eJournals Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete85/4

Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete
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0017-9655
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/vhn2016.art43d
5_085_2016_4/5_085_2016_4.pdf101
2016
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Dialog: Rationalität und Intuition - vereinbar oder nicht?

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2016
Urs Haeberlin
Esther Oberholzer-Stuber
Vorbemerkung: Nach einer Gastvorlesung von Professor Haeberlin am Institut für Heilpädagogik der Pädagogischen Hochschule Bern zum Thema „Wertgeleitete Forschung – illustriert am Beispiel eines Forschungsprogramms zur schulischen Integration“ sandte eine Zuhörerin per Mail eine Rückmeldung an den Referenten. Dies führte zum nachfolgend abgedruckten Dialog. Es empfiehlt sich, zuerst den Trend-Beitrag „Empirisch forschen! – Aber wertgeleitet!“ in diesem Heft zu lesen, da er in stark abgekürzter Form den Inhalt der Gastvorlesung wiedergibt.
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346 VHN, 85. Jg., S. 346 -353 (2016) DOI 10.2378/ vhn2016.art43d © Ernst Reinhardt Verlag Rationalität und Intuition - vereinbar oder nicht? Urs Haeberlin, Esther Oberholzer-Stuber Vorbemerkung: Nach einer Gastvorlesung von Professor Haeberlin am Institut für Heilpädagogik der Pädagogischen Hochschule Bern zum Thema „Wertgeleitete Forschung - illustriert am Beispiel eines Forschungsprogramms zur schulischen Integration“ sandte eine Zuhörerin per Mail eine Rückmeldung an den Referenten. Dies führte zum nachfolgend abgedruckten Dialog. Es empfiehlt sich, zuerst den Trend-Beitrag „Empirisch forschen! - Aber wertgeleitet! “ in diesem Heft zu lesen, da er in stark abgekürzter Form den Inhalt der Gastvorlesung wiedergibt. DIALOG Esther Oberholzer-Stuber an Urs Haeberlin 13. März 2016 Sehr geehrter Herr Haeberlin „… es müssen ja nicht gerade die 68er sein …“, so ungefähr endete Ihre Antwort auf die Frage eines Kommilitonen betreffend Ihre Hoffnung auf eine Gegenbewegung gegen das Bolognasystem. Ich kenne Sie und Ihre Werke viel zu wenig, als dass ich abschätzen könnte, welche Art der Gegenbewegung Sie sich erhoffen. Erlauben Sie mir bitte, Ihnen einige Gedanken und Gefühle mitzuteilen, die Ihre Hoffnung auf eine Gegenbewegung und Ihre Erwartung einer Gegenbewegung in mir ausgelöst haben. Wenn wir zwischen den beiden Polen rational-analytisch (linker Pol) und intuitiv-synthetisch (rechter Pol) ein Kontinuum herstellen, so befinde ich mich mit meinen Talenten nahe am rechten Pol. Als ich im letzten Jahr den Ausbildungsteil zu schwierigen Schulsituationen besuchte und dabei lernte, eine schwierige Situation rational-analytisch, theoriegeleitet, systematisch beobachtend, intersubjektiv nachvollziehbar zu analysieren und eine Intervention zu planen, umzusetzen und zu evaluieren, habe ich mich gefragt, ob und wie man das Gelernte auf schwierige Lebenssituationen im Allgemeinen übertragen könnte. Immer wieder beobachte ich, dass Menschen in Schwierigkeiten sehr schnell an den Rand der jeweiligen Gemeinschaft gestoßen werden, sei es in einer Mobbingsituation unter Kindern oder in der Ablehnung, die Erwachsene gegenüber Menschen hegen, welche nicht konform, in Schwierigkeiten oder psychisch erkrankt sind. Es scheint sich bei vielen Menschen Hilflosigkeit einzustellen, wenn sie mit einer wirklich schwierigen Situation konfrontiert sind. Wie kommt es, dass wir uns in heilpädagogischen Ausbildungen zwar in Theorien zu Krisen in Schulen knien, viel über Ausgrenzung bis Mobbing hören, aber nicht lernen, wie wir Menschen in Not begegnen sollen? In Stresssituationen greifen wir alle in der Regel auf erworbene Grundmuster zurück. Nur scheinen nach meinen Beobachtungen die notwendigen Grundmuster für den Umgang mit schwierigen Situationen zu fehlen. Unsere Gesellschaft scheint vor allem Anpassungs- und Funktionsfähigkeit zu verlangen und deren Vorbereitung von den Bildungsinstitutionen zu erwarten. Sollte es nicht VHN 4 | 2016 347 URS HAEBERLIN, ESTHER OBERHOLZER-STUBER Rationalität und Intuition DIALOG auch Aufgabe einer Ausbildung sein, diese gesellschaftlichen Erwartungen zu hinterfragen und den Fokus auf die Bildung einer heilpädagogischen Haltung zu legen? Dementsprechend ist Ihr Ruf nach einer Gegenbewegung auf größtes Echo in mir gestoßen. Ich möchte betonen, dass ich die Inhalte in unserer Ausbildung großartig finde, aber ich wünschte mir, dass sie sich weniger einseitig am linken Pol orientieren würden. Es sollte uns auch in geeigneter Form vermittelt werden, dass Menschen in Not in die Mitte der jeweiligen Gemeinschaft gehören und nicht an deren Rand und nahe dem Abgrund. Ich wünsche mir nämlich, dass in den Bildungsinstitutionen vermehrt vermittelt wird, welche Bedeutung Empathie, Herzlichkeit, Spontaneität, Intuition und Zivilcourage beim Umgang mit anderen haben. Ihr Ruf löst in mir meinen Ruf nach einer ausgewogenen Ausbildung aus, einer Ausbildung, die sich in der Mitte des Kontinuums befindet, einer Ausbildung, die rationale und irrationale Kräfte freisetzt und trainiert, einer Ausbildung, in der mit dem Herzen gedacht und mit dem Kopf gefühlt wird! Ich danke Ihnen, sehr geehrter Herr Haeberlin, sehr herzlich für das Zeichen, das Sie in Ihrem Vortrag gesetzt haben! In der Hoffnung, dass sich eine Gegenbewegung bald abzeichnen wird, grüße ich Sie herzlich. Esther Oberholzer-Stuber Urs Haeberlin an Esther Oberholzer-Stuber 2. April 2016 Sehr geehrte Frau Oberholzer Zur Frage einer möglichen Gegenbewegung in nicht prognostizierbarer Zukunft Folgendes: In der Geschichte gibt es keine Wiederholungen von Gleichem, sondern nur von als mit früheren Ereignissen interpretierbarem Verwandtem. Die Studentenbewegung der 68er-Jahre war unter anderem auch als Reaktion auf damalige Missstände an Universitäten zu verstehen. Aber man kann nicht behaupten, dass wir heute wieder die gleichen Missstände haben wie damals. So erinnere ich mich beispielsweise aus meiner Zeit an der Uni Heidelberg daran, dass ein Professor der Medizinischen Fakultät seinen Reitstall samt Pferden mit Universitäts- und Forschungsmitteln finanziert hatte. So etwas findet man heute wohl kaum mehr, gegen das man als Student/ in protestieren könnte. Aber Bologna erzeugt heute Druck auf Studierende und Lehrende an Hochschulen. Und aus der Geschichte kann man lernen, dass zunehmender Druck irgendeinmal Gegendruck erzeugen wird. Aber welche Form die Gegenbewegung haben wird, lässt sich nicht voraussagen. Ich persönlich wünsche mir nur, dass es eine gewaltfreie Gegenbewegung sein wird. Was ich zu den beiden Polen von Forschung gesagt habe, ist von Ihnen meines Erachtens in einer Richtung interpretiert worden, die ich nicht intendiert habe und auch nicht intendieren möchte. Es gehört zwingend zu jeder wissenschaftlichen Forschung, dass sie rational vorgeht, d. h. dass sie sich am Grundsatz der logischen Nachvollziehbarkeit der Gedankengänge und ihres Vorgehens zur Erkenntnisgewinnung orientiert. Damit verbunden ist eben auch die Pflicht zur Ehrlichkeit bezüglich der Möglichkeiten von Verallgemeinerungen von Forschungsergebnissen. Und bezüglich der Verallgemeinerbarkeit zeigt sich eben dann der Gegensatz zwischen den beiden Polen. - Natürlich ist Intuition etwas ganz Wichtiges in unserem Leben. Aber solange nur intuitiv gewonnene Aussagen nicht mit rational nachvollziehbaren Argumentationen verbunden sind, kann man sie nicht als wissenschaftliche Aussagen bzw. Er- VHN 4 | 2016 348 URS HAEBERLIN, ESTHER OBERHOLZER-STUBER Rationalität und Intuition DIALOG kenntnis betrachten. Nun ist aber wissenschaftliche Forschung nur ein kleiner Teil der Möglichkeiten des Menschlichen; und es gibt neben der Wissenschaft beispielsweise auch die verschiedenen Bereiche der Künste, auf die ich ganz und gar nicht verzichten möchte. Ich lese oft lieber ein schönes Gedicht als eine Abhandlung zu einem wissenschaftlichen Forschungsprojekt. Aber das eine - das Intuitive - darf man nicht mit dem anderen - dem Rational-Wissenschaftlichen - vermischen. Man kann sich natürlich die Frage stellen, ob für Schule Halten bzw. Unterrichten Intuition ausreicht. Dazu hat schon ein Klassiker der Pädagogik, Herbart, die Aussage gemacht, dass eine Lehrperson, die sich damit begnügt, in der Gefahr ist, ein Leben lang stets die gleichen Fehler zu machen und diese eben aufgrund von durch bloße Intuition entstandene Vorurteile ein Leben lang für richtig zu halten. Herbart hat vom „Schlendrian des 90-jährigen Dorfschulmeisters“ gesprochen. Es gehört eben auch zur guten Lehrperson, dass sie immer wieder von der Intuition Abstand nehmen kann und sich auf die rational-argumentative Kritik am eigenen Tun einlässt. Dazu gehört natürlich auch die Bereitschaft, sich mit wissenschaftlichen Forschungsergebnissen zu befassen - allerdings wiederum im Vermögen zur kritischen Analyse des Vorgehens der Forscher. Ihr Wunsch nach einer Ausbildung, „die rationale und irrationale Kräfte freisetzt und trainiert“, ist zwar durchaus verständlich, führt aber bei genauerem Hinsehen in die Falle eines nicht auflösbaren Widerspruchs: Trainieren kann man das, was einigermaßen planbar ist. Mit einem anderen Wort kann man das „unterrichten“ nennen. Unterrichten ist einigermaßen planbar und seine Ergebnisse einigermaßen kontrollierbar. Aber zwischen „trainieren“ im Sinne von „unterrichten“ oder gar „machen“ und dem individuellen Entwickeln des Gefühlslebens, von Empathie, von Liebe zum Mitmenschen, von Freude empfinden u. v. a. m. klafft doch ein unüberbrückbarer Widerspruch. Ausbildung kann zwar mit vielen guten Beispielen zeigen, wie man erfolgreich unterrichtet, d. h. wie man Wissen und Können vermittelt. Aber in einer Ausbildung ist ein vergleichbarer Zugang zur Beeinflussung des Gefühlslebens von Studierenden - Paul Moor nannte es das „Gemüt“ - nicht möglich. Ich lasse nun die Frage offen, wovon denn die Entwicklung des „Gemüts“ eines Kindes, Jugendlichen und Erwachsenen abhängt und in welchem Rahmen sie denn eigentlich stattfindet. Ich danke Ihnen für Ihre Gedanken, die mich durchaus interessiert haben, und grüße freundlich. Prof. Dr. Urs Haeberlin Esther Oberholzer-Stuber an Urs Haeberlin 2. April 2016 Sehr geehrter Herr Haeberlin Nun bin ich doch etwas überwältigt. Mit einer so ausführlichen Antwort habe ich nicht gerechnet. Ich fühle mich sehr ernst genommen! Dafür möchte ich mich herzlich bei Ihnen bedanken. Den Druck, den Bologna ausübt, spüren wir Studierende stark. In dieser Zwangsjacke, die sehr kräftezehrend ist, ist es tatsächlich schwierig, noch Lust am Studieren zu empfinden, und das, obwohl mich die Materie brennend interessiert. Ich möchte mich noch gerne dazu äußern, wie ich zu „meinen Polen“ gekommen bin. Mir war klar, dass ich von etwas anderem spreche als VHN 4 | 2016 349 URS HAEBERLIN, ESTHER OBERHOLZER-STUBER Rationalität und Intuition DIALOG Sie. Dies war nicht als Interpretation zu den beiden Polen von Forschung gemeint. Dass wissenschaftliche Forschung zwingend rational vorgehen muss, ist für mich nachvollziehbar. Ich bemühe mich auch eifrig, mich in diese Richtung hin weiterzuentwickeln. Es war das Bild von einem Kontinuum zwischen zwei Polen, das mich inspiriert hat. Ich habe dieses Konstrukt kreativ umgesetzt auf zwei Pole, die mich so sehr beschäftigen. Auch bin ich Ihrer Meinung, was die Wichtigkeit von rational-argumentativer Kritik an eigenem Tun betrifft. Es ist weder so, dass ich das eine gegen das andere ausspielen möchte, noch hege ich Ablehnung gegenüber der rationalanalytischen Seite. Im Gegenteil, ich empfinde die Entwicklung dieser Seite als elementar, auch wenn ich da noch ein bisschen hinterherhinke … Nein, es geht mir um die Gleichbehandlung dieser beiden Pole. Denn in diesem Punkt bin ich nicht gleicher Meinung wie Sie: Ich bin nicht der Meinung, dass die Entwicklung beider Pole einen unüberbrückbaren Widerspruch darstellt. Im Unterricht hat die Intuition eine ebenso wichtige Funktion wie der Verstand. Luc Ciompi hat bereits in den 1980er Jahren darauf hingewiesen, dass nur das Gleichgewicht zwischen ‚linkshirniger‘ und ‚rechtshirniger‘ Wirklichkeitserfassung die ganze Wirklichkeit erfassen könne. Er meinte, dass den linkshirnig-analytischen Intelligenzleistungen in der Schule dringend die Entwicklung von Intuition und Feingefühl gegenübergestellt werden müsse. Weiter bin ich überzeugt, dass Intuition trainierbar ist, denn Ruth C. Cohn stellte in den 1970er Jahren fest, dass Intuition ein menschliches Talent ist, das trainiert oder vernachlässigt werden kann. Auch bezweifle ich die Aussage von Herbart, dass Intuition zu Vorurteilen führen kann. Ruth C. Cohn sagte dazu, dass es keine falsche Intuition gebe, sondern nur Intuition oder Irrtum. Allerdings setzt das Erkennen, ob ein Gedanke oder eine Empfindung der Intuition oder dem Irrtum entspringt, die Fähigkeit voraus, das eine vom andern unterscheiden zu können. Dies ist mit Sicherheit eine sehr hohe Schule … In meiner Praxis mache ich die Erfahrung, dass Gemütsbildung möglich ist, indem wir zeitliche und psychische Räume öffnen für psychosoziale Momente. Diese können sowohl spontan entstehen oder geführt durch Phantasierereien, Geschichten, Musik … Mit Geschichten als Metaphern lassen sich sowohl das Gemüt wie auch die Empathie fördern. Aus einer Geschichte können Instrumente zur Handhabung intrapsychischer Vorgänge abgeleitet werden. Wenn zum Beispiel der Kutscher lernen muss, seine zwei unterschiedlichen Pferde (Schimmel und Rappe als Metapher für die weibliche und die männliche Kraft in uns) in der Balance zu halten, lernen Kinder nicht nur Sozialverhalten, sondern auch in sich hineinzuhören, mit sich zusammen zu sein. Im Austausch der Kinder innerhalb der Klasse erfahren sie einiges über die Innenwelt anderer Kinder, zum Beispiel wann und weshalb der Rappe wieder durchgebrannt ist, und erleben dadurch verschiedene Optiken. Automatisch fühlen sie sich in andere ein und beraten diese Kinder empathisch. Das sind sehr starke und bildende Momente. Aber um solche Räume öffnen und gestalten zu können, braucht es, wie Sie sagen, das „emotionale Erfülltsein der Erzieher“. Ich bin überzeugt, dass es Wege und Mittel gibt, auch in einer Ausbildung die Vertiefung des Gemüts zu ermöglichen. Dazu hätte ich noch tausend Ideen … Es ist mir ein sehr großes Anliegen, mich für die große Wertschätzung, die Sie mir entgegengebracht haben, zu bedanken! Mit herzlichen Grüßen Esther Oberholzer-Stuber VHN 4 | 2016 350 URS HAEBERLIN, ESTHER OBERHOLZER-STUBER Rationalität und Intuition DIALOG Urs Haeberlin an Esther Oberholzer-Stuber 20. Mai 2016 Sehr geehrte Frau Oberholzer Soeben bin ich in meiner Mail-Box nochmals auf Ihre Mail vom 2. April gestoßen. Dabei sind mir die Sätze „Im Unterricht hat die Intuition eine ebenso wichtige Funktion wie der Verstand“ sowie „ich bin überzeugt, dass Intuition trainierbar ist“ aufgefallen. Selbstverständlich kann ich dem Satz in dieser allgemeinen Formulierung zustimmen. Allerdings handelt es sich beim Wort „Intuition“ um keinen einfachen Begriff, den alle ohne Weiteres gleich verstehen. Wenn ich mich aber an meine eigenen Erfahrungen mit Unterrichten erinnere, dann wäre die Durchführung von Unterricht gar nicht möglich gewesen, wenn ich vor jeder Reaktion auf irgendein verbales oder anderes Verhalten eines Kindes umständlich im Katalog meines theoretischen Wissens nach Anhaltspunkten für das theoretisch „Richtige“ gesucht hätte. Unterrichten in der Schulpraxis ist immer auch Interaktion, die ohne spontanes Hin und Her von verbalen oder nonverbalen Signalen nicht möglich ist oder zumindest künstlich und damit für beide Seiten schwer erträglich und ineffizient würde. Eine Klärung des Verhältnisses zwischen Spontaneität der Lehrperson und ihren in Aus- und Fortbildung oder durch Selbststudium gewonnenen Kenntnissen von wissenschaftlichen Forschungsergebnissen über Zusammenhänge in Lehr-/ Lernprozessen ist nicht einfach und wird uns wahrscheinlich nie ganz gelingen. Aber ein Hinweis scheint mir wichtig: Lehrpersonen können und sollen regelmäßig, d. h. täglich auf Ereignisse im Unterricht zurückblicken und diese mit dem aktuellen pädagogischen und psychologischen Forschungsstand konfrontieren und dann allenfalls Schlüsse ziehen, was sie möglicherweise Angemessenes oder Unangemessenes getan haben. Solche regelmäßigen Reflexionen im Nachhinein können - so hoffe ich jedenfalls - zukünftiges „spontanes“ Verhalten der Lehrperson im Schulzimmer in angemessene Bahnen lenken. Allerdings kann manchmal das spontane Verhalten einer Lehrperson auch als angemessen empfunden werden, obschon es ganz und gar nicht der „pädagogischen Theorie“ entspricht und eigentlich eine Affekthandlung ist. Als eindrückliches Beispiel habe ich ein Ereignis aus meiner Zeit als Schüler im Gymnasium in Erinnerung: Der von mir sehr geschätzte Deutschlehrer behandelte im Unterricht ein ihm offenbar sehr wichtiges und auch für mein Empfinden sehr schönes Gedicht. Ein in vorderster Reihe sitzender Schüler beschäftigte sich währenddessen demonstrativ damit, mit einer Schere die Fingernägel zu schneiden. Dies irritierte den Lehrer so sehr, dass er - sonst stets ein ruhiger und selbstbeherrschter Mensch - ihm spontan und affektgeladen die Schere aus der Hand riss und diese gegen den Schüler warf. Beinahe hätte sie ihn ins Gesicht getroffen. Die allgemeine Ablehnung von Gewalt durch Pädagogen würde diese Reaktion des Lehrers als falsch einstufen und heute diese vielleicht sogar ahnden. Aber ich empfand nach diesem Ereignis noch größere Hochachtung vor diesem Lehrer, weil sein spontanes Handeln für mich der Beweis dafür war, dass er vom Gedicht emotional ergriffen war, diese Ergriffenheit an uns Schüler weiterzugeben versuchte und sich durch den Nagelschneider darin extrem gestört sah. Das Angesprochensein vom Gedicht war bei mir durchaus der Fall, aber offenbar nicht bei allen anderen. Noch heute - nach 65 Jahren! - erinnere ich mich bewundernd an die spontane Handlung dieses Lehrers. Dies scheint mir daran zu liegen, dass ich gemerkt habe, wie er von etwas - in diesem Fall von einem Gedicht - emotional so stark berührt war, dass ihn ein Verstoß gegen die eigene Ergriffenheit zum spontanen Scherenwurf veranlasste. Und dies hat nicht nur mich, sondern auch andere Schüler positiv beeindruckt. Wir haben ihm emotionale Echtheit und daraus hervorgehende Spontaneität zugetraut. Hätten VHN 4 | 2016 351 URS HAEBERLIN, ESTHER OBERHOLZER-STUBER Rationalität und Intuition DIALOG sich allerdings solche Handlungen bei ihm wiederholt, wäre wahrscheinlich der Eindruck dann wieder eher ins Negative gekippt. Ich bin mir fast sicher, dass er nach der Schulstunde kritisch zurückgeblickt und sein Handeln als pädagogisch fragwürdig erkannt hat. Damit wäre ich wieder beim Verhältnis zwischen spontanem Handeln und rückblickender Reflexion über die Geschehnisse während des Unterrichts. Wenn schon der Begriff der „Spontaneität“ sehr kompliziert ist, dann ist derjenige der „Intuition“ noch schwieriger zu fassen und einzugrenzen. Wäre damit - angewendet auf das Beispiel - gemeint, dass sich der Lehrer in den Fingernägelschneider hätte hineinfühlen müssen, um nachempfinden zu können, welche emotionalen Hintergründe diesen zum ärgerlichen Verhalten veranlassten? War sein Scherenwurf ein Irrtum, weil ihm Intuition in diesen Schüler nicht gelungen ist - entsprechend dem von Ihnen zitierten Satz „Es gibt keine falsche Intuition; es gibt nur Intuition oder Irrtum“? Aber auch wenn der spontane Scherenwurf als Irrtum qualifiziert werden könnte, trifft eben zu, dass die Hochachtung vor diesem Lehrer bei vielen Schülern der Klasse gestiegen ist - mit einiger Wahrscheinlichkeit bei jenen Schülern, die ebenfalls vom Gedicht emotional ergriffen waren. Und damit wäre ich wieder beim Verhältnis zwischen Lehren/ Unterrichten und „Gemütsbildung“. Diese hat vermutlich im vorliegenden Fall bei einigen Schülern deshalb stattgefunden, weil sie „intuitiv“ gemerkt haben, dass der Lehrer selbst von etwas emotional beeindruckt ist. Und beim Fingernägelschneider und vielleicht bei einigen anderen scheint es nicht zum emotionalen Angesprochensein von Inhalt und Form des behandelten Gedichts gekommen zu sein. Diese Interpretation würde der schon sehr alten, aber vielleicht doch nicht ganz ‚falschen‘ Vorbildpädagogik entsprechen. Zum Vorbild-Sein gehört Echt-Sein; das bedeutet, dass ein geplant gespieltes Vorbild vom Kind in der Regel als unecht erkannt wird. Eine Lehrperson, die den Kindern geplant emotionales Angesprochensein vorspielt, versucht, mit unechtem Getue Kinder zu manipulieren. Wenn Kinder bis zum Erwachsenenalter nicht lernen, echte Emotionalität von absichtlich gespielter Emotionalität zu unterscheiden, werden sie mit clever eingesetzten Mitteln leicht manipulierbar. Volksverführer wissen dies seit Langem und haben immer wieder erfolgreich über geschickt eingesetzte Emotionalität ganze Völker verführen können. Dies bedeutet meines Erachtens für die Ausbildung von Lehrpersonen, dass ihnen immer wieder gezeigt werden sollte, wie gerade via geschickt eingesetzte Emotionalität sowohl Kinder wie auch Erwachsene zu allem möglichen - eben auch zu gefährlichen Ideologien und Feindseligkeiten gegen Andersartige - manipulativ verführt werden können. Und so zeigen sich dann wieder schnell die Klippen und Grenzen, auf die Ausbildung stößt. Selbstverständlich fruchtet auch gut geplantes Unterrichten nicht ohne Motivation, die natürlich wieder emotional verankert ist. Deshalb sind wir als Lehrpersonen immer im Dilemma zwischen emotionaler Echtheit und manipulativ gespielter Emotionalität. Ich zweifle daran, dass emotionale Echtheit ohne oft schwer erkennbare bedenkliche Nebenwirkungen trainierbar im Sinne von „beabsichtigt machbar“ ist. Aus solchen Zweifeln heraus hatte der Begründer der ‚modernen‘ heilpädagogischen Ausbildung, Heinrich Hanselmann, nach Antworten auf die Frage gesucht, welches die Persönlichkeitsmerkmale von zukünftigen Heilpädagoginnen und Heilpädagogen sein müssten, damit sich Echtheit während der Ausbildung entwickeln könnte. Er überlegte sich damals auch immer wieder, mit welchen Mitteln man die für heilpädagogische Berufe Geeigneten schon vor dem Studienbeginn auswählen könnte; beispielsweise hoffte er auf die Aussagekraft von Aufgaben, welche möglichst intensive Kreativität abverlangen, oder auf Verhaltensbeobachtungen bei einer gemeinsamen Aufgabe, die in einer Gruppe zu bewältigen ist. VHN 4 | 2016 352 URS HAEBERLIN, ESTHER OBERHOLZER-STUBER Rationalität und Intuition DIALOG Über den Erfolg seiner Bemühungen wissen wir jedoch kaum etwas Zuverlässiges. In dieser Frage sind wir bis heute noch kein bisschen weiter. Vielleicht ist das auch gut so. Ich jedenfalls freue mich darüber, dass nicht alles trainierbar, manipulierbar und planbar ist, dass Menschen den Drang zur Unabhängigkeit von Beeinflussung weiterhin anstreben können und Hilfe dafür benötigen dürfen und dass es in uns Menschen weiterhin Verborgenes und für die Absichten anderer nicht Zugängliches geben darf. Ich wollte eigentlich zu Ihrer Mail nur einige Sätze schreiben. Nun ist ungewollt schon fast eine längere Predigt entstanden, die ich nun gleichwohl abschicke. Mit freundlichen Grüßen Prof. Dr. Urs Haeberlin Esther Oberholzer-Stuber an Urs Haeberlin 21. Mai 2016 Sehr geehrter Herr Haeberlin Herzlichen Dank für Ihre bewegende Predigt. Es ist nämlich so, dass ich Predigten sehr gerne mag, vor allem wenn sie so berührend sind. Gerne beschreibe ich Ihnen, was Ihre Worte bei mir bewirken. Zuerst habe ich lange über das von Ruth Cohn gebrauchte Wort „trainieren“ nachgedacht. Wenn ich dem Kapitel 11 in Cohns „Von der Psychoanalyse zur themenzentrierten Interaktion“ folge, so verstehe ich ihre Form von Training als ein Gewahrwerden von Intuition. Ich suche gerne nach einem passenderen Wort als „trainieren“. Denn auch für mich impliziert es etwas Technisches, als wäre alles machbar. Aus dieser Sicht kann Training manipulierend und deshalb sehr gefährlich sein. Da stimme ich mit Ihnen überein. Wiederum mit Blick auf Cohn gefällt mir persönlich als alternative Formulierung „Wahrnehmung von Intuition entwickeln“ am besten. Die Sensibilisierung auf das Wahrnehmen von spontanen Einfällen, die man auch als Intuitionen bezeichnen könnte, kann man im Sinne Cohns als „Training“ ansehen. So räumte Cohn in ihren Workshops Phasen des „kreativen Schweigens“ ein, welche eine Entspannung und Raumöffnung ermöglichten, damit Unbewusstes bewusst werden kann und Impulse, die in der alltäglichen Hektik laufend unterdrückt werden, wahrgenommen werden können. Für Cohn ist Intuition eine Art Suchmaschine, welche alle gespeicherten Daten (auch theoretische) nach einem Stichwort absucht und das passendste Resultat ausspuckt. Auch in der modernen Intuitionsforschung wird Intuition so ähnlich beschrieben. Die Resultate sind verblüffend. Das wissen wir ja auch aus unserem täglichen Leben: Wenn wir einer Intuition folgen, kommt es gut. Dazu folgende Episode: Meine Kollegin und ich warteten im Lehrerzimmer auf das Gespräch mit der Mutter und der Psychologin eines sehr aggressiven Knaben. In den paar Minuten, die noch blieben, befasste ich mich sinnierend mit der inneren Zerrissenheit des Knaben. Urplötzlich stieg vor meinem inneren Auge ein Bild eines Kutschers mit zwei ungleichen Pferden, einem Schimmel und einem Rappen, auf (ich habe in meiner letzten Mail schon darüber geschrieben). Nun hatte ich zwei Möglichkeiten: Den Einfall als Phantasterei wegschieben oder ihn als Teil der Lösung in Betracht ziehen. Wie Sie wissen, habe ich den Einfall angenommen. Die daraus entwickelte Intervention wurde ein großer Erfolg. Was zuerst nur ein sekundenlanger Einfall gewesen war, wurde zum dynamischen Prozess eines halben Jahres. Und das meine ich mit Intuition: spontane Einfälle wahr- und annehmen. Ich danke Ihnen herzlich, dass Sie mit mir in den Dialog rund um das Wort Intuition eingetreten sind. Was Sie mir zur emotionalen Ergriffenheit geschrieben haben, hat mich sehr tief berührt. Schon nur was das Gedicht in Ihrer Klasse ausgelöst hat, lässt seine Schönheit VHN 4 | 2016 353 URS HAEBERLIN, ESTHER OBERHOLZER-STUBER Rationalität und Intuition DIALOG und Echtheit erahnen. Emotionale Echtheit ist das, worauf Kinder so stark und positiv reagieren. Erwachsene haben da in der Regel schon etwas mehr Barrieren aufgebaut. Leider können wir nicht immer emotional echt sein. Denn wenn es mir zum Heulen ist, muss ich wohl oder übel eine Maske tragen, zum Schutz der Kinder… Aber die im Anschluss an diesen Gedanken mögliche Predigt lasse ich jetzt sein … Mit herzlichen Grüßen Esther Oberholzer-Stuber Literatur Cohn, R. C. (2013): Von der Psychoanalyse zur themenzentrierten Interaktion. 17. Aufl. Stuttgart: Klett-Cotta Ciompi, L. (1988): Außenwelt - Innenwelt. Die Entstehung von Zeit, Raum und psychischen Strukturen. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht Prof. em. Dr. Urs Haeberlin urs.haeberlin@unifr.ch Esther Oberholzer-Stuber esther.oberholzer-stuber@stud.phbern.ch