Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete
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0017-9655
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/vhn2020.art17d
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Rezension: Lernen und Gedächtnis bei Schülern mit kognitiver Beeinträchtigung
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André Schindler
Pitsch, Hans Jürgen; Limbach-Reich, Arthur (2019): Lernen und Gedächtnis bei Schülern mit kognitiver Beeinträchtigung Stuttgart: Kohlhammer. 298 S., € 35,–
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VHN 2 | 2020 134 REZE NSION E N Labhart, David (2019): Interdisziplinäre Teams in inklusiven Schulen. Eine ethnografische Studie zu Fallbesprechungen in multiprofessionellen Gruppen Bielefeld: transcript. 276 S., € 44,99 Wem nutzen interdisziplinäre Teams in inklusiven Schulen? Wem dienen sie am Ende wirklich? Ist dem Kind, das in der Schule Schwierigkeiten erlebt und für das diese Teams berufen werden, tatsächlich geholfen? Also: Cui Bono? Mit dieser (provokativen? ) Frage endet die Dissertation von David Labhart, und nachdem das Buch gelesen ist, erscheint sie als eine höchst aktuelle und dringende. In der Praxis besteht ein interdisziplinäres Team (IDT) aus Lehrpersonen, schulischen Heilpädagog/ innen und allenfalls weiteren Fachpersonen und wird berufen, sobald ein Kind im Rahmen des üblichen Unterrichts durch seine Lehrperson(en) nicht angemessen unterrichtet und gefördert werden kann. Labharts Untersuchung dreht sich um die Frage, wie in solchen interdisziplinären Teams Lösungen für sonderpädagogische Probleme im Austausch unter Professionellen entstehen. Der Autor bearbeitet diese Frage mit einer qualitativen Methodik in der Tradition ethnografischer Forschung. Er besuchte dabei drei Schulen und nahm als teilnehmender Beobachter an Sitzungen der IDT teil. Drei dieser Sitzungen wurden auf der Basis der Akteur-Netzwerk-Theorie detailliert ausgewertet. Der Autor ist dabei gewissenhaft und sorgfältig vorgegangen und legt Wert auf eine transparente, nachvollziehbare Dokumentation aller Aspekte der durchgeführten Forschungsarbeit. Das Ergebnis ist hochwertige qualitative Forschung mit belastbaren Ergebnissen. Obschon der Autor bewusst auf eine normative, bewertende Interpretation verzichtet, stimmen die Ergebnisse teilweise bedenklich. In den analysierten drei Besprechungen wird das Kind zu einem „(Problem-)Fall“ und die Schwierigkeiten, die es erlebt, werden essentialisiert, d. h. als Persönlichkeitsmerkmal des Kindes wahrgenommen. Eine Delegation des Kindes, und damit des pädagogischen Problems, an eine andere Stelle (wie z. B. an eine Sonderschule oder an eine bestimmte Therapie) steht im Vordergrund. Die Aufrechterhaltung des Systems Schule als homogenisierendes Gesellschaftsinstrument entpuppt sich als die wahre Aufgabe der IDTs. So wird die Reflexion über das eigene (pädagogische) Verhalten vermieden, und es entsteht auch keine Notwendigkeit für Veränderungen in der eigenen Praxis. Lesenswert ist Labharts Buch aus mehreren Gründen. Zunächst zeigt es, wie ein ethnografisches Forschungsprojekt zum besseren Verständnis einer aktuellen sonderpädagogischen Praxis beitragen kann. Im Weiteren ermöglichen es die Ergebnisse, Funktionen und die latente Logik in der Arbeitsweise interdisziplinärer Teams, die Motive einzelner Mitglieder in Bezug auf ihr professionelles Rollenverständnis für sich und innerhalb des Teams zu begreifen. Damit leistet die Arbeit einen wesentlichen Beitrag zum aktuellen Forschungsfeld der praktischen Umsetzung integrativer sonderpädagogischer Förderung und Unterstützung im Rahmen inklusiver Schulsysteme. Ergebnisse qualitativer, ethnografischer Forschung sind nicht generalisierbar. Daher ist ein weiterer und wesentlicher Aspekt, der dieses Buch lesenswert macht: Was bedeuten die dargestellten Erkenntnisse für den Leser/ für die Leserin? Wer fühlt sich angesprochen? Wer ist für eine Reflexion der eigenen Arbeit bereit und wer fühlt sich für eine Veränderung im System verantwortlich? Prof. Dr. Reto Luder CH-8090 Zürich DOI 10.2378/ vhn2020.art16d Pitsch, Hans Jürgen; Limbach- Reich, Arthur (2019): Lernen und Gedächtnis bei Schülern mit kognitiver Beeinträchtigung Stuttgart: Kohlhammer. 298 S., € 35,- Hans Jürgen Pitsch und Arthur Limbach-Reich verfolgen mit dem vorliegenden Buch das Ziel, die Lücke im Wissensstand über das Gedächtnis und die Gedächtnisentwicklung bei kognitiven Beein- VHN 2 | 2020 135 REZE NSION E N trächtigungen zu schließen (vgl. S. 73). Im Zentrum steht dabei die Frage, wie die Gedächtnisleistung bei Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung gefördert werden kann. Als Ausgangslage ist feststellbar, dass in der sonderpädagogischen Fachliteratur die Probleme der hier fokussierten Schülerinnen und Schüler bezüglich ihrer Gedächtnisleistungen nur wenig konkretisiert Betrachtung finden und meist lediglich als Erschwernisse in der Gedächtnisbildung und im Abruf aus dem Gedächtnis angedeutet werden (S. 6). Für die Beantwortung der Fragestellung bedienen sich die beiden Autoren daher der Erkenntnisse der Kognitions- und Gedächtnispsychologie, um damit eine anregende Grundlage für die positive Beeinflussung der Lern- und Gedächtnisprozesse von Schülerinnen und Schülern mit kognitiver Beeinträchtigung zu schaffen. Pitsch und Limbach-Reich stellen differenziert und - auch für sonderpädagogische Fachpersonen und interessierte Eltern - gut verständlich die Prozesse der menschlichen Informationsverarbeitung dar, indem auf die Wahrnehmung, die Speicherung und den Abruf von Informationen und Inhalten eingegangen wird: Zuerst wird dargestellt, dass Kognition als Prozesse und Ergebnisse der Wahrnehmung und Verarbeitung von Informationen zu verstehen ist. Anschließend wird auf die Abspeicherung und den Abruf von Informationen bzw. das Funktionieren des Gedächtnisses eingegangen, indem die unterschiedlichen Funktionen des Gedächtnisses (sensorisches Gedächtnis, Kurzzeitgedächtnis, Arbeitsgedächtnis und Langzeitgedächtnis) genauer expliziert werden. An den jeweilig angezeigten Stellen erfolgt die spezifische Betrachtung bezüglich kognitiver Beeinträchtigung, indem Unterschiede zu einer ‚normalen‘ bzw. einer nicht beeinträchtigten Lern- und Gedächtnisorganisation dargestellt und die damit einhergehenden Erschwernisse diskutiert werden. Der Strang der kognitions- und gedächtnispsychologischen Ausführungen wird regelmäßig unterbrochen, um ihn durch erprobte und aktuelle Erkenntnisse der pädagogischen Psychologie zur spezifischen Förderung von Kognition, Aufmerksamkeit, Verinnerlichung und Erinnerung zu erweitern sowie mit Überlegungen zur Vermittlung von Strategien zum Behalten, Organisieren und Abrufen von Informationen und Inhalten zu ergänzen. Dabei wird ein besonderes Augenmerk darauf gelegt, inwiefern Kognition und Gedächtnis und die Vermittlung von Lernstrategien bei Schülerinnen und Schülern mit kognitiver Beeinträchtigung gefördert werden können, wodurch sich gesamthaft viele unterschiedliche Anregungen zur Förderung und zur didaktischen Umsetzung finden. Wenngleich zu Beginn des Buches das Verständnis von kognitiver Beeinträchtigung als mehrdimensional und kontinuierlich ausgelegt wird, verfolgen Pitsch und Limbach-Reich ihre Ausführungen hauptsächlich in Bezug auf Schülerinnen und Schüler mit dem Förderschwerpunkt Lernen und dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung. Diese „Zweiteilung“ wird von den Autoren zwar nicht unkritisch vorgenommen und erscheint aus schulorganisatorischer Realität durchaus berechtigt, wird jedoch dem vorgängig definierten Verständnis bezüglich Kontinuität nicht ausreichend gerecht. Dennoch: Dadurch, dass sowohl Fördermöglichkeiten für Kinder und Jugendliche mit schwersten kognitiven Beeinträchtigungen (v. a. hinsichtlich der Förderung der sensorischen Aufnahme, S. 103ff.) wie auch für Kinder und Jugendliche mit leichten kognitiven Beeinträchtigungen (z. B. das Zusammenfassen von Informationen aus einem Text, S. 185) aufgezeigt werden, gelingt es den Autoren, die spezifischen Herausforderungen und jeweilig angepassten Fördermöglichkeiten bezüglich Kognition und Gedächtnis für alle Kinder und Jugendlichen, welche als kognitiv beeinträchtigt bezeichnet werden, abzubilden. Fazit: Hans Jürgen Pitsch und Arthur Limbach- Reich legen durch das Zusammenführen von Erkenntnissen der Kognitions- und Gedächtnispsychologie und der Sonderpädagogik einen gut verständlichen und lesefreundlichen Überblick zur Thematik Lernen und Gedächtnis bei kognitiver Beeinträchtigung vor. Der klar strukturierte Aufbau des Buches hilft, sich innerhalb der komplexen Thematik gut zu orientieren. Aussagekräftige Beispiele und konkrete Fördermöglichkeiten geben vielfältige Anregungen für die Umsetzung in der Praxis. André Schindler, MA CH-1700 Freiburg DOI 10.2378/ vhn2020.art17d
