eJournals Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete89/1

Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete
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0017-9655
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/vhn2020.art07d
5_089_2020_1/5_089_2020_1.pdf11
2020
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Rezension

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2020
Christian Mürner
König, Johann; Schreiber, Daniel (2019): Blinder Galerist Berlin: Propyläen. 168 S., € 24,–
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VHN 1 | 2020 71 REZE NSION E N König, Johann; Schreiber, Daniel (2019): Blinder Galerist Berlin: Propyläen. 168 S., € 24,- Anzeigetafeln an Flughäfen oder Bahnhöfen scheinen übersichtlich. Zielort, Uhrzeit, Flug- oder Zugnummer, eines davon wird man finden, um das richtige Gate oder Gleis zu erreichen. Wie orientiert sich jedoch eine sehbehinderte Person? VHN 1 | 2020 72 REZE NSION E N Johann König, der „blinde Galerist“, schildert in seinem autobiografischen Buch sehr anschaulich, wie er vorgeht, wenn er weltweit zu Kunstmessen unterwegs ist. Er fotografiert die Anzeigetafel und vergrößert sie auf seinem Smartphone. Das Abfotografieren ist nicht so einfach, wie es klingt, da es zielgerichtet erfolgen muss. Alles dauert länger, zusätzliche Zeit, die er im Voraus einplant. Im Flugzeug ist dann die Sitznummerierung konstant sehr klein, kaum zu erkennen. König folgert: „Unsere Gesellschaft ist eine Gesellschaft der Sehenden“ (S. 11). Königs Text, den er zusammen mit dem Autor Daniel Schreiber verfasst hat, ist aber kein Buch allein über den Umgang mit seiner Sehbehinderung, es geht ebenso wegweisend um Kunst, um die Gründung und Entstehung seiner Galerie in Berlin und um die von ihm vertretenen zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstler und die Eigenart der Kunstwerke. Johann König, geboren 1981, erblindete mit zwölf Jahren infolge einer Explosion beim Umfüllen alter Munition seiner kaputten Startschusspistole. Wenn er sich erinnert, sieht er sich selbst von oben, in der Übersicht des Unfalls. Durch Hornhauttransplantationen blieb ein geringer Teil des Augenlichts, vor allem des linken Auges, erhalten. Auch seine Hände waren schwer verletzt und heilten langsam. Er bezeichnet sein damaliges Leben als wie in einem großen Wartezimmer (S. 54). König lernte mit dem Blindenstock zu gehen und besuchte die Carl-Strehl-Schule in Marburg, die zur Blindenstudienanstalt (Blista) gehört. Er betont, dass ihm der „Kontakt zu Jugendlichen mit ähnlichen Problemen“ (S. 68) sehr geholfen habe, mehr als die heutige integrative Beschulung, wie er vermutet. Er eignete sich an, gewisse Fragen nicht mehr zu stellen, z. B. „Was wäre, wenn ich nicht mit den Sprengstoffkügelchen gespielt hätte? […] Warum ist es den anderen Jungs, die mit den Startschusspistolen gespielt haben, nicht passiert? “ (S. 68) Zudem notiert er zur Blista: „Auch Kunst wurde dort unterrichtet, was für mich besonders wichtig war“ (S. 64). Von Anfang an kam König in Berührung mit Kunst. Zu Hause waren viele Künstler zu Besuch, sein Vater Kasper König, Kurator und Kunstprofessor, nahm ihn in jede Ausstellung mit, er leitete das Museum Ludwig in Köln und sein Onkel Walther König eine Kunstbuchhandlung. Z. T. auch mit der Unterstützung der Familie gründete Johann König mit 22 Jahren eine Galerie in Berlin. Das Logo war ein völlig verschwommener Schriftzug, dazu sagt er: „Das war mein erster bewusster Umgang mit meinem Leben als Galerist mit Sehbehinderung“ (S. 88f.). Heute befindet sich die König Galerie in der umgebauten und renovierten St.-Agnes-Kirche in Kreuzberg. Für Gegenwartskunst ist sie eine der wichtigsten in Deutschland und international bekannt. König konstatiert: „Blinde und sehbehinderte Menschen können viel erreichen, auch wenn ihnen das nur selten zugetraut wird.“ Als Vorbild gilt ihm der französische Schriftsteller und Résistancekämpfer Jacques Lusseyran. Johann König nahm sich als Galerist vor, Künstler seiner Generation zu fördern und als Alleinstellungsmerkmal seine charakteristische Wahrnehmungsweise einzusetzen (S. 111). Für die Kunst bedeutet das, dass bei ihm nicht Malerei, sondern ungewöhnliche Installationen und künstlerische Interaktionen zum Zug kommen. Z. B. Jeppe Heins Arbeit „360° Presence“. Sobald jemand die Galerie betrat, bewegte sich langsam eine Kugel, zerstörte dabei die Wände des Raumes und - erregte Aufsehen (S. 99ff.). Von der Künstlerin Natascha Sadr Haghighian präsentierte er folgende Arbeit: „In dem Moment, in dem jemand die Galerie betrat, erklang ein Geräusch, das sich so anhörte, als würde ein Uhu in die Galerie fliegen“ (S. 113). Diese Kunstwerke sind haptisch und an Konzepten orientiert. Sie ließen sich schwer verkaufen, was den Galeristen in finanzielle Schwierigkeiten brachte, doch er war selbstbewusst genug, seine Arbeit fortzusetzen. Seine Sehkraft war starken Schwankungen unterworfen, doch dann bekam er ein neues Hornhauttransplantat, das eine Verbesserung der Sehleistung von ca. 30 % erbrachte - „was für die meisten Menschen sehr schlecht wäre, mir aber eine neue Welt eröffnete“, wie König hinzufügt (S. 129). Beruf und Befinden, Kunst und Handicap sind in Johann Königs Buch prächtig verflochten, auch mit literarischen Anteilen. Text, Titel, Titelfoto des Autors und Aufmachung wirken so wie bei einer Erzählung, sie sind lebendig und sachlich, umfassend und beeindruckend begründet. Dr. phil. Christian Mürner D-22529 Hamburg DOI 10.2378/ vhn2020.art07d