Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete
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0017-9655
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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2005
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Betroffenheit -- Hilfe oder Hindernis in der professionellen Arbeit?
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2005
Christina Fasser
Barbara Jeltsch-Schudel
Liebe Christina, unser Gespräch, das wir auf unserer Zugfahrt neulich miteinander führten, ließ mir keine Ruhe. Wir diskutierten Themen, zu denen ich mir in letzter Zeit immer wieder Gedanken gemacht habe. Mit diesem Brief möchte ich einiges nochmals aufgreifen, worüber ich nachgedacht und mir neue Fragen gestellt habe.
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Liebe Christina Unser Gespräch, das wir auf unserer Zugfahrt neulich miteinander führten, ließ mir keine Ruhe. Wir diskutierten Themen, zu denen ich mir in letzter Zeit immer wieder Gedanken gemacht habe. Mit diesem Brief möchte ich einiges nochmals aufgreifen, worüber ich nachgedacht und mir neue Fragen gestellt habe. Die Diskussion mit Dir unterscheidet sich in manchen Aspekten von Diskussionen, die ich mit Kolleg/ innen am Institut oder mit Studierenden führe, denn Du bringst durch Deine Blindheit neue Dimensionen hinein und lässt mich Einblick nehmen in Standpunkte, die mir nicht so einfach erschließbar sind. In letzter Zeit ist für mich die Frage danach, was in der Heilpädagogik unter professionellem Handeln zu verstehen sei, drängend geworden. Dies vor dem Hintergrund meiner beruflichen Tätigkeit zum einen und den sich verändernden Bedingungen für die Arbeit in Einrichtungen zum andern. Wie Du weißt, bin ich verantwortlich für den Studiengang der Klinischen Heilpädagogik und Sozialpädagogik. Es handelt sich um einen Studiengang, der Fachpersonen in einem universitären Rahmen befähigen soll, sich für unterschiedliche Handlungsfelder im außerschulischen Bereich zu qualifizieren. Diese Handlungsfelder umfassen eine Vielfalt von Einrichtungen, Settings und Angeboten für Menschen mit Behinderungen. Das erforderliche heilpädagogische Handeln wird daher mit einer breiten Palette von Tätigkeiten umschrieben, im Studienführer bezeichnet als „Erziehung, Bildung, Förderung, Unterstützung, Begleitung, Beratung, Eingliederung, Betreuung und Pflege behinderter und von Behinderung bedrohter Kinder, Jugendlicher und Erwachsener in ihrem sozialen Umfeld“. Im Zentrum des pädagogischen Handelns stehen Alltagsgestaltung und Lebensbewältigung der Menschen, mit denen die Fachpersonen zusammenarbeiten. Deutlich wird wohl, dass alle diese Tätigkeiten Beziehungen zwischen Menschen umschreiben. Die einzelnen Settings erfordern eine unterschiedliche Umsetzung und Konkretisierung dieser Tätigkeiten, die z. T. einen hohen Grad an Intimität erreichen können, das heißt in Lebensbereiche eingreifen, die normalerweise als Privatsphäre angesehen werden. Dies wird vor allem in der Zusammenarbeit mit Menschen mit geistiger Behinderung sehr deutlich. Aber 245 VHN 3/ 2005 Betroffenheit - Hilfe oder Hindernis in der professionellen Arbeit? Christina Fasser Zürich Barbara Jeltsch-Schudel Freiburg/ Schweiz Dialog Für diese Rubrik ist in jedem Heft ein Briefwechsel vorgesehen. In der Regel wird er zwischen einer Person aus der Wissenschaft und einer Person aus der Praxis geführt und bezieht sich auf Brennpunkte in Theorie, Praxis und Politik. Die Zusendung von kurzen Leserbriefen, die auf den Dialog Bezug nehmen, ist erwünscht. ich denke, dass es auch für blinde Erwachsene einen Bedarf an Unterstützung gibt, der diese Distanzgrenze unterlaufen kann. In diesen Bereichen kann die Frage nach der Professionalität brisant werden. Jede Art von Behinderung scheint zu einer gewissen (auch individuell gefärbten) Art von Abhängigkeit zu führen, die es erforderlich macht, Hilfe oder Unterstützung anderer anzunehmen, aber auch selbst einzufordern. Abhängigkeit und Selbstbestimmung liegen somit nahe beieinander. Du kennst dieses Spannungsfeld aus verschiedenen Perspektiven: als selber Betroffene, die wegen ihrer Blindheit gewisse Unterstützungen aus der Umwelt braucht, und als (betroffene) Fachfrau, die andere Menschen berät. Daher möchte ich Dir eine Frage stellen: Was zeichnet aus deiner Sicht professionelles Handeln aus? Auf Deine Antwort bin ich sehr gespannt und freue mich darauf. Herzliche Grüße Barbara Liebe Barbara Deine kurze, unprätentiöse Frage „Was ist professionelles Handeln? “ löst in mir eine Reihe von Reaktionen aus: vorerst eine spontane und emotionale: „Schon wieder die Idee, nur professionelles Handeln sei gut! “, dann eine nachdenkliche: „Was ist professionell? “ und schließlich eine ganz persönliche: „Kann ich als blinde Fachfrau im Anspruch der ‚nicht Behinderten‘ überhaupt professionell sein? “ Letztere ist eine Reaktion auf unausgesprochene und ausgesprochene Kritik von früher: Betroffenheit ist keine Kompetenz! Wie du weißt, hat mich seinerzeit die Independent living-Bewegung geprägt, und ich bin von der Stärke des Peer-Counselling überzeugt. Der Grundsatz „Experten beraten Experten“ stellt die Kompetenz nicht behinderter Fachleute in Frage und bringt diese im Grunde genommen in die gleiche unmögliche Situation, für etwas angegriffen zu werden, das sie nicht verändern können. Wir behinderte Menschen können unsere Behinderung nicht wegdiskutieren; die nicht behinderten Menschen können nicht einfach aus Solidarität behindert werden … Ich sehe aber auch noch einen ganz anderen Diskussionspunkt: In der Schweiz wird Professionalität immer mit bezahlter Tätigkeit gleichgesetzt. Niemand würde sich zwar getrauen, ehrenamtliche Tätigkeit als „unprofessionell“ oder noch schlimmer als „unqualifiziert“ zu bezeichnen. Trotzdem schwingt immer noch unterschwellig mit, „Was nichts kostet, ist nichts wert! “ Unsere Gesellschaft hat gegenüber Ehrenamtlichkeit ein genauso gespaltenes Verhältnis wie gegenüber behinderten Menschen: Viele unserer Organisationen und Institutionen von oder für behinderte Menschen sind abhängig von Spenden und daher in Form von Vereinen oder Stiftungen organisiert. Die ZEWO als Kontrollstelle und Qualitätssiegel für die Spender und Spenderinnen verlangt für die Führung dieser Organisationen ehrenamtliche Tätigkeit. Diese Betriebe sind meistens vergleichbar mit kleinen und mittleren Unternehmen (KMU), in denen es allerdings niemandem in den Sinn käme, die Arbeit im Verwaltungsrat kostenlos zu übernehmen. Dass Fachkompetenz vorhanden sein muss, um die Unternehmen im Behindertenwesen zu leiten, ist doch selbstverständlich! Das bringt mich zurück zu Deiner Frage: Grundlage jedes professionellen Handelns sollte die Fachkompetenz sein, das Wissen darum, wo man kompetent ist, und das Wissen, wo man nachfragen, sich kundig machen muss oder wohin man den fragenden Menschen weisen kann. Was meinst Du, können wir den Begriff nicht umbenennen in „respektvolles fachkompetentes Handeln“? Fachkompetent wärst dann Du in Deiner Rolle als Wissenschaftlerin und Lehrende, eine Mutter eines behinderten Kindes in der Rolle als Mutter und erste Beobachterin ihres Kindes, ich als blinder Mensch und als Fachfrau, welche die Behinderung nicht an der Bürotür abgeben kann. Christina Fasser, Barbara Jeltsch-Schudel 246 VHN 3/ 2005 Und damit sind wir wohl mitten im Spannungsfeld angelangt: Wer hat mehr Fachkompetenz, der Mensch mit der (gelernten) Außensicht oder der Mensch mit der erlebten Innensicht des Anderseins? Liebe Grüße Christina Liebe Christina Mit Interesse habe ich Deinen Brief gelesen. Deine Beantwortung meiner Frage finde ich höchst interessant, und sie hat bei mir auch ein Schmunzeln ausgelöst: Du schlägst anstelle der Professionalität einfach vor, von „respektvollem fachkompetentem Handeln“ zu sprechen. Wie Alexander der Große schlägst Du den Knoten entzwei und ermöglichst damit ein neues Herangehen. Interessant finde ich, dass Du Professionalität in zwei Aspekte auflöst: Fachkompetenz und Respekt. Mit Fachkompetenz wird die Fähigkeit umschrieben, dem Fach angemessen zu handeln. Sie erhält in der Professionalitätsdiskussion einen hohen Stellenwert. Der Respekt, wird im Zusammenhang mit Professionalität kaum je genannt, er liegt auf einer anderen Ebene. Da pädagogisches Handeln Beziehungshandeln bedeutet, ist Respekt aber durchaus am Platz, er scheint mir auf die normative Dimension zu verweisen. Deinen Brief lässt Du mit einer doppelten Frage ausklingen, die wiederum ein Spannungsfeld umschreibt. Damit gibst Du mir eine harte Nuss zu knacken. Du stellst in Deiner Frage Menschen mit (gelernter) Außensicht den Menschen mit erlebter Innensicht gegenüber. Darunter sind wohl Menschen mit Behinderungen und Menschen ohne Behinderungen zu verstehen. Daher muss ich mir erst überlegen, ob denn Menschen mit Behinderungen anders sind als Menschen ohne Behinderungen. Dieser Unterscheidung kann man zustimmen, man kann sie aber auch in Frage stellen. Möglicherweise stimmt auch beides: Wenn ich den Menschen als ein Wesen betrachte, dem Würde zugeschrieben wird, so halte ich es für sinnvoll und notwendig, keine Unterscheidung zu machen. Menschen, denen keine Würde zuerkannt wird, laufen Gefahr, dass ihnen (Lebens-)Wert und somit auch ihre Lebensberechtigung abgesprochen werden. Dieses Denkmuster ist bekannt und mögliche Folgen leider auch. Wenn ich mir aber überlege, welche Konsequenzen eine Behinderung für die Gestaltung des täglichen Lebens haben kann, dann muss ich Unterschiede anerkennen. Denn ich habe im Rahmen eigener Forschungsarbeit (nicht aus eigener Anschauung! ) erfahren, welche Barrieren sich den Menschen mit Behinderungen stellen können, nicht nur architektonische, sondern auch viele andere, insbesondere auch solche, welche die Entwicklung und Selbstentfaltung erheblich beeinträchtigen. In Deiner Frage geht es aber nicht vor allem um die Gegenüberstellung von Menschen mit Unterschieden, sondern um das Mehr an Fachkompetenz. Dabei umschreibst Du die Voraussetzungen der Menschen als verschieden, nämlich gelernte Außensicht oder erlebte Innensicht des Andersseins. Als nicht behinderte Fachfrau frage ich mich zuerst, welches meine Fachkompetenz gepaart mit Respekt, sein könnte. Du sprichst von Außensicht, was unterstellt, dass Innensicht nicht möglich oder mindestens sehr schwierig sei. Darin scheint mir ein Thema verborgen, welches ich als wichtige Voraussetzung für die sonderpädagogische Arbeit erachte: das Verstehen. Kann ich einen anderen Menschen überhaupt verstehen? Diese Frage stellt sich für die Beziehung aller Menschen untereinander, wird aber durch eine Behinderung verschärft, da diese immer etwas Fremdes (und damit möglicherweise Bedrohliches) für den nicht Betroffenen darstellt. Als nicht betroffene Fachfrau habe ich nicht einen Zugang über das eigene Empfinden, sondern muss mir einen Zugang verschaffen über erlernbare Fähigkeiten. Damit diese Fähigkeiten erlernbar (und vermittelbar) sind, müssen sie sprachlich gefasst werden können und meine Schritte des Verstehens be- Betroffenheit - Hilfe oder Hindernis in der professionellen Arbeit? 247 VHN 3/ 2005 schreib- und nachvollziehbar sein. Damit kann ich mir ein kognitives Gerüst bauen, das gestützt wird durch Wissenselemente über Entwicklung, über Behinderungen, über Einstellungen gegenüber Menschen mit Behinderungen und vieles andere mehr. Dieses Gerüst, angereichert durch soziale und persönliche Kompetenzen, ermöglicht mir Beweglichkeit in der Arbeit. Dabei sind allgemeine Wissensinhalte und subjektive, in der konkreten Situation verankerte Momente die beweglichen Elemente. Eine so beschriebene Annäherungsweise bleibt vielleicht nicht nur Außensicht, sondern erlaubt ein Verstehen des andern - setzt aber die Fähigkeit voraus, die eigene Tätigkeit reflektieren zu können. Sie birgt jedoch auch die Gefahr, dass eine Fachperson meint, sie wisse, was für behinderte Menschen gut sei. Zur anderen Fachperson, der betroffenen, etwas zu schreiben, fällt mir bedeutend schwerer, da mir diese andere Perspektive nicht vertraut ist. Die betroffene Fachperson ist es, welche die Innensicht kennt und der das Anderssein nicht fremd ist. Sie kennt die Situation, kann sich vorstellen, wie es dem Gegenüber geht; es können gemeinsame Erfahrungen ausgetauscht werden, da „man weiß, wovon man spricht“. Zudem verfügt eine betroffene Fachperson über eine intuitive Handlungskompetenz in der konkreten Situation, welche nicht Betroffene häufig nicht in ihrem Handlungsrepertoire haben. Vertrautheit mit den Problemsituationen scheint mir aber noch nicht Garantie dafür zu sein, dass das Gegenüber verstanden wird. Mit anderen Worten (auch von Dir in Deinem Brief angedeutet): Betroffenheit allein bedeutet noch nicht Fachkompetenz. Auch eine selbst betroffene Fachperson muss sich Fachkompetenz aneignen. Fachkompetenz, gepaart mit Innensicht, könnte dieses „Mehr“ beinhalten, nach dem Du fragst. Könnte es aber sein, dass auch der betroffenen Fachperson gewisse Gefahren drohen? Ist es für sie nicht manchmal schwierig, Distanz von der eigenen Situation zu nehmen und das Gegenüber seinen eigenen Weg (auch Irrweg) suchen zu lassen? Kann es nicht auch ihr passieren, dass sie meint zu wissen, was für den Klienten „richtig“ wäre? Und ist es letztlich überhaupt sinnvoll, von einem „Mehr an Fachkompetenz“ zu sprechen. Muss denn Anders- Sein auch immer „Mehr-“ oder „Besser-Sein“ bedeuten? Die Unterschiedlichkeit könnte ja auch eine fruchtbare Grundlage für eine gleichwertige Zusammenarbeit von Fachpersonen sein, die zu verschiedenen Ressourcen Zugang haben. Ich möchte Dir eigentlich gerne nochmals zwei Fragen stellen: Welche Erfahrungen machst Du denn als betroffene Fachfrau, welche Vorteile siehst Du, und mit welchen Problemen bist Du konfrontiert? Vor allem die zweite Frage ist mir sehr wichtig: Wie würdest Du eine gelingende Zusammenarbeit zwischen einer betroffenen und einer nicht betroffenen Fachperson beschreiben? Mit Spannung erwarte ich Deinen nächsten Brief! Herzliche Grüße Barbara Liebe Barbara Nun wird’s spannend. Natürlich sind Menschen mit und ohne Behinderung Menschen, in unserem Kontext habe ich die Differenzierung von Innensicht und Außensicht, zwischen Betroffenen und nicht Betroffenen auf die Arbeit mit und für behinderte Menschen bezogen. Behinderung ist ein Teil der behinderten Person, ein „Mehr“, das nicht abgelegt werden kann. Manchmal habe ich das Gefühl, die Bemühungen der Sonderpädagogik gehen dahin, den betroffenen Menschen weis zu machen, sie seinen dank der Rehabilitation oder Habilitation gleich wie die anderen. Damit fühlen sie sich jedoch oft nicht in ihrer Ganzheit wahrgenommen. Gerade da, wo betroffene Fachpersonen aufgrund ihrer Behinderung eine Mehrleistung erbringen müssen, wird dies oft nicht anerkannt, auch wenn es Sinn machen würde Christina Fasser, Barbara Jeltsch-Schudel 248 VHN 3/ 2005 oder neben fachlichen Kompetenzen ein „Mehr“ wäre, das andere nicht mitbringen. Und damit sind wir beim Kern Deiner Frage, die ich durch ein konkretes Beispiel aus meiner Arbeit als blinde Beraterin zu beantworten versuche: Ich brauche gutes theoretisches Wissen über Rehabilitationsmaßnahmen, um jemanden dazu zu bewegen, ein Mobilitätstraining mit weißem Stock zu machen. Gleichzeitig mache ich aber selbst täglich Erfahrungen mit dem weißen Stock, die nicht immer nur positiv sind. Wenn ich auf Bitten der Klienten auf eigene Erfahrungen zurückgreife, kann sich niemand mehr im Hintergrund des Herzens sagen: „Sie kann gut reden, sie sieht ja gut und wird nie das Sehen verlieren …“ Du sagst richtig, das Verstehen eines anderen Menschen sei immer schwierig. Meine eigene Erfahrung mit Retinitis Pigmentosa (RP) und dem Wissen während 30 Jahren langsam immer weniger zu sehen bis zur Erblindung, schafft aber oft eine gemeinsame Ebene zwischen Betroffenen, eine Ebene, auf der man sich versteht, einig ist über die Ermüdung durch das ständige Kämpfen und das stete Vortäuschen, die Behinderung sei keine und man sehe ja doch so gut … Theoretisch weiß ich selber und wissen oft meine Klienten, dass es besser wäre, nicht zu überspielen. Aber Theorie und Praxis stimmen oft nicht überein. So habe ich oft ein Grundverständnis mit meinen Klienten, muss aber immer genau reflektieren, ob dieses Grundverständnis wirklich stimmt und entsprechend nachfragen. Weiter ist es aus meiner Sicht extrem wichtig, dass ich nicht ein Superbild vermittle, sondern ganz klar erkennen lasse, dass jeder Mensch mit seiner Behinderung den eigenen Weg im Leben finden muss. Oft gilt es, sich zurückzuhalten und zu warten, bis der Klient selber auf die Idee kommt oder, so hart es klingt, bis der Leidensdruck groß genug ist und kein anderer Ausweg übrig bleibt, als das Thema anzugehen. Mein Blindsein hat einige sehr praktische Nachteile: Ich kann Papiere, die an einer Sitzung ausgeteilt werden, nicht einfach überfliegen und kommentieren, und ich muss meine Wege gut organisieren. Die heute überhand nehmende Administration ärgert mich, weil sie viel Kraft verlangt für wenig Output. Aber in der Kernarbeit mit meinen an Netzhautdegenerationen erkrankten Klienten und Klientinnen habe ich weniger Nachteile, eher mehr Vorteile durch meine eigene ähnliche Behinderung. Anfangs war ich mir nicht sicher, ob die Tatsache, dass ich bereits am Endpunkt der RP, der Erblindung, angelangt bin, abschreckend wirke. Da die RP-Erkrankungen aber äußerst verschieden verlaufen, kann ich solche Ängste ansprechen und in Relation setzen. Selbstverständlich binde ich mein Blindsein den neuen Klientinnen und Klienten nicht gleich auf die Nase, sondern erst dann, wenn die Situation es natürlich notwendig macht oder wenn die Person danach fragt. Deine zweite Frage ist einen eigenen Brief wert: Grundsätzlich würde ich eine gute Zusammenarbeit wie in jedem Team als offen, klar und freundschaftlich erwarten. Dass Du die Frage stellst, zeigt mir, dass Du hier eine weitere heikle Ebene siehst. Wagst Du es, diese genauer zu formulieren? Liebe Grüße Christina Liebe Christina In unseren Briefen haben wir gewissermaßen die Unterschiedlichkeiten behinderter und nicht behinderter Fachpersonen auf den Tisch gelegt, und nun gibst Du mir elegant die Frage nach einer gelingenden Zusammenarbeit zurück. Ich nehme die Herausforderung an, Überlegungen aus meiner Sicht zu formulieren, bin dann allerdings neugierig darauf, ob Du ähnliche oder ganz andere Vorstellungen hast. Zunächst möchte ich aber einen Satz aus Deinem Brief aufgreifen, über den ich gestolpert bin. Du hast geschrieben: „Manchmal habe ich das Gefühl, die Bemühungen der Sonderpädagogik gehen dahin, den betroffenen Men- Betroffenheit - Hilfe oder Hindernis in der professionellen Arbeit? 249 VHN 3/ 2005 schen weis zu machen, sie seien dank der Rehabilitation oder Habilitation gleich wie die anderen“. Du machst hier eine sehr problematische Attitüde der Sonderpädagogik aus: Menschen (mit Behinderungen) sollen gleich gemacht werden wie andere, was im Klartext heißt, dass ihre Behinderung durch sonderpädagogische Maßnahmen zum Verschwinden gebracht werden soll. Diese Intention ist der Sonderpädagogik sicher nicht fremd, schwingt sie doch als Bedeutung im in der Schweiz geläufigen Begriff Heilpädagogik mit. Auch in der praktischen Arbeit spielen solche Motive sicher mit. Entwicklungsförderung und Therapien wollen zwar die Situation des Menschen mit Behinderung verbessern, vermitteln ihm jedoch zugleich, dass er (durch diese Maßnahmen) eben verbessert werden muss. Und diese Verbesserung zielt letztlich immer auf eine Normalität hin, dem Entsprechen einer Norm, bei der alle gleich sind. Gleichheit kann also nicht das Ziel sein. Damit bringst Du ein neues Element in die Diskussion, welches nach meinem Dafürhalten in die Überlegungen über eine gelingende Zusammenarbeit miteinbezogen werden muss. Bevor ich indes meine Vorstellungen entfalten kann, muss ich mir überlegen, was Zusammenarbeit zwischen Fachpersonen bedeutet. Sie kann sich auf die Arbeit mit Klienten beziehen, indem die meisten Klienten mehrere Fachkontakte haben und diese Fachleute sich untereinander verständigen sollten. Sie kann sich aber auch auf eine Thematik beziehen, die außerhalb des direkten Klientensystems liegt, etwa im sozialpolitischen Bereich. Ausgehend von unser beider konkreten Situation denke ich an die Vermittlung von Fachwissen an Studierende im Teamteaching oder in der gemeinsamen Arbeit an einer Fragestellung im Rahmen von Forschungsprojekten. Zu beidem haben wir ja gemeinsame Erfahrungen gesammelt. Ich gehe von einem offenen und auf verschiedene Settings anwendbaren Verständnis der Zusammenarbeit aus. Zunächst scheint es mir wichtig, dass die Unterschiede gesehen werden, dass z. B. eine eigene Behinderung der Fachperson den Zugang zu gleich Betroffenen erleichtern kann, dass aber die Anerkennung als Fachperson mit entsprechenden Anstellungsbedingungen mit einer Behinderung schwieriger ist. Auch wenn Unterschiede zwischen den Fachpersonen bestehen, sollte ihre Zusammenarbeit partnerschaftlich sein. An der Kooperation sind demzufolge beide gleichwertig beteiligt, und beide übernehmen Verantwortung nach Maßgabe ihrer Möglichkeiten. Dies kann ich am besten in einem Bild illustrieren. Da Du ja über visuelle Vorstellungen verfügst, stelle ich es hier dar: Man kann sich zwei Kreise vorstellen, die sich überschneiden. Dadurch entsteht ein Bereich, der zu beiden gehört (eine Schnittmenge), und in jedem Kreis bleibt ein eigener Bereich übrig. Übertragen auf die Zusammenarbeit heißt dies: Die Schnittmenge umfasst die Inhalte, Fertigkeiten, Möglichkeiten, die bei beiden Fachpersonen vergleichbar sind. Die je besonderen Bereiche in den Kreisen stellen die unterschiedlichen Ressourcen, Möglichkeiten und auch Probleme der je einzelnen Fachperson dar. Mir gefällt dieses Bild deshalb, weil die Kreise auf der gleichen Ebene liegen, also kein Machtgefälle vorhanden ist, und weil nur ein Teil „gleich“ ist und die Unterschiedlichkeit in den andern Teilen eine konstitutive Rolle spielen. Zusammen mit dem gegenseitigen Respekt wird eine gleichwertige Kooperation möglich. Das Gelingen einer Kooperation - einer gelingenden Zusammenarbeit - ist dann ein Prozess, an dem sich beide beteiligen müssen. Die beiden sich überschneidenden Kreise geben meines Erachtens die Basis, die Entwicklung liegt im Handeln über die Zeit. Wenn ich mir überlege, wie wir beide über die Jahre zusammengearbeitet haben - manchmal intensiver, manchmal auf Sparflamme - so merke ich, wie ich immer wieder neugierig war, Deinen persönlichen Teil des Kreises (nicht die Schnittmenge) besser kennen zu lernen. So habe ich über deine Innensicht erfahren und konn- Christina Fasser, Barbara Jeltsch-Schudel 250 VHN 3/ 2005 te dadurch meine Außensicht differenzieren und vertiefen. Insbesondere interessierte mich Dein Verständnis der eigenen Fachlichkeit, die mich vieles über Selbsthilfe lehrte. Das, liebe Christina, sind meine Gedanken zur gelingenden Zusammenarbeit. Ich bin nun sehr gespannt auf Deine Überlegungen dazu! Herzliche Grüße Barbara Liebe Barbara Theoretisch bin ich mit Deinem Bild der Kreise und der Schnittmenge völlig einverstanden. Dein Modell der gemeinsamen Schnittfläche ist für mich das Modell jeder fachlichen Zusammenarbeit in meinem beruflichen Kontext. In unserer Beziehung habe ich nie Probleme geortet, im Gegenteil, unsere Zusammenarbeit gab mir die Möglichkeit, viel über geistige Behinderung, die Ausbildung in der Heilpädagogik etc. zu lernen und ein bisschen zu verstehen. Ich schätze es sehr, dass Du in Deinen Lehrveranstaltungen neben den theoretischen Ansätzen auch aktiv den Kontakt zu betroffenen Menschen suchst und diese als Experten zu Deinen Studierenden sprechen lässt. Ein Unbehagen empfinde ich am ehesten im Umgang mit Fachleuten in meinem eigenen Fachgebiet. Kann es sein, dass diese in ihrem beruflichen Rahmen sehbehinderte Menschen als Klienten und Klientinnen sehen, und dass es ihnen schwer fällt, mit diesen plötzlich als Kolleg/ innen gleichberechtigt zusammenzuarbeiten? Kann es sein, dass sie sich ihren Klienten und Klientinnen, die sie zu einem neuen Leben mit Behinderung befähigen sollen, überlegen fühlen? Oder fühlen sie sich in ihrer eigenen Fachkompetenz bedroht, wenn jemand, der aufgrund seiner Behinderung normalerweise zu den Klienten gehört, plötzlich ein Berufskollege und Konkurrent wird? Dieses Unbehagen ist nicht nur in meinem Bereich anzutreffen, ich habe ähnliche Aussagen auch von Menschen mit anderen Behinderungen schon mehrfach gehört. Damit sind wir bei Einstellungen gegenüber Behinderung, einem Thema, das sicher wert wäre, wieder einmal wissenschaftlich aufgearbeitet zu werden. Eine ähnliche Wertung gibt es auch innerhalb der Behindertenszene: Man kann eine Art von Hierarchie der beruflichen Integration ausmachen. Eine Anstellung in der freien Wirtschaft genießt das höchste Ansehen, eine Anstellung innerhalb von Organisationen der eigenen Behinderung wird, extrem gesagt, als eine Anstellung in der „geschützten Werkstatt“ empfunden, und das tiefste Ansehen genießt wohl die echte geschützte Werkstatt. Liegt in dieser unausgesprochenen Haltung der Grund, warum so wenige behinderte und gut qualifizierte Fachleute im Feld der eigenen Behinderung arbeiten? Erinnerst Du Dich, dass dies ein Thema war, das uns gemeinsam vor vielen Jahren bereits interessierte, und dass wir schon damals der Meinung waren, eine Grundlagenarbeit über Einstellungen (auch unbewusste) und berufliche Eingliederung behinderter Menschen sei (wieder einmal) notwendig? Was meinst du, könnte dies ein Thema für unser nächstes Treffen sein? Liebe Grüße Christina Christina Fasser Retina Suisse Ausstellungsstrasse 36 CH-8005 Zürich Tel.: ++41 (0)1 444 10 77 Fax: ++41 (0)1 444 10 70 E-Mail: cfasser@e-link.ch www.retina.ch / www.retina-international.org PD Dr. phil. Barbara Jeltsch-Schudel Lehr- und Forschungsrätin Leiterin der Abteilung Klinische Heilpädagogik und Sozialpädagogik Heilpädagogisches Institut der Universität Freiburg Petrus-Kanisius-Gasse 21 CH-1700 Freiburg Tel.: ++41 (0)26 300 77 00 / 39 Fax: ++41 (0)26 300 97 49 E-Mail: barbara.jeltsch@unifr.ch Betroffenheit - Hilfe oder Hindernis in der professionellen Arbeit? 251 VHN 3/ 2005
