Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete
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Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Wenn professionelle Expertise zu kurz greift: Auftakt zum Themenstrang „Evidenzbasierte Logopädie/Sprachheilpädagogik“
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Erich Hartmann
Das engagierte Bemühen von Praktikerinnen und Praktikern, Menschen mit einer „Sprachstörung“ bzw. „Sprachbehinderung“ kompetente professionelle Unterstützung und Hilfen zukommen zu lassen, zieht sich durch Geschichte und aktuelle Praxis der Logopädie/Sprachheilpädagogik. Sei es im Kontext von Unterricht, Therapie oder Rehabilitation: Seit jeher ist es das ambitionierte Ziel von Sprachheillehrern, Logopäden und Sprachheilpädagoginnen, die sprachlichen - und heute selbstverständlich ebenso die kommunikativen - Fähigkeiten von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen nach bestem Wissen und Können nachhaltig positiv zu beeinflussen, um so auch psychosozialen, schulischen oder beruflichen Folgeproblemen von Sprachstörungen entgegenzuwirken (z. B. Motsch 1986).
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< RubRik > VHN 1 | 2012 60 TRend ThemensTR ang evidenzbasierte Logopädie/ sprachheilpädagogik Wenn professionelle Expertise zu kurz greift: Auftakt zum Themenstrang „Evidenzbasierte Logopädie/ Sprachheilpädagogik“ erich hartmann universität Freiburg/ schweiz 1 der anspruch auf bestmögliche Praxis Das engagierte Bemühen von Praktikerinnen und Praktikern, Menschen mit einer „Sprachstörung“ bzw. „Sprachbehinderung“ kompetente professionelle Unterstützung und Hilfen zukommen zu lassen, zieht sich durch Geschichte und aktuelle Praxis der Logopädie/ Sprachheilpädagogik. Sei es im Kontext von Unterricht, Therapie oder Rehabilitation: Seit jeher ist es das ambitionierte Ziel von Sprachheillehrern, Logopäden und Sprachheilpädagoginnen, die sprachlichen - und heute selbstverständlich ebenso die kommunikativen - Fähigkeiten von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen nach bestem Wissen und Können nachhaltig positiv zu beeinflussen, um so auch psycho-sozialen, schulischen oder beruflichen Folgeproblemen von Sprachstörungen entgegenzuwirken (z. B. Motsch 1986). Dieser professionelle Grundanspruch ist in der fachwissenschaftlichen, berufsethischen und -politischen Literatur hinreichend postuliert und begründet worden. Ihm wird derzeit Nachdruck verliehen durch externe und fachinterne Forderungen nach Qualitätssicherung des logopädischen bzw. sprachheilpädagogischen (Dienstleistungs-)Angebots sowie dadurch ausgelöste Initiativen in diese Richtung (z. B. Baumgartner/ Giel 2000). Die an die Praxis gestellten Erwartungen und der auf ihr lastende Druck, erfolgreich - sprich effektiv, effizient und kostengünstig - zu arbeiten, scheinen so hoch wie nie zuvor. Die komplexe Aufgabe und Herausforderung besteht darin, unterrichtliches, therapeutisches, rehabilitatives oder präventives Handeln im Sinne von bester Praxis explizit zu begründen, zu planen, zu implementieren und zu evaluieren - und dies unter Anerkennung geforderter Prämissen oder Prinzipien wie Wissenschaftlichkeit, reflektierter Fachlichkeit, Subjektorientierung, Systembezug u. a. (z. B. Grohnfeldt/ Ritterfeld 2000). Während Logopäden und Sprachheilpädagoginnen den Anspruch auf eine wissenschaftliche Untermauerung der praktischen Arbeit im Allgemeinen grundsätzlich bejahen, bauen und vertrauen sie im Alltag primär auf ihre Fachkompetenz oder professionelle Expertise, ein Konglomerat aus erfahrungsbasiertem Wissen, Fähigkeiten, Einstellungen, Intuitionen und Werten. Diese Fundierung ist nachvollziehbar: Die individuelle professionelle Expertise liefert subjektive Orientierung und Sicherheit für praktisches Handeln in komplexen sprachheilpädagogisch-logopädischen (Problem-)Situationen, und sie gilt in Fachkreisen traditionell als Schlüssel zur erfolgreichen Arbeit mit sprachbehinderten Menschen schlechthin. Erst unter dem Einfluss der sogenannten evidence-based practice VHN 1 | 2012 61 TRend EricH HartmaNN auftakt zum themenstrang „Evidenzbasierte Logopädie/ Sprachheilpädagogik“ (nachfolgend EBP) Bewegung wird in der Logopädie/ Sprachheilpädagogik, aber auch in anderen Helferberufen moniert, die Expertise der Professionellen per se vermöge bestmögliche Praxis nicht zu garantieren. 2 Praxis als erfahrungs- und autoritätsbasiertes unterfangen Die „relative Neuigkeit“ des EBP-Konzepts oder Paradigmas selbst in der amerikanischen Speech-Language-Pathology (Irwin u. a. 2007, 249) macht verständlich, dass Praxis noch weitgehend einem traditionellen Entscheidungs- und Handlungsmodell verpflichtet ist, das in der EBP-Literatur als experience-based, authority-based oder auch eminence-based bezeichnet und charakterisiert wird. Damit ist gemeint, dass Diagnostik und Interventionen vornehmlich auf dem Erfahrungswissen der Praktikerin und auf der (integrierten) Expertise von anderen Fachpersonen basieren. Dazu gehören neben erfahrenen Berufskolleginnen und -kollegen insbesondere respektierte Experten bzw. „Autoritäten“. Letztere haben sich durch verdienstvolle praktische Arbeit und/ oder wissenschaftliche Beiträge im professionellen Feld etabliert und stellen ihr Wissen („expert clinical opinion“) im Kontext von Aus- und Weiterbildung, Supervision, Kongressen oder Publikationen der Fachöffentlichkeit zur Verfügung (z. B. Law 2002; Haynes/ Johnson 2008). Mit diesen (Wissens-)Quellen der beruflichen Expertise im traditionellen Sinne sind indes potenzielle Probleme verknüpft. Zu nennen ist zunächst die teilweise beachtliche Variabilität von implementierten Interventionen für Personen mit vergleichbaren sprachlich-kommunikativen Problemen - etwa, wenn stotternden Kindern je nach Therapeut u. a. mit einer behavioristischen, kommunikativ-pragmatischen, systemischen, psychodynamischen oder erlebnispädagogischen Intervention resp. mit einem (beliebigen) eklektischen Therapieansatz geholfen werden soll. Dazu kommt die Tendenz der Praxis, an „bewährten“, „schon immer praktizierten“ Verfahren festzuhalten, selbst dann, wenn empirische Forschung deren Nutzen (eher) fraglich erscheinen lässt wie bspw. im Fall der Mundmotorikübungen bei Sprechstörungen (z. B. Hartmann 2010). Damit gehen die - weitgehend unverschuldeten - Schwierigkeiten von Praktikern einher, neue und insbesondere hochstehende, wissenschaftliche Erkenntnisse etwa aus der Interventionsforschung systematisch zu identifizieren, zu analysieren, zu bewerten und für die Praxis nutzbar zu machen - weshalb man sich in bester Absicht auf die Meinung und Empfehlung von Experten verlässt. Doch nicht nur die individuelle Praxiserfahrung ist als Basis für pädagogische oder klinische Entscheidungen nicht über jeden Zweifel erhaben, sondern auch die Expertenexpertise: Experten sind ebenso anfällig für subjektive Selektivität oder Verzerrung, Denkfehler, Konsensstreben, Statuserhalt und Tradition. Ganz abgesehen von den seltenen „pseudowissenschaftlichen Experten“ können sich in Zeiten von EBP sogar anerkannte Autoritäten (z. B. Hochschuldozierende) mit dem Einwand konfrontiert sehen, ihre Expertise resp. Empfehlung entbehre einer rigorosen wissenschaftlichen Fundierung im Lichte des aktuellen Forschungsstandes (z. B. Dollaghan 2007; Haynes/ Johnson 2008). Wie begründet diese Bedenken im Einzelfall auch sein mögen oder nicht, klar ist: Kumulieren sich die angesprochenen Schwächen des traditionellen Praxismodells, erhöht sich das Risiko, dass sprachbehinderte Personen nur vermeintlich bestmögliche Unterstützung und Hilfe durch Professionelle erhalten. 3 evidenz-basierte Praxis als alternative Folgt man gegenwärtigen Definitionen und Konzeptionen in der logopädisch-sprachheilpädagogischen Literatur, bezeichnet EBP pro- VHN 1 | 2012 62 EricH HartmaNN auftakt zum themenstrang „Evidenzbasierte Logopädie/ Sprachheilpädagogik“ TRend fessionelle Praxisentscheidungen und Handlungen aufgrund einer bewussten, absichtlichen, expliziten, vernünftigen oder gewissenhaften Integration von drei (Wissens-) Komponenten: a) Bestverfügbare empirische („externe“) Evidenz, b) individuelle Expertise des Praktikers („interne Evidenz“) und c) Erwartungen, Präferenzen und Werte der sprachbeeinträchtigten Klienten und ihrer Angehörigen. Als Alternative zum herkömmlichen Praxismodell unterscheidet sich EBP von diesem nicht in der grundsätzlichen Zielsetzung der besten Praxis. EBP betont und priorisiert jedoch die Bedeutung der systematischen Forschung für professionelles Handeln auf Kosten von subjektiver Praxiserfahrung und Expertenmeinungen, die gemeinhin am untersten Ende von sogenannten Evidenzhierarchien fungieren. Das EBP-Konzept will Praxis emanzipieren von (fraglicher) Autorität, indem es die Bereitschaft, Kompetenz und Verantwortung der Professionellen stärkt, primär unter Rekurs auf einschlägige wissenschaftliche Befunde (Evidenz) und in Kooperation mit Klienten „autonomer“ als bisher zu entscheiden, welche validierten Maßnahmen den spezifischen Bedürfnissen des sprachbehinderten Menschen am besten Rechnung tragen dürften (z. B. Beushausen 2005; Dollaghan 2007; Johnson 2006). So einleuchtend die Kernidee von EBP auch sein mag, die adäquate Umsetzung dieses Konzepts im beruflichen Alltag erweist sich als anspruchsvoll und erfordert vielfältige Voraussetzungen. Praktikerinnen und Praktiker sind vorrangig auf eine vitale Forschungstätigkeit angewiesen, die qualitativ gute externe Evidenz zu generieren, zu synthetisieren und zu kommunizieren hat, z. B. in Form von systematischen Übersichtsarbeiten. Logopäden und Sprachheilpädagoginnen benötigen überdies spezifische EBP skills, um welche die herkömmliche professionelle Expertise in bedeutender Weise zu erweitern wäre (u. a. Formulieren von PICO-Fragen, Auffinden und Bewerten von bestverfügbarer Evidenz). Weiter sind unterstützende Rahmenbedingungen und Strategien zur Überwindung von bekannten EBP-Barrieren (Mangel an Zeit, fehlender Zugriff auf Forschungsdaten usw.) unerlässlich. Damit dürfte bereits deutlich werden, dass die Praxis-Implementation von EBP die Logopädie/ Sprachheilpädagogik auf der Ebene von Wissenschaft, Lehre, Praxis und Berufspolitik vor enorme Herausforderungen stellt (z. B. Reilly u. a. 2004). 4 ausblick EBP ist nicht nur ein neues, sondern auch ein „heißes Thema“ (Meline/ Paradiso 2003, 273), das in der Logopädie und Sprachheilpädagogik durchaus kontrovers diskutiert wird und positive wie negative Reaktionen hervorruft (z. B. Dollaghan 2007). Dadurch ist es prädestiniert, im Rahmen eines VHN-Themenstrangs (2012 - 2013) aufgegriffen und unter verschiedenen Gesichtspunkten beleuchtet und konstruktiv-kritisch behandelt zu werden. Die Leserschaft darf gespannt sein auf eine interessante Folge von Fachbeiträgen namhafter Autorinnen und Autoren aus Logopädie/ Sprachheilpädagogik und Bezugswissenschaften. Neben einer vertiefenden Auseinandersetzung mit der Logik und den Chancen, Grenzen und Gefahren von EBP wird danach gefragt, wie es um die empirische Evidenz für die Wirksamkeit von sprachheilpädagogischlogopädischen Interventionen für Kinder und Jugendliche aktuell steht, womit der „pädagogisch-therapeutische Fokus“ des Themenstrangs benannt ist. Im Mittelpunkt weiterer Beiträge stehen die Verankerung von EBP in der Ausbildung von Fachpersonen und andere wesentliche Implikationen dieses innovativen Praxismodells für die Logopädie und die Sprachheilpädagogik. Und schließlich sollen eingestreute provokative Essays die aufgekommene Diskussion um EBP auch in der VHN anregen und aufrechterhalten. VHN 1 | 2012 63 TRend EricH HartmaNN auftakt zum themenstrang „Evidenzbasierte Logopädie/ Sprachheilpädagogik“ Literatur Baumgartner, S.; Giel, B. (2000): Qualität und Sprachtherapie. in: Grohnfeldt, m. (Hrsg.): Lehrbuch der Sprachheilpädagogik und Logopädie. Bd. 1. Stuttgart: Kohlhammer, 274 -308 Beushausen, U. (2005): Evidenz-basierte Praxis in der Logopädie - mythos und realität. in: Forum Logopädie 3, 2 -7 Dollaghan, c. a. (2007): the Handbook for Evidence-based Practice in communication Disorders. Baltimore: Paul H. Brookes Publishing co. Grohnfeldt, m.; ritterfeld, U. (2000): Grundlagen der Sprachheilpädagogik und Logopädie. in: Grohnfeldt, m. (Hrsg.): Lehrbuch der Sprachheilpädagogik und Logopädie. Bd. 1. Stuttgart: Kohlhammer, 15 -46 Hartmann, E. (2010): Sinn und Nutzen von mundmotorikübungen in der therapie von Sprechstörungen. in: L.O.G.O.S. interdisziplinär 18, 244 -252 Haynes, W. O.; Johnson c. E. (2008): Understanding research and Evidence-based Practice in communication Disorders: allyn & Bacon: Boston irwin, D. L.; Pannbacker, m.; Lass, N. J. (2007): clinical research methods in Speech-Language Pathology and audiology. San Diego: Plural Publishing inc. Johnson, c. J. (2006): Getting Started in Evidencebased Practice for childhood Speech-Language Disorders. in: american Journal of Speech- Language Pathology 15, 20 -35 Law, m. (2002): Evidence-based rehabilitation: a Guide to Practice. thoroughfare: Slack inc. meline, t.; Paradiso, t. (2003): Evidence-based Practice in Schools: Evaluating research and reducing Barriers. in: Language, Speech & Hearing Services in Schools 34, 273 -283 motsch, H.-J. (1986): arbeiten mit Sprachbehinderten. in: Spiess, W.; motsch, H. -J.: Heilpädagogische Handlungsfelder i. Bern/ Stuttgart: Haupt, 73 -124 reilly, S.; Douglas, J.; Oates, J. (eds.) (2004): Evidence-based Practice in Speech Pathology. London/ Philadelphia: Whurr Publishers anschrift des autors Prof. dr. erich hartmann Heilpädagogisches Institut der Universität Freiburg Petrus-Kanisius-Gasse 21 CH-1700 Freiburg ++41 (0)26 300 77 38 erich.hartmann@unifr.ch
