eJournals Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete89/2

Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete
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0017-9655
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/vhn2020.art15d
5_089_2020_2/5_089_2020_2.pdf41
2020
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Aktuelle Forschungsprojekte: ‚Wortschatzsammler‘ im Unterricht: Entwicklung und Evaluation eines strategieorientierten, unterrichtsintegrierten Förderkonzepts

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2020
Inga Lassmann
Tanja Ulrich
Theoretischer Hintergrund Hochrechnungen zufolge stehen Schüler/innen im Laufe der Schulzeit vor der Aufgabe, jährlich tausende Wörter neu erlernen zu müssen (Anglin, 1993; Nagy & Herman, 1987; White, Graves & Slater, 1990). Zur Bewältigung dieser Erwerbsaufgabe nutzen Kinder mit günstigen Voraussetzungen bei wachsender Sprachkompetenz zunehmend Wortlernstrategien (Clark, 2016; Nippold, 2007) [...].
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125 AK TU E LL E FORSCHUNGSPROJ E K TE ‚Wortschatzsammler‘ im Unterricht: Entwicklung und Evaluation eines strategieorientierten, unterrichtsintegrierten Förderkonzepts Gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - 432520829 Inga Laßmann, PD Dr. Tanja Ulrich Universität zu Köln Theoretischer Hintergrund Hochrechnungen zufolge stehen Schüler/ innen im Laufe der Schulzeit vor der Aufgabe, jährlich tausende Wörter neu erlernen zu müssen (Anglin, 1993; Nagy & Herman, 1987; White, Graves & Slater, 1990). Zur Bewältigung dieser Erwerbsaufgabe nutzen Kinder mit günstigen Voraussetzungen bei wachsender Sprachkompetenz zunehmend Wortlernstrategien (Clark, 2016; Nippold, 2007). Insbesondere seit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention durch Deutschland steigt der Anteil der Schüler/ innen mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf, die an allgemeinen Schulen unterrichtet werden (vgl. Jahresstatistiken der KMK). Zugleich nimmt auch die Zahl der neu zugewanderten Schüler/ innen zu, die nach der Teilnahme an Vorbereitungsklassen ebenfalls in der allgemeinen Schule unterrichtet werden (Massumi et al., 2015). Die Voraussetzungen und Bedingungen der gemeinsam lernenden Kinder zur Bewältigung der eingangs beschriebenen Erwerbsaufgabe sind demzufolge heterogen. So stehen Lehrkräfte vor der Herausforderung, Schüler/ innen in ihrem lexikalischen Erwerb im Klassensetting individuell und binnendifferenziert zu unterstützen. Im sprachheilpädagogischen Unterricht nimmt die Wortschatzförderung schon lange einen zentralen Stellenwert ein. Bislang etabliert sind hier vor allem Konzepte der semantischen und phonologischen Elaboration durch die Lehrperson sowie Übungen zur Erhöhung der Abrufhäufigkeit des im Unterricht erarbeiteten Fachwortschatzes (Glück & Berg, 2010; Jenkner & Wagner, 2012; Seiffert, 2012). Der alleinige Einsatz solcher lehrkraftzentrierter Methoden ist insbesondere für Schüler/ innen mit ungünstigen Erwerbsbedingungen jedoch als unzulänglich einzuschätzen (Nagy & Herman, 1987). Vor dem Hintergrund lebenslangen, eigenaktiven Lernens sowie der Notwendigkeit der Begegnung heterogener Lernvoraussetzungen rückt die Vermittlung von Lernstrategien vermehrt in den Fokus didaktischer Erwägungen (Killus, 2018). Sowohl in den Lehrplänen als auch in Empfehlungen zum sprachsensiblen Fachunterricht und der Deutsch-als-Zweitsprache-Didaktik wird der Vermittlung von Sprachlernstrategien eine zentrale Funktion zugesprochen. Effektivitätsstudien aus der Fremdsprachendidaktik belegen den engen Zusammenhang zwischen der erfolgreichen Nutzung von Sprachlernstrategien durch Schüler/ innen und ihrem schulischen Erfolg (Dreyer & Oxford, 1996; Green & Oxford, 1995; Kitsantas, Steen & Huie, 2009). Im sprachtherapeutischen Setting hat sich das strategieorientierte Konzept Wortschatzsammler als effektive Methode zur Wortschatzerweiterung für Kinder im Vorschul- und Grundschulalter erwiesen (Marks, 2017; Motsch, Marks & Ulrich, 2018; Ulrich, 2012). Durch die Vermittlung von Strategien zum Identifizieren und Einspeichern fehlenden Wortwissens sowie zum Abruf von Wörtern werden Kinder in die Lage versetzt, ihren Wortschatz langfristig und eigenaktiv zu erweitern. Die Effektivität des Therapiekonzepts wurde in zwei randomisierten, kontrollierten Interventionsstudien (RCT) belegt (Marks, 2017; Ulrich, 2012). Im Rahmen der Studien wurde auch die Eignung des Konzepts für mehrsprachige Schüler/ innen und Kinder mit kognitiven Beeinträchtigungen belegt. Ziel des Forschungsprojekts Auf Basis des evidenzbasierten Therapiekonzeptes Wortschatzsammler wird ein Förderkonzept für den Unterricht entwickelt, das hinsichtlich seines Einflusses auf das Erlernen von (Fach-)Wortschatz evaluiert werden soll. Methode Hierzu wurde ein auf den Prinzipien und Methoden des Wortschatzsammler-Therapiekonzeptes beruhendes Förderkonzept entwickelt. Die Umsetzbarkeit im unterrichtlichen Kontext wurde VHN, 89. Jg., S. 125 -126 (2020) DOI 10.2378/ vhn2020.art15d © Ernst Reinhardt Verlag VHN 2 | 2020 126 AK TU E LL E FORSCHUNGSPROJ E K TE bereits in Machbarkeitsstudien evaluiert (Finken, 2019; Pöpping, 2019). Die Effektivität des Förderkonzeptes soll im Frühjahr 2021 im Rahmen einer achtwöchigen cluster-randomisierten, kontrollierten Interventionsstudie (cRCT) in acht zweiten Klassen an vier Gemeinschaftsgrundschulen überprüft werden. In der Interventionsstudie soll das strategieorientierte Vorgehen der Wortschatzsammler- Förderung (Experimentalgruppe, EG) dem einer traditionellen Wortschatzarbeit im Unterricht (Kontrollgruppe, KG, treatment as usual) gegenübergestellt werden. Die teilnehmenden Schulklassen werden zu gleichen Teilen randomisiert auf die Kontroll- und die Experimentalbedingung verteilt. Um eine Vergleichbarkeit der beiden Gruppen zu gewährleisten, werden im Interventionszeitraum in allen teilnehmenden Schulklassen in den Unterrichtsfächern Deutsch, Mathematik und Sachunterricht die gleichen vorgefertigten Unterrichtsreihen behandelt. Die Inhalte der Unterrichtsreihen orientieren sich an Rückmeldungen von Schulen über zentrale Unterrichtsinhalte des zweiten Schuljahres und sind auf die Kompetenzerwartungen der Lehrpläne abgestimmt. Gemäß den CEC-Standards (Council for Exceptional Children, 2014) wird die Implementationsgüte der Unterrichtsreihen in allen teilnehmenden Klassen sowie der Wortschatzsammler-Förderung in der Experimentalgruppe anhand eines multimodalen Vorgehens (Selbstberichte von Schüler/ innen und Lehrkräften, Auswertung der Lerntagebücher, direkte Unterrichtsbeobachtungen) erfasst (vgl. Sanetti & Collier-Meek, 2019). Die Effektivität der Förderung soll primär anhand der schriftlichen Benenn- und Zuordnungsleistung aller Schüler/ innen für den in den Unterrichtsreihen vorkommenden fachspezifischen Wortschatz bemessen werden. Veränderungen im Strategieeinsatz der Schüler/ innen werden über Einschätzungsbögen vor und nach der Intervention ermittelt. Zusätzlich wird der individuelle Strategieeinsatz der Schüler/ innen während der Intervention in Lerntagebüchern dokumentiert, die zugleich als Reflexionsinstrument dienen sollen. Um Generalisierungseffekte auf Wortlernkontexte außerhalb der Intervention zu erheben, wird die Benennleistung in einem standardisierten Wortschatztest unmittelbar vor (Prätest) und drei Monate nach der Intervention (Follow-Up- Test) überprüft. Für weitere Informationen oder Literaturangaben wenden Sie sich gerne an: inga.lassmann@uni-koeln.de