Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete
5
0017-9655
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/vhn2012.art13d
5_082_2013_1/5_082_2013_1.pdf11
2013
821
Interaktion von Behinderung und Geschlecht im Übergang von der Schule in Ausbildung und Beschäftigung
11
2013
Helga Fasching
Im Beitrag wird die Interaktion von Behinderung und Geschlecht beim Übergang von der obligatorischen Schule in Ausbildung und Beschäftigung bei Schulabsolvent/innen mit intellektueller Beeinträchtigung analysiert. Die Analyse basiert auf quantitativen Daten einer zweiten Elternbefragung1. Aus der Perspektive der Eltern (N = 94) wird der Übergangsverlauf von Schulabsolvent/innen mit intellektueller Beeinträchtigung ein Jahr nach Beenden der Schule erhoben. Die Ergebnisse zeigen, dass sowohl für mehr als die Hälfte der weiblichen als auch für mehr als die Hälfte der männlichen Schulabsolventen mit intellektueller Beeinträchtigung der Weg direkt von der obligatorischen Schule in die Werkstatt führt. Darüber hinaus gelangen weibliche Schulabsolventen mit intellektueller Beeinträchtigung seltener in Maßnahmen der Berufsvorbereitung und Ausbildung als männlich.
5_082_2013_1_0005
46 VHN, 82. Jg., S. 46 -59 (2013) DOI 10.2378/ vhn2012.art13d © Ernst Reinhardt Verlag Fachbeitrag Interaktion von Behinderung und Geschlecht im Übergang von der Schule in Ausbildung und Beschäftigung Erweiterte Analysen aus einem aktuellen Forschungsprojekt 1 helga Fasching Universität Wien Zusammenfassung: Im Beitrag wird die Interaktion von Behinderung und Geschlecht beim Übergang von der obligatorischen Schule in Ausbildung und Beschäftigung bei Schulabsolvent/ innen mit intellektueller Beeinträchtigung analysiert. Die Analyse basiert auf quantitativen Daten einer zweiten Elternbefragung 1 . Aus der Perspektive der Eltern (N = 94) wird der Übergangsverlauf von Schulabsolvent/ innen mit intellektueller Beeinträchtigung ein Jahr nach Beenden der Schule erhoben. Die Ergebnisse zeigen, dass sowohl für mehr als die Hälfte der weiblichen als auch für mehr als die Hälfte der männlichen Schulabsolventen mit intellektueller Beeinträchtigung der Weg direkt von der obligatorischen Schule in die Werkstatt führt. Darüber hinaus gelangen weibliche Schulabsolventen mit intellektueller Beeinträchtigung seltener in Maßnahmen der Berufsvorbereitung und Ausbildung als männliche. Schlüsselbegriffe: Geschlecht, Behinderung, Übergang Schule, Ausbildung und Beschäftigung interaction of Disability and gender in the transition from School to Vocational training and employment. advanced analysis of a current research Project Summary: The article deals with the interaction of disability and gender in the transition from compulsory education to vocational training and employment of school leavers with intellectual disabilities. The analysis is based on quantitative data of a second parental survey. The course of the transition of school leavers with intellectual disabilities is evaluated from the perspective of the parents (N = 94) one year after the end of the compulsory education. The results show that more than half of the female as well as more than half of the male graduates with intellectual disabilities directly switch from compulsory education to a workshop for disabled persons. Furthermore, female school leavers with intellectual disabilities accede less often to pre-vocational or vocational trainings than their male classmates. Keywords: Gender, disability, transition from school, vocational training and employment 1 relevanz des themas Innerhalb der sonderpädagogischen Forschung wird dem Verhältnis von Behinderung und (weiblichem) Geschlecht seit den 1980er Jahren verstärkte Aufmerksamkeit geschenkt, jedoch liegt der Forschungsschwerpunkt im schulischen Bereich (vgl. z. B. Bretländer/ Schildmann 2000; Moser u. a. 2006; Schildmann 1996; 2010). Hierbei wird das Problem der Unsichtbarkeit von Mädchen mit Sonderpädagogischem Förderbedarf (SPF) themati- VHN 1 | 2013 47 HElga FaScHINg Interaktion von Behinderung und geschlecht Fachbeitrag siert. Auch ist evident, dass Burschen mit Schwierigkeiten im Lernen, im Verhalten oder im emotionalen Bereich die meiste Aufmerksamkeit und die meisten Ressourcen auf sich ziehen - sind doch zwei Drittel der Jugendlichen mit SPF männlichen Geschlechts (Eurydice 2010; Schildmann 2010). In der sonderpädagogischen Forschung wird dem Übergang von der obligatorischen Schule in Ausbildung und Beschäftigung nur geringe Beachtung geschenkt. Vor allem mangelt es an Untersuchungen, die speziell die Strukturkategorie „Geschlecht“ im Fokus haben. Mikrozensusdaten bestätigen jedoch eine strukturelle Benachteiligung behinderter Frauen gegenüber behinderten Männern: Frauen mit Behinderung erwerben geringere Bildungsabschlüsse als Männer mit Behinderung, sie verfügen seltener über eine abgeschlossene Berufsausbildung und ihre Erwerbsbeteiligung ist vergleichsweise gering. Der Zugang zum regulären Arbeitsmarkt wird ihnen - trotz des Angebots beruflicher Integrationsmaßnahmen - erschwert (vgl. BMASK 2009; BMFSFJ 2005). Innerhalb der sonderpädagogischen Forschung gibt es einige aufschlussreiche Befunde zur vorliegenden Thematik. Orthmann Bless (2006) zeigt speziell für junge Frauen mit Lernbehinderung auf, dass diese dem Lebensbereich Arbeit und Ausbildung eine zentrale Bedeutung zumessen, ihnen der Berufseinstieg direkt nach der Schule oder nach berufsvorbereitenden Maßnahmen jedoch seltener gelingt als den männlichen Schulabgängern mit Lernbehinderung. Haeberlin u. a. (2004) konnten in ihrer Untersuchung einen Zusammenhang zwischen dem Geschlecht und dem Berufsbildungsmarkt mit signifikant schlechteren Chancen für Frauen erkennen: Frauen sind in den Zwischenlösungen - insbesondere im 10. Schuljahr - übervertreten, erlernen häufiger als Männer einen Beruf in einer Vollzeitschule und werden bei der Lehrlingsselektion gegenüber ihren männlichen Kollegen benachteiligt. Darüber hinaus gibt es einige Untersuchungen, in denen erforscht wurde, inwiefern sich die Schulform (Sonderschule oder integrative Beschulung) auf den Übergangsprozess auswirkt (Eckhart u. a. 2011; Ginnold 2008; Pfahl 2006; Riedo 2000). Die Ergebnisse dieser Studien zeigen einheitlich, dass der Sonderschulabschluss von den Schüler/ innen beim Übergang in die Berufswelt als besonders stigmatisierend erlebt wird. Die aktuellen Forschungsergebnisse von Eckhart u. a. (2011) zu den Langzeitwirkungen der schulischen Integration weisen auf die extrem geringen Chancen von Schulabgänger/ innen mit Sonderschulbiografien beim Zugang zu irgendeiner Berufsbildung hin (vgl. auch die Studien von Riedo 2000 und Wagner 2005 zu den Bildungsverläufen von Sonderschülerinnen und Sonderschülern). Aktuell zeigt Pfahl (2011) für den deutschen Lernbehindertendiskurs auf, wie sehr sich schulische Selektion und Segregation auf die Bildungsbiografien der Betroffenen nachteilig auswirken und im Bildungswesen als Mechanismen der Reproduktion sozialer Ungleichheit fungieren (vgl. auch Solga 2005). Dass der Mehrzahl bildungsbenachteiligter Schulabsolvent/ innen auch zwei Jahre nach Beenden der Schule der Übergang von der Berufsvorbereitung in eine Vollbeschäftigung am regulären Arbeitsmarkt nicht gelungen ist, konnten Gaupp und Geier (2010) im Rahmen ihrer Stuttgarter Schulabsolventenstudie nachweisen (vgl. auch Gaupp u. a. 2008). Ähnliche Ergebnisse zum Übergang von Maßnahmen der beruflichen Rehabilitation in die reguläre Beschäftigung liefern Gebhardt u. a. 2011 in ihrer Übersichtsarbeit zu Deutschland. Die referierten Studien machen deutlich, wie Zuschreibungen zu Kategorien von Behinderung und Geschlecht den Übergang von der obligatorischen Schule in eine reguläre Ausbildung und Beschäftigung erschweren können. Die Betrachtung nachteilig wirkender Faktoren auf den Übergang von der Schule in Ausbildung und Beschäftigung bleibt zumeist VHN 1 | 2013 48 HElga FaScHINg Interaktion von Behinderung und geschlecht Fachbeitrag eindimensional. Der vorliegende Beitrag widmet sich einer mehrdimensionalen Betrachtungsweise, indem der wechselseitige Einfluss von Behinderung (intellektuelle Beeinträchtigung) und Geschlecht im Übergang von der Schule in Ausbildung und Beschäftigung untersucht wird. Speziell für die Zielgruppe von Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung fehlen Studien zum Übergang von der Schule in Ausbildung und Beschäftigung. In Österreich gab es bislang kein Datenmaterial, das im Speziellen die Übergangsverläufe für intellektuell beeinträchtigte Personen abbilden konnte. Die österreichische Bildungsstatistik ermöglicht nämlich keine differenzierten Aussagen zur schulischen Ausgangssituation und zum Übergangsverlauf in die Beschäftigung, weil eine genaue Erfassung der Behinderungen fehlt und die Zuordnung zu den Behinderungskategorien in der Regel aufgrund des besuchten Schultyps erfolgt. Schuljahrgangsbezogene Daten und individuelle Schüler/ innendaten beim Schulausgang wurden bislang nicht erhoben (Biewer u. a. 2009). Die Erforschung der Übergangsverläufe von Schulabsolvent/ innen mit Behinderung in Ausbildung und Beruf ist zudem erschwert, weil es erstens zu einer - durch den Systemwechsel und damit verbundenen - Änderung des Begriffs (vom Schüler zum Rehabilitanden) kommt und zweitens durch das nach unterschiedlichen Trägerschaften und Maßnahmen aufgesplitterte Rehabilitationssystem in Österreich. Im Rahmen des Forschungsprojekts 1 wurden qualitative wie quantitative Erhebungen sowohl zur Phase „Übergang in das Arbeitsleben“ als auch zur Phase „Arbeitsleben“ durchgeführt. Damit liegen speziell zur schulischen Ausgangssituation und zu den individuellen Übergangsverläufen in Ausbildung und Beruf von Schulabsolvent/ innen mit intellektueller Behinderung erste - wenn auch unvollständige - bundesweite Daten für Österreich vor (vgl. Fasching/ Mursec 2010). Die Analyse dieses Beitrages basiert auf Projektdaten, die bezüglich der Interaktion von Behinderung und Geschlecht einer weiteren Auswertung unterzogen wurden. 2 Forschungsdesign 2.1 Fragestellung, Zugang und Methoden Im Rahmen der vorliegenden Analyse wird der Frage nachgegangen, wie der Übergangsprozess von der obligatorischen Schule in Ausbildung und Beschäftigung bei jungen Frauen im Vergleich zu jungen Männern mit intellektueller Beeinträchtigung im ersten Jahr nach Beenden der Schule verläuft. Es werden (strukturelle) Unterschiede zwischen den Geschlechtern im Übergangsprozess analysiert, die vor allem mit der Variable Schulform in Verbindung gebracht werden. Aufgrund der Heterogenität der Schüler/ innen mit intellektueller Beeinträchtigung wurden in die Erhebungen Schüler/ innen einbezogen, die nach dem ASO- Lehrplan (Lehrplan der Allgemeinen Sonderschule, Kategorie Lernbehinderung) und nach dem S-Lehrplan (Lehrplan der Sonderschule für schwerstbehinderte Kinder, Kategorie „geistige Behinderung“) unterrichtet wurden (vgl. BMUK o. J.). Um die Übergangsverläufe von der obligatorischen Schule in Ausbildung und Beschäftigung speziell für diesen Schüler/ innenjahrgang erfassen zu können, wählte das Forschungsteam den Zugang über eine bundesweite Befragung mit Bezirksschulinspektor/ innen, gefolgt von zwei Elternbefragungen. Ein Vorteil dieser quantitativen Erhebungsform liegt zum einen in der großen Stichprobe. Andererseits ist eine relativ hohe Objektivität in der Erhebung und Auswertung gewährt, weil „auf steuernde Eingriffe des Interviewers“ verzichtet wird (Bortz/ Döring 2006, 252). Die Fragen bestanden nahezu vollständig aus selektiv-geschlossenen Fragen mit Antwortvorgaben (Skalierungsfragen). VHN 1 | 2013 49 HElga FaScHINg Interaktion von Behinderung und geschlecht Fachbeitrag Ziel der ersten Elternbefragung war es, für einen kompletten Schüler/ innenjahrgang, der entweder nach dem S-Lehrplan oder nach dem ASO-Lehrplan unterrichtet wurde und mit Ende des Schuljahres 2009 die Schule beendet hat, Informationen zu soziodemografischen Daten der Kinder, zu beruflichen Ausbildungsmöglichkeiten sowie zu den von den Eltern antizipierten Übergangsdestinationen zu erhalten. Auf der Grundlage der Ergebnisse der ersten Elternbefragung wurde in Zusammenarbeit mit dem Projektteam der Fragebogen für die zweite Befragung entwickelt. Ziel der zweiten, viel umfangreicheren Befragung war es nun, die tatsächlichen Übergangsverläufe der Schüler/ innen im ersten Jahr (neun Monate) nach dem Beenden der (Pflicht-) Schule abzubilden sowie mögliche Problemfelder und Unterstützungsbedarfe aus Sicht der Eltern zu identifizieren. Dafür wurden teilweise Fragen aus der ersten Untersuchung entnommen und auch abgeändert (Angaben zur Schullaufbahn, zum Unterstützungsverhalten der Eltern, zu eigenen Aktivitäten des Kindes usw.). Zusätzlich wurde das Ausmaß der Zustimmung oder Ablehnung seitens der Eltern anhand von Einstellungsfragen (Skalierungsfragen auf Basis einer vierstufigen Likert- Skala von „trifft zu“ bis „trifft nicht zu“) erhoben. Mit diesen Einstellungsfragen sollten die Themenbereiche „Entwicklung der Fähigkeiten des Kindes“, „Außer- und innerschulische Berufsberatung“, „Arbeit“ und „Mögliche Schwierigkeiten in der Übergangsphase“ erfasst werden. Die Fragebogenauswertung erfolgte mittels des Programms SPSS 17.0. Für eine primäre deskriptive Darstellung wurden in einem ersten Schritt Häufigkeitsverteilungen mit Prozentwerten beschrieben; in einem zweiten Schritt wurden Zusammenhänge anhand von Kreuztabellen errechnet, die mit Chi-Quadrat-Test überprüft wurden, und zuletzt wurden Mittelwertsberechnungen und Abweichungen mittels t-Test vorgenommen. 2.2 ablauf der befragungen und Stichprobe Ursprünglich wurde mit einer bundesweiten Aussendung für die erste Elternbefragung begonnen. Im März 2009 wurden die regional zuständigen Bezirksschulinspektor/ innen (BSI) aller 99 österreichischen Bezirke elektronisch (Online-Befragung) zur Anzahl der Schüler/ innen befragt, die nach dem ASO-Lehrplan oder S-Lehrplan unterrichtet wurden und mit Ende des Schuljahres 2008/ 09 voraussichtlich die Schule verlassen werden. Insgesamt wurden von den BSI 2831 Schüler/ innen genannt, 493 (17 %) wurden nach dem S-Lehrplan unterrichtet und 2338 (83 %) nach dem ASO-Lehrplan. Im Juni 2009 erfolgte anhand dieser Datenbasis eine postalische erste Befragung der Eltern derjenigen Schüler/ innen, die kurz davor standen, die Schule zu verlassen. Die Fragebögen wurden von den BSI an die jeweiligen Sonderpädagogischen Zentren verschickt und erreichten über einzelne Lehrpersonen der Sonderschul- und Integrationsklassen schließlich die Eltern. In Summe wurden in der ersten Elternbefragung von den 2831 (2338 ASO-Lehrplan und 493 S-Lehrplan) versendeten Fragebögen insgesamt 426 von den Eltern zurückgeschickt, was einer Gesamt-Rücklaufquote von 15 % entspricht. Aufgrund der niedrigen Rücklaufquote kann nicht von einer repräsentativen Elternbefragung gesprochen werden. In die Auswertung konnten 86 Fragebögen von Schüler/ innen mit S-Lehrplan, davon 28 weiblich (Rücklauf: 17 %), und 340 Fragebögen von Schüler/ innen mit ASO-Lehrplan, davon 136 weiblich (Rücklauf: 14 %), in die Auswertung aufgenommen werden. Die zweite Befragung der Eltern wurde knapp ein Jahr später (im Frühjahr 2010) mit jenen 174 Personen durchgeführt, die auf den schriftlichen Fragebögen der ersten Er- VHN 1 | 2013 50 HElga FaScHINg Interaktion von Behinderung und geschlecht Fachbeitrag hebung ihre Bereitschaft zu weiteren Befragungen erklärt und ihre Anonymität durch ein Kontaktdatenblatt aufgegeben hatten. Dabei wurden 140 Fragebögen an Eltern versandt, deren Kinder zuletzt nach ASO-Lehrplan unterrichtet worden waren (80,5 %), und 34 Fragebögen an Eltern, deren Kinder zuletzt nach S-Lehrplan unterrichtet worden waren (19,5 %). Die Fragebögen wurden für die zweite Befragung mit Codes versehen, sodass sie den Antwortbögen der ersten Befragung zugeordnet werden konnten, aber die Anonymität der Eltern gewahrt blieb. Die Rücklaufquote der Elternbefragung II beträgt insgesamt 51,1 % (N = 94) und ist innerhalb der Lehrpläne bei den S-Schüler/ innen mit 61,8 % (21 von 34) deutlich höher als bei den ASO-Schüler/ innen (48,6 %, 68 von 140). Im Vergleich zur Elternbefragung I kam es zu einer geringen Erhöhung von 3,2 % beim S-Lehrplan. Erklären lässt sich die höhere Rücklaufquote bei Eltern von S- Schüler/ innen mit einem höheren Bildungsniveau dieser Eltern im Vergleich zu Eltern von ASO-Schüler/ innen 2 . Die Geschlechterverteilung von 35,9 % (34) Frauen (26 ASO und 8 S-Lehrplan) und 64,1 % (60) Männer (46 ASO-Lehrplan und 14 S-Lehrplan) zeigt geringe Abweichungen zur Elternbefragung I. Die Analyse dieses Beitrages bezieht sich auf wesentliche Aspekte dieser zweiten Befragung; sie repräsentiert - aufgrund unvollständiger Angaben seitens der Eltern - nicht in allen Aspekten die gesamte Stichprobe von 94. Die Ergebnisse zeigen die Übergangssituation von Schule in Ausbildung und Beschäftigung aus der Perspektive der Eltern für ihre Kinder auf. 3 ausgewählte ergebnisse 3.1 Lehrplan und geschlecht innerhalb der Schulformen Innerhalb der Schulformen (Integration und Sonderschule) zeigen sich aufgrund der Lehrpläne signifikante Unterschiede sowohl bei den Frauen (c² [df 1, N = 29] = 3,16; p = 0,075) als auch bei den Männern (c² (df 1, N = 56) = 10,27; p = 0,001) (s. Tab.1). Diejenigen Schülerinnen, die integrativ beschult wurden, wurden zu 86,7 % (13 Schülerinnen) nach ASO-Lehrplan und zu 13,3 % (2 Schülerinnen) nach S-Lehrplan unterrichtet. Bei den männlichen Schülern ist die Verteilung ähnlich: Von den integrativ beschulten Schülern wurden 91,7 % (33 Schüler) nach ASO-Lehrplan und nur 8,3 % (3 Schüler) nach S-Lehrplan unterrichtet. Innerhalb der Gruppe der Schüler/ innen, die in der Sonderschule ihre Schulzeit verbrachten, sind die Zahlen ausgeglichener in Bezug auf die Lehrpläne: Von den Frauen wurden 57,1 % (8 Schülerinnen) nach ASO- und 42,9 % (6 Schülerinnen) nach S-Lehrplan unterrichtet, bei den Männern waren es laut Angaben der Eltern 55,0 % (11 Schüler) mit ASO- und 45,0 % (9 Schüler) mit S-Lehrplan. Vergleicht man die Geschlechter innerhalb der Schulformen, zeigen sich keine auffallenden Abweichungen. 3.2 ende der Schulzeit Wenngleich die Zielgruppe beider Elternbefragungen ursprünglich dadurch definiert war, dass die Bezirksschulinspektor/ innen aSO-LP weiblich S-LP weiblich aSO-LP männlich S-LP männlich Integration 86,7 % (13) 13,3 % (2) 91,7 % (33) 8,3 % (3) Sonderschule 57,1 % (8) 42,9 % (6) 55,0 % (11) 45,0 % (9) tab. 1 Verteilung Lehrplan und Geschlecht innerhalb der Schulform (Eltern N = 85) VHN 1 | 2013 51 HElga FaScHINg Interaktion von Behinderung und geschlecht Fachbeitrag jene Schüler/ innen anführen sollten, die voraussichtlich mit Juni 2009 die Schule beenden würden, zeigten sich bei der Elternbefragung II andere Ergebnisse: Denn laut Angaben der Eltern haben in dieser Stichprobe nur 70,2 % der Jugendlichen (66 Personen) die Schule tatsächlich abgeschlossen, bei 29,8 % (28 Personen) erfolgte eine Schulzeitverlängerung (61,5 % integriert und 38,5 % in einer Sonderschule). In Abb. 1 werden Unterschiede im Zusammenhang von Geschlecht und Lehrplan dargestellt. Bei einem Geschlechtervergleich fällt auf, dass im Juni 2009 anteilsmäßig weitaus mehr männliche Jugendliche (74,6 %, 44 Personen) die Schule beendet haben als weibliche (60,6 %, 20 Personen). Am höchsten ist der Anteil der männlichen Schulabsolventen mit S-Lehrplan (85,7 % bzw. 12 Personen), der Anteil der männlichen Schulabsolventen mit ASO-Lehrplan ist etwas geringer, nämlich 71,1 % (32 Personen). Bei den Frauen gibt es aufgrund der Lehrpläne keine nennenswerten Unterschiede: Der Anteil der Schulabsolventinnen mit ASO-Lehrplan liegt mit 60,0 % (15 Personen) etwa gleich hoch wie der Anteil der Schulabsolventinnen mit S-Lehrplan mit 62,5 % (5 Personen). Weder aufgrund des Geschlechts noch aufgrund der Lehrplanzuordnung zeigen sich signifikante Unterschiede. 3.3 engagement der eltern für ihre Kinder Was das Engagement der Eltern in Bezug auf die berufliche Zukunft ihrer Kinder betrifft, kann davon ausgegangen werden, dass jene Eltern, die an den Befragungen teilgenommen haben, eher zu denjenigen zählen, die grundabb. 1 Prozentueller Anteil der Kinder, die im Juni 2009 tatsächlich die Schule beendet haben, differenziert nach Geschlecht und Lehrplan (Eltern N = 94) VHN 1 | 2013 52 HElga FaScHINg Interaktion von Behinderung und geschlecht Fachbeitrag sätzlich sehr engagiert sind. Die befragten Eltern bewerten nämlich die eigene Unterstützung, die sie ihren Kindern bieten können, im Hinblick auf deren berufliche Zukunft in annähernd der Hälfte der Fälle (47,8 %) als sehr groß (auf einer vierstufigen Skala). Dabei ergeben sich signifikante Unterschiede bei den männlichen Jugendlichen aufgrund der Lehrpläne (c² [df 3, N = 57] = 10,81; p = 0,013) und innerhalb der Gruppe derjenigen Schüler/ innen, die nach ASO-Lehrplan unterrichtet wurden, aufgrund des Geschlechts (c² [df 3, N = 68] = 8,47; p = 0,037) (s. Abb. 2). Fast zwei Drittel der Eltern von männlichen Jugendlichen, die nach ASO-Lehrplan unterrichtet wurden, schätzen ihr Engagement für ihre Söhne als sehr groß ein (63,6 %). Die Eltern von männlichen Jugendlichen mit S- Lehrplan bewerten ihr Engagement in fast der Hälfte der Fälle (46,2 %) als groß, jedoch nur zu 30,8 % als sehr groß. Vergleicht man innerhalb des ASO-Lehrplans die Bewertung der Eltern hinsichtlich der Geschlechter, zeigen sich ebenfalls signifikante Unterschiede: Die Eltern von weiblichen Jugendlichen geben an, zu 29,2 % sehr engagiert für ihre Töchter zu sein, aber fast zwei Drittel (63,6 %) der Eltern von männlichen Jugendlichen bewerten ihr eigenes Engagement als sehr hoch und nur 9,1 % als mittelmäßig (bei den Frauen immerhin 29,2 %, s. Abb. 2). 3.4 berufliche beratung Es kann davon ausgegangen werden, dass fast alle Jugendlichen (90,3 %, 84 Personen), deren Eltern an der zweiten Befragung teilgenommen haben, eine berufliche Beratung in der Schule hatten (N = 93); eine außerschulische Berufsberatung (N = 90) haben jedoch nur zwei Drittel der Schüler/ innen (67,8 %, 61 Personen) in Anspruch genommen. Signifikante Unterschiede ergeben sich aufgrund der Lehrpläne innerhalb der Geschlechter sowohl bei der innerschulischen Berufsberatung [Frauen: (c² [df 1, N = 32] = 7,55; p = 0,006) bzw. Männer: (c² [df 1, N = 59] = 3,97; p = 0,046)] als auch bei der außerschulischen Berufsberatung [Frauen: (c² [df 1, N = 32] = 4,40; p = 0,036) bzw. Männer: (c² [df 1, N = 56] = 2,79; p = 0,095)] (s. Tab. 2). Die deutlichsten Unterschiede werden im Hinblick auf die berufliche Beratung außerhalb der Schule bei weiblichen Jugendlichen sichtbar: Von den Schülerinnen, die nach ASO-Lehrplan unterrichtet wurden, haben 72,0 % (18 Schülerinnen) außerschulische Berufsberatung erhalten, von den Schülerinnen des S-Lehrplans lediglich 28,6 % (2 Schülerinnen). Von den ASO-Schülerinnen haben außerdem nahezu alle (96,0 %, 24 Schülerinnen) berufliche Beratung in der Schule erhalten, von den S-Schülerinnen wiederum nur 57,1 % abb. 2 Engagement der Eltern für ihre Kinder in Abhängigkeit von Lehrplan und Geschlecht (Eltern N = 88) VHN 1 | 2013 53 HElga FaScHINg Interaktion von Behinderung und geschlecht Fachbeitrag (4 Schülerinnen). Die Differenzen sind zwar auch bei den Männern signifikant, jedoch nicht annähernd so groß wie bei den Frauen. Auffallend ist überdies, dass sich innerhalb der Gruppe des ASO-Lehrplans keine Unterschiede aufgrund des Geschlechts zeigen, beim S-Lehrplan allerdings sehr wohl: 78,6 % (11 Personen) der männlichen Jugendlichen haben berufliche Beratung in der Schule erhalten, jedoch nur 57,1 % (4 Personen) der weiblichen. Berufliche Beratung außerhalb der Schule wurde immerhin der Hälfte (50 %, 6 Personen) der Männer mit S-Lehrplan zuteil, Frauen mit S-Lehrplan haben dagegen nur in 28,6 % der Fälle (2 Personen) eine berufliche Beratung außerhalb der Schule in Anspruch genommen. 3.5 clearing Clearing ist eine Maßnahme, die bereits im 7. Pflichtschuljahr ansetzt und Schüler/ innen mit SPF bei der Klärung ihrer beruflichen Zukunft unterstützen soll. Die zweite Elternbefragung zeigt, dass insgesamt 78,9 % der Jugendlichen ein Clearing absolviert haben. Die meisten Jugendlichen haben das Clearing außerhalb der Schule (32,2 %) in Anspruch genommen und jeweils annähernd ein Viertel in der Schule (22,2 %) bzw. in und außerhalb der Schule (24,4 %). Signifikante Unterschiede fallen innerhalb der Gruppe der Frauen aufgrund der Lehrpläne auf (c² [df 1, N = 31] = 7,26; p = 0,064) (s. Tab. 3). Am auffälligsten ist die Tatsache, dass scheinbar kein Mädchen mit S-Lehrplan Clearing in der Schule in Anspruch genommen hat, jedoch immerhin ein Drittel (33,3 %) der Frauen mit ASO-Lehrplan. Ferner haben mehr als die Hälfte (57,1 %) der Schülerinnen mit S-Lehrplan überhaupt kein Clearing gemacht. Innerhalb des ASO-Lehrplans wird ein weiterer deutlicher Unterschied sichtbar: Von den Männern haben 29,5 % - im Gegensatz zu nur 16,7 % der Frauen - ein Clearing sowohl in als auch außerhalb der Schule absolviert. aSO-LP weiblich S-LP weiblich aSO-LP männlich S-LP männlich geSaMt Berufliche Beratung in der Schule erhalten 96,0 % (24) 57,1 % (4) 95,6 % (43) 78,6 % (11) 90,3 % (84) Berufliche Beratung außerhalb der Schule erhalten 72,0 % (18) 28,6 % (2) 75,0 % (33) 50,0 % (6) 67,8 % (61) tab. 2 Berufliche Beratung innerhalb der Schule (Eltern N = 91) und außerhalb der Schule (N = 88) differenziert nach Geschlecht und Lehrplan hat ihr Kind clearing in anspruch genommen? aSO-LP weiblich S-LP weiblich aSO-LP männlich S-LP männlich geSaMt Ja, in der Schule 33,3 % (8) - 22,7 % (10) 15,4 % (2) 22,2 % (20) Ja, außerhalb der Schule 37,5 % (9) 28,6 % (2) 31,8 % (14) 23,1 % (3) 32,2 % (29) Ja, in und außerhalb der Schule 16,7 % (4) 14,3 % (1) 29,5 % (13) 23,1 % (3) 24,4 % (22) Nein 12,5 % (3) 57,1 % (4) 15,9 % (7) 38,5 % (5) 21,1 % (19) tab. 3 Clearing in Abhängigkeit von Geschlecht und Lehrplan (Eltern N = 90) VHN 1 | 2013 54 HElga FaScHINg Interaktion von Behinderung und geschlecht Fachbeitrag 3.6 absolvierte Praktika Die meisten Jugendlichen (82,8%) hatten zum Zeitpunkt der Befragung bereits Praktika absolviert. Dabei wurden signifikante Unterschiede aufgrund des Geschlechts (c² [df 1, N = 91] = 6,36; p = 0,012), innerhalb der Frauengruppe aufgrund der Lehrpläne (c² [df 1, N = 32] = 12,37; p = 0,000) und auch innerhalb des S-Lehrplans aufgrund des Geschlechts (c² [df 1, N = 21] = 10,10; p = 0,001) sichtbar (s. Abb. 3). Die Antworten der Eltern in Bezug auf die Absolvierung von Praktika ihrer Kinder zeigen, dass männliche Jugendliche wesentlich öfter Praktika machen als weibliche: Von den Männern haben zum Zeitpunkt der Datenerhebung fast alle (89,8 %) - und damit ca. 20 % mehr als bei den Frauen (68,8 %) - bereits Praktika absolviert. In der Frauengruppe ergeben sich signifikante Abweichungen aufgrund der Lehrpläne: Von den ASO-Schülerinnen haben 84,0 % im Gegensatz zu nur 14,3 % der S-Schülerinnen Praktika gemacht; von jenen Jugendlichen, die nach S-Lehrplan unterrichtet wurden, sind es signifikant mehr Männer (85,7 %) als Frauen (14,3 %). Frauen mit S- Lehrplan absolvieren mit Abstand am seltensten Praktika. 3.7 bemühen um einen arbeitsplatz und derzeitige tätigkeit Die Eltern gaben an, dass ihre Kinder bereits versucht hätten, einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz zu erhalten. Dabei werden erneut deutliche Unterschiede aufgrund der Lehrpläne sichtbar, die innerhalb der Männergruppe signifikant sind (c² [df 1, N = 55] = 12,82; p = 0,000): 71,4 % der Männer mit ASO-Lehrabb. 3 Prozentueller Anteil der absolvierten Praktika differenziert nach Geschlecht und Lehrplan (Eltern N = 91) VHN 1 | 2013 55 HElga FaScHINg Interaktion von Behinderung und geschlecht Fachbeitrag plan haben im Vergleich zu nur 15,4 % der Männer mit S-Lehrplan einen derartigen Versuch bereits unternommen. Die durchschnittliche Anzahl der Versuche liegt bei ASO- Schülerinnen bei 13,25 im Gegensatz zu nur 1,0 bei S-Schülerinnen. Von allen befragten Jugendlichen (N = 94) fanden laut Angaben der Eltern 35,1 % bis März 2010 einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Von den Frauen mit ASO-Lehrplan gelang 32,0 % eine Integration auf dem Arbeitsmarkt, bei den Frauen mit S-Lehrplan nur in 12,5 % der Fälle. Die Männer mit ASO-Lehrplan waren etwas erfolgreicher - 46,7 % konnten einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz erlangen. Innerhalb der Gruppe der S-Schüler gelang dies 7,1 %. Tabelle 4 zeigt aus Sicht der Eltern, wie sich die Tätigkeit ihrer Kinder zum Zeitpunkt der Befragung gestaltete, sofern diese keinen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz finden konnten. Die Jugendlichen, die mit dem Ende der (Pflicht-)Schulzeit keinen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz fanden, besuchten meist weiterhin die Schule (37,7 %) oder aber sie wechselten in eine Werkstatt bzw. Beschäftigungstherapie (26,2 %). Innerhalb der Gruppe der Schülerinnen, die nach ASO-Lehrplan unterrichtet wurden, wird am häufigsten ein weiterer Schulbesuch angestrebt (52,9 %), bei den Schülerinnen mit S-Lehrplan ist die häufigste Alternative augenscheinlich der Wechsel in eine Werkstatt bzw. Beschäftigungstherapie (50,0 %). Berufsberatung, Berufsorientierung usw. wird von dieser Gruppe nicht in Anspruch genommen. Bei den Männern sind die Unterschiede hinsichtlich der Lehrpläne signifikant (c² [df 7, N = 37] = 13,18; p = 0,068): Annähernd die Hälfte der ASO-Schüler (45,8 %) besucht weiterhin die Schule, von den S-Schülern ist dies nur bei 7,7 % der Fall. Demgegenüber wechseln mehr als die Hälfte der S-Schüler (53,8 %) in eine Werkstatt bzw. Beschäftigungstherapie, im Vergleich zu lediglich 16,7 % der ASO-Schüler. Die am zweithäufigsten ergriffene Option für ASO-Schüler (16,7 %) ist eine Berufsorientierung oder ein Berufsvorbereitungskurs; von den S-Schülern haben diese Möglichkeit wiederum nur 7,7 % in Anspruch genommen. Interessant ist aber Sonstige derzeitige tätigkeit aSO-LP weiblich S-LP weiblich aSO-LP männlich S-LP männlich geSaMt Berufsberatung 5,9 % (1) - 4,2 % (1) - 3,3 % (2) Berufsorientierung oder Berufsvorbereitungskurs 17,6 % (3) - 16,7 % (4) 7,7 % (1) 13,1 % (8) clearing - - - 15,4 % (2) 3,3 % (2) Integrative Berufsausbildung 5,9 % (1) - 8,3 % (2) 7,7 % (1) 6,6 % (4) Schnupperpraktikum - - 4,2 % (1) - 1,6 % (1) Werkstatt bzw. Beschäftigungstherapie 11,8 % (2) 50,0 % (3) 16,7 % (4) 53,8 % (7) 26,2 % (16) Bleibt zu Hause 5,9 % (1) - - - 1,6 % (1) Weiterer Schulbesuch 52,9 % (9) 33,3 % (2) 45,8 % (11) 7,7 % (1) 37,7 % (23) anderes - 16,7 % (1) 4,2 % (1) 7,7 % (1) 6,6 % (4) tab. 4 Sofern kein Ausbildungs- oder Arbeitsplatz vorhanden ist: Sonstige Tätigkeiten differenziert nach Geschlecht und Lehrplan (Eltern N = 60) VHN 1 | 2013 56 HElga FaScHINg Interaktion von Behinderung und geschlecht Fachbeitrag auch, dass bei dieser Frage nur Eltern von männlichen S-Schülern angegeben haben, dass ihre Kinder zum Zeitpunkt der Befragung ein Clearing absolvieren (15,4 %), ein Schnupperpraktikum sowie eine Berufsberatung machen hingegen nur männliche ASO- Schüler (jeweils 4,2 %). 4 Zusammenfassung und Diskussion Im Rahmen der Analyse wurde der Frage nachgegangen, wie sich der Übergangsprozess in Ausbildung und Beschäftigung bei weiblichen Schulabsolventen im Vergleich zu männlichen Schulabsolventen mit intellektueller Beeinträchtigung im ersten Jahr nach Beenden der obligatorischen Schule aus Sicht der Eltern gestaltet. Für eine interaktionale Analyse wurde das Geschlecht mit dem Lehrplan (ASO-Lehrplan: Kategorie „Lernbehinderung“; S-Lehrplan: Kategorie „geistige Behinderung“) in Verbindung gebracht. Die Ergebnisse bringen - obwohl sie wegen der geringen Stichprobe bei der zweiten Elternbefragung nicht repräsentativ sind - einige interessante Aspekte zum Vorschein. Männliche Jugendliche, vor allem jene mit geistiger Behinderung (S-Lehrplan), verlassen am frühesten das Pflichtschulsystem (85 %). Das Engagement der Eltern für eine berufliche Integration ihrer Kinder ist bei männlichen Schülern mit Lernbehinderung (ASO-Lehrplan) mit 63 % signifikant am höchsten. Weibliche wie männliche Schüler mit geistiger Behinderung erhalten seltener eine berufliche Beratung in der Schule (57 % der Frauen und 78 % der Männer) als weibliche oder männliche Schüler mit Lernbehinderung (jeweils über 95 %). Außerhalb der Schule nehmen Schülerinnen und Schüler mit geistiger Behinderung seltener berufliche Beratung in Anspruch als Schülerinnen und Schüler mit Lernbehinderung. Signifikante Unterschiede zwischen den Lehrplänen machen sich vor allem in der Gruppe der Frauen bemerkbar, denn 72 % der weiblichen Jugendlichen mit Lernbehinderung haben im Vergleich zu nur 28 % der weiblichen Jugendlichen mit geistiger Behinderung an außerschulischen beruflichen Beratungen teilgenommen. Darüber hinaus wurden Praktika zu 91 % von männlichen Jugendlichen mit Lernbehinderung, zu 85 % von männlichen Jugendlichen mit geistiger Behinderung und zu 84 % von weiblichen Jugendlichen mit Lernbehinderung absolviert. In der Frauengruppe sind die Unterschiede signifikant, denn nur 14 % der Frauen mit einer geistigen Behinderung haben Praktika absolviert. Beim den Anstrengungen, einen Ausbildungs- und Arbeitsplatz zu finden, waren es wieder männliche (71 %) und weibliche (66 %) Jugendliche mit Lernbehinderung, die sich am häufigsten darum bemüht haben, jedoch nur 33 % der weiblichen und sogar nur 15 % der männlichen Jugendlichen mit einer geistigen Behinderung. 35 % der Jugendlichen gelang im ersten Jahr nach Beenden der Schule eine berufliche Integration am regulären Arbeitsmarkt. Hierbei waren männliche Jugendliche mit Lernbehinderung mit 46 % am erfolgreichsten, gefolgt von 32 % der Frauen mit Lernbehinderung. 12 % der Frauen mit geistiger Behinderung gelang eine berufliche Integration im Vergleich zu nur 7 % der männlichen Jugendlichen mit geistiger Behinderung. Als Alternative zum allgemeinen Arbeitsmarkt wird seitens der Eltern für über 50 % der weiblichen wie auch für über 50 % der männlichen Jugendlichen mit geistiger Behinderung die Werkstatt als Beschäftigungsform gewählt. Die Befunde deuten darauf hin, dass die Kategorie „geistige Behinderung“ stärker als das Geschlecht den Übergang in die reguläre Ausbildung und Beschäftigung nachteilig beeinflusst - führt doch sowohl für 50 % der Frauen als auch für 50 % der Männer mit geistiger Behinderung der nachschulische Bildungsweg in VHN 1 | 2013 57 HElga FaScHINg Interaktion von Behinderung und geschlecht Fachbeitrag Richtung Werkstatt. Durch den wechselseitigen Einfluss von geistiger Behinderung und weiblichem Geschlecht werden nachschulische integrative Bildungswege aber nochmals erschwert. Bei weiblichen Schulabsolventen mit geistiger Behinderung lässt sich nämlich eine segregative Bildungslaufbahn deutlicher feststellen als bei männlichen Schulabsolventen mit geistiger Behinderung. 33 % dieser Frauen verlängern als Alternative zur Werkstatt die Schule - in der Regel im Rahmen der Berufsvorbereitung an der Sonderschule. Keine einzige Schulabsolventin mit geistiger Behinderung fährt nach der obligatorischen Schule mit einem Berufsvorbereitungskurs oder einer integrativen Berufsausbildung fort. Hingegen haben 23 % der männlichen Schulabsolventen mit geistiger Behinderung Zugang zur außerschulischen Berufsvorbereitung bzw. zu weiterem Clearing, 7 % zu einer integrativen Berufsausbildung, und nur 7 % besuchen weiterhin die Schule als Alternative zur Werkstatt. Die Mehrzahl der Schulabsolventen beider Geschlechter mit geistiger Behinderung wechselt direkt von der obligatorischen Schule in die Werkstätte bzw. Beschäftigungstherapie. Diese jungen Menschen erhalten nicht die Möglichkeit, an weiteren berufsbildenden und qualifizierenden Maßnahmen teilzunehmen, um ihnen den Übergang in die reguläre Beschäftigung zu erleichtern. Der segregative Prozess im Übergang von der Schule in Ausbildung und Beschäftigung ist das Ergebnis von Selektionsprozessen, die bereits dem Bildungssystem geschuldet sind. Sie deuten auf eine strukturelle Benachteiligung für die Zielgruppe der Schüler/ innen mit geistiger Behinderung (S-Lehrplan) bereits in der Schule hin. Diese strukturelle Benachteiligung setzt sich - wie die vorliegende Analyse zeigt - bei der Inanspruchnahme und dem Zugang zu beruflicher Beratung und Unterstützung im Übergangsprozess fort. Dieser Übergangsprozess wird durch schulische Selektionsverfahren deutlich in eine bestimmte Richtung gelenkt, was auch Pfahl in ihrer Untersuchung zu Bildungsbiografien von Sonderschüler/ innen kritisch anmerkt: „Auch die institutionelle Gestaltung des Übergangs in den Arbeitsmarkt und damit die gesamte Bildungs- und Berufsbiografie von Personen(gruppen) wird durch schulische Segregationsprozesse mitbestimmt.“ (Pfahl 2011, 32) Die erste Schwelle spielt eine „strategische Schlüsselrolle“ hinsichtlich der Zuweisung von Lebenschancen. Langfristig wirksame Selektionen setzen also bereits vor dem Beginn der Berufsausbildung an. „Der Verzicht oder gar das Verwehren des Zugangs zu einer einschlägigen Berufsausbildung hat in der Regel irreversible Folgen für das spätere Erwerbsleben.“ (Ahrens 2009, 133) Nach Beck (2003, 849) liegen „Behinderungen im pädagogischen Sinn…dort vor, wo die Teilhabe an Bildung und Erziehung gefährdet oder erschwert ist oder wo Ausgrenzungsprozesse drohen oder erfolgt sind und zwar aufgrund individueller und sozialer Bedingungen“. Bildung eröffnet „selbstbestimmte Optionen für die Lebensgestaltung“ (Beck 2003, 848) und muss auch nach der obligatorischen Schule Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung und besonders auch den jungen Frauen zugestanden werden. Für das System der beruflichen Bildung und Rehabilitation leitet sich der Auftrag ab, den speziellen Bedürfnissen von Schulabsolvent/ innen mit geistiger Behinderung im Prozess der beruflichen Teilhabe durch geeignete Bildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen gerecht zu werden. Mit der UN-Behindertenrechtskonvention und dem darin enthaltenen Artikel 27 wird die Sicherstellung geeigneter Maßnahmen gefordert. anmerkungen 1 Forschungsprojekt „Partizipationserfahrungen in der beruflichen Biographie von Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung“, finanziert vom Österreichischen Wissenschaftsfonds (FWF), Projektnummer: P 20021g14, laufzeit 2008-2013. VHN 1 | 2013 58 HElga FaScHINg Interaktion von Behinderung und geschlecht Fachbeitrag 2 Differenziert man die höchsten Bildungsabschlüsse der Eltern anhand der lehrpläne, ergeben sich signifikante Unterschiede (c² [df 8, N = 84] = 21,08; p = 0,007): Mindestens einen Maturaabschluss können nur 24,2 % der Eltern von aSO-Schüler/ innen im Vergleich zu zwei Drittel (66,7 %) der Eltern von S-Schüler/ innen aufweisen. 37,9 % der Eltern von aSO-Schüler/ innen im Vergleich zu nur 5,6 % der Eltern von S-Schüler/ innen verfügen über einen Hauptschulabschluss als höchsten Bildungsabschluss. Einen tertiären Bildungsabschluss (Fachhochschulstudium, Hochschulstudium oder Promotion/ Habilitation) wiederum haben nur 24,2 % der Eltern von aSO-Schüler/ innen im gegensatz zu 66,7 % der Eltern von S-Schüler/ innen erworben. Literatur ahrens, D. (2009): Von der Bewältigung der ersten Schwelle zur Exklusionskarriere? Die Form Beruf im Übergang Schule/ ausbildung. In: lassnig, l.; Babel, H.; gruber, E.; Markowitsch, J. (Hrsg.): Öffnung von arbeitsmärkten und Bildungssystemen. Beiträge der Berufsbildungsforschung. Innsbruck: Studien Verlag, 133 -145 Beck, I. (2003): lebenslagen im Erwachsenenalter angesichts behindernder Bedingungen. In: leonhardt, a.; Wember, F. B. (Hrsg.): grundfragen der Sonderpädagogik. Bildung. Erziehung. Behinderung. Weinheim: Beltz, 848 -875 Biewer, g.; Fasching, H.; Koenig, O. (2009): Teilhabe von Menschen mit einer intellektuellen Beeinträchtigung an Bildung, arbeit und Forschung (Forschungsnotiz). SWS-Rundschau 49, 391 -403 BMaSK (Bundesministerium für arbeit, Soziales und Konsumentenschutz) (2009): Behindertenbericht 2008. Bericht der Bundesregierung über die lage von Menschen mit Behinderungen 2008. Wien: BMaSK BMFSFJ (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend) (Hrsg.) (2005): gender Datenreport. 1. Datenband zur gleichstellung von Frauen und Männern in der Bundesrepublik Deutschland. 2. Fassung. München: BMFSFJ BMUK (Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur) (o. J.): community Integration Sonderpädagogik (ciS). Förderschwerpunkte. Online unter: www.cisonline.at, 25. 4. 2012 Bortz, J.; Döring, N. (2006): Forschungsmethoden und Evaluation für Humanwissenschaftler. Heidelberg: Springer Bretländer, B.; Schildmann, U. (2000): Frauenforschung in der Behindertenpädagogik. Systematik - Vergleich - geschichte - Bibliographie. Ein arbeitsbuch. Münster: lIT Eckhart, M.; Haeberlin, U.; lozano Sahli, c.; Blanc, P. (2011): langzeitwirkungen der schulischen Integration. Eine empirische Studie zur Bedeutung von Integrationserfahrungen in der Schulzeit für die soziale und berufliche Situation im jungen Erwachsenenalter. Bern: Haupt Eurydice (2010): geschlechtsunterschiede bei Bildungsresultaten: Derzeitige Situation und aktuelle Maßnahmen in Europa. Brüssel: Europäische Kommission Fasching, H.; Mursec, D. (2010): Schulische ausgangssituation und Übergang in ausbildung und Beruf in Österreich. Dokumentation der bundesweiten Befragung der Bezirksschulinspektor/ innen und Eltern. Datenband I der dreibändigen Reihe „Die Übergangs-, Unterstützungs- und Beschäftigungssituation von Menschen mit einer intellektuellen Beeinträchtigung in Österreich“. Wien: Universität Wien gaupp, N.; lex, T.; Reißig, B. (2008): Ohne Schulabschluss in die Berufsbildung: Ergebnisse einer längsschnittuntersuchung. In: Zeitschrift für Erziehungswissenschaften 11, 388 -405 gaupp, N.; geier, B. (2010): Stuttgarter Haupt- und Förderschüler/ innen auf dem Weg von der Schule in die Berufsausbildung: Bericht zur dritten Folgeerhebung der Stuttgarter Schulabsolventenstudie. München: Deutsches Jugendinstitut gebhardt, M.; Tretter, T.; Schwab, S.; gasteiger- Klicpera, B. (2011): The Transition from School to the Workplace for Students With learning Disabilities: Status Quo and the Efficiency of Pre-vocational and Vocational Training Schemes. In: European Journal of Special Needs Education 26, 443 -459 ginnold, a. (2008): Der Übergang Schule - Beruf von Jugendlichen mit lernbehinderung. Einstieg - ausstieg - Warteschleife. Bad Heilbrunn: Klinkhardt VHN 1 | 2013 59 HElga FaScHINg Interaktion von Behinderung und geschlecht Fachbeitrag Haeberlin, U.; Imdorf, c.; Kronig, W. (2004): Von der Schule in die Berufslehre. Untersuchungen zur Benachteiligung von ausländischen und von weiblichen Jugendlichen bei der lehrstellensuche. Bern: Haupt Moser, V.; Roll, M.; Seidel, c. (2006): geschlechterinszenierungen in der Sonderschule. In: VHN 75, 305 -316 Orthmann Bless, D. (2006): lebensentwürfe benachteiligter Jugendlicher. Theoretische Betrachtungen und Ergebnisse einer empirischen Untersuchung bei Mädchen mit lernbehinderung. Bad Heilbrunn: Klinkhardt Pfahl, l. (2006): Schulische Separation und prekäre berufliche Integration: Berufseinstieg und biographische Selbstthematisierungen von Sonderschulabgänger/ innen. In: Spies, a.; Tredop, D. (Hrsg.): „Risikobiografien” benachteiligter Jugendlicher zwischen ausgrenzung und Förderprojekten. Wiesbaden: VS Verlag, 141 -156 Pfahl, l. (2011): Techniken der Behinderung. Der deutsche lernbehindertendiskurs, die Sonderschule und ihre auswirkungen auf Bildungsbiografien. Bielefeld: transcript Riedo, D. (2000): „Ich war früher ein sehr schlechter Schüler…“ Schule, Beruf und ausbildungswege aus der Sicht ehemals schulleistungsschwacher junger Erwachsener. Eine analyse von langzeitwirkungen schulischer Integration oder Separation. Bern: Haupt Schildmann, U. (1996): Integrationspädagogik und geschlecht. Theoretische grundlegung und Ergebnisse der Forschung. Opladen: leske + Budrich Schildmann, U. (2010): Behinderung: Frauenforschung in der Behindertenpädagogik. In: Becker, R.; Kortendiek, B. (Hrsg.): Handbuch Frauen- und geschlechterforschung. Theorie, Methoden, Empirie. Wiesbaden: VS Verlag Solga, H. (2005): Ohne abschluss in die Bildungsgesellschaft: die Erwerbschancen gering qualifizierter Personen aus soziologischer und ökonomischer Perspektive. Opladen: Budrich Wagner, S.-J. (2005): Jugendliche ohne Berufsausbildung. Eine längsschnittstudie zum Einfluss von Schule, Herkunft und geschlecht auf ihre Bildungschancen. aachen: Shaker anschrift der autorin ass. Prof. Mag. Dr. helga Fasching Universität Wien Institut für Bildungswissenschaft Sensengasse 3 a A-1090 Wien Tel.: ++43 (0)1 4 27 74 68 03 E-Mail: helga.fasching@univie.ac.at
