eJournals Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete87/3

Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete
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0017-9655
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/vhn2018.art26d
5_087_2018_3/5_087_2018_3.pdf71
2018
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Rezension: Neumann, Josef N. (2017): Behinderte Menschen in Antike und Christentum. Zur Geschichte und Ethik der Inklusion

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2018
Dorian Winter
Neumann, Josef N. (2017): Behinderte Menschen in Antike und Christentum. Zur Geschichte und Ethik der Inklusion Stuttgart: Anton Hiersemann (Standorte in Antike und Christentum, Bd. 8). 258 S., € 49,–
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VHN 3 | 2018 262 REZE NSION E N Neumann, Josef N. (2017): Behinderte Menschen in Antike und Christentum. Zur Geschichte und Ethik der Inklusion Stuttgart: Anton Hiersemann (Standorte in Antike und Christentum, Bd. 8). 258 S., € 49,- Der gesellschaftliche Umgang mit Behinderung ist auf soziologischer Ebene untrennbar mit deren anthropologischer und naturphilosophischer Deutung verbunden. Josef N. Neumann zeigt dies in einer Reise durch die abendländische Geistes- und Sozialgeschichte der Behinderung der letzten 2.500 Jahre auf. Am konkreten Beispiel körperlicher Missbildungen werden einleitend Grundbegriffe einer Ethik der Behinderung besprochen. Darauf aufbauend präsentiert Neumann anhand einschlägiger Quellen den praktischen und deutenden Umgang mit Behinderten im alten Ägypten, dem Vorderen Orient und im antiken Hellenismus. Vertieft werden naturphilosophische und medizinische Reflexionen sowie ikonografische Zeugnisse griechischer und römischer Antike. Der zweite historische Teil widmet sich der christlichen Reflexion behinderten Lebens. Dabei zeigt Neumann, dass die Verkündigung des Neuen Testaments mit archaischen Ursachendeutungen bricht. Beispiele der Exklusion Behinderter sind paradigmatische Beispiele jesuanischen Heilungswirkens. Davon nur teilweise beeindruckt, knüpft die spätere Theologiegeschichte an den antiken Spekulationen zur Entstehung von Behinderung unter theologischen Vorzeichen an. Nach kurzen Ausführungen zu Missbildungen im Mittelalter werden Behinderungen in religiöser Ikonografie der Frühen Neuzeit präsentiert. Schließlich zeichnet Neumann die Herausbildung einer Teratologie (Lehre der Ursachen von Fehlbildungen) nach und kommt abschließend auf zeitgenössische bioethische Fragestellungen im pränatalen Umgang mit behinderten Menschen zu sprechen. Es handelt sich bei dem Buch um ein Überblickswerk. In philosophische, historische, medizinische, theologische und ethische Fragestellungen wird eingeführt, ohne diese Punkte ausgiebiger zu vertiefen. Dieser geistes- und sozialgeschichtliche Überblick führt insbesondere die wechselseitigen Abhängigkeiten von anthropologisch-naturphilosophischer Deutung und Ethos vor Augen. Das Ziehen dieser Verbindung wird allerdings weitestgehend dem Leser überlassen. Auffallend zurückhaltend äußert sich Neumann, was handlungsleitende Schlussfolgerungen seiner normativen Reflexionen angeht. Auf die Qualität der Arbeit hat dies allerdings keinen Einfluss. Als Überblickswerk richtet sie sich an alle, die sich mit Behinderung in praktischer, akademischer oder betroffener Hinsicht befassen. Ihre Potenziale sind für eine Gegenwartskritik des Umgangs mit Behinderung gar nicht groß genug zu schätzen: Unterminiert die Vernichtungspraxis gegenüber behinderten Menschen durch PID und PND womöglich den modernen Humanismus? Was bedeutet eine mehrheitlich in Anspruch genommene pränatale Emanzipation des behinderten Kindes für ein gegenwärtiges und zukünftiges Inklusionsverständnis? Behinderung als Thema der Lebensethik blieb bisher vergleichsweise unterbeleuchtet. Josef N. Neumann hat Zugänge zusammengestellt, die für eine qualifizierte Auseinandersetzung mit dem Thema unentbehrlich sind. Dipl.-Theol. Dorian Winter, MA CH-6014 Luzern DOI 10.2378/ vhn2018.art26d