Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete
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0017-9655
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/vhn2015.art03d
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Die Orientierung des Dachverbandes Lehrerinnen und Lehrer Schweiz LCH bezüglich Integration: Anlehnung an den Mythos Meritokratie
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David Labhart
Im Beitrag wird über einen diskursanalytischen Zugang der Integrationsdiskurs in der Zeitschrift „Bildung Schweiz“ des „Dachverbandes Lehrerinnen und Lehrer Schweiz LCH“ untersucht. Die Interpretation fußt dabei auf einer Verknüpfung aller Artikel zum Thema Integration mit dem gesamten Inhalt, dem Profil der Zeitschrift im Zeitraum von 2002 bis 2012. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie sich „Bildung Schweiz“ zur Integrationsthematik stellt und wie sich diese Position begründen lässt. Die Ergebnisse zeigen, dass sich der Verband von der Heilpädagogik absetzt und sich hauptsächlich der Bearbeitung unerwünschter – auf soziale Unterschiede zurückgeführte – Einflüsse auf die Leistung widmet. Schülerinnen und Schüler, welche aus den Leistungsvergleichen ausgeschlossen sind und deren Differenz auf biologische Ursachen zurückgeführt wird, tangieren die Orientierung der Zeitschrift kaum. Die Ergebnisse führen zu Fragen, die für die künftige Reflexion der schulischen Integration hilfreich sein können.
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21 VHN, 84. Jg., S. 21 -33 (2015) DOI 10.2378/ vhn2015.art03d © Ernst Reinhardt Verlag Die Orientierung des Dachverbandes Lehrerinnen und Lehrer Schweiz LCH bezüglich Integration: Anlehnung an den Mythos Meritokratie David Labhart Universität Zürich Zusammenfassung: Im Beitrag wird über einen diskursanalytischen Zugang der Integrationsdiskurs in der Zeitschrift ‚Bildung Schweiz‘ des ‚Dachverbandes Lehrerinnen und Lehrer Schweiz LCH‘ untersucht. Die Interpretation fußt dabei auf einer Verknüpfung aller Artikel zum Thema Integration mit dem gesamten Inhalt, dem Profil der Zeitschrift im Zeitraum von 2002 bis 2012. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie sich ‚Bildung Schweiz‘ zur Integrationsthematik stellt und wie sich diese Position begründen lässt. Die Ergebnisse zeigen, dass sich der Verband von der Heilpädagogik absetzt und sich hauptsächlich der Bearbeitung unerwünschter - auf soziale Unterschiede zurückgeführte - Einflüsse auf die Leistung widmet. Schülerinnen und Schüler, welche aus den Leistungsvergleichen ausgeschlossen sind und deren Differenz auf biologische Ursachen zurückgeführt wird, tangieren die Orientierung der Zeitschrift kaum. Die Ergebnisse führen zu Fragen, die für die künftige Reflexion der schulischen Integration hilfreich sein können. Schlüsselbegriffe: Integration, Heterogenität, Chancengleichheit, Diskursanalyse, Lehrpersonalverband Orientation About Inclusion of the Association ‘Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz LCH’: The Myth of Meritocracy Summary: A discourse analysis of ‘Bildung Schweiz’, the journal of the biggest Swiss teacher association LCH (Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz) was carried out. The goal was to examine the way how ‘Bildung Schweiz’ thinks about inclusion and its justification. Therefore, all articles about inclusion and the profile of the journal in the time between 2002 and 2012 were brought together. The results show that the teacher association makes a clear cut between regular and special needs education: Whilst the school mainly has to deal with social influences on achievement, special needs education should be responsible for children with special needs attributed to biological difference. The results lead to questions that can be helpful for further reflections about inclusion. Keywords: Inclusion, heterogeneity, equity, discourse analysis, teacher association FACH B E ITR AG 1 Lehrpersonalverband und Integration „Integrative Lösungen sind separierenden Lösungen vorzuziehen, unter Beachtung des Wohles und der Entwicklungsmöglichkeiten des Kindes oder des Jugendlichen sowie unter Berücksichtigung des schulischen Umfeldes und der Schulorganisation.“ (EDK 2007, Art. 2 b, kursiv DL) Eine Lösung setzt ein Problem voraus. Das Problem, das integrativ oder separativ gelöst werden kann, ist im Konkordat der ‚Schweize- VHN 1 | 2015 22 DAVID LABHART Der Dachverband LCH und die Integration FACH B E ITR AG rischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren EDK‘ definiert als die „Bildung und Betreuung von Kindern und Jugendlichen mit besonderem Bildungsbedarf “ (Art. 1 a), wobei diese Kinder und Jugendlichen bezeichnet werden als diejenigen, die dem „Unterricht in der Regelschule ohne spezifische Unterstützung nicht beziehungsweise nicht mehr folgen können“ (Art. 3). Der Anspruch, integrative Lösungen zu ermöglichen, stellt die Schule vor große Herausforderungen. Die Lehrerinnen- und Lehrerschaft der Regelschule ist davon maßgeblich betroffen. So zeigt sich in ihrem Unterricht, welche Kinder und Jugendlichen den Erwartungen nicht (mehr) gerecht werden können. Ihre Orientierung bezüglich Integration verdankt sie eigenen Wertungen, die sich an einem möglichst kohärenten Wissen ausrichten: Eine Lehrpersonenposition bezüglich Integration konstituiert sich durch Setzungen im Diskurs, die einem möglichst übereinstimmenden Gedankengebilde untergeordnet sind. Genau diesen Hintergründen im Sinne eines institutionellen Denkens (Douglas 1991) der Lehrpersonen geht die vorliegende Diskursanalyse am Beispiel der Zeitschrift des ‚Dachverbandes Lehrerinnen und Lehrer Schweiz LCH‘ nach. Es wird davon ausgegangen, dass ein Verband seine Position - und damit die Position, Aufgabe und Profession der Lehrpersonen - fortwährend stabilisiert. Mit der Analyse wird das in der Veränderung zu vermehrter Integration stabilisierende gemeinsame Imaginäre (Castoriadis 1990) des größten Lehrerinnen- und Lehrerverbandes der Schweiz herausgeschält und so sein Blick auf die Thematik der Integration dargestellt. Das Erkenntnisinteresse fokussiert somit die Orientierung bezüglich der Integrationsthematik der Zeitschrift ‚Bildung Schweiz‘. Die Integrationsthematik umfasst das Wissen um integrative oder separative Unterstützung von Kindern und Jugendlichen - den Einbezug oder Ausschluss von Lernenden - bezüglich Regelschule. Die Orientierung bezeichnet die Richtung des Denkens. Damit stellt sich konkret die Frage, wie sich der LCH zur Integrationsthematik positioniert und warum dies genau in dieser Art und Weise geschieht. Nach der Darstellung des theoretischen Hintergrunds folgt ein Abriss des diskursanalytischen Vorgehens. In den drei Schritten der Analyse werden zwei Ebenen zusammengeführt. Erstens wird analysiert, welche Themen im Untersuchungszeitraum in der Zeitschrift erschienen sind und welche Bedeutung sie haben. Dies ergibt das Zeitschriftprofil als ein Überblick aller Zeitschriftinhalte. Zweitens werden Artikel, die sich um die Thematik des Ein- und Ausschlusses kümmern, inhaltsanalytisch dargestellt. Dieser Schritt findet auf der tieferen Ebene der Artikelinhalte statt. Die zwei Bereiche werden drittens zusammengeführt und interpretiert. Daraus lässt sich die Orientierung des LCH bezüglich Integration darstellen. 2 Diskursanalyse Der Begriff des Diskurses wird hier im Anschluss an Margarete und Siegfried Jäger als „Fluss von Wissen durch Raum und Zeit“ (2007, 15) verstanden. Die Metapher des Flusses zeigt verschiedene für die Diskursanalyse zentrale Momente auf. So weist das ‚Fließen‘ auf den Prozess der Veränderung hin, in dem Wissen steht. Wissen kann somit erstens nur lokotemporal, innerhalb eines bestimmten Zeitraumes, definiert werden. Zweitens verfügt der Fluss über eine Richtung und ein Ufer, was als Orientierung des Diskurses aufgefasst werden kann. Wissen findet seine Grenze in der Unterscheidung zum Nichtwissen (Weisser 2005). Alles, was als „diskursives Ereignis“ (Foucault 1981, VHN 1 | 2015 23 DAVID LABHART Der Dachverband LCH und die Integration FACH B E ITR AG 42) im Diskurs auftaucht, zählt zum Wissen. Da sich Wissen jedoch lokotemporal verändert, kann nicht von absolutem Wissen gesprochen werden: Es handelt sich immer um kontextabhängiges Wissen (Bateson 1987, 25). Der Diskurs als Wissensfluss ist von Mustern gekennzeichnet, die diesen Fluss „kontrollieren, selektieren, organisieren und kanalisieren“ (Foucault 2010, 11). Mit der Kontrolle des Wissens bewegt sich der Diskurs in eine bestimmte Richtung; ohne Kontrolle wäre nichts festgelegt und somit keine Richtung gegeben. Mit der Kanalisierung und Selektion bezeichnet Foucault die Unterscheidung von Wissen und Nichtwissen: Durch die Abgrenzung zum Nichtwissen wird definiert, was zum Wissen gehört. Die Kontrolle und Organisation wird im Diskurs durch Wertungen vorgenommen. Es handelt sich dabei um Stabilisierungsmechanismen. Foucault (2010) bezeichnet diese Mechanismen als Prozeduren und unterscheidet dabei in seiner Antrittsvorlesung am Collège de France im Dezember 1970 zwischen externen Prozeduren als Mechanismen der Ausschließung - der Festlegung der Grenze des Diskurses - und internen Prozeduren, die den Diskurs von innen her zusammenhalten. Des Weiteren spricht er vom Zugang zum Diskurs, der durch bestimmte Vorgaben geregelt wird. Diese drei Stabilisierungsmechanismen stellen die Ausgangslage des hier entwickelten Verständnisses der zu analysierenden Mechanismen in der Zeitschrift dar. Im Unterschied zu Foucault werden jedoch erstens sowohl die externen als auch die internen Prozeduren in der Funktion des jeweiligen Diskurses verstanden: Die Kontrolle von Wissen/ Nichtwissen sowie der Wertung des Wissens wird im Diskurs verortet. Zweitens wird die von Foucault bekannte Unterscheidung von Vernunft und Wahnsinn zu den internen Prozeduren gezählt, da diese Unterscheidung als Wertung innerhalb des Diskurses beobachtet werden kann. Drittens werden die Autorinnen und Autoren der Beiträge in der Zeitschrift - neben ihren Funktionen im Diskurs - verschiedenen Denkkollektiven zugeordnet, durch deren Zugehörigkeit der Zugang zum Diskurs beeinflusst wird. Die Denkstiltheorie von Ludwik Fleck ist zusätzlich hilfreich, um zu verstehen, dass Autorinnen und Autoren als Akteurinnen und Akteure den Diskurs konstituieren, jedoch auch im eigenen Denkzwang gefangen sind. „Definieren wir ‚Denkkollektiv‘ als Gemeinschaft der Menschen, die im Gedankenaustausch oder in gedanklicher Wechselwirkung stehen, so besitzen wir in ihm den Träger geschichtlicher Entwicklung eines Denkgebietes, eines bestimmten Wissensbestandes und Kulturstandes, also eines besonderen Denkstiles.“ (Fleck 1980, 54f, kursiv i. O.) Der Denkstil beinhaltet die Voraussetzungen, welche das Denken in eine Richtung leiten. Er ist zu verstehen als „gerichtetes Wahrnehmen, mit entsprechendem gedanklichen und sachlichen Verarbeiten des Wahrgenommenen“ (Fleck 1980, 130). Durch den Denkstil, durch die Wahrnehmungen und das Denken der verschiedenen beteiligten Personen entsteht - lokotemporales - Wissen. Ein Denkkollektiv hat somit Auswirkungen auf die Orientierung des Diskurses. Wird über die vom Denkstil geprägten Voraussetzungen nicht mehr diskutiert, so entsteht ein Denkzwang (Fleck 1980, 108). Dieser entwickelt sich in der Festsetzung von Wissen durch Wiederholung. Intensiv wiederholtes Wissen muss nicht mehr argumentativ belegt werden. Zusammenfassend bilden somit die Unterscheidung von Wissen/ Nichtwissen und die Wertungen und Redundanzen im Wissen selbst in Anlehnung an Weisser und Foucault sowie ein Verständnis der sprechenden Subjekte in Anlehnung an die Denkstiltheorie Flecks die theoretische Grundlage der Analyse. VHN 1 | 2015 24 DAVID LABHART Der Dachverband LCH und die Integration FACH B E ITR AG 3 Zur Diskursanalyse in Verbandszeitschriften Das methodische Vorgehen ergibt sich aus den theoretischen Grundlagen. In diesem Kapitel werden das Sampling und die Vorgehensweise der drei Schritte der Analyse genauer vorgestellt. 3.1 Datenkorpus Der Datenkorpus bezeichnet die Texte, die in die Analyse miteinbezogen werden. Der Prozess der Datenauswahl lehnt sich an das Theoretical Sampling der Grounded Theory an (Corbin/ Strauss 2008). Dabei konkretisieren drei verschiedene Aspekte die Zusammenstellung des Korpus: Der soziale, raumbezogene Aspekt der Texte, die sachliche, inhaltliche Auswahl sowie die zeitliche Einschränkung (Weisser 2004 b, 33). Mit der sozialen Wahl, die Zeitschrift ,Bildung Schweiz‘ zu untersuchen, wird der Fokus auf einen Verband gelegt. Der LCH gilt als größter Lehrpersonalverband der Schweiz und erreicht mit seiner Zeitschrift etwa 45’000 Lehrpersonen (ca. 80 % der Schweizer Lehrpersonen) sowie Personen aus Bildungspolitik, Bildungsbehörden und Pädagogischen Hochschulen (BildungSchweiz 2012). Sie kann somit als wichtigste Lehrerinnen- und Lehrerzeitschrift der Schweiz gewertet werden. Aus der Zeitschrift wird für die Detailanalyse der Integrationsthematik eine inhaltliche, sachliche Wahl der Texte getroffen. Eine Auswahl, die sich nur auf den Begriff ‚Integration‘ stützt, würde zu kurz greifen. Damit würde sich die Analyse an den Begrifflichkeiten anstatt an den Inhalten orientieren. Die Integrationsthematik schließt vielmehr alles ein, was in Bezug auf Ein- oder Ausschluss im Kontext der Schule thematisiert wird. In zeitlicher Perspektive wird die Auswahl des Textkorpus durch eine Analyse integrationsspezifischer Schwerpunkthefte begründet. Dabei bieten sich die letzten zehn Jahre als Beobachtungszeitraum an, da ab dem Jahr 2003 der Integrationsthematik in der Zeitschrift regelmäßig Platz eingeräumt wurde. Der fokussierte Analysezeitraum erstreckt sich somit von Mitte 2002 bis November 2012. Im Sinne des Theoretical Sampling wurde dieser Datenkorpus während der Forschungsarbeit mit weiteren Ausgaben der Zeitschrift sowie mit in der Zeitschrift erwähnten Büchern und Positionspapieren ergänzt. Zusammenfassend handelt es sich beim Datenkorpus somit um die Ausgaben der ,Bildung Schweiz‘ der letzten zehn Jahre respektive der darin erschienenen Artikel zur Integrationsthematik plus zusätzlicher vertiefender und der Sättigung der Theorie (Strauss/ Corbin 1996) dienender Publikationen. 3.2 Profil Sämtliche Artikel von ,Bildung Schweiz‘ ergeben zusammen das Profil der Zeitschrift. Dieses dokumentiert deskriptiv relational den Inhalt. Das bedeutet, dass die Inhalte in Bezug zu anderen Inhalten dargestellt werden. Die vorliegende Analyse knüpft an Jan Weissers Studien zum sonderpädagogischen Wissen an (Weisser 2004 a). Dabei wird ein dokumentationswissenschaftliches Vorgehen angewendet, das ursprünglich dazu diente, das Wiederfinden von Informationen in Datenbanken zu vereinfachen. Ein Beispiel kann dies veranschaulichen. Wenn man eine Notiz zum Thema ‚Scheibe‘ in einer Datenbank suchen möchte, könnte diese auch unter ‚Glas‘ oder ‚Fenster‘ abgespeichert sein. Assoziative Datenbanken haben solche Verbindungen gespeichert und können bei der Suche nach ‚Scheibe‘ die Informationen unter ‚Glas‘ finden (Pimiskern 2002). Die Verbindungen der Begriffe werden dabei VHN 1 | 2015 25 DAVID LABHART Der Dachverband LCH und die Integration FACH B E ITR AG als semantische Zusatzinformationen genutzt. In der vorliegenden Analyse helfen die Verbindungen zwischen den Begriffen (Signifikanten), sich an das Verständnis der Bedeutungen (Signifikate) im Kontext der Zeitschrift zu nähern. Um von den Artikeln zu Relationen zu kommen, wurden erstens die Themen der Hefte - jedes Heft erscheint mit einem thematischen Schwerpunkt - mit Schlagworten (Deskriptoren) versehen: ‚Pisa 2006‘ wurde zum Hauptschlagwort PISA, ‚Schule und Musik‘ wurde zu MUSIK, ,Alles was Schulrecht ist‘ wurde zu RECHT. Zweitens erhielt jeder Artikel mit Bezug zu Titel und Anrisstext ein Artikelschlagwort, das sich an der Sammlung der schon vergebenen Hauptschlagwörter ausrichtete. Damit ergaben sich pro Artikel zwei Deskriptoren, welche die Artikelrelation darstellen. Ausgehend von diesen Relationen konnte ein Netz konstruiert werden, indem die verschiedenen Schlagwörter zueinander in Verbindung gesetzt wurden. Die Darstellung der verschiedenen Artikel als Relationen ermöglicht einen Überblick über die Themen der Zeitschrift einschließlich einer Annäherung an die Begriffssemantiken. 3.3 Integrationsdiskurs Der Integrationsdiskurs bezeichnet den Diskursstrang (Jäger 2001) bezüglich der Thematik des Ein- und Ausschlusses. Mit der Analyse dieses Stranges wird einerseits das Wissen im Unterschied zum Nichtwissen dargestellt. Es interessiert, welche Themen in der Zeitschrift aufgenommen und diskutiert wurden. Dabei wird den Themen nachgegangen, die über die Zugehörigkeit zur Regelschule verhandeln oder besondere Maßnahmen kategorisierter Gruppen innerhalb und außerhalb der Regelschule behandeln. Das Nichtwissen als Gegensatz zum Wissen kommt dabei nur implizit vor. Vielmehr zeichnet sich auf dieser eher deskriptiven Stufe der Analyse erst ab, was aus einer anderen Position als Nichtwissen der Zeitschrift definiert werden könnte. Andererseits wird auf die Wertung des Wissens eingegangen. Dabei stehen die Dualismen wahr/ unwahr und wichtig/ unwichtig im Zentrum. Der Wahrheitsgehalt kann in der Zeitschrift über die Beiträge aus der Position der pädagogischen Leitung des LCH analysiert werden. Im Anschluss an Artikel von ‚Experten‘ werden Inhalte bewertet. ‚Unwahres‘ wird in diesem Rahmen als ‚blauäugig‘ bezeichnet. Die Wichtigkeit von Wissen ergibt sich durch die Wiederholung und Bekräftigung von Aussagen. Wenn etwas nur einmal erwähnt wird oder in Nebensätzen erscheint, ist dies weniger wichtig. 3.4 Zusammenzug und Interpretation Die Analyse zur Beantwortung der Forschungsfrage geschieht im Vergleich von Integrationsdiskurs und Zeitschriftprofil. Der Vergleich beinhaltet die Darstellung von Themen, die in beiden Teilanalysen vorkommen respektive nur in einer der beiden Analysen erwähnt werden. Damit werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausgeschält. Die Leitfrage lautet dabei: Welche Aspekte vom Profil zeigen sich auch im Integrationsdiskurs? Welche nicht? Durch die darauf folgende Interpretation kann - mithilfe theoretischer Anreicherungen - aufgezeigt werden, welche Orientierungen den Standpunkt bezüglich Integration prägen. 4 Die Teilanalysen Mit dem späteren Ziel des Vergleichs von Integrationsdiskurs und Profilanalyse (s. Kap. 5) werden in diesem Kapitel die beiden Teilanalysen vorgestellt. VHN 1 | 2015 26 DAVID LABHART Der Dachverband LCH und die Integration FACH B E ITR AG 4.1 Die Profilanalyse In den 150 Ausgaben im Analysezeitraum konnten 566 Artikel mit zwei der 242 Deskriptoren versehen werden. Wird das Vorkommen der Deskriptoren gezählt, so ergibt sich für die zehn häufigsten Deskriptoren folgende Rangfolge: COMPUTER/ INTERNET (68), LEHR- MITTEL (58), SCHULREISE (45), GESUND- HEIT (44), WEITERBILDUNG (29), PISA (32), LEHRBERUF (26), AUSBILDUNG (24), LE- SEN (22), SPORT/ SPIEL (21). Die kursiven Deskriptoren bezeichnen thematische Sonderhefte, die jedes Jahr erscheinen. Auffallend sind vier Deskriptoren, die nicht an Sonderhefte geknüpft sind, jedoch trotzdem oft vorkommen. Dies bedeutet, dass diesen Themen außerhalb eines jährlich wiederkehrenden Themenrahmens Bedeutung zugeschrieben wird. Für das Verständnis des Profils der Zeitschrift werden nachfolgend die wiederkehrenden Deskriptoren und deren Relationen dargestellt. Dabei rücken erstens Praxishilfen für die Lehrpersonen und zweitens Gesundheit in den Fokus. Drittens wird dem Deskriptor PISA genauer nachgegangen. Die Themenschwerpunkte Computer/ Internet, Lehrmittel und Schulreise sowie weitgehend auch Sport und Spiel sind hauptsächlich als Ideenlieferanten und Hilfestellungen für die Lehrpersonen zu verstehen. Abbildung 1 stellt die Relationen derDeskriptoren LEHRMITTEL und SCHULREISE zu anderen Themenschwerpunkten dar. Es werden hier zur Vereinfachung der Darstellung nur diejenigen Relationen gezeigt, die sich auf Artikel beziehen, deren Deskriptoren auch als Themenschwerpunkte vorkommen. SCHULREISE steht mit KUNST, MUSIK und COMPUTER_INTERNET in Verbindung. Die Unterstützung der Planung einer Schulreise oder einer Exkursion durch die Möglichkeiten der neuen Medien wird somit thematisiert, zudem werden Reiseziele in Zusammenhang mit Kunst und Musik erwähnt. LEHRMITTEL weist im Verhältnis zu SCHUL- REISE deutlich mehr Verknüpfungen auf, die sich einerseits auf die Lehrmittelpolitik (POLI- TIK, LEHRPLAN, PISA, HETEROGENITAET) und andererseits hauptsächlich auf Schulfächer (z. B. MATHEMATIK, KUNST, FREMD- SPRACHEN) beziehen. Auch GEWALT und KRISE erscheinen in Relation zu LEHRMIT- TEL. Mit Lehrmittel werden somit nicht nur Schulbücher für die verschiedenen Schulfächer, sondern auch Hilfestellungen der Lehrmittelverlage zu verschiedensten Themen, mit denen die Schule konfrontiert ist, bezeichnet. KUNST HETEROGENITAET FREMDSPRACHEN KRISE GEWALT MUSIK LEHRPLAN SEXUALPAEDAGOGIK GESUNDHEIT POLITIK WERKEN PISA MATHEMATIK LESEN COMPUTER_INTERNET SPORT_SPIEL BERUFSWAHL SCHULREISE LEHRMITTEL Abb.1 Semantisches Netz SCHULREISE und LEHRMITTEL VHN 1 | 2015 27 DAVID LABHART Der Dachverband LCH und die Integration FACH B E ITR AG In Abbildung 2 sind die Deskriptoren SPORT_ SPIEL und GESUNDHEIT mit ihren Relationen dargestellt. SPORT_SPIEL und GESUND- HEIT sind nur direkt über LEHRMITTEL verknüpft. Gesundheit wird in zwei unterschiedlichen Bereichen benutzt: Erstens in Bezug zur Lehrperson (LEHRBERUF, BURNOUT) und zweitens in Bezug auf die Schülerinnen und Schüler (ELTERN, SEXUALPAEDAGOGIK, TAGESSCHULE, LEHRMITTEL). Sport und BURNOUT TAGESSCHULE ELTERN ARCHITEKTUR LEHRBERUF LEHRMITTEL SEXUALPAEDAGOGIK BERUFSWAHL BEGABUNG COMPUTER_INTERNET SPORT_SPIEL GESUNDHEIT Abb. 2 Semantisches Netz SPORT_SPIEL und GESUNDHEIT BILDUNGSBERICHT HETEROGENITAET INTEGRATION LEHRMITTEL WERKEN LESEN MATHEMATIK GESELLSCHAFT _NATURWISSENSCHAFTEN _BILDUNGSSTANDARDS _LAENDERVERGLEICH MUSIK GESCHLECHT LEHRBERUF _LEISTUNG _BEWERTUNG _FORSCHUNG _CHANCEN _BEWEGUNG _KANTONE SPAREN PISA _EQUITY Abb. 3 Semantisches Netz PISA und EQUITY VHN 1 | 2015 28 DAVID LABHART Der Dachverband LCH und die Integration FACH B E ITR AG Spiel erscheint einerseits in Bezug auf den Unterricht (LEHRMITTEL) und dem Einbezug neuer Medien (COMPUTER_INTERNET) und andererseits in Relation zu BEGABUNG und BERUFSWAHL im Sinne der Thematik, wie junge Sportler ihren angehenden Beruf und die Schule unter einen Hut bringen können. Als wichtigstes Schlagwort fungiert neben den jährlich erscheinenden Sonderheften PISA. In Abbildung 3 wird deshalb dem Deskriptor PISA genauer nachgegangen. Um eine Verbindung mit der Thematik der vorliegenden Analyse aufzuzeigen, wurden im Netz der Abbildung 3 zusätzlich auch die Deskriptoren miteinbezogen, die sich im gesamten Profil nicht als Deskriptoren von Zeitschriftschwerpunkten zeigen (gekennzeichnet mit dem Präfix _). Die Relationen um PISA können zwei Bereichen zugeordnet werden: Einerseits werden die Inhalte (LESEN, MATHEMATIK, _NATUR- WISSENSCHAFTEN) in vergleichenden Artikeln (_KANTONE, _LAENDERVERGLEICH) dargelegt. Andererseits gibt es auch Verbindungen von PISA zu GESCHLECHT, GESELL- SCHAFT, _LEISTUNG, _CHANCEN, _BE- WERTUNG und _EQUITY. PISA wird somit auch intensiv mit Bezug auf die Thematik der Chancengleichheit diskutiert. Über die Deskriptoren _EQUITY und LEHRMITTEL steht PI- SA zudem in Verbindung mit INTEGRATION und HETEROGENITAET. Zusammenfassend kann konstatiert werden, dass einerseits die wiederkehrenden Themen bedeutsam sind, die sich mit Praxishilfen, Gesundheitsfragen sowie der Aus- und Weiterbildung beschäftigen. Der Deskriptor LEHR- MITTEL steht mit den meisten anderen Deskriptoren in Verbindung, jedoch nicht mit INTEGRATION. Andererseits ist PISA ein oft erscheinender und stark vernetzter Begriff, der einen starken Bezug zur Thematik der Chancengleichheit aufweist. 4.2 Der Integrationsdiskurs Die Thematik der Chancengleichheit zieht sich auch durch den Integrationsdiskurs. Während sich die Profilanalyse nur an die Titel und Anrisstexte der Artikel anlehnt, werden im Integrationsdiskurs ausgewählte Texte im Detail analysiert. Ausgabe Schwerpunkt Artikel 2002/ 19 2003/ 10 2004/ 01 2006/ 01 2006/ 03 a 2006/ 11 a 2007/ 04 2007/ 10 a 2008/ 01 2008/ 02 2008/ 10 2010/ 09 2011/ 04 2012/ 03 a 2012/ 06 2012/ 11 Begabung Sonder- und Heilpädagogik Sparen (Thema: Begabung) Timeout Sport und Spiel (Thema: Begabung) Gesundheit (Thema: Autismus) Begabung Prävention (Thema: Timeout) Heterogenität Eingangsstufe Krise (Thema: Timeout) Integration Dropout & Timeout Sport und Spiel (Thema: Begabung) Umgang mit Heterogenität Integration 2 4 1 3 1 1 2 1 2 2 1 5 2 1 4 3 Tab. 1 Übersicht Integrationsthematik VHN 1 | 2015 29 DAVID LABHART Der Dachverband LCH und die Integration FACH B E ITR AG Wie Tabelle 1 zu entnehmen ist, können unterschiedlichste Themen der Integrationsthematik zugeordnet werden. Einerseits handelt es sich um Schwerpunktthemen einer Ausgabe wie beispielsweise Begabung, Heterogenität oder Eingangsstufe 1 . Andererseits werden einzelne Artikel zur Integrationsthematik gezählt, die in einem themenfremden Schwerpunktheft publiziert sind. Dies betrifftbeispielsweise den Artikel über Autismus im Schwerpunktheft Gesundheit. Mit dem Ziel der vergleichenden Analyse von Profil und Integrationsthematik im folgenden Kapitel wird hier nun auf die Integrationsthematik genauer eingegangen. Dabei stehen die Begabungsförderung, die Begriffe Heterogenität und Integration sowie die Eingangsstufe im Fokus. Das Thema Begabungsförderung wird in zehn Artikeln unter verschiedenen Gesichtspunkten thematisiert. Als (hoch-)begabt werden Kinder bezeichnet, die den „gleichaltrigen Kameraden um mindestens ein Jahr voraus“ (2002/ 19 2 , 18) sind und eine überdurchschnittliche Kreativität und Motivation aufweisen. Begabungen müssten jedoch „hervorgeholt werden“ (2007/ 04, 12), sie werden als wesenhafte Konstellation des Menschen verstanden. Kinder mit hohem Intelligenzquotienten müssen sich entfalten können. Es wird darauf hingewiesen, dass die Begabtenförderung bei Sparplänen als erstes gefährdet sei (2004/ 01). Zudem werden zur Förderung von sportlich begabten Schülerinnen und Schülern spezielle Schulen - d. h. separative Förderangebote - verlangt (2006/ 03 a; 2012/ 03 a). Zentral scheint weiter die begriffliche Unterscheidung zwischen Heterogenität und Integration: Heterogenität wird in Bezug auf die Merkmale Geschlecht, Schicht und Herkunft verwendet. Beispielsweise wird als Weiterbildungsangebot ein Masterstudiengang ‚Wirksamer Umgang mit Heterogenität‘ der Pädagogischen Hochschule vorgestellt, der sich besonders den Herausforderungen im Rahmen des Unterrichtens von Kindern mit Migrationshintergrund und Kindern aus bildungsfernen Schichten widmet. Der Slogan „Chancengleichheit für alle trotz unterschiedlicher Herkunft“ (2008/ 01, 11) steht dabei exemplarisch für die Verbindung von Chancengleichheit und Heterogenität. Im Unterschied dazu beschreibt der Integrationsbegriff in der Zeitschrift die Interventionen der Heil- und Sonderpädagogik. Es wird dargestellt, dass Kinder „mit besonderen Bedürfnissen“ (2003/ 10, 12) mithilfe der individuellen, heilpädagogischen Unterstützung Teil der Regelschule sein können. Konzepte für den Unterricht werden jedoch nicht erwähnt; als eine einmalige, und damit als unwichtig einzustufende Erwähnung erscheint der ‚gemeinsame Gegenstand‘ als Hinweis für den integrativen Unterricht in einem Artikel der Zeitschrift (2010/ 09, 12). Schließlich wird die Eingangs- oder Basisstufe in insgesamt zwölf Artikeln positiv mit der Thematik der Heterogenität verbunden. „Die Klasse in der Basisstufe ist altersgemischt, multikulturell, vielfältig bezüglich der soziokulturellen Herkunft, unterschiedlich bezüglich der individuellen Entwicklungen, Begabungen, Fähigkeiten und Möglichkeiten.“ (2008/ 02, 7) Die Eingangsstufe wird dabei als Weg zur Verbesserung der Chancengleichheit gesehen. Sie soll durch individuelle Förderung und Erziehung allen Kindern den gleichberechtigten Zugang zum Schulerfolg ermöglichen. Zusammenfassend kann mit dem Fokus auf die drei erwähnten Bereiche festgehalten werden, dass einerseits mit Bezug auf die Thematik der Chancengleichheit der Heterogenitätsbegriff für Kategorien benutzt wird, welche sich nicht auf die Leistung auswirken dürfen. Demgegenüber fungieren die Begabung - Intelligenz oder sportliche Begabung - respektive die ‚besonderen Bedürfnisse‘ als essentialistische Zuschreibungen, welche die Chancengleichheit nicht tangieren und deren Bearbeitung in der Praxis dem Bereich der heilpädagogischen Profession zugewiesen wird. VHN 1 | 2015 30 DAVID LABHART Der Dachverband LCH und die Integration FACH B E ITR AG 5 Die Deutung des Integrationsdiskurses im Zeitschriftprofil Nach der Darstellung von Ausschnitten aus dem Profil der Zeitschrift sowie einem Überblick über den Integrationsdiskurs kann nun die Deutung der Orientierung der Zeitschrift vorgenommen werden. Im ersten Unterkapitel wird der Begriff Chancengleichheit diskutiert und interpretiert. Anschließend werden die vielen praxisnahen Themen im Profil im Unterschied zum Fehlen dieser Themen im Integrationsdiskurs mit Fokus auf den Begriff Lehrmittel dargestellt. 5.1 Chancengleichheit Die Orientierung des Verbandes Schweizer Lehrerinnen und Lehrer LCH bezüglich Ein- und Ausschluss ist eng mit der Thematik der Chancengleichheit verbunden. Es wird moniert, dass die Leistung der Schülerinnen und Schüler nicht von ihrer Herkunft bestimmt werden darf. Vielmehr sollten der Intelligenz adäquate Leistungen gezeigt werden können. Diese Orientierung kann mit dem Begriff ‚Meritokratie‘ erläutert werden: Er bezeichnet in Anlehnung an Michael Young, dass das Verdienst (lateinisch: meritum) einer Person nur vom Intelligenzquotienten und der individuellen Anstrengung abhängig sein darf (Becker/ Hadjar 2011, 39). Dadurch soll die soziale Schichtung „nicht mehr über ,Blut‘ und Herkunft“ (Solga 2005, 20) legitimiert werden. Die individuelle Leistung übernimmt somit die Legitimation der Allokation in die stratifizierte Gesellschaft (Graf/ Graf 2008). Dass die Zeitschrift ,Bildung Schweiz‘ sich am Prinzip Meritokratie ausrichtet, kann im Profil am Deskriptor PISA dargestellt werden. Der durch die Thematik der Chancengleichheit ausgelöste pädagogische Auftrag wird im Integrationsdiskurs kompensatorisch verstanden. Nachteile sollen mit spezifischen Förderprogrammen aufgearbeitet werden, um damit gleiche Ausgangslagen zu schaffen. So wird beispielsweise die Eingangsstufe und die damit verbundene frühe Förderung sozial benachteiligter Kinder für den Chancenausgleich gelobt (2008/ 02, 8f). Die frühe Intervention im Bereich der Sprache ermögliche, dass die Kinder beim Schuleintritt die Schulsprache so beherrschen, dass keine weiteren Nachteile entstehen. Zu Beginn der Schulzeit sollen somit alle Kinder am gleichen Ort sein. Theoretisch gefasst erhält die „Stunde Null“ (Lamprecht 1991, 133) die Bedeutung, gleiche Startchancen zu suggerieren, um einen gerechten Leistungswettbewerb zu ermöglichen. Dass mit den falschen Voraussetzungen jedoch nicht nur eine größere Anstrengung zur Anpassung (Bourdieu 2001, 43), sondern auch eine Enteignung der eigenen Geschichte (Graf/ Graf 2008, 72ff) einhergeht, gehört nicht zum Wissen der Zeitschrift. Zusammenfassend kann für die Chancengleichheit konstatiert werden, dass sich im Profil die Zeitschrift durch PISA vertieft mit dem Thema auseinandersetzt und im Diskursstrang ,Integration‘ viele Inhalte der Bearbeitung der Thematik zugeordnet werden können. Die Orientierung an der Meritokratie wird jedoch in theoretischen Diskursen seit nunmehr bald 50 Jahren eingehend kritisiert. So wird in der Meritokratie nicht mitgedacht, dass Leistung nur im Rahmen der Schule definiert ist und die Bewertung von „sozial eingebetteten Personen und ihren sozial konstruierten Wahrnehmungsprozessen“ (Solga 2005, 30, kursiv i. O.) abhängig ist. Somit kann konstatiert werden, dass die Zeitschrift ‚Bildung Schweiz‘ dem ‚Mythos Meritokratie‘ (Solga/ Becker 2012, 26) nacheilt, ohne die Widersprüche, die sich hinter der Leistungsorientierung verbergen, zu thematisieren. 5.2 Lehrmittel Die wohl wichtigste Aufgabe der Zeitschrift ,Bildung Schweiz‘ ist die Dienstleistung für die Verbandsmitglieder. Damit sind Beiträge und Artikel gemeint, die konkrete Praxishilfen VHN 1 | 2015 31 DAVID LABHART Der Dachverband LCH und die Integration FACH B E ITR AG (Schulreise, Lehrmittel, Computer/ Internet) beinhalten. Eine Verbandszeitschrift muss den Nutzen des Verbandes deutlich machen sowie konkret und praxisnah Unterstützung anbieten. Dies wird im Profil sichtbar. In der Zeitschrift werden „geeignete Lehrmittel und Lernformen für den individualisierenden Unterricht“ (2011/ 02, 20) gefordert. In Positionspapieren wird zudem auf die Bedeutung qualitativ hochstehender Lehrmittel bezüglich des Umgangs mit Heterogenität verwiesen. Es wird beklagt, dass Lehrmittel für den integrativen Unterricht fehlen oder diese werden von den Praktikerinnen und Praktikern und dem Verband als nicht praxistauglich bewertet. Es stellt sich damit die Frage, ob trotz den Bemühungen der Lehrmittelverlage die gängigen Logiken des Lehrmittel-Unterrichts im Umgang mit Heterogenität oder im integrativen Unterricht nicht greifen können. Die Orientierung an einem Lehrmittel und dem damit verbundenen schrittweisen Vorgehen deckt sich nicht mit der Idee des in der Zeitschrift ein einziges Mal erwähnten Unterrichts am gemeinsamen Gegenstand, der wohl an Feusers Gemeinsamen Gegenstand (Feuser 2013) anknüpft. Mit dem Wissen, dass 75 % bis 90 % der Lehrpersonen einem Ablauf im Schulbuch folgen (Moser Opitz 2010, 53), muss ein mehr an den Bedürfnissen der Kinder ausgerichteter Unterricht für diese Lehrpersonen schwer anmuten. Auch wenn dafür Lehrmittel als Strategien- und Übungssammlungen - ohne lineare Struktur - vorhanden sind (Moser Opitz 2010, 59). 6 Diskussion Mithilfe diskursanalytischer Verfahren wurde aufgezeigt, wie sich die Zeitschrift ,Bildung Schweiz‘ des Dachverbandes Lehrerinnen und Lehrer Schweiz LCH zur Integration stellt und welche Orientierungen leitend sind. Dabei wurde die Thematik der Chancengleichheit als Gemeinsamkeit des Profils und der Integrationsartikel herausgeschält, während sich die Praxisunterstützung - hier ausgeführt am Beispiel Lehrmittel - nur im Profil zeigt. Diese zwei Themen können die Orientierung des Verbandes in Verbindung mit der Integrationsthematik adäquat darstellen, auch wenn weitere Inhalte wie etwa Verhaltensauffälligkeiten mit dem dazugehörigen Ausschluss (Timeout) und die als disziplinarisch zu deutende Adressierung der Körper (vgl. Foucault 1977) über Gesundheit und Sport im Profil in diesem Artikel keinen Platz gefunden haben 3 . Interessant ist, dass die Thematik des Ein- und Ausschlusses in der Regelschule in der untersuchten Zeitschrift hauptsächlich als Frage der Chancengleichheit erscheint. Es rücken dabei ungerechtfertigte Selektionsentscheide in den Vordergrund. Es kann somit einerseits von sozialen Behinderungen gesprochen werden, wenn ein Kind sein Potenzial infolge Benachteiligung nicht entfalten kann. Andererseits steht die essentialistische Behinderung als im Mensch festgemachte Behinderung der sozialen Behinderung gegenüber. Während erstere in der Regelklasse von der Regelschullehrperson bearbeitet wird, ist für die zweite nur die Integration der Separation vorzuziehen, falls dies möglich ist. Dazu muss angemerkt werden, dass mit einer Integration im Sinne einer integrierten Sonderschulung durch individuelle Lernziele vom Leistungsvergleich Abstand genommen wird, was dazu führt, dass die davon Betroffenen das meritokratische Prinzip nicht tangieren. Wie im Kapitel 5.1 erwähnt, werden die Widersprüche der gesellschaftlichen Funktionen der Schule (Fend 1980; Graf/ Graf 2008) in der Zeitschrift nicht bearbeitet. Die ‚Bildung Schweiz‘ orientiert sich stark an der Haltung, dass die Allokation in die funktional differenzierte Gesellschaft (Luhmann 2008) über die Leistung legitimiert werden soll. Die mit den Schulfunktionen einhergehenden Widersprüche, beispielsweise zwischen Förderung (Qualifikation) und Bewertung (Selektion) (Barth 2013), VHN 1 | 2015 32 DAVID LABHART Der Dachverband LCH und die Integration FACH B E ITR AG werden jedoch nicht thematisiert. Es bleibt zu fragen, ob das meritokratische Gedankengut dabei so gedeutet werden kann, wie dies Pierre Rosanvallon ausführt: Die meritokratische Orientierung sei für „die Ordnung des demokratischen Imaginären heutiger Gesellschaften wesentlich. [...] Das Verdienst beinhaltet eine Art ‚notwendige Fiktion‘, die es den Einzelnen ermöglicht, ihrer Erfahrung Sinn zu verleihen und das philosophische Prinzip der Gleichheit aller mit dem faktischen Bestehen sozialer Ungleichheiten in Einklang zu bringen.“ (Rosanvallon 2013, 271) Auf jeden Fall zeigt sich an der Orientierung an der Chancengleichheit und den Praxishilfen, dass sich die Position des LCH auf den meritokratischen Gedanken stützt und die Integration von Kindern, welche vom Leistungswettbewerb ausgeschlossen sind, in den Bereich der Heilpädagogik ausgesiedelt wird - auch wenn sie teilweise mit heilpädagogischer Unterstützung die Regelschule besuchen. Es zeichnen sich in der Zeitschrift Reformbemühungen ab, die zu einem meritokratischen Ideal hinführen sollen. Ausgehend von den Ergebnissen der vorliegenden Analyse können zwei Fragen formuliert werden, die da oder dort für die weitere Entwicklung - im Sinne der Veränderung zu vermehrter Integration - Anstoß zur Reflexion bieten können: 1. Welche ‚Behinderungen‘ werden den Kindern angelastet, welche werden als ungerecht bewertet und dem sozialen Kontext zugeschrieben? Die Bearbeitung dieser Frage kann zur Reflexion des Denkzwangs ,Unterscheidung von sozialen und essentialistischen Behinderungen‘ beitragen. 2. Wie geht die Regelschule in verschiedenen Situationen mit ihren gesellschaftlichen Funktionen und dem ,Mythos Meritokratie‘ um? Damit kann Verhalten in widersprüchlichen Situationen transparent und somit der Reflexion zugänglich gemacht werden. Anmerkungen 1 Mit dem Begriff Eingangsstufe werden die zwei Möglichkeiten der Erweiterung des Kindergartens - mit dem ersten Schuljahr (Grundstufe) oder den ersten zwei Schuljahren (Basisstufe) - zusammengefasst. 2 Die Zeitschriften werden der Einfachheit halber direkt mit Jahrgang/ Ausgabe zitiert. Sie können unter www.lch.ch unter der Rubrik ‚Bildung Schweiz‘ abgerufen werden. 3 Eine breitere Analyse einschließlich der erwähnten Bereiche findet sich in Labhart (2013). Literatur Barth, D. (2013): Die Schule als Dampfkochtopf. In: Schweizerische Zeitschrift für Heilpädagogik 19 (9), 41 -49 Bateson, G. (1987): Geist und Natur. Eine notwendige Einheit. Frankfurt a. M.: Suhrkamp Becker, R.; Hadjar, A. (2011): Meritokratie - Zur gesellschaftlichen Legitimation ungleicher Bildungs-, Erwerbs- und Einkommenschancen in modernen Gesellschaften. In: Becker, R. (Hrsg.): Lehrbuch der Bildungssoziologie Wiesbaden: Springer, 37 -60. http: / / dx.doi.org/ 10.10 07/ 978-3-531-92759-6_2 BildungSchweiz (2012): Mediadaten 2013. Online unter: http: / / lch.ch/ cms/ upload/ pdf/ BILDUNG SCHWEIZ/ 2012/ 2012_11a/ Mediadaten_2013. pdf, 9. 9. 2013 Bourdieu, P. (2001): Wie die Kultur zum Bauern kommt. Über Bildung, Schule und Politik. Hamburg: VSA Castoriadis, C. (1990): Gesellschaft als imaginäre Institution. Entwurf einer politischen Philosophie. Frankfurt a. M.: Suhrkamp Corbin, J.; Strauss, A. (2008): Basics of Qualitative Research. Techniques and Procedures for Developing Grounded Theory. 3rd ed. Los Angeles: SAGE Douglas, M. (1991): Wie Institutionen denken. Frankfurt a. M.: Suhrkamp EDK/ Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (2007): Interkantonale Vereinbarung über die Zusammenarbeit im Bereich der Sonderpädagogik. Online unter: http: / / www.edudoc.ch/ static/ web/ arbeiten/ sonderpaed/ konkordat_d.pdf, 11. 8. 2014 VHN 1 | 2015 33 DAVID LABHART Der Dachverband LCH und die Integration FACH B E ITR AG Fend, H. (1980): Theorie der Schule. München: Urban & Schwarzenberg Feuser, G. (2013): Die „Kooperation am Gemeinsamen Gegenstand“ - eine Entwicklung induzierendes Lernen. In: Feuser, G.; Kutscher, J. (Hrsg.): Enzyklopädisches Handbuch der Behindertenpädagogik. Band 7. Entwicklung und Lernen. Stuttgart: Kohlhammer, 282 -293 Fleck, L. (1980): Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache. Einführung in die Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv. Frankfurt a. M.: Suhrkamp Foucault, M. (1977): Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Frankfurt a. M.: Suhrkamp Foucault, M. (1981): Archäologie des Wissens. Frankfurt a. M.: Suhrkamp Foucault, M. (2010): Die Ordnung des Diskurses. 11. Aufl. Frankfurt a. M.: Fischer Graf, M. A.; Graf, E. O. (2008): Schulreform als Wiederholungszwang. Zur Analyse der Bildungsinstitution. Zürich: Seismo Jäger, M.; Jäger, S. (2007): Deutungskämpfe. Theorie und Praxis Kritischer Diskursanalyse. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften Jäger, S. (2001): Diskurs und Wissen. In: Keller, R.; Hirseland, A.; Schneider, W.; Viehöver, W. (Hrsg.): Handbuch Sozialwissenschaftliche Diskursanalyse. Band I: Theorien und Methoden. Opladen: Leske + Budrich, 83 -114 Labhart, D. (2013): Konstruktion von Integration in der Zeitschrift BILDUNG SCHWEIZ. Diskursanalytischer Zugang zur schulischen Integrationsthematik. Universität Zürich: Unveröffentlichte Masterarbeit Lamprecht, M. (1991): Möglichkeiten und Grenzen schulischer Chancengleichheit in westlichen Gesellschaften. In: Bornschier, V. (Hrsg.): Das Ende der sozialen Schichtung? Zürich: Seismo, 126 -153 Luhmann, N. (2008): Inklusion und Exklusion. In: Luhmann, N. (Hrsg.): Soziologische Aufklärung 6. 3. Aufl. Wiesbaden: VS, 226 -251 Moser Opitz, E. (2010): Innere Differenzierung durch Lehrmittel: (Entwicklungs-) Möglichkeiten und Grenzen am Beispiel von Mathematiklehrmitteln. In: Beiträge zur Lehrerbildung 28, 53 -61 Pimiskern, J. (2002): Künstliche Intelligenz. Online unter: http: / / www.augos.com/ ki.html, 24. 1. 2013 Rosanvallon, P. (2013): Die Gesellschaft der Gleichen. Hamburg: Hamburger Edition Solga, H. (2005): Meritokratie - die moderne Legitimation ungleicher Bildungschancen. In: Berger, P. A.; Kahlert, H. (Hrsg.): Institutionalisierte Ungleichheiten. Wie das Bildungssystem Chancen blockiert. Weinheim: Juventa Solga, H.; Becker, R. (2012): Soziologische Bildungsforschung - eine kritische Bestandsaufnahme. In: Becker, R.; Solga, H. (Hrsg.): Soziologische Bildungsforschung, Vol. 52. Wiesbaden: Springer Fachmedien, 7 -43. http: / / dx.doi.org/ 10.1007/ 9 78-3-658-00120-9_1 Strauss, A.; Corbin, J. (1996): Grounded Theory: Grundlagen Qualitativer Sozialforschung. Weinheim: Psychologie Verlags Union Weisser, J. (2004 a): Die Themen der Sonderpädagogik in ihren Zeitschriften 1990 -2003. Studien zum sonderpädagogischen Wissen. In: Sonderpädagogik 34 (3), 127 -137 Weisser, J. (2004 b): Was leistet die Diskursanalyse in der Sonderpädagogik? In: Heilpädagogik online 4 (4), 24 -45 Weisser, J. (2005): Sonderpädagogische Probleme formulieren: Konzepte und die Logik sonderpädagogischen Wissens. In: Horster, D.; Hoyningen-Süess, U.; Liesen, C. (Hrsg.): Sonderpädagogische Professionalität. Beiträge zur Entwicklung der Sonderpädagogik als Disziplin und Profession. Wiesbaden: VS, 97 -115 Anschrift des Autors David Labhart MA Universität Zürich Institut für Erziehungswissenschaft Sonderpädagogik: Bildung und Integration Hirschengraben 48 CH-8001 Zürich Tel. +41 (0) 44 6 34 31 28 dlabhart@ife.uzh.ch
