Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete
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0017-9655
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Rezension: Amirpur, Donja (2016): Migrationsbedingt behindert? Familien im Hilfesystem. Eine intersektionale Perspektive. Bielefeld: transcript Verlag. 312 S., € 29,99
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Chantal Hinni
Rezension Amirpur, Donja (2016): Migrationsbedingt behindert? Familien im Hilfesystem. Eine intersektionale Perspektive Bielefeld: transcript Verlag. 312 S., € 29,99
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VHN 2 | 2017 175 REZE NSION E N Amirpur, Donja (2016): Migrationsbedingt behindert? Familien im Hilfesystem. Eine intersektionale Perspektive Bielefeld: transcript Verlag. 312 S., € 29,99 Die mit dem Augsburger Wissenschaftspreis für interkulturelle Studien 2016 ausgezeichnete Autorin Donja Amirpur befasst sich in ihrer Studie mit der Frage, warum Familien an der Schnittstelle von Migration und Behinderung durch die Behindertenhilfe kaum erreicht werden. Sie räumt auf mit der gängigen Annahme, dass kulturelle Barrieren sowohl aufseiten der Familie wie auch aufseiten der Behörden Haupthinderungsgrund sind. Stattdessen liefert sie eine fundierte Analyse der komplexen Lebenslagen der betroffenen Familien. Im ersten Kapitel der Ausgangslage beschreibt Amirpur die UN-Behindertenkonvention mit Bezugnahme zur inklusiven Bildung. Im anschließenden Kapitel findet eine Auseinandersetzung mit den Phänomenen Migration und Behinderung aus sozialwissenschaftlicher Sicht statt. Die Autorin gibt den aktuellen Diskussionsstand wieder, indem sie zuerst deskriptive Daten aus der offiziellen deutschen Statistik sowie qualitative Studien aus dem Forschungsfeld beschreibt, um anschließend in eine ausführliche Analyse religiös-spiritueller und kultureller Konzepte überzuleiten. Dabei wird eine Diskrepanz zwischen der Feststellung von Behinderung im Kontext von Migration und der Inanspruchnahme von Angeboten des Hilfesystems herausgearbeitet. Mit der Darstellung der Strukturen, Zugänge und Barrieren im Hilfesystem im dritten Kapitel schließt Amirpur an das vorhergehende an. Die Forderung, dass sich Einrichtungen in der Gestaltung ihrer partizipativen Prozesse ändern müssen, damit die Angebote von allen Betroffenen wahrgenommen werden, leitet zum eigentlichen Erkenntnisinteresse über. Zur Erforschung dieses Desiderats zieht die Autorin als analytischen Bezugsrahmen das Konzept VHN 2 | 2017 176 REZE NSION E N der Intersektionalität bei. Der stringente Aufbau dieses vierten Kapitels vermittelt einen umfassenden Überblick von der Entwicklung des Intersektionalitätsansatzes über den gegenwärtigen inhaltlichen Diskurs bis hin zur Auswahl des methodischen Ansatzes für die vorliegende empirische Untersuchung. Im eigentlichen Kernstück, dem fünften Kapitel, beschreibt Amirpur mit großer Präzision ihre Feldstudie von der Stichprobe über die Erhebung bis zur Auswertung der Interviews. So wird einerseits ein eindrücklich genaues Bild der elf untersuchten Familien vermittelt, andererseits wird auf Besonderheiten der Erhebung beispielsweise bezogen auf Übersetzungen oder die Wirkung von Telefongesprächen eingegangen. Am Schluss des Kapitels arbeitet die Autorin drei Kernthemen aus den Interviewanalysen heraus. Somit gelingt es ihr zu beantworten, an welcher Stelle im Hilfesystem bzw. in welcher Form die Bedürfnisse der Familien mit behinderten Kindern nicht erfüllt oder verletzt werden. Auf die Frage nach der migrationsbedingten Behinderung werden zum Schluss des Buches höchst interessante Antworten geliefert. So konnte die Autorin beispielsweise herausarbeiten, dass es kaum Unterschiede zwischen migrierten und nichtmigrierten Eltern bezüglich der Suche nach Aufklärung zu behinderungsspezifischen Fragen oder nach Angeboten der Förderung und Betreuung gibt. Auf der anderen Seite wirken aber Ausgrenzungs- und Abwertungsprozesse auf die Identitätskonstruktion der migrierten Familien, was in der Folge beispielsweise zur Ablehnung des Systems, Rebellion oder Verlust des Vertrauens führen kann. Amirpur leistet mit ihrer grundlegenden Arbeit einen wichtigen Beitrag zum Erkenntniszuwachs bezüglich der Lebenslagen bei Migration und Behinderung. Chantal Hinni, MA CH-1700 Freiburg DOI 10.2378/ vhn2017.art18d
