Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete
5
0017-9655
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
5_074_2005_1/5_074_2005_1.pdf11
2005
741
Vom Führungsverlust der Wissenschaft
11
2005
Bodo Bröse
Peter Wolff
Verehrter Professor! Lieber Kollege Bröse! Nachdem ich wieder im Alltag angekommen bin, meine gesundheitlichen Probleme „im Griff“ habe, nunmehr als Beleg für den Fortschritt in der Genesung – der angekündigte Brief.
5_074_2005_1_0007
48 Bad Doberan, 15. Januar 2004 Verehrter Professor! Lieber Kollege Bröse! Nachdem ich wieder im Alltag angekommen bin, meine gesundheitlichen Probleme „im Griff“ habe, nunmehr als Beleg für den Fortschritt in der Genesung - der angekündigte Brief. Dem Rat der Ärzte folgend und auf die Signale hörend, die nur ich selbst wahrnehmen kann, werde ich mit Ablauf dieses Schuljahres aus dem beruflichen Leben scheiden. Ich empfinde Genugtuung über fünfundvierzig Jahre fleißige Arbeit für Benachteiligte und mit ihnen, mit Geschädigten oder sozial Schwachen. Je näher der „Abschied“ heranrückt, umso mehr und nachhaltiger kommen mir Fragen nach dem Erreichten, nach dem, was ich persönlich bewegen konnte. Besonders nachdenklich werde ich, wenn mich junge Kollegen immer wieder mit folgender Bemerkung ansprechen: „Du hast es gut. Du brauchst nur noch wenige Monate zu arbeiten.“ In deren Alter sind mir solche Statements nie über die Lippen gekommen. Ich muss aber gestehen, dass die aktuelle Situation im Bereich unseres Lebens im Allgemeinen und im Bereich der Bildung insbesondere solche Haltungen verständlich macht. Lieber Kollege Bröse! Seit dem Studium in Berlin hast Du mich als Lehrer und Kollege über meine gesamte Dienstzeit begleitet, in der ich Sonderpädagoge sein durfte - mal näher, mal entfernter. Ich erinnere mich sehr gern an gemeinsame Bemühungen, die „auf alle Seiten der Persönlichkeitsentwicklung lebenspraktisch zugeschnittene Bildung der so oder so lernbehinderten Schüler“ und die Orientierung durch das „Prinzip des funktionsübenden Effekts“ bekannt und wirksam zu machen, in die Praxis einzuführen. Diese von Dir formulierten und vertretenen Prinzipien haben mich geleitet und begleitet, einigermaßen wirkungsvoll, wie ich zu denken und zu hoffen wage. Es wäre aber unvollständig und unfair, wollte ich Dir nicht auch mitteilen, was in den letzten zehn oder zwölf Jahren offenkundig geworden ist, was die „Beschwerden“ der jungen Pädagoginnen und Pädagogen nachvollziehbar werden lässt, was uns und „die Jungen“ heute bedrückt. 48 Vom Führungsverlust der Wissenschaft Bodo Bröse Rostock Peter Wolff Bad Doberan Dialog Für diese Rubrik ist in jedem Heft ein Briefwechsel vorgesehen. In der Regel wird er zwischen einer Person aus der Wissenschaft und einer Person aus der Praxis geführt und bezieht sich auf Brennpunkte in Theorie, Praxis und Politik. Die Zusendung von kurzen Leserbriefen, die auf den Dialog Bezug nehmen, ist erwünscht. VHN, 74. Jg., S. 48 - 52 (2005) © Ernst Reinhardt Verlag München Basel In meinem Denken werde ich durch die kürzlich erlebte Veranstaltung des vds in Güstrow bestärkt, auf der die Frage erörtert worden ist „Wohin geht die sonderpädagogische Förderung von behinderten Schülern in Mecklenburg-Vorpommern? “ Die anwesenden Politiker aller Farben konnten keinen Weg aufzeigen, der mit Aussicht auf ein gutes Ziel und mit erfreulichen Ergebnissen begangen werden könnte. Sie heben die Hände und verweisen auf „fehlendes Geld“ und „bürokratische Hürden“. Vergessen ist die Erfahrung unseres Lebens und die Kraft, mit der wir lernbehinderte Schüler möglichst umfassend auf Erfordernisse vorbereitet haben (Kenntnisse, Fertigkeiten, Haltungen), die es ihnen ermöglichten, das Leben nach der Schule tätig und in Würde zu gestalten. Vergessen sind Bedingungen, die das zustande brachten. Wir haben (bei Dir und auch sonst) nicht gelernt, wie man sinnvoll mit lernbehinderten Schülern umgeht, die ahnen oder auch wissen (sehr häufig aus familiärem Erleben), dass sie keine Chancen bekommen werden, ihren Lebenssinn aus einem Beruf und aus einer festen Arbeitsstelle heraus zu finden. Die Folgen und Wirkungen, die eine demütigende Perspektivlosigkeit hervorbringt, erleben wir täglich bei einer Vielzahl von Schülern. Gelegentlich werden sie von unseren „Ehemaligen“, die gerade die Berufsschule schwänzen oder sich jeglicher Ausbildung verweigern, ans Schultor begleitet und in ihrer Weise „hineingetragen“. Die notwendigen Reaktionen auf permanente Störungen des pädagogischen Alltags rauben Kraft, kosten Nerven und binden wertvolle Zeit. Ich habe in den letzten fünf Jahren mehr Polizisten im Hause gesehen als in langen dreißig Jahren davor. Wir haben nicht gelernt, wie man Krisen deeskaliert, wenn die Schutzbefohlenen ihren Lebenssinn in gefährlichen Prügeleien, in Raubzügen, durch Drogen oder durch andere Brutalitäten suchen. Die Kluft, die sich für die lernschwachen Schüler zwischen den Forderungen des Lebens in unserem Alltag und den beruflichen Anforderungen - einerseits - und den subjektiven Voraussetzungen für ein sinnvolles Leben - andererseits - auftut, wird immer größer - ein Teufelskreis, in den nun schon zahlreiche Kinder und Jugendliche schutzlos hineingesogen werden. Wir haben nicht geübt, mit Eltern umzugehen, die aus ihren Lebensbahnen gedrängt sind, jahrelang „von der Stütze“ leben, die sinnentleerte Lebenszeit mit Alkohol ausfüllen. Das ist für sie ein relativ „erschwingliches Vergnügen“. Lieber Kollege Bröse! Die Erkenntnis der Tatsache, diese Zustände nicht verändern, den Betroffenen eigentlich nicht wirkungsvoll helfen zu können, verbitterte meine letzten Berufsjahre. Aus Gesprächen weiß ich, dass viele Kollegen/ innen ganz ähnlich empfinden. Besonders schwer wiegt, dass es anscheinend nur noch „ums Geld“ und nicht mehr um Bildungsinhalte, geschweige denn um humanistische Ziele für die Erziehung der betroffenen Kinder und Jugendlichen geht. In schlechten Zeiten greifen auch die angedachten Regelungen und Maßnahmen zur beruflichen Vorbereitung unserer Schüler wenig - sollten sie noch so gut gemeint sein. Ich denke, dass sich die sonder- oder heil- oder rehabilitationspädagogische Arbeit nicht weiter in kurzatmigen Aktionen erschöpfen darf. Sie sollte entsprechend den aktuellen, immer noch sichtbar großen wirtschaftlichen und politischen Möglichkeiten von der Gesellschaft „neu“ (und unter dem Einfluss von sozialer Ethik) bewertet werden. Sie sollte wirklich „gewollt“ sein. Lieber Kollege Bröse! zum Ausgang meines Schreibens zurückkommend, wäre es mir wichtig, dass Du mir aus dem Fundus Deiner Erfahrung zwei Fragen beantwortest: 1. Was hältst Du von der derzeitigen heil-, sonder- oder rehabilitationspädagogischen Praxis in unserem Lande? Vom Führungsverlust der Wissenschaft 49 VHN 1/ 2005 2. Was hältst Du vom Zustand der jetzt gepflegten Heil-, Sonder- oder Rehabilitationspädagogik als Wissenschaft? Vielleicht können wir einmal darüber sprechen. Wie Du weißt, ich habe demnächst Geburtstag. Deine Meinung zu meinen Fragen, auf Papier gebracht, wäre ein Geschenk, das mich erfreuen könnte. In alter Verbundenheit und mit vielen Grüßen Peter Wolff Rostock, am 30. Januar 2004 Lieber Kollege Peter Wolff! Das Erfreuliche zuerst: Es geht Dir viel besser, wie ich Deinem kämpferischen Brief entnommen habe. Dass Du mit dem Schuljahresende aus den Pflichten entlassen wirst, solltest Du nicht tragisch nehmen. Dann bleibt mehr Zeit für die Kür, für eine Kür im gleichen Lebensprogramm. Nun das Spannende: Du stellst mir Fragen, zu deren Substanz ich gelegentlich Anmutungen verspürt - und im stillen Kämmerlein auch Gedanken formuliert habe. Nun soll ich aber „Farbe bekennen“. Das ist schon etwas mehr verlangt. Zur Frage nach der Wirksamkeit von rehabilitationspädagogischer Praxis heute will ich mich nicht äußern. Da bin ich über zehn Jahre lang „aus dem Geschäft“, zu weit entfernt, als dass ich noch sicher beurteilen könnte, was sich im Kommunikationsraum der verschiedenen „Lernorte“ vollzieht. Zur zweiten Frage, die nach dem Zustand von Sonder- oder Heilpädagogik als Wissenschaft, kann ich eine - natürlich sehr subjektive - Meinung aufschreiben. Sie blickt auch auf die Träger dieser Profession, und das mit verständlicher Zuneigung, mit gebotener Skepsis auch, das alles durchaus und vor allen Dingen selbstkritisch. Ich betone das ausdrücklich. Damit mein Schreiben ein Brief („brevis“) bleibt, werde ich in Leitsätzen formulieren, die neben manchem Vorteil mit dem Nachteil leben müssen, grobschlächtig und verknappt daherzukommen, die wie Fanfarenstöße dröhnen, vielleicht auch im Zusammenhang mit Passagen, die lieblichere Töne verdient hätten. Sei’s drum! Die Sache, an der Heilpädagogen seit mehr als 150 Jahren arbeiten (betroffene Personen, Zielstellungen, wesentliche Rahmenbedingungen, Verursachungen für spezielle Schwierigkeiten, Methoden für pädagogische und mitwirkende Interventionen), hat sich bis heute nicht prinzipiell, wohl aber in Details verändert. Die Lebenshilfe für Personengruppen, die gegenüber gesellschaftlich determinierten Normen als „randständig“ auffallen, steht (heute in besonderer Weise) als eine praktische gesellschaftliche Aufgabe, der es notwendigerweise gut täte, könnte sie von ethischen Gesichtspunkten (von humanitären) aus und dazu noch wissenschaftlich fundiert angeleitet werden. Es sind in den vergangenen 150 Jahren von wissenschaftlich arbeitenden Praktikern und von praxisorientierten Wissenschaftlern bemerkbare Fortschritte in den Kenntnissen über biotische, psychische, soziologische und gesellschaftlich-politische Grundlagen und Zusammenhänge erforscht und gefunden worden, die als Voraussetzung für die optimierte Gestaltung von lebenshelfenden Aktivitäten gegenüber randständigen Personen haben wirken können. Es ist und bleibt die Aufgabe der oben bezeichneten Personen, diese Erkenntnisse ständig zu mehren und weitergehend zu präzisieren, zu erneuern. Die Sichtweisen (Draufschau) auf die Sache (Paradigmata) folgten von Anfang an mehreren und auch unterschiedlichen Blickrichtungen. Sie haben sich jeweils (ziemlich konsequent) in sich entfaltet und ausdifferenziert. Man hat sie zeit-, raum-, interessen- und erkenntnisbedingt ausgearbeitet, propagiert, hoch gelobt oder im Streit der Fachleute „verdächtigt“ - auch hin und her gewechselt. Bodo Bröse, Peter Wolff 50 VHN 1/ 2005 Die sich verändernden Sichtweisen führten (in Deutschland) über Höhen und Tiefen zu einigen bemerkenswerten Fortschritten im Leben der betroffenen randständigen Personengruppen, das jedoch nicht in dem wünschenswerten und möglichen Umfang mit optimaler, Segen bringender Wirkung. Warum war und ist das so? Ich vermute, • weil gesellschaftliche Kräfte ganz anderer Art und Reichweite (Ökonomie, Kapital, Politik) die Lebensverhältnisse der Gesellschaft und aller ihrer Teile nach ihren Bedürfnissen gestalten; • weil veränderte Sichtweisen, jeweils vereinzelt und ins Extrem geführt, dem sehr komplexen, dialektischen und ökologischen Charakter der Sache nicht gerecht und dadurch selbst unwahr werden; • weil von den Kräften der politisch gestützten Ökonomie gelegentlich ausgewählte Teile der ethischen und wissenschaftlichen Problemsicht isoliert bewertet und in ausgewählten Teilen im Interesse der Gruppenmacht gegen die betroffenen randständigen Personen gewendet werden. (So führt der gute Gedanke einer „integrativen Pädagogik für Behinderte“ in Deutschland hin zu einer heute wahrnehmbaren Entsolidarisierung gegenüber den irgendwie Randständigen in der Gesellschaft.) Die im Prinzip unveränderten oder gleichen Sachverhalte und die „Draufsichten“ werden aufwendig und mit viel Phantasie in unterschiedlichster Weise sprachlich abgebildet. Dadurch entsteht der irreführende Anschein von Innovation, ohne dass am Wesen von Aufgaben, Zuständen und Vorgängen etwas verändert worden wäre. Die Versuche, durch Sprachakrobatik eine gewisse Novität vorzutäuschen, sind dem Profilierungszwang zuzuschreiben, dem sich die involvierten Personen, auch oder gerade Wissenschaftler, ausgesetzt sehen. Es hängt vom politischen Willen einer Gesellschaft ab, ob oder inwieweit sie die möglichen, aus wissenschaftlichen Erkenntnissen heraus definierten rehabilitativen Maßnahmen für die organisierte Lebenshilfe gegenüber randständigen Gruppen aufgreift. (Der Neoliberalismus unserer Tage hat sich vom Aspekt der sozialen Verantwortung der Menschen füreinander weitgehend verabschiedet, ist hinter seinen ursprünglichen ethisch-moralischen Anspruch des 19. Jahrhunderts weit zurück gefallen.) Durchaus nicht alle, aber zu viele Wissenschaftler, die auf dem Gebiet der Sonder-, Heil- oder Rehabilitationspädagogik arbeiten, nehmen ihre natürliche Berufung als professionelle und bestallte Helfer für randständige Personengruppen nicht wirkungsvoll wahr; sondern sie erwählen die Heil- und Sonderpädagogik (hier eine Vielzahl von anderen Bezeichnungen möglich) als ein willkommenes Thema, als Tummelplatz für intelligente Reflexionen. Sie erschöpfen sich im Reflektieren über die Sache, anstatt in die praktische Bewegung zu Gunsten der Lebenshilfe für Betroffene vor Ort einzugreifen. Eine so betriebene Wissenschaft hat ihre eigentliche Aufgabe verloren, als orientierende Führungskraft von praktischen Vorgängen wirksam zu sein. Die Lebenshilfe für betroffene gesellschaftlich randständige Bürger zu verbessern, bleibt heute zwar immer noch ein Anliegen von Wissenschaften, steht vorrangig aber als eine praktisch-politische Aufgabe. Heilpädagogisches Wirken sollte sich daher heute vor allem in der politisch-praktischen Aktivität ihrer Träger realisieren, die eine ethisch bestimmte Lebenshilfe der Gesellschaft mit dem randständig lebenden Bürger befördert, und das an allen Orten und bei allen Gelegenheiten, die das zulassen. Die Aktivisten in der Sache brauchen für diese Leistung viel Ermutigung, Austausch von Erfahrungen, gegebenenfalls (wissenschaftlich fundierte) Anleitung zum Handeln. Vom Führungsverlust der Wissenschaft 51 VHN 1/ 2005 Das ist’s, lieber Kollege! Nun könnte ich Dir eine Aufgabe stellen, von der ich weiß: Du, der wissenschaftlich interessierte, hellwache Praktiker würdest damit nicht überfordert sein: Suche doch einmal nach den „induzierenden Fällen“, die vorstehende Sätze provoziert haben könnten! Und schreibe mir, so Du kannst, von Ereignissen, Vorkommnissen und Plänen, die in lichtere Zeiten führen - für die Randständigen in dieser Gesellschaft, wohlgemerkt - für die Randständigen! Für heute viele Grüße, verbunden mit meinen Wünschen für weiterhin gute Genesung, der „Kür“ wegen, die bald anhebt, Bodo Bröse Prof. em. Dr. Bodo Bröse Bergstrasse 1 D-18057 Rostock Peter Wolff ehemaliger Schulleiter und Lehrer Sonderschule Bad Doberan Paul-Rilla-Strasse 4 D-18209 Bad Doberan Bodo Bröse, Peter Wolff 52 VHN 1/ 2005
