Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete
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0017-9655
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Rezension: Zwischen Fremdbestimmung und Autonomie. Neue Impulse zur Gehörlosengeschichte in Deutschland, Österreich und der Schweiz
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Annette Leonhardt
Schmidt, Marion; Werner, Anja (Hrsg.) (2019): Zwischen Fremdbestimmung und Autonomie. Neue Impulse zur Gehörlosengeschichte in Deutschland, Österreich und der Schweiz Bielefeld: transcript. 428 Seiten, € 39,99
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VHN 3 | 2020 224 REZE NSION E N These wurde von der Bildungspolitik die völlige Abschaffung der Förderschulen anschließend vorwiegend finanzpolitisch favorisiert, während die Konvention eigentlich auch weniger radikale, aber vermutlich teurere Lösungen zulassen würde. An anderer Stelle verweist er deshalb auf Artikel 24, Absatz 2, der UN-BRK, wo es heißt, dass „c) angemessene Vorkehrungen für die Bedürfnisse des Einzelnen getroffen werden; d) für Menschen mit Behinderungen innerhalb des allgemeinen Bildungssystems die notwendige Unterstützung geleistet wird, um ihre erfolgreiche Bildung zu erleichtern“ (S. 63). Im Rahmen der Umsetzung der UN-BRK in Deutschland greift Speck natürlich auch die nicht nur in Deutschland dokumentierte „auffällig gewachsene Inklusionsquote“ auf, die er so kommentiert: „Auf jeden Fall sind es Kinder, die zwar durch Lernprobleme auffallen, jedoch keinen ‚sonderpädagogischen Förderbedarf‘ aufweisen, der sie früher zu Förderschulkindern gemacht hätte. Das heißt, der Begriff des ‚sonderpädagogischen Förderbedarfs‘ ist definitorisch ausgeweitet worden, z. B. zur Beschaffung zusätzlicher schulischer Ressourcen für ‚Inklusionskinder‘“ (S. 66). Möglicherweise besteht diesbezüglich auch ein Zusammenhang mit den an späterer Stelle thematisierten „Überforderungen für Lehrerinnen und Lehrer“ (S. 73). Nachdem die Entwicklungen in Deutschland im Hinblick auf das Ziel einer inklusiven Schule skizziert und kritisch analysiert worden sind, schreitet Speck zum Versuch, das mit Inklusion erfahrene Dilemma in einen allgemeineren theoretischen Rahmen zu stellen. Eine treffende Formulierung findet er in der Literatur zur allgemeinen Dilemmaforschung: „Unter dem Begriff Dilemma ist eine Zwangslage zu verstehen, die sich dadurch bildet, dass bei einer Wahl zwischen zwei Alternativen für die Lösung eines Problems keine von beiden klar zu favorisieren ist (Norwich 2008, 288)“ (S. 100). Damit deutet sich an, in welche Richtung das letzte Kapitel über die „Grundlagen für ein realisierbares inklusives Schulsystem“ (S. 109) weist. Specks Argumentationsstränge können nur auf einen Kompromiss zwischen dem Prinzip „Inklusion“ und dem Prinzip „Separation“ hinauslaufen. In einfacher Formulierung heißt es deshalb am Ende des Buches: „Ein Ausweg aus dem entstandenen Dilemma wird in einem dual organisierten Inklusionsmodell aus priorisierten Regelschulen und zahlenmäßig reduzierten Förderschulen liegen. Dieser gilt auch international als Regel. Diese Folgerung wird durch die Klarstellung gestützt, dass sich das Menschenrecht auf Inklusion auf das generelle Bildungsrecht aller Kinder mit einer Behinderung bezieht und das Förderschulwesen eindeutig als Teil des allgemeinen Bildungssystems gilt“ (S. 133). Otto Speck hat erneut ein lesenswertes und meines Erachtens gut verständliches Buch publiziert. Es wird wohl teils auf Zustimmung und teils auf Ablehnung stoßen. Aber es ist gleichwohl zu hoffen, dass dieses Buch beiden Seiten die Augen dafür öffnet, dass wir uns in einem nicht durch Sturheit überwindbaren Dilemma befinden. Wenn man bedenkt, dass die gesellschaftliche Funktion der Schule nach wie vor Selektion und Allokation ist und diese wahrscheinlich noch sehr lange behalten wird, verschärft sich das „Dilemma Inklusion“. Ich hätte es geschätzt, wenn Otto Speck diese gesellschaftliche Funktion deutlicher herausgearbeitet hätte, als es der Fall ist. Aber vielleicht hätte er dadurch seinem Anliegen eher geschadet, „einen Kommunikationsstil zu praktizieren, der Türen öffnet bzw. Brücken baut, um bessere Integrationsmöglichkeiten und mehr Raum für realisierbare Perspektiven zu entwickeln“. Als letzter Satz folgt: „Ich hoffe, hierzu mit diesem Buch einen Beitrag leisten zu können“ (S. 135). Und es ist zu hoffen, dass er die Wirkkraft von Geschriebenem nicht überschätzt. Prof. em. Dr. Urs Haeberlin CH-8050 Zürich DOI 10.2378/ vhn2020.art27d Schmidt, Marion; Werner, Anja (Hrsg.) (2019): Zwischen Fremdbestimmung und Autonomie. Neue Impulse zur Gehörlosengeschichte in Deutschland, Österreich und der Schweiz Bielefeld: transcript. 428 Seiten, € 39,99 Das Buch ist Teil der im transcript Verlag erscheinenden Buchreihe „Disability Studies: Körper - Macht - Differenz“, die „,Behinderung‘ als eine historische, soziale und kulturelle Konstruktion“ VHN 3 | 2020 225 REZE NSION E N (S. 2) untersucht. Es ist hier fachlich passend verortet. Mit dem gewählten Ansatz bieten die Herausgeberinnen nicht wenige neue Informationen. Vorgelegt wird ein Werk, das Bezüge zur Geschichte des Faches Hörgeschädigtenpädagogik, vorrangig aber zur Geschichte der Gehörlosen, ihrer Kultur und Gemeinschaft herstellt, vorhandenes Wissen fachlich erweitert und neue Aspekte aufzeigt. Die Herausgeberinnen gliedern ihr Werk in drei Themenblöcke mit jeweils drei bis vier Einzelbeiträgen. Schmidt und Werner wirken zum Zeitpunkt der Buchherausgabe im Bereich der Geschichte der Medizin. Sie nehmen damit eine Perspektive ein, die von zahlreichen bisher erschienenen historischen Veröffentlichungen über Gehörlose abweicht. Durch die Auswahl der Beiträge stellen die Herausgeberinnen gebärdensprachlich kommunizierende Menschen in den Mittelpunkt. Die Zusammenstellung der Autorinnen und Autoren orientiert auf den deutschsprachigen Raum; so konzentriert sich der Inhalt auf Aussagen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Das Buch beginnt mit einer von Schmidt und Werner verfassten umfassenden Einleitung, die den Bogen von den historischen Entwicklungen bis zur aktuellen Lage spannt, den Forschungsstand (in den drei ausgewählten Ländern) und die dann folgenden Themenblöcke vorstellt sowie ein erstes Fazit formuliert und einen Ausblick gibt. Die drei Teile (Themenblöcke) sind „Die Perspektiven gehörloser Menschen sichtbar machen“ mit Beiträgen von Wolff, Blaser/ Ruoss und Neugebauer, „Taube Akteure und Gehörlosenverbände in Interaktion mit der hörenden Mehrheitskultur“ unter Beteiligung von Söderfeldt/ Schwanke, Werner/ Wiethoff, Gebhard und Zaurov sowie „Hörende Perspektiven auf Gehörlosigkeit neu bewerten: Interdisziplinäre Quellen und Ansätze“ mit den Verfasserinnen und Verfassern Enescu, Wibmer, Degner und Dotter/ Jarmer/ Huber. Obwohl nach Möckels „Geschichte der Heilpädagogik“ (1988, S. 13) die Geschichte der Erziehung taubstummer Kinder eine gründliche („die gründlichste“) Bearbeitung (im Vergleich zu den anderen sonderpädagogischen Fachrichtungen) erfahren hat, bietet die Schrift neue Impulse und eröffnet neue Sichtweisen. Ab Teil 2 stimmen die Seitenzahlen der Beiträge bedauerlicherweise nicht mehr mit dem Inhaltsverzeichnis überein. Das erschwert dem Leser eine rasche Orientierung im Buch, tut aber dem fachlichen Inhalt keinen Abbruch. Die Veröffentlichung ist jedem historisch und fachlich Interessierten, aber auch Studierenden der Fächer Schwerhörigen- und Gehörlosenpädagogik sowie den Betroffenen selbst zu empfehlen. Da es ein Sammelwerk ist, lohnt es sich durchaus, auch nur einzelne Beiträge vertiefend zu lesen. Prof. Dr. habil. Annette Leonhardt D-80802 München DOI 10.2378/ vhn2020.art28d Klein, Horst; Osberghaus, Monika (2019): Alle behindert! 25 spannende und bekannte Beeinträchtigungen in Wort und Bild Leipzig: Klett Kinderbuch Verlag. 40 S., € 14,- Der Buchtitel kündigt an: „Alle behindert! “ Mit Ausrufezeichen, das Aufmerksamkeit verlangt. Das kleine „h“ in behindert ist handschriftlich spiegelverkehrt geschrieben. Auf der ersten Seite heißt es dann in einer Sprechblase des vorlauten Julien: „Ja, schön und gut. Aber was soll ICH hier? “ Stupend wird alles infrage gestellt, auch pädagogische Hintergedanken. Ehe Julien vorgestellt wird, beginnt es aber mit der gutgelaunten Anna. Trotz der gebräuchlichen Namen geht es nicht um reale Personen, sondern um erfundene Figuren. Ihre Porträts und Steckbriefe haben bestimmte und für jede(n) die gleichen Rubriken über das, was man gerne oder weniger mag, umarmen oder streiten, teilen oder abgeben. Über die Art der Beeinträchtigung, wie oft sie vorkommt, ob sie wieder weggeht, woher sie kommt oder wie man damit umgeht. Ein Mitmach-Level erfasst, welche Möglichkeiten beim gemeinsamen Spielen bestehen. Und unten am Ende des Streckbriefes der jeweiligen Figur stehen einige Zeilen mit „Geheimnissen“ auf dem Kopf. Es gibt auf jeder Seite genau 13 gut vergleichbare
