Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete
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0017-9655
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/vhn2011.art11d
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2011
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Polylog: Behindert sein - älter werden
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2011
Barbara Jeltsch-Schudel
Erica Brühlmann-Jecklin
Christina Fasser
Urs Kaiser
Barbara Wenk
Der folgende Dialog ist etwas anders gestaltet als üblich. Es sollten mehrere Personen miteinander ins Gespräch kommen, also in einen „Polylog“. Drei Frauen und ein Mann erklärten sich bereit, Gedanken über ihr Altern auszutauschen. Alle vier leben seit Langem mit Behinderungen.
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VHN, 80. Jg., S. 154 - 160 (2011) DOI 10.2378/ vhn2011.art11d © Ernst Reinhardt Verlag München Basel 154 themenstrang alter und behinderung „Behindert sein - älter werden“ Barbara Jeltsch-Schudel mit Erica Brühlmann-Jecklin, Christina Fasser, Urs Kaiser und Barbara Wenk Der folgende Dialog ist etwas anders gestaltet als üblich. Es sollten mehrere Personen miteinander ins Gespräch kommen, also in einen „Polylog“. Drei Frauen und ein Mann erklärten sich bereit, Gedanken über ihr Altern auszutauschen. Alle vier leben seit Langem mit Behinderungen. Der Polylog fand in zwei Runden statt. In der ersten Runde stellte ich den Teilnehmenden per Mail folgende Fragen: 1) Welche Bedeutung hat Alter und Altern für Sie und wie wirkt es sich bei Ihnen als Frau oder Mann mit einer Behinderung aus? 2) Wie möchten Sie Ihre letzte Lebensphase gestalten, was ist Ihnen wichtig, was wünschen und was befürchten Sie? Polylog Barbara Wenk Ich bin jetzt noch sehr gut mit Hörgeräten versorgt; doch sollte mein Hörvermögen noch stärker abnehmen, ist meine Lebensqualität nicht mehr gesichert. Da ich ein kommunikativer Mensch bin, machen mir die Abnahme der geistigen Flexibilität und die zunehmende Verschlechterung meines Hörvermögens große Angst. Es ist eine kommunikative Einschränkung, die mich von Mitmenschen trennt. Für mich ist das Alter und vor allem das Altern ein schmerzlicher Prozess. Das Leben muss neu organisiert werden, um den Verlust einzelner Fähigkeiten und Selbstverständlichkeiten wettzumachen. Ich muss umdenken und versuchen dranzubleiben, wo immer es möglich ist. Genau dieser Prozess wird im Alter mit Behinderung noch viel schwieriger. Habe ich die Kraft dazu? Ich will in Würde sterben können. Die Lebensqualität bis zuletzt ist für mich ein sehr wichtiger Faktor. Stimmt diese für mich nicht mehr, fehlen auch der Inhalt und die Würde für die letzten Stunden. Ich will selber bestimmen können, wann mein Leben für mich nicht mehr lebenswert ist. Urs Kaiser Mit Altern und alt sein verbinden sich bei mir unterschiedliche Vorstellungen: Zum einen bedeutet es Abnahme der Kräfte und ein kleiner werdender Aktionsradius. Zum andern verbinde ich damit die Hoffnung auf mehr Gelassenheit, sprich Weisheit. Meine Behinderung spielt im Hinblick auf mein Alter keine spezielle Rolle. Ich habe gelernt, mit meiner Blindheit zu leben, und blinder werden kann ich nicht mehr. Ich bin sogar überzeugt, dass ich durch die Auseinandersetzung mit meiner Erblindung Fähigkeiten und Erkenntnisse gewonnen habe, die mir bei der Bewältigung künftiger zusätzlicher Einschränkungen helfen werden. Ich denke da konkret an zwei Aspekte: Zum einen hat mich mein Erblindungsprozess gelehrt, dass das Loslassen und Abschiednehmen von lieb gewonnenen Gewohnheiten nicht zwangsläufig eine Verminderung der Lebensqualität bedeutet. Und zum andern bin ich auf dem Weg, die Abhängigkeit von der Hilfe Dritter zunehmend auch als Chance für wechselseitig sinnstiftende Beziehungen zu begreifen. Das Schlimmste, was mir passieren könnte, wäre, dass meine Lebenspartnerin vor mir ster- VHN 2/ 2011 155 „Behindert sein - älter werden“ ben würde. Zwar könnte ich mein Leben zur Not durchaus selber organisieren, doch irgendwie fehlten mir dann die wichtigste Quelle meiner Freude und mein Zuhause. Die letzte Lebensphase wird dadurch gekennzeichnet sein, dass mein Lebensradius kleiner und das Maß meiner Autonomie und Selbstbestimmung geringer sein werden. Was dannzumal für mich wichtig sein wird, das weiß ich heute noch nicht. Es werden vermutlich ganz elementare Dinge sein wie Wohlbefinden, Schmerzfreiheit, Zuwendung; aber auch Ärger, Verdruss, Auseinandersetzungen und Versöhnung werden dazugehören. Was sich im Alter nicht verändert, sind die Gefühle. Es ändern sich zwar die Ursachen, doch die Erlebnisqualitäten bleiben dieselben. Zu meinen Gefühlen will ich Sorge tragen, und das erwarte ich auch von den Menschen, die mich dereinst betreuen werden. Aus dem gegenseitigen respektvollen Umgang heraus erwächst meines Erachtens die Kraft, die Unannehmlichkeiten des Alters relativ unbeschadet zu ertragen. Christina Fasser Als blinde Frau, die sich mit schnellen Schritten ihrem 60. Geburtstag nähert, muss ich mich langsam mit dem Begriff „Alter“ auseinandersetzen, denn einige Anzeichen kann ich nicht mehr verneinen: ich ermüde schneller, und es genügt nicht mehr, einfach einmal abends früh ins Bett zu gehen, um morgens wieder fit und tatkräftig zu erwachen. Mein Gehör ist definitiv schlechter geworden und damit mein wichtigster Sinn zur Kompensation meiner Blindheit. Das heißt, dass ich mich für meine Mobilität viel mehr anstrengen muss und es sehr ermüdend ist, Situationen mit vielen Menschen zu meistern. Als praktische Folge davon ist mein Berufsalltag schwieriger geworden. Obwohl ich zu den glücklichen Menschen gehöre, die viel Kraft und Energie haben, beschleicht mich doch manchmal die bange Frage, ob ich die letzten Berufsjahre noch effizient und mit der notwendigen Freude durchstehen werde. Ein volles Berufsleben als behinderter Mensch kostet sicher mehr Energie, als sogenannt nicht behinderte Menschen aufbringen müssen. Menschen, die auf dem Bau arbeiten, haben das Recht, mit 60 bei vollen Leistungen in Pension zu gehen. Behinderte Menschen sollten den Bauarbeitern gleichgestellt werden und mit 60 ohne Einschränkungen in Rente gehen können, denn es bedeutet harte Arbeit, im Berufsleben zu stehen. Die Behinderung ist nicht beschränkt auf den Arbeitsalltag, sondern beginnt bereits beim Aufstehen und dem Weg zur Arbeit. Engagement jeglicher Art braucht ein Minimum an Assistenz, und ich befürchte, dass mein künftiges soziales Engagement am Fehlen genau dieser Assistenz scheitern könnte. Meinen nächsten Lebensabschnitt möchte ich selbstverständlich selbstständig gestalten, so wie ich dies mein ganzes Leben getan habe. Ich kann mir zur Zeit nur schwer vorstellen, in ein Altersheim zu gehen. Müsste dies doch einmal der Fall sein, hoffe ich auf verständnisvolles Personal: In dieser Altersgruppe ist ja mindestens die Hälfte der Leute schwer sehbehindert, und daher sollten Dienstleistungen wie Vorlesen und Spazierengehen nicht mehr erbettelt werden müssen, sondern klar zum normalen Angebot gehören. Eine meiner großen Befürchtungen ist es, dass ich auch im hohen Alter ständig für die Befriedigung der minimalsten Bedürfnisse werde kämpfen müssen, oder noch schlimmer: ganz einfach „herumbefohlen“ werde. Ich plädiere dafür, dass sich die IV von einer reinen Erwerbsersatzversicherung zu einer Versicherung zur Sicherung eines würdigen Lebens für Menschen mit Behinderung wandeln möge, welche auch die notwendige Assistenz zu einer selbstständigen Lebensführung gewährleistet. Grundsätzlich freue ich mich auf die nächsten Jahre. Natürlich in der Hoffnung, dass ich gesund bleibe und keine zweite starke Behinderung hinzukommt. Ich freue mich auf die Freiheit, selber bestimmen zu können, wo ich mich einsetzen will, ohne stets die Existenzsicherung im Hinterkopf haben zu müssen. VHN 2/ 2011 156 Barbara Jeltsch-Schudel, Erica Brühlmann-Jecklin, Christina Fasser, Urs Kaiser, Barbara Wenk Erica Brühlmann-Jecklin Als Kind haben wir in meiner Heimat, einem Dorf im Prättigau, zum Neujahr jeweils den Wunsch von Tür zu Tür getragen: „I wünsche Ihne es guets Nüüs und es langs Läbe.“ Gebresten waren kein Thema. Alt werden als etwas Anzustrebendes. Das ist eine der Bedeutungen, die das Alter für mich hat. Es werden jemandem Jahre geschenkt. Erfahrungen prägen ältere Menschen mehr als jüngere. Als jüngere Frau ging ich davon aus, dass meine Behinderung wohl keinen Einfluss auf den ‚normalen‘ Alterungsprozess haben würde. Inzwischen musste ich meine Ansicht revidieren und bin zum Schluss gekommen: Ja, altern ist bei mir als 61-Jährige ein Thema. Und zwar auf zwei Ebenen: a) Körperlich: Das ‚krumme‘ Gehen forderte über die Jahre seinen Tribut. Lange bemerkte ich nichts Außergewöhnliches. Leichte Schmerzen überging ich meist mit dem Gedanken: Die gehen, wie sie kamen. Bis dies eines Tages so nicht mehr stimmte. Gehe ich ohne Stock (wie stets zu Hause) bin ich langsamer und belaste durch die Lordose den Rücken über Gebühr. Gehe ich mit einem Stock (wie stets draußen), belaste ich den Arm, mit dem ich mich auf den Stock stütze, sowie die entsprechende Schulter. Mehrere Diskushernien, eine davon operiert, als Folge davon ein beschädigter Blasennerv, behindern mich oft mehr als die Gehbehinderung, die schon so lange zu mir gehört, dass sie mir (und Menschen, die mich näher kennen) gar nicht mehr auffällt. Als Behinderte älter werden bedeutet auch, mich mehr und mehr den sogenannt Nichtbehinderten anzugleichen bzw. diese gleichen sich durch zunehmende Beschwerden den Behinderten an. Ich stelle mir vor, dass - müsste ich einmal in einem Altersheim leben, was ich nicht hoffe - es keinen wesentlichen Unterschied mehr geben würde zwischen mir und anderen Bewohnerinnen und Bewohnern. Die zunehmende Sehbehinderung ist jünger. Mit ihr habe ich mich noch auf einer anderen Ebene auseinanderzusetzen, auf der der Akzeptanz. Eine mögliche Abhängigkeit macht Angst. Neues ist zu lernen, um einer solchen entgegenzuwirken. Als junge Frau, ja selbst in den mittleren Jahren, fiel mir das Lernen leicht. Heute muss ich mich mehr bemühen. Eine Tatsache, die wiederum Behinderte und Nichtbehinderte gleichermaßen trifft. Will ich aber so lange wie möglich unabhängig bleiben, habe ich zu lernen, muss ich mein Denken trainieren. Dies betrachte ich jedoch längst als Herausforderung. b) Psychisch: Als erstes ist dazu zu sagen: DER JUGENDBONUS IST WEG! Ein Beispiel: Setzte ich mich als junge Behinderte - in einer Ferienwoche oder sonstwo - an ein Klavier und spielte, bekam ich meist doppelte Anerkennung. Dies war auch in Bezug auf andere Dinge so, die ich als junger Mensch anpackte. Und als Liedermacherin (jung, behindert, Liedermacherin! ) war mein Stellenwert sowieso höher als heute. Ein Stück Offenheit ist vonnöten, um annehmen zu können, was kommt. Mein innigster Wunsch ist es aber, mit meinem Mann zusammenbleiben zu können. Mit unseren Kindern in einem guten Kontakt zu bleiben, der sie nicht belastet. Wenn es nicht mehr anders ginge, dann als Ehepaar gemeinsam ins selbe Heim ziehen. Darf man (vor allem auch geistig und seelisch) gesund bleiben, wird wohl an jedem Ort und zu jeder Zeit ein Lebenssinn zu erheischen sein, selbst dann, wenn sich der Radius einschränkt. Ich erinnere mich an meine Mutter im Pflegeheim, im Rollstuhl, wie sie die Hand des jugendlichen, schwer behinderten und dementen Roland in die ihre nahm, als dieser unruhig herumzufuchteln begann. Von Rollstuhl zu Rollstuhl sozusagen. Ihn so beruhigen konnte. Dieses Bild prägte sich mir ein als Hoffnung, selber später auch irgendwo noch etwas Sinnvolles tun zu dürfen. VHN 2/ 2011 157 „Behindert sein - älter werden“ Wichtig ist mir, so viel Selbstständigkeit zu bewahren wie irgend möglich, zugleich die Kraft entwickeln zu können, anzunehmen, was kommt. Am allermeisten wünsche ich mir, geistig und seelisch gesund zu bleiben. Dabei bin ich mir eigentlich sicher, dass das Älterwerden auch ein paar neue Boni in sich birgt, uns Dinge schenkt, die wir nicht missen möchten. Soll man von Weisheit sprechen? Oder einfach von Lebenserfahrung? Was ich befürchte? Die Antwort liegt im geäußerten Wunsch: Angst vor geistigem Abbau; Angst, schwere Veränderungen seelisch nicht zu verkraften; Angst vor mehr Schmerzen; Angst, ausgeliefert zu sein bei Pflegenden, die mich nicht verstehen, nicht sehen, was ich brauche; Angst vor Retraumatisierung von Verletzungen aus vielen Spitalaufenthalten, wo Ohnmacht und Hilflosigkeit oft dazu gehörten. Kurz zusammengefasst ist für mich klar: Älterwerden ist das Eine. Aber Älterwerden und innerlich nicht mehr wachsen, mich nicht mehr entwickeln können, das wäre mir ein Gräuel. Die zweite Runde leitete ich wiederum mit einer Mail ein: „Obwohl sich ja kaum jemand gerne mit dem Altern auseinandersetzt und diesbezügliche Zukunftsvorstellungen auch verunsichernd und vielleicht bedrohlich sein können, haben Sie sich mutig meinen Fragen gestellt und Antworten formuliert. Sie haben jetzt Gelegenheit, auf die Äußerungen der andern Polylog-Teilnehmer/ innen einzugehen. Dazu will ich Ihnen wieder zwei Fragen stellen, deren Antworten jedoch nicht an mich gerichtet sind, sondern an die anderen drei Teilnehmenden: 1) Welche Anregungen für Ihr eigenes Leben und die Gestaltung Ihrer letzten Lebensphase als alternder Mensch mit einer Behinderung geben Ihnen die Aussagen der anderen Teilnehmenden? 2) Was möchten Sie den anderen mitteilen zu ihren Texten? “ Barbara Wenk Lieber Urs, das Abschiednehmen, zuerst von kleinen Dingen, erlebe auch ich jeden Tag. Auch ich merke, dass ich schneller ermüde, obwohl meine Hörbehinderung eigentlich stabil ist. Hätte ich nicht meine Herausforderungen, mich für die Hörbehinderten einzusetzen, würde ich mich stark zurückziehen. Liebe Christina, die Angst, beruflich nicht mehr genügen zu können, haben nicht nur wir Behinderten. Ich bin aber sicher, dass wir diesem Leistungsdruck besser gewachsen sind als „Nichtbehinderte“, denn wir mussten unser ganzes Leben lang immer viel mehr Aufwand für die gleiche Leistung bringen. Können wir nach unserer Pensionierung wirklich selber bestimmen? Haben wir wirklich die Freiheit, wie wir sie uns vorstellen? Mir macht es große Angst, dass gerade dann, wenn wir die Existenzsicherung am nötigsten brauchen, diese nicht mehr da ist. Liebe Erica, unser Jugendbonus ist definitiv weg, und der Jugendwahn der Gesellschaft ist uns nicht förderlich. Dein Gräuel, sich innerlich nicht mehr weiterzuentwickeln, teile ich mit dir. Das ist aber ein Punkt in unserem Leben, den wir nur mit speziellem Aufwand beeinflussen können. Die Hilflosigkeit wird uns unweigerlich einholen, zu welcher Zeit auch immer. Urs Kaiser Liebe Barbara, die zwei Begriffe „Würde“ und „Autonomie“ klingen in mir nach dem Lesen deines Textes nach. Die Wahrung der Würde ist auch für mich ganz zentral. Was die Autonomie anbelangt, entdecke ich bereits jetzt, dass ich zunehmend mehr Bereitschaft verspüre, etwas davon abzugeben. Das hängt mit der Abnahme meiner Kräfte zusammen und mit der damit verbundenen Frage, wofür es sich lohnt, die VHN 2/ 2011 158 Barbara Jeltsch-Schudel, Erica Brühlmann-Jecklin, Christina Fasser, Urs Kaiser, Barbara Wenk verbliebenen Kräfte einzusetzen. Und da merke ich, dass das von dir angesprochene Problem des Nicht-mehr-verstehen-Könnens auch für mich sehr schwer wiegt. Ich hoffe, dass du im zunehmenden Alter ausreichend dich liebevoll umsorgende Menschen hast, die dir helfen, die Bürden des Alters mitzutragen, ohne dass du dadurch deine Würde und einen Rest von Lebensfreude verlierst. Liebe Christina, vieles von dem, was du angesprochen hast, kenne ich aus eigener Erfahrung. Doch eine deiner Feststellungen und die davon abgeleitete Forderung möchte ich speziell unterstützen. Du schreibst, dass Menschen mit einer erheblichen Behinderung für die Erfüllung eines vollen Arbeitspensums einen größeren Aufwand an Energie aufbringen müssen als nichtbehinderte Menschen und deshalb darauf Anspruch haben sollten, sich ohne finanzielle Einbuße vorzeitig pensionieren oder teilpensionieren zu lassen. Ich persönlich stand vor dieser Situation, und meine verminderte Leistungsfähigkeit konnte glücklicherweise durch eine Invalidenrente abgefedert werden. Doch nun soll im Rahmen der 6. IVG-Revision die Schraube angezogen werden, und der Leistungsdruck auf Menschen mit einer Behinderung wird nochmals erhöht mit bloß minimalster Rücksichtnahme auf den altersbedingten Leistungsabbau. Liebe Erica, es hat etwas Tröstliches, wenn du feststellst, dass mit zunehmendem Alter die Unterschiede von Menschen mit und Menschen ohne Behinderung geringer werden, weil alle irgendwie behindert sind. Ich habe mit Erstaunen festgestellt, dass dieser Trost bei mir schon seit einiger Zeit eine gewisse Wirkung zeigt. Was deine zunehmende Sehbehinderung betrifft, kann ich deine Ängste verstehen. Auch wenn ich weiß, dass du mit deiner Neugier und deinem Willen einen hohen Grad an Autonomie behalten wirst, so geht der Verlust eines Teils des Sehvermögens nicht ohne schmerzhaftes Loslassen vor sich. Doch wie du schreibst, bist du lernbegierig, und so wird dich all das neu Gelernte mit Genugtuung und Freude erfüllen. Tröstlich ist auch das Beispiel von deiner Mutter. Auch für mich ist es erstrebenswert, dass ich im Alter meinen Mitmenschen noch ein klein wenig etwas geben kann. Lange hängen geblieben bin ich allerdings bei deinem letzten Satz. Ich kann mir nämlich gut vorstellen, dass ich eines Tages nur noch älter werde, ohne innerlich zu wachsen. In diesem Zusammenhang kommt mir mein Vater in den Sinn. Er wurde in seinen letzten Lebensmonaten zunehmend dement. In der gerontopsychiatrischen Klinik erfuhr er jedoch vom Personal und von uns Angehörigen eine liebevolle Betreuung und Begleitung. Und so fand sein reiches Leben trotz des Autonomieverlusts einen würdigen Abschluss. Wenn unsere Gesellschaft es schafft, dass alle alten Menschen auf ihrem letzten Lebensabschnitt so liebevoll betreut werden, dann brauchen wir uns nicht mehr vor dem Autonomieverlust zu fürchten. Christina Fasser Liebe Barbara, deine Ängste kann ich sehr gut nachvollziehen. Mein zunehmender Verlust des Hörvermögens macht mir ebenfalls große Angst. Noch mehr aus der zwischenmenschlichen Kommunikation ausgeschlossen zu werden, ist für mich ein Damoklesschwert, und den Gedanken daran versuche ich so weit wie möglich zu verdrängen. Lieber Urs, ich habe dich schon immer für deine Philosophie und Gelassenheit bewundert. Ich wünschte mir, ich könnte es ebenfalls so gelassen angehen. Meine eigene Erblindung habe ich ziemlich gut in mein Leben integriert, jedoch habe ich mit jeder neuen Einschränkung große Mühe. Die Abhängigkeit von Dritten ist mir immer noch ein Gräuel. Meinen Wunsch nach Unabhängigkeit sehe ich aber nicht nur als Schwäche, sondern als einen kraftvollen Motor, so viel Lebensqualität wie möglich aus meiner Zeit zu holen. Wer weiß, vielleicht liegt der Unterschied zwischen dir und mir darin, dass ich alleine lebe. Ich bin gut in meiner Familie und im Freundeskreis aufgehoben, aber einen VHN 2/ 2011 159 „Behindert sein - älter werden“ engen Bezug wie deiner zu Beatrice gibt es nicht. Ich wünsche dir von Herzen, dass euch diese schöne Zweisamkeit noch viele Jahre erhalten bleibt! Liebe Erica, der Gedanke, dass wir uns mit unseren Behinderungen im Alter von den Normalos nicht mehr unterscheiden, finde ich spannend. Späte Integration also! Lieber spät als nie. Mit einem kleinen Lächeln habe ich mich sogar gefragt, ob wir nicht besser ausgerüstet sind als andere, haben wir doch schon immer gelernt, mit einem nicht ganz perfekt funktionierenden Körper oder Sinn durchs Leben zu gehen. Und wer weiß, damit auch gelernt, uns viel selbstverständlicher für unsere eigenen Bedürfnisse einzusetzen. Zum Schluss noch eine allgemeine Bemerkung: Obwohl ich genau weiß, dass meine Zeit endlich ist, möchte ich mich im Zusammenhang mit Behinderung und Alter nicht auf das Sterben, sondern auf das Leben als alter Mensch mit lebenslanger Behinderung konzentrieren. Es ist für mich selbstverständlich, dass ich mir das Ende meines Lebens in Würde und getragen von mir lieben Menschen wünsche, unabhängig vom Zeitpunkt. Ich betrachte dies als ein Recht, das jeder Mensch haben muss. Erica Brühlmann-Jecklin Die Frage von Barbara Wenk, „Habe ich die Kraft dazu? “, finde ich ganz wichtig. Sie meint damit ja wohl vor allem die Kraft, umdenken zu lernen, sich anzupassen. Vielleicht ist es auch die Ehrlichkeit, sich diese Frage zu stellen, die einem offen bleiben lässt, Veränderungen anzunehmen. Liebe Barbara, ich finde, dass du ganz wunderbar bei dir bist und sehr offen für die Dinge, die kommen werden. Der Mut zur Selbstbestimmung bis hin zu den letzten Fragen weckt in mir eine große Achtung, weil ich noch nicht so weit bin. Urs Kaisers Aussage, dass ihn sein Erblindungsprozess gelehrt hat, loszulassen und Abschied zu nehmen, ist mir eine wichtige Anregung. Ist es möglich, dass wir als Behinderte, die wir fast ein Leben lang für das eine oder andere kämpfen, uns an architektonische und andere Barrieren gewöhnen mussten, anderen hier bereits einen Schritt voraus sind? Lieber Urs, du bringst mit kurzen Worten auf den Punkt, was für uns alle, die wir Hilfe und Betreuung benötigen, so essenziell wichtig ist: Wohlbefinden, Schmerzfreiheit, Zuwendung, Wertschätzung, Respekt sowie eine Portion Konfliktfähigkeit auf beiden Seiten. Eine meines Erachtens sehr reife Haltung. Christina traut sich zu fordern. Zum Beispiel, dass „Dienstleistungen wie Vorlesen und Spazierengehen nicht mehr erbettelt werden müssen, sondern klar zum normalen Angebot gehören“. Schön wäre es gewiss, wenn dies und das ohne ‚betteln zu müssen‘ inklusive wäre, doch denke ich, dass ein Teil immer zwischenmenschliche Zuwendung bleiben wird. Das ist insofern auch sinnvoll, als es von Herzen käme und nicht einfach im ‚Pflichtenheft‘ der Pflegefachleute stünde. Ihr Plädoyer für eine „IV, die von einer reinen Erwerbsersatzversicherung zu einer Versicherung zur Sicherung eines würdigen Lebens für Menschen mit Behinderung“ wird, kann ich voll unterstützen. Einzig der Satz ,für Menschen mit Behinderung‘ dürfte deshalb gestrichen werden, weil die IV ja explizit für Menschen mit Behinderung da ist - allerdings für Menschen mit Behinderung vor dem Pensionsalter. Ich möchte darum den Gedanken gerne weiterspinnen und ihn so formulieren, dass die „IV von einer reinen Erwerbsersatzversicherung zu einer Versicherung zur Sicherung eines würdigen Lebens für Alle“ werden müsste. Da im Pensionsalter auch unsere vormals nicht behinderten Mitmenschen mehr und mehr behindert sein könnten, müsste das wirklich für ALLE gelten. In deinem Text, liebe Christina, spürt man überall das große berufspolitische Wissen und die Sensibilität für Dinge, die man eben auch auf politischer bzw. sozialpolitischer Ebene erkämpfen muss. Du denkst auch in Meta-Ebenen, und das finde ich sehr wertvoll. VHN 2/ 2011 160 Barbara Jeltsch-Schudel, Erica Brühlmann-Jecklin, Christina Fasser, Urs Kaiser, Barbara Wenk Die Texte sprechen für sich. Mir bleibt es, Barbara, Christina, Erica und Urs für die Offenheit zu danken, mit der sie über ihr eigenes Altern geschrieben haben, und für die Art, wie sie gegenseitig aufeinander eingegangen sind. Nicht alle haben sich vor dem Polylog bereits gekannt; dass der Austausch zu einer Annäherung geführt hat, zeigt sich darin, dass sich am Schluss alle duzen und in den Begleitmails der Wunsch geäußert wurde, sich persönlich kennenzulernen. Der Polylog wird mündlich weitergeführt. Barbara Jeltsch-Schudel Erica Brühlmann-Jecklin, ebj@hispeed.ch Christina Fasser, cfasser@e-link.ch Urs Kaiser, urs.kaiser@gmx.ch Barbara Wenk, barbara.wenk@pro-audito.ch Barbara Jeltsch-Schudel, barbara.jeltsch@unifr.ch
