eJournals Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete76/2

Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete
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0017-9655
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Armut, soziale Benachteiligung, Vernachlässigung

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Gerhard Klein
„Was eigentlich ist der Trend?“ fragt Heinz Bach in dieser Zeitschrift (2004, 304). Mir stellt sich die Frage: Wer oder was löst einen Trend aus? Wer oder was wird zum „Trendsetter“?
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156 Armut, soziale Benachteiligung, Vernachlässigung Gerhard Klein Reutlingen Trend VHN, 76. Jg., S. 156 -158 (2007) © Ernst Reinhardt Verlag München Basel „Was eigentlich ist der Trend? “ fragt Heinz Bach in dieser Zeitschrift (2004, 304). Mir stellt sich die Frage: Wer oder was löst einen Trend aus? Wer oder was wird zum „Trendsetter“? In den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts war es in den USA der Sputnikschock, der die Früherziehungsbewegung anstieß. Die Forschungen zum restringierten und elaborierten Sprachcode lösten die Diskussion und die Forschungen zur soziokulturellen Benachteiligung aus. Der von Georg Picht beklagte Bildungsnotstand in der Bundesrepublik machte die Mobilisierung von Begabungsreserven zum Thema der Pädagogen und Soziologen. Schließlich wurden die Pisastudien zum Trendsetter von schulpolitischen Maßnahmen, pädagogischen Reflexionen und Forschungen. Ob die verschiedenen Armutsberichte in der Bundesrepublik (Hanesch u. a. 1994; Hauser/ Hübinger 1993; Erster und zweiter Armutsbericht der Bundesregierung 2001 u. 2005; Gerechte Teilhabe, Denkschrift der EKD 2006 u. a.) oder die Diskussion um den Begriff „Unterschicht“ einen Trend in der Pädagogik oder gar in der Sonderpädagogik anregen werden? Um die Politiker auf das Elend vernachlässigter Kinder in der Bundesrepublik aufmerksam zu machen, bedurfte es einer Häufung von Skandalen der Kindesmisshandlung und -tötung, die aber nur extreme Einzelfälle von tausendfachen Kinderschicksalen sind. Ob es 80.000 oder 100.000 oder mehr Säuglinge und Kleinkinder in der Bundesrepublik sind, deren psycho-physische Entwicklung durch Vernachlässigung beeinträchtigt und deren Gehirnentwicklung geschädigt wird, ist weniger wichtig als die Tatsache, dass diese Kinder im breiten Spektrum der politischen Kräfte so gut wie keine Lobby haben. Auf eine staubfreie Produktion von Mikrochips wird in diesem Land mehr geachtet als auf ein menschenwürdiges Aufwachsen von Säuglingen und Kleinkindern. Die Lösungsvorschläge, wonach Eltern durch Entzug des Kindergeldes zu ärztlichen Vorsorgeuntersuchungen gezwungen werden sollen, zeugen von großer Unkenntnis der Lebenslage dieser Mütter. (Vielen Müttern fehlt das Fahrgeld zu einem Kinderarzt in bessere Wohnviertel, nachdem der letzte Kinderarzt aus dem Revier weggezogen ist, weil seine Praxis mit Kassenpatienten sich nicht mehr lohnte.) Mit Berufung auf das Elternrecht wird oft das Nichteingreifen gerechtfertigt. Das Grundgesetz spricht in Artikel 6, Abs. 2 den Eltern „das natürliche Recht und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht“ der Pflege und Erziehung ihrer Kinder zu. Doch wer ist „die staatliche Gemeinschaft“, die darüber wachen soll, dass dies menschenwürdig geschieht? Hans Weiß (2005,189) warnt mit Recht vor einer naturalistischen Deutung der wachsenden Ungleichheit und einer Gewöhnung an Armut, die als normal und naturgegeben im neoliberalistischen Denken in Kauf genommen wird. Bis in die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts besuchten Mitarbeiterinnen der Gesundheitsämter die Familien, in denen ein Kind geboren wurde, und nahmen die äußeren Bedingungen für die Pflege und Ernährung des Kindes in Augenschein. Diese aufsuchende Kontrolle wurde ebenso abgeschafft wie die Mütterberatung aus DDR-Zeiten. Die Mitarbeiter der Jugendämter werden gedrängt, die finanziellen Aufwendungen für gefährdete Kinder möglichst niedrig zu halten. VHN 2/ 2007 157 Armut, soziale Benachteiligung, Vernachlässigung Und die Sonderpädagogik? - Wie wird in dieser Disziplin die Freiheit in Lehre und Forschung genützt? In den letzten Jahrzehnten blieb es einzelnen Vertretern der Disziplin überlassen, Armut, soziale Benachteiligung und Vernachlässigung als Ursachen von Schädigungen, lebenslanger Beeinträchtigung oder Behinderung zu thematisieren und darin eine sonderpädagogische Herausforderung zu sehen. Nimmt man die Themen von Publikationen in sonderpädagogischen Zeitschriften als Spiegel für Forschungsinteressen und Trends, so ist seit den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts eher ein Trend zur Vermeidung der Themen Armut und soziale Benachteiligung zu beobachten. Obwohl Vernachlässigung und prekäre Lebenslagen als Ursachen von kognitiven, sozialen und emotionalen Beeinträchtigungen unbestritten sind, wird erst ein diagnostizierter Förderbedarf im Kindergarten oder Schulalter zum Anlass für sonderpädagogische Hilfe. Möglichkeiten zur Prävention nach der Geburt und in den ersten Lebensjahren, wie sie die Bindungstheorie und auch die Hirnforschung nahelegen, werden kaum thematisiert und noch weniger realisiert. Sieht man im Interesse der Studienbewerber für eine Fachrichtung der Sonderpädagogik einen Indikator für einen Trend, so scheint auch hier ein Trend zur Vermeidung des Förderschwerpunktes „Lernen“ zu bestehen. Obwohl der größte Lehrerbedarf (ca. 60 %) beim Förderschwerpunkt „Lernen“ und bei den Schulen für Erziehungshilfe liegt, werden diese Fachrichtungen seltener gewählt als Geistigbehinderten- und Körperbehindertenpädagogik. Einige Bundesländer sahen sich daher gezwungen, durch die Prüfungsbzw. Zulassungsordnung Studienbewerber zum Studium des Förderschwerpunktes „Lernen“ zu drängen. Kinder, deren Lebensweg durch Armut, Vernachlässigung und soziale Benachteiligung geprägt ist, haben nicht nur bei Politikern aller Couleur keine Lobby, sondern werden auch durch die Pädagogik und Sonderpädagogik benachteiligt. Vom differenzierten System sonderpädagogischer Frühförderung werden sie kaum, und wenn, dann zu spät erreicht. Manche Frühförderinnen weisen aus Sorge um ihre Professionalität dieses Aufgabenfeld von sich. Die junge Generation der Studierenden sucht diese Gruppe zu umgehen. Sonderpädagogische Forschung und Lehre haben sich weitgehend anderen Themen zugewandt. Das Credo der Integrationspädagogen „Es ist normal, verschieden zu sein“ wird im Hinblick auf die Kinder, die in Armut aufwachsen, zynisch. Unter dem Allerweltsbegriff „Fördern“, welcher der Bergwerkstechnik entstammt, wird vom Kindergarten bis zur beruflichen Eingliederung versucht, durch „gezieltes Training“ die Schwächen zu beseitigen, die in den ersten Lebensjahren erzeugt wurden, um so eine Annäherung an die Standards zu erreichen. „Weil Kinder armer Leute schwer vorankommen, ist Deutschland keine gerechte Leistungsgesellschaft - und verschwendet enorme Ressourcen. Der Staat schafft erst Bedürftige, für die er dann aufkommen muss“ (Heuser 2006, 1). Doch es gibt inzwischen auch Indikatoren für ein wiederaufkeimendes Interesse der Sonderpädagogik für Kinder der Armut und des Elends in diesem Land. Einige Zeichen der Hoffnung und Wünsche für eine Trendwende zur Thematisierung von Armut und sozialer Benachteiligung von Kindern will ich aufzählen: Zwischen Behindertenhilfe und Lebensweltorientierung in der Sozialpädagogik soll die Kooperation weitergetrieben werden (Grunwald/ Thiersch 2006). Bei frühen Hilfen werden in einzelnen Projekten Kommstrukturen durch Gehstrukturen ersetzt (Hamburger „Familienhebammen“). Ein breites Netz von Schulen mit Ganztagesbetreuung, gefördert von der Bundesregierung, kommt auch Kindern aus armen Familien zugute. In einer Inklusionspädagogik, die sich nicht mehr nur auf Schule beschränkt, könnte sich die Erkenntnis durchsetzen, dass Inklusion mit der Schwangerschaft und Geburt beginnt und dass ernsthafte frühe Hilfen vor lebenslanger Hilfsbedürftigkeit und Aussonderung bewahren könnten. VHN 2/ 2007 158 Gerhard Klein Wenn Früherkennung als Voraussetzung für frühe Hilfen nicht mehr allein den Entwicklungsstand diagnostiziert, sondern zuerst nach der Menschenwürdigkeit der Lebensbedingungen fragt, in die ein Kind hinein geboren wird, könnten Kontrollen und „Frühwarnsysteme“ durch ortsnahe, lebensweltorientierte Hilfen überflüssig werden. In der Didaktik wird nicht nur nach den behindertenspezifischen Methoden gefragt, sondern nach den Lernangeboten, die zur aktiven Bewältigung der prekären Lebenslage befähigen sollen (Hiller 2004). Wenn „wertgeleitete Heilpädagogik“ nicht zum „Vehikel des aktuellen Zeitgeistes“ (Haeberlin 2006) werden will, muss sie sich von der sprachlichen Verbiegung als Re-habilitationswissenschaft lösen und sich der „Habilitation“ aller Kinder als Heilpädagogik zuwenden. Die Erkenntnis, dass die Entwicklung eines Kindes von seiner Eigenaktivität getragen wird und es dazu Freiraum und Sicherheit in einer vorbereiteten Umgebung braucht, sollte nicht länger nur interessierten, wohlhabenden Eltern vorbehalten bleiben, sondern auch bei Kindern in psychosozialen Risikolagen in reale Hilfen umgesetzt werden (Klein 2002; Weiß 2000, 2005). Literatur Bach, H.: Der Trend. In: VHN 73, 304 Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung (Hrsg.)(2001/ 2005): Lebenslagen in Deutschland. Der erste/ zweite Armutsbericht der Bundesregierung Grunwald, K.; Thiersch, H. (2006): Lebensweltorientierung in der Behindertenhilfe. In: VHN 75, 144 - 147 Haeberlin, U. (2006): Editorial der Herausgeber. In: VHN 75, 3 Hanesch, W. u. a. (1994): Armut in Deutschland. Der Armutsbericht des DGB und des Paritätischen Wohlfahrtverbandes. Reinbek: rororo aktuell Hauser, R.; Hübinger, W. (1993): Arme unter uns. Freiburg Heuser, U. J. in: Die Zeit 46 vom 09.11.2006, 1 Hiller, G. G. (2004): Durchblick im Alltag. 1. und 2. Folge. 4. Aufl. Berlin Kirchenamt der EKD (Hrsg.) (2006): Gerechte Teilhabe. Befähigung zur Eigenverantwortung und Solidarität. Eine Denkschrift des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland zur Armut in Deutschland. Klein, G. (2002): Frühförderung für Kinder mit psychosozialen Risiken. Stuttgart Weiß, H. (Hrsg.) (2000): Frühförderung mit Kindern und Familien in Armutslagen. München Weiß, H. (2005): „Nach unten sehen“. Armut und Benachteiligung in der aktuellen Diskussion. Herausforderungen für familienorientierte frühe Hilfen. In: Hiller, G. G.; Jauch, P. (Hrsg.): Akzeptiert als fremd und anders. Pädagogische Beiträge zu einer Kultur des Respekts. Ulm, 188 - 198 Prof. em. Dr. Gerhard Klein Pädagogische Hochschule Ludwigsburg/ Reutlingen Fakultät für Sonderpädagogik Pestalozzistraße 53 D-72762 Reutlingen