Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete
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Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Inklusive Bildung? - Ein spontaner Gedankenaustausch
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Urs Haeberlin
Michael Doblmair
Sehr geehrter Herr Haeberlin, ich studiere Bildungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Heilpädagogik und Inklusive Pädagogik an der Universität Wien und schreibe zur Zeit meine Bachelorarbeit zum Thema „Bildung und Erziehung in Haeberlins Grundlagen der Heilpädagogik (2005)“. Aufgabe ist es, Ihren Begriff von Bildung und Erziehung in Ihrem einführenden Werk zu ergründen.
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328 Dialog Michael Doblmair an Urs Haeberlin 26. November 2011 Sehr geehrter Herr Haeberlin Ich studiere Bildungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Heilpädagogik und Inklusive Pädagogik an der Universität Wien und schreibe zur Zeit meine Bachelorarbeit zum Thema „Bildung und Erziehung in Haeberlins Grundlagen der Heilpädagogik (2005)“. Aufgabe ist es, Ihren Begriff von Bildung und Erziehung in Ihrem einführenden Werk zu ergründen. Nachdem ich das Buch nun durchgearbeitet habe, konnte ich schon einen gewissen Eindruck von Ihrem Begriff gewinnen, aber allein die geforderte oder gewünschte radikale Revision des Bildungsbegriffs, so wie ihn eine neue pädagogische Berufsethik bräuchte, habe ich nicht gefunden. Ich habe mich daher gefragt, ob es innerhalb der ,Ethik der anerkannten Abhängigkeit‘ diese Neufassung des Bildungsbegriffes schon gibt, ob vielleicht sogar Sie schon dazu Ideen entwickelt und expliziert haben. Es wäre mir eine Freude, von Ihren Überlegungen zu lesen! Mit freundlichen Grüßen Michael Doblmair Inklusive Bildung? Ein spontaner Gedankenaustausch Urs Haeberlin Zürich Michael Doblmair Wien Urs Haeberlin an Michael Doblmair 27. November 2011 Sehr geehrter Herr Doblmair Ich würde gerne auf Ihre Frage eingehen. Aber ich bin mitten im Umziehen von Fribourg nach Zürich. Für eine inklusive (Heil-)Pädagogik ist eine grundlegende Revision des Bildungsbegriffs notwendig! Aber wie soll man so etwas durchsetzen, wenn der tradierte Bildungsbegriff funktional für die Erhaltung der aktuellen kapitalistischen Gesellschaft auch in unseren demokratischen Staaten ist? Die europäische Geschichte hat immer wieder gezeigt - zuletzt im 20. Jahrhundert die Geschichte des Staatskommunismus -, dass sich das „Gute“ und „Richtige“ nicht durch staatliche Verordnung und Kontrolle erzwingen lässt. Guter Rat zu Ihrer Frage ist somit teuer! Mit freundlichen Grüssen Urs Haeberlin VHN 4 | 2012 VHN 4 | 2012 329 Urs HaeberliN, MicHael DoblMair inklusive bildung? Dialog Michael Doblmair an Urs Haeberlin 29. November 2011 Sehr geehrter Herr Haeberlin Haben Sie vielen Dank, dass Sie mir trotz ungünstiger Situation eine kurze Antwort schicken konnten. Ich bin mir jetzt gar nicht sicher, inwieweit ich auf Ihr kurzes Statement antworten soll. Aber nachdem es mir doch ein Bedürfnis ist, erlauben Sie mir bitte ein paar Sätze. Mir erscheint, dass jeder wirkmächtige Bildungsbegriff immer schon auf die (ideelle) Reproduktion der jeweils aktuellen Gesellschaft ausgerichtet ist. Dies ist ja nichts anderes als eine Tautologie, denn der gesellschaftliche Organismus wird sich immer die Teile so einverleiben, dass sie für ihn funktionieren. Die Frage ist daher m. E.: Wie kann ein Bildungsbegriff dazu beitragen, das gesellschaftliche Ganze, also den flexiblen Kapitalismus, zu ändern? Ein solcher Bildungsbegriff müsste jedenfalls jede misslingende Solidarisierung verhindern. Entsprechende Konzepte sind zwar bereits angedacht. Die Existenz dieser Gedanken garantiert jedoch noch lange nicht, dass sie transformierend in die Gesellschaft einwirken, dazu bedarf es wohl auch der ideell-praktischen Arbeit von Erzieher/ innen und Pädagog/ innen. Ich denke, jede Revision muss von „unten“ ausgehen, weil sie - wie Sie schreiben - nicht verordnet werden kann. Aus dieser Sicht ergibt sich, dass ein Bildungsbegriff jedenfalls ein politischer sein muss. Einer, der also nicht nur die misslingende Solidarisierung mit allen Menschen verhindert, sondern der auch noch versucht, die Solidarisierung auszuweiten. Mit freundlichen Grüßen Michael Doblmair Urs Haeberlin an Michael Doblmair 12. Januar 2012 Sehr geehrter Herr Doblmair Nachdem sich mein Leben wieder zu normalisieren beginnt, bin ich auf Ihre Mail gestoßen. Darin deuten Sie Grundfragen an, welche gesellschafts- und ideologiekritisch reflektierende Menschen seit Jahrhunderten beschäftigen. Ihre Überlegungen veranlassen zur Frage: Lassen sich durch Begriffsdefinitionen - d. h. mittels Sprache - gesellschaftliche Strukturen und darauf basierendes Bewusstsein einer definitionsmächtigen Bevölkerungsmehrheit so verändern, dass es sich von den ökonomischen Bedingungsfaktoren loszulösen beginnt? Auf unsere Diskussion übertragen: Lassen sich die bestehende gesellschaftliche Strukturen erhaltenden Bildungsinstitutionen durch die kognitive und sprachliche Konstruktion eines Bildungsbegriffs verändern und an die Bedürfnisse der Bildungsbenachteiligten und traditionell gesellschaftlich entwerteten Bildungsversager bis hin zu Menschen mit schweren geistigen und mehrfachen Behinderungen anpassen? Ich wage diese Frage weder mit Ja noch mit Nein zu beantworten. Mit einer Verneinung würde ich mir jede Hoffnung auf eine Verbesserung und Humanisierung des gesellschaftlichen Zusammenlebens nehmen und in Hoffnungslosigkeit versinken. Einer Bejahung jedoch stehen viele desillusionierende Erfahrungen im Wege. Ende der 60er und in den 70er Jahren war ich von der „Integrierten Gesamtschule“ fasziniert. Ich war voller Hoffnung, dass damit eine gerechtere Gesellschaft entstehen könne. Hierzu hätte man dem Bildungswesen die Selektions- und die gesellschaftliche Allokationsfunktion wegnehmen müssen. Im Glauben an die Machbarkeit habe ich mich damals politisch für die Durchsetzung der Integrierten Gesamtschule engagiert. Aber dieser sind von den Schulpolitikern die Zähne gezogen worden, indem man sie zur VHN 4 | 2012 330 Urs HaeberliN, MicHael DoblMair inklusive bildung? Dialog „Additiven Gesamtschule“ machte und so die bisherigen selektionierenden Schulzüge und deren Funktion in die weitere Zukunft rettete. Der heutigen „Integrations-“ und „Inklusionspädagogik“ droht ein ähnliches Schicksal! Sie merken wohl, dass mich Ihre Mail zum erneuten Nachdenken über alte Probleme veranlasst. Inklusionspädagogik lebt von der Vision eines inklusiven Bildungsbegriffs und von der Hoffnung auf eine radikale Revision des europäischen Bildungsbegriffs. Die Inklusionsvision könnte Realität werden, wenn Bildung basal verstanden würde. In ihrem Zentrum stünden Unterstützung und Reifenlassen von zwischenmenschlichen Beziehungen. Wenn sich darauf kognitives Lernen, Sprache, kulturelles Tun sowie beruflicher und materieller Erfolg aufbauen, dann darf dies nicht mehr als Bewertungskriterium für Gebildetsein gelten. Aber ich stoße auf eine nicht beantwortbare Frage: Wie lässt sich eine breite Bewusstseinsveränderung „bewerkstelligen“, die für die Realisierung des veränderten Bildungsbegriffs notwendig ist? Der Widerspruch zwischen Vision und Realität deutet sich an. Wie können wir ihn ertragen, ohne die Hoffnung zu verlieren? In dieser Frage steckt für mich ein zentrales Problem für die heilpädagogische Ausbildung. Mit freundlichen Grüssen Urs Haeberlin Michael Doblmair an Urs Haeberlin 22. Februar 2012 Sehr geehrter Herr Haeberlin Endlich finde ich die Zeit, Ihnen für Ihre ausführliche Antwort und Ihre Überlegungen zu danken. Ich bin - wie Sie - der Meinung, dass die Veränderung der Sprache oder der Begriffe, mit denen wir die reale Welt erfassen, nicht zwangsläufig die Realität ändert. Sicherlich wird es dieses Loslösen eines veränderten Bildungsbegriffs von der ökonomischen Macht nicht geben. Aber zumindest kommt es zum Widerspruch, und dieser wird zur materiellen Gewalt, wenn er die Massen ergreift. Es sind Menschen, die die Welt verändern, nämlich dadurch, dass sie sich für ihre wohlüberlegten Überzeugungen einsetzen. Es kommt nun m.E. darauf an, nicht alleine zu kämpfen. Die Masse muss sich zur selbstbewussten Masse erheben. Die Frage, wie sich eine Bewusstseinsveränderung in breiten Kreisen ‚bewerkstelligen‘ lasse, ist wirklich nicht einfach zu beantworten. Das letzte Mal jedoch, als in Österreich eine breite Diskussion über ‚Bildung‘ losgetreten wurde, war, als die sogenannte unibrennt-Bewegung dies auf die Tagesordnung setzte. Ich weiß nicht, ob Sie von den Protesten 2009 gehört haben. 61 Tage war der größte Hörsaal der Universität besetzt, es waren so viele Menschen in Wien auf Demonstrationen wie seit 1968 nicht mehr. Gewiss, wir haben nicht erreicht, was wir forderten, nämlich die Ökonomisierung der Hochschulen zu stoppen und sie ordentlich staatlich auszufinanzieren, um bessere Studien- und Forschungsbedingungen zu schaffen. Doch haben wir einige Kleinigkeiten erreicht, vor allem haben wir auch erreicht, dass sich wieder viele Menschen politisiert haben bzw. aus der Lethargie des Alltags herausgerissen wurden und nun für ihre Überzeugungen eintreten. Diese kleinen Fortschritte hätte es nicht gegeben, wenn wir nicht massenhaft aktiv ins politische Geschehen eingegriffen hätten. Diese eigentümliche Dialektik von Erfolg und Misserfolg hat gewiss auch viele Studierende noch mehr in eine pessimistische Passivität gedrängt. Es muss wohl so sein, dass diese Dialektik in jedem politischen - im weiteren Sinn des Wortes - Handeln obwaltet, zumindest solange die Gesellschaft in der Weise organisiert ist, dass homo homini lupus est. Ich bin daher jedenfalls zu dem Entschluss gekommen, einfach nur geduldig zu sein - nicht abwartend geduldig, sondern aktiv geduldig. Und es VHN 4 | 2012 331 Urs HaeberliN, MicHael DoblMair inklusive bildung? Dialog kommt tatsächlich darauf an, angesichts des Widerspruchs zwischen Vision und Realität die Hoffnung nicht zu verlieren. Für die Revision eines Bildungsbegriffes bedeutet dies, dass - wie Sie ja auch in Ihrem Buch schreiben - (Heil-)Pädagog/ innen auch politisch handeln lernen müssen. Pädagogik übersteigt sich in der Forderung, die Welt an den Menschen anzupassen, selbst, solch eine Pädagogik lässt sich daher auch nicht an der Schule oder Universität lehren. Pädagog/ innen können Zu-Erziehende hier nur darin unterstützen, ihre individuell-gesellschaftlichen Bedürfnisse einzufordern, und Erfahrungen weitergeben. Die Frage, die sich Heilpädagog/ innen stellen müssen, ist, was mit jenen Menschen geschieht, die nicht selbst handeln können. Das trifft ganz gewiss nicht nur auf jene zu, die im klassischen Sinn behindert sind, sondern auf alle, die behindert werden, weil sie existenzgefährdendere Probleme haben. Dürfen Heilpädagog/ innen advokatorisch handeln? Müssen sie das überhaupt? Oder ist die Forderung, die Bildung habe sich nach individuellen Bedürfnissen zu richten, nicht ohnehin auch für behinderte Menschen gültig? Am Ende stehen dann wieder einmal mehr Fragen als am Anfang. Ich erwarte nicht, dass Sie mir diese Fragen beantworten. Vielmehr wollte ich mich laut denkend einlassen auf Ihre Überlegungen. Mit freundlichen Grüßen Michael Doblmair Urs Haeberlin an Michael Doblmair 26. Februar 2012 Sehr geehrter Herr Doblmair Sie formulieren existentielle Fragen. Wenn ich sie beantworten könnte, würde ich zu jenen gehören, die sich im „Besitze der Wahrheit“ wähnen. Menschen mit dem Anspruch auf „Besitz der Wahrheit“ grenzen sich ab, ziehen sich in eine Gemeinschaft Gleichgesinnter zurück, blicken hochnäsig auf die „Nicht-Besitzenden“ und weiterhin Suchenden herab und verlieren die Wertschätzung jedes anders gesinnten und anders denkenden Menschen. Solche „Sich-im-Besitz-Wähnende“ gibt es in religiösen Gemeinschaften wie auch in Menschengruppen mit erstarrten Weltanschauungen, die wir gerne mit irgendwelchen Ismen zu benennen pflegen. Wer sich im „Besitze“ der Wahrheit wähnt, kann zur Gefahr werden, wenn er sie allen anderen aufzwingen will. Es kann aber auch verhängnisvoll werden, wenn sich eine Gemeinschaft von „Wahrheitsbesitzern“ in eine apolitische „Idylle der Erleuchteten“ zurückzieht und nicht merkt, wenn sich wieder Menschenvernichtendes durch politisch mächtige Ismen anbahnt. Zu den „Wahrheitsbesitzern“ haben auch immer wieder Menschen mit dem Hang zum Kinder-Erziehen allgemein und zum erzieherischen Helfen im heilpädagogischen Sinne im Speziellen gehört. Oft ist es für sie verlockend, sich in eine kleine Gemeinschaft mit hilfsbedürftigen, abhängigen Kindern mit Behinderungen zurückzuziehen und die Augen vor all den Übeln in der Welt zu verschließen - bis es dann wieder einmal zu spät ist, sich politisch gegen gruppenspezifische Menschenfeindlichkeit (nicht nur bezogen auf Behinderte) zu wehren. „Politisch-aktiv-Sein“ ist allerdings eine schwierige Gratwanderung, bei welcher immer wieder ein Absturz in die Gefahr von durchbrechender Gewalt und Verletzung von menschlichem Leben droht. Bisher hat Gewalt nie zu einer moralischen Verbesserung der Menschen führen können. Revolutionen haben stets dazu gedient, Besitz und Privilegien neu zu verteilen. Aber der moralisch verwerfliche Egoismus als menschliche Grundeigenschaft hat sich immer wieder von Neuem durchgesetzt. Zum allgegenwärtigen Egoismus die „böse“ Frage: Sind die 61 Tage Besetzung von Hörsälen der Universitäten vielleicht nicht auch zu VHN 4 | 2012 332 Urs HaeberliN, MicHael DoblMair inklusive bildung? Dialog einem Teil vor dem Hintergrund egoistischer Motive von Studierenden zu sehen, die ihr Privilegiertsein gegenüber den nicht zur akademischen Laufbahn Erwählten zu festigen versuchen? Dass es unter den protestierenden Studierenden auch Leute mit altruistischen Motiven - beispielsweise für eine Verbesserung der Ausbildung für die Unterstützung von Behinderten und gesellschaftlich Benachteiligten - gegeben hat, ist mit dieser Frage nicht bestritten. Es stellt sich aber für mich die „ketzerische“ Frage, ob eigentlich Behinderte und gesellschaftlich Benachteiligte überhaupt auf die Hilfe durch Menschen mit akademischen Weihen angewiesen sind. Junge Menschen, welche die Schulen bis zum Eintritt in die Universität erfolgreich absolviert haben, sind sich selten bewusst, dass dies auf Kosten vieler anderer junger Menschen geschehen ist, die entweder den Zugang in eine Maturitätsschule gar nicht gefunden haben oder aus dieser wieder hinausselektioniert worden sind. Welchen Studierenden und Akademikern ist bewusst, dass ihr Status auf Kosten der Selektion vieler anderer während der gesamten Schulzeit möglich geworden ist? Ist dies ein guter Start für Menschen, die in Zukunft den Benachteiligten helfen wollen sollen? Eine Frage, die so selten gestellt wird. Ihre Frage nach dem Bildungsbegriff für eine „neue“ Pädagogik und Heilpädagogik bleibt weiterhin ungenügend beantwortet. Vielleicht deutet sich aber doch eine gewisse Antwort an: Bildung darf nie den Eindruck erwecken, man könne jemals abschließend das Wahre und das Richtige vermittelt bekommen. Wenn mit Bildung das Bewusstsein einhergeht, dass man nie gefunden haben wird, sondern immer suchen wird, dann sind wir vielleicht schon ein gutes Stück näher an einem Bildungsbegriff, für den es sich zu „kämpfen“ lohnt. Aber genau dieses Bewusstsein lässt sich nicht durch geplante und gezielte „Bildungsmaßnahmen“ bewerkstelligen! So gesehen wird deutlich, dass wir mit der aktuellen Bildungsreform im Hochschulwesen (BA- MA) auf dem Holzweg sind! Ob man die Fehlentwicklung „Ökonomisierung“ oder anders nennen will, bleibe dahingestellt. Ich hoffe, dass die Fehlentwicklung irgendwann von Studierenden und Professoren als solche erkannt und solidarisch in eine andere Bahn gebracht werden wird. Nur sollte uns immer bewusst bleiben, dass nach jeder Korrektur zum Besseren wieder eine Gegenentwicklung kommen wird. Wir können diese Dialektik wahrscheinlich nie ändern; aber wir sollten uns ihrer immer bewusst sein! Mit freundlichen Grüssen Urs Haeberlin Michael Doblmair an Urs Haeberlin 29. Februar 2012 Sehr geehrter Herr Haeberlin Politisch aktiv zu sein ist bestimmt eine Gratwanderung zwischen Dogmatismus und Nihilismus - oder sollte es zumindest sein, jedenfalls was das Streben nach einer wahren Ordnung anbelangt. Aber in einem System, in dem die Anhäufung von Kapital zur Verknappung desselben anderswo führt, sind ökonomische Verteilungskämpfe unumgänglich. Sich politisch wehren ist hier ein ökonomisches Sich-Wehren auf politischer Ebene. Es geht darum, sich Lebensbedingungen zu erhalten. Privilegien sind aber solche erst im Vergleich mit sozial noch schlechter Gestellten. Dem Kapitalismus ist doch eine weltweite Hierarchie inhärent, die im Vergleich zum Feudalismus zumindest ein Stück weit durchlässig ist. Menschen können individuell aufsteigen. Es wäre m.E. aber gefährlich, würde man nur den ganz unten in der Hierarchie Befindlichen zugestehen, „sich wehren“ zu dürfen. Ich denke, jene, die ganz unten stehen, haben andere Probleme als ‚politisch zu sein‘, VHN 4 | 2012 333 Urs HaeberliN, MicHael DoblMair inklusive bildung? Dialog hier geht es um das nackte Überleben. Mit dieser Situation ist die gesellschaftliche Lage von Studierenden gewiss nicht zu vergleichen. Aber ich muss trotzdem darauf hinweisen, dass Studierende nicht so privilegiert sind: Knapp die Hälfte (46 %) der österreichischen Studierenden lebt unter der Armutsgrenze, 62 % gehen neben ihrem Studium arbeiten. Die durchschnittliche Arbeitszeit von Studierenden beträgt 19,7 Stunden pro Woche (Zahlen von 2009). Die Einführung von Studiengebühren, Abschaffung der Studierendenkrankenversicherung, Kürzung der Familienbeihilfe, Verteuerungen von Studierendenwohnheimen, Überreglementierung der Curricula und Zugangsbeschränkungen haben die Situation von Studierenden in Österreich in den letzten Jahren nicht unbedingt verbessert. Es stimmt schon - und jeder Studierende sollte sich dessen bewusst sein -, dass manche im Kampf um den sozialen/ finanziellen Aufstieg auf der Strecke bleiben und damit den Aufstieg weniger erst mitermöglichen. Die Studierendenproteste waren ganz bestimmt zum Großteil von Egoismus getragen. Aber der Egoismus ist m. E. nicht das Problem. Das Problem ist doch eine Gesellschaftsordnung, in der die egoistischen Bestrebungen in grundlegenden Dingen dem Gemeinwohl widerstreben und umgekehrt. Indem sich Studierende für finanzielle und organisatorische Erleichterungen für sich selbst eingesetzt haben, haben sie auch gleichzeitig für jene gekämpft, die auch hätten studieren wollen, es aber nicht konnten. Jede Zugangsbeschränkung bspw. erfordert die Notwendigkeit der Auswahl. Jede für die Universität sinnvolle Auswahl benachteiligt notwendigerweise Menschen aus bildungsfernen Schichten. Des guten Startes der akademischen Laufbahn wegen muss es gerade zur Pflicht werden, den Zugang zu Bildung für alle Menschen möglichst offen zu halten. Dies ist ein politischökonomischer Kampf, der auch von Egoismus getragen ist. Aber dieser Egoismus ist kein individueller Egoismus, sondern der einer ganzen Klasse. Schließlich war es auch der Egoismus des Bürgertums gegenüber dem Adel, der die Revolutionen um 1848 vorantrieb. Der Egoismus des Bürgertums brachte der Welt bürgerliche Demokratie, und dies war doch auch eine moralische Verbesserung. Selbst die sozialistische Revolution in Russland 1917 institutionalisierte fortschrittlichere Vorstellungen. Der Ausbeutung wurde eine Grenze gesetzt (8 h-Arbeitstag), Mutterschutz eingeführt, Zwangsehe abgeschafft uvm. Im Falle der russischen Revolution war die Gegenentwicklung offensichtlich stärker, was aber zeigt, dass man sich auf Erreichtem nicht ausruhen bzw. kritische Lehren nicht dogmatisieren darf. Von diesen Gedanken her gedacht, finde ich Ihre Worte: „Bildung darf nie den Eindruck erwecken, man könnte jemals abschließend das Wahre und das Richtige vermittelt bekommen“, sehr treffend. Und doch denke ich, dass es gewisse Bildungsmaßnahmen geben muss, um genau so ein Denken fördern zu können. Wir sind uns ja bewusst, wie Dispositive negativ wirken, wieso sollten sie nicht positiv gewendet werden können? Ist nicht Ihr Begriff von Heilpädagogik als Haltung genau so ein Versuch? Mit freundlichen Grüßen Michael Doblmair Urs Haeberlin an Michael Doblmair 3. Mai 2012 Sehr geehrter Herr Doblmair Nun sind wir mitten in einem gesellschaftsphilosophischen Diskurs. Pädagogik ist in gesellschaftliche Gesamtzusammenhänge verflochten. Der von mir verehrte Pädagoge Heinrich Pestalozzi hat neben pädagogischen Schriften VHN 4 | 2012 334 Urs HaeberliN, MicHael DoblMair inklusive bildung? Dialog ein gesellschaftsphilosophisches Werk mit dem Titel „Meine Nachforschungen über den Gang der Natur in der Entwicklung des Menschengeschlechts“ (1797) geschrieben. Er benötigte dafür zwanzig Jahre und beschäftigte sich darin mit Fragen, die sich ihm mit Blick auf die beginnende Industrialisierung stellten und die später auch von Marx aufgegriffen wurden. Wie Pestalozzi sehe ich in keiner demokratischen Gesellschaftsform eine moralische Verbesserung der Gesellschaftsmitglieder. In einer optimalen Demokratie würde es gelingen, mit geeigneter Gesetzgebung und mit der Befähigung und Motivation aller Bürger zur Durchsetzung der Gesetze eine dauerhafte Pattsituation im Kampf von Interessengruppen um Privilegien zu erhalten. Solcher Dauerstress ist nicht auszuhalten, wenn die individuelle Sehnsucht nach Moral und Sinn dauerhaft unerfüllt bleibt. Diese Sehnsucht droht immer wieder durch gesellschaftlich Mächtige missbraucht zu werden, um den demokratischen Schwebezustand zum eigenen Vorteil zu verhindern. Damit ergeben sich neue Aspekte von Bildung für ein Leben in demokratischer Gesellschaft: nämlich Vermittlung des strategisch geschickten Umgangs mit möglichen Gegnern durch gekonnte Anwendung der Gesetze sowie der Befähigung zum Erkennen von Strategien getarnter Gegner, welche die Sehnsucht nach Moral und Sinn auszunutzen versuchen. Dies setzt hohe intellektuelle Fähigkeiten und durch Bildung vermitteltes Wissen und Können voraus. Erneut stellen sich Fragen: Braucht es Spezialisten, welche für jene advokatorisch handeln, die in den Fähigkeiten und Möglichkeiten zum politisch-strategischen Handeln benachteiligt sind? Wie kann ein Missbrauch des advokatorischen Handelns verhindert werden? Pestalozzi konnte den Weg zu Moral und Sinnfindung in Ich-Du-Beziehungen noch mit dem Bezug auf die Ich-Gott-Beziehung finden. Ich ende erneut mit einer Frage ohne Antwort: Gibt es eine andere als eine wie auch immer geartete religiöse Verankerung, um individuellen Sinn trotz gesellschaftlichem Unsinn finden zu können? Lassen wir doch die Frage nun einige Zeit ruhen und wissenschaftsorientierte Rationalisten wie uns beunruhigen! Mit freundlichen Grüssen Urs Haeberlin anschriften der autoren Prof. em. Dr. Urs Haeberlin Regensbergstraße 162 CH-8050 Zürich urs.haeberlin@unifr.ch Michael Doblmair Märzstraße 137/ 10 A-1140 Wien michael.doblmair@univie.ac.at
