eJournals Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete78/3

Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete
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0017-9655
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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2009
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Trend: Förderschulen - Wohin geht der Trend?

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Urs Haeberlin
Am Beispiel des Bayerischen Schulwesens habe ich einige einfach aufzufindende statistische Daten unter bestimmten Fragestellungen aufbereitet. Auf den Homepages des Bundesamtes und des Bayerischen Landesamtes für Statistik sind gewisse Daten kostenlos zugänglich. Daran habe ich zu überprüfen versucht, ob sich in Bayern Parallelen zu unseren Ergebnissen aus der Schweiz sowie zu anderen bekannten Entwicklungen im Förderschulwesen finden. Dabei bin ich auf einige Entwicklungstrends gestoßen, die zu denken geben und in Forschungsprojekten weiter analysiert werden sollten.
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VHN, 78. Jg., S. 236 - 243 (2009) © Ernst Reinhardt Verlag München Basel 236 Förderschulen - Wohin geht der Trend? Urs Haeberlin Universität Freiburg/ Schweiz Trend Abb. 1: Förderschülerquoten in den Bundesländern Am Beispiel des Bayerischen Schulwesens habe ich einige einfach aufzufindende statistische Daten unter bestimmten Fragestellungen aufbereitet. Auf den Homepages des Bundesamtes und des Bayerischen Landesamtes für Statistik sind gewisse Daten kostenlos zugänglich. Daran habe ich zu überprüfen versucht, ob sich in Bayern Parallelen zu unseren Ergebnissen aus der Schweiz sowie zu anderen bekannten Entwicklungen im Förderschulwesen finden. Dabei bin ich auf einige Entwicklungstrends gestoßen, die zu denken geben und in Forschungsprojekten weiter analysiert werden sollten. Variabilität der Förderschulquoten zwischen den Ländern Die Unterschiede der Förderschülerquoten zwischen den Bundesländern sind enorm. Die Neuen Bundesländer als Spitzengruppe springen besonders ins Auge. Die grafische Darstellung des Sachverhalts in Abbildung 1 zeigt unmissverständlich die theoretische Unzulänglichkeit des Fachbegriffs „Lernbehinderung“. Darüber hinaus erweisen sich für die einzelnen Bundesländer auch die Zeitpunkte der Förderschuleinweisung als sehr variabel. Abbildung 2 zeigt, dass einige Länder, auch Bayern, VHN 3/ 2009 237 Förderschulen bereits beim Schuleintritt wesentlich mehr als 4 Prozent aller in die Schule eintretenden Kinder in eine Förderschule schicken. Dabei ist zu bedenken, dass man allgemein mit etwas mehr als einem halben Prozent Kinder mit Geistiger Behinderung rechnet; diese werden in der Regel ab Schulbeginn in Förderschulen eingewiesen. Welchen Hintergrund hat die teilweise sehr hohe Quote an Schulanfängern mit einer anderen Diagnose als Geistige Behinderung, die ab Schulanfang in Förderschulen eingewiesen werden? Die Einschulung der Kinder mit einer Geistigen Behinderung ist in der Statistik des Bundesamtes einzeln ausgewiesen. Abbildung 3 Abb. 2: Förderschuleinweisungen bei der Einschulung Abb. 3: Einschulung in Förderschulen mit und ohne Geistige Behinderung VHN 3/ 2009 238 Urs Haeberlin zeigt, wie es in den einzelnen Bundesländern aussieht. Zwei Bundesländer (Niedersachsen und Sachsen-Anhalt) schulen weit über 1 Prozent der Schulanfänger als geistig behindert ein. Ein Beleg dafür, dass wir offenbar weit weg von einer einheitlich diagnostizierten Erscheinung sind. Die Gründe der unterschiedlichen Diagnosepraxen sind klärungsbedürftig. Expansion der Förderschulen In Abbildung 4 sind die Veränderungen der Anzahl der Allgemeinen Volksschulen und der Förderschulen in Bayern sowie der Anzahl der Klassen dieser Schulen auf das Schuljahr als Basis 100 indexiert. Von 1980 bis 2008 ist die Zahl der Volksschulen stabil geblieben. Die Abb. 4: Entwicklung der Schulen und Schulklassen Abb. 5: Entwicklung der Klassenstärken VHN 3/ 2009 239 Förderschulen Zahl aller Volksschulklassen zeigt gewisse Schwankungen nach unten. Die Zahl der Förderschulen hat in dieser Periode stetig abgenommen. Aber die Zahl der Förderschulklassen zeigt ab 1990 eine auffällig starke Zunahme. Das Verhältnis zwischen Zunahme der Klassen und Abnahme der Schulen verrät, dass in Bayern eine Konzentration auf größere Förderschulen und damit verbunden Schließungen von kleinen Förderschulen stattgefunden haben und vielleicht immer noch im Gange sind. Die Klassenstärken im Förderschulbereich und im Regelschulbereich zeigen in Abb. 5 keine auffälligen Veränderungen. Die Zunahme der Förderschulklassen widerspiegelt somit einzig und allein die recht starke Zunahme der Einweisungen von Schülern in Förderschulen. Dies bestätigt ein Blick auf die Entwicklung der Schülerzahlen in Förder- und in Volksschulen. Dem Stand der Schülerzahlen habe ich für das Schuljahr 1980/ 81 den Index 100 gegeben und dann die Zu- oder Abnahme der Förder- und der Volksschüler prozentual darauf bezogen. So wird in Abbildung 6 sichtbar, wie sich ab Mitte der 80er Jahre die Entwicklung der Förderschülerzahl von jener der Volksschülerzahl getrennt hat. Die Zahl der Volksschüler ist bis heute unter dem Stand von 1980 geblieben. Die als Schere sichtbare Zunahme der Zahl der Förderschüler ist unübersehbar. Geschlechtsspezifische Einweisungspraxis In den Förderschulsystemen aller Länder zeigt sich eine markante Ungleichheit in der Einweisungspraxis zwischen Jungen und Mädchen. Dies wird auch in der Bayerischen Förderschulstatistik deutlich. Die Quote der Mädchen ist von ca. 4 % auf ca. 6 % gestiegen. Die Quote der Jungen hingegen von 6 % auf 9 %. (Die von mir berechneten Quoten sind höher als die Quoten des Ministeriums, weil ich die Förderschüler nur auf die Volksschüler und nicht auf sämtliche Schüler einschließlich Gymnasiasten bis oberste Klasse prozentuiert habe.) Abb. 6: Entwicklung der Schülerzahlen VHN 3/ 2009 240 Urs Haeberlin Entwicklung der Ausländerquoten in Förderschulen In der Schweiz kann man die Expansion der Förderschulen fast allein durch die extrem zunehmende Einweisung von Immigrantenkindern erklären. Da es zwischen der Schweiz und Deutschland große bevölkerungsstrukturelle Unterschiede gibt, dürfte eine Vergleichbarkeit nur bedingt gelten. Die Schweiz hat nämlich einen Ausländeranteil an der Gesamtbevölkerung von 22 %, Deutschland im Durchschnitt ca. 9 %, Bayern liegt nahe am deutschen Durchschnitt (vgl. Abb. 7: Förderschülerquoten nach Geschlecht Abb. 8: Ausländeranteil an der Gesamtbevölkerung VHN 3/ 2009 241 Förderschulen Abb. 8). Es kann nicht erwartet werden, dass sich in Bayern oder anderen deutschen Bundesländern die festgestellte Expansion der Förderschulen in gleich hohem Grad wie in der Schweiz mit der Einweisung von Ausländerkindern in die Förderschule erklären lässt. Entgegen der häufig gehörten Meinung scheint in Deutschland die Einbürgerungspraxis genau so restriktiv zu sein wie in der Schweiz; empirisch überprüft habe ich es für Bayern. Somit trifft die These kaum zu, dass es in Deutschland bedeutend mehr als Ausländer wahrgenommene Inhaber von deutschen Pässen gibt, als die auf Passbesitz fixierte Statistik angeben kann. Dies ist nicht aus dem Auge zu verlieren, wenn die Entwicklung der Immigrantenquote in Förderschulen Bayerns interpretiert wird. Wenn die Ausländerkinder in den Förderschulen nicht überrepräsentiert wären, müsste ihr Anteil an allen Förderschülern etwa gleich Abb. 9: Ausländeranteil in Volks- und Förderschulen Abb. 10: Entwicklung der Ausländerquoten in Förder- und Volksschulen VHN 3/ 2009 242 Urs Haeberlin sein wie der gesamte Ausländeranteil an der bayerischen Bevölkerung. In Abbildung 9 ist dieser in hellgrau sichtbar. Mittelgrau ist der Anteil ausländischer Volksschüler an allen Volksschülern Bayerns. Deutlich sichtbar größer (dunkelgrau) ist der Anteil ausländischer Förderschüler an allen Förderschülern Bayerns. Die bis 1980 zurückgehenden Zahlen habe ich kostenlos nur in 5-Jahres-Schritten gefunden. Ich habe sie auf das Jahr 1980 mit Basis 100 indexiert. Und so zeigt sich in Abbildung 10 ein mit unserem Schweizer Befund ähnlicher Sachverhalt. Alle Kurven mit Ausnahme der ausländischen Förderschüler verlaufen relativ flach. In den Allgemeinen Volksschulen zeigt sich ein sehr geringfügiger Anstieg der ausländischen Schüler (schwarze Punktlinie). In den Förderschulen ist in der gleichen Zeitspanne wie in der Schweiz eine starke Zunahme der ausländischen Schüler (fett schwarz). Ich habe auch einige Zahlen zu den Nationalitäten der Ausländer gefunden. Diese habe ich erneut auf das Jahr 1980 Basis 100 indexiert. Abbildung 11 zeigt die starke Zunahme an Schülern aus ex-jugoslawischen Ländern in den 80er und 90er Jahren, was den Schweizer Ergebnissen entspricht. Inzwischen zeigt diese Kurve wieder nach unten. Auch die Überrepräsentation türkischer Kinder in Förderschulen ist rückläufig. Ins Auge springt die stetige Zunahme der Ausländerkinder, welche in der Tabelle des Ministeriums als Kategorie „Andere“ zusammengefasst werden (fett schwarz). Ihr Anteil hat in den Allgemeinen Volksschulen kontinuierlich zugenommen, sehr, sehr viel stärker aber in den Förderschulen. Die Zahl dieser ursprünglich sehr kleinen Sammelkategorie hat sich seit 1980 in den Allgemeinen Volksschulen fast vervierfacht, in den Förderschulen aber fast verzehnfacht. Aus dem Befund schließe ich, dass die Förderschule inzwischen zunehmend zur Lösung eines erneut veränderten gesellschaftlichen Problems verwendet wird. Bildungsforschung in der Sonderpädagogik ist dringend notwendig! Mit den wenigen zusammengesuchten Zahlen möchte ich die Sonderpädagogik dazu anregen, die Landesämter für Statistik und das statistische Bundesamt mehr zu nutzen, um auf Trends und Auffälligkeiten im Förderschulbereich aufmerksam zu werden. Vielleicht kann dieser Abb. 11: Entwicklung der Schülerquoten nach Nationen VHN 3/ 2009 243 Förderschulen Beitrag ein Anstoß sein, auffällige Erscheinungen im Förderschulwesen etwas gründlicher und systematischer als bisher zunächst quantitativ und dann auch qualitativ zu analysieren und aus den Ergebnissen Schlüsse zu ziehen. Einige wenige Beispiele für Fragestellungen seien zum Schluss angefügt: Was hat in Bayern und wohl auch in anderen Bundesländern dazu geführt, dass der Anteil an Förderschülern zwischen 1985 und 2000 derart stark angestiegen ist? Welche Schülergruppen sind vom Ansteigen des Anteils der Förderschüler am meisten betroffen? Ausländerkinder sind zwar übervertreten, aber die Antwort kann sich nicht wie in der Schweiz nur auf diese konzentrieren. Wie viele der bei der Einschulung direkt in eine Förderschule eingewiesenen Kinder können im Verlauf der Schulzeit in eine Regelklasse übertreten? Haben die prozentualen Zunahmen der mobil betreuten Kinder in absoluten Zahlen eine Abnahme der separiert in Förderschulen geförderten Kinder zur Folge, oder vergrößert sich in absoluten Zahlen die Summe der separiert und mobil geförderten Kinder einfach entsprechend? Welche gesellschaftlichen Probleme werden mit den teilweise hohen und wieder steigenden Einweisungsquoten in Förderschulen gelöst? Könnte allenfalls der Grund gar umgekehrt im Expansionshunger der Förderschulen und Förderzentren liegen und darin, dass diese sich durch entsprechende Diagnostik immer mehr Schüler zugeschaufelt haben? Wann beginnt die Sonderpädagogik endlich etwas systematisch und langfristig mit einer auf ihre Institutionen gerichteten empirischen Bildungsforschung, welche gegenüber dem berufspolitischen Wunschdenken von uns Sonderpädagogen schonungslos Sachverhalte aufzudecken imstande ist? Prof. em. Dr. Urs Haeberlin Heilpädagogisches Institut der Universität Freiburg/ CH Petrus-Kanisius-Gasse 21 CH-1700 Freiburg E-Mail: urs.haeberlin@unifr.ch