eJournals Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete73/4

Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete
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0017-9655
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
5_073_2004_4/5_073_2004_4.pdf101
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Aktuelle Forschungsprojekte (4/04)

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Klassenwiederholung: Analyse einer Maßnahme zur Begegnung von Schulversagen
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Klassenwiederholung: Analyse einer Maßnahme zur Begegnung von Schulversagen Gérard Bless Universität Freiburg/ CH Das vorliegende Forschungsprojekt wurde Anfang September 2000 in Angriff genommen. Die finanzielle Unterstützung durch den Schweizerischen Nationalfonds lief bis zum Dezember 2003. Zurzeit werden verschiedene Publikationen zum Gesamtprojekt vorbereitet. Die Untersuchung wurde von folgenden Mitarbeitenden durchgeführt: Prof. Dr. Gérard Bless (Projektverantwortlicher), lic. phil. Marianne Schüpbach und lic. phil. Patrick Bonvin. Die Klassenwiederholung ist allen ehemaligen und aktuellen Schülerinnen und Schülern der schweizerischen Bildungssysteme sowie allen Berufspersonen, die in direkter oder indirekter Weise mit der Schule zu tun haben, ein Begriff. Demzufolge greift die vorliegende Studie eine sehr bekannte Thematik aus dem Schulalltag auf. Eines der Hauptargumente bei der Erwägung einer Klassenwiederholung ist die Feststellung von ungenügenden oder unbefriedigenden schulischen Leistungen des Kindes. Ein zusätzliches Schuljahr soll den Schülerinnen und Schülern ermöglichen, die vorgeschriebenen Lernziele des Lehrplanes der entsprechenden Stufe zu erreichen. Die pädagogische Grundlage dieser Maßnahme ist einerseits das Gewähren von mehr Lernzeit. Andererseits wird angenommen, dass Repetierende mit der Wiederholung einer Klasse zu Beginn des Repetitionsjahres einen leistungsmäßigen Vorsprung auf ihre Mitschüler haben und dadurch von der Belastung befreit werden, der leistungsmäßig schwächsten Gruppe der Klasse anzugehören, was dem betroffenen Kind Erfolgserlebnisse ermöglichen sollte. Allerdings muss erwähnt werden, dass dabei in der Regel weder die Lernziele für das Kind noch die Art des Unterrichts verändert werden. Die konkrete Organisation eines Schulsystems, in welchem eine Klassenwiederholung stattfindet, spielt für den soeben beschriebenen Zusammenhang keine Rolle. Die Klassenwiederholung kann - abgesehen von der oben beschriebenen individuellen Ebene des Kindes im Sinne einer pädagogischen Maßnahme zur Begegnung seiner Lernschwierigkeiten - auch auf der Ebene der Organisation eines Bildungssystems betrachtet werden. Die Gliederung des Bildungssystems in auf sich aufbauende Lerninhalte pro Jahrgangsklasse (auf sich aufbauender Lehrplan) einerseits und der vorherrschende Glaube an den pädagogischen Nutzen homogener Lerngruppen andererseits hat zur Folge, dass Kinder mit abweichenden Lernergebnissen über diverse Selektionsmechanismen (z.B. verspätete Einschulung, Aussonderung in eine Sonderklasse, Klassenwiederholung, Niveaustufen entsprechend den schulischen Kompetenzen der Kinder) sortiert werden. Ziel ist die Bildung homogener Lerngruppen im Hinblick auf das Erreichen bestmöglicher Lernergebnisse. Damit soll die Funktionsfähigkeit des Bildungssystems möglichst hoch gehalten werden. Mit anderen Worten: Man begegnet den bereits vor Schulanfang bestehenden individuellen Leistungsunterschieden und -voraussetzungen vordergründig mit schulorganisatorischen Differenzierungsmaßnahmen (äußere Differenzierung). Dadurch kann teilweise verhindert werden, dass die Schule mit weit gehenden, aufwändigen Individualisierungsmaßnahmen didaktisch-methodischer Art (innere Differenzierung) auf die unterschiedlichen Voraussetzungen und Kompetenzen der Kinder im schulischen Leistungsbereich reagieren muss, was die pädagogische Arbeit des Lehrpersonals erleichtert. Die Klassenrepetition von Schülerinnen und Schülern zur Begegnung von Lernschwierigkeiten ist in der Schweiz eine beliebte Maßnahme. Ungefähr 20 % der Schülerinnen und Schüler müssen damit rechnen, dass sie im Verlaufe ihrer Schulkarriere von dieser Maßnahme betroffen sind. Zwischen den verschiedenen Sprachregionen bestehen allerdings erhebliche Unterschiede. In den Kantonen der Deutschschweiz wiederholen weniger Schülerinnen und Schüler eine Klasse als in der Romandie und in der italienischsprachigen Schweiz. Die vorgenommene Sekundäranalyse ausländischer Forschungen legt nahe, dass sich diese Maßnahme entgegen der in der Praxis weit verbreiteten Meinung nicht in erwünschtem Masse als effizientes Mittel für die schulische, soziale und emotionale Förderung leistungsschwacher Kinder zu erweisen scheint. Das Fehlen empirischer Erkenntnisse, die unter den Bedingungen der schweizerischen Bildungssysteme gewonnen wurden, ist neben den für die betroffenen Kinder einschneidenden Folgen einer Klassenrepetition Anlass für die vorliegende Untersuchung. Folgende Fragestellungen stehen im Mittelpunkt des Forschungsinteresses: 1) Welche Determinanten sowohl auf Seiten der betroffenen Schüler als auch auf Seiten der Lehr- 406 406 VHN, 73. Jg., S. 406 - 410 (2004) © Ernst Reinhardt Verlag München Basel Aktuelle Forschungsprojekte personen beeinflussen nebst den offensichtlich festgestellten Lernschwierigkeiten den Repetitionsentscheid und dessen Umsetzung? 2) Wie effizient ist die Klassenwiederholung als Maßnahme zur Behebung von Lernschwierigkeiten in den schulischen Kernfächern? 3) Welches sind die sozialen, leistungsmotivationalen und emotionalen Konsequenzen einer Klassenwiederholung für das betroffene Kind? Zur Beantwortung dieser Fragestellungen wurde eine quasiexperimentelle Längsschnittuntersuchung (mit Versuchs- und Kontrollgruppendesign) mit einer Ausgangsstichprobe von über 4.000 Schülerinnen und Schülern des 2. Schuljahres erforderlich. Ausgehend von einer Repetentenquote von 2 % für das 2. Schuljahr stand für den weiteren Verlauf der Untersuchung eine Stichprobe von ungefähr 100 repetierenden Schülerinnen und Schülern (50 aus jeder Sprachregion, also zwei Versuchsgruppen) zur Verfügung. Pro Versuchsgruppe wurde zudem eine durch Paarbildung vergleichbare Kontrollgruppe gebildet (promovierte Schülerinnen und Schüler, welche in verschiedenen sozio-demographischen Variablen sowie bezüglich des Lernstandes vor der Repetition vergleichbar waren). Der Längsschnitt umfasste vier Messzeitpunkte von Mai 2001 bis Mai 2003. Einerseits wurden die Daten von Messzeitpunkt t1 für die Beantwortung der Frage nach den Determinanten des Repetitionsentscheides verwendet. Im Hinblick auf die Erhöhung der Validität der Forschungsresultate war es wichtig, dass bereits vor dem eigentlichen Repetitionsentscheid Daten gesammelt wurden. Andererseits wurden nach erfolgtem Repetitionsentscheid mit den Daten der Ausgangsstichprobe (Schülerinnen und Schüler von zweiten Primarklassen aus der deutsch- und französischsprachigen Schweiz) verschiedene Untersuchungsgruppen pro Sprachregion gebildet. Diese Untersuchungsgruppen wurden zur Beantwortung der Frage nach der Wirksamkeit der Klassenwiederholung auf die Lernentwicklung der betroffenen Kinder sowie zur Beantwortung der Frage nach den Konsequenzen der Klassenwiederholung auf soziale und emotionale Faktoren verwendet. Zwischenresultate der Untersuchung wurden in einem Werkstattbericht veröffentlicht und die Publikation des Schlussberichtes ist für Mitte 2004 vorgesehen. Weitere Informationen können eingeholt werden unter gerard.bless@unifr.ch Publikationen zum Projekt Bless, Gérard; Schüpbach, Marianne; Bonvin, Patrick (2003): Klassenwiederholung - eine effiziente Maßnahme bei Schulschwierigkeiten? - Ein Werkstattbericht über erste Ergebnisse einer empirischen Untersuchung im 2. Schuljahr. In: Ricken, Gabi; Fritz, Annemarie; Hoffmann Christiane (Hrsg.): Diagnose: Sonderpädagogischer Förderbedarf. Lengerich: Pabst Science Publishers, 386 - 401 Bonvin, Patrick (2003): The role of teacher attitudes and judgements in decision-making: The case of grade retention In: European Educational Research Journal 2, 278 - 295 (Internetzeitschrift) Rechenschwäche in der Eingangsstufe der Hauptschule Jutta Schäfer Pädagogische Hochschule Freiburg Das Projekt Rechenschwäche in der Hauptschule ist ein Phänomen, dem bisher kaum Beachtung geschenkt wurde, obwohl seitens ausbildender Betriebe seit Jahren über gravierende Mängel der Auszubildenden in grundlegenden Rechenfertigkeiten geklagt wird. Im internationalen Vergleich liegt Deutschland mit einer fast 25-prozentigen Risikogruppe im Bereich Mathematische Grundbildung „an der Spitze“ (Japan: 7 %; Großbritannien: 12 %; Schweiz, Frankreich, Österreich und Schweden: rund 15 % [Baumert et al. 2001, 171]). „Insgesamt ist (…) bei etwa jedem vierten Jugendlichen in Deutschland der erfolgreiche Übergang in eine berufliche Ausbildung und Tätigkeit durch Mängel in der mathematischen Grundbildung gefährdet“ (a.a.O., 170). Das Promotionsprojekt „Rechenschwäche in der Eingangsstufe der Hauptschule“ ist Teil des interdisziplinär angelegten Forschungs- und Nachwuchsprojekts „Brennpunkt Hauptschule“ der PH Freiburg/ D, das aus Mitteln des Landes Baden-Württemberg finanziert wird (http: / / www.phfreiburg.de/ hochschuldidaktik/ fun/ ziele.html). Ziel ist es, in einer explorativen Studie Erkenntnisse darüber zu gewinnen, an welchen Stellen die Lernprozesse rechenschwacher Schüler/ -innen bereits in der Eingangsstufe der Hauptschule behindert oder blockiert sind. Aktuelle Forschungsprojekte 407 VHN 4/ 2004 Im Hinblick auf ursächliche Faktoren bei Rechenschwäche in höheren Klassenstufen sind sich die meisten Autoren einig darüber, dass diese Lernstörungen maßgeblich aus Versäumnissen in den ersten Schuljahren resultieren. Detaillierte Untersuchungen über den Lernstand rechenschwacher Schüler/ -innen in der Eingangsstufe der Hauptschule liegen jedoch bisher nicht vor. Im Rahmen der Untersuchung wurde bei 43 rechenschwachen Schüler/ innen aus insgesamt 15 Eingangsklassen der Hauptschule der Lernstand im Bereich grundlegender Rechenfertigkeiten ermittelt und analysiert. Da zur Lernstandsanalyse bei rechenschwachen Schüler/ -innen des fünften Schuljahrs keine standardisierten diagnostischen Verfahren vorliegen, wurde ein diagnostisches Instrument entwickelt, das ermöglicht, Konzeptbildungen der zu untersuchenden Kinder und deren mathematische Vorstellungen detailliert zu erfassen sowie auf elementare Missverständnisse im mathematischen Lernprozess aufmerksam zu werden. Außerdem wurden Einstellungen rechenschwacher Schüler/ -innen zur Mathematik anhand eines halbstandardisierten Leitfadeninterviews erfasst und mit Einstellungen gleichaltriger nicht-rechenschwacher Hauptschüler/ -innen verglichen. Die Untersuchungen zur Feststellung von Wahrnehmungsleistungen in den Bereichen schnelle nicht-zählende Anzahlerfassung (Simultanerfassung) und sprachfreie auditive Wahrnehmung wurden in Kooperation mit der Universität Freiburg (Arbeitsgruppe Prof. Dr. B. Fischer, Arbeitsgruppe Optomotorik und Blicklabor des Zentrums für Neurowissenschaften; http: / / www.brain. uni-freiburg.de) mit der oben erwähnten Versuchsgruppe sowie einer Kontrollgruppe durchgeführt. Zur Messung der Simultanerfassung wurde ein standardisierter Test entwickelt (vgl. Fischer/ Schäfer 2002). Erkenntnisse, die aus diesen Untersuchungen gewonnen wurden, sollen zu einem erweiterten und vertieften Verständnis von Rechenstörungen beitragen. Ergebnisse Lernstandsanalyse: Die Ergebnisse zeigen, dass Lücken in der Lernbasis vor allem in den Bereichen „Zahlverständnis“, „Operationsverständnis in den Grundrechenarten“ und „Rechenfertigkeit“ bestehen. Bei der Überprüfung des Zahlverständnisses und der verbalen Zählfertigkeit konnte nachgewiesen werden, dass ein beträchtlicher Teil der überprüften Kinder noch im fünften Schuljahr kein sicheres Verständnis zweistelliger Zahlen erworben hat. Die verbale Zählfertigkeit eines großen Teils der überprüften rechenschwachen Schüler/ -innen ist bereits im Hunderterraum nur mangelhaft ausgebildet. Das Operationsverständnis ist besonders für die Multiplikation und Division kaum entwickelt. Mehr als die Hälfte der überprüften rechenschwachen Schüler/ -innen verfügt über kein ausreichend entwickeltes Verständnis des Multiplizierens, mehr als 80 % dieser Kinder haben bereits für die Basisaufgaben des Dividierens kein sicheres Verständnis entwickelt. Vordergründig scheint dieser Mangel an Verständnis vielleicht nicht bedenklich, solange es den Kindern gelingt, die Lösungen von „Mal“- und „Geteilt“-Aufgaben auf irgendeine Weise (und sei es zählend) dennoch zu finden. Dies ist jedoch kurzsichtig, da mit unsicherem bzw. fehlendem Verständnis des Multiplizierens und/ oder Dividierens wesentliche Voraussetzungen für das Verstehen und Bewältigen von Sachproblemen (z. B. Schlussrechnungen) fehlen. Ebenso wenig kann bei mangelhaftem Operationsverständnis erwartet werden, dass diese Schüler/ -innen in den folgenden Schuljahren Grundlagen der Bruchrechnung begreifen werden, die ihrerseits unverzichtbare Voraussetzung für Dezimalrechnung, Prozent- und Zinsrechnung usw. sind. Einstellungen: Es zeigte sich, dass viele rechenschwache Kinder die Beschäftigung mit Mathematik kaum mit ihren aktuellen außerschulischen Erfahrungen und ihrer persönlichen Zukunft in Zusammenhang bringen. Sinn und Bedeutung der Mathematik, beispielsweise als Instrument zur Bewältigung praktischer Probleme des Alltags, werden ihnen nicht bewusst. Erwachsene Vorbilder, die die Kinder durch ihr Tun zum Rechnen oder zur Beschäftigung mit mathematischen Problemstellungen im Alltag anspornen, fehlen häufig. Mathematik ist bei einem Großteil der befragten rechenschwachen Kinder angst- und schambesetzt. Problematisch sind insbesondere Klassenarbeiten sowie Situationen, in denen sich die Schüler/ -innen bloßgestellt fühlen (z. B. beim Rechnen vor der Klasse oder an der Tafel). Wahrnehmungsleistungen: Bei mehr als der Hälfte der rechenschwachen Schüler/ -innen ist die Fähigkeit zur Simultanerfassung sowie die auditive Wahrnehmungsleistung im Bereich der Tonhöhendiskriminierung und der Wahrnehmung zeitlicher Reihenfolgen nicht altersgemäß entwickelt. Ob diese Entwicklungsverzögerungen kausal zur Entstehung von Störungen beim Rechnenlernen beitragen, ist bisher ungeklärt. Aktuelle Forschungsprojekte 408 VHN 4/ 2004 Schlussfolgerungen Die gefundenen Ergebnisse lassen erwarten, dass weitaus mehr als die Hälfte der rechenschwachen Schüler/ -innen in den kommenden Schuljahren keine realistische Chance hat, vom regulären Mathematikunterricht zu profitieren und insbesondere in den Arbeitsbereichen bzw. Lehrplaneinheiten Natürliche Zahlen und Bruchzahlen, Ganze und rationale Zahlen, Terme und Gleichungen sowie Sachrechnen das Klassenziel zu erreichen. Dass davon nicht nur eine zu vernachlässigende Anzahl einiger weniger Schüler/ -innen betroffen ist, wird durch den ermittelten Anteil rechenschwacher Kinder (ca. 15 % aller Schüler/ -innen) deutlich. Die Entwicklung, Realisierung und Überprüfung von Förderkonzepten für bereits bestehende Störungen beim Rechnenlernen sowie präventiver Maßnahmen im Kindergarten und im Grundschulunterricht sind mögliche Schwerpunkte nachfolgender Untersuchungen. Detailliertere Informationen sowie eine Literaturübersicht können eingeholt werden unter schaefju@ph-freiburg.de. „Soziale Integration und Lebensqualität psychisch kranker Menschen (SIPSY)“ Peter Rüesch Hochschule für Heilpädagogik Zürich Ausgangslage, Fragestellungen, Methode Im Zuge der Deinstitutionalisierung der Psychiatrie wurde versucht, die Betreuung psychisch Kranker weg von der Klinik in ambulante Angebote und in die Gemeinde zu verlagern. Als Folge dieser Entwicklung stellt sich die Frage der sozialen Integration von Menschen mit psychischen Behinderungen neu. Im Rahmen des Forschungsprojektes „Soziale Integration und Lebensqualität von psychisch kranken Menschen (SIPSY)“ (SNF-Projekte 32-57211.99, 3200-067991.02) werden die folgenden Fragestellungen untersucht: (1) Wie sieht die Beschäftigungssituation von Menschen mit Psychiatrieerfahrung aus? Welche Bedeutung haben - neben Anstellungen auf dem kompetitiven Arbeitsmarkt - Tätigkeiten im geschützten Rahmen sowie unbezahlte Arbeit? (2) Lassen sich über einen Zeitraum von drei Jahren unterschiedliche Beschäftigungsverläufe identifizieren? (3) Welche Bedeutung haben Arbeit und Beruf für die Lebensqualität von Menschen mit psychischer Behinderung? (4) Inwieweit ist die Beschäftigungssituation und Lebensqualität der Befragten beeinflusst durch den Verlauf der psychischen Erkrankung, das soziale Netzwerk, erlebte soziale Unterstützung und die Wahrnehmung von Stigmatisierungen? Das Projekt ist als Längsschnitt mit drei Befragungszeitpunkten angelegt. Bisher sind zwei Erhebungen durchgeführt worden (T1: Januar 2000 - März 2001, N = 282; T2: Juni 2001 - September 2002, N = 171, 61 %). Eine dritte Erhebung findet derzeit (bis Sommer 2004) statt. Zielpopulation der Studie sind Personen im Alter von 20 - 50 Jahren, die aufgrund einer schizophrenen Erkrankung (WHO- ICD-10: F2) oder einer Affekterkrankung (WHO- ICD-10: F3) psychiatrisch hospitalisiert worden sind. Es wurden Patienten/ innen aus zwei großen psychiatrischen Kliniken des Kantons Zürich (Schweiz) rekrutiert. Die erste Befragung fand während des Klinikaufenthaltes der Untersuchungsteilnehmenden statt, die zweite rund 15 Monate später bzw. mindestens 12 Monate nach Klinikaustritt, die dritte Erhebung rund drei Jahre nach der Erstbefragung. Mit den Untersuchungsteilnehmenden wurde jeweils ein strukturiertes Interview zu verschiedenen Aspekten der aktuellen Lebenssituation durchgeführt. Ergebnisse Die Analyse der Beschäftigungsformen der befragten Menschen mit Psychiatrieerfahrung zeigt zwei größere Gruppen: zum einen Personen (43 %), welche in den letzten 12 Monaten vor der Hospitalisierung vorwiegend auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt tätig waren, und zum anderen jene (35 %), die über keine bezahlte Arbeit verfügten. Tätigkeiten im geschützten Rahmen wurden nur von wenigen (13 %) ausgeübt. Allerdings ging von den Untersuchungsteilnehmenden ohne bezahlte Arbeit rund ein Drittel arbeitsähnlichen Beschäftigungen wie Kinderbetreuung oder Hausarbeit nach. Rund 15 Monate nach der Erstbefragung war noch ein Drittel (38 %) der Untersuchungsteilnehmenden auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt beschäftigt (Erstbefragung: 43 %). Ein Viertel (23 %) ging nun einer Beschäftigung im geschützten Rahmen Aktuelle Forschungsprojekte 409 VHN 4/ 2004 nach (Erstbefragung: 13 %), 3% befanden sich in einer beruflichen Weiterbildung (Erstbefragung: 8 %) und 36 % waren beschäftigungslos (Erstbefragung: 35 %). Insgesamt blieb die berufliche Situation bei zwei Dritteln (61 %) der befragten Personen unverändert. Bei einem Fünftel (21 %) kam es zu einem „Abstieg“ im Sinne einer verstärkten beruflichen Desintegration, während rund ein Sechstel (18 %) die berufliche Situation verbessern konnte. Ob jemand auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt oder im geschützten Rahmen beschäftigt ist, lässt sich durch unterschiedliche Faktoren erklären. So sind Personen mit viel Berufserfahrung eher auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt beschäftigt als Personen mit durchschnittlicher oder wenig Berufserfahrung. Zudem verbessert eine höhere Schulbildung (Abitur oder mehr) die Beschäftigungschancen, und eine vergleichsweise lange Hospitalisationsdauer im vergangenen Jahr (mehr als 50 Tage) verringert die Chancen für einen bezahlten Job. Für eine Beschäftigung im geschützten Rahmen sind dagegen vor allem klinische Faktoren relevant. Demnach sind Patienten/ innen mit einer schizophrenen Erkrankung, einer großen Zahl von Hospitalisierungen im Lebenslauf, aber kurzer Hospitalisierungsdauer in den vergangenen 12 Monaten und männlichen Geschlechts eher im geschützten Rahmen tätig. Weiter zeigt sich, dass Personen mit einer wie auch immer gearteten Beschäftigung (kompetitiver Arbeitsmarkt, geschützter Rahmen, unbezahlte arbeitsähnliche Tätigkeiten) über ein größeres soziales Netzwerk verfügen und über mehr unterstützende soziale Beziehungen berichten. Psychisch behinderte Menschen mit einer Beschäftigung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt leben relativ selten unter der Armutsgrenze (12 %), Betroffene mit einer geschützten oder unbezahlten Beschäftigung jedoch in größerer Zahl (28 - 38 %). Arbeit verbessert die Zufriedenheit in Lebensbereichen, welche die soziale Integration und Zugehörigkeit (soziale Beziehungen, Lebensbedingungen und Wohnen) der befragten Personen betreffen. Dagegen ist das Wohlbefinden (psychisch und körperlich) durch die Verfügbarkeit von Arbeit kaum tangiert. Die bessere Lebenszufriedenheit von Personen mit einer Arbeit lässt sich im Wesentlichen durch ein Mehr an tragfähigen Sozialbeziehungen erklären. Dabei hat die erlebte Unterstützung durch Arbeitskollegen/ innen einen großen Stellenwert. Schlussfolgerungen Für manche Menschen mit psychischer Behinderung scheinen auf dem Arbeitsmarkt primär zwei Alternativen offen zu stehen: kompetitiver Arbeitsplatz oder Beschäftigungslosigkeit. Beschäftigungen im geschützten Rahmen werden dagegen von den befragten Personen wenig genutzt. Inwiefern die geringe Nutzung geschützter Beschäftigungen Ausdruck einer Unter- oder inadäquaten Versorgung ist, lässt sich gegenwärtig nicht klären. Es liegen keine genauen Zahlen zum Angebot an geschützten Beschäftigungen im Kanton Zürich vor. Es wäre weiter zu untersuchen, weshalb insbesondere Personen mit Affekterkrankungen und Frauen geschützte Beschäftigungsangebote vergleichsweise wenig nutzen. Sowohl der negative Zusammenhang zwischen Hospitalisierungskarriere und Beschäftigung auf dem kompetitiven Arbeitsmarkt als auch die Bedeutung des schulisch-beruflichen Hintergrundes sind auch durch andere Studien belegt. Die Befunde sind Ausdruck von Negativkarrieren: Eine erste Hospitalisierung in jugendlichem Alter und danach wiederholte Klinikeinweisungen münden in Defizite bei der Berufserfahrung und beim Ausbildungsstand. Deshalb wäre für manche der befragten psychisch Behinderten die Möglichkeit, eine berufliche Grundausbildung im Erwachsenenalter nachholen zu können, von großer Bedeutung. Relevant für die Lebensqualität der befragten Personen mit Psychiatrieerfahrung ist nicht ein bestimmtes Arbeitssetting (kompetitiv, geschützt, unbezahlt), sondern die Tatsache, überhaupt über irgendeine arbeitsähnliche Beschäftigung zu verfügen. Zumindest trifft dies zu für den Umfang des sozialen Netzwerks, die Verfügbarkeit unterstützender sozialer Beziehungen und die Lebenszufriedenheit. Dagegen ist die ökonomische Situation der Befragten prekär, auch wenn sie Arbeit haben: Viele zählen zu den „working poor“. Auf diesem Hintergrund wäre insbesondere die Bezahlung in geschützten Angeboten kritisch zu hinterfragen. Als unterstützend erlebte Beziehungen zu Arbeitskollegen/ innen erklären im Wesentlichen die bessere Lebenszufriedenheit von psychisch Behinderten mit Arbeit. Deshalb sollte bei der Schaffung von Beschäftigungsangeboten für psychisch Behinderte auf den sozialen Kontext des Arbeitsplatzes besonders geachtet werden. Weitere Informationen und Literaturhinweise können eingeholt werden unter peter.rueesch@hfh.ch Aktuelle Forschungsprojekte 410 VHN 4/ 2004