Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete
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0017-9655
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/vhn2018.art07d
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2018
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Rezension: Sahli Lozano, Caroline / Vetterli, Richard / Wyss, Annika (2017): Prozesse inklusiver Schulentwicklung. Theoretische Grundlagen und Filmbeispiele aus der Praxis
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Hans Wocken
Sahli Lozano, Caroline; Vetterli, Richard; Wyss, Annika (2017): Prozesse inklusiver Schulentwicklung. Theoretische Grundlagen und Filmbeispiele aus der Praxis Bern: PHBern; Vertrieb: Schulverlag. 216 S., CHF 35,60
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VHN 1 | 2018 85 REZE NSION E N Sahli Lozano, Caroline; Vetterli, Richard; Wyss, Annika (2017): Prozesse inklusiver Schulentwicklung. Theoretische Grundlagen und Filmbeispiele aus der Praxis Bern: PHBern; Vertrieb: Schulverlag. 216 S., CHF 35,60 Die beiden Berner Schulen Aarwangen und Lorraine haben sich auf den Weg gemacht, „eine gute Schule für alle“ zu entwickeln und die Heterogenität ihrer Schülerinnen und Schüler pädagogisch zu nutzen. Auf diesem inklusiven Schulentwicklungsprozess wurden sie von Dozierenden des Instituts für Heilpädagogik (IHP) der Pädagogischen Hochschule Bern begleitet und unterstützt. Das dreijährige Partnerschulprojekt der PH Bern und der beiden Partnerschulen hat seinen Niederschlag gefunden in einem Buch sowie in Filmdokumenten. Die beigelegte DVD enthält drei Filme. Ein 20-minütiger Kurzfilm vermittelt einen informativen kurzen Überblick über die Herausforderungen und Entwicklungsprozesse in den beiden Schulen. Zwei ausführliche Filme von jeweils 40 Minuten dokumentieren dann die unterschiedlichen Ausgangslagen, Ressourcen, Aufgabenstellungen und Entwicklungsfortschritte in den Schulen Aarwangen und Lorraine. Die beiden Schulfilme erzählen nicht eine Geschichte der Schulentwicklungsprozesse, sondern sind thematisch in verschiedene Bereiche von Schulentwicklung strukturiert. Die inhaltlich definierten Filmclips werden zusätzlich in dem Buch aufgelistet und erläutert. Diese Gliederung in thematische Filmclips ermöglicht es, ganz gezielt bestimmte Aufgaben und Herausforderungen von Schulentwicklungsprozessen zu fokussieren. In der Lehrerfortbildung oder in der Elternarbeit ist es angeraten, nicht einfach „schöne“ und stimmungsvolle Inklusionsfilme zu zeigen, sondern sich ganz konkret mit spezifischen Fragestellungen und Problemen einer inklusiven Pädagogik auseinanderzusetzen. Die Filmclips sind gut geeignet, den individuellen Interessen der jeweiligen Teilnehmer zu entsprechen und zu einer vertieften, systematischen Auseinandersetzung mit konkreten inhaltlichen Problemen anzuregen. Parallel zu den Filmen entstand das Buch, das für das gesamte Schulentwicklungsprojekt, sowohl für die filmische Dokumentation als auch für die praktische Entwicklungsarbeit, die theoretische Grundlegung beinhaltet. Die Gliederung des Buches orientiert sich an einem ad hoc entwickelten „Modell inklusiver Prozesse“ (MIP), das die Gesamtheit aller relevanten Entwicklungsprozesse auf dem Weg zu einer inklusiven Schule abbilden, ordnen und strukturieren soll. Die grafische Abbildung des Modells zeigt eine runde Schale, in deren Zentrum der Unterricht steht. Um diesen zentralen Kern gruppieren sich sieben Kreise, die verschiedene Bereiche und Themenfelder repräsentieren, die für inklusive Schulentwicklungsprozesse relevant sind. Es sind dies: 1. Einstellungen 2. Schulleitung 3. Professionelle Kooperation 4. Kooperation mit Eltern 5. Tagesstrukturen 6. Schulergänzende Kooperationen 7. Professionelle Handlungskompetenzen Diese sieben Entwicklungsbereiche stehen mit dem Unterricht als dem Zentrum in einem Wechselwirkungsverhältnis; sie bedingen und beeinflussen die Gestaltung und Qualität des Unterrichts, dieser wiederum hat rückwirkenden Einfluss auf die umgebenden Entwicklungsfelder. Die Schale selbst repräsentiert die rechtlichen Rahmenbedingungen, die die politischen Vorgaben und pädagogischen Freiräume definieren. Jedem der sieben Entwicklungsbereiche sowie natürlich dem Kernbereich Unterricht ist in dem Buch ein eigenes Kapitel gewidmet. Die Abhandlung in den Kapiteln folgt einer gleichbleibenden inhaltlichen Struktur: (1) Theoretische Grundlagen, (2) Empirische Forschungsbefunde, (3) Praxisleitende Hinweise und Hilfen, (4) Zusammenfassung. Die Ausführungen sind sehr systematisch angelegt und haben nahezu Lehrbuchcharakter. Sie sind informativ und kenntnisreich, wobei verständlicherweise vorwiegend Literatur, Forschungsbefunde und Praxiserfahrungen aus der Schweiz Berücksichtigung finden. Das didaktische Zentrum „Unterricht, Förderung und Beurteilung in heterogenen Klassen“ erfährt dem „Modell inklusiver Prozesse“ folgend eine VHN 1 | 2018 86 REZE NSION E N recht breite und intensive Darstellung. Dem Unterrichtskapitel wird das didaktische „Würfelmodell“ von Michael Eckardt unterlegt. Eckardt versteht Unterricht als einen dreidimensionalen Handlungsraum mit den Ebenen Differenzierung, Vermittlung und Lerninhalte. Alle Ebenen sind als bipolare Spannungsfelder zu verstehen, die zwischen antithetischen Polen jeweils ein „dialektisches“ Handlungskontinuum konstituieren. Die Bezugnahme auf dieses Würfelmodell verleiht dem didaktischen Kapitel ein sehr solides, theoretisch tragfähiges Fundament. Am Ende der jeweiligen Kapitel finden sich nach der Zusammenfassung sog. „Orientierungspunkte“. In den Orientierungspunkten wird in knappen, bündigen Sätzen jeweils das inhaltliche Substrat des vorangegangenen Kapitels dargestellt. Die Orientierungspunkte kann man sich vorstellen wie die Indikatoren des „Index für Inklusion“. Es handelt sich dabei um Merksätze oder Regeln, die das pädagogische Handeln leiten sollen. Ein Merksatz zum Kooperativen Lernen lautet etwa: „In der Klasse werden täglich gemeinschaftsbildende Rituale gepflegt.“ Die Orientierungspunkte können dazu anregen, die eigene Schul- und Unterrichtspraxis kritisch zu befragen und weiterzuentwickeln. Sie zeichnen sich durch eine größere Schul- und Unterrichtsnähe aus als etwa der allgemeiner gehaltene „Index für Inklusion“. Sie sind daher vorzüglich als Ausgangspunkt für inklusive Schulentwicklungsprozesse geeignet und können als ein besonderes Glanzstück des Buches gewürdigt werden. Eine kritische Anmerkung soll dem Layout des Buches gelten. Die Schrift des Buches ist recht klein und macht die Lektüre zu einer anstrengenden Angelegenheit. Mir persönlich wäre ein Verzicht auf die zahlreichen Abbildungen zugunsten einer größeren Schrift lieber gewesen. Weiter: Der Text ist durchgängig mit hilfreichen Randnotizen ausgestattet, die in acht unterschiedlichen Farben ausgedruckt wurden. Die Randnotizen in hellorange und hellgrün sind nur mit großer Mühe oder gar nicht lesbar. Das Buch drückt das eigene Selbstverständnis mit dem schönen Wort „Wegleitung“ aus. Die Rückseite des Buches erläutert die Intention der Wegleitung so: „Ziel ist es, Schulen und Fachpersonen zu informieren und zu ermutigen, Entwicklungsprozesse hin zur Inklusion zu initiieren und fachlich fundiert umzusetzen.“ Das Buch kann insbesondere dank der Filme und der Orientierungspunkte eine hilfreiche Wegleitung zur Inklusion sein. Prof. Dr. Hans Wocken D-90522 Oberasbach DOI 10.2378/ vhn2018.art07d
