eJournals Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete77/4

Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete
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0017-9655
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
5_077_2008_4/5_077_2008_4.pdf101
2008
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Lebensperspektiven in der „alternden“ Gesellschaft - Zur Situation (schwer-)behinderter Frauen und Männer mittleren Alters

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2008
Ulrike Schildmann
Tomke Sabine Gerdes
Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einer spezifischen Altersgruppe in Deutschland: mit der sogenannten „Babyboom-Generation“ der um 1964 herum geborenen Menschen. Sowohl Politik als auch Wissenschaft vermuten, dass diese Alterskohorte nicht mehr in der traditionellen Weise von staatlicher Altersversorgung und -unterstützung profitieren wird; denn die ihr folgenden Generationen sind geburtenschwächere Jahrgänge, die – so die Befürchtung – für ihre geburtenstarke Vorgängergeneration weder die Altersrenten erwirtschaften noch in gewünschtem Ausmaß deren Pflege leisten können. In dieser Altersgruppe befinden sich u. a. auch behinderte Frauen und Männer, deren soziale Situation auf der Basis statistischer Daten analysiert wird. In einer anschließenden Forschungsskizze (mit internationalen Bezügen) geht es darum, wie die gesellschaftlichen, aber vor allem auch die individuellen Perspektiven (schwer-)behinderter Frauen und Männer dieser Generation positiv beeinflusst werden können.
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317 Fachbeitrag VHN, 77. Jg., S. 317 - 328 (2008) © Ernst Reinhardt Verlag München Basel Lebensperspektiven in der „alternden“ Gesellschaft - Zur Situation (schwer-)behinderter Frauen und Männer mittleren Alters Ulrike Schildmann, Tomke Sabine Gerdes Technische Universität Dortmund n Zusammenfassung: Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einer spezifischen Altersgruppe in Deutschland: mit der sogenannten „Babyboom-Generation“ der um 1964 herum geborenen Menschen. Sowohl Politik als auch Wissenschaft vermuten, dass diese Alterskohorte nicht mehr in der traditionellen Weise von staatlicher Altersversorgung und -unterstützung profitieren wird; denn die ihr folgenden Generationen sind geburtenschwächere Jahrgänge, die - so die Befürchtung - für ihre geburtenstarke Vorgängergeneration weder die Altersrenten erwirtschaften noch in gewünschtem Ausmaß deren Pflege leisten können. In dieser Altersgruppe befinden sich u. a. auch behinderte Frauen und Männer, deren soziale Situation auf der Basis statistischer Daten analysiert wird. In einer anschließenden Forschungsskizze (mit internationalen Bezügen) geht es darum, wie die gesellschaftlichen, aber vor allem auch die individuellen Perspektiven (schwer-)behinderter Frauen und Männer dieser Generation positiv beeinflusst werden können. Schlüsselbegriffe: Mittleres Alter, Geschlecht und Behinderung, Kohärenzgefühl, Disability Management Life Perspectives in an “Aging” Society - The Situation of (Severely) Disabled Middle-Aged Women and Men n Summary: This article deals with a specific age group in Germany: the so called „baby boom-generation“, persons who were born around 1964. Politics as well as science assume that this age group will no more benefit in the traditional way from the national retirement provision and assistance, because the younger low-birth generations are no more able to earn the retirement pension for the high-birth baby boom generation nor to provide the necessary amount of care. The baby boom generation also includes women and men whose social situation is analysed in this article on the basis of statistical data. In a research draft (with international references) that follows, the authors illustrate how the social and above all the personal perspectives of (severely) disabled women and men can be influenced in a positive way. Keywords: Disability, gender and middle age, sense of coherence, disability management 1 Problemstellung Das Verhältnis zwischen Behinderung und Geschlecht ist - über die gesamte Lebensspanne hinweg gesehen - ein äußerst vielschichtiges (vgl. Schildmann 2006, 16ff ): Alle Altersgruppen, von den Neugeborenen bis hin zu den Hochbetagten, weisen je eigene Besonderheiten auf. Allgemein bekannt ist vor allem, dass (in Deutschland) unter den Schülerinnen und Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf der Jungenanteil fast doppelt so hoch ist wie der Mädchenanteil; und dass etwa die Hälfte aller Schwerbehinderten 65 Jahre und älter ist. Nur in dieser Gruppe der älteren Menschen jenseits des gesellschaftlich definierten Erwerbsalters ist mit 51 Prozent der Frauenanteil mit (juristisch) anerkannter Schwerbehinderung geringfügig höher als der Männeranteil. Während das Thema Alter (jenseits des Erwerbslebens) als zukünftig bedeutsames sozialpolitisches Anliegen schon vor einigen Jahren VHN 4/ 2008 318 Ulrike Schildmann, Tomke Sabine Gerdes erkannt worden ist, erscheint nun eine neue Herausforderung am Horizont: die soziale Lage und die Perspektiven der heute im mittleren Alter stehenden Frauen und Männer, also der ca. 40 - 45-Jährigen, die auch gelegentlich als „Babyboom-Generation“ (der um 1964 Geborenen) 1 bezeichnet werden. Der Anstieg der Geburtenzahlen nach dem Zweiten Weltkrieg erreichte 1964 sein Hoch mit etwa 1,4 Millionen Geburten (vgl. Statistisches Bundesamt 2007 a, 8). Auch für diese Alterskohorte ist der Zusammenhang zwischen Behinderung und Geschlecht von Bedeutung (vgl. Abb. 1). Die Graphik gibt einen Überblick darüber, wie ungleich sich der Altersaufbau der deutschen Gesellschaft gestaltet. Die absolute „Spitzengruppe“ ist bei den 40 - 45-Jährigen zu finden. Diese Generation der geburtenstarken Jahrgänge vor dem sogenannten „Pillen-Knick“ (ab Ende der 1960er Jahre) ist einerseits heute im Durchschnitt gesünder, gebildeter und finanziell besser gestellt als ihre Elterngeneration, andererseits aber ist ihre Situation davon gekennzeichnet, dass sie nicht mehr in der altbekannten Weise von (staatlicher) Altersversorgung und -unterstützung profitieren wird; denn die ihr folgenden Generationen sind geburtenschwächere bzw. geburtenschwache Jahrgänge, die - so die Befürchtung - für ihre geburtenstarke Vorgängergeneration weder die Altersrenten erwirtschaften noch in gewünschtem Ausmaß deren Pflege leisten können. Deshalb beschäftigt die Generation der Babyboomer sowohl Politik als auch Wissenschaft, nicht zuletzt unter dem Gesichtspunkt, rechtzeitig kollektive und individuelle Förderungs- und Entwicklungsmöglichkeiten auszuloten. Der vorliegende Artikel geht von statistischen Analysen aus (Kapitel 2, 3 und 4) und mündet in eine Forschungsskizze (Kapitel 5 und 6), in der sowohl gesellschaftliche als auch individuelle Perspektiven des Alterns unter der Bedingung von Schwerbehinderung entwickelt werden. 2 Die demografische Entwicklung Deutschlands und die besondere Bedeutung (schwer-)behinderter Menschen in der Generation mittleren Alters Die demografische Entwicklung in Deutschland wird entscheidend dadurch beeinflusst, dass die Lebenserwartung der Menschen steigt und 100 90 80 70 60 50 40 30 20 10 0 600 300 300 600 Tausend Alter in Jahren Tausend Insgesamt: 82.2 Mill. © Statistisches Bundesamt 2006 2007 43-Jährige (geboren 1964) Männer: 752 000 Frauen: 713 000 Proporz F/ M: 0.95 Abb. 1: Altersaufbau 2007 in Deutschland VHN 4/ 2008 319 Lebensperspektiven in der „alternden“ Gesellschaft „darunter auch die Überlebenszeiten nach Unfällen oder Erkrankungen“ (Cornelißen 2005, 584). Unklar ist aber bis heute, „ob mit dem Anstieg des Anteils alter Menschen in der Gesellschaft die Zahl kranker und behinderter alter Menschen steigt (Medikalisierungsthese) oder ob gewonnene Jahre in erster Linie gesunde Lebensjahre sind, also Krankheit und Behinderung in noch höhere Altersgruppen verlagert werden (Kompressionsthese)“ (Cornelißen 2005, 584). Beide Tendenzen werden, so auch eines der Ergebnisse der Enquête-Kommission „Demographischer Wandel“ des Deutschen Bundestages (2002, 398f ), voraussichtlich eine wichtige Rolle spielen. Dabei sollte u. a. bedacht werden, dass nur ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung von Geburt oder Kindheit an mit einer Behinderung lebt, während die Mehrzahl erst im mittleren oder höheren Lebensalter mit Behinderung konfrontiert wird. Die folgende Grafik belegt diese Aussage: Die Alterskohorte der um 1964 geborenen Kinder steht - rein statistisch gesehen - inzwischen am Beginn ihrer zweiten Lebenshälfte. Wenn es unter demografischen Gesichtspunkten darum geht, diese Personengruppe der 40 - 45-Jährigen näher zu erfassen und ihre gesellschaftlichen Aufgaben und individuellen Lebensperspektiven und -pläne auszuloten, dann ist dabei zu bedenken, dass - wie schon oben angesprochen - nicht alle Mitglieder der Altersgruppe gleichermaßen gesund und leistungsfähig sind, sondern dass vielmehr ein bestimmter Anteil von ihnen als behindert - und im rechtlich formalisierten Sinne als schwerbehindert - gilt. Behinderung ist ein gesellschaftliches Phänomen, das mit zunehmendem Alter gerade von der (statistischen) Mitte des Lebens an erheblich zunimmt (s. Abb. 2): Sind noch in der Altersgruppe der 35 - 45-Jährigen insgesamt nur 3,4 % der Bevölkerung als schwerbehindert registriert, so steigt der Anteil bei den 45 - 55-Jährigen auf 6,7 % und bei den 55 - 60-Jährigen auf bereits 12,9 %. Die 20 %-Marke wird bei den 70 - 75- Jährigen erreicht; der höchste Anteil an Schwerbehinderten liegt in der Gruppe der über 75-Jährigen. Die Schere zwischen Frauen und Männern öffnet sich also in den mittleren Al- 40 35 30 25 20 15 10 5 0 0,5 0,6 0,5 0,8 1,1 0,9 1,0 1,4 1,2 1,2 1,6 1,4 1,3 1,8 1,6 1,8 2,2 2,0 3,2 3,6 3,4 6,3 7,0 6,7 11,3 14,5 12,9 13,6 19,6 16,6 12,9 20,9 16,8 13,7 21,8 17,6 16,9 26,5 21,2 24,6 36,1 28,3 7,5 8,6 8,0 u. 4 4u. 6 6u. 15 15u. 18 18u. 25 25u. 35 35u. 45 45u. 55 55u. 60 60u. 62 62u. 65 65u. 70 70u. 75 75 u. mehr gesamt weiblich männlich gesamt Abb. 2: Anteil weiblicher und männlicher Schwerbehinderter an der weiblichen und männlichen Gesamtbevölkerung nach Altersgruppen in Deutschland 2003 (in %) (Cornelißen 2005, 538) Anmerkung: Die Zahlenwerte geben die alters- und geschlechtsspezifische Schwerbehindertenquote an. Datenbasis: Schwerbehindertenstatistik Quelle: Statistisches Bundesamt VHN 4/ 2008 320 Ulrike Schildmann, Tomke Sabine Gerdes tersgruppen deutlich (35 - 45-Jährige: 3,2: 3,6 %; 45 - 55-Jährige: 6,3: 7,0 %; 55 - 60- Jährige: 11,3: 12.9 %; s. Abb. 2). 3 Erwerbsminderungsrente, Schwerbehinderung und Geschlecht Im Zusammenhang mit den dargestellten Phänomenen steht das statistisch durchschnittliche Einstiegsalter in die Erwerbsminderungsrente (vormals Erwerbsunfähigkeitsrente), das bei gerade einmal 50 Jahren liegt (Frauen 49,2; Männer 50,7) (vgl. Cornelißen 2005, 586): „Der Übergang in eine Erwerbsunfähigkeitsrente und damit verbunden die Anerkennung als Schwerbehinderte wird als Alternative zur Arbeitslosigkeit gesehen und in Ostdeutschland besonders auch von älteren, chronisch kranken Frauen in Anspruch genommen“ (Cornelißen 2005, 538, in Anlehnung an Kies 1995, 6; Eckert 1997, 148ff ). Der folgende (geschlechterspezifische) Blick auf die Hauptursachen für Renten wegen verminderter Erwerbsfähigkeit vermittelt einen Eindruck von den gesundheitlichen Problemen, mit denen die betroffenen Personen konfrontiert sind (vgl. Cornelißen 2005, 561f ). Abb. 3: Hauptursachen für Renten wegen verminderter Erwerbsunfähigkeit bei Frauen und Männern in Deutschland 1983 bis 2003 (in %) (Cornelißen 2005, 590f ) Datenbasis: VDR-Statistik Quelle: VDR-Statistik Rentenzugang, verschiedene Jahrgänge VHN 4/ 2008 321 Lebensperspektiven in der „alternden“ Gesellschaft Wichtig sind an dieser Stelle vor allem folgende Erkenntnisse: a. Bezogen auf Gesamt-Deutschland ist festzustellen: „An Gewicht haben vor allem die psychischen Erkrankungen als Ursache für einen vorzeitigen Renteneintritt gewonnen. Sie nehmen mit 36 Prozent (Frauen) bzw. 25 Prozent (Männer) mittlerweile den ersten Platz unter den Ursachen der Rente wegen verminderter Erwerbsfähigkeit ein“ (Cornelißen 2005, 591; Hervorhebung: d. Verf.). Psychische Erkrankungen haben sich in den letzten zehn Jahren beinahe verdoppelt (vgl. ebd. 2005, 607). b. Auch aktuelle Meldungen aus Hessen, basierend auf Daten der Deutschen Rentenversicherung, und aus Westfalen-Lippe betonen die Zunahme psychischer Belastungen am Arbeitsplatz, eine Steigerung der Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund psychischer Erkrankungen sowie eine erhöhte Frühberentungsrate aufgrund psychisch bedingter Erwerbsminderung (vgl. Techniker Krankenkasse Hessen vom 20. 9. 2007; Landschaftsverband Westfalen-Lippe vom 21. 9. 2007). c. „Wenn man davon ausgeht, dass durch verminderte Erwerbsfähigkeit im Durchschnitt 15 Beschäftigungsjahre sowohl individuell als auch für die Gesellschaft verloren gehen, wird deutlich, welch große Bedeutung der Prävention dieser Erkrankungen zukommt“ (Cornelißen 2005, 591; Hervorhebung: d. Verf.). 4 Statistische Datenlage zur Personengruppe der schwerbehinderten Frauen und Männer mittleren Alters in Deutschland Die Problemlagen, mit denen die Alterskohorte der um 1964 Geborenen bereits konfrontiert ist bzw. voraussichtlich konfrontiert wird, lassen sich unseres Wissens bisher nur auf der Basis statistischer Erhebungen charakterisieren. Darauf soll im Folgenden näher eingegangen werden. Seit 1995 ist die Anzahl derjenigen, die eine amtlich anerkannte Schwerbehinderung haben, im Steigen (vgl. Hein 1996; 792, Pfaff 2001, 678; Pfaff u. a. 2003, 745; Pfaff u. a. 2005, 1209). 2005 lebten in Deutschland 6,8 Millionen schwerbehinderte Menschen. Damit ist etwa jeder zwölfte Einwohner als schwerbehindert anerkannt. Es ist jedoch wichtig zu wissen, dass ca. 53 % dieser Gesamt-Gruppe über 65 Jahre alt sind. Weitere ca. 21 % der Schwerbehinderten sind im Alter von 55 bis unter 65 Jahren. Insgesamt sind also fast drei Viertel der Schwerbehinderten über 55 Jahre alt (Pfaff u. a. 2005, 1209). Die Konstruktion der Schwerbehinderung weist damit einen starken Zusammenhang mit der Kategorie Alter auf, hier: mit dem zunehmenden Alter. Eine Ursache dafür wird in dem Bemühen der Antragsteller/ innen gesehen, einen früheren Renteneintritt zu erlangen. Dieses Ergebnis ist seit 1995 unverändert (vgl. Hein 1996, 793; Pfaff u. a. 2005, 1211f ). Über die Jahre etwa gleichbleibend ist mit ca. 83 % die Mehrheit der (Schwer-)Behinderungen durch eine Krankheit verursacht worden, lediglich etwa 5 % der Schwerbehinderten haben angeborene Behinderungen. Bei etwa 2 % liegt die Ursache in einem Unfall oder einer Berufskrankheit und bei nur noch ca. 1,5 % in Schädigungen durch Krieg, Wehrdienst oder Zivildienst. Sonstige, mehrere oder ungenügend bezeichnete Ursachen liegen bei fast 9 % (vgl. Statistisches Bundesamt 2007 b, 5). Seit vielen Jahren ist das Verhältnis zwischen den Geschlechtern mehr oder weniger konstant: Mit etwa 52 - 53 % überwiegen unter den schwerbehinderten Menschen die Männer (vgl. Pfaff 2001, 678; Pfaff u. a. 2003, 754; dies. 2005, 1209; Statistisches Bundesamt 2007 b, 5). Ein Grund dafür liegt wohl darin, dass sie „im Allgemeinen häufiger am Erwerbsleben teilnehmen als Frauen und dass Erwerbstätige bzw. Arbeit Suchende ein größeres Interesse an einer Anerkennung der Behinderteneigenschaft haben können als Nichterwerbspersonen, denn ein Schwerpunkt der Leistungen des Schwerbe- VHN 4/ 2008 322 Ulrike Schildmann, Tomke Sabine Gerdes hindertenrechts betrifft Regelungen zur Teilhabe am Arbeitsmarkt“ (Pfaff u. a. 2005, 1212). Der Anteil der Erwerbstätigen bei den Schwerbehinderten unterscheidet sich gegenüber den allgemeinen - männlichen bzw. weiblichen - Erwerbsquoten erheblich: Bei behinderten Männern liegt die Erwerbstätigkeit insgesamt bei nur 30 % (nicht behinderte Männer 71 %) und bei behinderten Frauen sogar nur bei 21 % (nicht behinderte Frauen 53 %) (vgl. Cornelißen 2005, 561). Für die Alterskohorte der „Baby-Boomer“, die in der offiziellen Bundes-Statistik am ehesten in der Altersgruppe der 35 - 45-Jährigen zu finden ist, aber auch bereits an die nächstfolgende statistische Altersgruppe der 45 - 55-Jährigen heranreicht, ergibt sich etwa folgendes Bild: Während in der Altersgruppe zwischen 35 und 45 Jahren noch mehr als die Hälfte der Schwerbehinderten im Berufsleben stehen, sind dies in der Altersgruppe der 45 - 55-jährigen Frauen nur noch ein Drittel und bei den 45 - 55-jährigen Männern knapp die Hälfte (vgl. Cornelißen 2005, 562). Die Schwerbehindertenquote der deutschen 35bis unter 45- Jährigen beträgt 3,5 %. Diese Quote steigt mit zunehmendem Alter kontinuierlich an. Bei der nächsthöheren Altersgruppe der 45bis unter 55-Jährigen liegt sie bereits bei 6,8 %. Insofern ist davon auszugehen, dass auch die Kohorte der Baby-Boomer-Generation mit fortschreitendem Alter häufiger von Schwerbehinderung betroffen sein wird. Bisher hat vor allem das mit dem Alter an sich zunehmende Ausscheiden Schwerbehinderter aus dem Erwerbsleben sozialpolitische Aufmerksamkeit geweckt, während der Zusammenhang zum Babyboom mit den unterschiedlichsten Folgen noch nicht reflektiert wurde. Die Tendenz der steigenden Schwerbehindertenquote mit zunehmendem Alter ist ebenfalls bei den Schwerbehinderten der ausländischen Bevölkerung in Deutschland zu beobachten, die insgesamt aber nur einen geringen Teil der schwerbehinderten Menschen in Deutschland ausmachen (vgl. Pfaff u. a. 2005, 1216). Aus der Gesamtgruppe der schwerbehinderten Frauen und Männer befinden sich 7,2 % in der Altersgruppe der 35bis unter 45- Jährigen (Männer 7,4 %, Frauen 6,9 %; ebd. 1211). Bei knapp 30 % von ihnen beträgt der amtlich festgestellte Grad der Behinderung (GdB) 100, nur 3 % haben einen GdB von 90, jeweils zwischen 9 und 14 % haben einen GdB von 80, 70 oder 60, und genau ein Drittel der Schwerbehinderten dieser Alterskohorte hat einen GdB von 50. Damit liegen die 35bis unter 45-Jährigen im Trend der 25bis unter 65-Jährigen, gemäß dem die meisten Schwerbehinderten einen GdB von 50 aufweisen, gefolgt von denjenigen mit einem GdB von 100 (Pfaff u. a. 2005, 1212). Dass mit zunehmendem Alter bis zu 65 Jahren, also innerhalb der typischen Erwerbsaltersphase, viele Menschen einen GdB von nur 50 bescheinigt bekommen, könnte damit zu tun haben, dass die Schwerbehinderung als solche bereits dafür ausreicht, einen vorzeitigen Renteneintritt zu erreichen. Für die Babyboomer-Jahrgänge ist davon auszugehen, dass sie mit zunehmendem Alter am ehesten einen GdB von 50 anerkannt bekommen. „In allen Ursachengruppen überwiegen die Anteile der Männer gegenüber den Frauen“ (Cornelißen 2005, 543). Die Daten weisen eindeutig auf geschlechterspezifische Risiken hin: So überwiegen Berufskrankheiten, (Erwerbs-) Arbeitsunfälle und Wegunfälle bei Männern und typischerweise Haushalts-/ (Hausarbeits-) Unfälle bei Frauen. In den letzten Jahren wurde den Schwerbehinderungen psychischer Art eine besondere Aufmerksamkeit geschenkt, weil sie, wie oben bereits erwähnt, sehr häufig zu Frühberentungen geführt haben. Schwerbehinderungen psychischer Art gehen vor allem auf Krankheiten, dispositionelle Anlagen und Unfälle/ Verletzungen zurück. In der Schwerbehindertenstatistik werden sie unter der Rubrik der „Art der schwersten Behinderung“ nur in der Sammel-Kategorie „geistig-seelische Behinderungen“ (gemeinsam mit hirnorganischen Anfällen und Suchterkrankungen) aus- VHN 4/ 2008 323 Lebensperspektiven in der „alternden“ Gesellschaft gewiesen. Ist diese Einteilung auch sehr unspezifisch, so sind ihr dennoch wichtige Details zu entnehmen: n Hirnorganisches Psychosyndrom, symptomatische Psychosen: Anstieg der Fälle von knapp 337.000 im Jahr 1995 auf über 440.000 Fälle (6,6 % an allen Schwerbehinderungsarten) im Jahr 2005; n Psychosen (Schizophrenie, affektive Psychosen), Neurosen, Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen: Anstieg der Fälle von knapp 170.000 im Jahr 1995 auf etwa 245.000 Fälle (4,5 % an allen Schwerbehinderungsarten) im Jahr 2005 (vgl. Hein 1996, 795; Statistisches Bundesamt 2007 b, 10). n Die genannten psychischen Krankheiten machen damit als „Art der Schwerbehinderung“ etwa 11 % aller Schwerbehinderungen aus (vgl. Pfaff u. a. 2007, 10). Der Geschlechtervergleich zeigt, dass von den hirnorganischen Psychosyndromen und symptomatischen Psychosen mehr Männer betroffen sind, von den Psychosen, Neurosen, Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen dagegen mehr Frauen (vgl. Pfaff u. a. 2005, 1213). Auch diese Tendenz ist über die Jahre konstant (vgl. Pfaff 2001, 681). Im Alter zwischen 35 und 45 Jahren waren im Jahr 2005 mit 16,6 % (1997 noch 13,9 %) überdurchschnittlich viele Menschen von psychischen Behinderungen betroffen (eigene Berechnung - Statistisches Bundesamt 1998, 6f und 2007, 8f ). Gründe für die Zunahme dieser Arten der Schwerbehinderung sind noch näher zu erforschen, gehen sie doch einher mit verschiedensten Beobachtungen, angefangen mit der Einschätzung, dass psychische Erkrankungen in der deutschen Gesellschaft generell zunähmen (vgl. z. B. DAK 2005, 39ff ) bis hin zu den bereits oben angesprochenen „Hauptursachen für Renten wegen verminderter Erwerbsunfähigkeit“ (vgl. Abb. 3). 5 Forschungsskizze Die dargestellten Konstellationen veranlassen uns, Situation und Perspektiven schwerbehinderter Frauen und Männer im Rahmen eines interdisziplinären Forschungsverbundes (Forschungsschwerpunkt „Dynamik der Geschlechterkonstellationen“ der Universität Dortmund) gezielt zu durchleuchten. Aufgrund der Anbindung des Schwerbehindertenrechtes an die Erwerbsarbeit und an das auf Erwerbsarbeit ausgerichtete Sozialversicherungssystem profitieren Männer eher von den „Maßnahmen zum Nachteilsausgleich bei Behinderung“ durch das Schwerbehindertenrecht als Frauen (vgl. Cornelißen 2005, 546). Deshalb wird hier die These gestützt, dass schwerbehinderte Männer auch öfter und direkter auf materielle Ressourcen zurückgreifen können als Frauen. Untermauert wird diese These durch - wenn auch nur wenige zur Verfügung stehende - Daten über die ökonomische Lage behinderter Menschen im Geschlechtervergleich. Wie auch nicht behinderte Frauen arbeiten schwerbehinderte Frauen häufiger als schwerbehinderte Männer in Teilzeitarbeitsverhältnissen: in den westdeutschen Bundesländern 39: 16 %; in den ostdeutschen Bundesländern 28: 20 % (Cornelißen 2005, 568). In Ostdeutschland ist außerdem die (Erwerbs-)Arbeitslosigkeit schwerbehinderter Frauen und Männer höher als in den westdeutschen Bundesländern. Entsprechend klaffen die angehäuften Versicherungsjahre bei Renten wegen verminderter Erwerbsfähigkeit, aber auch bei der Altersrente für Schwerbehinderte deutlich auseinander (Cornelißen 2005, 587f ) und wirken sich auf die gegenwärtige und die zukünftige ökonomische Lage aus. „Frauen beziehen in allen drei Rentenarten (Versichertenrenten gesamt, Rente wegen verminderter Erwerbsfähigkeit, Altersrente Schwerbehinderte; d. Verf.) deutlich niedrigere Beträge als Männer“ (Cornelißen 2005, 589), ein Ergebnis, das auch aus der Armutsberichterstattung bekannt ist. Dennoch schätzen laut Umfragen wie dem Sozialökonomischen Panel (SOEP) vor allem VHN 4/ 2008 324 Ulrike Schildmann, Tomke Sabine Gerdes westdeutsche Frauen ihre „in fünf Jahren erwartete Lebenszufriedenheit“ - ähnlich wie Männer - überwiegend positiv ein, während ostdeutsche Frauen wie Männer in ihren Erwartungen um einiges zurückhaltender sind (vgl. Cornelißen 2005, 604). Welche Rolle bei dieser Aussage die Alterskohorte der um 1964 Geborenen einnimmt, ist dem Gender-Datenreport nicht zu entnehmen und wird deshalb als Forschungsfrage aufgegriffen. Eine weitere These steht im Raum, selbst wenn sie bereits als Ergebnis aus einer groß angelegten empirischen Untersuchung zur sozialen Lage behinderter Frauen (LIVE-Studie; Eiermann u. a. 2000) hervorgegangen ist: „Je früher eine Behinderung eintritt, umso besser lernen Betroffene damit umzugehen und erwerben kompensatorische Fähigkeiten. Je nach Art und Schwere der Behinderung weichen ihre Biografien aber mehr oder weniger von denen nicht Behinderter ab. Je später eine Behinderung eintritt, desto länger verlaufen die Biografien analog zur Situation nicht behinderter Frauen und Männer, umso schwerer werden aber kompensatorische Fähigkeiten erworben, die eine selbstbestimmte und selbstständige Lebensführung mit Behinderung ermöglichen könnten“ (Cornelißen 2005, 543; Hervorh. d. Verf.). Dieses Ergebnis weist auf die Bandbreite von Ressourcen hin, die die Frauen und Männer - voraussichtlich in unterschiedlicher Weise - zur Verfügung haben und für ihr eigenes Wohlbefinden aktivieren können. Unser Forschungsdesign zielt sowohl auf gesellschaftlich-strukturelle Problemstellungen als auch auf individuelle Perspektiven des Alterns. Als gesellschaftlich-strukturelle Fragestellung sehen wir vor allem die (sozialpolitische) Konstruktion von Schwerbehinderung selbst an, die als „Schwerbeschädigung“ vor einem knappen Jahrhundert ins Leben gerufen und den jeweiligen politischen Erfordernissen immer wieder neu angepasst wurde (vgl. zusammenfassend Schildmann 2000). Ziel ist es, diese sozialpolitische Konstruktion nochmals in Kürze historisch nachzuzeichnen und auf dieser Basis zu erforschen, wie sie sich in der Zukunft der „alternden Gesellschaft“ Deutschlands, aber auch im Zuge der europäischen Vereinheitlichung weiter entwickeln kann und soll. Im Vordergrund unserer Forschung werden jedoch die individuellen Perspektiven des Alterns unter der Bedingung von (Schwer-)Behinderung stehen, wobei psychisch behinderte Frauen und Männer aus den bereits genannten Gründen besondere Beachtung erfahren sollen. Denn unter den Schwerbehinderten stellen sie die Gruppe mit den größten Problemen auf dem Arbeitsmarkt dar (vgl. Gerdes 2007, 23ff ). In der Rubrik der individuellen Perspektiven des Alterns sind drei Forschungsperspektiven leitend: 1. Ein Schwerpunkt liegt auf der Frage nach geschlechterspezifischen Zusammenhängen zwischen Schwerbehinderung und Frühberentung bei psychisch beeinträchtigten Frauen und Männern. Von Interesse ist, welche Bedeutung die Betroffenen aus den geburtenstarken Jahrgängen dem Status der Schwerbehinderung für die Integration in den Arbeitsmarkt beimessen und ob gezielte (arbeits-)politische Maßnahmen die Frühberentung dieser Personengruppe vermeiden oder herauszögern könnten. 2. Ein weiterer Schwerpunkt befasst sich mit der Frage, welche Einflüsse eine (Schwer-) Behinderung auf den Lebenslauf der Betroffenen haben kann (Gestaltung von Erwerbsarbeit und familialer Reproduktionsarbeit/ Privatleben; diskriminierende Faktoren versus Schutzfaktoren? ). Hierbei wird auf das Konzept des Kohärenzgefühls nach Antonovsky zurückgegriffen (siehe unten). 3. Schließlich soll untersucht werden, ob die individuellen Alterungsprozesse - selbst unter der Bedingung von (Schwer-)Behinderung - auch Innovationspotenziale enthalten, u. a. in folgendem Sinne: Welche Personen unter den befragten psychisch Beeinträchtigten erleben den Status der Schwerbehinderung eher als Ressource bzw. VHN 4/ 2008 325 Lebensperspektiven in der „alternden“ Gesellschaft eher als Stressor? Welche Rolle spielen die Komponenten Geschlecht und zunehmendes Alter bei der Einschätzung der individuellen Lage? Was könnten nicht betroffene Frauen bzw. Männer (präventiv) aus den individuellen Erfahrungen der behinderten Frauen und Männer lernen, und wo liegen kreative Hinweise für Arbeitgeber, Arbeitsvermittler u. a.? Wenn in diesem Zusammenhang theoretisch und methodisch auf das Konzept der Salutogenese von Aaron Antonovsky (1997) und sein Untersuchungsinstrumentarium des Kohärenzgefühls (Sense of Coherence/ SOC) zurückgegriffen werden soll, dann vor allem deshalb, weil sich die Salutogenese auf die Widerstandsressourcen des einzelnen Individuums im Prozess der Bewältigung von Belastungen und Stressoren konzentriert. Aus der Kombination von Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Bedeutsamkeit (Antonovsky 1997, 34f ) der psychischen und sozialen Prozesse, die durchlaufen werden, setzt sich das individuelle Kohärenzgefühl zusammen: „Das SOC (Kohärenzgefühl) ist eine globale Orientierung, die ausdrückt, in welchem Ausmaß man ein durchdringendes, andauerndes und dennoch dynamisches Gefühl des Vertrauens hat, dass 1. die Stimuli, die sich im Verlauf des Lebens aus der inneren und äußeren Umgebung ergeben, strukturiert, vorhersehbar und erklärbar sind; 2. einem die Ressourcen zur Verfügung stehen, um den Anforderungen, die diese Stimuli stellen, zu begegnen; 3. diese Anforderungen Herausforderungen sind, die Anstrengung und Engagement lohnen“ (Antonovsky 1997, 36). Zur Messung des Kohärenzgefühls steht ein Fragebogen zur Verfügung, der inzwischen in vielen Ländern erprobt worden ist. Auf erste internationale Forschungsergebnisse soll deshalb im Folgenden kurz eingegangen werden. 6 Internationale Aspekte Für unsere geplante Forschungsarbeit sind zwei internationale Studien - eine finnische und eine kanadische - von Bedeutung, die sich mit Fragen von Frühberentung bzw. des Erhaltes der Erwerbsfähigkeit befassen. Die repräsentative finnische Studie (Suominen u. a. 2005) an ca. 2.000 Frauen und Männern (51,8 % zu 48,2 %) im erwerbsfähigen Alter von 15 bis 64 Jahren hat sich zum Ziel gesetzt, den Zusammenhang zwischen Kohärenzgefühl und Erwerbsminderungsberentung bzw. Frühberentung (i. d. R. ab dem 60. Lebensjahr, teilweise auch ab 55 Jahren möglich) zu untersuchen. Sie basiert auf einer Fragebogenerhebung zum Kohärenzgefühl aus den Jahren 1989 und 1993 sowie auf Daten der nationalen Rentenstatistik von 1990 bis 1996. Das SOC wurde durch eine eigens erstellte gekürzte Version des SOC-Fragebogens von Aaron Antonovsky ermittelt (vgl. Suominen u. a. 2005, 455ff ). Bei einem interindividuellen Vergleich der Untersuchungsteilnehmer/ innen konnte nachgewiesen werden, dass Personen unter 50 Jahren mit einem niedrigen SOC signifikant öfter erwerbsgemindert waren als solche mit einem hohen SOC-Wert. Die Autoren schließen daraus, dass ein niedriges SOC bei Personen im Alter von bis zu 50 Jahren das Vorkommen einer Erwerbsminderungsrente oder Frühberentung im späteren Alter erhöht (Suominen u. a. 2005, 458); denn zum einen könne eine Person mit hohem SOC mit den Folgen von Krankheit oder Behinderung besser umgehen und daher eher arbeitsorientiert sein und eine Erwerbsminderungsrente vermeiden. Zum anderen bestehe aber auch die Möglichkeit, dass jemand mit hohem SOC eher in der Lage sei, alle vorhandenen Ressourcen (zu denen auch die Erwerbsminderungsrente gehört) zu nutzen und möglicherweise eher Rentenbezieher/ in zu werden als andere. Die Autoren selbst favorisieren die erste These und begründen dies damit, dass eine Person mit hohem SOC Wert darauf legt, in den Arbeitsprozess integriert zu bleiben, um die VHN 4/ 2008 326 Ulrike Schildmann, Tomke Sabine Gerdes positiven Faktoren wie z. B. Einkommen, Selbstbestätigung durch die Erwerbsarbeit usw. für sich nutzen zu können. Insgesamt sehen sie die Schutzfunktion eines hohen SOC zumindest für die Altergruppe der bis 50-Jährigen in ihrer Studie bestätigt (Suominen u. a. 2005, 458f ). Vor diesem Hintergrund plädieren sie dafür, das Konzept des SOC systematisch (durch gezielte Maßnahmen) zu nutzen, um bei Frauen und Männern in frühen Lebensjahren den Grundstein zur Vermeidung von Erwerbsminderung zu legen. Für unsere Zielgruppe der heute um 40 bis 45 Jahre alten Personen der Babyboomer- Generation könnten diese Forschungsergebnisse durchaus wegweisend sein, geht es doch auch uns u. a. um Möglichkeiten der Vermeidung von Frühberentung und ähnliche gesellschaftlich desintegrierende Tendenzen. Die oben angekündigte kanadische Studie (McDonald/ Harder 2004) bringt zum Ausdruck, dass auch das Thema „Babyboomer und Erwerbsarbeit“ (hier Geborene von 1946 bis 1965, vgl. Statistics Canada 2006) auch international beachtet wird. Die Autoren widmen sich speziell der Frage nach der Arbeitsfähigkeit älterer Arbeitnehmer/ innen und sehen Arbeitgeber in der Pflicht, durch ein entsprechendes „Disability Management“ in den Betrieben auf die speziellen Bedürfnisse älterer und behinderter Arbeitskräfte einzugehen. Disability Management versteht sich als ganzheitlicher Ansatz, um Menschen mit Gesundheitseinschränkungen und Behinderungen in das Arbeitsleben zu integrieren und ihre Frühberentung zu verhindern. Disability Management ist durch einen sowohl präventiven als auch rehabilitativen Charakter geprägt (vgl. Mehrhoff 2004, 10f ). Damit ist es ähnlich zu verstehen wie das deutsche „Betriebliche Eingliederungsmanagement“ gemäß § 84 Sozialgesetzbuch IX. Durch die Umsetzung eines solchen Programms lassen sich die Erfahrungen und das Wissen der gewachsenen Arbeitnehmerschaft weiterhin nutzen, was angesichts der insgesamt sinkenden Anzahl und des steigenden Alters der Erwerbspersonen immer wichtiger werden dürfte: „It is clear that older workers are becoming more important to employers. Whereas previously early retirement, medical bridging pensions, and hiring of a younger workforce was an option, organizations must now review their injury prevention and Disability Management Programs with an eye to retaining older workers“ (McDonald/ Harder 2004, 4). Als Maßnahmen des Disability Managements werden z. B. ergonomische Arbeitsplatzausstattung, Unfallverhütung, Fitness- und Sportangebote genannt (McDonald/ Harder 2004, 5). Angesichts der Zunahme psychischer Erkrankungen und Behinderungen und steigender psychischer Belastungen durch Erwerbsarbeit sollte das Disability Management auf psychisch relevante Ressourcen einen besonders hohen Wert legen. Dieser Aspekt wird allerdings oftmals - so auch in dem hier referierten kanadischen Ansatz - unterschätzt. Damit ist deutlich geworden, dass die hier aufgeworfene Problemstellung nicht nur ein deutsches Thema zu sein scheint, sondern auch andere Länder betrifft, aus deren Erfahrungen und Erkenntnissen wir eventuell Nutzen ziehen können. Der von uns angeregte Geschlechtervergleich auf diesem Gebiet resultiert nicht zuletzt auch aus den zeitgeschichtlichen Veränderungen innerhalb der geschlechterspezifischen Arbeitsteilung, insbesondere in der Zusammensetzung des Arbeitskräftepotenzials auf dem Erwerbsarbeitsmarkt (vgl. auch Buck u. a. 2002, 20). Anmerkung 1 „Als ‚Babyboomer‘ wird in den USA die Kohorte der um 1954 Geborenen, in Deutschland der um 1964 Geborenen bezeichnet“ (Volkswagen- Stiftung, Ausschreibung Forschungsprogramm 2006). Diesen Kohorten gelte ein besonderes politisches Interesse, so die VW-Stiftung, eine der wichtigsten Drittmittelgeber-Organisationen in Deutschland, die im Juli 2006 ein neues Förderprogramm über „Individuelle und gesellschaftliche Perspektiven des Alterns“ aufgelegt hat. In dessen Rahmen wird in den nächsten VHN 4/ 2008 327 Lebensperspektiven in der „alternden“ Gesellschaft Jahren eine größere Zahl wissenschaftlicher Projekte über die Lebensbedingungen und -perspektiven gerade der um 1964 geborenen Menschen gefördert. Literatur Antonovsky, Aaron (1997): Salutogenese. Zur Entmystifizierung der Gesundheit. Tübingen Buck, Hartmut; Kistler, Ernst; Mendius, Hans Gerhard (2002): Demographischer Wandel in der Arbeitswelt. Chancen für eine innovative Arbeitsgestaltung. Hrsg. v. Bundesministerium für Bildung und Forschung. Stuttgart Cornelißen, Waltraud (Hrsg.) (2005): Gender-Datenreport. 1. 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