eJournals Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete84/3

Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete
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0017-9655
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/vhn2015.art26d
5_084_2015_3/5_084_2015_3.pdf71
2015
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Videogestütztes Modelllernen zur Unterrichtung von Fertigkeiten des Händewaschens

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2015
Spyridon-Georgios Soulis
Anneta Boukomani
Panagiotis Charizanos
Lucia Kessler-Kakoulidis
Das Interesse an Forschungsergebnissen bezüglich der Unterrichtung von Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen hat in Griechenland in den letzten Jahren erheblich zugenommen. In der vorliegenden Einzelfallstudie wird untersucht, inwieweit das Video Modeling (VM) eine erfolgreiche Lernstrategie zur Unterrichtung eines Schülers mit Autismus darstellen kann. Der betreffende Schüler bekundete große Schwierigkeiten im Bereich der Körperhygiene, speziell beim Händewaschen. Bei der verbalen Aufforderung, seine Hände zu waschen, konnte er zum einen die Bewegungsabläufe für die geforderte Handlung nicht erfolgreich ausüben, zum anderen konzentrierte er sich nur wenige Sekunden auf diese Tätigkeit. Dazu kam, dass er den komplexen Vorgang des Händewaschens nicht ohne fortwährende Anleitung ausführen konnte. Zum Erlernen dieser Handlung wurde der Schüler deshalb mittels des Video Modeling angeleitet. Die Intervention dauerte insgesamt 32 Sitzungen. Das Ergebnis dieser Fallstudie zeigte zum einen, dass das Repertoire an Bewegungen, die der Schüler zum Waschen der Hände benötigte, dank des Video Modeling zunahm; zum anderen erwies sich, dass er dabei den dazu erforderlichen Zeitaufwand kontinuierlich erhöhte. Zusätzlich gelang es ihm mithilfe dieser Methode, die komplexe Tätigkeit als geordnete Handlungsabfolge und ohne ständige Anleitung des Lehrpersonals zu beenden. Die Ergebnisse dieser Einzelfallstudie zeigen, dass das Video Modeling zur Unterrichtung von Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) sowohl in der Schule als auch zu Hause angewandt werden kann. Gleichzeitig wird im Beitrag die Dringlichkeit einer weiteren Nutzbarmachung der Unterstützten Kommunikation in Griechenland aufgezeigt.
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220 VHN, 84. Jg., S. 220 -233 (2015) DOI 10.2378/ vhn2015.art26d © Ernst Reinhardt Verlag Videogestütztes Modelllernen zur Unterrichtung von Fertigkeiten des Händewaschens Eine kontrollierte Einzelfallstudie an einem zehnjährigen Schüler mit Autismus-Spektrum-Störung Spyridon-Georgios Soulis, Anneta Boukomani, Panagiotis Charizanos Universität Ioannina (Griechenland) Lucia Kessler-Kakoulidis Athen (Griechenland) Zusammenfassung: Das Interesse an Forschungsergebnissen bezüglich der Unterrichtung von Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen hat in Griechenland in den letzten Jahren erheblich zugenommen. In der vorliegenden Einzelfallstudie wird untersucht, inwieweit das Video Modeling (VM) eine erfolgreiche Lernstrategie zur Unterrichtung eines Schülers mit Autismus darstellen kann. Der betreffende Schüler bekundete große Schwierigkeiten im Bereich der Körperhygiene, speziell beim Händewaschen. Bei der verbalen Aufforderung, seine Hände zu waschen, konnte er zum einen die Bewegungsabläufe für die geforderte Handlung nicht erfolgreich ausüben, zum anderen konzentrierte er sich nur wenige Sekunden auf diese Tätigkeit. Dazu kam, dass er den komplexen Vorgang des Händewaschens nicht ohne fortwährende Anleitung ausführen konnte. Zum Erlernen dieser Handlung wurde der Schüler deshalb mittels des Video Modeling angeleitet. Die Intervention dauerte insgesamt 32 Sitzungen. Das Ergebnis dieser Fallstudie zeigte zum einen, dass das Repertoire an Bewegungen, die der Schüler zum Waschen der Hände benötigte, dank des Video Modeling zunahm; zum anderen erwies sich, dass er dabei den dazu erforderlichen Zeitaufwand kontinuierlich erhöhte. Zusätzlich gelang es ihm mithilfe dieser Methode, die komplexe Tätigkeit als geordnete Handlungsabfolge und ohne ständige Anleitung des Lehrpersonals zu beenden. Die Ergebnisse dieser Einzelfallstudie zeigen, dass das Video Modeling zur Unterrichtung von Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) sowohl in der Schule als auch zu Hause angewandt werden kann. Gleichzeitig wird im Beitrag die Dringlichkeit einer weiteren Nutzbarmachung der Unterstützten Kommunikation in Griechenland aufgezeigt. Schlüsselbegriffe: Autismus-Spektrum-Störung, Video Modeling, Unterstützte Kommunikation Video Modeling for Teaching Hand Washing Skills: A Controlled Single Subject Study With a Ten Year Old Student With Autism Spectrum Disorders Summary: The research interest in the education of people with Autism Spectrum Disorders has increased over the last years in Greece. The present study aims at examining the contribution of Video Modeling to the education of a pupil with autism. More specifically, the particular pupil exhibited great difficulty in washing his hands. The pupil failed to respond to the verbal direction “wash your hands” as he made the wrong moves and he devoted only a few seconds to this action. Furthermore, without constant guidance he was FACH B E ITR AG VHN 3 | 2015 221 SPYRIDON-GEORGIOS SOULIS U. A. Videogestütztes Modelllernen FACH B E ITR AG 1 Ausgangssituation In den letzten Jahrzehnten konnte aufgrund von epidemiologischen Studien, die vor allem in England und den USA erstellt wurden, eine erhebliche Zunahme der Menschen mit einer diagnostizierten Autismus-Spektrum-Störung (ASS) festgestellt werden (Amorosa 2010; Schirmer 2010; Aarons/ Gittens 2010; Poustka u. a. 2007; Williams u. a. 2006). Diese Zunahme der Prävalenzangaben beruht sehr wahrscheinlich sowohl auf der Tatsache, dass sich die Definition der „Tiefgreifenden Entwicklungsstörungen“ erweitert hat, als auch darauf, dass sich die diagnostischen Mittel im Laufe der Jahre stetig weiterentwickelt haben (Noterdaeme 2010). Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, nach effektiven pädagogischen Maßnahmen sowie der Nutzbarmachung von pädagogischen Strategien zu forschen, die in der Schulklasse vom Lehrpersonal angewandt werden können. Im Rahmen einer Förderung und Unterstützung der Menschen mit ASS scheinen strategische Interventionen wie die Programme ABA und TEACCH sowie die Methoden PECS und die Social Stories, die eine Hilfe beim täglichen Lernen bieten, besonders erfolgreich zu sein (Baude/ Noterdaeme 2010; Schirmer 2006 und 2010; Koegel/ Koegel 2006; Schreibman 2005; Gray/ White 2004; Wang u. a. 2011; Baer u. a. 1987; Cooper 1982; Baer u. a. 1968; Lovaas u. a. 1966). Konkret unterteilen sich diese Methoden in a) verbale, physisch-gestische Methoden (mit Hilfestellungen, die allmählich ausgeblendet werden) und b) in pictoriale-grafische Methoden sowie video-audiogestützte Methoden (ISAAC 2013; Bölte 2009), die in der Intervention bei Autismus Anwendung finden. Im Rahmen dieser Interventionen wird auch das Video Modeling als video-audiogestützte Methode zum Erlernen von Handlungsabläufen und zur Verhaltensregelung angewandt. Das Video Modeling stellt eine besondere Form der Unterstützung autistischer Menschen dar, denn mit ihm werden sowohl die Möglichkeiten nutzbar gemacht, die uns die neuen Technologien bieten, als auch die autismusspezifischen Schwierigkeiten in der Wahrnehmungsverarbeitung und die charakteristischen Kernsymptome von Menschen mit Autismus berücksichtigt. Im Fokus steht dabei das Anliegen, die betroffenen Menschen bei einer selbstständigeren Lebensgestaltung zu unterstützen, ihre kommunikativen Fähigkeiten zu entwickeln und ihnen zu einer erfolgreichen Integration in ihr soziales Umfeld zu verhelfen (Kazdin 1978). unable to complete the sequence of actions required to wash his hands. The act of washing one’s hands was presented to the aforementioned pupil with the use of Video Modeling. The intervention lasted 32 sessions. The research results showed that through Video Modeling, the pupil with autism increased the variety of moves that he employed in order to wash his hands and devoted more time to this activity. Moreover, the use of Video Modeling enabled him to complete a sequence of actions without the constant guidance of the researchers. On the one hand, the findings of this research can be used during the education of people with Autism Spectrum Disorders, as well in school as at home, regardless of the presence of the educator and the classmates. On the other hand, these findings highlight the necessity to further exploit the Augmentative and Alternative Communication in Greece. Keywords: Autism Spectrum Disorders, Video Modeling, Augmentative and Alternative Communication VHN 3 | 2015 222 SPYRIDON-GEORGIOS SOULIS U. A. Videogestütztes Modelllernen FACH B E ITR AG Die Demonstration eines Vorbilds zur Nachahmung eines Verhaltens oder einer Handlung wird als Lernstrategie für die Erziehung von Menschen mit und ohne ASS angewandt. Nach Bandura (1971) kann das Lernen eines Verhaltens dadurch erreicht werden, dass man anfänglich der Person das erwünschte Verhalten mittels eines Prototyps vorführt und sie sich danach durch wiederholtes Imitieren die konkrete Fertigkeit aneignet (Giese 2010). Die Vorführung des zu imitierenden Verhaltens kann entweder direkt mittels einer Person (invivo) (Tryon/ Keane 1986) geschehen oder mithilfe eines Vorbilds, das die Videoaufnahme zeigt (Video Modeling). Demgemäß beinhaltet die Intervention mit der Methode des Video Modeling zunächst das Anschauen des Videos, das das erwünschte Verhalten mithilfe eines Prototyps zeigt, und danach die Aufforderung zur Nachahmung dieses Verhaltens, die von der gleichen Person ausgehen sollte, die auch im Video zu sehen war (Delano 2007; Charlop- Christy u. a. 2000). Der Einsatz des Video Modeling bei Menschen mit ASS scheint vor allem wegen deren genetisch bedingter Kernsymptome erfolgreich zu sein, zu denen u. a. die selektive Wahrnehmung, das Aufrechterhalten der Konzentration, die tiefgreifenden Störungen in der Reiz- und Wahrnehmungsverarbeitung sowie die Vermeidung von direktem Blickkontakt gehören. Bei autistischen Menschen kann vor allem die selektive Detailwahrnehmung den Lernvorgang erschweren, da sich die Person nur auf bestimmte Details konzentriert, ohne den Vorgang im Ganzen zu erfassen (McCoy/ Hermansen 2007). Mittels des Video Modeling jedoch können die Reize, denen die Person ausgesetzt werden soll, kontrolliert und die wesentlichen Informationen deutlich gemacht und hervorgehoben werden (Charlop- Christy/ Daneshvar 2003). Menschen mit ASS zeigen im Vergleich zu einer rein verbalen Präsentation erwiesenermaßen eine bessere Leistung bei der Verarbeitung von optischen Reizen (Bryan/ Gast 2000; Coucouvanis 1997; O’Riordan/ Plaisted 2001; O’Riordan 2004). Bei der Verwendung von optischen Informationen zeigte sich außerdem, dass sich der Zeitaufwand, der vom Moment der Anleitung bis zur Ausführung einer Tätigkeit benötigt wird, wesentlich verkürzte (Dettmer u. a. 2000). Das Video Modeling stellt eine visuelle Lehrmethode dar, die gezielt die ausführliche verbale Information vermeidet und sich die besondere Fähigkeit autistischer Menschen zu einer visuellen Verarbeitung von Informationen zunutze macht. Gleichzeitig kann sich der Schüler beim Lernvorgang auf einen bestimmten sensorischen Bereich konzentrieren, womit die Möglichkeit der Konzentrationsminderung aufgrund übermäßiger Reize weitgehend reduziert wird (Mesibov u. a. 2005; Quill 1997). 2 Methode 2.1 Problemstellung, Ziele und Fragestellung Um Menschen mit ASS ein möglichst hohes Niveau an Selbstständigkeit zu ermöglichen und sie bei der Alltagsbewältigung zu unterstützen, steht die Aneignung von Kulturtechniken wie der Sauberkeitserziehung im Fokus der wichtigsten pädagogischen Ziele. Dadurch sollen die betroffenen Personen mehr Autonomie erlangen, wodurch der funktionale Tagesablauf der Familie unterstützt wird (Jordan 2002). Im Rahmen der Sauberkeitserziehung sollte erreicht werden, dass die autistische Person ihre Hände allein und ohne ständige Anleitung und Unterstützung waschen kann. Diesbezüglich wurde bei einem autistischen Schüler, der noch keine Erfahrungen mit dieser Lehrmethode hatte, der Lernvorgang der Sauberkeitserziehung bzw. des Händewaschens mittels des Video Modeling durchgeführt. VHN 3 | 2015 223 SPYRIDON-GEORGIOS SOULIS U. A. Videogestütztes Modelllernen FACH B E ITR AG Ein Überblick bezüglich der vorhandenen Literatur in Griechenland ergab, dass die Methode des Video Modeling als Unterstützung zur Leistungssteigerung bei Lernprozessen in der griechischen Schulrealität nicht angewandt wird. Ziel dieser Untersuchung war es zu prüfen, inwieweit die Anwendung des Video Modeling den Menschen mit Autismus beim Lernprozess, und konkret beim Erlernen einer Hygienetätigkeit im Rahmen des Schulunterrichts, unterstützen kann. Zusätzlich wurde untersucht, ob der Einsatz des Video Modeling zum Erlernen einer vollständigen, geordneten Handlungsabfolge ohne die ständige Anleitung der Lehrperson beitragen kann. Außerdem wurde geprüft, ob das Video Modeling auch dann erfolgreich sein kann, wenn es in einer Umgebung wie dem Klassenzimmer angewandt wird, in welcher der Schüler in einem nicht reizreduzierten Rahmen, also bei gleichzeitiger Anwesenheit der Lehrkraft und der Mitschüler, arbeiten und lernen soll. 2.2 Der Teilnehmer An der Fallstudie nahm ein Schüler mit einer diagnostizierten ASS teil, der eine Förderschule besuchte. Am Anfang des Projekts war der Schüler 10 Jahre und 7 Monate alt und hatte keinerlei Erfahrung mit Video Modeling. Der Schüler, der auf der Basis von WISC-IV (Wechsler) eine verbale Intelligenz von 92 und eine visuell-räumliche Intelligenz von 116 aufwies, zeigte folgende Symptome: Eingeschränktes Sprachvermögen, Defizite in der Interaktion mit anderen Kindern, eingeschränkte Kommunikation mit Erwachsenen, begrenzter oder fehlender Blickkontakt, eingeschränktes Repertoire an Imitationsverhalten. Im Sozialverhalten war er zurückgezogen und zeigte keinerlei auffälliges oder aggressives Verhalten. Am liebsten beschäftigte er sich allein, besonders mit einem Computer. Der Schüler versteht einfache verbale Aufforderungen und kann sie ausführen. Er kann sich nicht über einen Zeitraum von mehr als 20 Sekunden auf einen optischen Reiz konzentrieren. Der Teilnehmer dieser Einzelfallstudie war zwar in der Lage, seine Hände zu waschen, dies aber nur unter ständiger Beobachtung und verbaler Anleitung des Lehrpersonals. Ziel der Untersuchung war also, ihm mithilfe des Video Modeling beizubringen, die Tätigkeit selbstständig ausführen zu können. 2.3 Umfeld und Material Die Intervention fand im Klassenraum des Schülers bei Anwesenheit der Mitschüler statt, da seine Klasse eine ihm vertraute Umgebung darstellt. Für das Lernprogramm wurde zur Reinigung der Hände ein alkoholisches Desinfektionsmittel - ohne den Gebrauch von Wasser - verwendet, dessen Benutzung dem Schüler schon von früheren Anwendungen her bekannt war. Zusätzlich wurde ein Laptop für die Vorführung des Videos benutzt. Dazu kamen eine Kamera für die Aufzeichnung der Sitzungen und ein Chronometer. Das Video, das dem Schüler gezeigt wurde, dauerte insgesamt 20 Sekunden, da der Konzentrationsradius des Schülers keine 20 Sekunden überstieg, und zeigte als Vorbild seine Lehrkraft beim Händewaschen. Nach Vorgabe des griechischen Gesundheitsministeriums besteht der Vorgang des Händewaschens aus vier Tätigkeitsphasen 1 . Im Film wurden deshalb vier konkrete Handlungsabfolgen gezeigt, die zum Waschen der Hände notwendig sind. In Anbetracht der Tatsache, dass das Händewaschen in vier Phasen unterteilt wurde, deren Dauer insgesamt den Zeitraum von 20 Sekunden und damit die Konzentrationsphase des Schülers nicht überschritten, wurde jede Ausführungsphase auf einen Zeitraum von 5 Sekunden beschränkt. Das Video selbst beinhaltete keine auditiven Komponenten im Sinne einer gleichzeitigen verbalen Anweisung durch das Vorbild, es waren nur die direkt zur Handlung selbst gehörenden Geräusche zu hören. VHN 3 | 2015 224 SPYRIDON-GEORGIOS SOULIS U. A. Videogestütztes Modelllernen FACH B E ITR AG 3 Handlungsanleitungen 3.1 Händewaschen Für die erfolgreiche Ausführung des Händewaschens wird ein Vorgang von vier Teilhandlungsvorgängen vorgeschrieben, die insgesamt 15 - 20 Sekunden dauern. Konkret bestanden die Teilhandlungen, die bei dem Versuch ausgeführt wurden, aus folgenden Kleinschritten: Teilhandlung 1: In die Handflächen wird die für erforderlich angezeigte Dosis des Desinfektionsmittels gegeben, damit alle Flächen bedeckt sind. Teilhandlung 2: Die Handflächen werden gegeneinander gerieben. Teilhandlung 3: Die linke Hand reibt über den Handrücken der rechten Hand, indem die Finger der linken Hand in die mittleren Fingerzwischenräume der rechten Hand greifen, und umgekehrt. Teilhandlung 4: Die Handinnenflächen werden gegeneinander und die Zwischenräume in Kreuzform gegeneinander gerieben. 3.2 Erfolgreiche Ausführung des Händewaschens Jede Teilhandlung - außer der ersten - wird als erfolgreich angesehen, wenn sie in einem bestimmten Zeitraum ausgeführt wird. Konkret soll die Teilhandlung 2, damit sie als erfolgreich eingestuft werden kann, weniger als vier Sekunden dauern. Teilhandlung 3 soll weniger als zwei Sekunden dauern, und die Teilhandlung 4 soll im Zeitraum von vier oder weniger als vier Sekunden ausgeführt werden. Bei der Beurteilung der Teilhandlung 1 geht es im Wesentlichen um deren vollständige Ausführung und weniger um die Zeitmessung. Die Gesamthandlung wird dann als erfolgreich eingestuft, wenn der Teilnehmer alle für diese Tätigkeit notwendigen Teilhandlungen mit Erfolg vollzogen hat. Erst bei einer Erfolgsrate von 100 % in drei aufeinanderfolgenden Sitzungen geht man davon aus, dass der Schüler den Arbeitsvorgang gelernt hat. 4 Vorgang Die Fallstudie erstreckte sich über acht Wochen und wurde in 32 Sitzungen ausgeführt. Die ersten drei Sitzungen (b1, b2, b3: Baseline) beinhalteten die erste Versuchsphase und dienten der Kontrolle. Es wurden Informationen gesammelt, die Aufschluss darüber gaben, auf welche Art und Weise der Schüler seine Hände wäscht. Die übrigen Sitzungen (s1, s2, s3 … s32) bildeten die zweite Versuchsphase, während welcher das Video Modeling für den Schüler eingeführt wurden. 1. Versuchsphase In der Baseline (b1, b2 und b3) wird der Schüler aufgefordert: „Wasche Deine Hände! “ Danach erfolgte keinerlei Unterstützung oder verbale Anleitung mehr. 2. Versuchsphase In der zweiten Versuchsphase wird der Schüler in das Video Modeling eingeführt, wobei er in der Klasse an seinem Tisch sitzt. Der Laptop wird vor ihn hingestellt, und das Video läuft ab. Die Person, die den Test vornimmt, sitzt hinter dem Schüler, damit seine Aufmerksamkeit nicht abgelenkt wird. Danach wird aus dem gleichen Grund der Laptop entfernt. Dem Kind wird der Auftrag gegeben: „Wasche deine Hände! “ Jedes Mal, wenn der Schüler nach dieser Aufforderung seine Hände wusch - unabhängig vom Ergebnis - wurde er gelobt. Ebenso wurde jedes Mal bei einer Verbesserung der Ausführung ein Lob an den Schüler ausgesprochen. Wenn das Kind eine Tätigkeit vollzogen hatte, wartete die Untersuchungsperson zehn Sekunden, ob das Kind die nächste Teilhandlung ausführte. War dies nicht der Fall, wurde die Sitzung abgebrochen. VHN 3 | 2015 225 SPYRIDON-GEORGIOS SOULIS U. A. Videogestütztes Modelllernen FACH B E ITR AG 5 Ergebnisse In Abbildung 1 ist zu sehen, dass der Schüler die Handlung 1 in allen Sitzungen, sowohl in der ersten Versuchsphase als auch in der zweiten, mit Erfolg beendete. Der Schüler hatte gelernt, dass er zum Händewaschen die vorgegebene Menge des alkoholischen Desinfektionsmittels in seine Handflächen geben musste, damit die ganze Fläche bedeckt war. Abbildung 2 zeigt die Erfolgsrate des Schülers bei der Handlung 2 in der ersten und zweiten Versuchsphase. Der Schüler scheint schon ab der zweiten Sitzung der Versuchsphase den Zeitaufwand zu erhöhen, den er für den Vollzug der Handlung 2 benötigt. Von den 32 Sitzungen gelingt es dem Schüler in 20 Sitzungen, die Handlung 2 erfolgreich zu beenden. Ab der 21. Sitzung scheint sich seine Leistung zu stabilisieren und er beendet die Handlung 2 immer mit Erfolg. 100 90 80 70 60 50 40 30 20 10 0 Prozentsatz der erfolgreichen Beendigung der Handlung b1 b2 b3 s1 s2 s3 s4 s5 s6 s7 s8 s9 s10 s11 s12 s13 s14 s15 s16 s17 s18 s19 s20 s21 s22 s23 s24 s25 s26 s27 s28 s29 s30 s31 s32 Sitzungen Ausgangswerte Video Modeling Abb. 1 Erfolgsrate der Teilhandlung 1 100 90 80 70 60 50 40 30 20 10 0 Prozentsatz der erfolgreichen Beendigung der Handlung b1 b3 s2 s4 s6 s8 s10 s12 s14 s16 s18 s20 s22 s24 s26 s28 s30 s32 Sitzungen Ausgangswerte Video Modeling Abb. 2 Erfolgsrate der Teilhandlung 2 VHN 3 | 2015 226 SPYRIDON-GEORGIOS SOULIS U. A. Videogestütztes Modelllernen FACH B E ITR AG Abbildung 3 zeigt den Prozentsatz des Erfolgs der Handlung 3. Nur in 2 Sitzungen ist eine erfolgreiche Beendigung der Handlung 3 zu verzeichnen. In 4 Sitzungen beendet der Schüler die Handlung 3 mit einem Quotienten von 50 % erfolgreich. Insgesamt lässt sich eine ansteigende Tendenz der Leistung des Schülers verzeichnen. Der Schüler fügt beim Händewaschen schrittweise den Bewegungsvorgang der Handlung 3 hinzu. Es wurde jedoch keine Stabilität der Leistung erreicht. Abbildung 4 zeigt die ansteigende Tendenz der Leistung des Schülers in Bezug auf die Handlung 4 des Händewaschens. Vor der Intervention mit Video Modeling konnte der Schüler die Handlung 4 nicht ausführen. Konkret zeigt sich der Bewegungsvorgang der Handlung 4 in 100 90 80 70 60 50 40 30 20 10 0 Prozentsatz der erfolgreichen Beendigung der Handlung b1 b3 s1 s3 s5 s7 s9 s11 s13 s15 s17 s19 s21 s23 s25 s27 s29 s31 Sitzungen Ausgangswerte Video Modeling Abb. 3 Erfolgsrate der Teilhandlung 3 100 90 80 70 60 50 40 30 20 10 0 Prozentsatz der erfolgreichen Beendigung der Handlung b1 b3 s1 s3 s5 s7 s9 s11 s13 s15 s17 s19 s21 s23 s25 s27 s29 s31 Sitzungen Ausgangswerte Video Modeling Abb. 4 Erfolgsrate der Teilhandlung 4 VHN 3 | 2015 227 SPYRIDON-GEORGIOS SOULIS U. A. Videogestütztes Modelllernen FACH B E ITR AG 15 von 32 Sitzungen, ab der 13. Sitzung und danach fügt der Schüler die Bewegungsvorgänge der Handlung 4 in sein Repertoire ein. Bei 9 von 32 Sitzungen erreicht der Schüler eine Erfolgsrate von 100 %. Der Schüler scheint seine Leistung ab der 26. Sitzung und danach zu stabilisieren, denn die Handlung 4 weist ab dann eine Erfolgsrate von 100 % auf. Diese Tatsache deutet darauf hin, dass er den Vorgang des Händewaschens mit dem Bewegungsvorgang der Handlung 4 bereichern konnte. Außer den Handlungen 1 und 2 stabilisiert sich also auch seine Leistung bei der Handlung 4. Anzumerken ist dabei, dass der Schüler die Handlung 1 schon vor der Untersuchung beherrscht hat. Handlung 2 hat er nicht stabil in allen Sitzungen angewendet, obwohl er wusste, wie er sie ausführen sollte; erst ab der 19. Sitzung stabilisiert sich die Anwendung der Handlung 2 auf eine Quote von 100 %. Die Handlungen 3 und 4 fügt der Schüler in der 10. und 14. Sitzung in sein Bewegungsrepertoire ein, ohne sie jedoch beständig in jeder Sitzung zu benutzen. Auch wenn es scheint, als würde er die Handlung 3 früher ausführen, zeigt sich doch, dass er im Verlauf Schwierigkeiten hat, sie völlig in den Bewegungsvorgang einzufügen. Wahrscheinlich kann dies mit der Schwierigkeit der Zusammensetzung der Handlung begründet werden, weshalb man allenfalls die Präsentation eines eigenen Videos in Betracht ziehen sollte, das nur diese konkrete Handlung beinhaltet. Hier sollte noch betont werden, dass die Handlung 4 ab der 26. Sitzung und danach mit Erfolg ausgeführt wird. Zusätzlich ist zu beobachten, dass der Schüler die ersten zwei Handlungen immer ausführt, jedoch die Handlungen 3 und 4 nur im Wechsel. In Abbildung 5 ist zu sehen, dass die Erfolgsrate des Schülers beim Vorgang des Händewaschens während der Versuchsphasen 1 und 2 ansteigt. Während der ersten Versuchsphase (b1, b 2, b 3: Baseline), also bei den Sitzungen, die vor der Intervention erfolgten, um Informationen bezüglich des Verhaltens des Schülers auf die verbale Aufforderung „Wasche deine Hände! “ zu sammeln, konnte der Schüler nur 25 % der Handlungen durchführen, die für die gesamte Tätigkeit des Händewaschens erforderlich waren. Während der 2. Versuchspha- 100 95 90 85 80 75 70 65 60 55 50 45 40 35 30 25 20 15 10 50 Erfolgsquote in % b1 b2 b3 s1 s2 s3 s4 s5 s6 s7 s8 s9 s10 s11 s12 s13 s14 s15 s16 s17 s18 s19 s20 s21 s22 s23 s24 s25 s26 s27 s28 s29 s30 s31 s32 Sitzungen Baseline Video Modeling Abb. 5 Erfolg bei der Handlung „Händewaschen“ VHN 3 | 2015 228 SPYRIDON-GEORGIOS SOULIS U. A. Videogestütztes Modelllernen FACH B E ITR AG se (s1 - s32), also während der Phase, in der das Video Modeling zur Anwendung kam, konnte der Schüler in den ersten drei Sitzungen auch nur 25 % der Tätigkeiten ausführen, die für das erfolgreiche Händewaschen notwendig waren. Erst ab der 4. Sitzung ist eine Leistungssteigerung zu verzeichnen, und die Erfolgsrate steigt auf 50 %. In der 21. Sitzung ist der Schüler in der Lage, das Händewaschen zu 75 % vollständig zu vollziehen. Ab der 20. Sitzung und im weiteren Verlauf hat der Schüler eine Erfolgsrate von 50 % und mehr. Ab der 26. Sitzung und danach hat sich die Leistung des Schülers auf die Erfolgsquote von 75 % stabilisiert. In der 31. Sitzung beendet der Schüler das Händewaschen erfolgreich zu 100 %. Insgesamt also verbesserte sich die Gesamtleistung des Schülers nach und nach von 25 % auf 75 %. Abbildung 6 zeigt die Zeit, die der Schüler zum Händewaschen sowohl in der 1. als auch in der 2. Versuchsphase brauchte. Bei den Sitzungen der 1. Versuchsphase beschäftigte sich der Schüler nur eine bis zwei Sekunden mit dem Händewaschen. Nach der Einführung des Video Modeling ist eine Erhöhung der Zeitdauer für das Händewaschen festzustellen. Ab der 21. Sitzung und danach wäscht sich der Schüler die Hände während 9 - 11 Sekunden. Darüber hinaus wendet er zunehmend mehr Zeit für die Handlungen auf, die er durch das Video Modeling erworben hat. Sitzungen s32 s31 s30 s29 s28 s27 s26 s25 s24 s23 s22 s21 s20 s19 s18 s17 s16 s15 s14 s13 s12 s11 s10 s9 s8 s7 s6 s5 s4 s3 s2 s1 b3 b2 b1 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 Dauer des Händewaschens (Sek.) Handlung 3 Handlung 4 Handlung 2 Abb. 6 Dauer des Händewaschens VHN 3 | 2015 229 SPYRIDON-GEORGIOS SOULIS U. A. Videogestütztes Modelllernen FACH B E ITR AG 6 Diskussion Die hier vorgestellte Einzelfallstudie macht deutlich, dass Fertigkeiten wie das Händewaschen mittels Video Modeling erfolgreich erlernt werden können, selbst wenn die Person keinerlei vorherige Erfahrung mit dieser Methode hat. Konkret war der Schüler in kürzester Zeit in der Lage, den Vorgang des Händewaschens zu einem effektiven Handlungsablauf zu gestalten. Nicht nur, dass er dabei das Repertoire seiner Bewegungen erweiterte, sondern er erhöhte auch den Zeitaufwand, den er dafür in Anspruch nahm. Zusätzlich gelang es dem Schüler, auf einer dauerhaften Basis die richtigen Handlungen zum Händewaschen zu erlernen. Dies ist eine bemerkenswerte Tatsache, die die Bedeutung dieser Intervention bei der Unterrichtung von Menschen mit Autismus noch unterstreicht. Gleichzeitig bestätigte die Untersuchung, die in Griechenland zum ersten Mal durchgeführt wurde, dass diese Methode praktisch auch in der griechischen Schulrealität Anwendung finden kann. Die Feststellung, dass Video Modeling bei Anwesenheit der Lehrkraft und der Mitschüler im Klassenraum ausgeführt werden kann, ohne dass ein gesonderter Raum oder finanziell aufwendiges Material erforderlich ist, kann in diesem Land als besonders positiv bewertet werden. Deshalb sollte noch einmal betont werden, dass der Schüler in der Lage war, sich trotz der Anwesenheit der Lehrperson und der Mitschüler, die einen erheblichen Faktor von Außenreizen darstellen, auf die Tätigkeit zu konzentrieren und letztendlich die Technik des Händewaschens zu erwerben. Vorangegangene Studien dazu (Charlop u. a. 2010; Geiger u. a. 2010) fanden jeweils in einem Umfeld statt, in dem der Schüler sowohl während der Vorführung des Videos als auch bei der Ausführung des gewünschten Verhaltens keinerlei optischen oder akustischen Außenreizen ausgesetzt war. An diesem Punkt weisen wir noch einmal auf die Vor- und Nachteile hin, die sich in der vorliegenden Untersuchung bei der Anwendung des Video Modeling zeigten. Zu den entscheidenden Vorteilen gehört die Tatsache, dass der Schüler mittels der Methode eine konkrete Handlung schnell und erfolgreich erlernen konnte. Als wesentlich ist zu erwähnen, dass die Anwesenheit der Lehrkraft und der Mitschüler, die eine bedeutende Ablenkung in Bezug auf optische und akustische Reize von außen ausmacht, keinen negativen Einfluss auf die Ausführung seiner Aufgaben hatte. Vor der Intervention war der Schüler bei einer alleinigen verbalen Anleitung durch die Lehrkraft und ohne Video Modeling nicht in der Lage, sich über längere Zeit auf die von ihm geforderte Aufgabe zu konzentrieren und diese auszuführen. Als ein weiterer Vorteil sollte angeführt werden, dass das Video Modeling mit Erfolg sowohl im schulischen Rahmen als auch zu Hause angewandt werden kann. Dazu gehört jedoch, dass die Eltern in die Methode eingeführt und dafür ausgebildet werden. Zu den Nachteilen der Methode zählt die Tatsache, dass bei der Anwendung im Klassenraum nicht mehrere autistische Schüler gleichzeitig damit unterrichtet werden können, da deren autismusspezifische Lernschwierigkeiten teilweise sehr differieren. Außerdem ist das Video Modeling keine interaktive Methode, d. h. sie entsteht nicht als lebendiger Dialog (in vivo) zwischen der Lehrkraft und dem Schüler. Dies ist gerade bei Schülern mit Schwierigkeiten in der verbalen Sprachentwicklung ein Nachteil, denn es fehlt die praktische Übung in der verbalen Kommunikation. Nach Morgan und Salzberg (1992) spielt bei der Leistungssteigerung durch das Video Modeling vor allem die Tatsache eine Rolle, dass sie direkt mit dem Alltag des Schülers verbunden werden kann. Der Lernvorgang bei dieser Untersuchung wurde im natürlichen Umfeld VHN 3 | 2015 230 SPYRIDON-GEORGIOS SOULIS U. A. Videogestütztes Modelllernen FACH B E ITR AG des Schülers, nämlich in seiner Klasse vollzogen. Die Sitzungen wurden nicht willkürlich angesetzt, sondern ergaben sich aus den täglichen Handlungen des Schülers. Konkret wurde der Schüler gebeten, sich die Hände vor oder nach dem Essen zu waschen, nach der Zeichenstunde, in welcher er mit Fingerfarben gemalt hatte, nach dem Spielen im Freien usw. Damit wurde eine logische Verbindung zwischen dem Lernvorgang und der funktionalen Notwendigkeit des Händewaschens und deren Nützlichkeit geschaffen. In der Untersuchung von Nikopoulos und Keenan (2007) wurde die Wirksamkeit des Video Modeling bei autistischen Kindern zum Erlernen einer komplexen Handlung wie das Gießen einer Pflanze, das Wischen des Bodens und das Aufhängen der Jacke mittels eines Videos überprüft, das die drei Handlungen zeigte. Alle Teilnehmer konnten die aufeinanderfolgenden Handlungen trotz deren Komplexität imitieren, mit der einzigen Voraussetzung, dass ihnen das Video Modeling als didaktische Methode schon vorher vertraut war. In der vorliegenden Fallstudie lernte der Schüler in kürzester Zeit, eine komplexe Bewegungsabfolge, nämlich das Händewaschen, erfolgreich auszuführen. Damit erweist sich, dass eine Intervention, die sich auf die Vorführung eines kurzen Videos stützt, erfolgreich zu einer raschen Verhaltensänderung bei autistischen Kindern führen kann. Dies trifft auch dann zu, wenn der Schüler keine vorherige Erfahrung mit dieser Lernmethode hat. Als weiteres Argument für die Anwendung spricht nach Ayres und Langone (2005) die Tatsache, dass das Video Modeling insgesamt eine wirtschaftlich günstige Lehrmethode darstellt, da der Schüler damit schneller Wissen und Handlungen erwerben kann, ohne dass eine ständige Anleitung durch die Lehrkraft notwendig wäre. Diese Tatsache halten wir für einen besonderen Vorteil. Untersuchungen haben ergeben, dass Lerninhalte, die die ständige Anwesenheit der Lehrkraft voraussetzen, beim Schüler zu vermehrter Abhängigkeit führen (Lasater/ Brandy 1995). So steht einer erfolgreichen Selbstständigkeitsentwicklung der erhöhte Grad der Abhängigkeit von der Lehrkraft im Wege. Die Anwendung der vorgestellten Interventionsmaßnahme sollte jedoch im Weiteren einer Diskussion unterzogen werden, um die Effektivität für jeden Schüler sicherzustellen. Dies bezieht sich sowohl auf die Ausgangsbedingungen als auch auf die speziellen Faktoren wie etwa das Filmen des Videos, die sich auf den Lernprozess des Schülers auswirken können. Einige der Charakteristika dieses Experiments, die letztlich die Leistung des Schülers beeinflussen könnten und die in weiterer Zukunft untersucht werden sollten, sind die Evaluierung bezüglich der Dauer des Videos, der Visualisierung und Strukturierung und seines Aufbaus. Als weitere Anregung könnte man anfügen, dass die Videoaufnahmen allenfalls mit einer Melodie - vielleicht der Melodie eines dem Kind bekannten Kinderliedes - unterlegt werden könnten. Denn es ist erwiesen, dass gerade autistische Kinder besonders auf sprachliche Texte reagieren, die mit Musik gekoppelt sind. Nicht umsonst ist bei ihnen das Repertoire an Werbeslogans, die in Musik gekleidet sind, besonders groß, und solche werden auch von Kindern repetiert, bei denen nur ein geringes Sprachvermögen vorhanden ist (vgl. Kowal- Summek 2012; Kessler-Kakoulidis 2010). Die Inklusion von Kindern mit und ohne Behinderung in Regelschulen stellt in Griechenland eine neue Tendenz im Bereich der integrativen Pädagogik dar (Soulis/ Kessler-Kakoulidis 2011; Gena 2006). Dabei könnte das Video Modeling innerhalb der Schulklasse als wertvolles Arbeitsmittel für Kinder mit ASS eingesetzt werden. Ein weiterer positiver Aspekt besteht außerdem darin, dass das Video Modeling sowohl von den Eltern als auch von den Lehrkräften angewandt werden kann, ohne dass eine langwierige und kostenaufwendige Ausbildung notwendig wäre (Corbett/ Abdullah 2005; Bernard-Opitz u. a. 2004). VHN 3 | 2015 231 SPYRIDON-GEORGIOS SOULIS U. A. Videogestütztes Modelllernen FACH B E ITR AG 7 Fazit und Ausblick Die vorliegende Einzelfallstudie bestätigt, dass die Anwendung des Video Modeling eine erfolgreiche Strategie zum Erlernen von komplexen Handlungsabläufen sein kann. Es sei jedoch betont, dass sich die Ergebnisse der Fallstudie nur auf den angeführten Teilnehmer beziehen und die Schlussfolgerungen nicht für alle autistischen Schüler an griechischen Schulen verallgemeinert werden können. Des Weiteren sollten technische Fakten wie die Dauer des Videos, der optische Blickwinkel, aus dem es gedreht wurde, und der verwendete Prototyp untersucht werden, um die Effekte des Video Modeling so positiv wie möglich zu gestalten. Zur objektiveren Beurteilung des Ergebnisses und einer fachgerechteren Evaluierung sollte ferner ein unabhängiger Beobachter herangezogen werden, der zusätzlich zu der Untersuchungsgruppe die Versuchsergebnisse mit notiert. Eine wesentliche Komponente in Bezug auf den Erfolg dieser Intervention wäre es schließlich nachzuprüfen, inwieweit der Schüler nach einem gewissen Zeitraum ab dem Ende der Anwendung die damals gelernten Fähigkeiten noch besitzt. Um zu einer objektiveren Beurteilung zu kommen, sollte die Methode des Video Modeling außerdem bei einer größeren Anzahl von Menschen mit Autismus ohne jegliches Sprachvermögen und bei hochgradiger intellektueller Behinderung angewandt werden. Und schließlich sollte das Video Modeling als Lernmethode auch zu Hause eingesetzt werden, um die Ergebnisse zwischen der Anwendung in der Schulklasse und im häuslichen Rahmen zueinander in Beziehung setzen zu können. Anmerkung 1 2011 wurde vom griechischen Gesundheitsministerium während der Grippewelle des Virus H1N1 eine allgemeine Verordnung bezüglich der Hygienevorschriften herausgegeben. Diese Verordnung wandte sich an alle staatlichen Dienststellen und besonders an Schulen. Um eine Übertragung des Virus H1N1 weitgehend zu vermeiden, wurde in der Verordnung dargestellt, auf welche Art und Weise sich die Bürger ihre Hände waschen sollten. Literatur Aarons, M.; Gittens, T. (2010): Das Handbuch des Autismus. 3. Aufl. Weinheim: Beltz Amorosa, H. (2010): Epidemiologie. In: Noterdaeme, M.; Enders, A. (Hrsg.): Autismus-Spektrum- Störungen (ASS). Ein integratives Lehrbuch für die Praxis. Stuttgart: Kohlhammer, 31 -36 Ayres, K. M.; Langone, J. (2005): Intervention and instruction with video for students with autism: A review of the literature. In: Education and Training in Developmental Disabilities 40, 183 -196 Baer, D. M.; Wolf, M. M.; Risley, T. R. (1968): Some current dimensions of applied behavior analysis. In: Journal of Applied Behavior Analysis 1, 91 -97. http: / / dx.doi.org/ 10.1901/ jaba.1968.1-91 Baer, D. M.; Wolf, M. M.; Risley, T. R. (1987): Some still-current dimensions of applied behavior analysis. 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