eJournals Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete74/2

Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete
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0017-9655
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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2005
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Erziehung: Der Heilpädagogik Kerngeschäft

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2005
Emil E. Kobi
Pädagogik bedarf eines Auftrags, um ihr Transfer- und Rekonstruktionsgeschäft betreiben und damit in Erscheinung treten zu können. Pädagogik wird deshalb, nicht ganz zu Unrecht, nur zögerlich als Wissenschaft akzeptiert und eher als Verwaltungslehre gesehen (Luhmann).
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153 Pädagogik bedarf eines Auftrags, um ihr Transfer- und Rekonstruktionsgeschäft betreiben und damit in Erscheinung treten zu können. Pädagogik wird deshalb, nicht ganz zu Unrecht, nur zögerlich als Wissenschaft akzeptiert und eher als Verwaltungslehre gesehen (Luhmann). Pädagogik ist jedenfalls hochgradig kontingent und lässt sich nicht auf Szientifik reduzieren, ohne ihres ‚Gegenstandes‘ - der als vielfältig subjekthaftes Beziehungsmuster von vorneherein kein solcher ist - verlustig zu gehen. Pädagogik ist nur in Fragmenten als objektivierende Wissenschaft auszuweisen. In anderen, wesentlicheren Teilen ist sie gestaltende Kunst, Kunsthandwerk auch, in noch einmal andern Gewalten strukturierende Politik. Im deutschen Kulturbereich spielten vorab idealistische und romantische Menschheitsentwürfe eine maßgebende Rolle für die Entwicklung moderner Pädagogik. Idealismus - sei’s im Sinne einer apriorischen Ideenlehre, sei’s in Form hochfliegender Menschenbilder, auf die der Zögling gezogen, oder eines überquellenden pädagogischen Eros, mit welchem dieser bedacht werden sollte, sei’s als adelnde Gesinnung, welche die Erzieherschaft auszuzeichnen hatte - galt als unverzichtbar für ein aus der Transzendenz zur Immanenz herunter zu beschwörendes Heil. Einen Contre-coup zu derartiger Hochgemutheit brachte neuzeitlich die Antipädagogik aus der 68er-Szene. In lauter Mission für das (freilich wieder einmal mehr ‚idealistische‘) „Richtige Bewusstsein“ wurden die Bezeichnungen Erziehung/ erziehen, Pädagogik/ pädagogisch so lange zu Unwörtern zerschlissen und zu Etiketten für organisierte Kinderschändung vernutzt, dass sie nur noch für die Kynologie und die Sado-maso-Szene als passend empfunden wurden. Sogar fremdsprachige Buchtitel wurden in deutsche Fäkalsprache übersetzt: so geschehen mit der durchaus kritischen, jedoch kultivierten Schrift von Maud Mannoni, „Education impossible“ (Paris, 1973), die der deutschen Leserschaft unter dem Titel „Scheißerziehung“ (Frankfurt 1976) präsentiert wurde. In Konsequenz zu diesen Verunglimpfungen quollen im pädagogischen Alltag dann alsbald auch jene Elternratgeber auf, nach denen Mutter und Vater erst mal als Mummy and Daddy und endlich als Jill and Jack einander im infantilisierenden Gehabe mit ihrem Pamper überbieten sollten. The „King of the Highchair“ (Bly) - dem bereits vorgeburtlich seine Championrolle zugefallen war auf Grund der Tatsache, dass ER aus dem Wettlauf zur Eizelle aus Millionen Mitzapplern als Winner hervorging - hatte, hoch begabt wie er überdies war, endgültig das Heft ins Händchen genommen. Nachdem Neil Postman vor mehr als zwanzig Jahren schon vom „Verschwinden der Kindheit“ Erziehung: Der Heilpädagogik Kerngeschäft Emil E. Kobi Trend Für jedes Heft wird ein Repräsentant oder eine Repräsentantin eines heilpädagogischen Fachgebiets dazu eingeladen, einen persönlich gefärbten Kurzbeitrag zu voraussichtlichen Trends der kommenden Jahre in Forschung, Theorie und Praxis zu verfassen. In den ersten Nummern der neuen VHN lassen wir nochmals einige Personen zu Wort kommen, welche die deutschsprachige Heilbzw. Sonderpädagogik in früheren Jahrzehnten maßgeblich geprägt haben. VHN, 74. Jg., S. 153 - 155 (2005) © Ernst Reinhardt Verlag München Basel kündete, schien damit auch die Pädagogik abzutreten und der Pädophilisterei zu weichen. Das „Jahrhundert des Kindes“ hatte offensichtlich die anvisierte Kindlichkeit verfehlt und war im Kindischen gelandet. Auch die Heilpädagogik leistet(e) gelegentlich Tendenzen Vorschub, die Personalität des „Personals“ sowie der diesem anvertrauten Klientel verblassen und personale Konstituenten wie Schuld, Verantwortung, Pflicht, Recht, Willen, Entscheidung, Zurechnungs- und Straffähigkeit, Achtung, Respekt, Gehorsam … auf Katharinas Müllhaufen „Schwarzer Pädagogik“ zu werfen und daselbst verrotten zu lassen. Derartige Entwicklungen fanden ferner gedeihliche Verhältnisse in einer Konsumationsgesellschaft, in welcher Wohlstand sich über Wohlergehen und Wohlfahrt partiell bis zur Wohlraserei steigerte. Demokratie versucht zwar anerkanntermaßen durch soziale Gesetzgebung eine Kompensation der durch Ungleichheit gekennzeichneten Naturgegebenheiten zu realisieren. Das seit den siebziger Jahren im Bildungsbereich entwickelte Demokratieverständnis ist denn auch stark durch ein Egalitätsprinzip geprägt. Dieses hat sich allerdings über die ursprünglich geforderte „Chancengleichheit“ mehr und mehr zum „Realisationsausgleich“ ausgeweitet, wozu auch Heilpädagogik durch invasiven Integrationismus ihren Beitrag erbringen soll. Die Leistungsfähigkeit einer Person bemisst sich immer weniger daran, was sie zu leisten vermag, sondern was sie sich leisten kann. Die Konsum(kauf)kraft fand so als zusätzliches Attribut Aufnahme in die Personal Performance. Eine „spannende Binnenkonkurrenz“ ergibt sich allerdings in dem Moment, wo ich mir mehr leiste, als ich (finanziell, intellektuell, psychophysisch, sozial…) zu leisten imstande bin. Lösungen sind heutzutage denn auch gelegentlich schlimmer als die ursprünglichen Probleme. Aber Gerechtigkeit auf Erden ist erst dann erfüllt, wenn alle alles jederzeit sofort haben, tun und lassen können können. „Demokratie, missverstanden und rein ökonomisch unterhaltungslebensweltlich interpretiert, ist die Idealform zur systematischen Ausbildung degenerierter Lebensformen auf hohem Niveau“, wie J. Wertheimer und P. V. Zima (2002) in ihrer Studie über „Strategien der Verdummung“ feststellen. Der Bedeutungsverlust personaler Pädagogik wird gegenwärtig in unbefriedigender Weise wettzumachen versucht durch Psychologisierung und Biologisierung des Erziehungsgeschäftes mit, zumal im Behindertenbereich, kaum mehr überschaubaren Blähungen einer quasimedizinalen Therapeutik. Aus der hinter uns liegenden Zukunft des 20. Jahrhunderts startet der Mensch nicht mehr als erziehungsbedürftiges „Mängelwesen“, sondern als traumatisierter Patient ins Leben. Dazu traten sozialrechtliche und sozio-ökonomische Restrukturierungsmaßnahmen, die den Päd-Agogen („Kinder-Führern“) von anno dazumal aufgenötigt werden. Heilpädagogen verzappeln sich derzeit im Netzwerk von Leistungsnutzern, Leistungserbringern und Kostenträgern: kutschiert von Coachern, welche pädagogisch erschlaffte Zügel in die Hand nahmen. Doch der Widerstand gegen derartige Depersonalisierungen wächst: nicht zuletzt aus Selbsthilfegruppen Betroffener, die erkannt haben, dass sie - wenn’s schon marktkonform tönen soll - nicht einfach Produkte von Außenfaktoren, sondern auch Produzenten ihrer selbst sind. Zur Debatte steht damit denn auch wieder das für Pädagogik konstitutive Thema subjektiver Personhaftigkeit. Sache der Pädagogik ist, was nicht Sache ist. Erziehung ist nicht social-engineering, sondern handlungsbetonter Appell an die Person. Kind und Erzieher interessieren nicht als neurale Systeme, sondern als Personen im Kontext ihrer Lebensverhältnisse. Damit ist prioritär die Auctoritas (Urheberschaft, Bestimmungsrecht, Mitverantwortlichkeit) des als Tat- und Handlungssubjekt zu würdigenden ‚Zöglings‘ gefragt, der auch innerhalb von Krankheit, defizienter Lebensform, deviantem Verhaltensmuster, so- Emil E. Kobi 154 VHN 2/ 2005 Erziehung: Der Heilpädagogik Kerngeschäft 155 VHN 2/ 2005 zialer Belastung und biophysischer Beschränkung seine Bedeutung und Identität nicht zuletzt dadurch erwirbt und behält, dass an ihn appelliert, auf ihn Bezug genommen, an ihn geglaubt wird. All dies widerspiegelt sich auch im modernen Behindertenwesen, wo sich individuelle und kollektive Eigendefinitionen Behinderter - sowohl bezüglich ihrer aktuellen Differenz wie auch in Bezug auf ihre besonderen Bedürfnisse - einem uniformistischen ‚integrisme‘ entgegen stellen. Zwar nimmt die „Ich-Problematik“ auch in aktuellen Erziehungsdiskussionen breiten Raum ein. Dies freilich unter negativen Schlagworten wie: Egozentrizität, Egoismus, Narzissmus, Individualismus, Selbstsucht…, auf die nach dem Prinzip „Mehr vom selben! “ meist erneut mit verwaltungsbürokratischen Systemerweiterungen (Noch eine Therapie! ) und Delegationen (Noch ein Sozialberater! ) reagiert wird. Dabei sind es gerade diese personalen Beziehungen zwischen Ich und Selbst, die das zentrale pädagogische Thema ausmachen, indem diese erst auf Grund ihrer „Anstößigkeiten“ - z. B. mit pädagogischen Sparrings-Partnern - differenziert, ausgebaut und letztlich kultiviert werden können. Möglich, dass der gegenwärtig viel bejammerte „Spardruck“ künftig ein Quäntchen jener „Not“ erzeugt, die auch in dieser Richtung sprichwörtlich erfinderisch macht! Literatur Bly, R. (1996): The Sibling Society. Addison Wesley; dtsch. (1997): Die kindliche Gesellschaft. München Luhmann, N.; Schorr, K.-E. (1988): Reflexionsprobleme im Erziehungssystem. Frankfurt: Suhrkamp Mannoni, M. (1973): L’Education impossible. Paris; dtsch. (1976): Scheißerziehung. Frankfurt Postman, N. (1982): The Disappearance of Childhood. New York.; dtsch. (1984): Das Verschwinden der Kindheit. Frankfurt/ M. Wertheimer, J.; Zima, P.V. (Hrsg.) (2002): Strategien der Verdummung. Infantilisierung in der Gesellschaft. München: Beck Dr. Emil E. Kobi Unter-Geissenstein 8 CH-6005 Luzern