Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete
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0017-9655
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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2005
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Mein „perfektes“ Kinder-/Sonderschulheim - eine Vision!?
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Corinne Marty
Christina Bleuer
Liebe Christina, nach unserem Treffen habe ich mir sogleich Gedanken darüber gemacht, wie für mich das „perfekte“ heilpädagogische Kinder-/Sonderschulheim in einzelnen Punkten auszusehen hätte:
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Liebe Christina Nach unserem Treffen habe ich mir sogleich Gedanken darüber gemacht, wie für mich das „perfekte“ heilpädagogische Kinder-/ Sonderschulheim in einzelnen Punkten auszusehen hätte: Als erstes erachte ich es als wichtig zu klären, welches Klientel ich ansprechen möchte. In meinem Fall sind dies Vorschulkinder/ Schulkinder mit einer mehrfachen geistigen und körperlichen Behinderung. Meine Arbeit mit den Kindern möchte ich nach dem Normalisierungsprinzip von Bengt Nirje (1994 a) gestalten. Arbeiten nach dem Normalisierungsprinzip bedeutet (ich zitiere Nirje [1994 b, 143]), „dass man recht handelt, wenn man für alle Menschen mit geistigen oder anderen Beeinträchtigungen oder Behinderungen Lebensmuster und alltägliche Lebensbedingungen bereitstellt, welche den gewohnten Verhältnissen und Lebenszuständen jeder Gemeinschaft oder ihrer Kultur entsprechen oder ihnen so nahe wie möglich angepasst sind“. Was heisst das nun in Bezug auf die folgenden sieben Punkte? • Normaler Tagesablauf Dies bedeutet für Nirje (1994 a), morgens aufzustehen, sich anzuziehen und an Betätigungen teilzunehmen. Zum normalen Tagesablauf gehören nach Nirje auch Mahlzeiten, welche unter normalen Umständen eingenommen werden. Dies beinhaltet ein familiäres Umfeld, eine ruhige Atmosphäre, Harmonie, Zufriedenheit, Gemeinschaft und Begegnung. Für Nirje gehören Abweichungen auch von den üblichen Essenszeiten und das Essen in Gruppen zu normalen Umständen. Als wichtig beurteile ich, dass dieser normale Tagesablauf die Bedürfnisse jedes einzelnen Menschen berücksichtigt. Es muss also auch die Möglichkeit bestehen, Ausnahmen zu machen sowie gelegentlich aus der Routine der übrigen Gruppe auszubrechen. Im Weiteren sollen die Kinder am Abend nicht früh schlafen gehen, „nur weil sie behindert sind und es nicht genügend Personal hat“ (Nirje 1994 a, 182). In „meinem“ visionären Kinderheim/ Schulheim ist es mir ein Anliegen, dass die Lebensbereiche Essen und Schlafen voneinander getrennt sind. Der „Durchschnittsbürger“ isst ja in der Regel auch nicht im Schlafzimmer. Wich- 335 Mein „perfektes“ Kinder-/ Sonderschulheim - eine Vision! ? Corinne Marty Stansstad Christina Bleuer Engelburg Dialog Im folgenden Briefwechsel tauschen für einmal nicht eine wissenschaftlich tätige und eine in der Praxis stehende Person ihre Gedanken und Einsichten aus. In diesem Dialog geben wir das Wort zwei Studierenden der Heilpädagogik, die sich aufgrund ihrer Eindrücke und Erfahrungen während ihres Jahrespraktikums in einem Kinderheim bzw. einem Sonderschulheim Gedanken über ihr „ideales“ Heim gemacht haben und im Folgenden ihre Erkenntnisse und Einsichten austauschen. VHN, 74. Jg., S. 335 -341 (2005) © Ernst Reinhardt Verlag München Basel tig ist, dass auch Kinder, die sich mit dem Rollstuhl fortbewegen, die Möglichkeit bekommen, an der Tischrunde teilzunehmen. Die Mahlzeit wird mit einem Ritual eröffnet. Zudem ist es schön, wenn die Kinder ab und zu beim Kochen zuschauen oder gar mithelfen können, um zu verstehen, woher ihr Essen kommt. Den Tisch möchte ich mit selbst gebastelten Dingen (wie z. B. Tischset) schmücken. Dies hilft den Kindern, ihren Esstisch und somit ihren Essplatz selbst zu finden und zu erkennen. Über den Mittag wird eine kurze Ruhepause von ungefähr einer Stunde eingelegt. In dieser Stunde sollen sich die Kinder entspannen und ein wenig für sich sein. Kinder, welche nicht schlafen wollen, sollen die Möglichkeit bekommen, eine Kassette zu hören oder ein Bilderbuch anzuschauen. Am Abend gestalte ich die Bettzeit flexibel. Ich gestatte jedoch den älteren Kindern, länger aufzubleiben als den jüngeren. Das zu Bett-Gehen verbinde ich wieder mit einem Ritual. Das Kind soll mit dem Betreuer/ der Betreuerin den Tag beenden (z. B. mit einer Gute-Nacht-Geschichte). • Normaler Wochenablauf Oft ist es so, dass in Heimen Freizeit- und spezielle Therapieangebote unter demselben Dach stattfinden. Betrachtet man den Alltag der Mehrheit der Menschen ohne Behinderung, so finden ihre Freizeitaktivitäten und ihre Arbeit meist nicht im gleichen Haus statt. Nirje (1994 a) schlägt vor, dass Freizeit- und Therapieangebote möglichst gemeindenah einzurichten sind. Für die Kinder im Heim kann es positiv sein, wenn ihre Therapiestunden nicht in ihrem „Zuhause“ stattfinden. Durch Aktivitäten außerhalb ihres „Daheims“ kommen sie in Kontakt mit anderen Kindern. Meist ist es jedoch schwierig, auswärtige Therapiestunden zu organisieren. Voraussetzung hierzu ist ein Betreuungsschlüssel, der dies ermöglicht. Therapiestunden außerhalb des Hauses können jedoch auch mit enormem Stress für das Kind verbunden sein. Ich denke, es ist auch hier von Vorteil abzuwägen, mit welchen Kindern es Sinn macht, Therapiestunden außerhalb der Institution zu besuchen. • Normaler Jahresablauf Darunter versteht Nirje (1994 a) die Einhaltung von Feiertagen und Ferien. Sonntage sollen als Feiertage betrachtet werden. Die Kinder sollen spüren, dass es Sonntag ist, indem sie zum Beispiel länger den Pyjama anbehalten können oder indem das Mittagessen ausgelassen und „gebruncht“ wird. Besondere Feiertage sollen mit passenden Ritualen gefeiert werden. • Normale Erfahrungen eines Lebenszyklus Gerade bei der Arbeit mit Kleinkindern ist es mir ein Anliegen, dass zwischen den Kindern und dem Personal viel Wärme und Kontakt ermöglicht wird. Im Weiteren ist der Austausch mit den Eltern sehr wichtig. Es ist bedeutsam, dass dem Kind zu jedem Zeitpunkt angemessene Entwicklungsstützen angeboten werden, damit es so nahe wie möglich an die „normalen“ Entwicklungsschritte herangeführt werden kann. Um diese Entwicklungsschritte zu erreichen, erachte ich den Einsatz von Förderplanung als unerlässlich. Dabei werden Ziele vereinbart. Diese Ziele sollen nach einer festgelegten Zeitspanne im Team evaluiert werden. Von Bedeutung bei der Planung ist es, dass mehrere Betreuer/ innen miteinander die Ziele aufstellen, da bei deren Bestimmung sehr viel an eigenen Werten des einzelnen Betreuenden mit einfließt. Das gemeinsame Ausarbeiten der Ziele regt die Betreuenden zudem zum Reflektieren ihrer eigenen Werte an. Zu den normalen Erfahrungen des Lebenszyklus gehört auch die Einschulung mit sechs Jahren. Da interne Schulplätze für Kinder mit einer mehrfachen Behinderung begrenzt vorhanden sind, ist es sinnvoll, die Eltern schon früh auf die Einschulung ihrer Kinder anzusprechen. Der Betreuer/ die Betreuerin soll im Gespräch die verschiedenen Schulungsmöglichkeiten aufzeigen und die Eltern, wenn gewünscht, bei ihrer Entscheidung unterstützen. Corinne Marty, Christina Bleuer 336 VHN 4/ 2005 • Normaler Respekt Die Wünsche und Bedürfnisse der Kinder müssen berücksichtigt werden. Es können sicherlich nicht alle Bedürfnisse der Kinder erfüllt werden, sie sollen jedoch im Rahmen ihrer Möglichkeiten in Entscheidungsprozesse miteinbezogen werden. Dadurch werden ihre Wünsche und Bedürfnisse sichtbar. So sollen Kinder zum Beispiel mitentscheiden können, was sie anziehen wollen. • In zweigeschlechtlicher Welt leben Zusammenleben von Mädchen und Buben entspricht den üblichen Umständen. Durch das Mischen der Kinder steigt die Bereitschaft zum sozialen Lernen. Dieser Punkt ist jedoch schwer beeinflussbar. • Normale Umweltbedingungen Der Standard der Wohnheime soll sich am Maßstab dessen messen, „was dem gewöhnlichen Bürger in seiner Gesellschaft geboten wird“ (Nirje 1994 a, 194). Nirje findet, dass ein Zusammenhang zwischen der Größe einer Einrichtung und der Aufenthaltsdauer hergestellt werden soll. Denn wenn jemand längerfristig an einem Ort bleibt, ist es wertvoll, wenn dort die Möglichkeit geboten wird, sich zurückziehen zu können und sich auch ein ruhiges „Zuhause“ einzurichten. Aufgrund dieser Erläuterungen sollten Kinder nicht mit mehreren Kindern ein Zimmer teilen müssen. Wenn dies nicht realisierbar ist, sollen Trennwände als Abgrenzung zu den anderen Betten dienen. Dadurch wird ein wenig Privatsphäre möglich. Ideal ist auch, wenn Kinder mit ähnlichem Schlafverhalten im gleichen Zimmer wohnen. Bei Kindern mit unregelmäßigem Heimaufenthalt soll darauf geachtet werden, dass sie immer wieder im gleichen Bett/ Zimmer übernachten können. Dies sind einige Grundideen, welche mir vorschweben. Mich würde es interessieren, was du dazu denkst. Hättest du noch einige Anregungen für mich? Liebe Grüsse Corinne Liebe Corinne Vielen Dank für deinen ersten Brief. Ich fand deine Gedanken, wie ein „perfektes“ Heim auszusehen hat, sehr interessant und anregend. Im Folgenden versuche ich nun, zu den einzelnen Punkten meine Gedanken und Erfahrungen, die ich in meinem Schulheim mache, hinzuzufügen. Wie du erwähnt hast, ist das Normalisierungsprinzip ein unabdingbares Orientierungsprinzip in der sozialen und pädagogischen Arbeit mit Menschen mit einer Behinderung. Dieses Prinzip in unserer alltäglichen Arbeit umzusetzen, sehe ich als wichtige Aufgabe von uns Heilpädagog/ innen. Dies beginnt für mich schon damit, dass das Kind einen normalen Tagesablauf hat. • Normaler Tagesablauf/ Schultag Als wichtiges Anliegen beschreibst du die Trennung der Lebensbereiche von Essen und Schlafen. Darüber hinaus sollte meiner Meinung nach auch eine Trennung zwischen Wohn- und Schulbereich stattfinden. Damit das Kind den Unterschied zwischen Zuhause/ Wohngruppe und Schule intensiv und klar wahrnehmen kann, ist es wichtig, dass es einen „Schulweg“ hat. Denn jedes Kind, das die Regelschule oder den Kindergarten besucht, hat seinen „Schulweg“. In unserem Heim haben auch die internen Kinder, die am Morgen nicht mit dem Taxi zur Schule gebracht werden, einen „Schulweg“. Wir benützen nicht die internen Wege von der Wohngruppe zur Schule, sondern verlassen mit dem Kind das Wohngebäude, um zum Schultrakt zu gelangen. Auch das Zusammensitzen beim „Znüni“ und „Zvieri“ empfinde ich als einen wichtigen Bestandteil des gemeinsamen Schultages. Dabei finde ich es sehr bedeutungsvoll, dass auch die Kinder, die mit einer Sonde ernährt werden, stets mit am Tisch sind, damit auch sie die Essgemeinschaft miterleben können. Mein „perfektes“ Kinder-/ Sonderschulheim 337 VHN 4/ 2005 Deine Beschreibung der Mittagsruhe ist fast identisch mit der Situation in unserem Heim. Aufgrund meiner Erfahrungen überzeugt mich diese Art der Durchführung. Denn meiner Meinung nach ist es notwendig, dass den Kindern auch einmal Zeit für sich zur freien Verfügung steht. • Normaler Wochenablauf Deine Beschreibung, dass Therapien außerhalb des Heimes stattfinden sollten, finde ich auch sehr wünschenswert. In unserem Heim ist dies jedoch nicht umsetzbar, da die Kinder während des Tages viele verschiedene Therapien besuchen. Müssten sie jedes Mal das Schulheim verlassen, wäre das für die Kinder ein zu großer Stress. Darum ist in unserem Fall ein internes Therapieangebot sinnvoller. Beide Möglichkeiten finde ich sehr gut. Je nach Standort und Bewohner des Heimes sowie den individuellen Bedürfnissen des Kindes ist die richtige Wahl zu treffen. • Normaler Jahresablauf In unserem Heim wird vor allem Wert darauf gelegt, dass große Feste wie Weihnachten, „Samichlaus“, Geburtstage usw. zusammen gefeiert werden. Die Wochenenden und die Ferien werden auf den Wohngruppen mit Ausflügen, Kinobesuchen und Ferienlagern gestaltet. Wird nach dem Normalisierungsprinzip gelebt, sind solche Angebote meiner Meinung nach in allen Heimen unerlässlich. Die restlichen Gedanken, die du dir gemacht hast, decken sich fast gänzlich mit den meinen. Du erwähnst Punkte wie z. B. Förderplanung, Selbstbestimmung der Kinder, Berücksichtigung der individuellen Bedürfnisse und der Privatsphäre des Kindes. Dies sind grundlegende Prinzipien, die in der Durchführung in einem Heim, das nach dem Normalisierungsprinzip arbeiten möchte, unentbehrlich sind. Verstöße gegen das Normalisierungsprinzip? Wer trägt die Verantwortung? Wie werden diese Abweichungen begründet? Was können wir als Heilpädagogen zur Verbesserung der Situation beitragen? Ich hoffe, diese Fragen und Antworten regen uns zum Nachdenken und Diskutieren an. Ich freue mich auf deine Vorschläge. Liebe Grüsse Christina Hallo Christina In deinem Schulheim scheint das Normalisierungsprinzip schon in mancher Hinsicht realisiert zu sein. Die Idee mit dem Schulweg für die internen Schüler spricht mich sehr an. Zudem zeigt mir dein Brief auf, dass das Arbeiten nach dem Normalisierungsprinzip durchaus möglich ist. In „meinem“ Kinderheim/ Schulheim wird das Normalisierungsprinzip im Leitbild verankert sein. Damit die Durchführung gesichert ist, müssen alle Mitarbeitenden über das Normalisierungsprinzip informiert sein und dieses auch verstehen. Die Leitung selbst soll optimale Rahmenbedingungen zu dessen Realisierung schaffen. Du sprichst in deinem Brief von Verstößen gegen das Normalisierungsprinzip und deren Kontrollmöglichkeiten. Hier appelliere ich an das Selbstverantwortungsgefühl der Mitarbeiter/ innen. Jeder soll sich verpflichtet fühlen, danach zu arbeiten und andere auf Verbesserungsmöglichkeiten aufmerksam zu machen. Dabei ist es mir wichtig, dass den Mitarbeitenden sehr viele Kompetenzen übertragen werden und dass sie vieles in der Gruppe selbst entscheiden können. Die Leistungen des Heims werden durch das Qualitätsmanagement (QM) sichtbarer. Dieser Leistungsnachweis ermöglicht finanzielle Unterstützung vom Kanton/ Bund. Meines Erachtens ist es die Aufgabe eines Beamten/ einer Beamtin, die Leistungen der Institutionen zu kontrollieren. In den Gruppen ist es mir ein großes Anliegen, dass das Team aus medizinischem und pädagogischem Personal besteht. Dadurch ist Corinne Marty, Christina Bleuer 338 VHN 4/ 2005 eine optimale Versorgung der Kinder gewährleistet. Zudem soll wöchentlich eine Teamsitzung stattfinden. Im Weiteren werden Kinderbesprechungen, Supervisionen der einzelnen Teams und interne Kurse durchgeführt. Eine gute Idee fände ich auch, dass Mitarbeiter/ innen kurze Vorträge über bestimmte (heimspezifische) Themen halten. Der Betreuungsschlüssel hat einen wichtigen Stellenwert in meinem Heim. Da Kinder mit schwerer und leichter Behinderung zusammen auf der Gruppe leben, erwäge ich die Betreuung von 1,5 Kindern durch einen Betreuer/ eine Betreuerin als sinnvoll. Auf diese Weise soll bis nach dem Mittagessen gearbeitet werden. Nach der Mittagsmahlzeit kommen weitere Mitarbeiter/ innen hinzu, damit - je nach Gruppenzusammensetzung - eine 1 : 1-Betreuung ermöglicht wird. Dadurch kann auf die individuellen Bedürfnisse der einzelnen Kinder eingegangen werden. So können am Nachmittag diverse Aktivitäten unternommen werden. Gegen Abend verlässt der Frühdienst die Arbeitsstelle, und der Betreuungsschlüssel wird analog zu jenem am Morgen sein. Mich interessiert, wie der Betreuungsschlüssel in deiner Klasse aussieht. Zudem bin ich gespannt, was du zu den verschiedenen Punkten denkst. Viele liebe Grüsse Corinne Liebe Corinne Deine Ausführungen über das Normalisierungsprinzip und dessen Einbindung in das Leitbild einer Institution finde ich sehr gut. Doch für mich ist es eigentlich klar, dass in der heutigen Zeit in jeder Institution dieses Prinzip bekannt sein und darüber hinaus auch umgesetzt werden sollte. Wenn in einer Institution genügend adäquat ausgebildetes Fachpersonal angestellt ist, ist es meiner Meinung nach fast unmöglich, dass nicht nach dem Normalisierungsprinzip gearbeitet wird. Du erwähnst in deinem Brief auch das QM. In meiner Institution findet zurzeit die Umstrukturierung für das QM statt. Ich habe in meinem Vorpraktikum das Schulheim noch ohne QM-Reglement erlebt, inzwischen wurde diese Neuerung eingeführt. Die neue Regelung hat nach meiner kurzen Erfahrung nicht nur positive Seiten. Einerseits ergeben sich klarere Strukturen, Abläufe, genauere Kontrollen und eine bessere Gesamtübersicht. Andererseits findet aber infolge des umfangreichen Papierkrieges und der zahlreichen Formulare das Zwischenmenschliche kaum noch Platz. Jede „Kleinigkeit“ muss mit einem entsprechenden Formular eingereicht werden. Dadurch entsteht in manchen Dingen eine große Unsicherheit und Verwirrung. Der Kontakt zwischen den Mitarbeitenden wird durch die strikte Einhaltung der Dienstwege sehr stark eingeschränkt und zum Teil sogar verhindert. Die einzelnen Bereiche werden viel stärker voneinander getrennt, indem jeder Aufgabenkreis seine eigenen Vorschriften erhält und auch versucht, diese ohne ausreichende Absprache durchzusetzen. Das kann dazu führen, dass sich die einzelnen Bereiche (bei uns liegt das Problem beim Küchenteam) viel zu wichtig nehmen und sich über die Bedürfnisse der Kinder hinwegsetzen. Daraus entstehen Spannungen zwischen den verschiedenen Bereichen. In unserem Schulheim wird die tägliche medizinische Betreuung durch eine ausgebildete Kinderkrankenschwester vollständig abgedeckt. Jeden Mittwoch kommt sogar unser „Heimarzt“ auf Visite. Dies bietet uns die Gelegenheit, ein Kind, das während der Woche gesundheitliche Auffälligkeiten zeigt, sofort auf den Visitenplan zu setzen. Meiner Meinung nach genügt diese medizinische Betreuung. Weiter finde ich es wichtig, dass auch die Betreuer allgemeine und spezifische Kenntnisse über die medizinische Versorgung, speziell auch für das zu betreuende Kind, haben. Bei uns werden diesbezüglich regelmäßig Fort- und Weiterbildungen des Fachpersonals durchgeführt. Mein „perfektes“ Kinder-/ Sonderschulheim 339 VHN 4/ 2005 Bezüglich der Frage nach dem Betreuungsschlüssel: In unserem Heim betreuen wir zu dritt fünf Kinder. Beim Essen sorgt sich jeder Mitarbeiter/ jede Mitarbeiterin um ein Kind. Während den Tagesaktivitäten beschränkt sich die Betreuung nicht nur auf ein Kind, denn es wird viel gemeinsam gemacht, und jeder packt da an, wo es notwendig ist. Dazu ist zu bemerken, dass dieser Betreuungsschlüssel für den Schulbereich gilt. Um zu beschreiben, wie er auf der Gruppe gilt, fehlt mir leider die Erfahrung. Ich hoffe, dass ich dir weitere Aufschlüsse und Anregungen geben konnte. Ich freue mich auf deinen nächsten Brief. Mit lieben Grüssen Christina Liebe Christina Meine Erfahrungen bei der Arbeit mit dem QM unterscheiden sich ein wenig von deinen. Ich stimme mit dir überein, dass die Umsetzung zum Teil wirklich ein Papierkrieg ist. Jedoch überwiegen für mich die positiven Seiten des QM wie Transparenz, Kontrollen und klare Strukturen, um ein professionelles Arbeiten anzustreben. In unserem Briefwechsel habe ich das Thema Räumlichkeiten nur kurz gestreift und meist nur aufgezählt, wie es nicht sein sollte. Dabei ist die Raumgestaltung ein wichtiger Punkt beim Aufbau eines „perfekten“ Kinder- und Schulheimes. Ein Klassenraum oder ein Spielzimmer sollte für mich immer einen Ort des Rückzuges anbieten. Dies kann eine Sofaecke oder ein kleines Häuschen mit einer Matratze sein. Somit haben die Kinder die Möglichkeit, sich in eine abgelegene Ecke zurückzuziehen. Im Weiteren erachte ich einen Tisch als wichtig, an dem alle einen Platz finden und somit Blickkontakt zueinander aufnehmen können. So kann sich die Lehrperson mit mehreren Kindern gleichzeitig beschäftigen, und die Kinder selbst können miteinander interagieren (Dank 1996). Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Möblierung des Zimmers. Es sollten Schränke vorhanden sein, welche die Kinder selber öffnen und ihr gewünschtes Spielzeug selbst herausnehmen können. Beim Tisch achte ich darauf, dass er höhenverstellbar ist. Auch sollten die Möbel die Kinder farblich ansprechen. Rot, blau, gelb und grün fände ich schöne kräftige Farben, welche in den Räumen aufgenommen werden sollten. Der Waschraum sollte rollstuhlgängig sein, und die Toiletten selbst sollten den individuellen Bedürfnissen angepasst werden können (z. B. kleinerer WC-Ring …). Ein Wickeltisch ist ein absolutes Muss. Dieser soll, wie der Tisch, höhenverstellbar sein, damit ihn die Betreuer ihrer Größe anpassen können. Wichtig ist zudem die Tagesgestaltung und die Wochenplanung. Ich denke, dass ein strukturierter Tagesablauf für die Kinder wichtig ist. Ich schaue darauf, dass an den einzelnen Wochentagen immer wieder das Gleiche angeboten wird. Es sollen aber auch Tage oder Nachmittage frei sein, welche ein individuelles Programm ermöglichen. Auch der Tagesablauf sollte gleich gestaltet sein, klar strukturiert durch einen Anfang und ein Ende. Ich bin gespannt, ob du mir noch weitere Vorschläge hast. Liebe Grüsse Corinne Liebe Corinne Du erwähnst in deinem letzten Brief die Wichtigkeit der Räumlichkeiten und deren Gestaltung. Auch ich bin der Meinung, dass dies für die Pflege, Betreuung und Förderung der behinderten Kinder von großer Bedeutung ist. In dieser Hinsicht mache ich sehr gute Erfahrungen, denn unser erst fünfjähriger Neubau verfügt über eine sehr gute und den Kindern mit ihren individuellen Behinderungen angepasste Infrastruktur. Corinne Marty, Christina Bleuer 340 VHN 4/ 2005 Unser Klassenraum ist so groß, dass neben den Arbeitsplätzen der sechs Kinder, die alle einen Rollstuhl benützen, noch genügend Bewegungsraum für gemeinsame Aktivitäten vorhanden ist. Für jedes Klassenzimmer steht unterschiedliches Mobiliar zur Verfügung, das uns erlaubt, den Klassenraum den individuellen Bedürfnissen unserer Kinder anzupassen (z. B.: Rückzugsmöglichkeiten, Kuschelecke, Sofaecke usw.). Weiter ist in unserem Klassenraum eine kleine Kochnische mit Backofen, Kochplatte, Kühlschrank und einer Abwaschmöglichkeit integriert. Dies bietet uns natürlich auch die Gelegenheit, mit den Kindern alltägliche Verrichtungen wie Kochen, Backen und Abwaschen durchzuführen. Jedes Klassenzimmer hat eine integrierte Nasszelle. In diesem Raum haben wir eine große, in der Höhe verstellbare Liege zum Wickeln. Weiter hat es zwei Toiletten, abgetrennt für die Kinder und die Betreuenden. Zu jedem Klassenzimmer gehört auch ein großer halb gedeckter Balkon, den man zu jeder Jahreszeit mit den Kindern nutzen kann. Man kann so mit ihnen die verschiedenen Jahreszeiten erleben, im Sommer baden, im Winter einen Schneemann bauen, im Herbst Blätter sammeln und im Frühling Blumen pflanzen. Einen großen Vorteil bietet uns auch der Standort unserer Schule. Das Schulheim grenzt an ein Wohnquartier und an eine landwirtschaftliche Zone, d. h., wir können mit den Kindern einkaufen, spazieren, den Bauernhof besuchen und den Wald genießen. Dieser Standort bietet uns verschiedene Möglichkeiten zur Integration. Meiner Meinung nach ist es wichtig, dass auch dieser Punkt beim Bau eines Behindertenheimes berücksichtigt wird. Während der Schulwoche gibt es bei uns verschiedene „Termine“, die genau nach Stundenplan eingehalten werden. Am Montag kochen wir gemeinsam den „Zvieri“, am Dienstagmorgen gehen wir baden, am Mittwochmorgen reiten, donnerstags gibt es Snoezelen, und am Freitagmorgen singen wir mit einer anderen Klasse zusammen. Natürlich sind auch die Therapien der Kinder fester Bestandteil der täglichen Planung. Die restliche Zeit gestalten wir individuell nach verschiedenen Themen, Jahreszeiten und Bedürfnissen der Kinder. Wie du siehst, kann ich dir keine grundsätzlich neuen Vorschläge zu deinen Vorstellungen bezüglich der Räumlichkeiten und deren Gestaltung geben. Dies liegt wahrscheinlich daran, dass sich unser Schulheim in diesen Punkten sehr stark am Konzept von Susanne Dank orientiert. Ich hoffe, ich konnte mit meinen Beispielen aus der Praxis deine Vorstellungen bestärken. Herzliche Grüsse Christina Literatur Dank, Susanne (1996): Individuelle Förderung Schwerstbehinderter. Konkrete Beispiele, Programme, Übertragungsmöglichkeiten. 5. Aufl. Dortmund: vml Nirje, Bengt (1994 a): Das Normalisierungsprinzip. In: Fischer, U.; Hahn, M.; Klingenmüller, B.; Seifert, M.: Experten-Hearing 1993. Wohnen im Stadtteil für Erwachsene mit schwerer geistiger Behinderung. Reutlingen, 175 - 202 Nirje, Bengt (1994 b): Zur Geschichte des Normalisierungsprinzips. In: Fischer, U.; Hahn, M.; Klingenmüller, B.; Seifert, M.: Wista. Experten- Hearing 1993. Wohnen im Stadtteil für Erwachsene mit schwerer geistiger Behinderung. Reutlingen, 141 - 174 Corinne Marty Zielmatte 15 CH-6362 Stansstad corinnemarty@hotmail.com Christina Bleuer Kreuzstrasse 21 CH-9032 Engelburg christina.bleuer@bluewin.ch Mein „perfektes“ Kinder-/ Sonderschulheim 341 VHN 4/ 2005
