Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete
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0017-9655
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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2007
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Wege entstehen im Gehen - Zugänge junger Männer zu sonderpädagogischen Studiengängen
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2007
Inken Tremel
Sebastian Möller
Die Geschlechterverhältnisse in der Sonderpädagogik haben eine dramatische Entwicklung genommen: Während die Anzahl der Jungen mit Lern- und Verhaltensschwierigkeiten steigt, sinkt der Anteil männlicher Sonderpädagogen. Vor diesem Hintergrund wurde an der Universität Dortmund untersucht, welche Beweggründe junge Männer heute dazu veranlassen, ein Studium der Sonderpädagogik/Rehabilitationswissenschaften zu ergreifen. Der Weg zu diesem Studium verläuft auf Umwegen, ist durch Anstöße, aber auch durch Widerstände aus den verschiedenen Lebensbereichen gekennzeichnet. Auf der Basis der Forschungsergebnisse (40 qualitative Interviews) werden Überlegungen angestellt, wie sich der Anteil männlicher Sonderpädagogen durch gezielte bildungspolitische Maßnahmen erhöhen lässt.
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35 Ausgangslage „Jungen brauchen im Kindergarten und in der Grundschule […] mehr und moderne Männer, mit denen sie sich auseinander setzen können, die ihnen real - und nicht medial - verschiedene Wege erfolgreicher und stimmiger Männlichkeiten zeigen“ fordert der Integrationspädagoge Ulf Preuss-Lausitz (2005, 230) als eine Maßnahme auf dem Weg zu einer jungenfreundlichen Schule. Ausgangspunkt für diesen Ansatz - der nur einen unter zahlreichen anderen darstellt - ist der öffentliche Diskurs über Leistung und Sozialverhalten von Jungen in Zeiten von Studien wie PISA und IGLU. Statistisch belegt Preuss-Lausitz (vgl. 2005, 224f), dass Jungen im Vergleich zu Mädchen - öfter bei der Einschulung zurückgestellt werden, - häufiger eine Klasse wiederholen, - häufiger auf eine Sonderschule überwiesen werden, - seltener einen qualifizierten Schulabschluss haben und - in ihrem Verhalten insgesamt öfter als auffällig beschrieben werden. 35 Wege entstehen im Gehen - Zugänge junger Männer zu sonderpädagogischen Studiengängen Inken Tremel, Sebastian Möller Universität Dortmund ■ Zusammenfassung: Die Geschlechterverhältnisse in der Sonderpädagogik haben eine dramatische Entwicklung genommen: Während die Anzahl der Jungen mit Lern- und Verhaltensschwierigkeiten steigt, sinkt der Anteil männlicher Sonderpädagogen. Vor diesem Hintergrund wurde an der Universität Dortmund untersucht, welche Beweggründe junge Männer heute dazu veranlassen, ein Studium der Sonderpädagogik/ Rehabilitationswissenschaften zu ergreifen. Der Weg zu diesem Studium verläuft auf Umwegen, ist durch Anstöße, aber auch durch Widerstände aus den verschiedenen Lebensbereichen gekennzeichnet. Auf der Basis der Forschungsergebnisse (40 qualitative Interviews) werden Überlegungen angestellt, wie sich der Anteil männlicher Sonderpädagogen durch gezielte bildungspolitische Maßnahmen erhöhen lässt. Schlüsselbegriffe: Männer in Frauenberufen, Geschlechterverhältnisse, Geschlechterforschung, doing gender ■ Our Paths Evolve from Walking -Approaches of Young Male Students to Study Courses in Special Education Summary: The proportions of male and female students in special education study courses have taken a dramatic devolution. As the number of boys with learning and behaviour disorders is increasing, the number of male special educators is decreasing. This is the background of a research project at the University of Dortmund, which analyses the motives of young men to choose a program of studies in special education and/ or rehabilitation sciences. The path to this course of studies is often quite circuitous, it is characterised by a number of impulses and antagonisms resulting from different spheres and phases of life. Based on the outcomes of 40 qualitative interviews, the authors debate the possibilities to increase the number of male students in special educational courses of studies by means of specific measures of education policy. Keywords: Men choosing careers for women, gender ratio, gender research, doing gender VHN, 76. Jg., S. 35 -45 (2007) © Ernst Reinhardt Verlag München Basel Fachbeitrag Dementsprechend besteht die Schülerschaft an deutschen Förderschulen zu ca. zwei Dritteln aus Jungen - verstärkt in den Förderschwerpunkten Emotionale und soziale Entwicklung (Jungenanteil 86 %) sowie Sprache (71 %). Umgekehrt betrug aber der durchschnittliche Männeranteil unter den Lehrkräften an Förderschulen im Jahr 2000 mit 27,2 % nur ein gutes Viertel und hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten deutlich verringert (vgl. Tremel 2003, Tab. 1). Der folgende Artikel stellt einige Ergebnisse eines Forschungsprojektes an der Universität Dortmund 1 vor. In Kapitel 1 wird die theoretische Grundposition des Projekts skizziert und der Frage nachgegangen, warum Jungen Männer brauchen und wie sich demzufolge die Zielsetzung des Projekts begründet. In Kapitel 2 werden die statistischen Entwicklungen der Geschlechterverhältnisse in einzelnen sonderpädagogischen Arbeitsbereichen nachgezeichnet und mit aktuellen Studierendenzahlen abgeglichen. Dass die Professionsforschung insbesondere auf dem Gebiet der Geschlechterverhältnisse in pädagogischen Berufen einen blinden Fleck hat, zeigen wir in Kapitel 3. Kapitel 4 stellt Beweggründe junger Männer, ein sonderpädagogisches Studium aufzunehmen, dar. Im abschließenden Kapitel 5 werden mögliche bildungspolitische Maßnahmen erörtert, die der Erhöhung des Anteils männlicher (Sonder-) Pädagogen dienen könnten. 1 Jungen brauchen Männer - Bedingungen männlicher Sozialisation heute Überproportionales Auftreten von Leistungs- und Verhaltensproblemen bei Jungen (s. o.) wird in den letzten Jahren häufig damit begründet, dass Jungen und Mädchen in den ersten Lebensjahren weit gehend (nur) von Frauen erzogen würden und den Jungen deshalb gleichgeschlechtliche Vorbilder fehlten. Dazu bemerkt der Sozialpädagoge und Experte für Fragen der männlichen Sozialisation Lothar Böhnisch: „Väter kommen oft nur in Sondersituationen mit den Kindern zusammen, es fehlt die Alltagsidentifikation mit den väterlichen Schwächen und Stärken gleichermaßen“ (Böhnisch 2004, 139). Zusätzlich weist er darauf hin, dass die alleinige Autorität des Vaters im Zuge der gesellschaftlichen Modernisierungsprozesse ihre Funktion verloren habe und die Vaterrolle deshalb z. T. massiv entwertet worden sei. Außerdem würden immer mehr Jungen und Mädchen mit allein erziehenden Elternteilen aufwachsen, und dies seien überwiegend Mütter und nur selten Väter. Besonders im Kontext einer veränderten Sichtweise auf die Ordnung der Geschlechter, in der die Geschlechterzugehörigkeit nicht mehr als etwas natürlich Gegebenes, sondern vielmehr als eine soziale Konstruktion anzusehen ist (vgl. West/ Zimmerman 1991), wird auch Männlichkeit vermehrt als ein aktiver Konstruktionsprozess begriffen (vgl. Connell 2006). Da es für „heutige Jungen keine Selbstverständlichkeiten des ‚richtigen‘ Jungen oder Mannes mehr“ gibt (Preuss-Lausitz 2005, 229), steigt auf der einen Seite die Unsicherheit im Rahmen der individuellen Identitätsarbeit, auf der anderen Seite aber auch das Bewusstsein dafür, dass Jungen aufgeschlossene männliche Vorbilder brauchen: in der Familie, in Kindergärten, in Schulen und eben auch in Förderschulen. Für die Fragestellung unseres Projektes ist der Aspekt der sozialen Konstruktion von Geschlecht unter der Perspektive eines geschlechtersegregierten Arbeitsmarktes in zweifacher Hinsicht zu untersuchen: - Unter welchen Bedingungen entscheiden sich Männer für einen vornehmlich weiblich konnotierten Beruf? - Wie wird eine solche Entscheidung in ihre je individuelle Konstruktion von Männlichkeit integriert? (vgl. Heintz/ Nadai 1997; Rohrmann 2005). Gerade in Bezug auf die Vorbildfunktion für Jungen erscheint in diesem Zusammenhang das eigene „doing gender“ bzw. „doing masculinity“ als eine wichtige Kompetenz. Inken Tremel, Sebastian Möller 36 VHN 1/ 2007 2 Entwicklung der quantitativen Geschlechterverhältnisse Am Beispiel der quantitativen Geschlechterverhältnisse innerhalb der Lehrerschaft der verschiedenen Schulformen werden folgende Konstellationen und Tendenzen sichtbar: - Im Jahr 2000 waren die quantitativen Geschlechterverhältnisse unter den Lehrpersonen an Gymnasien und Hauptschulen mit einem Männeranteil von 51,8 % bzw. 46,9 % relativ ausgeglichen. - Insbesondere für die Grundschulen mit 17 % und die Sonderschulen mit 27,2 % ist eine deutliche Unterrepräsentanz von Männern zu konstatieren. - In allen vier untersuchten Schulformen hat sich der Männeranteil nicht nur in früheren Jahrzehnten, sondern auch in den letzten zehn Jahren deutlich verringert (vgl. Tremel 2003, Tab. 1). Die Daten zeigen: Je jünger die Schülerschaft und je individualisierter die Förderung, desto niedriger ist der Anteil männlicher Pädagogen an der jeweiligen Schulform. Auf der universitären Ausbildungsebene kann am Beispiel der Studierendenschaft der Sonderpädagogik/ Rehabilitationswissenschaften (Zeitraum 1980 - 2000) gezeigt werden, wie schnell sich die Geschlechterverhältnisse verändert haben: - 1980 waren bundesweit insgesamt 33,9 % der Studierenden dieses Fachbereichs Männer. Ihr Anteil verringerte sich bis 1990 auf 25,3 % und bis 2000 sogar auf 18,6 %. - Nur in einzelnen sonderpädagogischen Bereichen, zum Beispiel in der Blindenpädagogik mit 23,2 %; 22,5 %; 24,4 %, blieben die Geschlechteranteile etwa gleich. - Vor allem in den Bereichen, die in den Förderschulen stark überproportional von Jungen frequentiert werden, gab es folgende rückläufige Entwicklungen des Männeranteils in der Studierendenschaft: • in der Verhaltensgestörtenpädagogik von 34,7 % über 27,2 % auf 22,3 %; • in der Lernbehindertenpädagogik von 36,3 % über 28,0 % auf 23,8 %; • in der Sprachbehindertenpädagogik von 21,4 % über 10,6 % auf 11,2 % (vgl. Tremel 2003, Tab. 9). Obwohl diese Entwicklungen der Geschlechterverhältnisse sowohl an Grundals auch an Förderschulen mittlerweile von der Politik wahrgenommen werden, sind bisher keine konkreten bildungspolitischen Maßnahmen zu erkennen. Forderungen wie die des Sozialwissenschaftlers Klaus Hurrelmann: „Wir brauchen eine Männerquote, um das Geschlechterverhältnis so schnell wie möglich auszugleichen“ (taz, 20. 12. 2005, 2), mögen zwar die Diskussion beleben, sind jedoch nicht kritiklos zu übernehmen: - Bei Betrachtung der Geschlechterverhältnisse in pädagogischen Studiengängen stellt sich zunächst die Frage, welche Männer für diese Quote überhaupt in Frage kommen würden, solange sich nur ein geringer Teil beruflich auf diese Bereiche hin orientiert. - Außerdem ist es fraglich, ob eine rein arbeitsmarktorientierte Maßnahme die gewünschten Formen von Männlichkeiten in die Schule bringt. 3 Untersuchungen zur Studienwahl Sonderpädagogik Betrachtet man den Stand der Professionsforschung, die sich mit den Berufswahlmotiven von Sonderpädagog/ innen befasst, so stößt man nur auf wenige Studien (Bach 1966; Baier 1970; Studer 1985). Für unsere Untersuchung bieten diese jedoch im engeren Sinne keine Orientierung, denn - die Studien wurden vor mehr als 20 Jahren durchgeführt und gingen weitgehend von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen aus, die mit den heutigen nicht mehr vergleichbar sind; - die Studien basieren v. a. auf quantitativen empirischen Daten, d. h. sie enthalten keine Ergebnisse über die für unser Projekt re- Wege entstehen im Gehen 37 VHN 1/ 2007 levanten Subjektperspektiven für die Studienentscheidung des Einzelnen; - Untersuchungsanlage und Ergebnisdarstellung blenden die soziale Strukturkategorie Geschlecht aus, d. h. Berufswahlmotive werden nicht im notwendigen geschlechterspezifischen Zusammenhang gesehen. Zwei spätere quantitativ angelegte Studien (Berg 1997; Garlichs 2000) ermittelten die Studienmotive von Lehramtsstudierenden unterschiedlicher Schulformen der Universität Köln unter Berücksichtigung von Studierenden des Lehramts Sonderpädagogik. Da aber die Ergebnisse weder nach Studiengängen noch nach Geschlecht ausgewertet wurden, ist es nicht möglich, die spezifischen Studienmotivationen der uns interessierenden Personen zu identifizieren. Ebenso unbrauchbar für unsere Zielsetzung ist die Ost-West-Vergleichs-Studie „Berufswahl Sonderschullehrer“ (Worm 2002), da auch sie die Kategorie Geschlecht weder in der Untersuchungsanlage noch in der Ergebnisdarstellung berücksichtigt. Allein die Untersuchung „Studienmotive von Student/ innen der Sonderpädagogik, Ergebnisse einer wissenschaftlichen Untersuchung an der Universität Würzburg“ von Alfred Fries und Michaela Amrhein (2000) bietet eine Orientierung im engeren Sinne. Die Stichprobe bildet in etwa die Geschlechterverhältnisse an deutschen Universitäten ab, d. h. etwa ein Viertel der Befragten sind Männer. Für unsere Forschungsfrage sind folgende Ergebnisse dieser quantitativ ausgerichteten Fragebogenerhebung mit geschlossenen sowie offenen Fragen relevant: - „Eine vorherige Tätigkeit auf dem sozialen Sektor stellt ein sehr wesentliches Kriterium für die Wahl des Sonderpädagogikstudiums dar“ (vgl. Fries/ Amrhein 2000, 83). - Die Motive „Ausfüllender Beruf“, „Fachliches Interesse“ und „Umgang mit Menschen“ wurden von den Männern als weniger wichtig beurteilt als von den Frauen (vgl. a. a. O., 80). - Generell eher weniger wichtig, aber für die Männer wichtiger als für die Frauen waren die Aspekte „Aussicht auf viel Freizeit“, „Aussicht auf viel Urlaub“ und „Aussicht auf gutes Gehalt“ (vgl. ebd.). Als zentrales Ergebnis der angeführten Studien lässt sich demzufolge festhalten, dass praktische Erfahrungen in (sonder-)pädagogischen Handlungsfeldern - dabei für junge Männer insbesondere der Zivildienst - ein Hauptanstoß für die Studienwahl Sonderpädagogik sind. Offen bleibt, in welcher Weise sich derlei praktische Erfahrungen auf die Studienwahl auswirken und welche weiteren Aspekte dabei eine Rolle spielen. Aus diesem Grund sind für unsere Untersuchung folgende Fragen zentral: - Wie begründet der einzelne Student seine berufliche Orientierung aus der Summe seiner biografischen Erfahrungen/ Erlebnisse heraus? - Welche Aushandlungs- und Integrationsprozesse haben im Kontext dieser Studienwahl stattgefunden? Zu diesem Zweck wurden problemzentrierte Interviews (vgl. Witzel 1989) mit 40 männlichen Studierenden der Universität Dortmund durchgeführt. Die Stichprobe besteht jeweils zur Hälfte aus Studierenden des Lehramts Sonderpädagogik sowie des Diplomstudiengangs Rehabilitationswissenschaften. Die Befragten befanden sich zum Zeitpunkt der Erhebung zwischen dem 1. und dem 13. Semester und waren zwischen 21 und 32 Jahren alt. 4 Beweggründe von Männern bei der Wahl sonderpädagogischer Studiengänge 4.1 Die familiäre Sozialisation der Befragten Auffällig ist, dass mehr als die Hälfte der Befragten über relevante berufliche Orientierungsvorlagen innerhalb der eigenen Familie verfügen. Vor allem durch ihre Mütter hatten einige der Interviewpartner bereits früh Kontakt zu Men- Inken Tremel, Sebastian Möller 38 VHN 1/ 2007 schen mit Behinderungen/ Beeinträchtigungen oder zumindest Kenntnis von Tätigkeitsfeldern in diesem Bereich. In den Fällen, in denen die Väter als berufliche Orientierungsvorlage dienten, handelt es sich um Lehrer an Gymnasien, Berufsschulen etc., u. a. auch um Schulleiter oder um Leiter anderer sozialer Einrichtungen, was als symptomatisch für Männer in Frauenberufen anzusehen ist. Ein Drittel der Befragten hatte bereits durch behinderte oder pflegebedürftige Familienmitglieder den ersten Kontakt zu Menschen mit Unterstützungsbedarf. In diesem Kontext übernommene pflegende und versorgende Aufgaben hatten nach Aussage der Studenten einen großen Einfluss auf die Berufswahlentscheidung. 4.2 Die schulische Sozialisation der Befragten Mit einem Viertel der Befragten bekundeten durch die Wahl eines erziehungswissenschaftlichen Leistungs- oder Grundkurses in der gymnasialen Oberstufe überdurchschnittlich viele Studierende 2 ein Interesse an pädagogischen Themen. Dadurch bekamen sie auf der einen Seite einen theoretischen Einblick in pädagogische Fragestellungen und konnten auf der anderen Seite durch fachspezifische Praktika Kontakte zu beeinträchtigten/ behinderten Personen herstellen. Die Lehrenden am Gymnasium - im Besonderen des Bereiches Pädagogik - werden von einigen als erste Beratungsinstanzen bezüglich der Studienorientierung genannt. Die begünstigende Auswirkung praktischer Erfahrungen auf die Entscheidung für ein bestimmtes Studium liegt nahe: Bereits mehr als die Hälfte der Befragten hat während der Schulzeit pädagogische Erfahrungen in der Kinder- und Jugendarbeit gemacht. Hier kam es zu ersten Kontakten mit Menschen mit besonderem Förderbedarf. Mit großer Deutlichkeit werden solche Erfahrungen - wie im Anschluss an die Schulzeit insbesondere der Zivildienst - als wesentliche Beweggründe für die Aufnahme eines sonderpädagogischen/ rehabilitationswissenschaftlichen Studiums genannt. 4.3 Der Zivildienst als Sozialisationsinstanz Insgesamt haben 35 der 40 Befragten einen zivilen Ersatzdienst geleistet. Andere haben praktische Erfahrungen in Form eines Freiwilligen Sozialen Jahres (FSJ) oder ehrenamtlicher Tätigkeiten gesammelt, die in Länge und Intensität in etwa mit dem Zivildienst vergleichbar sind. Dass zwei Drittel der Befragten diese Lebensphase als entscheidend für die Aufnahme eines solchen Studiums einschätzen 3 , unterstreicht den hohen Stellenwert der gemachten Erfahrung. Darüber hinaus hängt die Bedeutung des Zivildienstes für die Befragten vom subjektiven Sinn der ausgeführten Tätigkeit und vom Grad der übernommenen Verantwortung (in Abgrenzung zu Hausmeister- und Verwaltungstätigkeiten) ab. Allgemeine Aspekte des Zivildienstes - In vielen Fällen stellt der Zivildienst den ersten Kontakt zur späteren beruflichen Zielgruppe dar und führt zu einer Sensibilisierung für den eigenen wie auch für den gesellschaftlichen Umgang mit kranken oder behinderten Menschen. Diese Erfahrung wird von den Befragten als beeindruckend und prägend beschrieben. - Es besteht die Überzeugung, dass ein Kontakt zu diesem Tätigkeitsfeld ohne den Zivildienst niemals zustande gekommen wäre. - Diese erste Phase der „Berufstätigkeit“ nach dem Abitur wird retrospektiv als stimmig beschrieben. Verbunden mit einer ersten regelmäßigen Vergütung und festen Alltagsstrukturen stellt sie eine wichtige praktische Komplementärerfahrung zur Schulzeit dar. Generell haben fast alle Zivildienstleistenden unter den befragten Studierenden ihre abgeleistete Zeit für sich als sehr erfolgreich erlebt und sehen sich gegenüber weiblichen Studierenden a) durch praktische Erfahrungen und b) durch die persönliche Überprüfung ihrer Eignung für die gewählten Berufsfelder im Vorteil. Wege entstehen im Gehen 39 VHN 1/ 2007 Langfristige Auswirkungen des Zivildienstes auf die Studienwahl Bei genauerer Betrachtung der individuellen Zugänge wird deutlich, dass sich der Einfluss des Zivildienstes zu unterschiedlichen Zeitpunkten auf die berufliche Orientierung der Befragten ausgewirkt hat: - Der größte Teil der Befragten hatte bereits vor dem Zivildienst einen konkreten Berufswunsch, der sich nicht auf sonderpädagogische Berufsfelder bezog, und verfolgte diese Perspektive auch nach dieser Zeit zunächst weiter. Diese beruflichen Richtungen wurden jedoch aus verschiedenen Gründen verworfen, und es fand eine Rückbesinnung auf die als erfolgreich erlebte Lebensphase des Zivildienstes statt (Rückbesinner). - Für den zweitgrößten Teil der Befragten lässt sich feststellen, dass überhaupt erst durch den Zivildienst eine berufliche Orientierung erfolgte. Diese jungen Männer haben unmittelbar nach ihrem Zivildienst ein sonderpädagogisches Studium aufgenommen (Orientierungssuchende). - Einige Befragte haben den Zivildienst im Sinne einer „Praktikumsphase“ dazu genutzt, gezielt ihre Eignung für eine bestimmte berufliche Perspektive zu überprüfen (Überprüfer). - Einige haben im Anschluss an ihren Zivildienst zunächst eine Berufsausbildung in einem spezifischen Bereich - beispielsweise als Krankenpfleger - absolviert. Ein Grund für die spätere Aufnahme des Studiums war die akademische Weiterqualifizierung und die Prestigeerhöhung innerhalb des ausgeübten Berufes. Ein interessanter Zusammenhang besteht darin, dass sich alle Befragten dieser Gruppe analog zur beruflichen Ausbildung ihrer Mütter orientierten (bspw. Krankenpfleger - Krankenschwester) (Weiterqualifizierer). - Nur ein geringer Teil der Befragten hatte ausschließlich individuelle Zugänge zu diesem Studium und lässt sich nicht in eine der genannten Gruppen einordnen. Die im Zivildienst gesammelten Erfahrungen beeinflussten die befragten Studenten weit über die generelle berufliche Ausrichtung hinaus: - Die kennen gelernten Tätigkeiten und Förderrichtungen spiegeln sich in den gewählten Studienschwerpunkten wider: So entschieden sich beispielsweise diejenigen, die im Zivildienst mit geistig behinderten Menschen gearbeitet hatten, für den Förderschwerpunkt geistige Entwicklung als erste Fachrichtung. - Zivildienstleistende, die in einer Förderschule tätig waren, entschieden sich fast ausnahmslos für ein Lehramtsstudium. - Studierende mit beruflichen Erfahrungen über den Zivildienst hinaus wählten ihren Studienschwerpunkt in Anlehnung an die gelernte Tätigkeit: z. B. entschieden sich Krankenpfleger für die „Berufliche und soziale Rehabilitation“ als erstes Handlungsfeld in ihrem Diplomstudium (vgl. Möller/ Tremel 2006). 4.4 Einflüsse vom Familie, Freunden, Arbeitskollegen auf die Studienwahl Bei der Rekonstruktion des Entscheidungsprozesses zur Wahl für einen sonderpädagogischen/ rehabilitationswissenschaftlichen Studiengang zeigt sich, dass in den meisten Fällen der engere Kreis der Familie und/ oder der Freundeskreis einbezogen wurden, gelegentlich auch Lebenspartner/ in oder Lehrer/ innen, in einigen Fällen auch Kollegen oder Vorgesetzte aus einem vorher ausgeübten Beruf. Insbesondere für die Zivildienstleistenden gilt, dass sie sich mit anderen Zivildienstleistenden, Kollegen, Lehrern, Pädagogen usw. über eine mögliche Weiterarbeit in diesem Arbeitsfeld ausgetauscht haben. Demzufolge bewirkte der Zivildienst zusätzlich, dass die Befragten in diesem Umfeld Ansprechpartner kennen lernten, die einerseits über vertiefte Einblicke in die Tätigkeit verfügten und andererseits, angestoßen vom Zi- Inken Tremel, Sebastian Möller 40 VHN 1/ 2007 vildienst, z. T. ähnliche Lebensziele verfolgten. Dadurch fanden sich Gesprächspartner, welche die Befragten in ihrer Entscheidung bestärkten und oftmals einen wichtigen Gegenpol zu vermeintlichen Kritikern aus Familien- und Bekanntenkreis bildeten. Von den Eltern unterstützte der größere Teil das Studienvorhaben ihrer Söhne relativ vorbehaltlos, und nur ein kleiner Teil zeigte Reaktionen von Skepsis bis Ablehnung. In letzterem Fall sind es vor allem die Väter, die sich ablehnend äußern, während die Mütter die Absicht der Söhne befürworten. Dahinter kann eine geschlechterspezifisch unterschiedliche Bewertung „typischer Frauenberufe“ vermutet werden. Auch werden die Studienabschlüsse Lehramt und Diplom von den Eltern unterschiedlich bewertet: Häufig wird mit dem Lehramt v. a. die finanzielle Absicherung verbunden und positiv konnotiert. Als zusätzlicher Vorteil des Lehrerberufs gilt die klare Vorstellung vom zukünftigen Berufsfeld, was bei zukünftigen Diplom(Reha-)pädagogen nicht der Fall ist. In den dargestellten Beziehungen der Befragten zu ihren Vätern spiegelt sich die bereits angesprochene Problematik des Aufwachsens von Jungen in der heutigen Zeit wider: Ein Großteil der Väter bietet den Befragten keine offene/ moderne Orientierungsmöglichkeit, sondern bleibt in einer sehr traditionellen Sichtweise von Männlichkeit verhaftet, mit dem Resultat, dass sie die beruflichen Ziele ihrer Söhne ablehnen. Z. T. lenken die Väter zwar nach einer gewissen Zeit ein, aber oft um den Preis, dass fortan weitere berufliche Überlegungen aus gemeinsamen Gesprächen ausgeklammert werden. Umgekehrt sind es in einigen Fällen aber auch die Mütter, die ihren Söhnen von einer sonderpädagogischen Tätigkeit abraten. Bemerkenswerter Weise arbeiten diese Mütter in sozialen Berufen, beispielsweise als Krankenschwester, und sprechen entweder offen oder verdeckt aus, dass sie ihren Söhnen diese Tätigkeit nicht zutrauen. 4.5 Ambivalente Bewertung der Studienorientierung durch Freunde und Bekannte Insbesondere solche Personen, bei denen kaum oder keine Erkenntnisse über sonderpädagogische Berufe vorliegen, schließen genau diese Berufe für sich - und damit auch für andere - kategorisch aus: „Das könnte ich nicht“, ist eine Äußerung, die fast alle Befragten zu hören bekamen. Dieser Position steht die Haltung anderer Personen konträr gegenüber, nach deren Ansicht sonderpädagogische Berufe besonders wichtig sind. In diesen unterschiedlichen Äußerungen kommt die gesellschaftliche Ambivalenz der sonderpädagogischen Berufe und der Sonderpädagogik im Allgemeinen deutlich zum Ausdruck. Daraus folgt, dass auch die Einschätzung der Befragten in Bezug auf das gewählte Berufsfeld zwischen sehr niedrigem und sehr hohem Ansehen schwankt. Genauer betrachtet zeigt sich auch eine behinderungsspezifische Abstufung gesellschaftlicher Akzeptanz - zum Beispiel genießen blinde Menschen ein höheres Ansehen als geistig Behinderte -, mit der sich die Studierenden ebenfalls auseinander setzen müssen. Für solche Bewertungen machen die interviewten Studenten v. a. die Unkenntnis der meisten Menschen bezüglich Behinderung und Professionen, die sich damit beschäftigen, verantwortlich. Zusätzlich nehmen die Studierenden des Lehramtes Sonderpädagogik das ambivalente gesellschaftliche Ansehen des (Förderschul-) Lehrerberufs als „Frauenarbeit“ und „Laberberuf“ wahr, ein Ansehen, das auch die Einschätzung enthält, der Lehrberuf sei „kein richtiger Beruf“ und der Sonderschullehrer kein „richtiger Lehrer“. Vorurteile und Ablehnung erfahren die Männer eher in ihrem weiteren Umfeld, während das nähere Umfeld (Eltern, Geschwister) zwar anfänglich ebenfalls z. T. skeptisch, aber insgesamt doch in der Lage ist, ein angemessenes Verständnis zu entwickeln. In einigen Fällen orientieren sich sogar jüngere Ge- Wege entstehen im Gehen 41 VHN 1/ 2007 schwister an den Befragten (bzw. haben sich die Interviewpartner an ihren älteren Geschwistern oder Freunden orientiert) und ziehen für sich eine ähnliche berufliche Perspektive in Erwägung. 4.6 Studium Sonderpädagogik - ein Studium der ersten Wahl? Ein Ergebnis der wenigen vorliegenden Studien über Männer in Frauenberufen (vgl. Williams 1989, 1993) besteht darin, dass der Zugang von Männern zu Frauenberufen als eine so genannte „trapdoor“ empfunden wird. Christine L. Williams (1989) beschäftigt sich am Beispiel von männlichen „nurses“ und weiblichen „marines“ mit den Phänomenen des geschlechtersegregierten Arbeitsmarktes. In Bezug auf die Fragestellung, warum nicht mehr Männer den Beruf der „Krankenschwester“ ergreifen, kommt sie zu dem Schluss, dass Männer in diesem Bereich zwar willkommen wären, aber diesen Beruf aus verschiedenen Gründen schlicht und einfach nicht ausüben wollen. Diese Feststellung weitet sie auch auf die Männer aus, die bereits in diesem Beruf tätig sind: „Yet, on the contrary, the major reason why there are not more men in nursing is because, in general, men do not want to be nurses - including the men who are nurses“ (1989, 140). Die Männer, die dennoch in einem vornehmlich weiblichen Beruf arbeiten, tun dies aus der Sicht von Williams in erster Linie nicht freiwillig: „Many men I talked to didn’t ,freely‘ enter nursing in the first place: They entered the profession from prior hospital experience or because they perceived only limited options available to them“ (ebd.). Die Tatsache, dass vorangegangene praktische Erfahrungen einer beruflichen Entscheidung für einen vornehmlich weiblichen Beruf zuträglich sind, wurde durch die Aussagen der von uns befragten Studierenden bestätigt. Unsere Daten lassen jedoch den Schluss nicht zu, dass die Studienwahl darauf zurückzuführen sei, dass den jungen Männern keine anderen Möglichkeiten offen gestanden hätten. Ebenso kann dem Klischee, das Studium der Sonderpädagogik sei für Männer nur ein Studium der zweiten Wahl, widersprochen werden: Für beinahe die Hälfte der befragten Studenten ist das Studium der Sonderpädagogik/ Rehabilitationswissenschaften die erste Wahl und die erste Ausbildung, die sie beginnen. Die andere Hälfte der Studierenden ist nicht auf direktem Weg zu einem sonderpädagogischen/ rehabilitationswissenschaftlichen Studium gekommen, sondern über einen „Umweg“: - Mehrere Befragte haben zunächst eine Ausbildung in einem fachlich relevanten Bereich (Erzieher/ Krankenpfleger) abgeschlossen, der ebenfalls durch einen erheblichen Anteil an weiblichen Mitarbeiterinnen gekennzeichnet ist, und sie haben das Studium gewählt, um in ihrem Bereich eine akademische Qualifikation zu erlangen. - Für die Studierenden, die ihre berufliche Orientierung geändert haben, lässt sich sagen, dass die vorher ausgeübten Berufe in Bereichen mit relativ ausgeglichenen Geschlechterverhältnissen angesiedelt waren und sie sich in der Mehrzahl zur Sonderpädagogik hin orientierten, weil sie über positive praktische Erfahrungen in diesem Bereich verfügten. Ob in dieser Beziehung von eingeschränkten Wahlmöglichkeiten gesprochen werden kann, erscheint fraglich. - Nur für einen geringen Teil der Befragten trifft zu, dass das Studium der Sonderpädagogik die zweite Wahl darstellt. Diese Studierenden hätten tatsächlich etwas anderes studiert, wenn ihnen dies nicht aufgrund von Zulassungsbeschränkungen verwehrt worden wäre. Jedoch bleibt es spekulativ, ob ein Studium in jenen Bereichen auch beendet worden wäre. Unter dieser Perspektive muss zumindest für Männer in vornehmlich weiblichen akademischen Berufen bezweifelt werden, dass die Wahl ihres Berufes darauf zurückzuführen ist, dass ihnen keine anderen Möglichkeiten offen gestanden hätten. Inken Tremel, Sebastian Möller 42 VHN 1/ 2007 5 Bildungspolitische Maßnahmen als Doppelstrategie Die Ergebnisse der Untersuchung zeigen, dass der Zugang junger Männer zu einem sonderpädagogischen Studiengang teils geradlinig, teils auf Umwegen erfolgt. Haupteinflussfaktoren sind praktische Erfahrungen in der Behindertenarbeit, die u. a. im Zivildienst gesammelt werden. Dieser stellt aber keine sichere Rekrutierungsquelle dar, z. B. wenn folgende Konstellationen eine Rolle spielen: - Die Dienststelle wurde von den Befragten aus dem pragmatischen Grund der Wohnortnähe ausgesucht. - Die Wahl der Dienststelle steht nicht im Zusammenhang mit der Bedeutung des jeweiligen sozialen Auftrages/ der Unterstützung der spezifischen Klientel; vielmehr entstand der Kontakt zu den Einrichtungen über Freunde und Bekannte. Schließlich ist zu bedenken, dass mehr als die Hälfte der etwa 130.000 Zivildienstleistenden in der Bundesrepublik unterstützende, versorgende Tätigkeiten ausführen, sich aber anschließend in den meisten Fällen nicht für einen sozialen Beruf entscheiden. Wegen der dargestellten Notwendigkeit, den Männeranteil in (sonder-)pädagogischen Berufen zu erhöhen, sollte die Entscheidung für eine solche berufliche Orientierung jedoch nicht länger dem Zufall oder der ungewissen Zukunft des Zivildienstes überlassen werden. Inhaltlich gesehen folgen wir der Einschätzung von Heinz Bartjes: „Die vorenthaltenen Lernchancen provozieren Rückfragen an diejenigen Sozialisationsinstanzen, welche die jungen Männer vor dem Zivildienst durchlaufen haben. Was bedeutet es für eine Gesellschaft und eine ihrer zentralen Institutionen - die Schule - , wenn junge Männer erst mit durchschnittlich zwanzig Jahren intensivere Erfahrungen des persönlichen Gebrauchtwerdens, von sozialer Verantwortung machen? Und diese in einem staatlichen Zwangsdienst stattfinden? “ (Bartjes 1996, 182). Dementsprechend sollten sich wirksame bildungspolitische Maßnahmen zur Erhöhung des Anteils von Männern in (sonder-)pädagogischen Berufen auf solche Bereiche beziehen, die möglichst vielen männlichen Jugendlichen möglichst frühzeitig zugänglich sind. An dieser Stelle ist die Bildungs- und Sozialisationsinstanz Schule in die Pflicht zu nehmen. Folgende kurzfristige Maßnahmen bieten sich an: - Durch Kooperationen mit Fördereinrichtungen oder -schulen wird der frühzeitige Kontakt zu Kindern mit besonderem Unterstützungsbedarf hergestellt. Integrative/ inklusive Ansätze und Maßnahmen, die sich aus der Wertschätzung von Heterogenität ergeben, könnten - bei gezielter Planung - sowohl Geschlechterhierarchien als auch den Umgang mit Anderssein und dem Fremden verbessern. - Es bietet sich die sog. Men-recruiting-men- Maßnahme an, d.h. praktizierende Sonderpädagogen werden in die Schulen eingeladen und berichten aus ihrem beruflichen Alltag. - Grund- und Leistungskurse im Fach Erziehungswissenschaften sollten aufgewertet und gerade auch für junge Männer attraktiv beworben werden. - Auch in konkreten Berufsberatungssituationen sollte jungen Männern z. B. vom Arbeitsamt die Attraktivität und Herausforderung pädagogischer Berufe nahe gelegt werden. - Verpflichtende Praktika in sozialen pädagogischen Arbeitsfeldern bieten Schülern die Möglichkeit, sich in so genannten typischen Frauenberufen auszuprobieren und auf diesem Weg Einblicke in diese Tätigkeiten zu bekommen, sodass Ressentiments und Vorurteile abgebaut werden können. - Die Vorzüge des Berufsbereichs Pädagogik/ Sonderpädagogik sollten durch Aufklärungs- und Imagekampagnen öffentlich gemacht werden: Je mehr Kenntnisse das Wege entstehen im Gehen 43 VHN 1/ 2007 soziale Umfeld über den Berufsbereich hat, desto positiver erfolgt die Bewertung und Akzeptanz eines derartigen Berufswunsches junger Männer. - Berufs- und Lebensplanung sollten in den Unterricht integriert bzw. ins Schulprogramm aufgenommen werden. - Die Nutzung des Zivildienstes oder eines FSJ als Berufsvorbereitungsmaßnahme sollte durch öffentliche Kampagnen beworben werden. In den Einführungskursen und begleitenden Schulungen für Zivildienstleistende/ FSJler sollten reflektierende und berufsorientierende Einheiten angeboten werden. Die Darstellung der kurzfristigen Maßnahmen macht die Notwendigkeit einer Doppelstrategie deutlich: Information, Imagekampagnen, Aufklärung über die Attraktivität des Berufsbereiches Pädagogik/ Sonderpädagogik auf der einen Seite, praktisch erfahrbare Tätigkeiten im sozialen Bereich auf der anderen Seite. Als langfristige Maßnahme zur Erhöhung des Anteils männlicher (Sonder-)Pädagogen ist die Implementierung der Gender-Perspektive in die Institution Schule unumgänglich. Um Geschlechterstereotype möglichst frühzeitig aufzubrechen, bedarf es einer geschlechterreflexiven Auseinandersetzung im Unterricht. Dies setzt ein spezifisches Bewusstsein der Lehrpersonen voraus, das auf dem Weg von Gender- Trainings entwickelt werden kann. Denn erst die Wahrnehmung der eigenen Geschlechtsrolle und des eigenen „doing gender“ ebnet den Weg zur kritischen Auseinandersetzung mit Geschlechterstereotypen. So könnte im Unterricht, in Projektwochen oder aber in Vorbereitung der girls days/ boys days thematisiert werden, welchen Einfluss die Kategorie Geschlecht auf das gesellschaftliche Mit- und Nebeneinander hat. Als inhaltliche Beispiele bieten sich u. a. der geschlechtersegregierte Arbeitsmarkt und die zwei zentralen Arbeitsfelder - außerhäusliche Erwerbsarbeit und unbezahlte reproduktive Hausarbeit - mit ihrer Entstehungsgeschichte an. Die politische Maßnahmenstrategie des Gender Mainstreaming kann aufgrund ihrer rechtlichen Verankerung im Politikunterricht behandelt werden. Die genannten Perspektiven und Inhalte sollten sowohl in die Weiterbildung der Lehrenden als auch bereits in die Studienordnungen der Lehramtsstudierenden einfließen. Die Implementierung der Gender-Perspektive ist folglich als Kreismodell zu betrachten: Je frühzeitiger an den einzelnen Stellen verpflichtende Maßnahmen eingeführt werden, desto eher wird das Bewusstsein der Lehrer- und Schülerschaft für die Realisierung von Chancengleichheit und Geschlechtergerechtigkeit gestärkt sein. Und dieser Verantwortung sollte sich in Zukunft keine Lehrerin und kein Lehrer mehr entziehen dürfen. Anmerkungen 1 Innerhalb des interdisziplinären Forschungsschwerpunktes „Dynamik der Geschlechterkonstellationen“ an der Universität Dortmund beantragtes Projekt mit dem Titel: Geschlechterverhältnisse in (akademischen) pädagogischen Berufen und universitären Ausbildungsgängen unter besonderer Berücksichtigung der Sonderpädagogik/ Rehabilitationswissenschaft - Eine Empirische Untersuchung zur Erhöhung des Anteils männlicher Pädagogen; Projektleitung: Prof. Dr. Ulrike Schildmann, Frauenforschung in Rehabilitation und Pädagogik bei Behinderung; Laufzeit: Dezember 2004 bis August 2006; gefördert durch HWP-Mittel des Ministeriums für Wissenschaft und Forschung NRW (vgl. Schildmann 2005). 2 vgl. Landesamt für Datenverarbeitung und Statistik (LDS) NRW (2005) 3 Diese Einschätzung erfolgt auf die offen formulierte Eingangsfrage der Interviews nach den Beweggründen für diese Studienrichtung. Literatur Bach, Heinz (1966): Untersuchungen über die Motive für die Wahl des Sonderschullehrerberufes. In: Zeitschrift für Heilpädagogik 17, 49 - 59 Inken Tremel, Sebastian Möller 44 VHN 1/ 2007 Baier, Herwig (1970): Motive für die Wahl des Sonderschullehrerberufes. In: Baier, Herwig; Klein, Gerhard (Hrsg.): Aspekte der Lernbehinderten- Pädagogik. Berlin 1975 Bartjes, Heinz (1996): Zivildienst als Sozialisationsinstanz. Theoretische und empirische Annäherungen. Weinheim: Juventa Verlag Berg, Christa (1997): „Etwas mit Kindern“. Berufswahlmotive von Studierenden der Pädagogik zwischen Empathie und Fachkompetenz. In: Hansen-Schaberg, Inge (Hrsg.): Etwas erzählen: Die lebensgeschichtliche Dimension in der Pädagogik. Hohengehren Böhnisch, Lothar (2004): Männliche Sozialisation. Eine Einführung. Weinheim: Juventa Verlag Connell, Robert W. (2006): Der gemachte Mann. Konstruktion und Krise von Männlichkeiten. 3. Auflage. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften die tageszeitung (taz) vom 20. Dezember 2005,: „Wir brauchen dringend eine Männerquote“, 2 Fries, Alfred; Amrhein, Michaela (2000): Studienmotive von StudentInnen der Sonderpädagogik. Ergebnisse einer wissenschaftlichen Untersuchung an der Universität Würzburg. In: Behindertenpädagogik in Bayern (Verband Deutscher Sonderschulen) Landesverband Bayern, Bubenreuth 1, 73 - 83 Garlichs, Elisabeth (2000): Über die Motivation, einen helfenden Beruf anzustreben - Eine Befragung von Pädagogik-, Psychologie- und Medizinstudenten und -studentinnen. Konstanz Heintz, Bettina; Nadai, Eva (1997): Ungleich unter Gleichen: Studie zur geschlechtsspezifischen Integration des Arbeitsmarktes. Frankfurt/ M.: Campus Verlag Landesamt für Datenverarbeitung und Statistik Nordrhein-Westfalen (LDS NRW/ 2005): NRW-Hitliste der Abiturfächer 2004: Deutsch vor Mathe und Englisch. In: www.lds.nrw.de/ presse/ pressemitteilungen/ 2005/ press_091_05. html, 19. 5. 2006 Möller, Sebastian; Tremel, Inken (2006): Risikofaktor männliches Geschlecht? ! Geschlechterverhältnisse in der Sonderpädagogik. In: Switchboard Zeitschrift für Männer und Jungenarbeit 18, 18 - 21 Preuss-Lausitz, Ulf (2005): Anforderungen an eine jungenfreundliche Schule. Ein Vorschlag zur Überwindung ihrer Benachteiligung. In: Die deutsche Schule 97, 222 - 235 Rohrmann, Tim (2005): Männer in Kindertageseinrichtungen und Grundschulen: Bestandsaufnahme und Perspektiven. In: Krabel, Jens; Stuve, Olaf (Hrsg.): Männer in „Frauen-Berufen“ der Pflege und Erziehung. Opladen: Verlag Barbara Budrich, 111 - 133 Schildmann, Ulrike (2005): Geschlechterverhältnisse in (sonder-)pädagogischen Berufen und universitären Ausbildungsgängen. Eine empirische Untersuchung mit dem Ziel der Erhöhung des Anteils männlicher Pädagogen In: VHN 74, 252 - 253 Studer, Felix (1985): Motive zum Studium der Behindertenpädagogik. Freiburg im Uechtland: Univ.-Diss. Tremel, Inken (2003): Untersuchung zur Geschlechterspezifik der Studierenden der Sonderpädagogik (Lehramt) und Rehabilitationswissenschaften (Diplom); erstellt im Rahmen eines Werkvertrag des Arbeitskreises Gleichstellung der Fakultät Rehabilitationswissenschaften der Universität Dortmund. Unveröffentlichtes Manuskript West, Candace; Zimmerman, Don H. (1991): Doing Gender. In: Lorber, Judith; Farrell, Susan A. (Hrsg.): The Social Construction of Gender. Newbury Park, 13 - 37 Williams, Christine L. (1989): Gender differences at work. Berkeley: University of California Press Williams, Christine L. (Hrsg.)(1993): Doing women’s work. Men in nontraditional occupations. Newbury Park: Sage Witzel, Andreas (1989). Das problemzentrierte Interview. In: Jüttemann, Gerd (Hrsg.): Qualitative Forschung in der Psychologie. Grundfragen, Verfahrensweisen, Anwendungsfelder. Heidelberg: Asanger, 227 - 256 Worm, Heinz-Lothar (2002): Berufswahl „Sonderschullehrer“. Eine Befragung von Studierenden und Praktikern. In: Förderschulmagazin 4, 5 - 6 Dr. Inken Tremel Sebastian Möller Universität Dortmund Fakultät Rehabilitationswissenschaften Emil-Figge-Straße 50 D-44227 Dortmund E-Mail: Inken.Tremel@uni-dortmund.de E-Mail: Sebastian.Moeller@uni-dortmund.de Wege entstehen im Gehen 45 VHN 1/ 2007
