eJournals Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete87/3

Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete
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0017-9655
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/vhn2018.art30d
5_087_2018_3/5_087_2018_3.pdf71
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Rezension: Feuser, Georg (Hrsg.) (2017): Inklusion - ein leeres Versprechen? Zum Verkommen eines Gesellschaftsprojekts

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2018
Raphael Zahnd
Feuser, Georg (Hrsg.) (2017): Inklusion – ein leeres Versprechen? Zum Verkommen eines Gesellschaftsprojekts Gießen: Psychosozial-Verlag. 289 S., € 29,90
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VHN 3 | 2018 265 REZE NSION E N Feuser, Georg (Hrsg.) (2017): Inklusion - ein leeres Versprechen? Zum Verkommen eines Gesellschaftsprojekts Gießen: Psychosozial-Verlag. 289 S., € 29,90 Der Band versteht sich als Reaktion auf die 29. Jahrestagung der Integrations-/ InklusionsforscherInnen in deutschsprachigen Ländern bzw. deren Tagungsthema: „Inklusion ist die Antwort - was war nochmal die Frage? “ Diese Formulierung und die nachgestellte Präzisierung, dass es darum gehe, sich darüber auszutauschen, „was wir warum wie im Feld der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Inklusion tun“ (S. 9), war Stein des Anstoßes. Ausgangspunkt der kritischen Auseinandersetzung mit dem genannten Thema bildet die durch die Frage suggerierte Inhaltsleere des Inklusionsbegriffs. Die Leerstelle passt gemäß den Autoren - Willehad Lanwer, Erich Otto Graf, Wolfgang Jantzen, Peter Rödler, Anne-Dore Stein, Erwin Reichmann-Rohr und Georg Feuser - gut zu einer konstatierten Geschichtslosigkeit des akademischen Diskurses. Als Reaktion auf diese findet sich in den Beiträgen eine ausführliche Zusammenstellung der (historischen) Bedingungen, aus denen sich die inhaltliche Bedeutung VHN 3 | 2018 266 REZE NSION E N und die Relevanz des Begriffs Inklusion ergeben. Die von behinderten Menschen erlebte Abwertung (bspw. im Kontext des Nationalsozialismus oder in der Perspektive einer utilitaristischen Ethik) und deren Konsequenz ist dabei ebenso Thema wie der Verweis auf den politischen Kampf, dessen es bedurfte und immer noch bedarf, um die gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Behinderung zu erreichen. In diesem Sinne wird auch die im Zusammenhang mit dem Begriff Inklusion oft bemühte UN-Behindertenrechtskonvention nicht als Ausgangspunkt verstanden, sondern als Reaktion auf die historische und aktuelle Verweigerung von Menschenrechten, mit der behinderte Menschen konfrontiert sind. Unter Bezugnahme auf historische Entwicklungen, theoretische Ausführungen im Kontext der Behindertenpädagogik und unter Berücksichtigung von „schwer behinderten“ Menschen wird eine Enttrivialisierung der Inklusions-Debatte gefordert. Auffallend ist dabei eine gesellschaftskritische Positionierung, die sich bspw. in der häufigen Bezugnahme auf Beiträge aus dem Feld der kritischen Theorie (Adorno, Horkheimer, Habermas usw.) zeigt und auf die Relevanz von Aufklärung und Mündigkeit jedes Einzelnen hinweist. Insgesamt verbinden sich die sieben Beiträge zu einer vielseitigen, in sich stimmigen und kohärenten Argumentation. Die geäußerte Kritik bleibt letztendlich nicht nur auf die Tagung bezogen, sondern ist die Fortführung einer Auseinandersetzung, die historisch weiter zurückliegende Wurzeln hat. Sie schließt an die von Vertretern der Behindertenpädagogik geäußerte Kritik am dominierenden sonderpädagogischen Diskurs an, wobei die Beiträge bereits vorgetragene Argumente nochmals übergreifend darstellen, aber auch darüber hinausgehen. Im Sinne einer fundierten Auseinandersetzung mit Inklusion ist das Buch deshalb als wichtige Gegenpositionierung einzustufen. Es wäre zu wünschen, dass es darin Gehör findet. Dr. phil. Raphael Zahnd CH-8032 Zürich DOI 10.2378/ vhn2018.art30d