Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete
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0017-9655
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Das provokative Essay: Sozialraumorientierung und Situationen der Behinderung. Über die sozialräumliche Strukturierung von Abhängigkeitsbeziehungen
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Jan Weisser
In diesem Beitrag geht es um einige handlungswissenschaftlich relevante Kategorien, welche die Konzept- und Methodendiskussion um die Sozialraumorientierung im Kontext von Behinderung in einen konsequent relationalen Rahmen stellen. Die Kategorien lauten: „Konstruierte Situation“, „Fähigkeitskonflikt“, „Kräfteverhältnis“ und „Lebenschancen“. Sie stehen alle in Traditionen teilweise vergessener oder wenig zur Kenntnis genommener herrschaftskritischer Theorie- und Forschungsarbeiten, die jedoch für gegenwartsbezogene Projekte der Analyse und Gestaltung sozialer Praxen zwischen Menschen mit und ohne Behinderung von Relevanz sind. In der fortlaufenden Verschränkung der vier Kategorien zielt das Essay auf die Kompetenz, gesellschaftliche Fragen politisch auszudrücken.
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VHN, 79. Jg., S. 4 - 10 (2010) DOI 10.2378/ vhn2010.art01d © Ernst Reinhardt Verlag München Basel 4 Sozialraumorientierung und Situationen der Behinderung - Über die sozialräumliche Strukturierung von Abhängigkeitsbeziehungen Jan Weisser Fachhochschule Nordwestschweiz Basel n Zusammenfassung: In diesem Beitrag geht es um einige handlungswissenschaftlich relevante Kategorien, welche die Konzept- und Methodendiskussion um die Sozialraumorientierung im Kontext von Behinderung in einen konsequent relationalen Rahmen stellen. Die Kategorien lauten: „Konstruierte Situation“, „Fähigkeitskonflikt“, „Kräfteverhältnis“ und „Lebenschancen“. Sie stehen alle in Traditionen teilweise vergessener oder wenig zur Kenntnis genommener herrschaftskritischer Theorie- und Forschungsarbeiten, die jedoch für gegenwartsbezogene Projekte der Analyse und Gestaltung sozialer Praxen zwischen Menschen mit und ohne Behinderung von Relevanz sind. In der fortlaufenden Verschränkung der vier Kategorien zielt das Essay auf die Kompetenz, gesellschaftliche Fragen politisch auszudrücken. Schlüsselbegriffe: Kritische Theorie, Behinderung, Sozialer Raum, Disability Studies Community Orientation in the Context of Disability - On Social Space and the Structuring of Dependencies n Summary: This paper deals with some categories relevantfor action science. The categories „constructed situation“, „conflict of competencies“, „balance of power“ and „life chances“ provide a relational framework for the concepts and methods of social space and community orientation in the context of disability. They are all in accordance with the traditions of partly forgotten or little-known critical theory and research studies. However they are all highly relevant for contemporary projects of analysis and constitution of social practices between individuals with and without disability. With the continuous combination of the four categories the essay aims at the competence to express social issues politically. Keywords: Critical theory, disability, social space, disability studies Das provokative Essay 1 Willkommen im Zauberreich der Fantasie Das Disney Land Resort Paris publiziert auf seiner Homepage einen Leitfaden für seine Gäste mit einer Behinderung. Darin heißt es: „Mit diesem Leitfaden möchten wir Ihnen Ihre Reisevorbereitungen erleichtern. Er enthält wichtige Informationen über die Einrichtungen und Serviceleistungen, die wir für behinderte Besucher bereit stellen. In Disneyland Resort Paris haben wir nichts unversucht gelassen, damit alle unsere Gäste das Zauberreich der Fantasie in vollen Zügen genießen können“ (Disney Land Paris 2009, 1). Wäre das Disney Land Resort Paris damit so etwas wie ein beispielhafter sozialer Raum für die Begegnung von Menschen mit und ohne Behinderung? Und wie ist dieser Raum strukturiert? Es gibt beispielsweise reservierte Parkplätze: „Die Einfahrt erfolgt über den Haupteingang des Themenpark-Besucherparkplatzes, wo Sie bitte Ihren Behindertenausweis oder einen Berechtigungsschein vorzeigen“ (5). Für Transporte innerhalb des Ressorts gilt: „Jeder Behinderte benötigt eine Begleitperson (über 18 Jahre), die ihm während des Transports behilflich ist“ (5). Begleitpersonen erhalten eine kostenlose Eintrittskarte. Diese Aussage wird VHN 1/ 2010 5 Sozialraumorientierung und Situationen der Behinderung präzisiert: „Der kostenlose Eintritt für einen Betreuer kann ohne Vorankündigung von uns aufgehoben werden“ (6). Übrigens: „Bei geistig behinderten Besuchern hat für je 5 Personen ein Betreuer Anrecht auf einen kostenlosen Eintritt“ (6). Unter der Überschrift „Blindenhunde“ ist zu lesen: „In den meisten Attraktionen der Disney Parks sind Blindenhunde zugelassen. (...). Es wird geduldet, dass Blindenhunde die Grünflächen zur Erledigung ihrer natürlichen Bedürfnisse nutzen. Wir empfehlen Ihnen die Mitnahme eines Trinknapfes, damit Ihr Hund während des Besuches seinen Durst stillen kann“ (6). In der Anmerkung heißt es weiter: „Wenn Sie eine Attraktion besuchen wollen, bei der Blindenhunde nicht zugelassen sind, müssen Sie ihn der Obhut Ihres Betreuers übergeben“ (6). Sieht man einmal von der Problematik der Übersetzertätigkeit ab, die sich für sprachliche Repräsentationsweisen von Situationen der Behinderung offensichtlich stellt, dann bleibt vor allem der Eindruck dominant, dass sogar im „Zauberreich der Fantasie“ hindernisreiche sozialräumliche Verhältnisse und Handlungspraxen fest etabliert sind. Das Zielgruppenmarketing ist dennoch eifrig bemüht, das Mögliche zu ermöglichen, und es handelt sich damit Züge einer gewissen Obszönität ein, wenn man darunter versteht, dass gerade das zum Thema wird, was es in der schönen Welt zu kaschieren galt (Goffman 1975): grundlegende Bedürfnisse und Gewinnorientierung. Nachfolgend wird es darum gehen, die in der sozialwissenschaftlichen Forschung gut dokumentierte und überraschend transversale Problematik „hindernisreicher sozialräumlicher Verhältnisse und Handlungspraxen“ (z. B. Anderson 2005; Bieri 2003; Wiles 2003) im Kontext von Behinderung aufzunehmen. Das Ziel wird es sein, nach handlungswissenschaftlich relevanten Kategorien zu fragen, d. h. nach Ansatzpunkten für die Analyse und Gestaltung sozialer Praxen - und wo würde man diese finden, wenn nicht im Archiv linker, d. h. an Veränderung und Herrschaftskritik orientierter Theorie? 1 2 Situation und psychogeografische Erkundungen „ Quant il pleut, quand il y a de faux nuages sur Paris, n’oubliez jamais que c’est la faute du gouvernement. La production industrielle aliénée fait la pluie. La révolution fait le beau temps“ (Debord 2004, 94) 2 schreibt der Marxist, Theoretiker und Künstler Guy Debord (1931 - 1994), Autor des Bestsellers Gesellschaft des Spektakels (franz. Orig. 1967). Debord war Mitbegründer der Situationistischen Internationalen, einer negativen revolutionären Bewegung, die 1957 in Italien als Zusammenschluss verschiedener Gruppen von Künstlern und Intellektuellen entstand und bis zu ihrer Selbstaufhebung im Jahre 1972 existierte. Die Mitglieder der Gruppe erarbeiteten sich mit künstlerischen und intellektuellen Mitteln experimentelle Praktiken radikaler Gesellschaftskritik, die für die Ereignisse um den Mai 1968 eine große Rolle spielten (Baumeister/ Negator 2005 a, 2005 b). In ihrem von Debord verfassten Gründungstext, dem Rapport über die Konstruktion von Situationen und die Organisations- und Aktionsbedingungen der Internationalen Situationistischen Tendenz (1957) heißt es programmatisch: „Wir meinen zunächst, dass die Welt verändert werden muss. Wir wollen die am weitesten emanzipierende Veränderung von der Gesellschaft und dem Leben, in die wir eingeschlossen sind. Wir wissen, dass es möglich ist, diese Veränderung durch geeignete Aktionen durchzusetzen“ (Debord 1980, 5). Der Ausgangspunkt dieser Veränderung sind die sozialräumlichen Verhältnisse, verstanden als das Insgesamt der permanent von Menschen strukturierten Umgebung und ihrer Erfahrungsmöglichkeiten. Über den Begriff der „Konstruierten Situation“ verschaffen sich die Situationisten einen gegenwarts- und damit handlungsbezogenen Zugang zu diesen sozialräumlichen Verhältnissen, in und mit denen sie sich praktisch auseinandersetzen. In der ersten Ausgabe ihrer Zeitschrift Internationale Situationiste (Orig. 1958, franz. Nachdruck 1997, VHN 1/ 2010 6 Jan Weisser deutsch 1976/ 1977) wird die Konstruierte Situation definiert: „Moment de la vie, concrètement et délibérément construit par l’organisation collective d’une ambiance unitaire et d’un jeu d’événements“ (1997, 13) 3 . Die Konstruierte Situation ist ein Aktionsprogramm, durch das sich die Akteure ihre eigenen Daten über das gesellschaftliche Leben schaffen - sie ist Medium der Forschung und der Politik in einem, und sie stimuliert Wissensbildungsprozesse, die auf Erkenntnis und Veränderung zugleich zielen (ausführlich Debord 1980, 41ff ). Ein wichtige Rolle spielt dabei das, was die Situationisten Psychogeografie nennen: Sie meinen damit die Erkundung der Wirkungen sozialräumlicher Verhältnisse auf die Emotionalität. Die Methode der Wahl ist - neben Zugängen wie dem Lesen von Luftaufnahmen und Plänen, dem Erstellen von Statistiken zur Bevölkerung und zum Verkehr - das „experimentelle Umherschweifen“ („dérive expérimentale“) im städtischen Raum in Verbindung mit einer erhöhten Aufmerksamkeit für das eigene Gefühlserleben. Debord selbst hatte dabei die architektonische Mythologie der Gemälde Giorgio de Chiricos (1888 - 1978) vor Augen (1980, 67). Der Begriff der Konstruierten Situation - und das wäre eine erste relevante Kategorie - eröffnet einen praktischen Zugang zur Gewordenheit sozialräumlicher Verhältnisse. Gilt dies auch für Behinderung? 3 Situationen der Behinderung Im Zuge aktivistischer Rekonzeptualisierung von Behinderung seit den ausgehenden 1970er Jahren, wesentlich ausgelöst durch die Akteure der internationalen Behindertenbewegung, spricht man auch und zunehmend von Menschen in Situationen der Behinderung. Gemeint ist in der Regel eine Verhaltenskonstellation, die als Ergebnis von Person- und Umweltfaktoren gelesen wird: V = ƒ (P, U). Ein häufig verwendetes Modell besteht darin, die Verhaltenskonstellation in Faktorengruppen zu zerlegen und nach unterschiedlichen Anteilen zu fragen, welche in der Summe einen zugeschriebenen Behinderungsgrad ergeben. Im Anhang 4 zur Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF) finden sich einige Fallbeispiele, welche die Logik dieses Modells illustrieren. Eines davon lautet: „Eine Person arbeitet mit AIDS-Patienten. Diese Person ist an sich gesund, muss sich aber in regelmäßigen Abständen einem HIV-Test unterziehen. Sie hat keine Einschränkungen der Leistungsfähigkeit. Jedoch vermuten Mitmenschen, welche diese Person privat kennen, sie könnte sich mit dem Virus infiziert haben, und meiden sie deshalb. Dies führt zu einschneidenden Leistungsproblemen der Person in der Domäne der interpersonellen Interaktionen sowie im Gemeinschafts-, sozialen und staatsbürgerlichen Leben. Ihre Partizipation [Teilhabe] ist wegen der negativen Einstellungen der Menschen in ihrer Umwelt eingeschränkt“ (DIMDI 2004, 169). Eine Situation der Behinderung ist nach diesem Modell das Ergebnis unterschiedlicher Wirkfaktoren. Nur: Was macht dann den Unterschied aus zwischen einer Rollstuhlfahrerin, welche zur Hauptverkehrszeit mit ihren Kolleginnen und Kollegen auf der für die Straßenbahn reservierten Fahrspur durch die Stadt rollt, und ihrem Kollegen, der an einer Haltestelle auf eine „Sänfte“ 4 wartet? Es sind zwei Situationen der Behinderung - die Differenz macht die Verteilung von Behinderungserfahrungen auf unterschiedliche Akteure und die Akzeptanz von Verteilungsmustern eben dieser Akteure. Das oben genannte Wirkfaktoren-Modell wird also durch sozialräumlich materialisierte Interessenkonflikte überformt, die das Wirkfaktoren-Modell nicht zu erschließen vermag - unabhängig von der Umfänglichkeit der verrechneten Items. Situationen der Behinderung sind also Situationen, in denen das Vermögen, etwas zu realisieren, ungleich verteilt ist, weil nicht alle Fähigkeiten gleich gefragt sind. Mit anderen Worten und im Sinne einer zweiten relevanten Kategorie: Es handelt sich im Falle von Behinderung um Fähigkeitskonflikte als Konflikte zwischen dem, was (für jemanden) gerade möglich und dem, was gerade gefordert wird. VHN 1/ 2010 7 Sozialraumorientierung und Situationen der Behinderung 4 Kräfteverhältnisse und sozialer Raum Bislang war von sozialräumlichen Verhältnissen die Rede, wobei der Aspekt des Verhältnisses noch nicht erläutert wurde. Ein Verhältnis meint immer die Beziehung mindestens zweier Größen zueinander, also das, was menschliche und nicht-menschliche Entitäten miteinander anstellen. Komplexe Verhältnisse ergeben sich aus den Beziehungen mehrerer Größen und den Mustern solcher Beziehungen. Mit dem Fokus auf Verhältnisse trifft man in der deutschen Sprache unmittelbar auf zahlreiche Begriffe mit dem Suffix „-ung“, welches die Substantivierung (! ) von Verben erlaubt. Dies ist auch schon der Kern einer an Verhältnissen orientierten Analyse: Sie orientiert sich an Praxen, nicht an Entitäten, die als nur vermittelt durch ihre Praxen vorgestellt werden. Im Zentrum steht die Art und Weise, wie Entitäten operativ miteinander verknüpft sind, wie sie sich gegenseitig bedingen (vgl. Hillebrandt 2006). Dieser Perspektivwechsel von den Entitäten zu den Relationen bedingt den Feldbegriff als Vorstellungshilfe, um Beziehungen und Positionen sprachlich respektive grafisch abzubilden. Die militärischen Konnotationen des Feldbegriffs sind wissenschaftsgeschichtlich von hoher Relevanz, gilt doch der Aufsatz „Kriegslandschaft“, den Kurt Lewin (1890 - 1947) 1917 publizierte (wieder abgedruckt in Dünne/ Günzel 2006, 129ff ), als grundlegend für die methodologischen und empirischen Aspekte relationaler Verhaltensforschung und Sozialraumtheorie (Günzel 2008). Der transversale Aspekt, also jener Aspekt, den Analysen von Verhältnissen - was sie immer sonst noch sein mögen - auf jeden Fall zu berücksichtigen haben, bezieht sich auf das Moment der Macht: Verhältnisse sind immer Kräfteverhältnisse, die sich in den verhältnisbildenden Praktiken etablieren und unterschiedliche Formen von Abhängigkeiten erzeugen. Das wäre die dritte relevante Kategorie. In diesem Sinne sind sozialräumliche Verhältnisse Ausdruck unterschiedlich verteilter Vermögen, sich durchzusetzen. „Macht“, so Nicos Poulantzas, „ergibt sich aus einem relationalen System von materiellen Stellungen, die von diesen oder jenen Agenten besetzt werden“ (Poulantzas 2002, 178). Die soziale Ungleichheitsforschung fragt, wer wovon wie viel hat oder „gilt“, und sie findet, dass Menschen, die auf der südlichen Hemisphäre leben, Frauen, Kinder, Menschen mit Behinderung und andere deutlich geringeren Anteil an den weltweiten materiellen und immateriellen gesellschaftlichen Gütern haben. Es gibt in diesen Verhältnissen einen starken Trend, diese Verhältnisse auf Eigenschaften der genannten Personengruppen zurückzuführen und als Folge davon Kompensation zielgruppenrespektive individuumsorientiert zu leisten, ohne dass die Verhältnisse in den Blick genommen werden (für das Verhältnis zwischen sozialem Raum und Behinderung vgl. Gleeson 1998). Das Disneyland mit seiner Disability Policy ist in diesem Sinne der Prototyp einer sozialpolitischen Intervention der herrschenden Klasse. Sie transformiert die fundamentale Angewiesenheit von Menschen auf Menschen und zwischen Menschen und ihren Lebensbedingungen in ein Abhängigkeitsproblem und dies zum Schaden solidarischer und egalitärer Beziehungen. 5 Fähigkeitskonflikte und Lebenschancen Eine Wissenschaft sozialer Ungleichheit hat auch andere Optionen als die oben genannten: Sie muss nicht auf die Kartierung von Individuen zielen, sondern sie kann auch relational verfahren und Chancen evaluieren - um Chancen, d. h. Handlungsperspektiven in nicht-resignativer Weise aufzeigen zu können. Neben den Arbeiten von Pierre Bourdieu, die man hier anführen könnte, hat in der deutschsprachigen Soziologie Reinhard Kreckel eine entsprechende Konzeption vorgeschlagen: VHN 1/ 2010 8 Jan Weisser „Soziale Ungleichheit im weiteren Sinne liegt überall dort vor, wo die Möglichkeiten des Zugangs zu allgemein verfügbaren und erstrebenswerten sozialen Gütern und/ oder zu sozialen Positionen, die mit ungleichen Machtund/ oder Interaktionsmöglichkeiten ausgestattet sind, dauerhafte Einschränkungen erfahren und dadurch die Lebenschancen der betroffenen Individuen, Gruppen oder Gesellschaften beeinträchtigt bzw. begünstigt werden“ (Kreckel 2004, 17, kursiv i. O., JW). Zentral sind für eine relationale Ungleichheitsforschung nach Kreckel die Dimensionen des Zugangs, seiner Einschränkungen und der dadurch beeinträchtigten Lebenschancen. Das Konzept der Lebenschancen hat Ralf Dahrendorf 1979 in einer schwachen individualistischen Lesart in die politische Nachkriegssoziologie eingeführt - und Walter Thimm und Iris Beck haben es mit Bezug auf Behinderung rezipiert. Dahrendorf versteht darunter „Möglichkeiten des individuellen Wachstums, der Realisierung von Fähigkeiten, Wünschen und Hoffnungen, und diese Möglichkeiten werden durch soziale Bedingungen hergestellt“ (Dahrendorf 1979, 50). Für Dahrendorf war klar: „Es geht bei sozialen Konflikten um mehr Lebenschancen“ (91). Im gegenwärtig auch erziehungswissenschaftlich diskutierten Capabilities-Ansatz (dt: Verwirklichungschancen), der unter anderem mit dem Namen Amartya Sens verbunden ist, sind diese Kontexte mit Ausnahmen (Grundmann 2008) auf erstaunliche Weise nicht präsent - dafür dominiert ein normativer Diskurs um „gerechtfertigte“ (! ) Einschränkungen, statt Zugangsprobleme und ihre anomische Struktur zu thematisieren. Beim Konzept der Lebenschancen - der vierten relevanten Kategorie - geht es also um die Einschränkung von Vermögen, etwas zu realisieren. In Verbindung mit einem Verständnis von Behinderung als Fähigkeitskonflikt wie oben ausgeführt (vgl. Weisser 2007) lässt sich präzisieren: Situationen der Behinderung bedeuten eingeschränkte Lebenschancen in dem Maße, wie Fähigkeitskonflikte in Kräfteverhältnissen so „gelöst“ werden, dass sich bestimmte Praxen in bestimmbaren sozialräumlichen Verhältnissen nicht realisieren lassen respektive unterdrückt werden und dass dies Menschen zu „Betroffenen“ in starken Abhängigkeitsbeziehungen macht (für den Zusammenhang von Behinderung und Krieg am Beispiel Sierra Leones vgl. dos Santos-Zingale/ McColl 2006). Erkennen und verändern lassen sich derartige hindernisreiche sozialräumliche Verhältnisse über Konstruierte Situationen, die dem Ausdruck und Widerstandsperspektiven geben, was Menschen in Situationen der Behinderung erfahren (vgl. die Studie von Lenney/ Sercombe 2002). Und nun: Eignet sich dafür das Konzept der Sozialraumorientierung? 6 Sozialraumorientierung - oder „Die Welt verändern, ohne die Macht zu übernehmen“ (John Holloway) Wolfgang Hinte versteht unter dem Fachkonzept Sozialraumorientierung Folgendes: „Der konsequente Bezug auf die Interessen und den Willen der Menschen kennzeichnet das Fachkonzept Sozialraumorientierung und bildet damit den ‚inneren Kern‘ des Ansatzes, dem Aspekte wie der geografische Bezug, die Ressourcenorientierung, die Suche nach Selbsthilfekräften und der über den Fall hinausreichende Feldblick logisch folgen“ (Hinte 2009, 24). Die Diskussion kritischer Einwände und möglicher Umsetzungsprobleme zeigt deutlich eine von Hinte scharf kritisierte Möglichkeit des „Missbrauchs“ (29) des Fachkonzeptes. Er stellt fest, dass „bis heute (...) keine gesetzlichen Grundlagen oder organisatorischen Mechanismen (existieren), um die kommunalen Gebietskörperschaften zur Umsetzung bestimmter Fachkonzepte in die Pflicht zu nehmen“ (29). Nur: Geht das und wäre das wünschenswert? Poulantzas würde wie folgt argumentieren: „Das Gesetz ist (...) integraler Bestandteil der repressiven Ordnung und der Organisation der Gewalt, die von jedem Staat ausgeübt wird“ (Poulantzas 2002, 104). Das Gesetz ist das Ergebnis von Auseinandersetzungen innerhalb eines Kräfteverhältnisses, das Gewinner und Verlierer schafft. Es garantiert nichts, solange sich Menschen nicht dafür einsetzen - unab- VHN 1/ 2010 9 Sozialraumorientierung und Situationen der Behinderung hängig davon, ob sie es haben oder ob sie es (noch) nicht haben. Das bedeutet nicht, dass es nicht sinnvoll sein könnte, rechtsstaatlich die Einklagbarkeit von Qualitäten Sozialer Arbeit respektive (sonder-)pädagogischer Praxis zu fordern. Aber das läuft immer darauf hinaus, davon nicht berührtes Elend gerechtfertigt erscheinen zu lassen. Der Staat kann mit anderen Worten nicht der Fluchtpunkt für das Projekt herrschaftskritischer Reformen sein - so wenig wie die Profession und die Anrufung von Professionalität. Das Projekt ist in seiner Politik enthalten. Der Punkt ist, dass es in Anerkennung radikal relationaler Denkweisen keinen Fluchtpunkt gibt, sondern nur die Möglichkeit, das Projekt des Zusammenlebens von Menschen in der Weltgesellschaft politisch zu denken (vgl. Mouffe/ Wagner 2007). Wie das geht? Eine gerade in Bezug auf Fähigkeitskonflikte interessante Vorstellung darüber hat John Holloway, ein in Mexiko lehrender Politikwissenschaftler, in diesem Zusammenhang formuliert: „Wir greifen die Welt mit der ungebremsten, dickköpfigen Neugierde eines Dreijährigen an“ (Holloway 2006, 127). Falls dies im Fachkonzept Sozialraumorientierung auch vorgesehen ist, könnte es sich für die Konstruktion einer Situation durchaus eignen. Anmerkungen 1 Für zahlreiche Hinweise danke ich an dieser Stelle Erich Otto Graf, Basel und Zürich. 2 „Wenn es regnet, wenn es Smog hat über Paris, dann vergesst nie, dass dies der Fehler der Regierung ist. Die entfremdete industrielle Produktion lässt es regnen. Die Revolution bringt das schöne Wetter“ (Übersetzung JW). 3 „Durch die kollektive Organisation einer einheitlichen Umgebung und des Miteinanderspielens von Ereignissen konkret und mit voller Absicht konstruiertes Moment des Lebens“ (Situationistische Internationale 1976, 18). 4 So heißen die mit einer Niederflurkomponente umgebauten Straßenbahneinheiten der Verkehrsbetriebe Zürich (vgl. http: / / www.vbz.ch, 1. 6. 09). Literatur Anderson, Carolyn Anne (2005): Real and Ideal Spaces of Disability in American Stadiums and Arenas. In: Tremain, Shelley (Hrsg.): Foucault and the Government of Disability. Michigan: The University of Michigan Press, 245 - 260 Baumeister, Biene; Negator, Zwi (2005 a): Situationistische Revolutionstheorie. Eine Aneignung. Vol. I: Enchiridion. Stuttgart: Schmetterling Verlag Baumeister, Biene; Negator, Zwi (2005 b): Situationistische Revolutionstheorie. Eine Aneignung. Vol. II: Kleines Organon. 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Grundlagentexte aus Philosophie und Kulturwissenschaften. Frankfurt: Suhrkamp Gleeson, Brendan (1998): A Place on Earth: Technology, Space, and Disability. In: Journal of Urban Technology 5, 87 - 109 Goffman, Erving (1975): Stigma. Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität. Frankfurt: Suhrkamp VHN 1/ 2010 10 Jan Weisser Grundmann, Matthias (2008): Handlungsbefähigung - eine sozialisationstheoretische Perspektive. In: Otto, Hans-Uwe; Ziegler, Holger (Hrsg.): Capabilities - Handlungsbefähigung und Verwirklichungschancen in der Erziehungswissenschaft. Wiesbaden: VS Verlag, 131 - 142 Günzel, Stephan (2008): Kurt Lewin und die Topologie des Sozialraums. In: Kessl, Fabian; Reutlinger, Christian (Hrsg.): Schlüsselwerke der Sozialraumforschung. Traditionslinien in Text und Kontexten. Wiesbaden: VS Verlag, 94 - 111 Hillebrandt, Frank (2006): Funktionssysteme ohne Praxis oder Praxisfelder ohne System? System- und Praxistheorie im Vergleich. In: Berliner Journal für Soziologie 16, 337 - 354 Hinte, Wolfgang (2009): Eigensinn und Lebensraum - zum Stand der Diskussion um das Fachkonzept „Sozialraumorientierung“. In: Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete 78, 20 - 33 Holloway, John (2006): Die Welt verändern, ohne die Macht zu übernehmen. Münster: Westfälisches Dampfboot Internationale Situationniste (1997): Internationale Situationniste 1958 - 1969 (texte intégral des 12 numéros de la revue). Paris: Librairie Arthème Fayard Kreckel, Reinhard (2004): Politische Soziologie der sozialen Ungleichheit. 3., erw. Aufl. Frankfurt: Campus Lenney, Michael; Sercombe, Howard (2002): „Did You See That Guy in the Wheelchair Down the Pub? “ Interactions across Difference in a Public Place. In: Disability & Society 17, 5 - 18 Mouffe, Chantal; Wagner, Elke (2007): Und jetzt, Frau Mouffe? Chantal Mouffe im Gespräch mit Elke Wagner. In: Geiselberger, Heinrich (Hrsg.): Und jetzt? Politik, Protest und Propaganda. Frankfurt: Suhrkamp, 105 - 127 Poulantzas, Nicos (2002): Staatstheorie. Politischer Überbau, Ideologie, Autoritärer Etatismus. Hamburg: VSA-Verlag Situationistische Internationale (1976): Situationistische Internationale 1958 - 1969. Gesammelte Ausgaben des Organs der Situationistischen Internationale. Deutsche Erstausgabe Band 1. Hamburg: MaD Verlag Situationistische Internationale (1977): Situationistische Internationale 1958 - 1969. Gesammelte Ausgaben des Organs der Situationistischen Internationale. Deutsche Erstausgabe Band 2. Hamburg: Edition Nautilus Weisser, J. (2007): Für eine anti-essentialistische Theorie der Behinderung. In: Behindertenpädagogik 46, 237 - 249 Wiles, Janine (2003): Daily geographies of caregivers: mobility, routine, scale. In: Social Science & Medicine 57, 1307 - 1325 Prof. Dr. Jan Weisser Fachhochschule Nordwestschweiz Pädagogische Hochschule Institut Spezielle Pädagogik und Psychologie Elisabethenstraße 53 CH-4002 Basel E-Mail: jan.weisser@fhnw.ch www.fhnw.ch/ ph/ isp
