Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete
5
0017-9655
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/vhn2012.art08d
5_081_2012_2/5_081_2012_2.pdf41
2012
812
Lagerung und Bewegung bei Schülern mit schwersten Behinderungen als Aufgabe der Schule mit dem Förderschwerpunkt „Geistige Entwicklung“
41
2012
Helga Schlichting
Schwerste Behinderung ist fast immer dadurch gekennzeichnet, dass die aktive Bewegungsfähigkeit erheblich eingeschränkt oder gestört ist. Deshalb sind eine fachgerechte Lagerung und das Ermöglichen von Bewegung für Kinder und Jugendliche mit einer schwersten Behinderung eine wichtige Aufgabe der Förderschule mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung. Lagerung und Bewegung sind Grundvoraussetzungen für Wohlbefinden und Lernen. Der Erhalt, der Erwerb und die Erweiterung von Bewegungskompetenzen bilden zudem wesentliche Lernbereiche für diese Personengruppe. Nicht immer sind sich Mitarbeitende an Schulen dieser Aufgaben bewusst und besitzen das notwendige Wissen und die entsprechenden Kompetenzen.
5_081_2012_2_0006
145 VHN, 81. Jg., S. 145 -155 (2012) DOI 10.2378/ vhn2012.art08d © Ernst Reinhardt Verlag Fachbeitrag 1 bewegungsstörungen und immobilität als wesentliche Probleme bei schwerster behinderung B ewegung ist ein grundlegendes Merkmal von Leben. Herzaktionen, Atmung, Darmperistaltik - all dies sind lebensnotwendige Bewegungen. Bewegung ist ein elementarer Entwicklungsbereich, der es den Menschen ermöglicht, die Umwelt zu erfahren, sich mit ihr vertraut zu machen und sich in ihr zurechtzufinden. Menschen lernen in und durch Bewegung. Bewegung befähigt den Menschen, selbstbestimmt und zielgerichtet zu handeln, die Umgebung zu begreifen und sie mitzugestalten (Hedderich/ Dehlinger 1998, 21). Lagerung und Bewegung bei Schülern mit schwersten Behinderungen als Aufgabe der Schule mit dem Förderschwerpunkt „Geistige Entwicklung“ helga Schlichting Universität erfurt Zusammenfassung: Schwerste Behinderung ist fast immer dadurch gekennzeichnet, dass die aktive Bewegungsfähigkeit erheblich eingeschränkt oder gestört ist. Deshalb sind eine fachgerechte Lagerung und das Ermöglichen von Bewegung für Kinder und Jugendliche mit einer schwersten Behinderung eine wichtige Aufgabe der Förderschule mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung. Lagerung und Bewegung sind Grundvoraussetzungen für Wohlbefinden und Lernen. Der Erhalt, der Erwerb und die Erweiterung von Bewegungskompetenzen bilden zudem wesentliche Lernbereiche für diese Personengruppe. Nicht immer sind sich Mitarbeitende an Schulen dieser Aufgaben bewusst und besitzen das notwendige Wissen und die entsprechenden Kompetenzen. Schlüsselbegriffe: Lagerung, Bewegung, Schüler mit schwersten Behinderungen, Schule mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung Positioning and Movement of Pupils With Severe Disabilities Summary: Severe disabilities are almost always accompanied by a reduced mobility. Therefore, a professional positioning and the enabling of movement for children and adolescents with severe disabilities are important tasks of the school for mentally disabled children. Positioning and movement are basic prerequisites for wellbeing and learning. The preservation, the acquisition, and the amelioration of motion skills are important learning domains for these pupils. Special education teachers are not always aware of these tasks and usually do not have the necessary knowledge and the relevant competences. Keywords: Positioning, movement, pupils with severe disabilities, special school for mentally disabled children VHN 2 | 2012 146 HElga ScHlIcHtINg lagerung und Bewegung bei Schülern mit schwersten Behinderungen Fachbeitrag Schwerste Behinderung ist fast immer dadurch gekennzeichnet, dass die aktive Bewegungsfähigkeit erheblich eingeschränkt oder gestört abläuft. Betroffene Menschen können ihre Position selbst oft überhaupt nicht verändern, können nicht oder nur mit großer Mühe nach einem gewünschten Gegenstand greifen oder ihr Gesicht einer Person zuwenden, um mit ihr Kontakt aufzunehmen. Auch der eigene Körper bleibt ihnen fremd. Oft gelingt es Menschen mit schweren Bewegungsstörungen nicht, eigene Körperteile zu berühren bzw. die Hände zum Mund zu führen. Dies hat zur Folge, dass sie ihren Körper sowie die zugehörigen Teile und Grenzen nur sehr diffus kennen. Kommen zu schweren Bewegungsstörungen noch zusätzliche Sinnesbeeinträchtigungen hinzu, ist die Integration von perzeptorischen und motorischen Erfahrungen nur sehr erschwert oder gar nicht realisierbar. Eine Umwelterkundung ist den betroffenen Menschen deshalb fast unmöglich (Fröhlich 2003, 55). Fröhlich (ebd. 59) bezeichnet die Bewegungsunfähigkeit bzw. -störung eines Menschen mit schwersten Behinderungen als einen „Autonomieverlust“; er kann seinen Körper nicht als Medium des Erkundens seiner Umwelt bzw. seiner selbst und auch nicht zur Annäherung und zur Kommunikation nutzen. 2 bewegung und Lagerung als aufgabe der Schule mit dem Förderschwerpunkt „geistige entwicklung“ W ährend des Schultages finden Bewegung und Lagerung in den unterschiedlichsten Kontexten statt: beim Transfer vom Rollstuhl auf eine Therapieliege bzw. ins Pflegebett, bei verschiedenen Pflegetätigkeiten, beim Erkunden der Umwelt oder eines Spielmaterials und natürlich während der Physiobzw. Bobath-Therapie. Die Förderung von Bewegung gilt dabei an Schulen mit dem Förderschwerpunkt „Geistige Entwicklung“ als Hauptaufgabe von Physiotherapeuten bzw. Bobath-Therapeuten und spielt sich in Therapiesituationen ab. Die Lagerung gehört eher in das Aufgabengebiet der Pflege. Aber auch Lehrer und Erzieher müssen Schüler mit schwersten Behinderungen im Tagesverlauf in vielfältiger Weise bewegen und lagern. Prinzipiell ist eine solche Zuordnung in therapeutische, pädagogische und pflegerische Aufgaben problematisch. Einerseits verlieren dadurch komplexe Alltagssituationen ihren Gesamtzusammenhang, andererseits werden auch die Betroffenen in zu fördernde Persönlichkeitsbereiche geteilt, sozusagen „atomisiert“ (Goll 1996, 172f). Eine weitere Gefahr besteht bei einer Überbetonung von Therapie und Pflege in einer Besonderung von Schülern mit schwersten Behinderungen und einem In-Frage-Stellen ihres Rechtes auf eine schulische Bildung bzw. ihrer Schulfähigkeit (Schlichting 2009, 219). Die Förderung von Bewegung und Lagerung ist eine interdisziplinäre Aufgabe von verschieden qualifizierten Mitarbeitern. Dabei ist grundsätzlich anzustreben, dass Therapie und Pflege so oft wie möglich unterrichtsimmanent stattfinden, d. h. der Therapeut oder die Pflegefachkraft im Schulalltag anwesend sind und den Schüler entsprechend lagern und bewegen, sodass er an möglichst vielen Aktivitäten teilhaben kann. Gleichzeitig ist es ihre Aufgabe, die pädagogischen Mitarbeiter im Bewegen und Lagern des Schülers anzuleiten. Wie im Folgenden gezeigt werden soll, stellen Bewegung und Lagerung für Schüler mit schwersten Behinderungen wesentliche Lernbereiche dar und sind deshalb grundsätzlich als Unterrichtssituationen anzusehen (vgl. Schlichting 2010, 219f). Zugleich sind sie grundlegende Voraussetzungen für viele weitere Lernprozesse. Folgende Aufgaben von Lagerung und Bewegung in der Schule können formuliert werden: VHN 2 | 2012 147 HElga ScHlIcHtINg lagerung und Bewegung bei Schülern mit schwersten Behinderungen Fachbeitrag n Wohlfühlen und Schmerzfreiheit sichern, Halt und Sicherheit erfahren; n den Körper und seine Teile gut spüren und beweglich erhalten; n Voraussetzungen schaffen für weitere Unterrichtsaktivitäten, wie z. B. Erkunden eines Materials mit den Händen, Kommunikation mit Lehrern und Mitschülern über Mimik oder Gestik usw.; n verschiedene Bewegungsmöglichkeiten erleben; n Bewegungskompetenzen erhalten, erwerben, erweitern; n die Wirkung eigener Bewegung erleben; n weitere. Bewegung als dynamisches und Lagerung als eher statisches Element gehören unmittelbar zusammen. Um in eine neue Lage zu gelangen bzw. jemanden in eine neue Lage zu bringen, ist Bewegung notwendig. Andererseits erfordert jede Bewegung eine bestimmte Ausgangshaltung (Lückhoff 2008, 138). Deshalb sind auch die Aufgaben in der Förderung von Lagerung und Bewegung nicht zu trennen. 3 Schulische realität bezüglich bewegung und Lagerung von Schülern mit schwersten behinderungen Z war findet an vielen Schulen mit dem Förderschwerpunkt „Geistige Entwicklung“ Physiotherapie und Bobath-Therapie durch qualifizierte Therapeuten statt, im Schulalltag wird aber häufig wenig Wert auf entsprechende Lagerungen und die Förderung von Bewegung gelegt. Aus meinen langjährigen Erfahrungen als Förderschullehrerin und meiner empirischen Untersuchung an Förderschulen in Thüringen (Schlichting 2009, 238ff) möchte ich folgende Punkte kritisch anmerken: n Mitarbeiter messen Lagerung bzw. deren regelmäßiger Veränderung häufig wenig Bedeutung bei. Kinder und Jugendliche sitzen im Verlauf des Schultages meistens viel zu lange bewegungslos im Rollstuhl und bekommen wenig andere Lagerungen angeboten (vgl. Fröhlich 2003, 106; Schlichting 2009, 288f). n Viele Lehrer und Erzieher sehen die Förderung von Bewegung und Lagerung nicht als wesentliches Lernziel dieser Schülergruppe bzw. erkennen diese nicht als ihre Aufgabe an. Sie überlassen Bewegungsförderung und Lagerung den Physiobzw. Bobath- Therapeuten oder Pflegefachkräften. n Zumeist finden die Physio- und die Bobath- Therapie zeitlich und örtlich vom Unterricht getrennt statt, sodass erlernte Kompetenzen nicht in den Alltag des Schülers integriert und dort geübt bzw. gefestigt werden können (Goll 1996, 173). n An ca. 60 % der Förderschulen bzw. Förderzentren in Thüringen kommen Physiotherapeuten von extern an die Schule und sind nicht Mitglieder im Klassenbzw. Schulteam, sodass für ein gemeinsames Arbeiten im Unterricht, eine interdisziplinäre Zusammenarbeit und eine Anleitung der pädagogischen Mitarbeiter keine Zeit bleibt und oft auch keine Veranlassung dafür gesehen wird (Schlichting 2009, 251f; vgl. auch Janz 2006, 74f und 94f ). n Viele pädagogische Mitarbeiter fühlen sich fachlich nicht ausreichend kompetent, Schüler zu lagern, zu heben und zu tragen bzw. in ihren Bewegungen zu fördern. Sie kennen kaum entsprechende Konzepte und melden großen Weiterbildungsbedarf an. 87 % der Förderschullehrer, die in Thüringen mit diesem Schülerkreis arbeiten, sind daran interessiert (Schlichting 2009, 293; vgl. auch Pitsch 2001, 164; Sowa 1996, 67). Zu den folgenden Themen wünschen sich Förderschullehrer mehr Informationen: VHN 2 | 2012 148 HElga ScHlIcHtINg lagerung und Bewegung bei Schülern mit schwersten Behinderungen Fachbeitrag n Schüler mit schwersten Behinderungen haben oft eine große Zahl von Hilfsmitteln, wie vielfältig verstellbare Rollstühle, Stehgeräte, Orthesen und Lagerungskeile. Aus mangelnder Kompetenz im Umgang kommt es häufig vor, dass Mitarbeiter diese Hilfsmittel nicht fachgerecht oder gar nicht benutzen. Oft ist auch Zeitmangel ein Grund, weshalb Hilfsmittel nicht regelmäßig eingesetzt werden. n Die Zusammenarbeit mit den Sozialpädiatrischen Zentren (SPZ) und den behandelnden Orthopäden bzw. Kinderärzten ist nach meinen Erkenntnissen in Thüringen beinahe inexistent (Schlichting 2009, 303). 93 % der befragten Förderschullehrer berichten, dass es keine Zusammenarbeit mit den verantwortlichen SPZ gebe. Das hat u. a. zur Folge, dass Hilfsmittel nicht immer sinnvoll und passend sind. 4 Lagerung und bewegung als grundvoraussetzungen für Wohlbefinden und Lernen G rundsätzlich sollte sich ein Schüler in einer angebotenen Lage wohlfühlen können und frei von Schmerzen sein. Grundlegende Lebensfunktionen wie Atmung, Herz- Kreislauf-Tätigkeit und Verdauung müssen störungsfrei ablaufen können. Weiterhin sollte ein Schüler durch eine Lagerung Halt und Sicherheit erfahren. Körperpositionen sollten je nach den Bedürfnissen des Schülers durch Lagerungshilfsmittel - besonders gut eignen sich zusammengerollte Handtücher oder Decken - unterstützt und stabilisiert werden. Körperteile, die nicht aufliegen - „Hohlräume“ - sollten unterlagert werden. So vergrößert sich die Auflagefläche, und der Schüler erhält mehr Körperinformationen. Zu bedenken ist aber, dass zu viel Lagerungsmaterial eigene Bewegungen einschränken kann. Die Lage eines Schülers muss häufig verändert werden. Lagerungen in derselben Position über einen längeren Zeitraum, also z. B. ein langes Sitzen im Rollstuhl, können einerseits zur Reduktion von Aufmerksamkeit, zu Müdigkeit und zu Wahrnehmungsverlusten, andererseits zur Entstehung von Druckstellen, Beeinträchtigung der Durchblutung und zur Förderung von Kontrakturen führen. Auch beim Bewegen sind das Vermeiden von Schmerzen und das Erleben von Sicherheit und Halt wichtige Bedingungen. Heben und Tragen „in der Luft“, indem, wie es oft praktiziert wird, ein Helfer unter den Armen und gewünschte Weiterbildungsthemen anzahl der Nennungen Informationen über Hilfsmittel und deren Einsatz 29 Informationen über lagerungen im Hinblick auf verschiedene Zielstellungen (zur Verhinderung eines Dekubitus, weiterer Kontrakturen bzw. weiterer Wirbelsäulenverkrümmung, atemerleichterung usw.) 27 Informationen zur fachgerechten gestaltung von lagewechseln 20 Informationen über ein rückengerechtes Heben und tragen 12 Kennenlernen spezieller Konzepte 3 Informationen über Möglichkeiten zur Förderung der Bewegungsfähigkeit 2 tab. 1 Weiterbildungsthemen (N = 121 Sonderschullehrerinnen, offene Antworten codiert, Mehrfachantworten) VHN 2 | 2012 149 HElga ScHlIcHtINg lagerung und Bewegung bei Schülern mit schwersten Behinderungen Fachbeitrag der andere unter den Knien anfasst und der Betroffene „mit Schwung“ umgesetzt wird, kann zum Erleben von Unsicherheit bzw. Ängsten und möglicherweise auch zu Schmerzen führen. Auch Lifter können Menschen mit schwersten Behinderungen durch ihre unphysiologischen Kraftbzw. Schwerkraftwirkungen und Geschwindigkeiten überfordern (Hatch/ Maietta 2003, 122; Buchholz/ Schürenberg 2003, 123). Halt und Sicherheit erfährt ein Schüler, wenn Bewegungen langsam, in seinem Tempo durchgeführt werden, wenn er Bewegungen nachvollziehen und sich an ihnen beteiligen kann. Bei Bewegungsübergängen sollte ein Schüler körpernah unterstützt und es sollten kurze Transferwege genutzt werden. Nachvollziehbarkeit und Orientierung vermittelt das schrittweise Bewegen über stabile Zwischenpositionen, während denen sich der Betroffene neu orientieren kann (Fröhlich 2003, 89; Hatch/ Maietta 2003, 59). Für ein fachgerechtes und achtsames Heben und Tragen bieten das Konzept der Kinästhetik und das Bobath-Konzept hilfreiche Anregungen. Deshalb sollte hier eine interdisziplinäre Zusammenarbeit mit diesbezüglich ausgebildeten Therapeuten und Pflegekräften angestrebt werden. Entsprechende Weiterbildungen werden auch für pädagogische Mitarbeiter angeboten. 5 ermöglichen von Lernaktivitäten durch entsprechende Lagerung und bewegung D er Körper ist der Orientierungsnullpunkt des Menschen. Nur wenn man ihn kennt, ist eine Umwelterkundung überhaupt erst möglich. Menschen mit schwersten Behinderungen, die sich kaum bewegen können, erhalten nur sehr wenige Informationen über ihren Körper. Deshalb bleibt ihnen dieser mit seinen zugehörigen Teilen, deren Ausdehnung und Beziehungen zueinander fremd. Dies hat vielfältige Auswirkungen auf weitere Wahrnehmungsleistungen, wie die Bestimmung der eigenen Lage im Raum, auf alle Orientierungsleistungen und auf die gesamte Bewegungskoordination (Bielefeld 1991, 17ff; Behrens/ Fischer 2006, 45f). Verschiedene Möglichkeiten der Lagerung erlauben dem Schüler eine Verbesserung seiner Körperwahrnehmung. Durch eine Nestlagerung (s. Abb. 1) mit Hilfe von zusammengerollten Decken (diese eignen sich besser als Lagerungsmaterial aus Styropor, das sehr schnell seine Form verliert und zusammenrutscht) kann der Schüler seine Körpergrenzen besser wahrnehmen. Durch ein sog. verbindendes Lagern - Körperteile werden in Verbindung gebracht, z. B. Beine übereinander geschlagen, eine Hand unter den Kopf gelegt - lernt der Schüler etwas über die Lage seiner Körperteile zueinander und kann ein Körperschema entwickeln. Die unterstützte Seitenlage ermöglicht vielen Schülern mit einer schweren Spastik erst das Zusammenführen der Hände und eine Hand- Mund-Koordination, sodass ein Erkunden von Spielzeug mit den Händen oder mit dem Mund durchführbar wird. abb. 1 Nestlagerung VHN 2 | 2012 150 HElga ScHlIcHtINg lagerung und Bewegung bei Schülern mit schwersten Behinderungen Fachbeitrag Beim angeschnallten Sitzen im Rollstuhl bieten sich für viele Schüler wenige Aktivitätsmöglichkeiten. Die Position im Rollstuhl ist eher auf die Transportfunktion und auf eine bequeme Haltung ausgerichtet. Eine Haltung, bei der der Schüler aktiver sein kann, besser mit seinen Armen und Händen erkunden und eine Auge-Hand-Koordination herstellen kann, erfordert eine Arbeitshaltung mit vorgebeugtem Oberkörper, offenem Hüftwinkel (über 90°) und einem stabilen Aufstellen der Füße und deren Belastung durch das Körpergewicht (Wiebel-Engelbrecht 2004, 107ff). Im Bild sitzt der Schüler mit nach vorn geneigtem Oberkörper auf einem Holzstuhl, auf dessen vorderer Lehne er sich gut abstützen kann. Die pädagogische Mitarbeiterin kann ihm von hinten weiteren Halt bieten und bei Bedarf seine Hände, z. B. zum Erkunden von Spielzeug, führen. Schülern mit schwersten Behinderungen sollte auch das Stehen ermöglicht werden. Eine aufgerichtete Körperposition bietet eine andere Raum-Lage-Wahrnehmung und gute Möglichkeiten, die Außenwelt zu erfahren und zu erkunden, da Kopf und Arme frei beweglich sind. Oft kann ein Kind beim Stehen mehr abb. 2 Liegen in unterstützter Seitenlage zur Herstellung einer Hand-Mund-Koordination abb. 3 Sitzen in Arbeitshaltung auf einem Therapiestuhl abb. 4 Stehen im Stehgerät VHN 2 | 2012 151 HElga ScHlIcHtINg lagerung und Bewegung bei Schülern mit schwersten Behinderungen Fachbeitrag Konzentration und Aufmerksamkeit aufbringen und länger aktiv sein. Gleichzeitig wird eine Kommunikation, auch „mal auf Augenhöhe“, mit anderen Schülern bzw. weiteren Personen seiner Umgebung möglich (Buchholz/ Schürenberg 2003, 164f). 6 bewegungskompetenzen erhalten, erwerben und erweitern S chülern, die sich kaum selbst zu bewegen vermögen, können ihre Bewegungsmöglichkeiten passiv vermittelt werden. So kann einem Schüler gezeigt werden, wie er Arme, Beine, Finger usw. bewegen kann. Wichtig ist dabei, Bewegungsgrenzen nicht zu überschreiten und genau auf Widerstände in den Gelenken zu achten. Eine Möglichkeit, Schüler mit schwersten Bewegungseinschränkungen darin zu unterstützen, ihre Umwelt bzw. die entsprechenden Gegenstände handelnd zu erkunden, stellt das „Führen in Alltagshandlungen“ nach Affolter dar. Der pädagogische Mitarbeiter unterstützt dabei die Bewegungen der Hände und Arme, die der Schüler benötigt, um seinen Alltag zu abb. 5 a - c Gemeinsames Erkunden des Waschbeckens und Öffnen des Wasserhahns 5 a 5 b 5 c abb. 6 Tast- und Knisterwand zur Motivation von Bewegungen VHN 2 | 2012 152 HElga ScHlIcHtINg lagerung und Bewegung bei Schülern mit schwersten Behinderungen Fachbeitrag erkunden und mitzugestalten. In den Abbildungen 5 a - 5 c erkunden die Pädagogin und die Schülerin in der Situation des morgendlichen Waschens gemeinsam das Waschbecken und öffnen den Wasserhahn. Die Umgebung sollte den Schüler dazu anregen, sich zu bewegen. Mit interessantem Spielzeug oder einer Lichtquelle, die in erreichbare Nähe des Schülers gebracht wird, kann dieser motiviert werden, sich nach seinen Möglichkeiten zu bewegen. Damit sich ein Schüler bewegen kann, sind stabile Lagerungen notwendig (Fröhlich 2003, 100). Auf festen Unterlagen, wie z. B. dünnen Gymnastikmatten, kann sich ein Schüler viel besser bewegen als auf einer normalen Matratze, einem Sitzsack oder gar einem Wasserbett. Hier sinkt er ein und kann nur mit großer Anstrengung Bewegungen ausführen. Beim Bewegen in eine neue Position, z. B. vom Liegen auf dem Rücken zum Liegen in Seitenlage oder vom Liegen auf dem Boden zum Sitzen im Rollstuhl, ergeben sich für den Schüler vielfältige Lernmöglichkeiten. Solche Lageveränderungen sollten nicht passiv am Schüler durchgeführt werden, sondern gemeinsam mit ihm. Der Schüler erfährt so seinen Körper in unterschiedlichen Raum-Lage-Beziehungen, und er muss sich mit seinem Gleichgewichtssystem immer neu orientieren. Beim Bewegen liegen abwechselnd andere Körperteile auf der Unterlage auf und werden unterschiedlich wahrgenommen. Indem Bewegungsübergänge so gestaltet werden, dass dem Betreffenden Möglichkeiten des Mittuns gegeben werden, kann er diese Abläufe über vielfältiges Üben erlernen. Dazu muss es dem Mitarbeiter gelingen, den Schüler entsprechend seinen Möglichkeiten in seinen Bewegungen zu unterstützen bzw. zu begleiten, und es muss ihm gezeigt werden, wie er Bewegung gestalten kann. Wichtig ist, dass nur so viel Hilfe gegeben wird, wie unbedingt notwendig ist (Lückhoff 2008, 138). Mitarbeiter benötigen für eine fachgerechte Bewegungsunterstützung grundlegendes Wissen über die motorische Entwicklung und über physiologische Bewegungsabfolgen des Menschen. Eine interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Therapeuten und Pflegefachkräften ist auch hier notwendig (Goll 1996, 173; Pitsch 2001, 163; Janz 2006, 74f und 94f). Für den Schüler sind solche Bewegungen besonders motivierend, die sinn- und bedeutungsvoll in seinen Alltag eingebunden sind. So schreibt die Bobath-Therapeutin Gisela Ritter: „Gelernt werden solche Bewegungsabläufe besonders gut, n die mit individuell bestmöglicher Eigenaktivität und Verantwortung verbunden sind, n mit denen das Kind seine Ziele verwirklichen kann, n mit denen das Kind seine Handlungspläne betätigen kann, n die für das Kind sinnvoll, bedeutungsvoll und wertvoll sind.“ (Ritter 2005, 52) Dies ist besonders dann gegeben, wenn Bewegungen nicht in isolierten Therapieeinheiten geübt werden, sondern in Alltagshandlungen eingebettet sind; wenn z. B. das Drehen auf die Seite mit der Möglichkeit einer interessanten Tätigkeit oder dem Erleben von Wohlbefinden, wenn eine schmutzige Windel entfernt wird, verknüpft ist. Eine Bewegung wird dadurch eingebunden in ein für das Kind bzw. den Jugendlichen und den Mitarbeiter planvolles, zielgerichtetes und damit wertorientiertes Handeln. Bewegungen werden immer dann besonders gut verinnerlicht und können sich weiterentwickeln, „wenn sie in sinnlich gebundene Handlungsanlässe eingefügt sind, durch die sie zumindest Spuren subjektiver Bedeutung hinterlassen. - Bewegungsanlaß und Bewegungsform sind durch die Bewegungsbedeutung vermittelt.“ (Praschak VHN 2 | 2012 153 HElga ScHlIcHtINg lagerung und Bewegung bei Schülern mit schwersten Behinderungen Fachbeitrag abb. 7 a - f Ein Schüler auf dem Weg vom Liegen zum Sitzen auf dem Stuhl über den Kniestand 7 a 7 b 7 c 7 f 7 e 7 d VHN 2 | 2012 154 HElga ScHlIcHtINg lagerung und Bewegung bei Schülern mit schwersten Behinderungen Fachbeitrag 1990, 108f) Deshalb sollten Bobath- und Physiotherapie auch nicht „im stillen Kämmerlein“ durchgeführt, sondern so oft wie möglich in den schulischen Alltag eingebunden werden. 7 Schlussfolgerungen D ie Förderung von Bewegung und Lagerung ist eine grundlegende Voraussetzung für Lernprozesse und stellt einen wesentlichen Lernbereich für Schüler mit schwersten Behinderungen dar. Dies ist unbedingt von allen Mitarbeitern der Schule mit dem Förderschwerpunkt „Geistige Entwicklung“ anzuerkennen. Mitarbeiter benötigen ausreichend Wissen und Können, damit sie ihren Schülern entsprechende Lagerungen anbieten und sie in ihren Bewegungen begleiten und unterstützen können. Dazu sind einerseits entsprechende Angebote in der Aus- und Weiterbildung vorzuhalten, und andererseits muss die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Pflegefachkräften und Physio- und Bobath-Therapeuten gefördert und intensiviert werden. Letztere müssen als feste Mitarbeiter zum Klassenbzw. Schulteam gehören und gemeinsam mit den pädagogischen Mitarbeitern im Unterricht Lagerung und Bewegung ihrer Schüler unterstützen. Literatur Behrens, M.; Fischer, K. (2006): Körper und Bewegung als grundlage für die Identitätsentwicklung bei Menschen mit schwerer Behinderung. In: laubenstein, D.; lamers, W.; Heinen, N. (Hrsg.): Basale Stimulation kritisch-konstruktiv. Düsseldorf: selbstbestimmtes leben Bielefeld, J. (1991): Zur Begrifflichkeit und Strukturierung der auseinandersetzung mit dem eigenen Körper. In: Bielefeld, J. (Hrsg.): Körpererfahrung. grundlagen menschlichen Bewegungsverhaltens. 2. aufl. göttingen: Hogrefe Buchholz, th.; Schürenberg, a. (2003): lebensbegleitung alter Menschen. Bern: Huber Fröhlich, a. (2003): Basale Stimulation. Das Konzept. 4. aufl. Düsseldorf: selbstbestimmtes leben goll, H. (1996): transdisziplinarität. Realität in der Praxis, Vision in Forschung und lehre - oder nur ein neuer Begriff? In: Opp, g.; Freytag, a.; Budnik, I. (Hrsg.): Heilpädagogik in der Wendezeit. Brüche - Kontinuitäten - Perspektiven. Zürich: edition SZH, 164 -174 Hatch, F.; Maietta, l. (2003): Kinästhetik. 2. aufl. München, Jena: Urban & Fischer Hedderich, I.; Dehlinger, E. (1998): Bewegung und lagerung im Unterricht mit schwerstbehinderten Kindern. München: Reinhardt Janz, F. (2006): Interprofessionelle Kooperation in Klassenteams von Schülerinnen und Schülern mit schweren und mehrfachen Behinderungen. Eine empirische Untersuchung in Baden-Württemberg. Diss. Pädagogische Hochschule Heidelberg. http: / / archiv.ub.uni-heidel berg.de/ volltextserver/ volltexte/ 2006/ 6685/ pdf/ diss_Veroeffentlichung.pdf, 1. 6. 2011 lückhoff, F. (2008): Bewegtes lagern - ein Handlungsmodell. In: praxis ergotherapie 21, 136 - 140 Pitsch, H.-J. (2001): Vom pädagogischen auftrag in der Pflege. In: geistige Behinderung 40, 156 -166 Praschak, W. (1990): Sensumotorische Kooperation mit Schwerstbehinderten als Herausforderung für eine allgemeine Pädagogik. Inaugural-Dissertation an der Universität Bremen. In: Bönisch, M. (Hrsg.): Schriftenreihe: theorie und Praxis der Uni Hannover Ritter, g. (2005): Kooperative Pädagogik und Bobath-therapie. In: Behinderte in Familie, Schule und gesellschaft 28 (3/ 4), 48 -57 Schlichting, H. (2009): Pflege als wesentlicher Bestandteil von Unterricht bei Schülern mit schwersten Behinderungen - Empirische Untersuchung zur Durchführung von Pflege bei Schülern mit schwersten Behinderungen an Förderschulen bzw. -zentren mit dem Förderschwerpunkt „geistige Entwicklung“ in thüringen. Online unter: http: / / www.db-thueringen.de/ servlets/ DocumentServlet? id=15195, 14. 8. 2010 Schlichting, H. (2010): Zum Verhältnis von Pflege und Pädagogik - Ist Pflege Unterricht oder ergänzende Versorgungsleistung? In: teilhabe 49, 219 -224 VHN 2 | 2012 155 HElga ScHlIcHtINg lagerung und Bewegung bei Schülern mit schwersten Behinderungen Fachbeitrag Sowa, M. (1996): lasst uns miteinander reden und handeln. Möglichkeiten der Zusammenarbeit in aus- und Fortbildung. In: Sowa, M.; Rischmüller, a. (Hrsg.): Schule in Bewegung. Dortmund: modernes lernen Wiebel-Engelbrecht, I. (2004): Physiotherapie und Hilfsmittelgestaltung zur Förderung der Selbständigkeit mehrfachbehinderter Kinder. In: Biewald, F. (Hrsg.): Das Bobath-Konzept. Wurzeln, Entwicklungen, neue aspekte. München: Urban & Fischer anschrift der autorin Dr. helga Schlichting Universität Erfurt Fachgebiet Sonder- und Sozialpädagogik Nordhäuser Straße 63 D-99089 Erfurt Tel.: ++49 (0)3 61 7 37 22 72 helga.schlichting@uni-erfurt.de
