Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete
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0017-9655
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Begriff und „Alltagswelt“ - Soziologische Reflexionen zu Termini im Kontext von Behinderung und der Notwendigkeit ihrer gesellschaftlichen Verankerung
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Jürgen Moosecker
Die Wahl von Termini im Kontext von Behinderung ist mit intensiven Diskussionen verbunden und seit Jahrzehnten ein wichtiges Thema heilpädagogischer Reflexion. Ein bedeutender Beitrag der Heilpädagogik ist das Eintreten gegen stigmatisierende Begriffe. In der heutigen Zeit bilden sich hingegen Begriffe heraus, die von der „Alltagswelt“ (Berger/Luckmann) abgekoppelt erscheinen. Hintergründe der Wissenssoziologie und der Luhmannschen Systemtheorie erlauben eine Reflexion über die Bedeutung der Synchronisation durch Sprache. Prozesse der Synchronisation durch Sprache erwachsen durch gesellschaftliche „Kopplungen von Bewusstseinssystemen und Kommunikationssystemen“ (Luhmann) und gesellschaftlich geteilte „Objektivationen“ (Berger/Luckmann). Unklare Begriffe sind der Unbestimmtheit ausgesetzt, sowohl der Option der Fehlinterpretation, mehr noch einer „Verdinglichung“ und in der Folge einer „Anerkennungsvergessenheit“ (Honneth).
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234 VHN, 81. Jg., S. 234 -246 (2012) DOI 10.2378/ vhn2011.art28d © Ernst Reinhardt Verlag Fachbeitrag Begriff und „Alltagswelt“ Soziologische Reflexionen zu Termini im Kontext von Behinderung und der Notwendigkeit ihrer gesellschaftlichen Verankerung Jürgen Moosecker bayerische Landesschule für Körperbehinderte, München Zusammenfassung: Die Wahl von Termini im Kontext von Behinderung ist mit intensiven Diskussionen verbunden und seit Jahrzehnten ein wichtiges Thema heilpädagogischer Reflexion. Ein bedeutender Beitrag der Heilpädagogik ist das Eintreten gegen stigmatisierende Begriffe. In der heutigen Zeit bilden sich hingegen Begriffe heraus, die von der „Alltagswelt“ (Berger/ Luckmann) abgekoppelt erscheinen. Hintergründe der Wissenssoziologie und der Luhmannschen Systemtheorie erlauben eine Reflexion über die Bedeutung der Synchronisation durch Sprache. Prozesse der Synchronisation durch Sprache erwachsen durch gesellschaftliche „Kopplungen von Bewusstseinssystemen und Kommunikationssystemen“ (Luhmann) und gesellschaftlich geteilte „Objektivationen“ (Berger/ Luckmann). Unklare Begriffe sind der Unbestimmtheit ausgesetzt, sowohl der Option der Fehlinterpretation, mehr noch einer „Verdinglichung“ und in der Folge einer „Anerkennungsvergessenheit“ (Honneth). Schlüsselbegriffe: Begriffsreflexion, Begriffe in der „Alltagswelt“, Political Correctness, Wissenssoziologie, Systemtheorie (Luhmann) concept and “everyday World” - Sociological reflections on terms in the context of Disability and the Need For their Social anchoring Summary: The choice of terms in the context of disability gives reason to intense discussions and to serious reflections in the special needs education since many years. A major contribution of the special needs education is the advocacy against stigmatizing terms. However, there are terms emerging that seem to be disconnected from “everyday world” (Berger/ Luckmann). The backgrounds of the sociology of knowledge and of Luhmann's systems theory allow a reflection on the importance of the synchronization by language. Processes of synchronization by language emerge from social “couplings of consciousness systems and communication systems” (Luhmann) and socially shared “objectivations” (Berger/ Luckmann). Ambiguous terms are subject to indeterminateness. They run the risk of misinterpretation or even of a “reification” and, as a result, of an “oblivion of recognition” (Honneth). Keywords: Reflection of terms, terms of the “everyday world”, Political Correctness, sociology of knowledge, systems theory (Luhmann) 1 gegen stigmatisierende begriffe D as Ringen um Termini im Kontext von Behinderung begleitet Jahrzehnte heilpädagogischer Reflexion. Diskussionen um Termini gibt es wohl in allen Fachgebieten und Wissenschaftsbereichen, doch ist in der Heilpädagogik ein besonders sensibler Bereich angesprochen: Weitreichende Errungenschaft ist das Zurückdrängen stigmatisierender Begrifflichkeiten. VHN 3 | 2012 235 JüRgEN MOOSEckER Begriff und „Alltagswelt“ Fachbeitrag Reflexion über Sprache sollte in der Heil- und Sonderpädagogik immer wieder ein relevantes Thema darstellen (Barsch/ Bendokat 2002, 451). Die folgende Analyse über soziologische Hintergründe von Begriffsbildung und Begriffssetzung schließt an den konstitutiven Gedanken an, dass Sprache Handeln bestimmt. Den Fokus dieses Beitrags bilden die Zusammenhänge der Dechiffrierungsmöglichkeit und der gesellschaftlichen Verankerung von Begriffen. Als Beispiele für gesellschaftlich von der „Alltagswirklichkeit“ (Berger/ Luckmann 1974, 21) kaum mehr verstandene - am Ende vermeintlich „gesellschaftlich entwurzelte“ - und damit unklare Begriffe können im heilpädagogischen Kontext Formulierungen wie „Kinder und Jugendliche mit Intensivförderbedarf “ oder auch einige Bezeichnungen für den spezifischen Förderbedarf nach der Kultusministerkonferenz (2010) genannt werden. Die folgende Betrachtung zieht die Analyse der Wissenssoziologie im Hinblick auf die „gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“ (Berger/ Luckmann 1974) und die Luhmannsche Systemtheorie heran und richtet sich auf die Bedeutung und Funktion der terminologischen Repräsentanz in und für Gesellschaft bzw. die „Alltagswelt“ (Berger/ Luckmann 1974, 21 - 31). Die Verhinderung stigmatisierender Begrifflichkeiten im Zusammenhang mit Behinderung verkörpert einen intentionalen Grundstein der Heil- und Sonderpädagogik. Antor und Bleidick sehen die Geschichte der Behindertenpädagogik zugleich als Geschichte ihrer Namensgebung „mit dem geradezu verzweifelten Versuch, dem negativen Beiklang von Bezeichnungen wie ‚behindert‘, ‚anormal‘, ‚abnorm‘, ‚schwachsinnig‘, ‚verkrüppelt‘“ (1995, 157) zu entgehen. Mit gutem Grund legt die Heilpädagogik besonderes Augenmerk auf die Wahl von Begriffen und Termini, denn in der Sprache drücken sich Werthaltungen aus, die ihre Manifestation auch in Begriff und Terminus finden. Stigmatisierung impliziert Missachtung, Abwertung, Machtmissbrauch und kann - wie Vorgänge im Rahmen der Entstehung des Eugenikgedankens Anfang des letzten Jahrhunderts zeigen - bis zur Infragestellung des Lebensrechtes führen: Rechtswissenschaftler Binding lieferte 1920 die juristische Schablone zur „Vernichtung lebensunwerten Lebens“, wie etwa „unheilbar Blödsinniger“, die eine „furchtbar schwere Belastung für die Gesellschaft“ (Binding/ Hoche 1920, 31, zit. n. Speck 2003, 107) ausmachen. Die Geschichte zeigt im Besonderen die schreckliche Verwendung von Sprache: Als Beleg dafür sei das ideologische Euthanasieprogramm der zwanziger Jahre genannt, grundgelegt durch Binding und Hoche (1920), deren grausamste Konsequenz in der Tötung behinderter Menschen bestand. Die sprachliche und begriffliche „Stigmatisierung behinderter Anstaltsinsassen als ‚Ballastexistenzen‘, ‚geistig Tote‘, ‚Wertlose‘, ‚Defektmenschen‘, ‚minderwertige Elemente‘, ‚passive und aktive Schädlinge‘ bei Binding/ Hoche legt bereits - so analytisch schockierend diese Feststellung erscheinen mag - die schonungslose Offenheit des ideologischen Programms an den Tag. Dahinter steht indessen auch eine Tendenz von viel sublimerer Gefährlichkeit, die sich im unerkannten sprachlichen Verfall der vergifteten naturwissenschaftlichen Begriffe verbirgt.“ (Antor/ Bleidick 1995, 163) Sprache drückt Werthaltungen aus, in der Visà-vis-Situation, aber auch im gesellschaftlichen Kontext. Sie „ist ein untrüglicher, ein unbestechlicher Gradmesser für die Haltung, die die Gesellschaft tatsächlich gegenüber Behinderten hat, ungeachtet äußerlichen Lippenbekenntnissen und wohlklingender Beschwörungsformeln zu festlichen Anlässen“ (ebd. 154). Termini bergen darüber hinaus die Gefahr zu präjudizieren. „Da Informationen über den Menschen kein hinreichendes Wissen sein können, da termini technici noch keine Zu- VHN 3 | 2012 236 JüRgEN MOOSEckER Begriff und „Alltagswelt“ Fachbeitrag sammenhänge ermöglichen, in Sonderheit die conditio humana des schwerstbehinderten Menschen kaum zu erreichen vermögen, disponieren Wahrnehmungsfragmente und -störungen zu eklatanten Fehlinterpretationen.“ (Thalhammer 1986, 188) Ein Ausgeliefert- Sein des Menschen mit schwerer und mehrfacher Behinderung ist angelegt, da „die Sinne […] vom Begriffsapparat je schon bestimmt sind, bevor die Wahrnehmung erfolgt“ (Horkheimer/ Adorno 1997, 103). Fehlinterpretationen gewinnen dann besonderes Gewicht, wenn eingeschränkte Kommunikations- und Interaktionsmöglichkeiten des Menschen mit schwerer und mehrfacher Behinderung die Möglichkeit des „Aufbegehrens“ verhindern, „Stigma-Management“ (ebd. 116) und „Situations-Management“ (ebd.) im Sinne Goffmans (1999) in weiter Ferne sind. Im Mittelpunkt steht die conditio humana, „möglichst ohne ‚Begriffsapparat‘, der mittlerweile vorliegt, der diese besondere menschliche Grenzsituation einzuengen, zu reduzieren, zu zerstören scheint. Die Sprache hat eine sinnhafte geschichtliche Dimension, die von Ambivalenz nicht frei ist.“ (Thalhammer 1986, 144) 2 Zur Diskussion über Political correctness Ü berlegungen zu nichtstigmatisierenden Begriffen streifen die Debatte über „Political Correctness“ (Barsch/ Bendokat 2002), die in den USA geführt wurde. Anfang der 1990er-Jahre avancierte Political Correctness in der US-amerikanischen Öffentlichkeit zu einem vieldiskutierten Thema. Im Zentrum der Debatte standen die gesellschaftliche Stellung von Frauen und ethnischen Minderheiten sowie veränderte Lehrinhalte und -methoden an den Universitäten (Manske 2002, 9). Die Diskussion um Political Correctness in der Öffentlichkeit bildete einen weiteren Streitpunkt im Kulturkampf (culture war), der seit den 1980er-Jahren vor dem Hintergrund unterschiedlicher Weltsichten (differing world views) zwischen traditionellen und progressiven Ansichten geführt wurde. In der Öffentlichkeit wurde Political Correctness besonders mit nichtdiskriminierender Sprache assoziiert (Manske 2002, 59). Im Lauf der Zeit wurde daraus immer weniger eine „objektive und sachliche Diskussion“ (ebd. 63) über die inhaltlichen Kernpunkte, nämlich die Repräsentanz gesellschaftlicher Minderheiten in der amerikanischen Kulturtradition und nichtdiskriminierende Sprache bzw. nichtdiskriminierendes Verhalten. Fragmente dieser Intentionen wurden politisch instrumentalisiert, gegenseitige Anklagen und Beschuldigungen führten zu einer zunehmenden „Verhärtung der Fronten“ (ebd. 62). Im Gegensatz dazu erfolgte eine ernsthafte Diskussion „politisch korrekter“ Sprache in den Redaktionen von Zeitungen und Zeitschriften. Die meisten Redakteure waren in der Folge auf ‚politisch korrekte‘, das heißt nichtdiskriminierende und -beleidigende Sprache bedacht, um weder Personen in ihrer Leserschaft noch Mitarbeiter zu verletzen (ebd. 59). Die Diskussion übertrug sich nur marginal auf die hiesige Öffentlichkeit, und auch in den USA ist nach der Einschätzung von Manske (2002, 258) seit den späten 1990er-Jahren Political Correctness kaum noch ein Diskussionsgegenstand. 3 hintergründe der Wissenssoziologie „D ie Vergesellschaftung, in der sich der Mensch mit seinem Eintritt ins Leben vorfindet, schließt ihm zugleich Gewissheitsquellen auf, Präskripte, an die er sich halten kann und hält, weil sie ihm selbstverständlich, nicht etwa nur verständlich sind.“ (Plessner 1974, XV) VHN 3 | 2012 237 JüRgEN MOOSEckER Begriff und „Alltagswelt“ Fachbeitrag Wissenssoziologie ergründet die Vorgänge, wie gesellschaftlich entwickeltes, vermitteltes und bewahrtes Wissen für Menschen als Glieder der Gesellschaft zu außer Frage stehender „Wirklichkeit“ gerinnt. Die wissenschaftliche Zielsetzung der Wissenssoziologie ist also die Ausleuchtung der gesellschaftlichen Konstruktion von Wirklichkeit (Berger/ Luckmann 1974, 3). Wissen ist „der individuellen Erfahrung des Menschen vorgegeben“ (ebd. 9) und bettet „diese in eine gesellschaftlich vorgegebene Sinnordnung ein […]. Diese Ordnung erlebt das Individuum - trotz ihrer Relation zu einer speziellen sozio-historischen Situation - als natürliche Weltansicht.“ (ebd.) Die Interpretation ist jedoch sowohl durch die subjektive als auch die gruppenbezogene Wahrnehmung geprägt. Wirklichkeit und Wissen unterliegen der Tatsache der gesellschaftlichen Relativität; Wissen und Wirklichkeit werden von einem Kriminellen in anderer Weise interpretiert als von einem Kriminologen. Daraus folgt, dass „spezifische Konglomerate von ‚Wirklichkeit‘ und ‚Wissen‘ zu spezifischen gesellschaftlichen Gebilden gehören und dass diese Zugehörigkeit bei der Analyse der entsprechenden Gebilde berücksichtigt werden muss“ (ebd. 3). 3.1 alltagswelt Berger und Luckmann (1974) umreißen und verdeutlichen die „Alltagswelt“, sie „breitet sich vor uns aus als Wirklichkeit, die von Menschen begriffen und gedeutet und ihnen subjektiv sinnhaft erscheint“ (21). Die Wirklichkeit der Alltagswelt wird als Wirklichkeit hingenommen, „als selbstverständliche, zwingende Faktizität“ (ebd. 26). Alle Typisierungen im Alltags-Denken sind als solche „integrierende Elemente der konkreten, historischen, sozio-kulturellen ‚Lebenswelt‘ und beherrschen sie, weil sie als gesichert und gesellschaftlich bewährt erlebt werden“ (Schütz 1962, 149). Und „das, worüber man sich einig ist, verfestigt sich zu Normen, Vorurteilen und Klischees“ (Plessner 1974, XIV). 3.2 Objektivationen Grundlagen des Wissens in der Alltagswelt sind repräsentiert durch Objektivationen. Im menschlichen Ausdrucksvermögen ist die Kraft der Objektivation angelegt: Objektivationen durch Ausdruck „sind mehr oder weniger dauerhafte Indikatoren subjektiver Empfindung. Sie ermöglichen deren ‚Begreifbarkeit‘ über die Vis-à-vis-Situation, in welcher sie unmittelbar erfasst werden können, hinaus.“ (Berger/ Luckmann 1974, 36 f) Die Wirklichkeit der Alltagswelt ist nicht nur beeinflusst von Objektivationen, sie ist - so betonen Berger und Luckmann - vielmehr nur wegen dieser Objektivationen wirklich (ebd. 37). Nur durch diese Objektivationen können wir uns in der komplexen Umwelt zurechtfinden - sie prägen, kategorisieren und bieten eine partielle Bewertung der Alltagswelt: „Mein Alltagswissen ist wie ein Instrument, mit dem ich mir einen Pfad durch den Urwald schneide.“ (ebd. 46) Alltagswissen und dessen dauerhafte Indikatoren in Form von Objektivationen sind eng verknüpft mit der Sprache, und zwar dergestalt, dass sich Alltagswissen über das Mittel der Sprache synchronisiert. 3.3 Synchronisation durch Sprache Sprache ist das „wichtigste Zeichensystem der menschlichen Gesellschaft“ (Berger/ Luckmann 1974, 39). Ihren Ursprung hat sie in der Alltagswelt und bezieht sich originär auf diese (ebd. 40). Die „allgemeinen und gemeinsamen Objektivationen der Alltagswelt behaupten sich im Wesentlichen durch ihre Ver- VHN 3 | 2012 238 JüRgEN MOOSEckER Begriff und „Alltagswelt“ Fachbeitrag sprachlichung“ (ebd. 39). Begriffe stellen Objektivationen dar, mittels derer ein intersubjektives Verständnis über einen Ausschnitt der Alltagswelt hergestellt wird. „Ausgestorbene“ bzw. „vergessene“ Begriffe verdeutlichen die Evolution der Begriffsbildung in der Alltagswelt; mit dem Wegfall der Wirklichkeitsentsprechung erodieren Begriffe im Laufe von Jahren und Jahrzehnten. Beispiele sind die Begriffe „Aussteuer“, „Barbier“, „Schütteltenne“ oder „Berserker“ (Mrozek 2005). Wie angedeutet, verteilt sich Alltagswissen nicht gleichmäßig, sondern „Wissen in der Alltagswelt begegnet mir distribuiert, das heißt, verschiedene Individuen sind seiner zu verschiedenen Teilen und auf verschiedene Weise inne. Ich teile mein Wissen nicht zu gleichen Teilen mit allen Mitmenschen. […] Mein Berufswissen habe ich mit meinen Berufskollegen gemein, nicht aber mit meiner Familie.“ (Berger/ Luckmann 1974, 47) Welche Elemente an Erfahrung der Gesellschaft zu „behalten“ sind und was zu „vergessen“ ist, „das wird in semantischen Feldern entschieden. Der auf diese Weise gespeicherte Wissensvorrat wird von Generation zu Generation weitergegeben, und das Individuum kann sich seiner bedienen.“ (ebd. 43) 4 hintergründe im rahmen von Luhmanns Systemtheorie L uhmanns Theorie sozialer Systeme bildet zum einen eine „beeindruckende Weiterentwicklung der verstehenden Soziologie hin zu einer erklärenden Soziologie“ (Jantzen 2009, 67), zum anderen ist im Zuge der Fokussierung auf zentrale Basismechanismen im Rahmen von Systemen die Gefahr eines „kultursoziologischen Reduktionismus“ (ebd.) verbunden: „Arbeit und Produktion, Ökonomie, Infrastruktur, sozialer Verkehr verschwinden ebenso aus ihrem Blickfeld wie wirkliche Menschen, Gemeinwesen, Länder usw.“ (ebd. 68f ) Luhmann legt im Zusammenhang von Basismechanismen innerhalb hochkomplexer Systeme wichtige elementare Relationen offen. Innerhalb sozialer Systeme bildet Kommunikation den zentralen bzw. „basalen Prozess“ (Luhmann 1987, 192). Soziale Systeme handeln durch Kommunikation, dazu gehören Klein- und Großsysteme. „Die Großformen der gesellschaftlichen Teilsysteme schwimmen auf einem Meer ständig neu gebildeter und wieder aufgelöster Kleinsysteme“ (Luhmann 1997, 812), das ausgedehnteste soziale System, das alle Kommunikation einschließt, bildet die Gesellschaft: „Jeder soziale Kontakt wird als System begriffen, bis hin zur Gesellschaft als Gesamtheit der Berücksichtigung aller möglichen Kontakte.“ (Luhmann 1987, 33) Luhmann sieht die Gesellschaft als selbstreferentielle Geschlossenheit. Gesellschaft „ist das autopoietische Sozialsystem par excellence. Gesellschaft betreibt Kommunikation, und was immer Kommunikation betreibt, ist Gesellschaft. Die Gesellschaft konstituiert die elementaren Einheiten (Kommunikationen), aus denen sie besteht, und was immer so konstituiert wird, wird Gesellschaft, wird Moment des Konstitutionsprozesses.“ (Luhmann 1987, 555) these (1) Eine Abkopplung von der Sprache der „Alltagswelt“ lässt den Hintergrund der gesellschaftlichen Wirklichkeit erodieren. Das Verständnis und die Verankerung eines Begriffs in der „Alltagswelt“ der gesellschaft als „allgemeine und gemeinsame Objektivation“ (Berger/ Luckmann 1974, 39) sind notwendig, um nicht - im kontext von Behinderung - „Nichtbeachtung“ und „Vergessenheit“ zu erfahren, auch im Zusammenhang mit notwendigen Unterstützungssystemen. VHN 3 | 2012 239 JüRgEN MOOSEckER Begriff und „Alltagswelt“ Fachbeitrag Durch die Differenz von Gesellschaft und Interaktion etablieren sich „Selektionsmöglichkeiten“: „Interaktionssysteme können und müssen laufend aufgegeben und neu begonnen werden. Das macht eine übergreifende Semantik, eine Kultur erforderlich, die diesen Vorgang in Richtung auf Wahrscheinliches und Bewährtes steuert. Insofern wirkt die Gesellschaft selektiv auf das, was als Interaktion vorkommt, ohne dadurch Widersprechendes und Abweichendes sicher auszuschließen. Die gesellschaftliche Selektion determiniert also nicht; sie lockt mit dem Leichten und Gefälligen, und das kann gerade auch im Abweichen vom offiziell angebotenen Muster liegen. Sie bietet Interaktion an si eis placet, und wenn sich daraufhin Muster durchsetzen, wird gerade dadurch das Abweichen attraktiv, interessant, profitabel.“ (Luhmann 1987, 588) Fortlaufende Selektionen erzeugen Muster, die grundsätzlich in jedem Fall temporär angelegt sind, sich im Interaktionssystem festigen können und über eine lange Zeit verfügbar bleiben oder sich schon nach kurzer Zeit verflüchtigen; diese Muster wiederum nehmen rückwirkenden Einfluss auf Interaktionen. „Insofern kann man festhalten: die Gesellschaft seligiert die Interaktionen, die Interaktionen seligieren die Gesellschaft; und beides läuft im Sinne des Darwinschen Begriffs von Selektion, das heißt: ohne Autor.“ (ebd. 589) Gesellschaft wirkt auf Bewusstsein und Bewusstsein auf Gesellschaft. Luhmann sieht das Bewusstsein mit dem Kommunikationssystem strukturell gekoppelt, Bewusstseinssysteme bilden eine Voraussetzung sozialer Systeme. Alle Kommunikation ist „strukturell gekoppelt an Bewusstsein. Ohne Bewusstsein ist Kommunikation unmöglich. Kommunikation ist total (in jeder Operation) auf Bewusstsein angewiesen.“ (Luhmann 1997, 103) Bewusstseinssysteme und Kommunikationssysteme sind „vorweg aufeinander abgestimmt, um dann unbemerkt koordiniert funktionieren zu können“ (ebd. 106). Vermittelnder Baustein ist dabei die Sprache, Kommunikationssysteme sind „über Sprache an Bewusstseinssysteme gekoppelt […] so wie Bewusstseinssysteme an Kommunikationssysteme“ (ebd. 113). 5 Sprache L eitend ist die Sprache. Sie ist das Hauptinstrument jeder Art von Legitimation, bildet einen Teil des gesellschaftlich zugänglichen Wissensvorrates und wird als solcher mit scheinbarer Gewissheit hingenommen. Was zu dem im Ganzen stimmigen Komplex eines gesellschaftlichen Gefüges nicht stimmen will, wird nach Maßgabe seines Wissens „erklärt“: „Sprichwortweisheiten, Moralsprüche, Glaubenslehren. In Jahrtausenden abgelagertes Rezeptwissen versorgt die institutionseigenen Verhaltensvorschriften auf prätheoretischer Ebene.“ (Plessner 1974, XV) Im Rahmen des geschichtswissenschaftlichen Forschungsfeldes „Begriffsgeschichte“ wird betont, „dass das gesamte politisch-soziale Vokabular von Bewegungs- und Veränderungskoeffizienten zeugt. Alle politisch-sozialen Begriffe geraten in eine zeitliche Spannung, die Vergangenheit und Zukunft auf neue Weise einander zuordnet. Anders ausgedrückt: Die Erwartungen werden nicht mehr zur Gänze aus der bisherigen Erfahrung abgeleitet. Erfahrung - der Vergangenheit - und Erwartung - für die Zukunft - treten auseinander.“ (Koselleck 2006, 81) these (2) „Die regelmäßige strukturelle kopplung von Bewusstseinssystemen und kommunikationssystemen [wird] durch Sprache ermöglicht“ (Luhmann 1997, 108) und damit auch über die Auswahl kodierter Formen - wie Termini - „seligiert“ und auf Bewusstsein rückgewirkt. VHN 3 | 2012 240 JüRgEN MOOSEckER Begriff und „Alltagswelt“ Fachbeitrag Whorf (1984, 74) formuliert im Rahmen seiner Forschungen zu Metalinguistik und Sprachphilosophie im Rahmen von Vergleichsstudien zwischen westlichen europäischen Sprachen und der Sprache der Hopi: „Wir müssen auch und vor allem den Einfluss des Sprachgebrauches erkennen, den er dadurch auf unsere anderen, kulturellen und persönlichen Aktivitäten hat, dass er ständig das Gegebene für uns vorordnet und so unsere Auffassung der alltäglichsten Phänomene bestimmt.“ Auf der Grundlage seiner Vergleichsstudien beschreibt er Verbindungen aus Sprache, Kultur und Verhalten: „Wie entsteht historisch ein […] Netzwerk aus Sprache, Kultur und Verhalten? Was war zuerst: die Strukturschemata der Sprache oder die kulturellen Normen? Im Großen und Ganzen haben sie sich in ständiger gegenseitiger Beeinflussung zusammen entwickelt. Aber in dieser Partnerschaft ist die Sprache ihrer Natur nach der autokratischere Faktor, und zwar ein Faktor, der die freie Plastizität begrenzt und die Kanäle der Entwicklung verhärtet. Das ist deshalb so, weil eine Sprache nicht nur eine Sammlung von Normen, sondern ein System ist. Große Systemcharaktere können sich nur sehr langsam zu etwas wirklich Neuem wandeln. Viele andere kulturelle Neuerungen können - verglichen damit - schnell gemacht werden. Die Sprache repräsentiert darum den Massen-Geist; sie wird zwar durch Erfindungen und Neuerungen affiziert, aber nur sehr geringfügig und langsam. Dagegen ist aber umgekehrt sie für die Erfinder und Neuerer mit unmittelbarer Wirkung gesetzgebend.“ (Whorf 1984, 98) Als Beispiele im heilpädagogischen Kontext werden die beiden Termini „Autismus“ und „Förderschwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung“ skizziert, der eine als selbstbewusst artikulierter Terminus mit zunehmender Verankerung in der Alltagswelt und der andere als außerhalb der Fachwelt unklar verstandener Begriff. „Beispielhafte Skizze“ deshalb, weil zu diesen Einschätzungen kein empirisches Fundament vorliegt. Auch Begriffe im Kontext von Behinderung sind - dieser Aspekt soll nicht verschwiegen werden - nicht ausschließlich im Bezug zur Alltagswelt zu sehen, auch fachwissenschaftliche Schwerpunkte fließen darin ein. Das lateinische Wort „Terminus“ weist auf die Doppelschichtigkeit des „Begriffs“ hin: Zum einen ist er im philosophischen Verständnis „Begriff “, zum anderen enger verstanden „Fachwort“ bzw. „Fachausdruck“ (Duden 1990, 773). 5.1 beispiel: begriff „autismus“ Autismus rückte in den letzten Jahren zunehmend ins gesellschaftliche Bewusstsein. Grundsätzlich scheint die Darstellung von „Autismus“ - gegenwärtig verdeutlicht in einer Vielzahl filmischer Dokumentationen - mit Selbstbewusstsein verbunden zu sein. Auffällig ist zudem, dass der Terminus Autismus nicht von Kaschierung geprägt ist. Beispielsweise sprechen die selbstsicheren Darstellungen der Selbsthilfeorganisationen von these (3) Sprache, kultur und Verhalten sind miteinander verbunden, ohne naturgesetzliche Wirkung: „Es gibt Zusammenhänge, aber keine korrelationen oder diagnostischen korrespondenzen zwischen kulturellen Normen und sprachlichen Strukturen.“ (Whorf 1984, 101) Diese Zusammenhänge erzeugen jedoch eine konnexion. „Tatsächlich wird die ‚reale Welt‘ sehr weitgehend unbewusst auf den Sprachgewohnheiten der gruppe erbaut.“ (Edward Sapir, zit. n. Whorf 1984, 74) VHN 3 | 2012 241 JüRgEN MOOSEckER Begriff und „Alltagswelt“ Fachbeitrag Betroffenen mit Asperger-Syndrom wie „Aspies e.V.“ eine klare Sprache, die von außen betrachtet im Hinblick auf den Terminus zunächst irritierend wirkt. Auch wird seit 2005 weltweit der „Autistic Pride Day“ gefeiert mit dem Ziel, „Selbstbewusstsein [zu] schaffen. ,Pride‘ bedeutet ‚ich finde es okay, so zu sein, wie ich bin. […] Nicht besser als irgendjemand anderes, aber genauso gut.“ (Müller 2010) 5.2 beispiel: begriff „Förderschwerpunkt körperliche und motorische entwicklung“ Eine Vielzahl an Begrifflichkeiten finden sich im Kontext einer Körperbehinderung: beispielsweise „körperbehinderte Menschen“, „Menschen mit Körperbehinderung“, „Körperbehinderte“, „Menschen mit dem Förderschwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung“. Zimmer (1996) führt im Zuge der Political-Correctness-Diskussion der USA das Beispiel der Menschen mit Körperbehinderung an. Aus diesen wurden zunächst „handicapped (Behinderte), diese zu den disabled (Entfähigte) und diese schließlich zu den Andersbefähigten (differently abled) oder körperlich Herausgeforderten (physically challenged)“. Die Geschichte der Körperbehindertenpädagogik zeigte im Zuge der „emanzipatorischen Behindertenbewegung“ (Wilken 2004, 275) eine Phase der offensiven Selbstvertretung. Aus Jugendgruppen des Spastikerverbandes kam es zur Gründung „emanzipatorischer Clubs von Behinderten und Nichtbehinderten“ (ebd. 276). Ausprägung einer radikalen Selbstbezeichnung sind die „Krüppelgruppen“, die sich selbst so nannten (vgl. Radtke 1990, 259). Sie verstanden sich als „sozial-politische Protestbewegung“ (Wilken 2004, 276). „Das ‚Krüppeltribunal‘ will mit der schockierenden Offenheit des brüskierenden Begriffs die teilnahmslose Umwelt auf die Probleme aufmerksam machen und eine Auseinandersetzung erzwingen.“ (Antor/ Bleidick 1995, 159) Auch heute benennen sich manche Selbsthilfevereinigungen und Verbände der Selbstvertretung offensiv, z. B. der „Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderter“ (Krohn 2005, 360). Andreas Kuhlmann - selbst von einer Körperbehinderung betroffen - beklagt, dass in der Diktion poststrukturalistischer Philosophie von „,Differenzen‘ oder ‚dem absolut Anderen‘ gesprochen [wird], die oder den es zu respektieren gelte“ (2003, 157). Die Bürde „dysfunktionaler Physis“ (ebd. 158) jedoch und die „Erfahrung defizitärer Leiblichkeit“ (ebd. 157) verschwinden im Zuge einer „Romantisierung menschlicher ‚Vielfalt‘ “ (ebd.) indessen leicht aus dem Blickwinkel. Das wohlmeinende Plädoyer - so gibt er zu bedenken - für die „,Differenz‘ muss aber die interne Perspektive solcher Personen ignorieren, die sich mit der eigenen, besonderen Konstitution keineswegs abfinden wollen oder nur unter Mühen mit ihr zurecht kommen“ (ebd.). Implizit wendet sich Kuhlmann gegen eine Nivellierung der Behinderung unter einer vermeintlich gut gemeinten „Dekategorisierung“. Der Terminus „Sonderpädagogischer Förderbedarf “ ist im schulischen Bereich ein weit verbreiteter Begriff. Definitorisch ist „Sonderpädagogischer Förderbedarf “ als Begriff an den Bildungserfolg geknüpft: „Sonderpädagogischer Förderbedarf ist bei Kindern und Jugendlichen anzunehmen, die aufgrund ihrer körperlichen und motorischen Ausgangslage in ihren Bildungs-, Entwicklungs- und Lernmöglichkeiten so beeinträchtigt sind, dass sie im Unterricht der allgemeinen Schule ohne sonderpädagogische Unterstützung nicht hinreichend gefördert werden können.“ (Kultusministerkonferenz 1998, 5) VHN 3 | 2012 242 JüRgEN MOOSEckER Begriff und „Alltagswelt“ Fachbeitrag Zu konstatieren ist, dass der Begriff „sonderpädagogischer Förderbedarf “ „den Begriff ‚Behinderung‘ als Leitbegriff der Sonderschulpädagogik verdrängt [hat], und man könnte annehmen, dass ersterer moderner, präziser und weniger diskriminierend ist“ (Dönges 2010, 323). Vor dem Hintergrund einer wirklichkeitsstiftenden Wirkung von Begriffen „könnte eine solche vereinheitlichende Rede vom allgemeinen Förderbedarf dazu führen, soziale Realitäten auszublenden. Im Zuge einer undifferenzierten Sichtweise könnte es zu einer Missachtung existentieller Belastungen, ausgeprägter Vulnerabilitäten oder basaler Förderbedürfnisse von Schülern mit Behinderungen kommen.“ (ebd.) Es stellt eine Errungenschaft dar, dass stigmatisierende Begriffe wie „Krüppel“ und „Spastiker“ aus dem gesellschaftlichen Vokabularium fast vollständig verschwunden sind. Weitergehend ist zu unterstreichen, dass der Begriff „Förderschwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung“ für viele Menschen, die mit der Heil- und Sonderpädagogik nicht in unmittelbarer Verbindung stehen, kaum verständlich ist. Der „Mensch mit Körperbehinderung“ erscheint hingegen im Sprachschatz verankert. 6 Schluss „B egriffe im Sinne der Begriffsgeschichte ließen sich also beschreiben als minimale Kristallationskerne von Diskursen bzw. als deren Verdichtungen.“ (Linke 2003, 39) In der gegenwärtigen „Multioptionsgesellschaft“, wie Gross (1994, 14f) sie beschreibt, ist „die Steigerung der Erlebens-, Handlungs- und Lebensmöglichkeiten, die Optionensteigerung, […] der augenscheinlichste Vorgang der Modernisierung“. Die Multioptionsgesellschaft bietet annähernd unendliche Erlebniswelten, „mehr an Seinsmöglichkeiten“ (ebd. 63), eine große Vielfalt an Lebensmöglichkeiten. Auf der anderen Seite scheinen im Zuge der Multioptionalität alle Meinungen und Deutungen gleichermaßen legitim, „alle Traditionen gleichwertig, die Werte beliebig und austauschbar“ (ebd. 68). Die übergreifenden Deutungen lassen nach, eine Orientierung in der komplexen Wirklichkeit erscheint schwieriger. Grundlegende Deutungen in gesellschaftlichem Kontext sind abhängig von kontinuierlicher gesellschaftsimmanenter Weitergabe. Jedoch werden eine „Vielzahl an Meinungen […] in immer kürzerer Zeit abgelöst durch eine neue Vielzahl an Meinungen, in denen von Zeit zu Zeit alte Meinungen wieder aufblühen und sich wie beim Benzin, je nach Motord. h. Zivilisationstyp, neue Mischungsverhältnisse einstellen“ (ebd. 67). Die Multioptionsgesellschaft postuliert ein Höchstmaß an Freiheit, Optionen für jeden. Nürnberger (2010) beschreibt die Gesellschaft als „unüberschaubar komplexe, multiethnische, globalisierte Hightech-Gesellschaft, in der nichts mehr sicher und nichts mehr gewiss ist“ (V 2/ 1). Die Postmoderne steht bei ihren Befürwortern für „Vielfalt und Pluralismus, für eine Wertschätzung von Heterogenität und Differenz“ (Dederich 2002, 54). Die Kehrseite sind ökonomisch motivierte „Einheitsbestrebungen“: „Auf der einen Seite ist das Individuum für sein Leben ebenso wie für sein Scheitern verantwortlich, auf der anderen Seite sind es die Erfordernisse und Mechanismen des globalisierten Marktes, die zunehmend an die Stelle des politischen Gestaltungswillens treten.“ (ebd. 64) Angelegt sind in der Kehrseite der Postmoderne letztlich „entsolidarisierende Menschenbilder“ (Haeberlin 1996, 147). Schwächere Mitglieder der Gesellschaft können da leicht zurückbleiben. In der Aussage von VHN 3 | 2012 243 JüRgEN MOOSEckER Begriff und „Alltagswelt“ Fachbeitrag Gross - „Die Optionierung verschont nichts“ (Gross 1994, 355) - liegt die Tragik für schwächere Mitglieder der Gesellschaft, auch für Menschen mit Behinderung. Langfristig erscheint wenig davon verschont, auf den gesellschaftlichen Prüfstand gestellt zu werden. Sicherlich sind diese Zusammenhänge nicht apokalyptisch zu verstehen, doch ist die Gefährdung vorhanden, aus der gesellschaftlichen Alltagswelt an den Rand und in den Strudel einer „Vielzahl an Meinungen“ (ebd. 67) zu geraten. „Manche stellen sogar die Frage, ob man künftig überhaupt noch auf den Staat als Hüter des Gemeinwohls zählen könne, ob wir es gar mit einem ‚Sieg der Ökonomie über die Politik‘ zu tun haben.“ (Antor/ Bleidick 2000, 118) Nach Antor und Bleidick (2000, 111) sollte dagegen die „Behindertenpädagogik“ „die gegenwärtigen Pluralisierungstendenzen nicht einfach nur in ihren bedrohlichen Erscheinungen der Auflösung und Entsolidarisierung wahrnehmen. Sie sollte sie ebenso in ihrem positiven Sinn für einen individualisierenden pädagogischen Umgang mit Behinderten wie für eine Sicherung ihrer grundlegenden individuellen Rechtsansprüche nutzen lernen.“ Grundlegende individuelle Rechtsansprüche haben einen ihrer Ausgangspunkte auch an einem nichtstigmatisierenden, realen Verständnis in der „Alltagswelt“. Der vermeintliche Niedergang von Autoritäten im gesellschaftlichen Kontext (vgl. Nürnberger 2010, V 2/ 1) in der Multioptionsgesellschaft führt dazu, dass (Zwischen-)Ergebnissen gesellschaftlicher Interaktion eine größere Bedeutung zukommen, die sich im Endeffekt zu Modellen „spezifisch sozialer Rationalität“ (Luhmann 1997, 826) stilisieren. Zur Artikulation erscheinen klare, nichtstigmatisierende Begrifflichkeiten notwendig. Gerade in gegenwärtiger Zeit lässt sich beobachten, wie „Integration“/ „Inklusion“ im allgemeinen Alltagsverständnis eine solche Prägnanz entwickeln, dass sie auch außerhalb des heilpädagogischen Horizontes verstanden werden und die ihnen innewohnende Intention der Teilhabe transportieren. Gross (1994) weist im Sinne der „Multioptionsgesellschaft“ auf die Folgen des „Selbst- und Weltverbesserungsprogramms“ der Modernität hin: „Das weltweit, individuell und universell, vorangetriebene Selbst- und Weltverbesserungsprogramm reicht nicht nur ins Unendliche und damit ins Sinnlose. Es hat auch nicht nur zu einer Steigerung der Erlebens- und Lebensmöglichkeiten geführt, sondern zu einer Programmatik der Inklusion, einer sukzessiven Einforderung von Zugängen und Anrechten an den Optionen.“ (33) Nicht weniger wichtig und der Intention der Teilhabe nicht zuwiderlaufend erscheint im Zusammenhang „Integration“/ „Inklusion“ die Bedeutung klarer Termini im Kontext von Behinderung, da letztlich auch die Bereitstellung sonderpädagogischer Expertise für die betroffenen Kinder und Jugendlichen damit verbunden ist. Der Begriff der „Behinderung“ bildet ein „terminologisches Zentrum“ (Dederich 2009, 37) der Heilpädagogik, fungiert trotz Unschärfe als Grundbegriff und bildet in Verflechtung zur „Alltagswelt“ einen essenziellen Bestandteil des Verständigungsprozesses in diesem Kontext. Eine gegenwärtig zu beobachtende kulturwissenschaftliche „Dekonstruktion“ sieht Andreas Kuhlmann kritisch, da sie „abweichende Lethese (4) Starke intentionale Leitbegriffe - wie gesellschaftliche Integration/ Inklusion - können in die „Alltagswelt“ der gesellschaft hineinragen und prägend wirken. VHN 3 | 2012 244 JüRgEN MOOSEckER Begriff und „Alltagswelt“ Fachbeitrag bensformen einem Anpassungszwang“ aussetzt (2003, 154). Der Grundgedanke der „Dekonstruktion“ - erwachsend aus der Bürgerrechtsbewegung - ist verknüpft mit der Hoffnung, dass Personen mit Beeinträchtigung unter optimalen Bedingungen geradezu alle wesentlichen Funktionen ausüben können sollen, die ihnen die gesellschaftliche Partizipation erlauben würde. Einwände haben an der impliziten Vorstellung vom „voll ‚funktionsfähigen‘ ‚Behinderten’“ (ebd.) zu erfolgen, diese „muss einem konsequent normkritischen Ansatz als unangemessene Strategie der Assimilation und Nivellierung erscheinen“ (ebd.). Nach seiner Einschätzung - aus der Perspektive des Wissenschaftlers und Betroffenen - kommt es nicht selten „im Zuge der Bemühungen um ein neues Verständnis von Behinderung zu einer Art Romantisierung von menschlicher ‚Vielfalt‘“ (ebd. 157). Für ihn besteht die Notwendigkeit einer weitreichenden Form von Anerkennung: „Eine Anerkennung, die nicht nur der Differenz, sondern auch der konstitutionsbedingten Bedürftigkeit vieler Behinderter gerecht werden will, darf sich also nicht in Akzeptanz im Sinne von Respekt oder Wertschätzung erschöpfen, sondern muss sich als konkrete Anteilnahme und gegebenenfalls als praktizierte Fürsorge - von Einzelpersonen wie von Institutionen - zur Geltung bringen.“ (Kuhlmann 2005, 163) 1 Auf der einen Seite ist zu vermuten, dass mit nichtstigmatisierenden, in der Alltagswelt verstandenen Termini keine Sanktionierung der grundlegenden Intention der gesellschaftlichen Integration und Teilhabe verbunden ist. Sollte - auf der anderen Seite - ein kaschierender Begriff zunächst vermeintlich eine Akzeptanzlücke auf einer virtuellen Ebene verkleinern, spätestens auf der Ebene des realen Kontaktes verblasst dieser scheinbare Effekt, und es kommen mögliche positive oder negative Mechanismen dieser Ebene (vgl. Cloerkes 2007; Fries 1991; Tröster 1990) zum Tragen. Unklare Begriffe im Rahmen der Interaktion in der „Alltagswelt“ (Berger/ Luckmann 1974, 21ff) sind der Gefährdung ausgesetzt, im gesellschaftlichen Kontext zu diffundieren, und implizieren als „Verdinglichung“ nach Honneth (2005, 94) „die Tatsache der Anerkennungsvergessenheit“: „Alle Verdinglichung ist ein Vergessen.“ (Adorno 1997, 263) anmerkung 1 Stinkes (2002) diskutiert diese grundfrage der Anerkennung im Beitrag „Zur schwierigen Frage nach der Anerkennung - Fürsorge oder Solidarität für Menschen mit Behinderung“. Literatur Adorno, Th. W. (1997): gesammelte Schriften 3. Frankfurt a. M.: Suhrkamp Antor, g.; Bleidick, U. 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