Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete
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Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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„Kunst ist, wenn Beethoven singt“
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Sabine Feldwieser
Ist es Kunst, wenn Beethoven singt? Ist es Kunst, wenn ein Mensch mit geistiger Behinderung schreibt? Wenn er schreibt, dass es Kunst ist, wenn Beethoven singt? Fragen über Fragen.
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VHN 3 | 2013 258 Forum „Kunst ist, wenn Beethoven singt“ Ein künstlerisches Schreibprojekt mit geistig behinderten menschen Sabine Feldwieser Zuerst erschienen in: Rust, Christoph; Ruther, Ingrid (Hrsg.) (2010): Im Dialog. Ästhetische Praxis in Bildungsprozessen Sozialer Arbeit. Bönen: Kettler (leicht gekürzte Fassung) Ist es Kunst, wenn Beethoven singt? Ist es Kunst, wenn ein Mensch mit geistiger Behinderung schreibt? Wenn er schreibt, dass es Kunst ist, wenn Beethoven singt? Fragen über Fragen. Lassen Sie uns genauer hinschauen. Zunächst einmal ist festzuhalten, dass Beethoven einer Anekdote zufolge wohl tatsächlich einmal, als er in Wien mit zwei anderen Musikern Kammermusik spielte und der Cellist aus dem Takt kam, einfach aufstand und, ohne Noten dafür zu haben, die Cellostimme sang. Es steckt also Wahrheit in dem Satz. Dieser Satz wurde von einer Frau geschrieben, die an einem Schreibprojekt für Menschen mit geistiger Behinderung teilgenommen hat. Das ist eher ungewöhnlich. Denn Literatur und Kunstbetrachtung verbindet man gemeinhin nicht mit geistig behinderten Menschen. Man weiß mittlerweile, dass Menschen mit einer geistigen Behinderung malen. Aber schreiben? Zwar waren in Hans Prinzhorns 1922 veröffentlichter Sammlung „Bildnerei der Geisteskranken“ auch „Schreibereien“ dabei, wie er sie analog zu den „Bildnereien“ nannte, aber im Gegensatz zu den Bildnereien fanden sie in den Jahren danach trotz Dadaismus, Surrealismus und konkreter Poesie wenig Beachtung. Während die bildende Kunst immer mehr Anerkennung fand und es in den letzten zehn Jahren zu einem regelrechten Boom an Ateliers, Malgruppen und Ausstellungen kam, blieb es auf dem Gebiet des Schreibens und der Literatur von Menschen mit einer geistigen Behinderung sehr still. Literatur aus der Psychiatrie, das ja, aber von geistig Behinderten? Können Menschen, die per definitionem intellektuell eingeschränkt sind, eine intellektuell so anspruchsvolle Handlung wie das Schreiben überhaupt ausführen? Sind sie fähig zu dem hohen Grad an Abstraktion, der kognitiven Anstrengung, die für die Umsetzung von Gedanken in Worte und schließlich in Schriftzeichen und Sätze nötig ist? Abb. 1 Walter Kraus, 2007 Meine Laune ist groß wie ein Fass. Meine Laune schmeckt wie Dreck. Meine Laune riecht wie Schuhwichse. Trotzdem bin ich immer gut gelaunt. Meine Laune hört sich an wie ein Kuckucksschrei. Meine Laune fühlt sich an wie so eine alte Hose. Meine Laune sieht aus wie ne alte Hose. Meine Laune und ich sind unzertrennlich. Wenn ich mit meiner schlechten Laune in den Urlaub fahre, hat sie auch Urlaub. Dann hab ich keine schlechte Laune. (Dieter Gebauer) VHN 3 | 2013 259 Forum Die Antwort ist ein deutliches Ja. Und dies tritt in jüngster Zeit erfreulicherweise auch mehr in die Öffentlichkeit, macht sich in Form von Veröffentlichungen und Literaturwettbewerben bemerkbar. Dazu später mehr. Zunächst zum von mir durchgeführten Projekt. Wie kam es dazu? In meiner künstlerischen Arbeit mit Menschen mit starker geistiger Behinderung begegnete mir in den vergangenen Jahren immer wieder auch Schrift und Sprache. Selbst wenn Menschen gar nicht sprechen können und sie ihre Bilder scheinbar automatisch malen, ganz aus dem Körper, der Geste heraus, die Bilder also in einem vorsprachlichen Raum entstehen, spielt Sprache beim Gestalten oft eine große Rolle. Sie wird zum Beispiel wichtig, wenn ich als Assistentin die Bilder beschreibe, etwas dazu erzähle. Gerade die Nichtsprechenden erwarten dies mit zunehmender Malerfahrung geradezu, denn dadurch werden ihre Bilder auch für sie bedeutsamer. Kann jemand selbst sprechen, so kann er seinen Bildern durch begleitendes Erzählen mehr Bedeutung verleihen. Durch das Herstellen eines sprachlichen Bezugs zum eigenen Alltag wird oftmals das Malen intensiviert. Immer wieder entstehen Bilderbücher, indem die Maler und Malerinnen mir sagen, was ich zu ihren Bildern schreiben soll. Ihr Stolz auf solche Bücher ist groß. Und die, die selbst schreiben können, schreiben immer wieder mal spontan in ihre Bilder hinein oder benutzen schriftähnliche Zeichen und Gesten als Gestaltungsmittel. Ich fand diese Beobachtungen sehr spannend und wollte mich eingehender mit dem Thema Sprache/ Schrift und geistige Behinderung befassen. Darum überlegte ich mir, Menschen mit einer geistigen Behinderung zum Kreativen Schreiben einzuladen, und zwar zum Thema Kunst. Ich wollte sie anregen, zu den vielen ausdrucksstarken (meist gegenstandslosen) Bildern von Malern und Malerinnen, die sich selbst nicht verbal zu ihren Bildern äußern können, Texte zu verfassen. Mein Konzept für Schreibwerkstätten für Menschen mit geistiger Behinderung (inzwischen haben bereits mehrere stattgefunden und es gibt eine sich regelmäßig treffende Gruppe „Die Wortfinder“) beruht auf zwei Grundannahmen: Zum einen gehe ich davon aus, dass das Credo der Schreibbewegung der 1970er Jahre „Jeder ist ein Schriftsteller“ auch für Menschen mit einer geistigen Behinderung gilt, dass auch sie zu einem kreativ-sprachlichen Prozess angeregt werden können, und zwar mit denselben Methoden wie „normale“ Schreibgruppen. Zum anderen bin ich überzeugt, dass es beim Kreativen Schreiben ebenso wie beim Bildnerischen Gestalten möglich ist, durch das Bereitstellen von Raum und anregender Atmosphäre auch bei geistig behinderten Menschen ein enormes kreatives Potenzial freizusetzen. Die Menschen sollen auch hier vor allem darin unterstützt werden, ihren ganz individuellen (Schreib-)Stil, ihre eigene „Handschrift“ zu entwickeln. Das Wichtigste ist die Freude am Tun; es geht nicht um richtig oder falsch, sondern darum, sich auszuprobieren, sich auszudrücken, Entdeckungen zu machen, Neues zu wagen, die eigenen Spuren zu erkennen und zu verfolgen, ins eigene Wort zu kommen, sich wohlzufühlen. Das Schreiben muss freiwillig geschehen, darf nicht verschrieben werden. Assistenz sollte nur so viel als nötig gegeben werden. Dass dies funktioniert, zeigte sich schon bei der ersten, an einem Wochenende durchgeführten Schreibwerkstatt. Obwohl nur einer der Teilnehmer selbst schreiben konnte, alle anderen mir ihre Texte diktierten, ließen sich durch das Schaffen einer entspannten und kreativen Atmosphäre sowie durch gezielte Fragen und Anregungen verschiedenste spannende Resonanzen zu den einzelnen Bildern hervorlocken. Konkret war der Ablauf so, dass nach einem spielerischen „Anwärmen“ der „Schreibwerkzeuge“ (sprich der Phantasie und der Hände) zunächst Schreibspiele mit dem eigenen Namen gemacht wurden, zum Beispiel ein Akrostichon. Dies diente auch dem gegenseitigen Kennenlernen und der Schaffung eines Gruppengefühls. Dann folgte über eine gemeinsame Bildbetrachtung der Einstieg in das Schreiben zu Bildern. Jeder erhielt die Möglichkeit, zu dem Bild zunächst ein Wort, dann einen ganzen Satz oder mehr zu sagen. Durch Hinweise auf Farben, Formen, die Komposition, durch Nachfragen zu den genannten Elementen („Rot wie was? Was macht das Rot? Ist es laut oder leise? “), durch zum Teil unerwartete Fragen, die das gewohnte Denken aufbrechen sollten („Wie würde das Bild schmecken? Was macht das Bild bei Nacht? “), durch Fragen nach den eigenen Reaktionen („Welche Gefühle löst es in dir aus? Macht es dich eher lustig, traurig, ärgerlich? Woran erinnert es dich? “) entstand schnell eine leb- VHN 3 | 2013 260 Forum hafte, von viel Lachen und auch Staunen begleitete Auseinandersetzung mit dem Bild. Danach wurden erste eigene Texte zu dem gemeinsam betrachteten Bild verfasst (selbst aufgeschrieben oder diktiert) und in der Gruppe vorgelesen. Im weiteren Verlauf des Wochenendes suchten sich die Teilnehmer selbst Bilder aus, zu denen sie schreiben wollten. Interessant ist, dass es nicht wie erwartet die gegenständlichen Zeichnungen sind, die bevorzugt ausgewählt wurden, sondern sehr oft grafische schwarzweiße Arbeiten. Manchmal schrieben die Teilnehmer auch zuerst einen Text und ordneten diesen nachträglich einem der ungefähr hundert Bilder zu, die als kleine Reproduktionen vorlagen (alle Bilder konnten auf Wunsch im Original betrachtet werden). Immer wieder gab ich Anregungen, stellte literarische Formen vor, führte neue Schreibspiele ein. Jeder konnte sich dabei das herauspicken, was ihn interessierte, und die Anregungen jeweils seinen eigenen Möglichkeiten anpassen. So entstand nach der Grundidee des Haiku, wenn das Silbenzählen zu schwierig war, auch mal ein Dreizeiler mit 5 - 7 - 5 Wörtern statt Silben. Manche der Autoren bevorzugten es, in einem Genre (z. B. Märchen) zu bleiben, andere waren geradezu begierig auf Neues und probierten sowohl inhaltlich als auch formal alles aus, wieder andere verweilten beim Schreiben nach verschiedenen „Gedichtrezepten“ (z. B. Elfchen). Ich versuchte stets aufzugreifen, was in der Gruppe gerade da war - die Erzählung vom Grillfest am Abend zuvor ebenso wie die schlechte Laune eines Teilnehmers, die dieser immer wieder lautstark verkündete und die er auf meine Anregung hin in einem leicht selbstironischen Text zum Ausdruck brachte. Mehrfach dienten auch Texte aus der „anerkannten Literatur“ als Anregung (z. B. Bertolt Brechts Gedicht „Vergnügungen“) und als Bestärkung (für gewollte oder ungewollte Wortneuschöpfungen z. B. Christian Morgensterns „Gruselett“). Und wenn die eigenen Texte wiederum neue innere Bilder hervorriefen, wurde auch gezeichnet und gemalt und dann wiederum dazu geschrieben - ein kreativer Fluss. So entstanden an diesen drei Tagen ganz unterschiedliche Texte: Bildbeschreibungen, expressive assoziative Reihungen, Elfchen, Märchen, Nonsensgedichte, verfremdete, weil nur bruchstückhaft erinnerte Liedtexte, philosophische Gedanken, biografische Episoden, Haikus u. a. m. Allen Texten gemeinsam ist eine hohe Authentizität, Frische und Eigenwilligkeit. Es sind Texte, die einen Zugang zur Individualität, zum Denken und Fühlen, zum jeweils ganz eigenen Blick der Autoren auf das Leben bieten. Sie sind oft geleitet von Abb. 2 Karsten Junker, 2006 Ein Seehund. Der springt von unten und dann hoch aus dem Wasser, dem hellen. Der Seehund möchte in die Freiheit. Die Freiheit sieht verschieden aus. Da freu ich mich, wenn ich Freiheit habe. Meine Freiheit ist nach meinen Gedanken. Meine Gedanken gehen nach meiner Freiheit. (Friedrich Bahlo) VHN 3 | 2013 261 Forum der Entwicklung des inneren Bewusstseinsstroms. Jeder Autor hat seine individuellen Stilmerkmale, seine ganz eigenen Stärken, oft auch ein Thema, das sich durch seine verschiedenen Texte zieht. So beherrscht der eine hervorragend den Duktus der Märchensprache und verbindet dies mit einem eigenen, hintersinnigen Humor, die andere schafft es, ihren Alltag in seitenlange Reime zu fassen, der Dritte erfindet wunderbar poetische Phrasen (Himmel und Erde sind manchmal blaublau vereint) und neue Wörter (Psycholofie). Dasselbe Bild ruft bei verschiedenen Autoren unterschiedlichste Resonanzen hervor. Alle Teilnehmer hatten an den Schreibworkshops viel Spaß, manche blühten regelrecht auf und alle äußerten durchweg den Wunsch, auch weiterhin zu schreiben. Beim Schreiben über das Thema Schreiben tauchte mehrmals der Satz auf „Schreiben ist für mich Freude“. Allen Autoren waren ihre manchmal mühsam und mit unendlicher Geduld Buchstabe für Buchstabe geschriebenen Texte sehr wichtig. Anders als ich es häufig beim Malen mit Menschen mit geistiger Behinderung erlebe, scheint hier das Produkt einen größeren Stellenwert zu haben als der Prozess. Immer wieder waren die Autoren selbst erstaunt und berührt von ihren Texten: „Was, das habe ich geschrieben? “ „Jetzt habe ich einen Gedanken zu fassen bekommen. Ich freue mich.“ Sie erlebten sich selbst als kompetent und erfolgreich, auch dann, wenn sie die Texte nicht selbst geschrieben, sondern diktiert hatten. Dies trug ganz im Sinne des Empowerments zu einer Steigerung ihres Selbstwertgefühls bei. Das Schreiben hilft auch, eigene Erlebnisse mitzuteilen und zu verarbeiten, kann Erinnerungen bewahren, zur Persönlichkeitsentwicklung beitragen, die Sprach- und Ausdruckskompetenz verändern und Wege zu selbstständigerem Denken öffnen. Und im Sinne der Gestaltpsychologie macht jeder Ausdruck einen neuen Eindruck und kann so die Selbstwahrnehmung erweitern und zu einem neuen Blick auf das Leben führen. Mit manchen Themen lässt es sich vielleicht sogar nur mittels der Poesie in Berührung kommen. „Schreiben heißt sich selber lesen“, sagte Max Frisch. Wichtig war für alle das Vorlesen der Texte in der Gruppe. Es war beeindruckend, mit wie viel Aufmerksamkeit und Anerkennung die Teilnehmer jeweils die Texte der anderen bedachten. Offenbar werden durch das gemeinsame Schreiben neue Formen der Kommunikation mit sich und anderen möglich. Die interpersonelle Kompetenz erweitert sich, Gefühle werden wahrgenommen und ausgetauscht. Es entstanden Visionen von einer Art Salongeselligkeit, wo geis- Abb. 3 Friedel Gernhardt, 2005 Es war einmal ein Aal, der hatte keine Qual. Es war einmal ein Hecht, dem ging es schlecht. Es war einmal ein Karpfen, der kam gebraten auf den Tisch. Oder auch nicht (Autorenteam) VHN 3 | 2013 262 Forum tig behinderte Menschen zusammen lesen und schreiben. Ein Teilnehmer meinte spontan: „Leute, mit denen ich denken kann, finde ich klasse.“ Es wäre sicherlich spannend zu verfolgen, wie sich bei einzelnen Personen das Schreiben über einen längeren Zeitraum entwickelt. Im Bildnerischen findet in den meisten Fällen Entwicklung statt (beispielsweise kommt es zu einer größeren Formenvielfalt oder es werden neue Materialien verwendet). Gilt das auch für den Bereich der Literatur? Nimmt zum Beispiel der Wortschatz zu, entwickelt sich ein Gefühl für Sprachrhythmus und Klangbilder, nimmt der Mut zu ungewöhnlichen Formulierungen zu? Kommen Menschen, die zunächst in Tagebuchart nur eigene Erlebnisse aufschreiben, im Laufe der Zeit auch dazu, fiktionale Texte zu schreiben und andere literarische Formen auszuprobieren? Bislang gibt es hierzu keine Beobachtungen. Das Feld ist, wie eingangs erwähnt, noch kaum erforscht. Eine andere Frage ist die, was über die Gruppensituation hinaus mit den Texten geschieht. Die Texte sind frisch, authentisch, ungewöhnlich. Aber genügen sie auch ästhetischen Ansprüchen? Haben sie Qualität? Sollen sie veröffentlicht werden? Bislang ist mir nur ein Autor mit geistiger Behinderung bekannt, der Österreicher Georg Paulmichl, der mehrere Bücher veröffentlicht hat und dessen Texte auch von der Literaturkritik beachtet und mehrfach ausgezeichnet wurden. Woran liegt das? Ist die poetische Welt nicht so grenzenlos wie die Welt der Malerei? Setzen literarische Traditionen, gewohnte Schreibmuster und die festen Regeln der Sprache, die Menschen mit geistiger Behinderung in ihren Texten oft ignorieren, der Akzeptanz dieser Texte Grenzen? Und verhindern, nebenbei bemerkt, vielleicht auch, dass mehr Betroffene sich überhaupt trauen zu schreiben (und es deswegen noch gar nicht viele Texte zum Veröffentlichen gibt)? Führen sie zu einer erlebten Einschränkung der künstlerischen Aussagefreiheit und geben gleichzeitig den Lesern schnell die gefühlte Erlaubnis, einen Text als minderwertig einzustufen? Sind wir, was die Wahrnehmung von „anderer Literatur“ betrifft, womöglich noch hinter der Moderne zurück? Sind unsere Lesegewohnheiten viel eingefahrener als die Sehgewohnheiten? Liegt es also an den potenziellen Lesern, dass diese Literatur bislang kaum auf dem Markt auftaucht? Oder ist für Menschen mit geistiger Behinderung auf dem Gebiet der Literatur tatsächlich nicht die gleiche Qualität erreichbar wie in der bildenden Kunst, die als sogenannte Außenseiterkunst längst eine wichtige Rolle auf dem Kunstmarkt spielt? Würden zukünftige Veröffentlichungen immer stark vom Mitleids- oder Behindertenbonus leben und nicht der Literatur wegen geachtet werden? Sollen sie deswegen aber nicht veröffentlicht werden? Oder soll, wie Felix Mitterer, der „Schirmherr“ des Österreichischen Literaturpreises „Ohrenschmaus“ es fordert, „kein Mitleidsbonus, keine Peinlichkeit - einfach Literatur“ präsentiert werden? Fragen, über die zu diskutieren sein wird. Vielleicht wird in den nächsten Jahren viel Literatur, die bislang als solche unerkannt in Schubladen oder in Patientenakten lag, ans Licht geholt. Vielleicht gibt es einen Boom an Schreibgruppen, Lesungen, Veröffentlichungen. Es wird sich viel tun auf dem Gebiet des Kreativen Schreibens mit Menschen mit einer geistigen Behinderung, das ist gewiss. Was das sein wird, bleibt offen, denn, wie es eine Schreiberin formulierte: „Kunst ist ein duftendes Ungewiss.“ VHN 3 | 2013 263 Forum Ende 2010 wurde in Bielefeld unter Federführung der Diplompsychologin und Kunstassistentin Sabine Feldwieser der als gemeinnützig anerkannte Verein „Die Wortfinder e. V.“ gegründet. Der Verein hat den Zweck, das Kreative Schreiben und die Literatur sowie die damit in Zusammenhang stehenden künstlerischen Gestaltungen von Menschen mit geistigen oder psychischen Beeinträchtigungen (zum Beispiel Menschen mit geistiger Behinderung, Menschen mit autistischen Störungen, Menschen mit Demenz) und Menschen in besonderen Lebenslagen (z. B. Menschen im Hospiz, Jugendliche in Heimen, obdachlose Menschen) zu fördern. Der vorläufige Schwerpunkt der Vereinsaktivitäten liegt bei Menschen mit einer sogenannten geistigen Behinderung. Der Verein verwirklicht seine Ziele insbesondere durch: n Ausrichtung von Literaturwettbewerben n Lesungen n Initiierung von Schreibwerkstätten n Förderung von Publikationen n Aufbau und Pflege eines Archivs n Unterstützung und Durchführung von Forschungsprojekten n Durchführung von Seminaren und Fortbildungsveranstaltungen n Öffentlichkeitsarbeit 2011 schrieb der Verein einen ersten Literaturwettbewerb für Menschen mit geistiger Behinderung aus. Thema war „Die Zeit und der Kalender“. Rund 200 Menschen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und Italien hatten sich beteiligt und reichten 350 Texte ein. Die Preisverleihung mit Lesung war sehr gut besucht und der Literarische Kalender mit den Texten der Preisträger fand so großen Anklang, dass er zweimal nachgedruckt werden musste. 2012 gab es wieder einen Wettbewerb zum Thema „Kunst und Lebenskunst“. Daran beteiligten sich knapp 400 Autorinnen und Autoren mit insgesamt fast 600 Beiträgen. Für das Jahr 2013 erschien wieder ein Literarischer Wandkalender mit den Texten der Preisträger. Weitere Projekte sind in Planung. So wird der Verein anlässlich der 800-Jahr-Feier der Stadt Bielefeld im Jahr 2014 für unterschiedliche sog. Randgruppen der Gesellschaft Schreibwerkstätten anbieten und die entstehenden Texte fortlaufend veröffentlichen. Weitere Informationen, Fotos und Texte unter: www.diewortfinder.com
