eJournals Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete86/3

Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete
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0017-9655
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/vhn2017.art26d
5_086_2017_3/5_086_2017_3.pdf71
2017
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Rezension: Grebe, Anna (2016): Fotografische Normalisierung. Zur soziomedialen Konstruktion von Behinderung am Beispiel des Fotoarchivs der Stiftung Liebenau: Bielefeld: transcript Verlag. 258 S., € 3

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2017
Christian Mürner
Rezension Grebe, Anna (2016): Fotografische Normalisierung. Zur soziomedialen Konstruktion von Behinderung am Beispiel des Fotoarchivs der Stiftung Liebenau Bielefeld: transcript Verlag. 258 S., € 34,99
5_086_2017_3_0010
VHN 3 | 2017 270 REZE NSION E N Grebe, Anna (2016): Fotografische Normalisierung. Zur soziomedialen Konstruktion von Behinderung am Beispiel des Fotoarchivs der Stiftung Liebenau Bielefeld: transcript Verlag. 258 S., € 34,99 Ein einzigartiges Archiv lagert auf Schloss Liebenau in Baden-Württemberg in der Nähe des Bodensees. Es besteht aus Fotografien und Fotoalben aus dem 20. Jahrhundert, gesammelt in Kartons und Mappen. Das Archiv gehört zur Stiftung Liebenau, gegründet 1870 als „Pfleg- und Bewahranstalt für Unheilbare“, damals zählte man besonders „Schwachsinnige“ dazu. Die Stiftung ist heute ein Sozial-, Gesundheits- und Bildungsunternehmen. Die insgesamt 70’000 Fotografien, die je zu einem Drittel jeweils Baumaßnahmen oder Gebäude, Veranstaltungen oder prominente Besucher sowie die in der Einrichtung lebenden und arbeitenden Menschen zeigen, beinhalten eine außergewöhnliche Bildgeschichte. Die Berliner Medienwissenschaftlerin Anna Grebe hat im Rahmen eines Forschungsprojekts dieses Liebenauer fotografische Archiv digitalisiert und in ihrer nun erschienenen Dissertation kommentiert und analysiert sowie in einen allgemein fototheoretischen Rahmen gestellt. Dabei stehen die Aufnahmen von Personen mit Behinderung im Zentrum, und es ist bemerkenswert, „dass die abgebildeten Menschen in einem Kontext erscheinen, der ‚normaler‘ kaum sein könnte - in Arbeits- und Alltagsituationen, sprich: an ihrem Wohnort, in handwerklichen Werkstätten, in der Bäckerei, im Gartenhaus, aber auch bei kirchlichen Hochfesten als Messdiener, in Anzug und Krawatte bei der Firmung oder Erstkommunion“ (S. 17). Der „alltagsnahe Blick“ der Fotografien „stellt den Menschen mit Behinderung nicht als etwas ‚radikal anderes‘ dar“ (S. 87), die Zurschaustellung wird begrenzt. Anna Grebe nennt dies eine „visuelle Normalisierung“ (S. 100), welche allerdings nicht mit einer „sozialpolitischen Normalisierung“ der Behinderung einhergeht. In manchen Fotografien ist im Sinn einer „Denormalisierungstendenz“ dieser Zwiespalt zu erkennen. Denormalisierung heißt, dass es zu einer „medialen Arretierung von Behinderung“ (S. 11) kommt, indem man aufgrund einer „verschmutzten Kleidung“ oder eines „entrückten Blickes“ (S. 69) auf eine Behinderung schließt oder im Zusammenhang der „‚Unsichtbarkeit‘ von geistiger Behinderung“ mit „bestimmten Inszenierungsmodi“ (S. 97) operiert, z. B. erwachsene Menschen mit Kuscheltieren abbildet. Hier zeigt sich das vielschichtige Niveau der Arbeit Grebes, das von der archiv- und fototheoretischen Analyse im Kontext der Visual und Disability Studies bis zur konkreten Betrachtung eines einzelnen Fotos und der charakteristischen Darstellung einer Person reicht. Die Offenheit und Unergründlichkeit der einzelnen Fotografie widersteht der Theorie, welche aber auch verblüffende Perspektiven eröffnet. Nur zu den wenigsten der abgebildeten Personen liegen biografische Angaben vor, sodass sich kaum individuelle Geschichten rekonstruieren lassen. Auch die Fotografen bleiben anonym, mit Ausnahme des Schweizer Jesuitenpaters Johannes Baptista Hubbuch, der als Hausgeistlicher und Amateurfotograf Ende der 1930er und der 1950er Jahre viele Bilder (Diapositive) im Sinne der „Arbeiterfotografie“ und in Anlehnung an den Berufsfotografen August Sander und dessen berühmte Porträtsammlung „Menschen des 20. Jahrhunderts“ aufnahm. Von Hubbuch sind ein paar Vermerke zu den Aufgenommenen überliefert: „Sie wollte auch fotografiert und verewigt werden“ (S. 126) oder „Die gute Christine? Wo mag sie sein? “ (S. 131). Josef L. wurde von Hubbuch als Arbeiter mit einem Korb und großer Schürze fotografiert (S. 132), kurz vor dem Abtransport mit den „grauen Bussen“ zur Euthanasie. Die fundierte Darstellung der „fotografischen Normalisierung“ von Anna Grebe dokumentiert das Schwanken zwischen den „Blickregimes“ (S. 238) und der anmutigen „Bildwürdigkeit der Liebenauer Bewohner“ (S. 157). Dr. Christian Mürner D-22529 Hamburg DOI 10.2378/ vhn2017.art26d