamm während der Rede von Groß schriftliche Notizen machte, die im Nachhinein von beiden Kursteilnehmern vervollständigt wurden. 8 Di ist die Abkürzung für Dierlamm. 9 Paul Ruckau war Reichsfachschaftsleiter der Fachschaft V Sonderschulen im Nationalsozialistischen Lehrerbund (NSLB). 10 Eduard Bechthold aus Halle war Reichsfachgruppenleiter für das Blinden- und Sehschwachenwesen, Karl Tornow aus Halle Fachgruppenleiter für das Hilfsschulwesen, Paul Bartsch aus Berlin vertrat das Anstaltswesen, und Alfred Krampf war stellvertretender Reichsfachschaftsleiter. 11 Als Nachfolger von Herrmann Maeße ernannte Paul Ruckau Fritz Zwanziger aus Nürnberg 1935 zum Reichsfachgruppenleiter der Reichsfachgruppe für Lehrer an Taubstummen-, Schwerhörigen- und Sprachheilschulen in der Fachschaft V Sonderschulen im NSLB (vgl. Die deutsche Sonderschule 3 [1936] 1, 3). 12 Gemeint ist Adolf Hitler. 13 Hier wird Bezug genommen auf den Aufsatz von Pape und Romey von 1986. Literatur Berg, Chr.; Ellger-Rüttgardt, S. (Hrsg.) (1990): „Du bist nichts, dein Volk ist alles“. Forschungen zum Verhältnis von Pädagogik und Nationalsozialismus. Weinheim Blasius, D. (1988): Der „Historikerstreit und die historische Erforschung des „Euthanasie-Geschehens“. In: Sozialpsychiatrische Informationen 2, 2 - 6 Bleidick, U. (1993): Geschichtsschreibung und nationalsozialistische Vergangenheit in der Behindertenpädagogik. In: Die Sonderschule 38, 225 - 230 Breyvogel, W.; Lohmann, Th. (1985): Schulalltag im Nationalsozialismus. In: Hermann. U. (Hrsg.): „Die Formung des Volksgenossen“. Der „Erziehungsstaat“ des Dritten Reiches. Weinheim/ Basel, 253 - 268 Brill, W. (1994): Pädagogik im Spannungsfeld von Eugenik und Euthanasie. St. Ingbert Buchholz, F. (1939): Das brauchbare Hilfsschulkind - ein Normalkind. 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(1988): Hilfsschulpädagogik und Nationalsozialismus: Traditionen, Kontinuitäten, Einbrüche. Zur Berufsideologie der Hilfsschullehrerschaft im Kaiserreich und in der Weimarer Republik. In: Herrmann U.; Oelkers, J. (Hrsg.): Pädagogik und Nationalsozialismus. 22. Beiheft der Zeitschrift für Pädagogik. Weinheim/ Basel, 147 - 165 Ellger-Rüttgardt, S. (Hrsg.) (1996): Verloren und Un-Vergessen. Jüdische Heilpädagogik in Deutschland. Weinheim Sonderpädagogen im Dritten Reich 363 VHN 4/ 2004 Ellger-Rüttgardt, S. (1997): Frieda Stoppenbrink- Buchholz (1897 - 1993) - Hilfsschulpädagogin, Anwältin der Schwachen, Soziale Demokratin. Weinheim Ellger-Rüttgardt, S. (1998): Der Verband der Hilfsschulen Deutschlands auf dem Weg von der Weimarer Republik in das Dritte Reich. In: Möckel, A. (Hrsg.): Erfolg, Niedergang, Neuanfang. 100 Jahre Verband Deutscher Sonderschulen. Fachverband für Behindertenpädagogik. München/ Basel, 50 - 95 Ellger-Rüttgardt, S. (Hrsg.) (2003): Lernbehindertenpädagogik. 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