eJournals Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete85/2

Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete
5
0017-9655
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/vhn2016.art17d
5_085_2016_2/5_085_2016_2.pdf41
2016
852

Dialog: Vor dem Alter sind nicht alle gleich!

41
2016
Bettina Lindmeier
Verschärfung von Benachteiligung in Übergangssituationen „Vor dem Alter sind nicht alle gleich!“ Diese Aussage leitet einen neueren Bericht zur Situation von Menschen mit lebenslanger Behinderung im Alter in Deutschland ein (Berlin-Institut 2009, 4). Für alle Menschen sind zwar mit dem Altwerden bestimmte gesundheitliche Risiken verbunden. Die Situation von Menschen, die großenteils erst im Alter behindert werden, unterscheidet sich allerdings grundlegend von der Situation lebenslang behinderter älterer Menschen, da erstere - bei großen individuellen Unterschieden - über die für ihre Generation typischen biografischen Erfahrungen, sozialen Netzwerke und finanziellen Ressourcen ver­fügen.
5_085_2016_2_0008
152 VHN, 85. Jg., S. 152 -158 (2016) DOI 10.2378/ vhn2016.art17d © Ernst Reinhardt Verlag Vor dem Alter sind nicht alle gleich! Wie sehen Menschen mit lebenslangen Behinderungen ihr Alter? Kommentierte Gespräche mit älter werdenden Menschen mit geistiger Behinderung Bettina Lindmeier Leibniz Universität Hannover DIALOG TH EME NSTR ANG Institutionelle Übergänge in der gesamten Lebensspanne 1 Verschärfung von Benachteiligung in Übergangssituationen „Vor dem Alter sind nicht alle gleich! “ Diese Aussage leitet einen neueren Bericht zur Situation von Menschen mit lebenslanger Behinderung im Alter in Deutschland ein (Berlin- Institut 2009, 4). Für alle Menschen sind zwar mit dem Altwerden bestimmte gesundheitliche Risiken verbunden. Die Situation von Menschen, die großenteils erst im Alter behindert werden, unterscheidet sich allerdings grundlegend von der Situation lebenslang behinderter älterer Menschen, da erstere - bei großen individuellen Unterschieden - über die für ihre Generation typischen biografischen Erfahrungen, sozialen Netzwerke und finanziellen Ressourcen verfügen. Menschen mit geistiger Behinderung erleben im Alter Ähnliches wie alle Menschen: das Ausscheiden aus dem Beruf - in der Regel einer Tätigkeit in der Werkstatt für behinderte Menschen -, den Verlust von Angehörigen und Freunden, altersbedingte Krankheiten und nachlassende Kräfte. Im Unterschied zur Mehrheit der alten Menschen ohne Behinderung leben sie großenteils nicht in einer Partnerschaft, da Wohneinrichtungen und Eltern bis in die 1980er Jahre Partnerschaften meistens verhinderten, beispielsweise durch geschlechtergetrennte Wohngruppen und Mehrbettzimmer in Heimen oder durch ‚Besuchsverbote‘ beim Partner. Noch seltener sind eigene Kinder und Enkelkinder; Schwangerschaften wurden meist durch Sterilisation verhindert oder die Kinder wurden gleich nach der Geburt in Pflege gegeben, was für einen Teil der betroffenen Frauen eine traumatische, im weiteren Lebenslauf nur unzureichend aufgearbeitete Erfahrung darstellte. Auch die Entwicklung von Hobbys war für diese Generation, die großenteils noch nicht zur Schule gehen konnte und für die sich erst spät in ihrem Leben Möglichkeiten der Freizeitgestaltung eröffneten, stark eingeschränkt. Die Tätigkeit in einer Werkstatt für behinderte Menschen bietet keine Möglichkeit der wirtschaftlichen Existenzsicherung, sondern macht zeitlebens ergänzende staatliche Transferleistungen notwendig. Dennoch stellt diese Tätigkeit für viele, insbesondere ältere Menschen mit geistiger Behinderung ihren Lebensmittelpunkt dar, da sie dort Anerkennung erfahren und soziale Kontakte pflegen können. Hinsichtlich der biologischen Veränderungen im Alter verläuft der Alterungsprozess bei vielen Menschen mit geistiger Behinderung ähn- VHN 2 | 2016 153 BETTINA LINDMEIER Vor dem Alter sind nicht alle gleich! DIALOG lich wie bei Menschen ohne Behinderung; Menschen mit Down-Syndrom altern allerdings deutlich früher und entwickeln wesentlich häufiger eine demenzielle Erkrankung. Dementsprechend standen in der Wahrnehmung der gesamten Personengruppe lange Zeit ihre Defizite und altersbedingte Abbauprozesse im Mittelpunkt. Dies ist jedoch unangemessen, da weitere Faktoren den Alterungsprozess beeinflussen. Menschen mit geistiger Behinderung stehen ebenso wie alle anderen alternden Menschen vor der Aufgabe, die biologischen und sozialen Veränderungen im Alter zu bewältigen; sie müssen diese Aufgabe allerdings unter erschwerten Bedingungen leisten. Menschen mit geistiger Behinderung muss daher die Kompetenz zur Bewältigung dieser Veränderungen grundsätzlich zugetraut werden. Sie benötigen in höherem Maße als andere Bevölkerungsgruppen Unterstützung bei der Entwicklung neuer Aktivitäten, bei der Entwicklung von Strategien zum Umgang mit altersbedingten Einschränkungen, Krankheiten und Verlusterlebnissen. Durch die Gestaltung der Umwelt lässt sich Kompetenzerwerb und -erhalt unterstützen; das bedeutet allerdings nicht, Menschen bis ins hohe Alter zu fördern, sondern sie in ihren eigenen Anstrengungen zur Bearbeitung altersbedingter Veränderungen zu unterstützen. Obwohl das Aufrechterhalten sozialer Rollen und gewohnter Aktivitäten grundsätzlich zu einem hohen Wohlbefinden beiträgt, muss auch ein sinnvoller Umgang mit einem möglicherweise erhöhten Rückzugs- und Ruhebedürfnis gefunden werden. Aus diesem Grund ist es essenziell, dass Menschen mit lebenslanger geistiger Behinderung auch im Ruhestand auf ihre Bedarfe abgestimmte Angebote erhalten. Dies sollte allerdings nicht - analog zur Tätigkeit in der Tagesförderstätte - eine im Gruppenverband organisierte, verpflichtende Beschäftigung sein, sondern eine individualisierte Unterstützung bei der Realisierung eines selbstbestimmten Lebens: „Diese Senioren brauchen keine Bastelkurse und schlichte Ablenkung von der Leere. Es geht um die Gestaltung ihres Lebens nach eigenen Wünschen, Interessen und - oft verschütteten - Fähigkeiten.“ (Landesverband NRW für Körper- und Mehrfachbehinderte 2004, 8) 2 Die Perspektive der Betroffenen Allerdings ist es, wie die folgenden Interviews zeigen, nicht immer einfach, diese Bedarfe mit ihnen gemeinsam zu bestimmen. Das Zusammenwirken einer lebenslangen, teils massiven Fremdbestimmung mit einer Personalausstattung bei den Trägern von Angeboten, die häufig nur Basisversorgung, Pflege sowie das Realisieren von Gruppenangeboten erlaubt, behindern einen selbstbestimmten Ruhestand: Die im Folgenden wiedergegebenen Ausschnitte aus Interviews wurden im Rahmen eines Forschungsprojektes zum Thema Alter und dem ‚Übergang in den Ruhestand‘ sowie der derzeitigen Zufriedenheit mit dem eigenen Leben und dem besuchten Angebot für Senioren geführt (Lindmeier u. a. 2012). Auch sie zeigen deutlich eine Lebensführung, die nicht innerhalb des eigenen Entscheidungsspielraumes liegt. Da eine abstrakte Nachfrage nach dem ‚Übergang‘ nicht passend erschien, wurde erfragt, was dem Interviewpartner und der Interviewpartnerin in ihrem Leben wichtig ist. Selbst dies fällt den Befragten schwer; es wird deutlich, dass beide trotz ihrer unterschiedlichen Lebenssituation gelernt haben, sich den wechselnden Gegebenheiten anzupassen oder zumindest äußerlich zu arrangieren. Sie äußern auf Nachfrage, dass sie nicht mit allem einverstanden sind, wie dem Umzug ins Wohnheim oder dem Eintritt in den Ruhestand. Ziele oder Wünsche zu formulieren fällt ihnen aber schwer. Nicht, weil sie keine Wünsche haben, sondern weil es ihnen wenig aussichtsreich erscheint: ‚Nen neuen Anfang gibt es nicht! ‘, wie Herr S. es formuliert. VHN 2 | 2016 154 BETTINA LINDMEIER Vor dem Alter sind nicht alle gleich! DIALOG Für beide Interviews wurde mit den Interviewpartnern eine Änderung der Namen und Orte vereinbart, weil private Dinge aus dem eigenen Leben und dem der Angehörigen erzählt wurden. Die ausgewählten Interviews wurden in einem informellen Rahmen geführt, eines wurde in ‚Du-Form‘ geführt, da sich die Interviewpartner kannten. Der Stil wurde dem Hochdeutschen leicht angepasst, und die zum Teil längeren Gesprächspausen wurden nicht kenntlich gemacht. Beide Gespräche enthielten unverständliche Passagen sowie Teile, die für Außenstehende nicht verständlich sind, denn die Gespräche wurden durch Fotos von Verwandten, Mitbewohnerinnen und -bewohnern bzw. Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Angebote für Senioren eines norddeutschen Trägers von Angeboten für behinderte Menschen unterstützt. Beide Interviewpartner nehmen an unterschiedlichen Aktivitäten teil, erstaunlicherweise äußern sich aber beide inhaltlich nicht zu den Angeboten. Ebenso wird in beiden Interviews deutlich, welche hohe Bedeutung die Werkstatt für behinderte Menschen als Arbeitsplatz, Ort der Anerkennung und der wichtigen sozialen Beziehungen einnimmt. Das Gespräch mit Dieter S. entwickelte sich aus einer sehr schwer verständlichen Passage, in der es um seinen Umzug in das Wohnheim nach dem Tod des Vaters ging. Auch dies ist eine nicht untypische Übergangssituation im Leben von Menschen mit geistiger Behinderung: Im Elternhaus zu bleiben, bis ein Elternteil oder beide verstorben sind und ein Umzug unvermeidlich geworden ist (vgl. Lindmeier 2011; Lindmeier/ Oermann 2014). Der Verweis auf den Tod des Vaters war die erste Antwort von Herrn S. auf den Eingangsimpuls, über den Übergang ins Wohnheim und in den Ruhestand reden zu wollen. Sie war allerdings in weiten Teilen wenig verständlich. Dieter S. (DS): Für mich schwer. I: Das glaub ich dir. Aber zum Glück hast du deine Mutter ja auch noch. DS: Die ist aber 90. Die kann nicht mehr so … I: Machst du dir da auch Sorgen drüber, dass die älter wird, deine Mutter? Sorgst du dich um deine Mutter? DS: Dafür ist ja die eine Putzfrau da. Die kommt meistens jeden Donnerstag, hat meine Mutter erzählt. Einen Garten hat sie auch gehabt, aber den hat sie aufgegeben. Wir hatten Blumen und so weiter. Auch schon mal Obst auch schon mal. Meistens kauft sie dann Obst in den Geschäften. Gegenüber von uns ist jetzt Edeka. Da kann man auch Kaffee trinken, Brötchen essen und mittags kann man Mittag essen. I: Seit dem Tod deines Vaters bist du ja im Wohnheim. Wie war das für dich? DS: Schwer, am Anfang. War schwer. I: Mhm. DS: ’Nen neuen Anfang gibt es nicht. I: Nen neuen Anfang gibt es nicht, das stimmt. DS: Ein Tag waren wir [im Rahmen des Angebots für Senioren] in der Werkstatt. Haben wir Rudi besucht, der hat sich gefreut. I: Ja und wie war das für dich, dann wieder in der Werkstatt zu sein? DS: Der hat sich gefreut. In vier Jahren da hört er auf, sagt er. I: Braucht auch nicht mehr so lange bis er Rentner ist, der Rudi? DS: Ja, der Rudi Volkerts. (Gruppenleiter) I: Und wie war das für dich, wieder in der Werkstatt zu sein, Dieter? War das eher komisch? Oder war das schön? DS: Für mich nicht, aber für Hanna. Die hat mich immer schön versorgt. I: Die hat dich immer versorgt? DS: Von Gruppe vier. Hat mir immer Fleisch kaputt geschnitten, Kartoffel drauf, Nachtisch drauf getan. Das vermisst se. Das glaub’ ich. I: Und du, vermisst du das auch? DS: Ja sicher. Ja ist ja Gruppe vier, da kann man leicht hingehen. (…) VHN 2 | 2016 155 BETTINA LINDMEIER Vor dem Alter sind nicht alle gleich! DIALOG I: Und hättest Lust, nochmal in die Werkstatt nach Neustadt zu fahren und da zu besuchen? DS: Sicher. I: Sicher. DS: Aber die Zeit muss da sein, das ist es ja. I: Aber du hast doch genug Zeit, oder, Dieter? DS: Jau. I: Aber die Betreuer bräuchten dann Zeit mit euch dahin zu fahren, stimmt’s? DS: Mhm. I: Gibt es etwas, was du besonders gern machst? (Hier wurden auch Fotos und Aktivitätenkarten genutzt, um Vorlieben herauszufinden.) DS: Ich mach alles mit. Hör oft nur zu. Die einzige längere Erzählung in diesem Abschnitt handelt nicht von derzeitigen Beschäftigungen und Sozialbeziehungen, sondern, ausgehend von den Tätigkeiten der Putzfrau der Mutter, vom Zusammenleben von Herrn S. mit ihr: Der Garten, die Einkaufsmöglichkeiten und das Café in der Nähe werden hier genannt. In der Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) wird eine Beziehung erwähnt, zu ‚Hanna, die mich immer schön versorgt hat‘. Außerdem ist der Gruppenleiter noch immer eine zentrale Bezugsperson. Die Äußerungen in Bezug auf das Wohnheim und das Angebot für Senioren bleiben sehr vage und unbestimmt, ebenso die Nachfragen, ob Herr S. gern öfter Besuche in der WfbM machte. Herr S. scheint akzeptiert zu haben, dass es für ihn keine Alternative zu Ruhestand und Umzug gab, und sich damit zu arrangieren. Eine positive Bewertung der neuen Lebenssituation, neue Beziehungen und Aktivitäten lassen sich allerdings nicht erkennen. Auffällig ist, dass er den emotionalen Gehalt der Nachfrage nach seiner Mutter nicht aufnimmt, sondern nur ihre gute praktische Versorgung erläutert. Der Umzug selbst wird ohne nähere Erklärung als „für mich schwer“ und „schwer, am Anfang. War schwer“ zusammengefasst. Ein innerliches ‚Ankommen‘ und eine aktive Mitgestaltung der Situation ist nur schwer zu erkennen. Die Interviewpartnerin des zweiten Interviews lebte zu dieser Zeit bei ihrem Bruder und ihrer Schwägerin. Inzwischen ist sie in ein Altenheim umgezogen, auf Wunsch des Bruders und zugleich gesetzlichen Betreuers, in dem sie nach Aussagen der Mitarbeiterinnen der Seniorenbetreuung nicht glücklich ist. Das Heim wünscht allerdings keine Besuche der Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Seniorenbetreuung, sodass der Kontakt zu Frau W. weitgehend abgebrochen ist. Die erwähnte Dagmar ist eine an Demenz erkrankte Seniorin, die je nach ihrem gesundheitlichen Zustand am Angebot teilnahm. I: Und gibt es denn hier im Angebot für Senioren Sachen, die Sie gerne öfter machen würden, die jetzt nicht so oft gemacht werden? Frau W.: Mhm. I: Fällt Ihnen da noch was ein, wo Sie sagen: Da hätte ich mal Lust zu, das machen wir aber gerade gar nicht? Frau W.: Nee, im Moment… I: Fällt Ihnen nichts ein? Das macht ja auch nichts. Und mittags gibt es auch immer Mittagessen hier, ne? Frau W.: Mittags gibt es Mittagessen. I: Und schmeckt Ihnen das Mittagessen? Frau W.: Ja. Heute kocht der Hartmut mit Olga. I: Und schmeckt Ihnen das Essen hier? Frau W.: Ja, das schmeckt gut. I: Und können Sie sich denn manchmal auch ein Essen wünschen? Frau W.: Ja. I: Und gibt es das Essen dann auch? Frau W.: Ja. I: Gut. Und wie ist das denn für Sie [im Raum, in dem das Angebot für Senioren stattfindet], wenn alle in dem Raum sind, von der Lautstärke her? Ist das angenehm oder ist das manchmal auch zu laut da unten? Frau W.: Für uns geht das wohl, aber für Dagmar ist das nichts. Für die ist das zu laut. I: Die ist auch ein bisschen krank, die Dagmar, ne? VHN 2 | 2016 156 BETTINA LINDMEIER Vor dem Alter sind nicht alle gleich! DIALOG Frau W.: Ja. Hat die früher noch gelaufen, jetzt kann sie es nicht mehr. I: Dann kann die auch nicht mehr so gut bei euch da unten sein, kann die auch den Trubel nicht mehr haben, was? Frau W.: Nee. I: Aber für Sie ist es in Ordnung, so wie es ist? Frau W.: Ich meine, die ist wohl ein paar Minuten bei uns drin, aber wenn welche kommen, die laut werden, dann tun wir se raus, wieder ins Bett … I: Das kann die wahrscheinlich auch nicht so gut haben, weil es ihr einfach nicht so gut geht, der Dagmar, ne? Frau W.: Nee. I: Aber Ihnen ist es nicht zu laut? Frau W.: Nee, mir ist nicht zu laut. Solange se mir nicht auf die Nerven gehen … I: Aber es sind auch oft viele Leute da. Heute sind nicht so viele da, aber manchmal ist es unten in dem Raum ja auch ganz schön voll, stimmt’s? Frau W.: - I: Aber das geht dann trotzdem alles ganz gut? Frau W.: Und vor allem mittwochs, wenn se am Brunchen sind. Dann ist der ganze Tisch besetzt. (…) I: Wie funktioniert das denn, wenn ihr mittwochs bruncht und einer sagt, ich habe aber gar keine Lust zum Brunchen. Kann der dann was anderes machen, oder wie macht ihr das dann? Frau W.: Nee. Weiß ich nicht, wenn keiner Lust hat, ich weiß es nicht… I: Wissen Sie nicht. Kommt das denn manchmal vor, dass Sachen angeboten werden, worauf Sie keine Lust haben? Frau W.: Ich hab überall Lust… I: Sie machen alle Sachen gerne? Frau W.: Ja. I: Gibt es nichts, wo Sie sagen, dass mach ich eigentlich nicht so gerne? Frau W.: Nee. I: Nee. Ist das denn anstrengend für Sie, wenn Sie hierher kommen zu dem Angebot für Senioren? Frau W.: Nee. Ich brauche ja nich so laufen. Mein Bruder fährt mich bis zur Tür. Dann muss ich nur das kleine Stück noch gehen vom Auto bis an die Tür. I: Also finden Sie das ganz angenehm, wenn Sie hierher kommen? Frau W.: Ja. I: Wer ist denn auf die Idee gekommen? Hatte Ihr Bruder die Idee? Frau W.: Ja. I: Ja. Und wie war das dann für Sie, als Sie das erste Mal hier waren? Frau W.: Mhm. Toll. I: Toll? Frau W.: Ja. I: Haben Sie sich gefreut, dass Sie ein bisschen zu Hause raus kommen, oder wie war das dann? Frau W.: Ja. I: Wissen Sie, wie viele Jahre Sie hier jetzt schon immer hingehen? Frau W.: Weiß ich nicht, wie lange. I: Wissen Sie nicht, wie lange. Aber wenn Sie 73 sind, dann sind Sie bestimmt auch schon Rentnerin, seitdem Sie 65 sind, oder? Frau W.: Ja. I: Haben Sie vorher in Neustadt gearbeitet? Frau W.: Vorher habe ich in Neustadt bei Walter Billungmeyer und der ist jetzt auch, der ist jetzt auch schon in Rente. I: Stimmt, der ist auch in Rente. Und da haben Sie die Kisten gewaschen oder was haben Sie dann gemacht? Frau W.: Habe ich die Kisten gewaschen und trocken gemacht. I: Ja. Haben Sie das gerne gemacht, in der Werkstatt gearbeitet? Frau W.: Ich meine, ich würde wohl gerne arbeiten, aber mich nimmt doch jetzt keiner mehr. I: Ja. Frau W.: Mich nimmt doch keiner mehr. I: Weil Sie schon älter sind, meinen Sie, würde Sie keiner mehr nehmen? Frau W.: Ne, ich hätte wohl noch Lust. Ich hätte wohl noch Lust. VHN 2 | 2016 157 BETTINA LINDMEIER Vor dem Alter sind nicht alle gleich! DIALOG I: Mhm. Wie war das denn für Sie, als Sie aufgehört haben, in der Werkstatt zu arbeiten? Frau W.: Nicht schön. I: Nicht schön. Frau W.: Nee. Am liebsten hätte ich weiter gemacht. I: Sie hätten am liebsten weitergemacht. Das ist auch komisch, Sie haben bestimmt auch viele Jahre in der Werkstatt gearbeitet, oder? Frau W.: Ja. I: Haben Sie schon früh angefangen in der Werkstatt zu arbeiten, schon als junges Mädchen, als junge Frau? Frau W.: Ja. Da lebten meine Eltern noch, da war ich schon da. Da war ich schon da. I: Und Sie waren immer hier in Neustadt in der Werkstatt? Frau W.: Ja. Da haben wir Arbeit gemacht für Firma Eggers und Rahmen geputzt und alle so was … I: Dann war das bestimmt ne ganz schön große Umstellung für Sie, als Sie plötzlich nicht mehr in die Werkstatt gegangen sind, jeden Tag, ne? Frau W.: Mhm. I: Wie war das denn erst zu Hause, als Sie plötzlich jeden Tag zu Hause waren und nicht mehr zur Werkstatt gegangen sind? Frau W.: Langweilig. I: Langweilig? Frau W.: Und dann war ich dreimal im Krankenhaus. Einmal mit der Hand und einmal mit dem Daumen. I: Hatten Sie sich verletzt? Frau W.: Ja, da stand da im Flur bei uns so ne Kiste und ich sollte Rahmen abputzen. (…) I: Und seitdem Sie hier ins (Angebot für Senioren) gehen, ist es auch noch langweilig? Frau W.: Nee. Auch in diesem Interview kann der Übergang in den Ruhestand nur durch ein zeitliches ‚Sich-zurück-Arbeiten‘ erzählt werden. Es wird deutlich, dass die Interviewpartnerin die Tätigkeit in der Werkstatt vermisst, da sie sie sehr genau beschreibt und explizit äußert, gern arbeiten zu wollen. Der Ruhestand wurde als langweilig erlebt, bis die Teilnahme am Angebot für Senioren arrangiert werden konnte. Hier werden die Zubereitung der Mahlzeiten und die Mahlzeiten selbst näher beschrieben, aber auch die Situation einer an Demenz erkrankten anderen Teilnehmerin, zu der eine engere Beziehung zu bestehen scheint. Die Äußerung von Wünschen fällt auch ihr sehr schwer. Es wird nicht deutlich, welche Angebote es neben den Mahlzeiten überhaupt gibt. Auch Frau W. erlebt sich als jemand, der die Veränderungen - Ruhestand, Teilnahme am Seniorenangebot - eher widerfahren als dass sie sie gestalten kann. Allerdings scheint ihr die Teilnahme an dem Angebot die Möglichkeit sowohl zu Aktivität als auch zu sozialem Austausch und Geselligkeit zu bieten - mehr zumindest als der Verbleib zu Hause. 3 Biografiearbeit und biografiesensible Begleitung Die Zurückhaltung beider Gesprächspartner in der Äußerung von Interessen und Wünschen ließe sich als Zufriedenheit (miss)deuten, und sie wird oft so gedeutet. Die andauernde Trauer über den Verlust des Arbeitsplatzes in der Werkstatt, die damit verbundene Wertschätzung, die Kontakte und die als sinnvoll erlebte Beschäftigung verweisen allerdings darauf, dass es eher ein Sichabfinden mit den begrenzten Möglichkeiten ist. Hier bestätigt sich die einleitende Einschätzung, dass das Alter nicht für alle Menschen die gleichen Möglichkeiten bietet: Je reduzierter die Lebenschancen schon vorher waren, je weniger eigenständig realisierte Sozialkontakte und Beschäftigungen vorhanden waren, desto schwieriger wird die Gestaltung des Ruhestandes. In der Alterskohorte lebenslang behinderter Menschen, die jetzt in den Ruhestand gehen, trifft dies auf sehr viele Personen zu. VHN 2 | 2016 158 BETTINA LINDMEIER Vor dem Alter sind nicht alle gleich! DIALOG Für viele von ihnen, ebenso wie für beide Gesprächspartner, wäre ein Angebot zur Vorbereitung des Ruhestands günstig gewesen, das ihnen mithilfe von Methoden der Biografiearbeit geholfen hätte zu erarbeiten, welche Sorgen und Wünsche sie in Bezug auf den Ruhestand, die Freizeitgestaltung und die Wohnsituation haben (vgl. Lindmeier/ Oermann im Druck). Ein solches Angebot hätte sie auch darin unterstützt, ihr Erleben und ihre Erfahrungen sprachlich auszudrücken und zeitlich einzuordnen. Auch innerhalb des Angebots für Senioren könnte in geeigneter Form biografisch gearbeitet werden. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, dass in Gruppenangeboten nicht alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer diesbezügliche Interessen haben. Da Biografiearbeit unbedingt freiwillig sein sollte (Lindmeier 2013, 29), müsste entsprechend Einzel- oder Kleingruppenarbeit angeboten werden. Biografiesensible Begleitung in einem solchen Kontext ist allerdings in jedem Fall von Bedeutung: Dazu gehört zu wissen, dass Wünsche nur schwer geäußert werden können, und entsprechend geduldiges Nachfragen und Entwickeln von Wünschen und Interessen und ihre Begleitung in der Umsetzung. Literatur Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung (2009): Alt und Behindert. Wie sich der demographische Wandel auf das Leben von Menschen mit Behinderung auswirkt. Online unter: www.berlin-institut.org/ fileadmin/ user_up load/ Alt_behindert/ Alt_und_behindert_online. pdf, 4. 12. 2015 Landesverband NRW für Körper- und Mehrfachbehinderte (2004): Neuland entdecken. Wenn Menschen mit Behinderungen in den Ruhestand gehen. Online unter: www.bgt-ev.de/ fileadmin/ Mediendatenbank/ Tagungen/ BGT_ Sachsen-Anhalt/ 01/ Neuland_entdecken_2004 10.pdf, 4. 12. 2015 Lindmeier, B. (2011): „Ältere Menschen wohnen doch alle im Wohnheim! “ Zur Situation älterer Menschen mit geistiger Behinderung im Elternhaus. In: Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete 80, 7 -18. http: / / dx.doi.org/ 10.2378/ vhn2011.art02d Lindmeier, B.; Windheuser, J.; Riecken, A.; Oermann, L.; Schippmann, N.; Thulke, A.; Kösters, F. (2012): Ergebnisse des Forschungsprojekts ‚Anders alt? ! Lebensqualität für Menschen mit geistiger oder mehrfacher Behinderung‘. Selbstverlag Osnabrück. Online unter: www.oshho.de/ hho/ projekte/ projekt-anders-alt.html, 30. 11. 2015 Lindmeier, B.; Oermann. L. (2014): Mein Lebensbuch. Karlsruhe: V. Loeper Lindmeier, B.; Oermann, L. (im Druck): Biographiearbeit mit geistig behinderten Menschen. Weinheim: Beltz Lindmeier, C. (2013): Biografiearbeit mit geistig behinderten Menschen. Weinheim: Beltz Anschrift der Autorin Prof. Dr. phil. Bettina Lindmeier Leibniz Universität Hannover Institut für Sonderpädagogik Schloßwender Straße 1 D-30159 Hannover Tel.: +49 (0)5 11 76 21 73 73 bettina.lindmeier@ifs.uni-hannover.de