eJournals Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete76/4

Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete
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0017-9655
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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2007
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Diversifikation in der Sprachheilpädagogik - Was bleibt von der Pädagogik?

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2007
Manfred Grohnfeldt
Nach Jahren des kontinuierlichen Aufschwungs in den 1970er und 1980er Jahren hat sich die Sprachheilpädagogik in Deutschland vor allem im letzten Jahrzehnt nachhaltig geändert. Der Wandel kündigte sich bereits zur Zeit der Deutschen Einheit 1990 an.
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Nach Jahren des kontinuierlichen Aufschwungs in den 1970er und 1980er Jahren hat sich die Sprachheilpädagogik in Deutschland vor allem im letzten Jahrzehnt nachhaltig geändert. Der Wandel kündigte sich bereits zur Zeit der Deutschen Einheit 1990 an. Damals war das System der Sprachheilpädagogik im Osten, aber auch im Westen an einem Höhepunkt angekommen. Eine weitere aufwärts gerichtete Entwicklung in dieser Art war nicht mehr möglich. Zusätzlich war im Westen mit der Logopädie ein medizinischer Fachschulberuf entstanden, der zunehmend an Bedeutung gewann. Heute ist die Sprachheilpädagogik eine ganz andere als vor 15 bis 20 Jahren. Wie ist es dazu gekommen? Nach 1990 zerfiel in den neuen Bundesländern ein insbesondere im Frühförderbereich gut funktionierendes System des Sprachheilwesens, indem geradezu willkürlich in sogenannten Patenschaften das System des jeweils zugeordneten alten Bundeslandes übernommen wurde. Auch im Westen kam es zu erheblichen Auflösungserscheinungen und Neuorientierungen. In dieser Phase der Konfusion waren zwei größere Weichenstellungen von entscheidender Bedeutung: Im schulischen Bereich waren es die Empfehlungen der Kultusministerkonferenz vom 6. Mai 1994 mit ganz unterschiedlichen Umsetzungen in den einzelnen Bundesländern. Sie lösten den Höhepunkt einer Entwicklung in der Sprachheilpädagogik ab, die in der Gefahr stand, im Sinne einer „Fortschrittsfalle“ (Wright 2006, 38) durch Fortschreibung dessen, was einmal Erfolg hatte, zur Ursache des Niedergangs beizutragen. Im außerschulischen Bereich wurde am 23. Januar 1993 die „Arbeitsgemeinschaft der freiberuflichen und angestellten Sprachheilpädagogen“ (AGFAS) gegründet, um die Interessen der akademischen Sprachtherapeuten zu vertreten. Dieser Berufsverband expandierte außerordentlich stark und schloss in den folgenden Jahren - bei einer erneuten Umbenennung am 24. Januar 2004 in „Deutscher Bundesverband der akademischen Sprachtherapeuten“ (dbs) - Kooperationsverträge mit den Klinischen Linguisten (BKL), Patholinguisten, Sprechwissenschaftlern (DBKS), Atem-, Sprech- und Stimmlehrern (Schlaffhorst-Andersen) und Logopäden (dbl), der jetzt zahlenmäßig größten Berufsgruppe des Sprachheilwesens in Deutschland. Es bleibt dabei unklar, ob die Gründung der Verbände Ursache oder Folge des Erstarkens der sprachtherapeutischen Berufsgruppen war. Das Zusammenwirken schulischer und außerschulischer Veränderungen hatte eine nachhaltige Diversifikation auf unterschiedlichen Ebenen zur Folge, deren Verlauf noch nicht abgeschlossen ist. Auf der Makroebene kam es zu einer Schwerpunktverlagerung in den außerschulischen Bereich. Während es 1990 75 % Sprachheillehrer(innen) und 25 % außerschulisch tätige Sprachtherapeutinnen (vorwiegend Logopädinnen) gab, ist heute das Verhältnis umgekehrt. Übergreifend sind es heute noch 25 % Sprachheillehrer(innen) und 75 % außerschulisch tätige Sprachtherapeutinnen unterschiedlicher Berufsgruppen. Parallel ist die Sprachheilpädagogik zu einem reinen Frauenberuf geworden. 324 Diversifikation in der Sprachheilpädagogik - Was bleibt von der Pädagogik? Manfred Grohnfeldt Ludwig-Maximilians-Universität München Trend VHN, 76. Jg., S. 324 -326 (2007) © Ernst Reinhardt Verlag München Basel Auf der Mikroebene sind je nach Bundesland ganz unterschiedliche Verlaufsprozesse zu beobachten: Im Ausbildungsbereich sind durch die Umstellung auf Bachelor-/ Master-Studiengänge stark differierende Strukturen entstanden, die nicht kompatibel sind und teilweise zu einer Abwertung der Fachspezifität der Ausbildung geführt haben. Noch nie seit Bestehen der Sprachheilpädagogik war die Ausbildungssituation in allen einzelnen Bundesländern derartig uneinheitlich! Die ursprüngliche Idee der Vereinheitlichung hat sich ins Gegenteil verkehrt. Die Institutionalisierung ist je nach Bundesland total unterschiedlich. In Bremen wurden beide Sprachheilschulen ohne adäquaten Ersatz aufgelöst, Bayern hat die Anzahl der Sprachheilschulen von 42 auf jetzt 15 zugunsten von Förderzentren und integrativer Förderung aufgelöst, in Baden-Württemberg ist das System der Sprachheilschulen stabil geblieben, in Hessen eher ansteigend … usw. Das Verhältnis schulischer und außerschulischer Förder- und Therapieansätze unterscheidet sich in den einzelnen Bundesländern erheblich. Hamburg ist ein Land der Sprachheillehrer geblieben. Thüringen hat keine universitäre Ausbildung. Seit 1990 hat sich die Anzahl der Sprachheillehrer bei einer Überalterung des Lehrkörpers auf 20 % reduziert, dafür gibt es jetzt fünfmal soviel Logopädinnen. Ausbildungsstätten, historische Merkmale und regionale Zufälle bestimmen das jeweilige System. Insgesamt hat sich eine noch nie da gewesene Strukturänderung ergeben, die bei einem kumulativen Effekt ein kaum noch vergleichbares System des Sprachheilwesens zur Folge hatte, das in dieser Form einzigartig auf der Welt ist. Dieser Trend wird sich fortsetzen und die Unterschiede vertiefen. Man kann dies im positiven Sinne als „Vielfalt in der Einheit“ und Anlass zur paradigmatischen Weiterentwicklung, aber auch als föderalen Flickenteppich bei einem Zerfall bestehender Strukturen ansehen. Parallel dazu ist in den letzten Jahren eine zunehmende Demission des pädagogischen Anteils in der Sprachheilpädagogik zu beobachten. Dies führt zu Änderungen der Standortbestimmung. Wie in einem Kippbild erscheint die Pädagogik in der Sprachheilpädagogik als zentraler Kern oder als interdisziplinäres Teilgebiet im Kontext, wobei die pädagogische Wurzel zwar immer wieder benannt, aber nur selten inhaltlich vertieft wird. So ist es auch nicht verwunderlich, dass die Sprachheilpädagogik innerhalb der Sonderpädagogik eher mehr am Rande steht - siehe ihre geringe Präsenz bei sonderpädagogischen Kongressen - und in pädagogischen Lexika nur selten erwähnt wird. Ein Grund liegt sicher auch in der Tendenz, dass sich die Veröffentlichungen der Sprachheilpädagogik immer weniger auf die Pädagogik und immer mehr auf die Therapie zentrieren. Im besten Fall könnte die Sprachheilpädagogik dadurch mehr Anschluss an die Situation im Ausland gewinnen, in der traditionell eine Orientierung an den Verhaltenswissenschaften (z. B. im angelsächsischen Raum) oder der Medizin (z. B. in Frankreich) erfolgt und die Pädagogik als Bezugswissenschaft die totale Ausnahme im jeweiligen sprachtherapeutischen Versorgungssystem darstellt. Im schwierigsten Fall könnte es zu einem Identitätsverlust kommen, ohne dass etwas Neues entstanden ist. Hier können schon die folgenden Jahre zu gewissen Prämissen führen. In den nächsten drei bis vier Jahren werden sechs der 18 Professuren der Sprachheilpädagogik in Deutschland frei. Eine erneute Ausschreibung und Besetzung ist immer von vielen Faktoren abhängig, wobei der Ausschreibungstext und bestimmte Schwerpunktsetzungen offen sind. Möglich ist dabei eine Trennung der Sprachheilpädagogik für den schulischen Bereich und der Sprachtherapie für den außerschulischen Sektor bei der Denomination der betreffenden Professuren. Auch hier könnte es zu variierenden Entwicklungen je nach Bundesland kommen. Diversifikation in der Sprachheilpädagogik 325 VHN 4/ 2007 Insgesamt ergibt sich derzeit eine total uneinheitliche Situation des Sprachheilwesens in Deutschland. Es gab noch nie die Sprachheilpädagogik, aber so viel Wandel auf unterschiedlichen Ebenen war ebenfalls noch nie. Ungeklärt bleibt, wie die Zukunft der Sprachheilpädagogik in einer durch Geburtenrückgang, Überalterung, Zuwanderung, einer wachsenden Kluft zwischen Armut und Reichtum, durch Grenzen des Sozialstaates „deformierten Gesellschaft“ (Miegel 2003) aussehen wird. Für die Weiterentwicklung besteht durchaus die Gefahr einer zunehmenden regionalen Zersplitterung und ausufernden Diversifikation bei einem Verlust einer übergreifenden pädagogischen Identität. Es gibt aber auch die Chance eines neu angepassten Wachsens, in dem die Sprachheilpädagogik ihre Stellung zu den anderen sonderpädagogischen Sparten und im sprachtherapeutischen Sektor klärt. Hinsichtlich weiterer Vermutungen zu Zukunftsperspektiven und möglichen Trends ist auf Altbundeskanzler Helmut Schmidt (2004, 136) zu verweisen: „Bestimmte Entwicklungen mögen nachträglich zwangsläufig interpretiert werden. In jeder Gegenwart ist die Zukunft weitgehend offen.“ Literatur Miegel, M. (2003): Die deformierte Gesellschaft. Wie die Deutschen ihre Wirklichkeit verdrängen. Berlin: Ullstein Schmidt, H. (2004): Die Mächte der Zukunft. Gewinner und Verlierer in der Welt von morgen. München: Siedler Wright, W. (2006): Eine kurze Geschichte des Fortschritts. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Prof. Dr. Manfred Grohnfeldt Lehrstuhl für Sprachheilpädagogik (Sprachtherapie und Förderschwerpunkt Sprache) Ludwig-Maximilians-Universität München Leopoldstraße 13 D-80802 München E-Mail: grohnf@spedu.uni-muenchen.de Manfred Grohnfeldt 326 VHN 4/ 2007