Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete
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0017-9655
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Sprachheilpädagogik und Logopädie in einem zusammenwachsenden Europa
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Manfred Grohnfeldt
Vor dem Hintergrund der EU-Osterweiterung vom 1. Mai 2004 wird über mögliche Veränderungen des Systems der sprachtherapeutischen Berufsgruppen in Europa gesprochen. Für die europäische Einigung werden die Merkmale der (a) prozessualen Veränderung, (b) Vielfalt der Interessen und (c) Dialektik von Gemeinschaft bei einem Erhalt individueller Eigenheiten herausgestellt und im Hinblick auf Fragen der Sprachheilpädagogik und Logopädie analysiert und diskutiert. Dies erfolgt in Analogie zu der zeitlichen Entwicklung, d. h. im Hinblick auf 1) die historischen Entstehungsbedingungen, 2) die aktuelle Situation sowie 3) die Einschätzung zukünftiger Entwicklungen vor dem Hintergrund grundsätzlicher Wertentscheidungen. Schwerpunktmäßig wird dabei auf die Zusammenhänge von Ausbildung und Selbstverständnis in einer Fachdisziplin eingegangen. Ansätze zur Veränderung werden in der Ausbildung gesehen. Hier werden unterschiedliche Möglichkeiten diskutiert, wobei statt einer nivellierenden Vereinheitlichung für eine Vergleichbarkeit auf der Grundlage von Mindeststandards plädiert wird, deren Zertifizierung über die Berufsverbände zu erfolgen hat.
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145 1 Ausgangssituation Die EU-Osterweiterung vom 1. Mai 2004, d. h. die Erhöhung der Mitglieder der Europäischen Union von 15 auf 25, wird zum Anlass genommen, um über das System der sprachtherapeutischen Berufsgruppen in Europa nachzudenken. Insgesamt ergibt sich dabei folgende Veränderung (vgl. Abb. 1): Hinzugekommen sind: die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen, Polen, Tschechien, die Slowakei, Ungarn, Slowenien, Malta und Zypern. Mit dieser Erweiterung gehen folgende Merkmale einher: Sprachheilpädagogik und Logopädie in einem zusammenwachsenden Europa 1 Manfred Grohnfeldt Ludwig-Maximilians-Universität München ■ Zusammenfassung: Vor dem Hintergrund der EU-Osterweiterung vom 1. Mai 2004 wird über mögliche Veränderungen des Systems der sprachtherapeutischen Berufsgruppen in Europa gesprochen. Für die europäische Einigung werden die Merkmale der (a) prozessualen Veränderung, (b) Vielfalt der Interessen und (c) Dialektik von Gemeinschaft bei einem Erhalt individueller Eigenheiten herausgestellt und im Hinblick auf Fragen der Sprachheilpädagogik und Logopädie analysiert und diskutiert. Dies erfolgt in Analogie zu der zeitlichen Entwicklung, d. h. im Hinblick auf 1) die historischen Entstehungsbedingungen, 2) die aktuelle Situation sowie 3) die Einschätzung zukünftiger Entwicklungen vor dem Hintergrund grundsätzlicher Wertentscheidungen. Schwerpunktmäßig wird dabei auf die Zusammenhänge von Ausbildung und Selbstverständnis in einer Fachdisziplin eingegangen. Ansätze zur Veränderung werden in der Ausbildung gesehen. Hier werden unterschiedliche Möglichkeiten diskutiert, wobei statt einer nivellierenden Vereinheitlichung für eine Vergleichbarkeit auf der Grundlage von Mindeststandards plädiert wird, deren Zertifizierung über die Berufsverbände zu erfolgen hat. Schlüsselbegriffe: Logopädie in Europa, Logopädieausbildung, Sprachheilpädagogik ■ European Integration and Possibilities of Study of Logopedics in the European Union Summary: In view of the EU expansion to the east of May 1st, 2004, possible changes of the system of logopedic occupational groups in Europe are discussed. For the union of European countries, the author emphasises the characteristics of a) the procedural change, b) the multitude of interests and c) the dialectics of the society besides/ with a preservation of individual peculiarities. These characteristics are analysed and discussed in the framework of the questions of Logopedics and analogous to the development in time, which means in view of 1) the historical conditions for emergence and development, 2) the present situation and 3) the estimation of future developments against the background of basic decisions of values. The emphasis lays on the correlations between education/ formation and self-conception in this particular professional discipline. Education and formation may be seen as the basic approach to changes. In this regard, different options are discussed, but instead of a levelling standardization, the author pleads for a measure of comparison on the basis of minimum standards, which should be certified by professional associations. Keywords: Speech/ language pathology, logopedics in Europe, formation in logopedics Fachbeitrag VHN, 74. Jg., S. 145 - 152 (2005) © Ernst Reinhardt Verlag München Basel Manfred Grohnfeldt 146 VHN 2/ 2005 • Prozess der Veränderung: Die EU entwickelte sich aus der 1958 gegründeten EWG (Europäische Wirtschaftsgemeinschaft), der damals sechs Staaten angehörten. Es folgten - nach jeweils langen Vorbereitungsgesprächen - immer mehr Mitgliedsländer bei einer Berücksichtigung vielfältiger Einzelinteressen (und Sonderregelungen). Dabei war die wirtschaftliche Union das Band des Zusammenhalts, obwohl die Sicherung des friedlichen Zusammenlebens nicht zu vergessen ist. Die jahrzehntelangen Verhandlungen verdeutlichen den Prozess des Zusammenwachsens und markieren die Dynamik des Vorgangs, der nicht abgeschlossen ist. Von daher wird im Folgenden von einem zusammenwachsenden statt von einem vereinten Europa gesprochen. • Vielfalt der Interessen: Die teilweise ganz unterschiedlichen Vorbedingungen und Ausgangslagen bedingen differierende, teilweise widersprüchliche Interessenlagen. Zudem stehen die nationalen Identitäten einer Vereinheitlichung entgegen (Fritz-Vannahme 2004; Leicht 2004). Dies wirkt sich auf die Zielsetzungen und Modalitäten des Zusammenlebens aus. • Dialektik von Gemeinschaft bei einem Erhalt individueller Eigenarten: Der ständige Prozess der Veränderung bei der o. g. Vielfalt der Interessen bedingt ein permanentes Spannungsverhältnis als Anlass zur Weiterentwicklung. Dies kann zu einer Aporie (unauflöslicher Widerspruch) werden, die zum läh- Abb. 1: Alte und neue Mitgliedsstaaten der EU menden Stillstand führt, vermag aber auch eine Dynamik des gemeinsamen Wachsens zu unterstützen. Zu fragen ist, was dies alles für die sprachtherapeutischen Berufsgruppen in Europa bedeutet. Dabei zeigt sich schnell, dass bei einer Überwindung der eigenen Perspektive nicht nur Vertreter(innen) der Sprachheilpädagogik und Logopädie, sondern auch der klinischen Linguisten, Patholinguisten, Sprechwissenschaftler, Atem-, Stimm- und Sprechlehrer usw. (in Deutschland) sowie der Orthophonie, Speech-Language-Pathology (in Europa) angesprochen sind. Im Folgenden sollen die im Zusammenhang mit der EU-Osterweiterung genannten Merkmale der prozessualen Veränderung, der Vielfalt gewachsener Merkmale sowie der Dialektik aus Gemeinschaft und individuellen Eigenarten im Hinblick auf Fragen der sprachtherapeutischen Berufsgruppen analysiert und diskutiert werden. Dies erfolgt in Analogie zu der zeitlichen Entwicklung, d. h. im Hinblick auf - die historischen Entstehungsbedingungen, - die aktuelle Situation sowie - die Einschätzung zukünftiger Entwicklungen vor dem Hintergrund grundsätzlicher Wertentscheidungen. 2 Historischer Abriss: Wie ist es dazu gekommen? Frühe Wurzeln des Sprachheilwesens lassen sich vor allem im deutschsprachigen Raum, d.h. im Gebiet des damaligen Deutschen Reiches sowie dem österreich-ungarischen Einflussgebiet bis 1918 aufzeigen. Hier waren es vor allem (Hörgeschädigten-)Pädagogen wie Albert Gutzmann (1837 - 1910) sowie Mediziner wie z. B. Adolf Kussmaul (1822 - 1902) und Hermann Gutzmann sen. (1865 - 1922), von denen wesentliche Impulse ausgingen. Im Osten orientierte sich die Sowjetunion nach der Oktoberrevolution von 1917 am deutschen System. 1926 wurde die erste Sprachheilschule in Leningrad gegründet. Es entstand die pädagogische Fachdisziplin Logopädie als Teil der Defektologie (Djatschkow 1967). Im Westen wurde in einer Umfrage von Branco van Danzig aus dem Jahre 1932 festgestellt, dass in den Vereinigten Staaten die Forderung besteht, „Sonderschulen für Sprachgebrechliche in ganz demselben Sinne, wie sie in Deutschland bestehen“ (van Dantzig 1933, 4), einzurichten. Die Entwicklung ging jedoch einen vollkommen anderen Weg. Die Isolation Deutschlands zur Zeit des 3. Reichs und die im Zusammenhang mit dem 2. Weltkrieg hervorgerufenen epochalen politischen Veränderungen begünstigten eine Entwicklung, die zu einer totalen Diversifikation des Sprachheilwesens im internationalen Kontext führte (Braun/ Macha-Krau 2000). Im angloamerikanischen Raum entwickelte man ein System weiter, das bereits in den Jahren 1910 bis 1920 seinen Ursprung nahm und heute bei einer verhaltenswissenschaftlichen Basis als führend im weltweiten Vergleich angesehen wird (Grohnfeldt 1986, 1988; Grohnfeldt/ Romonath 2000; Romonath 2001). Die 1925 gegründete ASHA (American Speech- Language-Hearing Association) mit derzeit nahezu 100.000 Mitgliedern ist heute der entscheidende Berufsverband von wegweisender Bedeutung und Einflussnahme. Im Osten nahm die Entwicklung eine andere Richtung. Die pädagogische Grundlage (bei medizinischer Orientierung) wurde beibehalten und vertieft. Von hier gingen wesentliche Einflüsse - z. B. durch Rosa Jewgenjewna Lewina und Natalia Alexandrowna Wlassowa - auf die damaligen Ostblockländer aus (Grohnfeldt 1998, 1999). Zudem wirkten einige Gedankengänge indirekt zurück: Die wesentliche Fundierung des Sprachheilwesens in der Bundesrepublik Deutschland (BRD) von 1965 bis 1980 erfolgte durch Fachvertreter, die die Deutsche Demokratische Republik (DDR) aus ideologischen Gründen verlassen hatten (z. B. Werner Orthmann; Gerhard Heese, Gerda Knura). Heute, nach dem Fall der Mauer zwischen den beiden deutschen Staaten im Jahr 1989 und dem Sprachheilpädagogik und Logopädie in Europa 147 VHN 2/ 2005 Zerfall der Sowjetunion im Jahr 1991, suchen die beteiligten Fachdisziplinen des Sprachheilwesens im Fließgleichgewicht der Entwicklung nach einer neuen Orientierung. Der Blick über den Zaun ist möglich geworden und eröffnet neue Perspektiven. Das Erkennen der Andersartigkeit, aber auch - unerwarteter? - Parallelen eröffnet die Suche nach einem mehr oder weniger gemeinsamen, aber doch durch die historisch gewachsenen Eigenarten letztlich individuellen Weg. Für die Einschätzung der zukünftigen Entwicklung ist dabei die differenzierte Kenntnis der gegenwärtigen Sachlage notwendig. 3 Analyse der aktuellen Situation: Wo stehen wir heute? Die bisherigen Ausführungen haben deutlich gemacht, dass das System der sprachtherapeutischen Berufsgruppen in Europa hinsichtlich - der beteiligten Fachdisziplinen, - der jeweiligen Entstehungsbedingungen, - des dadurch gewachsenen Selbstverständnisses, - der Art und Weise des Vorgehens und der Institutionalisierung, - der Trägerschaft (Kultus-, Sozial- und Gesundheitsministerien u. a.) und Abrechnungsmodalitäten (Festanstellungen, Krankenkassenabrechnungen u. a) usw. eine erhebliche Vielfalt aufweist. Dies gilt es hinsichtlich der möglichen Zielsetzungen und der Weiterentwicklung (s. Kap. 4) zu berücksichtigen. Überlegungen zur Veränderung setzen dabei konsequenterweise an der Ausbildung der Studierenden an. Diese wiederum ist von dem Selbstverständnis der jeweiligen Fachdisziplin abhängig (vgl. Abb. 2). Das Denken der heutigen Studierenden, ihre Ausbildungsinhalte mit den jeweiligen Anteilen aus der Pädagogik, Medizin, Linguistik, Psychologie usw. prägen das Verständnis und das spätere Vorgehen in der Praxis der zukünftigen Generation. Die Ausbildung ist das Fundament einer Fachdisziplin und eine Investition in die Zukunft. Andererseits wirkt die Standortbestimmung einer Fachdisziplin über die Gestaltung von Prüfungs- und Studienordnungen auf die Ausbildung ein. Es ist müßig zu fragen, was in diesem Kreislauf gegenseitiger Verstärkung zuerst da war. Wesentlich ist es, den Ansatz für Veränderungen zu erkennen - und der liegt bei der Ausbildung, indem eine evolutionäre Weiterentwicklung bestehender Strukturen oder die Einführung prinzipiell neuer Studiengänge erfolgt 2 . Hier wiederum ist die Situation in Europa total uneinheitlich (C.P.L.O.L. 1998, 2004; Tesak 1999, Schrey-Dern 2003): - Vorherrschend sind Bachelor-/ Master-Studiengänge meist nach angloamerikanischem Vorbild bei einer verhaltenswissenschaftlichen Grundorientierung (Schrey-Dern 2004). - Eine überwiegend medizinische Orientierung erfolgt beispielsweise bei den Orthophonisten in Frankreich. - Pädagogische Ausrichtungen gibt es in unterschiedlichen Konstellationen: • in übergreifenden Ausbildungen an pädagogischen Fakultäten (z. B. in Russland, Tschechien, der Slowakei), • in Lehramtsstudien für den schulischen sowie Diplombzw. Magisterstudien für den außerschulischen Bereich (z. B. in Deutschland). In Deutschland kommt komplizierend hinzu, dass traditionell ein duales System von pädagogisch orientierter Hochschulausbildung an Universitäten und medizinisch orientierter Fachschulausbildung in Logopädenschulen besteht, das in jüngster Zeit durch die Ausbildung von Klinischen Linguisten, Patholinguisten, Sprechwissenschaftlern usw. weiter differenziert wird. Manfred Grohnfeldt 148 VHN 2/ 2005 Ausbildung Selbstverständnis einer Fachdisziplin Abb. 2: Zusammenhänge von Ausbildung und Selbstverständnis Angesichts dieser Vielfalt erscheint es schwierig, allein die Situation der sprachtherapeutischen Berufsgruppen in Deutschland in tabellarischer Form zusammenzufassen. Bei einer Ausweitung auf den europäischen Raum wird dies noch unübersichtlicher, wobei überdies regionale Sonderregelungen zu beobachten sind, die sich zudem ständig zu verändern scheinen. Vor diesem Hintergrund ist der Ruf nach einer Vereinheitlichung verständlich, wie dies durch die verbindliche Einführung von Bachelor- und Master-Studiengängen gemäß den Bologna- Empfehlungen vorgesehen ist, wobei eine Vergleichbarkeit durch eine Modularisierung und die Vergabe von Leistungspunkten auf der Grundlage des ECTS-Systems (European Credit Transfer System) angestrebt wird. Bevor darauf eingegangen wird, soll jedoch auf einen weiteren Gesichtspunkt verwiesen werden: die jeweilige Form der Institutionalisierung des Sprachheilwesens (vgl. Abb. 3). Die Institutionalisierungsform ist letztlich ein Teil des Selbstverständnisses sprachtherapeutischen Vorgehens und zudem fest mit der Ausbildung verkoppelt. Es ist ein großer Unterschied, ob die Praxiserfahrungen in unterschiedlichen Schulformen oder in klinischen Einrichtungen (z. B. in Lehrkrankenhäusern) erworben werden. In Deutschland bestand lange Zeit ein Primat der Sprachheilschulen, wobei im letzten Jahrzehnt eine zunehmende Schwerpunktverlagerung in den außerschulischen Bereich zu verzeichnen ist (Grohnfeldt 2004). Diese schulische Ausrichtung ist international die totale Ausnahme und - in abgeschwächter Form - nur noch in Russland zu beobachten. In den meisten Ländern ist man nie auf die Idee gekommen, eigenständige Sprachheilschulen einzurichten. Dies bedeutet nicht, dass in Schulen (meistens Regelschulen) nicht sprachtherapeutisch gearbeitet wird. Nur erfolgt dies vor dem Hintergrund einer integrativen Ausrichtung der Maßnahmen - sei dies im Sinne eines Mainstreaming wie im angloamerikanischen Raum oder durch sogenannte Logopunkte wie in Russland (Grohnfeldt 1998). Die genannten Zusammenhänge von Ausbildung, Selbstverständnis und Institutionalisierung des Sprachheilwesens sind wiederum historisch gewachsen vor dem Hintergrund der jeweiligen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und soziokulturellen Voraussetzungen (vgl. Abb. 4). Für jedes Land der Europäischen Union haben sich vor dem Hintergrund der komplexen Zusammenhänge der o. g. Bereiche ganz spezifische Bedingungskonstellationen gebildet, die zudem einem ständigen Wandel regionaler und jetzt vermehrt auch internationaler Einflüsse unterworfen sind. Angesichts der Vielfalt der jetzt 25 Mitgliedsstaaten in der EU ist zu überlegen, welche weiterführenden Fragen im Hinblick auf eine vergleichende Beurteilung und Weiterentwicklung der sprachtherapeutischen Berufsgruppen in Europa gestellt werden müssen, um zukunftsweisende Antworten zu erhalten. Sprachheilpädagogik und Logopädie in Europa 149 VHN 2/ 2005 Ausbildung Selbstverständnis Institutionalisierung Abb. 3: Zusammenhänge von Ausbildung, Selbstverständnis und Institutionalisierung Ausbildung Selbstverständnis Institutionalisierung gesellschaftliche Rahmenbedingungen soziokulturelle Voraussetzungen Abb. 4: Bedeutung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und der soziokulturellen Voraussetzungen 4 Überlegungen zu zukünftigen Entwicklungen und Gestaltungsspielräumen: Wie geht es weiter? Die bisherigen Gedankengänge verweisen auf die Notwendigkeit einer differenzierten Betrachtungsweise und Art des Vorgehens unter Beachtung regionaler Eigenarten bei einer übergreifenden Zielsetzung statt auf die Vorstellung einer nivellierenden Vereinheitlichung der sprachtherapeutischen Berufsgruppen im Sinne einer Standardisierung der Ausbildung (Padrik 2002; Georgieva 2003). Nach dem Vorhergehenden erscheint dies jetzt fast selbstverständlich. Und doch werden viele (die meisten? ) wahrscheinlich gedacht haben: ein Europa - eine Ausbildung (und Institution? ) - ein Fach. Dazu soll in einem kleinen Exkurs von Erfahrungen in Deutschland berichtet werden. Nach teilweise jahrzehntelangem Konkurrenzdenken hatten sich die Berufsgruppen in der „Konferenz der akademischen Sprachtherapeuten Deutschlands“ (KaSD) am 27.Oktober 2000 geeinigt, ein einheitliches „Ausbildungsprofil Sprachtherapeutin“ im Sinne eines übergreifenden Bundes-Sprachtherapeutengesetzes anzustreben. Die Universitäten in Deutschland waren aufgerufen, auf dieser Grundlage Studiengänge zu entwickeln, die einem definierten internationalen Standard von 170 Semesterwochenstunden fachspezifischer Ausbildung entsprechen. Bis jetzt hat es nur eine Universität (in München) geschafft, dieses Ziel vollinhaltlich zu erreichen. Dagegen sind drei neue Fachhochschulausbildungen (in Idstein, Hildesheim und Emden) auf Bachelor-Niveau entstanden, die aber die Berufsfähigkeit zum außerschulischen Sprachtherapeuten ermöglichen. Statt einer Utopie von Vereinheitlichung kommt es zu der - ernüchternden, aber realistischen? - Erfahrung von Vielfalt. Ein einheitliches Bundes-Sprachtherapeutengesetz ist in weite Ferne gerückt. Es bleibt eine erstrebenswerte Vision, erscheint derzeit aber politisch nicht durchsetzbar oder gewollt. So haben sich auch in einer aktuellen Diskussionsrunde (Grohnfeldt/ Ritterfeld 2004) die Vertreter der sprachtherapeutischen Berufsgruppen eher für eine Einheit in der Vielfalt ausgesprochen. Favorisiert werden unterschiedliche Ansätze bei dem gleichen Ziel der fachspezifischen Berufsfähigkeit unter Berücksichtigung international gültiger Maßstäbe. Voraussetzungen dafür sind - feste Wertmaßstäbe, - verbindliche Curricula und - die Einhaltung von gültigen Mindeststandards. Zu beachten ist dabei, dass Mindeststandards nicht im Sinne von minimalen Standards zu verstehen sind, sondern als Maximum des Möglichen bei einer realistischen Einschätzung der Umsetzbarkeit. Die Kontrolle dieser Mindeststandards sollte dabei durch die jeweiligen Berufsverbände - in Absprache miteinander! - vorgenommen werden. Die ASHA (American Speech-Language-Hearing Association) in den Vereinigten Staaten hat zwar ganz andere Voraussetzungen und Möglichkeiten der Durchsetzung ihrer Interessen, zeigt uns aber den Weg zu einer Zertifizierung unterschiedlicher Studienabschlüsse hinsichtlich eines übergeordneten Zieles der Berufsfähigkeit. Wichtige Orientierungsmaßstäbe können dabei die Richtlinien der „International Association for Logopedics and Phoniatrics“ (IALP) bieten. Sie finden ihre Grundlage im C.P.L.O.L. (Comité Permanent de Liaison des Orthophonistes/ Logopèdes de L’Union Européenne), einer Vereinigung von 60.000 Sprachtherapeut(inn)en in Europa. Vor dem Hintergrund der eingangs genannten Merkmale - Prozess der Veränderung, - Vielfalt der Interessen, - Dialektik von Gemeinschaft bei einem Erhalt individueller Eigenschaften soll nicht nur das Zusammenwachsen der jetzt 25 Mitglieder der Europäischen Union gekennzeichnet werden. Dadurch werden auch Manfred Grohnfeldt 150 VHN 2/ 2005 wesentliche Hinweise für den Umgang der sprachtherapeutischen Berufsgruppen in Europa gegeben. Statt einer vorschnellen Proklamation von Einheit, die jedoch kurz- und mittelfristig nicht zu erreichen ist, erfolgt ein Plädoyer für folgenden Grundsatz in der Ausbildung für die Berufsgruppen des Sprachheilwesens in Europa: Vergleichbarkeit statt Vereinheitlichung, Mindeststandards statt Nivellierung. 5 Epilog: Und womit beginnen wir? Die Erfahrung zeigt, dass häufig nicht der geplante Weg der normale ist, sondern der gewachsene Umweg. Doch auch dann, wenn das Ziel eindeutig und klar vor Augen ist, ergibt sich die Frage: In welche Richtung geht der erste Schritt? Hier gilt es bescheiden, aber doch ganz konsequent zu sein. Letztlich ist ein Kennenlernen die Voraussetzung für Zusammenarbeit. Es ermöglicht den Abbau von Ängsten und den Aufbau von Vertrauen und gemeinsamen Zielen. Solch ein erster Schritt ist getan, indem wir zusammentreffen und unsere Erfahrungen, Hoffnungen und Nöte austauschen. Er führt weiter über den Austausch von Studierenden und Dozenten. Erst dann können sinnvollerweise die Verbände und Organisationen folgen. Der Mensch muss diesen ersten Schritt ausführen - erst dann wird die Fachdisziplin als Wissenschaft folgen. Anmerkungen 1 Synopse der Einführungsvorträge am 8. Oktober 2004 auf der „9th Annual Conference of the Slowak Association of Logopedists“ in Strbské Pleso (Slowakei) sowie auf dem „Annual Meeting of the Czech Association of Clinical Logopedics“ am 19. November 2004 in Prag. 2 Als Beispiel sei die Einführung des interdisziplinären Bachelor-/ Master-Studiengangs Sprachtherapie zum WS 2004/ 05 an der Ludwig-Maximilians-Universität München genannt (vgl. VHN 1/ 2005, 78). Literatur Braun, O.; Macha-Krau, H. (2000): Geschichte der Sprachheilpädagogik und Logopädie. In: Grohnfeldt, M. (Hrsg.): Lehrbuch der Sprachheilpädagogik und Logopädie. Band 1: Selbstverständnis und theoretische Grundlagen. Stuttgart: Kohlhammer, 47 - 78 C.P.L.O.L. (1988): 1988 - 1998. 10 ans d’activité. Isbergues (France): L’orthoeducation C.P.L.O.L. (2004): www.cplol.org vom 18. 6. 2004 (hier: General Assembly, Documents) Dantzig, B. van (1933): Der Stand der Organisation zur Bekämpfung und Prophylaxe der Sprachkrankheiten in den verschiedenen Staaten. In: Jellinek, A.; Weiss, D. (Hrsg.): Bericht über die Verhandlungen des V. Kongresses der Internationalen Gesellschaft für Logopädie und Phoniatrie. 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(1999): Der gegenwärtige Stand der Logopädie-Ausbildung in Deutschland. In: Deutscher Bundesverband für Logopädie e.V. (Hrsg.): Logopädie braucht wissenschaftliche Kompetenz. Plädoyer für eine Hochschulausbildung. Idstein: Schulz-Kirchner, 11 - 16 Prof. Dr. Manfred Grohnfeldt Lehrstuhl für Sprachheilpädagogik Forschungsinstitut für Sprachtherapie und Rehabilitation (FSR) Ludwig-Maximilians-Universität München Leopoldstrasse 13 D-80802 München Tel.: ++49 (0) 89 21 80 51 20 Fax: ++49 (0) 89 21 80 50 31 E-Mail: grohnf@spedu.uni-muenchen.de
