Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete
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0017-9655
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Das provokative Essay: Ein subjektiv gefärbter Rückblick des scheidenden VHN-Herausgebers
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Urs Haeberlin
Anlässlich seines altersbedingten Rücktritts blickt der geschäftsführende Herausgeber in diesem Essay auf die 85-jährige Geschichte der VHN zurück. Diese ist eng mit der Geschichte des Heilpädagogischen Instituts der Universität Freiburg (Schweiz) verknüpft. Bei seinen Recherchen über die Anfänge der VHN hat er eine aus heutiger Sicht für die Heilpädagogik bedenkliche Ideologielastigkeit der Freiburger Heilpädagogik gefunden, die über Jahrzehnte tabuisiert war. Seit seiner Übernahme der VHN im Jahr 1982 als Verleger und Herausgeber und ab 2004 als geschäftsführender Herausgeber der seither im Reinhardt-Verlag München verlegten VHN war durchgehend sein Anliegen, die VHN inhaltlich möglichst ideologiekritisch zu gestalten und gleichzeitig für die Heilpädagogik zentrale Grundwerte zu erhalten.
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277 VHN, 85. Jg., S. 277 -289 (2016) DOI 10.2378/ vhn2016.art37d © Ernst Reinhardt Verlag Ein subjektiv gefärbter Rückblick des scheidenden VHN-Herausgebers Urs Haeberlin Zürich Zusammenfassung: Anlässlich seines altersbedingten Rücktritts blickt der geschäftsführende Herausgeber in diesem Essay auf die 85-jährige Geschichte der VHN zurück. Diese ist eng mit der Geschichte des Heilpädagogischen Instituts der Universität Freiburg (Schweiz) verknüpft. Bei seinen Recherchen über die Anfänge der VHN hat er eine aus heutiger Sicht für die Heilpädagogik bedenkliche Ideologielastigkeit der Freiburger Heilpädagogik gefunden, die über Jahrzehnte tabuisiert war. Seit seiner Übernahme der VHN im Jahr 1982 als Verleger und Herausgeber und ab 2004 als geschäftsführender Herausgeber der seither im Reinhardt-Verlag München verlegten VHN war durchgehend sein Anliegen, die VHN inhaltlich möglichst ideologiekritisch zu gestalten und gleichzeitig für die Heilpädagogik zentrale Grundwerte zu erhalten. Schlüsselbegriffe: VHN, Geschichte, Heilpädagogisches Institut der Universität Freiburg, Rückblick A Subjective Retrospective of the Outgoing Editor Summary: On the occasion of his retirement, the managing editor looks back on the eighty-five-year history of the journal VHN, which is closely linked to the history of the Institute for Special Education in Fribourg (Switzerland). The searches about the beginnings of the journal have revealed an ideological one-sidedness of the Institute that has been widely tabooed for several decades. Since 1982, when he took over the responsibility of the journal as editor and publisher, and since 2004 as managing editor, the author always placed particular emphasis on an ideology-critical attitude of the journal and was concerned to preserve the care values of special education. Keywords: History, journal VHN, Institute for Special Education Fribourg, retrospective DAS PROVOK ATIVE ESSAY Seit meiner Berufung auf die Professur für Heilpädagogik im Jahr 1979 und meiner Übernahme der damals automatisch mit der einzigen Professur verbundenen Direktion des Heilpädagogischen Instituts der Universität Freiburg (Schweiz) war ich zunächst viele Jahre alleinverantwortlicher Herausgeber der VHN und nach deren Wechsel zum Reinhardt-Verlag München im Jahr 2004 im neuen Herausgeberteam geschäftsführender Herausgeber. Von meinem Vorgänger Eduard Montalta hatte ich sowohl die Funktion des Verlegers wie auch des Herausgebers der VHN übernommen. Bis 2004 führte ich die Zeitschrift weiterhin unabhängig vom professionellen und kommerziellen Verlagswesen weiter. Abonnentenverwaltung und Inkassowesen wurden bis 2004 vom Heilpädagogischen Institut betreut. Mit dem Druck und dem Postversand blieb die Druckerei beauftragt, welche bereits vor meiner Amtsübernahme diese Aufgaben wahrgenommen hatte. Dass dies die Druckerei von Matt in Stans war, verweist auf die Entstehungsgeschichte der Freiburger Heilpädagogik. Diese reicht noch weiter zurück als zum Stellenantritt meines Vorgängers Eduard Montalta. VHN 4 | 2016 278 URS HAEBERLIN Rückblick des scheidenden VHN-Herausgebers DAS PROVOK ATIVE ESSAY Weil die Geschichte der VHN eng mit der Geschichte der Heilpädagogik an der Universität Freiburg verbunden ist, sehe ich mich veranlasst, auf diesen weiteren Rahmen einzugehen, in welchem die lange Geschichte der VHN mit ihren Widersprüchlichkeiten als Spiegel von historischen Ereignissen in Europa gesehen werden muss. Die Universität Freiburg ist eine relativ junge Universität, sie wurde 1889 gegründet. Bereits bei der Gründung wurde eine Professur für Pädagogik geschaffen. An der damals von allen Schweizer Hochschulen am stärksten vom Katholizismus geprägten Universität erschien es als selbstverständlich, dass ein katholischer Geistlicher auf diese Professur berufen wurde, nämlich Abbé und (später) Domherr Raphael Horner, vorher Rektor des Freiburger Gymnasiums St. Michael. Ebenso wurde dann 1907 als sein Nachfolger ein katholischer Geistlicher auf diesen Lehrstuhl gewählt, Abbé Dévaud. Dieser legte der Fakultät 1931/ 32 einen Plan zum Ausbau der Pädagogik vor, unter anderem auch die Schaffung einer Professur für Heilpädagogik. Dass diese Professur dann bereits 1932 geschaffen wurde, erklärt sich wiederum aus der katholischen Orientierung der Universität, was damals eben deren Besonderheit im Vergleich zu den anderen schweizerischen Universitäten ausmachte. Bezüglich der Heilpädagogik reagierten die mit der Universität Freiburg verbundenen katholischen Institutionen und Regionen der Schweiz auf die damalige gesamtschweizerische Entwicklung des Hilfsschulwesens. Seit Ende des 19. Jahrhunderts Abb. 1 Professor Josef Spieler, Begründer der Heilpädagogischen Werkblätter Abb. 2 a Heilpädagogische Werkblätter 1932/ 1 VHN 4 | 2016 279 URS HAEBERLIN Rückblick des scheidenden VHN-Herausgebers DAS PROVOK ATIVE ESSAY waren in der deutschsprachigen Schweiz in zunehmender Zahl „Hilfsklassen für Schwachbegabte“ entstanden. Ein erster Ausbildungskurs für Hilfsschullehrer mit der Dauer von acht Wochen wurde erstmals 1899 in Zürich angeboten. Schließlich wurde 1923 in Zürich das „Heilpädagogische Seminar“ gegründet und Heinrich Hanselmann als erster Leiter gewählt. Die Zürcher Ausbildung dauerte von nun an bereits ein Jahr. Die damaligen ideologischen Barrieren für die katholischen Kantone, ihre Hilfsschullehrer in der „Zwinglistadt“ Zürich ausbilden zu lassen, förderten den Wunsch dieser Kantone nach einer alternativen Ausbildungsstätte. Insbesondere vom „Schweizerischen Caritasverband“ wurde die Suche nach einer Alternative zum Heilpädagogischen Seminar Zürich intensiviert. Zu diesem Zweck wurde 1932 das nicht-universitäre „Institut für Heilpädagogik Luzern“ gegründet. Der Theologe und Heilpädagoge Linus Bopp (Universität Freiburg im Breisgau) vermittelte Josef Spieler als Leiter dieses Instituts, der gleichzeitig eine Dozentur für Heilpädagogik an der Universität Freiburg erhielt (Abb. 1). Unter seiner Federführung erschien im Verlag „Institut für Heilpädagogik Luzern“ bereits 1932 der erste Jahrgang der Fachzeitschrift „Heilpädagogische Werkblätter“ (Abb. 2 a und 2 b), deren Name 1970 in „Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete“ geändert werden sollte. Die Ausbildung wurde bald von Luzern an die Universität Freiburg verlegt, an welcher Josef Spieler erster Inhaber des Lehrstuhls für Heilpädagogik wurde. Der erste, wie in Zürich ein Jahr dauernde Kurs fand 1935/ 36 statt. Abb. 3 gibt einen kleinen Einblick in die damaligen Themen der Prüfungsarbeiten. Außerdem geben die Abbildungen 4 und 5 Prüfungsprotokolle von zwei Prüflingen aus den ersten Jahren der Freiburger Ausbildung wieder. Als ich 1979 den Lehrstuhl an der Universität Freiburg übernahm, begann ich mich sehr bald mit der Geschichte des Heilpädagogischen Instituts zu beschäftigen. Ich machte die Feststellung, dass mehrere deutsche Professoren der Universität Freiburg 1945 aus der Schweiz ausgewiesen worden waren, darunter auch der Professor für Heilpädagogik, Josef Spieler. Im Protokoll der 57. Sitzung des schweizerischen Bundesrats vom 20. Juli 1945 fand ich als Grund der Ausweisung, dass er „die innere und äußere Sicherheit gefährdet“ habe. Die Gefährdung der Sicherheit in der Schweiz durch Spieler erklärte sich aus seiner intensiven und Abb. 2 b Heilpädagogische Werkblätter 1932/ 2 VHN 4 | 2016 280 URS HAEBERLIN Rückblick des scheidenden VHN-Herausgebers DAS PROVOK ATIVE ESSAY direkten Kollaboration mit den deutschen Nationalsozialisten. Im Gespräch mit Eduard Montalta bei einem gemeinsamen Mittagessen erfuhr ich später, dass Spieler jährlich ins Führerhauptquartier gereist und bei einem Einmarsch der Deutschen in die Westschweiz als Leiter des „Gaus Burgund“ vorgesehen gewesen sei. Erstaunliches fand ich bei der weiteren Suche nach Informationen über den ersten Professor für Heilpädagogik an der Universität Freiburg: Seit dem 1. Februar 1940 war Josef Spieler Mitglied der NSDAP gewesen. Dennoch wurde der aus der Schweiz ausgewiesene Spieler 1952 bis 1965 Professor und sogar Rektor des Pädagogischen Instituts bzw. ab 1962 der Pädagogischen Hochschule in Karlsruhe. 1976 erhielt er den Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg und 1985 das Ehrenbürgerrecht seiner Heimatstadt Walldürn. Die Widersprüchlichkeiten im Umfeld des Beginns Abb. 3 Themen von schriftlichen Arbeiten 1935/ 36 Abb. 4 Prüfungsprotokoll 23 VHN 4 | 2016 281 URS HAEBERLIN Rückblick des scheidenden VHN-Herausgebers DAS PROVOK ATIVE ESSAY der VHN könnten nicht größer sein: Der erste Freiburger Professor für Heilpädagogik hatte offenbar eine für mich nicht überbrückbare Kluft zwischen Heilpädagogik als Unterstützung aller Menschen mit - auch schwersten - Behinderungen und nationalsozialistischer Ideologie mit erklärtem Ziel der Vernichtung von Behinderten als unnütze Last für Staat und Gesellschaft verkörpert! Das Jahr 1945 war mit der Berufung von Eduard Montalta (Abb. 6), bisher Gymnasialprofessor und Rektor der Kantonsschule Zug sowie als Offizier mit hohem Rang in der Schweizer Armee in eindeutiger Haltung gegen das nationalsozialistische Deutschland, gleichsam eine Wendezeit für die Freiburger Heilpädagogik. Äußerlich zeigte sich die Wende lediglich in einer Bezeichnungsänderung: Montalta veranlasste bald nach seinem Amtsantritt die Umbenennung des „Heilpädagogischen Seminars Fribourg“ in das „Heilpädagogische Institut Fribourg“, was eine Verbesserung des Ansehens der Heilpädagogik innerhalb der Universität bedeutete. Während vieler Jahre war er zusammen mit einer Kollegin auch verantwortlich für die Fächer „Pädagogik“ und „Angewandte Psychologie“. Und 1961 kam sogar noch die „Abteilung Caritas und Angewandte Sozialwissenschaften“ hinzu, die später zum Fach „Sozialarbeit“ wurde. Aus dieser Breite der von Montalta verantworteten Fächer erklärt sich vielleicht auch zum Teil die spätere Wahl der Bezeichnung „Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete“. Montalta übernahm neben dem Freiburger Lehrstuhl für Heilpädagogik und der Direktion des Heilpädagogischen Instituts der Universität Freiburg auch die Direktion des nicht-universitären Instituts für Heilpädagogik Luzern, in welchem weiterhin die „Heilpädagogischen Abb. 5 Prüfungsprotokoll 24 Abb. 6 Prof. Dr. Eduard Montalta, Institutsdirektor 1945 -1979 VHN 4 | 2016 282 URS HAEBERLIN Rückblick des scheidenden VHN-Herausgebers DAS PROVOK ATIVE ESSAY Werkblätter“ herausgegeben wurden. Er hatte somit von Spieler auch die Verantwortung für diese Zeitschrift übernommen. Mit der Redaktionsarbeit beauftragte er seinen Mitarbeiter Dr. Max Heller (Abb. 7), der diese Aufgabe bis Ende 1970 wahrnahm. Am 1. Januar 1971 wurde er von Heinz Hermann Baumgarten (Abb. 8) abgelöst. Gleichzeitig mit dieser Neubesetzung der Redaktorenstelle erhielten die „Heilpädagogischen Werkblätter“ den von Baumgarten vorgeschlagenen neuen Namen „Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete“, in Fachkreisen bald unter der Abkürzung VHN bekannt. Während der Ära Montalta entwickelte sich nicht nur die VHN zur erfolgreichen Fachzeitschrift, sondern dank seinen effizienten Managerfähigkeiten erfuhr auch das Heilpädagogische Institut Freiburg einen rasanten Auf- und Ausbau. Er setzte eigenwillig und zielsicher auf möglichst viel Unabhängigkeit von den geringen Universitätsressourcen mittels finanzieller und ideeller Unterstützung durch außeruniversitäre, katholische Institutionen und Betriebe sowie durch Privatpersonen aus sei- Abb. 7 rechts Max Heller, Redaktor bis 1970, links Marco Capol Abb. 8 Heinz Hermann Baumgarten, Redaktor 1971 -2003 Abb. 9 a Liste der Schenkungen an den Neubau (1. Teil) VHN 4 | 2016 283 URS HAEBERLIN Rückblick des scheidenden VHN-Herausgebers DAS PROVOK ATIVE ESSAY nem sehr großen Freundes- und Bekanntenkreis. Er begann seine Arbeit unter räumlich extrem einengenden Bedingungen und mit einer unvorstellbar minimalen Ausstattung. Bei seinem Arbeitsbeginn standen dem „Heilpädagogischen Seminar“ der Universität Freiburg drei unzulänglich kleine Räume mit einer Bibliothek von etwa 20 (! ) Büchern zur Verfügung. Das Seminar hatte bei Montaltas Stellenantritt weder eine Schreibmaschine noch einen Telefonanschluss. Nach der Änderung zum Status eines „Instituts“ finanzierte die Universität eine Assistentenstelle mit 100 SFR pro Monat. Außerdem erhielt das Institut 2000 SFR Starthilfe für eine etwas bessere Ausstattung. Mit dem Ziel einer Verbesserung der Bedingungen gelang Montalta 1956 die Gründung eines Gönnervereins mit dem Namen „Curatorium des Heilpädagogischen Instituts“. Hauptziel dieser Vereinsgründung war vorerst Abb. 9 b Liste der Schenkungen an den Neubau (2. Teil) Abb. 10 Sachschenkungen für das neue Institut VHN 4 | 2016 284 URS HAEBERLIN Rückblick des scheidenden VHN-Herausgebers DAS PROVOK ATIVE ESSAY der Erwerb einer Liegenschaft in Freiburg und deren Umbau zu einem Institutsgebäude. Die Kosten von 800’000 SFR wurden mit Schenkungen in der Höhe von 550’000 SFR und mit Bankhypotheken zu 250’000 SFR gedeckt. Die Schenkungen stammten von den Bischöflichen Ordinariaten Freiburg, St. Gallen und Basel, von der Vereinigung der Ehemaligen, von vielen katholischen Erziehungsinstitutionen sowie von verschiedenen Privatpersonen. Die Abbildungen 9 a und 9 b zeigen Ausschnitte aus der Schenkungsliste. Wie in Abb. 10 zu sehen ist, wurden auch Sachschenkungen entgegengenommen. Es wird aus den Schenkungslisten ersichtlich, dass die Bindungen an den Katholizismus und damit an die Freiburger Alternative für die Ausbildung von Personen aus den katholischen Regionen der Schweiz durchaus gefestigt waren. Dementsprechend war bei der Einweihung des neuen Institutsgebäudes viel katholische Geistlichkeit zugegen (Abb. 11). Zielsicher und taktisch klug baute Montalta das Freiburger Institut zu einer angesehenen und zunehmend Studierende aus der ganzen Schweiz anziehenden Ausbildungsstätte aus. Zwar blieben noch lange die katholischen Kantone der Innerschweiz und der Kanton Wallis die Hauptregionen, aus welchen Studierende nach Freiburg kamen. Aber immer öfter zog es auch Studierende aus mehrheitlich reformierten Regionen an das Heilpädagogische Institut; dies insbesondere nachdem es im Unterschied zum Heilpädagogischen Seminar Zürich ab 1971 möglich wurde, die berufsqualifizierenden Diplome des Heilpädagogischen Instituts Freiburg unter Anrechnung des Diplomstudiums mit einem vollakademischen Abschluss (Lizentiat) und anschließend auch mit einem Doktorat mit Hauptfach Heilpädagogik zu ergänzen. Das wachsende Ansehen der „Heilpädagogischen Werkblätter“ beziehungsweise der ab 1971 daraus hervorgegangenen „Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete“ hatte ebenfalls eine nicht zu unterschätzende positive Wirkung auf den Bekanntheitsgrad des Heilpädagogischen Instituts der Universität Freiburg. Unter dem Redaktor Heinz Hermann Baumgarten und unter dem verstärkten Einfluss des universitären Umfeldes der Freiburger Heilpädagogik gewann die Fachzeitschrift VHN nun rasch an wissenschaftlicher Reputation und verlor das Image einer bloß praxisanleitenden Zeitschrift, das den Heilpädagogischen Werkblättern anheftete. Da Montalta weiterhin auch Direktor des Instituts für Heilpädagogik Luzern war, blieb der Verlag der VHN in Luzern, während die wissenschaftliche, konzeptionelle und redaktionelle Verantwortung allein beim Universitätsinstitut in Freiburg lag. Nach dem Rücktritt von Eduard Montalta als Professor an der Universität Freiburg übernahm der Autor dieses Essays, Urs Haeberlin, Abb. 11 Einweihung und Segnung des neuen Institutsgebäudes VHN 4 | 2016 285 URS HAEBERLIN Rückblick des scheidenden VHN-Herausgebers DAS PROVOK ATIVE ESSAY dessen Lehrstuhl und die Direktion des Freiburger Instituts (Abb. 12 und 13). Frau Rita Rüttimann (Abb. 14) war bis dahin gleichsam die rechte Hand von Montalta gewesen; und zum Glück blieb sie auch nach dem Wechsel die für den neuen Direktor unverzichtbare Stütze und die Allwissende, was mir die Einarbeitung sehr erleichterte. Nach einer Einarbeitungsphase übernahm ich 1982 von Montalta auch die Funktion des Herausgebers der VHN. Ebenso wurden alle Verlagsaufgaben des Luzerner Instituts dem neuen Direktor des Freiburger Universitätsinstituts übergeben. Dieses fungierte von nun an auch als VHN-Verlag, was natürlich für das Personal der Institutsverwaltung - etwa für Rita Rüttimann und für die Finanzverwalterin Anna Wassmer - eine zusätzliche Belastung bedeutete. Meine Rückkehr von der Universität Heidelberg in die Schweiz als Professor und Direktor des Heilpädagogischen Instituts der Universität Freiburg hatte mir wahrlich die Verarbeitung der gesellschaftlichen Widersprüche, die ich seit meiner Kindheit zu verkraften hatte, nicht einfacher gemacht. Zunächst hatte ich als noch relativ kleines Kind die schrecklichen Berichte über die Unmenschlichkeiten im nationalsozialistischen Deutschland zu verarbeiten gehabt. Die gesellschaftlichen Widersprüche hatten sich mir anschließend in der langjährigen Teilung zwischen den kapitalistischen und den kommunistischen Ländern gezeigt. Die Angst davor, dass der sog. „Kalte Krieg“ zu einem dritten Weltkrieg eskalieren könnte, war nicht nur bei mir zum Dauerzustand geworden. Nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Regimes kam schließlich allgemein - auch bei mir - Euphorie auf. Aber mit dem Jugoslawienkrieg wurde für uns alle - auch für mich - sichtbar, dass sich die Menschen offenbar nicht grundlegend zum Guten ändern bzw. ändern lassen. Seither wird die Welt wieder durch schlimmste Auswirkungen von ethnischen und oft mit Religionen verbundenen Feindbildern und Ideologien gegeißelt. Global gesehen hat sich meines Erachtens nicht durchgesetzt, was heute mit übertriebener Hoffnung in der Heil- und Sonderpädagogik als „Inklusion“ bezeichnet wird. Mit den für mich allmählich deutlich werdenden Informationen über Abb. 13 Der antretende Institutsdirektor Haeberlin an der Feier 1979 Abb. 14 Frau Rita Rüttimann, Verwaltungsleitung, an der Feier 1979 Abb. 12 Der zurücktretende Institutsdirektor Montalta an der Feier 1979 VHN 4 | 2016 286 URS HAEBERLIN Rückblick des scheidenden VHN-Herausgebers DAS PROVOK ATIVE ESSAY die Anfänge der Freiburger Heilpädagogik bis zum Beginn der Ära Montalta musste ich vieles aus meiner bisherigen Biografie neu verarbeiten. Als Hauptproblem der heilpädagogischen Ausbildung und ebenso meiner Tätigkeit für die VHN sehe ich seither und bis heute die Frage: Wie vermittelt man gesellschafts- und bildungskritische Denkweisen und damit die Erkenntnis der großen Widersprüche in unserer Gesellschaft, ohne dass man damit die Heilpädagogen und Heilpädagoginnen in ihrer praktischen Arbeit verunsichert? Wie kann ich sowohl als Ausbildner wie auch als Herausgeber einer heilpädagogischen Fachzeitschrift das Aushalten der Widersprüche zwischen gesellschaftlicher Realität mit laufend neuen Verstößen gegen die Menschlichkeit und Visionen eines besseren und für alle Menschen friedlichen Lebens vermitteln? Meine Sicht auf die Heilpädagogik und insbesondere auf diese Frage bleibt bis heute von Heinrich Hanselmann und Paul Moor, den Begründern der Heilpädagogik als wissenschaftliche Disziplin, sowie von meiner Beschäftigung insbesondere mit den gesellschaftskritischen Schriften von Pestalozzi geprägt. Bezüglich meiner Entscheidung für oder gegen den Wechsel von meiner damaligen Heidelberger Professur auf den Lehrstuhl für Heilpädagogik an der Universität Freiburg sowie der damit bald verbundenen Übernahme der Verantwortung für die VHN machte ich erneut Erfahrungen mit einem belastenden Dilemma, von dem Heilpädagogik betroffen sein kann: Die Freiburger Heilpädagogik war bis dahin der katholischen Konfession verpflichtet gewesen. Sie war gegründet als katholische Alternative gegen die sich konfessionell weniger gebunden verstehende Zürcher Heilpädagogik (Hanselmann, Moor), der ich mich verpflichtet fühlte und immer noch fühle. In Freiburg waren bis zu meinem Amtsantritt für die Klientel der Heilpädagogik immer noch die von Spieler - übernommen von Linus Bopp - eingeführten defizitorientierten Begriffe „wertsinnsgehemmt“ und „wertsinnsgemindert“ verwendet worden, „Wertsinn“ verstanden als natürlicher Sinn für die katholischen Grundwerte! Meine bereits dargestellten Recherchen zu Spieler hatten Fakten zutage gebracht, die Widersprüchlichkeiten in der Heilpädagogik deutlicher nicht machen können. Trotz allem entschied ich mich schließlich für die Übernahme der schwierigen Aufgaben in Freiburg! Als Ziel wollte ich eine Erneuerung jeder ideologisierten Heilpädagogik auf der Grundlage des Hanselmann’schen Grundwertes der ideologischen Offenheit verfolgen. Dieses Ziel war für mich auch für die VHN wegleitend. Erstmals dokumentiert ist dies in meiner in der VHN abgedruckten und als Sonderdruck erschienenen Antrittsvorlesung „Die wissenschaftstheoretische Wende in der Heilpädagogik“. Seither bis heute beschäftigt mich das immer wieder zum Widerspruch werdende Verhältnis zwischen an Werten orientiertem heilpädagogischem Handeln in der Praxis einerseits und wissenschaftlichem Objektivitätsanspruch, oft als Werteabstinenz verstanden, andererseits. Auch heute noch stehe ich immer wieder vor der Frage: Sind eigentlich die „richtigen“ Werte für die Heilpädagogik von gesellschaftlichen Abb. 15 VHN-Sonderdruck der Antrittsvorlesung Haeberlin VHN 4 | 2016 287 URS HAEBERLIN Rückblick des scheidenden VHN-Herausgebers DAS PROVOK ATIVE ESSAY Interessengruppen „beliebig“ setzbar oder sind sie „wissenschaftlich verbindlich“ begründbar? Ich vermute, dass sich das Dilemma zwischen Visionen und Realitäten (nicht nur in der Heilpädagogik) mit der Unmöglichkeit einer rational überzeugenden Begründung von Werten erklären lässt. Als Folge basieren handlungsleitende Werte oft auf nicht-bewussten bzw. nicht-reflektierten Ideologien mit verabsolutiertem Geltungsanspruch, beispielsweise religiösem Fundamentalismus - seien es Katholizismus, Protestantismus, Islamismus, aber auch nicht mit einer klassischen Konfession zusammenhängende „Ismen“. Die VHN möglichst ideologiekritisch, jedoch - wohlverstanden - nicht wertfrei zu gestalten, war folgerichtig stets das zentrale Ziel meiner Herausgebertätigkeit (vgl. dazu auch das Trend-Essay in dieser Nummer: „Empirisch forschen! - Aber wertgeleitet! “). Heilpädagogik gehört nach dem Verständnis vieler Fach- und Berufsvertreter, auch nach meiner Überzeugung, zu jener Pädagogik, die Partei für die in Schule und Gesellschaft benachteiligten Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen ergreift. Das ist natürlich auch schon wieder eine an Werten orientierte Aussage. Aber es scheint mir unverzichtbar, dass wir Heilpädagogik als wertgeleitete Praxis und Wissenschaft verstehen. Dazu gehört jedoch auch die Verpflichtung, das eigene Denken kritisch auf versteckte Ideologien zu überprüfen und unseren Werthintergrund offenzulegen. Als die wichtigsten wertorientierten Prinzipien für die Heilpädagogik erachte ich persönlich: Über allem stehend ideologische Offenheit - und dann Anerkennung des Lebensrechts aller ohne Einschränkungen, Anerkennung des Bildungsrechts und der Bildbarkeit aller, höchstmögliche Selbstständigkeit und Lebensqualität für alle, schließlich auch Bereitschaft der Fachpersonen zur pädagogischen Effizienzkontrolle und zur Selbstkritik am eigenen heilpädagogischen Tun. Dies war auch die programmatische Grundlage der VHN unter meiner Herausgeberschaft. Bis 2004 war ich sowohl Verleger als auch Herausgeber der VHN. Es zeichnete sich jedoch allmählich eine zunehmende Professionalisierung und Konzentrierung im Zeitschriftenverlagswesen ab, welche dem Modell „Universitätsinstitut als Verlag“ zuwider lief. Es erwies sich immer deutlicher als sinnvoll und zukunftsweisend, die VHN in die Hände eines bewährten Buch- und Fachzeitschriftenverlags zu legen. So war ich denn nicht unglücklich, als die Leiterin des Reinhardt-Verlags München auf Empfehlung von Otto Speck bei mir anklopfte. Ab Heft 3/ 2004 wurde die VHN im Reinhardt-Verlag München verlegt. Damit konnte auch ein Zeichen dafür gesetzt werden, dass sich die VHN spätestens seit meiner Übernahme der Herausgabe als heilpädagogische Fachzeitschrift für alle deutschsprachigen Länder Europas versteht. Von diesem Zeitpunkt an übernahm Frau Christina Amrein (Abb. 16) allein die Funktion der Redaktionsleitung; sie hatte schon vorher zusammen mit Heinz Hermann Baumgarten für die Redaktion der VHN gearbeitet und war somit für ihre Funktion beim Wechsel zum Reinhardt-Verlag bestens vorbereitet. Der Verlagswechsel wurde äußerlich durch eine Veränderung ihrer Erscheinung gut sichtbar gemacht. Es war die vierte größere Verän- Abb. 16 Christina Amrein, alleinige VHN-Redaktionsleiterin 2004 bis 2010 VHN 4 | 2016 288 URS HAEBERLIN Rückblick des scheidenden VHN-Herausgebers DAS PROVOK ATIVE ESSAY derung des Aussehens der VHN, die bis heute jeweils nur in Details angepasst worden ist. Abb. 17 zeigt die bisherigen vier Erscheinungsformen der VHN seit dem Beginn als „Heilpädagogische Werkblätter“. Seit der Zusammenarbeit mit dem Reinhardt- Verlag findet jährlich eine Verlags- und Herausgebersitzung in den Verlagsräumen in München statt. Das im Editorial des ersten bei Reinhardt erschienenen Heftes proklamierte Programm war für mich als Herausgeber bis heute verbindlich: „Einerseits bauen wir (…) die wichtige Rolle der VHN als wissenschaftliche heil- und sonderpädagogische Fachzeitschrift im deutschsprachigen Europa aus. Andererseits erhalten und stärken wir die Verantwortung für heil- und sonderpädagogische Grundwerte und ihre Verankerung in der Tradition einer ethisch fundierten wissenschaftlichen und praktischen Pädagogik für gesellschaftlich immer wieder von neuem bedrohte Menschen mit Benachteiligungen. Selbstbestimmtes Leben in umfassender sozialer Teilhabe betrachten wir als oberstes Leitziel.“ (VHN 3/ 2004, 253) Wir haben auch die damals eingeführte Struktur jedes Heftes bis heute durchgehalten: Jedes Heft wird mit einem provokativen Essay zu einem aktuellen Problem eröffnet. Die anschließenden Fachbeiträge müssen ein Begutachtungsverfahren mit mindestens zwei wissenschaftlich hochqualifizierten Gutachtern durchlaufen. In der Rubrik „Trend“ soll jeweils Abb. 17 Die vier Gesichter der VHN seit 1932 bis heute Abb. 18 Erste VHN-Sitzung 2004 im Reinhardt- Verlag München. Von l. nach r., vorne: Redaktorin Christina Amrein, Prof. Ulrich Heimlich, Prof. Urs Haeberlin, hinten: Verlagsleiterin Hildegard Wehler, Prof. Gérard Bless, Verlagsmitarbeiterin Helga Mattern Abb. 19 Iris Beck, Mitherausgeberin seit 2007 VHN 4 | 2016 289 URS HAEBERLIN Rückblick des scheidenden VHN-Herausgebers DAS PROVOK ATIVE ESSAY ein kritisches Kurzessay zu aktuellen Entwicklungen in Forschung, Theorie und Praxis abgedruckt werden. In der Rubrik „Dialog“ sollen sich Brief-/ Mailwechsel zwischen Personen der Wissenschaft und Personen in der Praxis mit Brennpunkten in Theorie, Praxis und Politik befassen. Abgerundet wird jedes Heft mit Informationen zu Forschungsprojekten, mit Kurzberichten, kritischen Anmerkungen und Informationen im „Forum“ sowie selbstverständlich mit Rezensionen von Fachbüchern. An den erwähnten Grundwerten und an der skizzierten Struktur habe ich mich zusammen mit den Mitherausgebern bis heute orientiert. Natürlich würde es mich sehr freuen, wenn unter der neuen Herausgeberschaft die bisherigen Grundwerte der VHN ihre Gültigkeit behalten würden, während ich gegen Veränderungen der Heftstruktur keine grundsätzlichen Bedenken hätte. Christina Amrein ist im Jahr 2010 in Rente gegangen und genießt nun ihre neu gewonnene Freiheit mit Reisen in die ganze Welt. Ihren Nachfolger fanden wir damals in der Person von Martin Baumgartner (Abb. 20), der wie vorher Frau Amrein seine Aufgaben im Redaktionsraum des Heilpädagogischen Instituts der Universität Freiburg wahrnimmt. Mit seinen bisher gesammelten Erfahrungen als VHN- Redaktionsleiter kann er die Kontinuität der Zeitschrift sowie die traditionelle Verbindung zur Universität Freiburg nach dem Herausgeberwechsel sicherstellen. Die Bindung an Freiburg wird zudem auch dadurch beibehalten, Abb. 20 Martin Baumgartner, bisheriger und künftiger Redaktionsleiter der VHN dass sich Erich Hartmann, Professor für Logopädie/ Sprachheilpädagogik an der Universität Freiburg, zur Übernahme der Funktion des geschäftsführenden Herausgebers bereit erklärt hat. Vom Konzept der VHN her ist es wünschenswert, dass er zusammen mit dem Verlag engagierte Mitherausgeber/ innen auf Lehrstühlen an Universitäten anderer deutschsprachiger Länder zur Mitarbeit gewinnen kann. So wünsche ich dem zukünftigen neuen VHN- Team eine weiterhin erfolgreiche VHN-Zukunft mit viel kritischem Sinn für aktuelle Entwicklungen und Respekt vor oft bewährten bisherigen Erfahrungen und wertgebundenen Traditionen! Anschrift des Autors Prof. em. Dr. Urs Haeberlin Regensbergstrasse 162 CH-8050 Zürich urs.haeberlin@unifr.ch
