eJournals Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete84/4

Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete
5
0017-9655
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/vhn2015.art42d
5_084_2015_4/5_084_2015_4.pdf101
2015
844

Rezension: Luchsinger, Katrin / Salathé, André / Dammann, Gerhard / Jagfeld, Monika (Hrsg.) (2015): Auf der Seeseite der Kunst. Werke aus der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen, 1894 - 1960

101
2015
Christian Mürner
Auf der Seeseite der Kunst war der Titel einer Ausstellung im Museum im Lagerhaus St. Gallen (bis März 2015). Der gleichnamige Begleitband bietet eine fundierte Auseinandersetzung zu dieser Ausstellung von Zeichnungen und Werken aus der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen. Auf der Seeseite bezeichnete im Thurgauischen das Herkommen von dieser Irrenanstalt, die eben direkt am Bodensee liegt, im Gegensatz zum Spital, das sich auf der anderen Seite des Zauns, der Straße und der Bahnlinie befand.
5_084_2015_4_0012
VHN 4 | 2015 358 REZE NSION E N Luchsinger, Katrin; Salathé, André; Dammann, Gerhard; Jagfeld, Monika (Hrsg.) (2015): Auf der Seeseite der Kunst. Werke aus der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen, 1894 -1960 Zürich: Chronos Verlag. 160 S., € 26,- „Auf der Seeseite der Kunst“ war der Titel einer Ausstellung im Museum im Lagerhaus St. Gallen (bis März 2015). Der gleichnamige Begleitband bietet eine fundierte Auseinandersetzung zu dieser Ausstellung von Zeichnungen und Werken aus der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen. „Auf der Seeseite“ bezeichnete im Thurgauischen das Herkommen von dieser „Irrenanstalt“, die eben direkt am Bodensee liegt, im Gegensatz zum Spital, das sich auf der anderen Seite des Zauns, der Straße und der Bahnlinie befand. Die Psychiatrische Klinik Münsterlingen, gegründet 1840, feiert 2015 also das 175-Jahr-Jubiläum. Rund 250 Zeichnungen von drei Frauen und VHN 4 | 2015 359 REZE NSION E N 12 Männern stammen aus den historischen Krankenakten im Staatsarchiv des Kantons Thurgau. Vor allem Roland Kuhn, von 1939 -1980 Oberarzt und dann Direktor der Klinik, bewahrte die Werke auf. Während für die Ärzte die Zeichnungen eher diagnostischen Wert hatten, gaben sie den Patienten die Möglichkeit des Selbstausdrucks, der Darstellung von Wünschen und einer eigenen Weltsicht. In Münsterlingen bestand ein besonderes Interesse an den künstlerischen Arbeiten, vor allem in den Jahren 1940 bis 1950, auch wenn im Widerspruch dazu gleichzeitig die Patienten erstmals medikamentös mit Pillen und Elektroschocks behandelt wurden. Die Hauptherausgeberin Katrin Luchsinger bemerkt: „Das künstlerische Schaffen in der Psychiatrie der 1940er-Jahre und später war eingespannt in Behandlungskonzepte, die […] in manchen Fällen Schaden anrichteten.“ Die Kurzbiografien und Abbildungen im zweiten Teil des schön aufgemachten Buches präsentieren eindrücklich die Unvereinbarkeit von psychiatrischer Diagnose und künstlerischem Ausdruck. Zum Beispiel bei Konrad B., der in seinen kleinen Formaten durch ornamental und symmetrisch komponierte Strukturen und Motive eine eigene Ordnung und Orientierung schuf, auf die sich dann die psychiatrisch simplen Eintragungen beziehen: „Ruhiger Patient, froh, wenn er seine Zeichnungen zeigen darf.“ Oder es ließe sich auch Emil K. erwähnen oder Franz Sch., der mit grafisch überzeugenden Stadtplänen eine Utopie entwirft. Da die Zeichnungen aber Bestandteil der Krankenakten sind, lässt sich fragen, ob sie in Ausstellungen oder bei der Kommentierung zu Kunstwerken werden? Die Namen der Urheberinnen und Urheber sind anonymisiert, da eine archivalische Schutzfrist besteht. Sind ihre Arbeiten als Auflehnung zu deuten und erhalten dadurch ihren künstlerischen Ausdruck? Roland Kuhn hatte bestimmte Zeichnungen als „ein Art Selbsttherapie“ interpretiert, die für ihn als Psychiater außerhalb der Grenzen seiner institutionellen Hilfe einen „Zugang zur Welt der Patienten“ ermögliche, wie der heutige ärztliche Direktor der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen und selbst Sammler solcher Werke, Gerhard Dammann, schreibt. Auch wenn die Arbeiten nicht in der Absicht der Kunst entstanden sein mögen, erhalten sie heute in diesem Rahmen ihren adäquaten Rang. Dies dokumentiert das Buch in vorzüglich mehrperspektivischer Art und Weise. Dr. Christian Mürner D-22529 Hamburg DOI 10.2378/ vhn2015.art42d