Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete
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0017-9655
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Rezension: Aggressive Verhaltensweisen bei Kindern und Jugendlichen
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Alexander Wettstein
Prölß, Alexander (2020): Aggressive Verhaltensweisen bei Kindern und Jugendlichen. Grundlagen, Diagnostik und gezielte Interventionen Idstein: Schulz-Kirchner. 148 S., € 22,–
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VHN 1 | 2021 79 REZE NSION E N Immer wieder werden die Interdisziplinarität und die Grenzen der Neuropsychologie betont und die Sprachtherapie wird extra erwähnt. Der Begriff Logopädie wird nicht verwendet. Es wäre sinnvoll gewesen, wenn eine Vertretung dieser Profession daran mitgewirkt hätte. Die Diagnostik von Sprachstörungen gehört in die Hände von Logopädinnen und Logopäden. Auch wenn immer wieder von den Grenzen der Neuropsychologie gesprochen und auf die Bedeutung der Vernetzung hingewiesen wird, ist hier eine klare Einordnung zu den dafür zuständigen Professionen nicht vorgenommen worden. Die Autorinnen und der Autor schreiben, dass es zu bedenken gilt, dass eine direkte Übernahme anhand neurofunktioneller Erwachsenenmodelle auf den Kinderbereich nicht sinnvoll erscheint. Das Kapitel widmet sich jedoch dem Logogenmodell. Eine Trennung bei Aphasie in die Bereiche Kinder und Jugendliche wäre wünschenswert gewesen. In der verwendeten Literatur gibt es keine Angaben zu Kindern und Jugendlichen mit Aphasie, die angegebenen Standardlehrbücher zur Aphasie sind für den Erwachsenenbereich verfasst. Das ist nachvollziehbar, da es zu Kindern so gut wie keine (neuere) Literatur gibt und auch zu Jugendlichen nur sehr wenige Studien. Ein Hinweis auf diese enorme Lücke wäre hilfreich gewesen. Insgesamt handelt es sich um ein qualitativ heterogenes Buch. Das verwundert nicht, da doch unterschiedliche Autorinnen und Autoren aus der gesamten DACH-Region mitgearbeitet haben. Das Buch ist für den Praktiker anschaulich gestaltet und im zweiten Teil mit Fallbeispielen untermauert. Definitionen und Wichtiges wird in Schaukästen hervorgehoben. In diesem Werk ist es gelungen, zusammenfassend die wichtigsten Bereiche der neuropsychologischen Therapie mit Kindern und Jugendlichen zu besprechen. Es ist der erwähnten Tatsache geschuldet, dass es zu bestimmten Themen keine oder kaum Studien gibt. Daher muss lobend hervorgehoben werden, dass sich die Herausgeber/ innen die Aufgabe gestellt haben, eine Lücke in der deutschsprachigen Literatur zu schließen. Angelika Rother CH-1700 Freiburg DOI 10.2378/ vhn2021.art09d Prölß, Alexander (2020): Aggressive Verhaltensweisen bei Kindern und Jugendlichen. Grundlagen, Diagnostik und gezielte Interventionen Idstein: Schulz-Kirchner. 148 S., € 22,- Aggressives Verhalten ist für die pädagogische Praxis ein hochrelevantes Thema. Werke, die zu diesem Fachgebiet in fundierter und doch verständlicher Art beitragen, sind deshalb sehr zu begrüßen. Gleichzeitig steht jede Autorin und jeder Autor, die/ der sich mit dem Thema beschäftigt, vor zwei beträchtlichen Herausforderungen. Zum einen muss eine mittlerweile kaum noch überschaubare Menge an wissenschaftlichen Publikationen aus verschiedensten Disziplinen aufgearbeitet werden. Zum anderen müssen diese Erkenntnisse für die pädagogische Praxis in gut verständlicher Sprache auf den Punkt gebracht und Praxisbezüge hergestellt werden. Die eine Aufgabe meistert der Autor souverän: Die Form seines Werkes zeugt von sprachlichem Können und Praxiserfahrung. Die andere Aufgabe, die Aufarbeitung des aktuellen Standes der Aggressionsforschung, bewältigt der Autor nach Einschätzung des Rezensenten jedoch weniger gut. Beginnen wir mit der Form. Alexander Prölß promovierte ursprünglich im Bereich der Lese- und Rechtschreibstörung und publiziert sein Werk zu aggressivem Verhalten im auf Ergotherapie und Logopädie spezialisierten Schulz-Kirchner Verlag. Er nähert sich dem Thema aggressiven Verhaltens nicht aus eigener Forschungserfahrung, sondern vielmehr im Rahmen seiner breit abgestützten Vortrags- und Therapietätigkeit. Alexander Prölß versteht sich darauf, klar und gut lesbar zu schreiben. Er weiß aufgrund seiner Vortrags- und Beratungstätigkeit genau, wie er komplexe Sachverhalte auf den Punkt bringen und pädagogische Bezüge durch meist hilfreiche Exkurse herstellen kann. Hier schreibt also jemand, der die Praxis kennt und das Schreibhandwerk beherrscht. Kommen wir nun zum Inhalt. Das Buch umfasst zehn Kapitel und setzt sich mit der Definition aggressiven Verhaltens, ihren Ausdrucksformen, theoretischen Konzepten, Diagnostik und Inter- VHN 1 | 2021 80 REZE NSION E N vention auseinander. Die Qualität der einzelnen Kapitel und Abschnitte ist sehr unterschiedlich. Wo sich der Autor auf in der Aggressionsforschung verankerte Autoren wie Franz Petermann oder Herbert Scheithauer bezieht, ist das Buch solide. Einige Passagen des Werks beziehen sich jedoch auf nicht wissenschaftliche und teils nicht empirisch belegte Alltagsaussagen. Als besonders problematisch erachtet der Rezensent die beiden Theoriekapitel. In einem ersten Theorieteil werden der seit den 1960-er Jahren vielfach widerlegten Trieb- und Katharsistheorie der Aggression Freuds und dem Dampfkesselmodell von Konrad Lorenz viel Raum gewidmet, ohne dass genug deutlich gemacht wird, dass die Grundannahme dieser Modelle, nämlich dass das Ausleben von Aggression weniger aggressiv mache, falsch ist. Die Fachwelt verdankt sowohl Sigmund Freud wie auch Konrad Lorenz enorm viel. Doch auf dem Gebiet aggressiven Verhaltens lagen sie, wie wir seit den 1960-er Jahren wissen, völlig daneben. Ihre Annahmen (Stichwort: der Mensch als Opfer seiner Triebe, Katharsis, Todestrieb) gehören deshalb in den pädagogischen Giftschrank. Danach folgen kurze Einführungen in die Frustrations-Aggressions- Hypothese und in lerntheoretische Ansätze. In einem weiteren Theoriekapitel entwickelt der Autor auf der Grundlage von Maslows menschlichen Bedürfnissen (1954) und Grawes psychischen Grundbedürfnissen (2004) ein neues Modell, das sogenannte „Auctoritas-Modell“, welches auf den Grundbedürfnissen Bindung, Selbstwert, Kontrolle und Lustgewinn aufbaut. Eine Orientierung an Grundbedürfnissen ist sicher nicht verkehrt, jedoch sehr einseitig. Das Werk hätte an Qualität gewonnen, wenn auch anderen theoretischen Ansätzen mehr Raum gewidmet worden wäre (Exitation Transfer, reaktive und proaktive Aggression, interaktionale Modelle usw.). Stellenweise wird aggressives Verhalten auch idealisiert. Dabei weist der Autor zu wenig deutlich darauf hin, dass Aggression nicht nur soziale Systeme unterminiert, sondern auch den Täterinnen und Tätern schadet. Ich bin überzeugt, dass Alexander Prölß mit seinem Werk nur die besten Absichten verfolgt und dass es ihm ein echtes Anliegen ist, Erkenntnisse der psychologisch-pädagogischen Aggressionsforschung mit handlungsorientiertem Praxiswissen zu verknüpfen und an die pädagogische Praxis weiterzugeben. Ich hoffe aber, dass es ihm in künftigen Arbeiten auf dem Gebiet aggressiven Verhaltens gelingen wird, den Lesenden eine breitere Theoriebasis zu vermitteln. Denn ohne eine fundierte Aufarbeitung des aktuellen Forschungsstandes und eine deutliche Distanzierung von veralteten Theoriemodellen und Alltagstheorien könnte das Werk in der pädagogischen Praxis mehr Schaden als Nutzen anrichten. Prof. Dr. habil. Alexander Wettstein CH-3012 Bern DOI 10.2378/ vhn2021.art10d Egen, Christoph (2020): Was ist Behinderung? Abwertung und Ausgrenzung von Menschen mit Funktionseinschränkungen vom Mittelalter bis zur Postmoderne Bielefeld: trancript Verlag. 266 S., € 49,- Der Buchtitel fragt: „Was ist Behinderung? “, doch mit dem Behindertsein oder einer neuen Ontologisierung hat die Frage wenig zu tun. Denn Christoph Egen, Klinikmanager an der Medizinischen Hochschule Hannover, hat das Ziel, „Behinderungsprozesse vom Mittelalter bis zur Gegenwart“ zu beschreiben. Behinderungsprozesse bestimmt er nachdrücklich „als diejenigen sozialen Prozesse […], die dazu führen, Menschen aufgrund ihrer Gebrechlichkeit, Einschränkung oder Schädigung abzuwerten und auszugrenzen […]“ (S. 19). Im ersten Abschnitt werden das medizinische, das soziale und das kulturelle „Modell von Behinderung“ sowie dasjenige der WHO rekapituliert, im zweiten das juristische Verständnis von Behinderung. Ein Mensch gelte als „behindert“, wenn er „durch eine dauerhafte Funktionseinschränkung“ von der vorherrschenden „Normalität“ abweiche, „darauf eine negative Bewertung“ erfolge, die seine „gesellschaftliche Teilhabe“ verhindere (S. 57). Aufgrund „gesellschaftlicher Vorstellungen“ und der „jeweiligen Definitionsmächte“ werde ein Mensch mit einer spezifischen Funktionseinschränkung, z. B. ein blinder Mensch, bewertet (S. 63). Eine „prozesssoziologische Vorgehensweise“ könne „eine sachgerechte und weniger affektbeladene Erklärung“ (S. 74) sowie Orientierung bieten.
