Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete
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0017-9655
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Rezension: Jeder Krüppel ein Superheld Splitter aus dem Leben in der Exklusion
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Christian Mürner
Keller, Christoph (2020): Jeder Krüppel ein Superheld Splitter aus dem Leben in der Exklusion Zürich: Limmat Verlag. 216 S., € 24,–
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VHN 2 | 2021 161 REZE NSION E N Das Ziel einer praxisnahen Vertiefung wurde mit dem vorliegenden Band weitestgehend erreicht. Für uns bleibt nach der Lektüre die Frage offen, ob Fluchterfahrungen von nicht durch Flucht bedingten Migrationsprozessen unterschieden werden können oder gar sollten. Eine differenzierende Verortung der Herausgeberinnen, bspw. bezüglich kritischer Debatten über die Dichotomisierung von Flucht und ökonomisch motivierter Migration (siehe z. B. Pisani & Grech, 2015), wäre gerade als Orientierung in einem sehr komplexen Forschungs-, Politik- und Praxisfeld für eine aus der Heilpädagogik und ihren Nachbargebieten stammende Leserschaft interessant und hilfreich. Quellen Pisani, M. & Grech, S. (2015). Disability and Forced Migration: Critical Intersectionalities. Disability and the Global South, 2 (1), 421 -441. Wansing, G. & Westphal, M. (Hrsg.) (2014). Behinderung und Migration. Inklusion, Diversität, Intersektionalität. Wiesbaden: VS. Yvonne Wechuli, Dominic Dinh D-50931 Köln DOI 10.2378/ vhn2021.art21d Keller, Christoph (2020): Jeder Krüppel ein Superheld Splitter aus dem Leben in der Exklusion Zürich: Limmat Verlag. 216 S., € 24,- Wer schreibt über wen? Und vor allem wie, mit welchen Worten und aus welcher Perspektive? Ist allein über sich schreiben relevant? In den Literaturdebatten spielt diese Art von Fragen eine aktuelle Rolle. Christoph Keller verpackt dies in ein Gedicht: „ist geld / verdienen / / mit dem schreiben über / eine behinderung / die man nicht hat / / eine form von / kolonialismus? “ (S. 47) Christoph Keller, geboren 1963 im schweizerischen St. Gallen, hat sich entschieden: „Warum Krüppel ‚Krüppel‘ sagen dürfen, alle anderen aber unter keinen Umständen. Und warum Behinderung ein Grund zum Stolz ist“ (hinterer Umschlag). Das klingt wie eine Renaissance der „Krüppelbewegung“, sozusagen neue „Krüppelschläge“ (Christoph Franz, 1983). Mit Berichten „aus dem Leben in der Exklusion“ legt Keller eine überzeugende, autobiografisch orientierte, literarische Collage und Beziehungsgeschichte vor. Sie zeigt, dass die Komplexität der poetischen Fragestellungen doch größer ist als erwartet - in diskreter Erinnerung an Max Frischs „Fragebogen“. Keller lehnt eine Einladung zu einer Vernissage ab mit dem Satz. „Danke, doch aus meiner sitzenden Perspektive würde ich doch nur Ärsche sehen.“ Und fügt dann hinzu: „War dies a) unangemessen? / b) ein Akt der Redefreiheit? / c) diskriminierend? / d) witzig? / e) undankbar? / f) kunstfeindlich? “ (S. 28). Keller wurde bekannt durch seinen Erinnerungsroman „Der beste Tänzer“ (S. Fischer Verlag, 2003). Er handelt vor allem von seinem Vater, Unternehmer, Kunstsammler, Bankrotteur, Alkoholiker. Er verstieß seinen Sohn als „Krüppel“. Keller lebte mehr als 20 Jahre in New York. Wegen Donald Trump verließ er die USA und kehrte zusammen mit seiner Frau, der Lyrikerin Jan Heller Levi, zurück in die Schweiz. Mit vierzehn Jahren erhielt er die Diagnose „Spinale Muskeldystrophie“ (SMA III) - eine progressive Erkrankung, „Muskelschwund“. Immer weniger Meter kann er zu Fuß zurücklegen und ist schließlich auf einen Rollstuhl angewiesen. In der Folge unterscheidet Keller zwischen dem gehenden und dem rollenden Ich, genauso wie zwischen seinem amerikanisches Englisch und Deutsch schreibenden Ich. Er sagt: „Mein Schreiben hat nichts mit SMA zu tun.“ Die prägnanten Beschreibungen seiner alltäglichen Angelegenheiten zwischen zusätzlichem Aufwand und komischen Situationen beeindrucken durch das fragmentarische „Versöhnen von Widersprüchen“ (S. 31). Der schwarze Platzanweiser im Kino sagt dem Rollstuhlmann, wo er zu sitzen habe. Dieser fragt sich, ob jener noch nie etwas von der Bürgerrechtlerin Rosa Parks gehört VHN 2 | 2021 162 REZE NSION E N habe, die sich weigerte, im Bus auf den für Farbige angeordneten Platz zu sitzen (vgl. S. 49). Im Kongo-Gorilla-Gehege im Bronx-Zoo muss der Rollstuhlmann nach Vorschrift an seinem Gefährt ein Etikett mit dem bekannten Rollstuhlsymbol befestigen, so als ob die Leute den Rollstuhl sonst nicht erkennen würden (S. 30). Wenn der Rollstuhlmann das Flugzeug nutzt und in den „Gangrollstuhl“ bugsiert wird, heißt das: „Jetzt, Krüppel, hast du ein Publikum“ (S. 69). Der Rollstuhlmann fotografiert die Schlaglöcher und kaputten Gehsteigrampen und will sie als Anklage dem Department of Transportation zusenden. Zu Hause beurteilt er seine Fotos als geheimnisvolle Gebilde und bewahrt sie auf. Einige sind im Buch reproduziert. Kellers Berichte sind weniger Aufklärungsliteratur für den besseren Umgang als „Frottagen“ (S. 103), Abdrücke, die durch Abreiben einer Unterlage entstehen. Keller spricht auch von einer Literatursprache als „Zeitzeuge“ (S. 211). Durch die in farbiger Schrift abgesetzten Teile einer zusammenhängenden kafkaesken „Wanzengeschichte“ werden die oft frappierenden Episoden unterbrochen. Deren starke Neigung zum Superlativ klappt nicht immer. Aber der literarische Ausdruck einer quasi schwachen, kleinen Anekdote liegt in der Präsenz des Einzelnen. Dr. phil. Christian Mürner D-22529 Hamburg DOI 10.2378/ vhn2021.art22d Vorschau auf die kommenden Hefte Förderbedarf Sprache an Sonderpädagogischen Förderzentren Andreas Mayer Beratung in sonderpädagogischen Handlungsfeldern Oliver Hechler Standardisierte Sprachdiagnostik bei älteren Kindern und Jugendlichen mit Downsyndrom Isabel Neitzel, Falko Dittmann VORSCHAU
