Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete
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0017-9655
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/vhn2021.art25d
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Fachbeitrag: Kinder- und Jugenddelinquenz in Deutschland: Daten und Perspektiven
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Dirk Baier
Yvonne Krieg
Sören Kliem
Im Beitrag werden im ersten Teil Befunde zur Verbreitung und Entwicklung von Kinder- und Jugendkriminalität präsentiert. Hierbei wird auf Polizeiliche Kriminalstatistiken ebenso wie auf Befragungsstudien zurückgegriffen. Die Ergebnisse zeigen, dass Kinder- und Jugendkriminalität langfristig abgenommen hat. Seit dem Jahr 2015 ist allerdings vor allem im Bereich des Gewaltverhaltens ein signifikanter Anstieg feststellbar. Im zweiten Teil des Beitrags erfolgen anhand von wiederholt durchgeführten repräsentativen Befragungsstudien im Bundesland Niedersachsen Analysen zu möglichen Einflussfaktoren des Gewaltanstiegs sowie zu weiteren bedeutsamen Fragestellungen (z.B. Geschlechts- und Herkunftsunterschied im Gewaltverhalten). Der Gewaltanstieg steht u.a. damit in Verbindung, dass junge Menschen vermehrt den Gewalteinsatz als positiv einschätzen und auch stärker als antiquiert einzustufende Konzepte von Männlichkeit befürworten. Mögliche Folgerungen zu diesen Befunden werden diskutiert.
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175 175 VHN, 90. Jg., S. 175 -190 (2021) DOI 10.2378/ vhn2021.art25d © Ernst Reinhardt Verlag < RUBRIK > < RUBRIK > Kinder- und Jugenddelinquenz in Deutschland: Daten und Perspektiven Dirk Baier ZHAW Zürich Yvonne Krieg Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen, Hannover Sören Kliem Ernst-Abbe-Hochschule, Jena Zusammenfassung: Im Beitrag werden im ersten Teil Befunde zur Verbreitung und Entwicklung von Kinder- und Jugendkriminalität präsentiert. Hierbei wird auf Polizeiliche Kriminalstatistiken ebenso wie auf Befragungsstudien zurückgegriffen. Die Ergebnisse zeigen, dass Kinder- und Jugendkriminalität langfristig abgenommen hat. Seit dem Jahr 2015 ist allerdings vor allem im Bereich des Gewaltverhaltens ein signifikanter Anstieg feststellbar. Im zweiten Teil des Beitrags erfolgen anhand von wiederholt durchgeführten repräsentativen Befragungsstudien im Bundesland Niedersachsen Analysen zu möglichen Einflussfaktoren des Gewaltanstiegs sowie zu weiteren bedeutsamen Fragestellungen (z. B. Geschlechts- und Herkunftsunterschied im Gewaltverhalten). Der Gewaltanstieg steht u. a. damit in Verbindung, dass junge Menschen vermehrt den Gewalteinsatz als positiv einschätzen und auch stärker als antiquiert einzustufende Konzepte von Männlichkeit befürworten. Mögliche Folgerungen zu diesen Befunden werden diskutiert. Schlüsselbegriffe: Kriminalität, Gewalt, Männlichkeit, Gewalteinstellungen, Repräsentativbefragung Child and Youth Delinquency in Germany: Data and Perspectives Summary: The first part of the article presents findings on the prevalence and trends of child and juvenile delinquency. It draws on police crime statistics as well as on survey studies. The results show that child and juvenile delinquency has decreased in the long term. Since 2015, however, a significant increase can be observed, especially regarding violent behavior. In the second part of the article, analyses on possible factors influencing the increase in violence are presented as well as analyses regarding other significant issues (e. g., gender and ethnic differences in violent behavior); representative survey studies in the federal state of Lower Saxony are used for this. Among other things, the increase in violent behavior is associated with the fact that adolescents support violent attitudes to a greater extent and also more strongly endorse concepts of masculinity. Implications of these findings are discussed. Keywords: Crime, violence, masculinity, attitudes toward violence, representative survey FACH B E ITR AG TH EME NSTR ANG Erziehungshilfe in Zwangskontexten VHN 3 | 2021 176 DIRK BAIER, YVONNE KRIEG, SÖREN KLIEM Kinder- und Jugenddelinquenz in Deutschland FACH B E ITR AG 1 Jugendphase und Delinquenz Kriminalität ausgeführt von Kindern und Jugendlichen ist ein Phänomen, welches die Öffentlichkeit bewegt. Zugleich ist hinlänglich bekannt, dass insbesondere die Gruppe der Jugendlichen zeit- und gesellschaftsübergreifend zur Altersgruppe mit der höchsten Kriminalitätsbelastung gehört (u. a. Heinz, 2006). Der Übergang von der Kindheit ins Erwachsenenalter geht mit verschiedenen Freiheiten und Neu-Orientierungen einher, wobei die Peergroup eine besondere Aufwertung erfährt. Zusätzlich finden in dieser Phase neurobiologische Veränderungen statt, die mit geringerer Selbstkontrolle und höherer Impulsivität in Zusammenhang stehen. All dies führt zu einer Offenheit gegenüber Neuem und Riskantem; verschiedene Verhaltensweisen und Identitäten auszuprobieren gehört zur Jugendphase, was wiederum Normübertritte und das Begehen von Straftaten wahrscheinlicher macht (u. a. Raithel & Mansel, 2003). Jugendkriminalität ist daher per se nichts „Beunruhigendes“, sondern für diese Lebensphase eher etwas „Typisches“. In einer Zeit immer stärkerer Zivilisiertheit und immer geringerer Toleranz gegenüber Abweichung in der Null-Risiko-Gesellschaft wird aber auch die eigentlich normale Kriminalität zum Problem. Dabei erhält die Ansicht in der Bevölkerung immer weitere Verbreitung, dass Kinder- und Jugendkriminalität eigentlich nur einen Entwicklungstrend kennt: den Anstieg. In einer deutschlandweiten Befragung im Jahr 2014 gaben beispielsweise 62,5 Prozent der Erwachsenen an, dass von Jugendlichen begangene Körperverletzungen gestiegen seien (Baier, Fleischer & Hanslmaier, 2017). Diese Ansicht ist, wie im Folgenden anhand verschiedener Datenquellen aufgezeigt werden soll, nicht korrekt. Neben der Frage der Entwicklung (und damit des Ausmaßes) der Kinder- und Jugenddelinquenz werden auch bedeutsame Einflussfaktoren dieses Verhaltens beleuchtet. Als „delinquent“ werden dabei all jene Verhaltensweisen bezeichnet, die gegen das Gesetz verstoßen, aber nicht notwendigerweise auch von der Polizei verfolgt und von Staatsanwaltschaften bzw. Gerichten sanktioniert werden, weil die Strafverfolgungsbehörden nicht von diesem Verhalten erfahren. Als „kriminell“ gelten demgegenüber Verhaltensweisen, die gegen Normen verstoßen und von der Polizei erfasst werden. 2 Methoden der Analyse von Kinder- und Jugenddelinquenz Um delinquentes Verhalten von Kindern und Jugendlichen zu untersuchen, können verschiedene Datenquellen herangezogen werden (vgl. u. a. Prätor, 2015). So werden begangene Straftaten von der Polizei registriert. Eine Registrierung hängt jedoch davon ab, ob eine Tat von einem Opfer oder einer anderen Person angezeigt wird bzw. ob die Polizei bei Ermittlungsarbeiten eine Straftat aufdeckt. Die polizeilich registrierte Kriminalität wird auch als Hellfeld- Kriminalität bezeichnet, die Analyse dieser Datenquelle entsprechend als Analyse von Hellfeld- Statistiken. Der Begriff des Hellfelds verweist darauf, dass nur ein Teil aller strafbaren Handlungen den Strafverfolgungsbehörden zur Kenntnis gelangt. Ein je nach Delikt unterschiedlich großer Anteil an strafbaren Handlungen verbleibt im Dunkelfeld. Die wichtigste Statistik zur Hellfeld-Kriminalität ist die Polizeiliche Kriminalstatistik, in der alle aufgedeckten Straftaten erfasst werden, und soweit wie möglich auch ausgewählte Angaben zu den Tatverdächtigen bzw. Opfern. Eine weitere Datenquelle, die zur Analyse von Jugendkriminalität herangezogen werden kann, sind Dunkelfeldstudien. Die Bezeichnung ist etwas irreführend, weil diese Studien nicht nur beanspruchen, den nicht der Polizei zur Kenntnis gelangten Anteil der Kriminalität zu erfassen, sondern sowohl die Hellals auch die Dunkelfeldkriminalität. Meist wird im Rahmen dieser Studien deshalb auch nicht von Krimi- VHN 3 | 2021 177 DIRK BAIER, YVONNE KRIEG, SÖREN KLIEM Kinder- und Jugenddelinquenz in Deutschland FACH B E ITR AG nalität, sondern von Delinquenz gesprochen. Dunkelfeldstudien sind in der Regel so angelegt, dass eine repräsentative Auswahl der Bevölkerung bzw. einer Bevölkerungsgruppe über ihre Erlebnisse mit delinquenten Verhaltensweisen befragt wird. Zu unterscheiden sind dabei Opfer- und Täterinnen- und Täterbefragungen. Mit Blick auf Jugendliche existiert mittlerweile eine Vielzahl an für einzelne Gebiete, aber ebenso für die gesamte Bundesrepublik repräsentativen Dunkelfeldstudien (z. B. Wetzels, Enzmann, Mecklenburg & Pfeiffer, 2001; Baier, Pfeiffer, Simonson & Rabold, 2009). Die Vorteile von Dunkelfeldstudien, die vornehmlich als schriftliche, telefonische oder Online-Befragung erfolgen, sind vielfältig: Es handelt sich um eine von der Anzeigebereitschaft, den polizeilichen Kontrollaktivitäten, den Gesetzesänderungen usw. unabhängige Quelle zur Kriminalität. Sie erlauben es, differenzierte Gruppenauswertungen bspw. auch nach Migrationshintergrund, Bildungshintergrund oder sozialer Schicht vorzunehmen. Auf ihrer Basis können zudem umfangreiche Analysen zu den Einflussfaktoren krimineller Opferwie Täterschaften angestellt werden, die beispielsweise Persönlichkeitsmerkmale ebenso wie Erfahrungen aus Sozialisationsbereichen einschließen. Allerdings sollten die Herausforderungen dieses Zugangs nicht unerwähnt bleiben: So besteht eine Schwierigkeit aller Dunkelfeldbefragungen darin, die gesetzlich definierten Straftaten in verständliche Deliktsbeschreibungen zu übersetzen. Da dies nur zu einem gewissen Grad gelingen kann, sind die Befunde zu einzelnen Delikten nicht exakt vergleichbar mit den Befunden der Polizeilichen Kriminalstatistik. Zudem ist das Antwortverhalten von verschiedenen Faktoren abhängig. Insbesondere sozial erwünschtes Antwortverhalten stellt in einem solch sensiblen Themenbereich eine Schwierigkeit dar. Dies schlägt sich u. a. im Phänomen des „doppelten Dunkelfelds“ nieder (Prätor, 2015, S. 32), d. h. darin, dass Betroffene von Kriminalität in einer Befragung ihre negativen Erfahrungen nicht berichten möchten. Nicht zuletzt ist die Rücklaufquote von entscheidender Bedeutung. Diese liegt nie bei 100 Prozent, d. h. ein mehr oder weniger großer Anteil an für Befragungen ausgewählten Menschen wird letztlich nicht erreicht. Trotz dieser Herausforderungen verweist die Forschung darauf, dass insbesondere klassenbasierte Befragungen (d. h. Befragungen während des Schulunterrichts im Klassenkontext) - eine Vorgehensweise, die bei den meisten Dunkelfelduntersuchungen zu Jugendlichen angewendet wird - aufgrund ihrer höheren Anonymität zu verlässlicheren Ergebnissen führen (Köllisch & Oberwittler, 2004). 3 Zur Entwicklung der Kinder- und Jugenddelinquenz Um die Entwicklung der Kinder- und Jugenddelinquenz in Deutschland zu untersuchen, liegt der Fokus zunächst auf der Polizeilichen Kriminalstatistik und auf den zurückliegenden 15 Jahren. Dabei werden zwei Altersgruppen betrachtet: Als Kinder werden hier Personen im Alter zwischen acht und unter 14 Jahren berücksichtigt - bei noch jüngeren Kindern ist die Straftatbegehung ein derart seltenes Ereignis, dass eine eigenständige Analyse nicht als sinnvoll erscheint. Als Jugendliche werden Personen im Alter zwischen 14 und unter 18 Jahren bezeichnet. Im Jahr 2005 wurden 97.771 Kinder und 284.450 Jugendliche wegen des Begehens irgendeiner Straftat polizeilich als Tatverdächtige registriert. Fünfzehn Jahre später, im Jahr 2019, waren es 65.967 Kinder und 177.082 Jugendliche. In beiden Altersgruppen hat die Anzahl registrierter Tatverdächtiger also um ca. ein Drittel abgenommen. Allerdings wäre solch ein Rückgang dann zu erwarten, wenn die absolute Anzahl an Kindern und Jugendlichen VHN 3 | 2021 178 DIRK BAIER, YVONNE KRIEG, SÖREN KLIEM Kinder- und Jugenddelinquenz in Deutschland FACH B E ITR AG im selben Zeitraum abgenommen hätte. Dies ist auch der Fall: Die Anzahl an Kindern in Deutschland im Alter zwischen acht und unter 14 Jahren hat von 4,9 auf 4,4 Millionen abgenommen, die Anzahl an Jugendlichen im Alter von 14 bis unter 18 Jahren von 3,9 auf 3,1 Millionen. Bei der Betrachtung der Kriminalitätsentwicklung muss daher immer die Entwicklung der Personenanzahl mitberücksichtigt werden. Dies geschieht durch die Berechnung der sog. Tatverdächtigenbelastungszahl. Diese gibt an, wie viele Personen pro 100.000 Personen derselben Altersgruppe als Tatverdächtige registriert wurden; hierbei handelt es sich also um eine relative Zahl. Die Entwicklung dieser Tatverdächtigenbelastungszahl ist in Abbildung 1 dargestellt. Werden zunächst die Zahlen zu Kriminalität insgesamt betrachtet (tatverdächtig wegen irgendeines Deliktes), so zeigt sich, dass Kinder deutlich seltener kriminelle Taten begehen als Jugendliche. Im Jahr 2019 wurden 1.494 Kinder (von 100.000 der Altersgruppe) wegen irgendeines Delikts polizeilich registriert, zugleich aber 5.790 Jugendliche (von 100.000 der Altersgruppe), also fast viermal so viele. Diese Zahlen können im Übrigen auch als Prozentzahlen gelesen werden: 1,5 % aller Kinder und 5,8 % aller Jugendlichen wurden innerhalb des Jahres 2019 polizeilich als Tatverdächtige registriert. Dies bedeutet zugleich, dass 98,5 % der Kinder und 94,2 % der Jugendlichen nicht mit Kriminalität in Erscheinung getreten sind - die deutliche Mehrheit der Kinder und Jugendlichen verhält sich also gesetzeskonform. Wird die Entwicklung der Tatverdächtigenbelastungszahlen für Kriminalität insgesamt betrachtet, so zeigt sich in den Daten der Polizeilichen Kriminalstatistik ein Rückgang. Im betrachteten 15-Jahres-Zeitraum lag die höchste Zahl bei Kindern bei 2.029 im Jahr 2008, die niedrigste bei 1.408 im Jahr 2014; aktuell ist sie mit 1.494 nur geringfügig höher. Bei Jugendlichen ist die höchste Belastungszahl für das Jahr 2007 festzustellen, die niedrigste für das Jahr 2018. Wenn die Belastungszahlen des Jahres 2019 zu den jeweils höchsten Belastungszahlen ins Verhältnis gesetzt werden, dann ist sowohl bei Kindern als auch bei Jugendlichen ein Rückgang von ca. einem Viertel zu konstatieren. Da hierbei die Bevölkerungsentwicklung berücksichtigt ist, kann von einem echten Rückgang der Kinder- und Jugendkriminalität gesprochen werden. Wird der Verlauf der Belastungszahl der Jugendlichen betrachtet, fällt allerdings ein markanter Anstieg der Zahlen in den Jahren 2015 und 2016 auf. Dieser geht im Wesentlichen auf den starken Zuzug von Geflüchteten in diesen Jahren und die Zunahme von Verstößen gegen das Aufenthalts- und Asylverfahrensgesetz zurück. Während im Jahr 2013 7.813 jugendliche Tatverdächtige solcher Verstöße registriert wurden, waren es 2015 bereits 50.542 jugendliche Tatverdächtige (vgl. Tab. 1) 1 . Das Beispiel des Aufenthalts- und Asylverfahrensgesetzes verdeutlicht, dass die Betrachtung der Kriminalität insgesamt nur einen ersten Einblick in die Entwicklung der Kinder- und Jugendkriminalität gibt. Wichtig ist daneben, diese Entwicklung für einzelne Deliktsbereiche zu betrachten, zu denen sich dann durchaus auch abweichende Trends ergeben können. In Abbildung 1 ist zusätzlich der Deliktsbereich der Gewaltkriminalität dargestellt. Unter Gewaltkriminalität wiederum werden im Wesentlichen vier Delikte subsummiert: Mord/ Totschlag, Vergewaltigung/ sexuelle Nötigung, Raub und gefährliche und schwere Körperverletzung. Wie noch gezeigt wird, unterschieden sich diese Delikte ebenfalls deutlich hinsichtlich ihres Vorkommens. In Abbildung 1 sind aber zunächst die Belastungszahlen für diese Delikte insgesamt dargestellt. Dabei gilt zunächst, dass Jugendliche deutlich häufiger als Kinder wegen Gewalttaten polizeilich als Tatverdächtige registriert wurden: Im Jahr 2019 wurden 0,18 % aller Kinder wegen einer Gewalttat polizeilich erfasst, aber 0,77 % aller Jugendlichen (also etwa viermal so viele). Die höchste VHN 3 | 2021 179 DIRK BAIER, YVONNE KRIEG, SÖREN KLIEM Kinder- und Jugenddelinquenz in Deutschland FACH B E ITR AG Abb. 1 Tatverdächtigenbelastungszahl für Kriminalität insgesamt bzw. Gewaltkriminalität seit 2005 (Quelle: Polizeiliche Kriminalstatistik; eigene Berechnungen) 1400 1200 1000 800 600 400 200 0 G e w a l t 8000 7000 6000 5000 4000 3000 2000 1000 0 K r i m i n a l i t ä t Kinder (8 bis unter 14 Jahre) Jugendliche (14 bis unter 18 Jahre) 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019 1990 1970 2019 2029 1946 1866 1754 1576 1436 1408 1466 1516 1482 1427 1494 204 206 224 230 222 204 197 175 159 153 141 139 156 155 180 7353 7358 7614 7572 7460 7150 6702 6244 5941 5913 6775 6537 5992 5699 5790 1130 1163 1267 1241 1184 1097 990 845 745 672 628 706 728 725 772 Kriminalität Gewalt VHN 3 | 2021 180 DIRK BAIER, YVONNE KRIEG, SÖREN KLIEM Kinder- und Jugenddelinquenz in Deutschland FACH B E ITR AG Belastungszahl ist bei Kindern im Jahr 2008 mit 230 festzustellen, bei Jugendlichen wiederum im Jahr 2007 mit 1.267. Bei Jugendlichen liegt die aktuelle Belastungszahl im Jahr 2019 mit 772 damit um über ein Drittel niedriger als 2007 - ein sicherlich bemerkenswerter Rückgang der Jugendgewalt. Bei Kindern fällt der Rückgang ähnlich hoch aus, wenn die Belastungszahl des Jahres 2018 zum Vergleich herangezogen wird; im Jahr 2019 ist die Belastungszahl allerdings wieder stärker gestiegen. Die Entwicklungen der letzten Jahre sind generell weniger positiv: Obwohl im längerfristigen Vergleich die aktuellen Zahlen der Gewaltkriminalität noch immer deutlich niedriger liegen, deutet sich im kurzfristigen Vergleich ein nicht zu vernachlässigender Anstieg der Gewaltkriminalität an: Bei Kindern steigen die Zahlen seit 2016, bei Jugendlichen seit 2015. Im Vergleich der Jahre 2018 und 2019 zeichnet sich ein besonders deutlicher Anstieg ab. Ob sich diese Entwicklung fortsetzen wird, ist derzeit unklar; sie rechtfertigt aber sicherlich, das Thema der Gewaltprävention im Kindes- und Jugendalter wieder stärker zu fokussieren. Hinsichtlich der Frage, was den Rückgang der Kinder- und Jugendkriminalität im Zeitraum bis etwa 2015 verursacht hat, liegen bislang nur wenige Antworten vor. Pfeiffer, Baier und Kliem (2018) haben vor allem den Rückgang der Jugendgewalt untersucht, wobei sie folgende Veränderungen als bedeutsam einstufen: n die Zunahme des Anteils an Jugendlichen, die höhere Schulabschlüsse ablegen; n den Rückgang des Einsatzes elterlicher Gewalt in der Erziehung bei gleichzeitiger Zunahme der elterlichen Zuwendung als positiver Erziehungsstil; n die zunehmende Gewaltmissbilligung unter den Gleichaltrigen einhergehend mit einem Rückgang des Kontakts zu delinquenten Freunden; n die rückläufige Bereitschaft der Jugendlichen, die Schule zu schwänzen; n die Verringerung von Freizeitaktivitäten, die unstrukturiert und von Erwachsenen unkontrolliert verbracht werden („herumhängen“, „in Bars, Diskotheken usw. gehen“); n den Rückgang des Alkoholkonsums; n die geringere Zustimmung zu gewaltakzeptierenden Einstellungen. Der Rückgang der Kriminalität ist, wie die Auswertungen aus Abbildung 1 gezeigt haben, in den jüngeren Jahren vorläufig an sein Ende gelangt; seitdem sind stabile, je nach Delikt auch ansteigende Belastungszahlen festzustellen. In Tabelle 1 sind die Entwicklungen einzelner Delikte daher für den Zeitraum seit 2013 noch einmal in differenzierter Form im Zwei-Jahres- Abstand aufgeführt. Dabei werden im Unterschied zu Abbildung 1 absolute Zahlen berichtet, da die Bevölkerungszahlen im Beobachtungszeitraum weitestgehend konstant geblieben sind (vgl. Zeile „Bevölkerung“). Die Zahlen zum Bereich Aufenthaltsgesetz/ Asylverfahrensgesetz wurden bereits weiter oben erläutert. In Bezug auf die weiteren Tatverdächtigenzahlen lassen sich folgende Befunde festhalten: n Ladendiebstahl ist das Delikt, bei dem die meisten Kinder bzw. Jugendlichen als Tatverdächtige registriert werden. Von allen achtbis unter 14-jährigen Tatverdächtigen wurde etwa jeder Dritte wegen des Begehens dieses Delikts registriert, von allen 14bis unter 18-jährigen etwa jeder Fünfte. Dies unterstreicht, dass Kinder- und Jugendkriminalität weitestgehend Bagatellkriminalität ist (u. a. auch Meier, 2007). Hinsichtlich des Ladendiebstahls ergibt sich von 2013 auf 2015 ein Rückgang der Tatverdächtigenzahlen, danach dann Stabilität. n Zwei ebenfalls recht verbreitete Delikte im Kinder- und Jugendalter sind Sachbeschädigungen und leichte Körperverletzungen. Sachbeschädigungen sind dabei im Zeitverlauf leicht rückläufig, leichte Körperverletzungen seit 2015 wieder ansteigend - insbesondere bei den Kindern. VHN 3 | 2021 181 DIRK BAIER, YVONNE KRIEG, SÖREN KLIEM Kinder- und Jugenddelinquenz in Deutschland FACH B E ITR AG n Bei den Jugendlichen bilden zudem Drogendelikte eine verbreitete Deliktkategorie. Sowohl bei den Kindern als auch bei den Jugendlichen sind zunehmende Tatverdächtigenzahlen bei diesem Delikt festzustellen. Die meisten registrierten Tatverdächtigen haben dabei mit Cannabisdelikten gegen das Betäubungsmittelgesetz verstoßen, was einerseits bedeuten kann, dass Cannabiskonsum im Kinder- und Jugendalter eine zunehmende Verbreitung aufweist. Andererseits ist nicht auszuschließen, dass die Polizei ihre Kontrollaktivitäten verstärkt hat; da Drogendelikte sog. Kontrolldelikte darstellen, ist das Agieren der Polizei für die Anzahl registrierter Tatverdächtiger sehr bedeutsam. Die wiederholt durchgeführten Befragungen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Orth & Merkel, 2020) belegen, dass die Cannabiskonsumraten unter Jugendlichen steigen; ein steigender Konsum scheint insofern mit den ansteigenden Tatverdächtigenzahlen in Verbindung zu stehen. n Erst nach den bislang genannten Delikten findet sich ein Gewaltdelikt in der Rangliste der häufigsten Straftaten im Kindes- und Jugendalter: die gefährlichen bzw. schweren Körperverletzungen. Bei beiden Altersgruppen steigt die Anzahl an registrierten Tatverdächtigen seit 2015 an, wobei bei den Jugendlichen derzeit eher von einer Stabilität der Fallzahlen auszugehen ist und nur bei den Kindern ein weiterer Anstieg auch nach 2017 sichtbar wird. n Ein unter Kindern und Jugendlichen häufiger vorkommendes Betrugsdelikt ist das Nutzen öffentlicher Verkehrsmittel ohne gültigen Fahrschein, d. h. das Schwarzfahren. Auch hierbei handelt es sich um ein Kontrolldelikt; Tatverdächtige werden also nur aufgrund vorgenommener Fahrscheinkontrollen identifiziert. Bei den Kindern bleiben die Tatverdächtigenzahlen über die Jahre hinweg eher konstant, bei den Jugendlichen gehen sie zurück. Kinder (8 bis unter 14 Jahre) Jugendliche (14 bis unter 18 Jahre) 2013 2015 2017 2019 2013 2015 2017 2019 Bevölkerung Kriminalität 4447622 63848 4315716 63265 4387513 65037 4415705 65967 3201785 190205 3217949 218025 3176050 190294 3058235 177082 Gewalt n Mord/ Totschlag n Vergewaltigung n Raub n gefährliche, schwere Körperverletzung 11 80 984 6233 7 59 779 5384 14 108 732 6179 10 86 955 7155 140 681 6520 18179 129 612 5331 15578 186 1087 5081 18414 156 858 5982 18434 weitere Delikte n vorsätzliche, leichte Körperverletzungen n Ladendiebstahl n Drogendelikte n Sachbeschädigung n Schwarzfahren n Aufenthaltsgesetz, Asylverfahrensgesetz 8976 21590 1006 10941 1046 1412 8303 18417 1129 8897 902 8948 9548 21701 1485 9989 1161 4166 10894 21640 1628 9090 954 2427 26523 39475 25446 24390 15224 7813 23599 36459 29438 20651 16954 50542 25902 37902 34132 21713 15302 15723 25705 37987 34469 19840 11156 8564 Tab. 1 Anzahl Tatverdächtige verschiedener Delikte seit 2013 (Quelle: Polizeiliche Kriminalstatistik) VHN 3 | 2021 182 DIRK BAIER, YVONNE KRIEG, SÖREN KLIEM Kinder- und Jugenddelinquenz in Deutschland FACH B E ITR AG n Das zweithäufigste Gewaltdelikt sind Raubdelikte, die in jüngerer Zeit auch wieder zunehmen. Jenseits dieses ansteigenden Trends ist aber Folgendes zu beachten: Von allen Kindern des Jahres 2019 wurden 0,02 % wegen eines Raubs als Tatverdächtige polizeilich registriert, bei den Jugendlichen waren es 0,20 %; das Begehen dieses Delikts ist also eine ausgesprochene Seltenheit. Noch einmal deutlich seltener sind Vergewaltigungen und Mord/ Totschlag. Hinsichtlich des letztgenannten Delikts ist darauf hinzuweisen, dass es sich mehrheitlich um Versuche, nicht vollendete Taten handelt. Bei Kindern ist die Anzahl wegen Mord/ Totschlags als Tatverdächtige registrierter Personen einbzw. niedrig zweistellig, bei Jugendlichen niedrig dreistellig. Trends sollten bei solch niedrigen Fallzahlen nicht identifiziert werden. Bei Vergewaltigungen sind die absoluten Zahlen höher. Zudem fällt auf, dass zwischen 2015 und 2017 die Zahlen deutlich zugenommen haben. Dies ist allein damit zu begründen, dass im Jahr 2016 der Tatbestand des § 177 StGB erweitert wurde: War früher für die Einstufung eines Delikts als Vergewaltigung oder sexuelle Nötigung entscheidend, dass es zur Gewaltanwendung kam, wird nunmehr auch der sexuelle Übergriff mit Strafe bedroht, wenn „gegen den erkennbaren Willen“ gehandelt wurde. Im Resultat werden Handlungen als Vergewaltigungen registriert, die vorher unter anderen Deliktkategorien oder gar nicht juristisch abgebildet werden konnten. Ein Anstieg der Zahlen ist nach solch einer Veränderung zu erwarten. Im Folgenden soll die Entwicklung der Kinder- und Jugenddelinquenz zudem anhand von Dunkelfeldstudien betrachtet werden. Hierzu wird auf wiederholt im Bundesland Niedersachsen durchgeführte Befragungen zurückgegriffen werden, wobei sich diese jeweils nur an Schülerinnen und Schüler der neunten Jahrgangsstufe richteten und damit nur Aussagen zur Entwicklung der Jugenddelinquenz ermöglichen. In den Jahren 2013, 2015, 2017 und 2019 wurden vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen Repräsentativbefragungen von Jugendlichen der neunten Jahrgangsstufe durchgeführt (vgl. Bergmann, Baier, Rehbein & Mößle, 2017; Bergmann, Kliem, Krieg & Beckmann, 2019; Krieg, Rook, Beckmann & Kliem, 2020). Diese Erhebung ist als kriminologische Dunkelfeldbefragung konzipiert und widmet sich hauptsächlich der Erfassung von Opfererfahrungen und Täterschaften sowie deren Einflussfaktoren. Für die Befragung erfolgte jeweils eine Zufallsziehung von Schulklassen (geschichtete Stichprobenziehung nach Schulformen) aus allen im jeweiligen Schuljahr unterrichteten Klassen. Im Jahr 2013 wurden 9.512 Jugendliche befragt, im Jahr 2015 10.638 Jugendliche und im Jahr 2017 8.938 Jugendliche. In diesen Jahren konnten jeweils Rücklaufquoten von ca. 60 % und höher erreicht werden (2019: 12.444 Jugendliche, 41 % Rücklaufquote). Jeweils die Hälfte der Befragten war männlich, die andere Hälfte weiblich; das Durchschnittsalter lag bei 15 Jahren. Im Jahr 2013 hatten 24,3 % der Befragten einen Migrationshintergrund, zuletzt 2019 31,1 % 2 . In jedem der vier Erhebungsjahre besuchte etwa jeder dritte Befragte ein Gymnasium; der Anteil an Förder- und Hauptschülern ging von 10,7 auf 5,2 % zugunsten von Schülern mittlerer Schulformen (vor allem Gesamtschule, Oberschule) zurück. Die Jugendlichen wurden in den Befragungen gebeten anzugeben, ob sie in den letzten zwölf Monaten verschiedene Delikte begangen haben - bei den Delikten des Schulbullyings und des Cyberbullyings bezog sich der einzuschätzende Zeitraum auf das letzte Schulhalbjahr. Die Prävalenzraten der verschiedenen Delikte, d. h. der Anteil an Jugendlichen, die mindestens ein Delikt im Referenzzeitraum begangen haben, sind in Tabelle 2 aufgeführt. Dabei ist zunächst festzuhalten, dass sämtliche Präva- VHN 3 | 2021 183 DIRK BAIER, YVONNE KRIEG, SÖREN KLIEM Kinder- und Jugenddelinquenz in Deutschland FACH B E ITR AG lenzraten höher ausfallen als in der Polizeilichen Kriminalstatistik. Dies hat mindestens zwei Ursachen: Erstens werden Täterinnen und Täter teilweise nicht angezeigt bzw. ihr Tun wird nicht entdeckt, sodass sie nicht im Hellfeld registriert werden. Zweitens subsummieren Befragte auch Delikte unter einer Kategorie, die in polizeilicher oder juristischer Perspektive nicht hierunter fallen würden. Hierin zeigt sich das Problem der Übersetzung von Strafnormen in allgemeinverständliche Deliktsumschreibungen. Raubtaten werden im Fragebogen bspw. umschrieben „jemandem etwas mit Gewalt entrissen oder unter Androhung von Gewalt etwas weggenommen, z. B. eine Tasche, ein Fahrrad oder Geld“. Was unter „Gewalt“ oder „Androhung von Gewalt“ verstanden wird, unterscheidet sich von Befragten zu Befragten und wird generell weiter definiert als im Strafrecht. Das am häufigsten vorkommende Delikt ist das Schwarzfahren. Etwa jeder vierte befragte Jugendliche gibt an, in den letzten zwölf Monaten mindestens einmal ohne gültigen Fahrschein ein öffentliches Verkehrsmittel genutzt zu haben. Über die Jahre hinweg betrachtet zeigt sich, dass die Prävalenzrate zunächst gesunken, seit dem Jahr 2015 jedoch konstant ist. Deutlich seltener als Schwarzfahren kommen die Delikte Sachbeschädigung, leichte Körperverletzung (allein jemanden geschlagen und verletzt) und Ladendiebstahl vor: Im Jahr 2019 waren es etwa sechs Prozent der Befragten, die solch ein Delikt begangen haben. Beim Ladendiebstahl und der Sachbeschädigung sinkt die Rate von 2013 zu 2015, um anschließend von Jahr zu Jahr zu steigen und wieder das Niveau von 2013 zu erreichen. Bei der leichten Körperverletzung ergibt sich ebenfalls zunächst ein Rückgang, dann ein Anstieg. Im Vergleich der Jahre 2017 und 2019 findet sich für dieses Delikt aber kein weiterer Anstieg, sondern eine eher konstante Rate (von 6,4 auf 6,0 %). Die nächsthöheren Prävalenzraten sind für die Delikte Graffitisprühen, Drogenverkauf und schwere Körperverletzungen (mit mehreren Personen bzw. mit Waffe jemanden verletzt) festzustellen. Für alle drei Delikte zeigt sich für das Jahr 2015 die niedrigste Prävalenzrate; beim Graffitisprühen und bei der schweren Körperverletzung steigen die Raten zum Jahr 2019 leicht an. Eine entsprechende Entwicklung ergibt sich auch beim Raub: Im Jahr 2015 haben 0,5 % der Jugendlichen angegeben, mindestens eine Raubtat begangen zu haben; im Jahr 2017 waren es bereits 0,7 %, 2019 1,0 %. 2013 2015 2017 2019 Raub schwere Körperverletzung leichte Körperverletzung Ladendiebstahl Drogenverkauf Sachbeschädigung Graffitisprühen Schwarzfahren Schulbullying Cyberbullying 0,6 2,7 6,6 5,2 3,0 6,3 2,8 28,7 9,9 2,6 0,5 1,8 4,9 4,0 2,8 4,8 2,8 25,8 6,8 2,7 0,7 1,9 6,4 4,2 3,3 5,3 3,1 26,1 6,8 2,8 1,0 2,3 6,0 5,5 2,9 6,1 3,4 26,9 3,7 2,3 Tab. 2 Prävalenzraten verschiedener Delikte nach Befragungsjahr (in %; letzte zwölf Monate bzw. letztes Schulhalbjahr) VHN 3 | 2021 184 DIRK BAIER, YVONNE KRIEG, SÖREN KLIEM Kinder- und Jugenddelinquenz in Deutschland FACH B E ITR AG Schulbullying und Cyberbullying wurden jeweils über sechs Aussagen, d. h. sechs Verhaltensweisen im Fragebogen erfasst. Schulbullying umfasst verbale wie physische Übergriffe (u. a. anderen Schüler gehänselt, anderen Schüler geschlagen), Cyberbullying verschiedene Formen der Belästigung (u. a. andere Personen verspottet, anderen Personen Fotos/ Videos von Nackten geschickt). Wenn mindestens ein Verhalten mindestens mehrmals monatlich ausgeführt wurde, wird von Bullying gesprochen. Dabei zeigt sich deutlich, dass das Schulbullying seit 2013 zurückgeht (von 9,9 auf 3,7 %); das Cyberbullying erscheint demgegenüber als stabiles (und damit auch nicht als ansteigendes) Phänomen. Schulbullying ist alles in allem noch immer verbreiteter als Cyberbullying. Werden die verschiedenen Auswertungen zu den Entwicklungstrends der Kinder- und Jugenddelinquenz zusammengefasst, lässt sich Folgendes festhalten: Kinder und Jugendliche sind heute weniger kriminell als noch vor 15 Jahren. Kriminalität und Gewalt sind in der heutigen Kinder- und Jugendgeneration damit geringer verbreitet als in früheren Generationen. Daneben deuten aber sowohl die Polizeilichen Kriminalstatistiken als auch die Dunkelfeldbefragungen an, dass Kriminalität unter Jugendlichen in den letzten Jahren wieder zunimmt: Raubtaten steigen laut Kriminalstatistik ebenso wie laut den niedersächsischen Befragungsstudien; Gleiches gilt für schwere Körperverletzungen. Auch der Ladendiebstahl und die Sachbeschädigungen steigen - im Dunkelfeld stärker als im Hellfeld. Dies bedeutet, dass positive Entwicklungstrends von Kinder- und Jugendkriminalität keine „Selbstläufer“ sind. Anscheinend verändert sich der Alltag von Kindern und Jugendlichen derzeit derart, dass Gewalt und Kriminalität zunehmend häufiger als geeignete Verhaltensoptionen betrachtet werden. Zu beachten ist gleichwohl, dass das hohe Niveau von vor 15 Jahren noch nicht wieder erreicht ist. 4 Analysen zur Jugendgewalt Raubtaten und schwere Körperverletzungen nehmen im Hellwie im Dunkelfeld zu. Diese Delikte lassen sich als schwere Gewaltdelikte klassifizieren. Die Betrachtung dieser Delikte soll an dieser Stelle noch weiter vertieft werden. In Tabelle 3 ist die Gesamtrate schwerer Gewalt für die vier niedersachsenweiten Dunkelfeldbefragungen dargestellt. Zusätzlich zu Raub und schwerer Körperverletzung gehen dabei die Delikte sexuelle Gewalt/ Belästigung und räuberische Erpressung in die Gesamtrate ein 3 . Die Prävalenzrate schwerer Gewalt ist von 2,4 % im Jahr 2015 auf 3,4 % im Jahr 2019 gestiegen. Für verschiedene Subgruppen ergeben sich dabei vergleichbare Entwicklungen; d. h. Anstiege schwerer Gewalt finden sich für männliche wie weibliche Befragte, für Befragte ohne und mit Migrationshintergrund und für Befragte unterschiedlichen Bildungsniveaus. Es handelt sich damit um eine alle Jugendlichen charakterisierende Entwicklung. Diese weitestgehend identischen Entwicklungen bedeuten gleichzeitig, dass die Unterschiede zwischen Subgruppen mehr oder weniger erhalten bleiben. Demnach gilt, dass männliche Jugendliche mindestens dreimal häufiger als weibliche Jugendliche schwere Gewaltdelikte begehen. Die Gewaltprävalenz von Jugendlichen mit Migrationshintergrund liegt etwa doppelt so hoch wie die Gewaltprävalenz von Jugendlichen ohne Migrationshintergrund, unabhängig davon, welchen Migrationshintergrund die Jugendlichen aufweisen - in Tabelle 3 sind Auswertungen für einen Migrationshintergrund aus der Türkei und der ehemaligen Sowjetunion dargestellt, da diese in Niedersachsen am häufigsten vorkommen. Jugendliche aus niedrigeren Schulformen sind etwa dreimal so häufig Täterinnen und Täter schwerer Gewalt wie Jugendliche aus Gymnasien. Die vorgestellten Auswertungen zur schweren Gewalt führen zu mindestens vier Fragen: 1. Warum hat zwischen 2015 und 2019 die VHN 3 | 2021 185 DIRK BAIER, YVONNE KRIEG, SÖREN KLIEM Kinder- und Jugenddelinquenz in Deutschland FACH B E ITR AG Gewalt zugenommen? 2. Was sind die Gründe für die höhere Gewalt männlicher Jugendlicher? 3. Wie erklärt sich die höhere Gewaltrate von Jugendlichen mit Migrationshintergrund? 4. Warum sind Jugendliche mit niedriger Bildung gewalttätiger als Jugendliche mit hoher Bildung? Diese Fragen können beantwortet werden, wenn die Einflussfaktoren des Gewaltverhaltens betrachtet werden. Insbesondere im (nahen) sozialen Umfeld von Jugendlichen bzw. im Bereich jugendlicher Persönlichkeitsmerkmale sind dabei bedeutsame Einflussfaktoren zu identifizieren (Baier et al., 2009, S. 84ff.). Von hoher Relevanz ist dabei zunächst die Peergruppe: Jugendliche, die Kontakt zu delinquenten Freunden haben, weisen ein deutlich erhöhtes Risiko auf, selbst Kriminalität und Gewalt auszuführen (u. a. Baier, Rabold & Pfeiffer, 2010). Dies ist einerseits mit Gruppendruck, andererseits mit Beobachtungslernen zu begründen. In diesen Gruppen werden die Fähigkeiten zum Begehen von Straftaten ebenso gelernt wie eine positive Einstellung zu normabweichendem Verhalten. Ein weiterer wichtiger Faktor sind bestimmte Auffälligkeiten von Jugendlichen wie das Schulschwänzen oder der Alkohol- und Drogenkonsum. Insbesondere der Alkoholkonsum erweist sich als relevant, was damit in Zusammenhang steht, dass dieser enthemmt und reizbar macht (u. a. Baier & Rabold, 2009). Zusätzlich ist die Familie und hier der von den Eltern angewandte Erziehungsstil als Einflussfaktor zu nennen (u. a. Baier, 2018). Negativ wirkt sich dabei aus, elterliche Gewalt zu erfahren. Kinder, die Züchtigungen oder sogar schwere Gewaltübergriffe erleben, treten im Laufe ihres Lebens signifikant häufiger als Gewalttäterinnen und Gewalttäter in Erscheinung. Dies ist wiederum lerntheoretisch zu begründen. Die Kinder lernen, dass Probleme und Konflikte mit Gewalt gelöst werden. Gleichzeitig ist mittlerweile auch bekannt, dass der Gewalteinsatz zu Schädigungen im Gehirn führt, vor allem von Bereichen, die für das Empathieempfinden verantwortlich sind (u. a. Baier & Pfeiffer, 2015). Weitere wichtige Faktoren sind auf der Persönlichkeitsebene zu verorten. Junge Menschen, die gewaltakzeptierende Einstellungen aufweisen und die Männlichkeit und Dominanz als wichtig erachten, sind gefährdeter, delinquentes bzw. gewalttätiges Verhalten auszuführen. Zudem finden sich Zusammenhänge zwischen dem Gewaltmedienkonsum und dem Gewaltverhalten (u. a. Baier & Pfeiffer, 2011). Gleichwohl sind weder Männlichkeitsorientierungen noch Medienkonsummuster alleinige Einflussfaktoren des jugendkriminellen Verhaltens, sondern sie wirken immer in einem Geflecht verschiedener Einflussfaktoren. 2013 2015 2017 2019 insgesamt männlich weiblich deutsch Migrationshintergrund n türkisch n eh. SU Förder-/ Hauptschule Gymnasium 3,5 5,3 1,6 2,9 4,9 6,8 3,2 7,5 1,9 2,4 3,8 1,1 1,9 4,0 5,5 3,0 5,8 1,4 2,9 4,8 1,1 2,1 4,8 5,3 5,3 6,1 1,7 3,4 5,2 1,5 2,6 5,3 5,6 5,3 5,6 2,2 Tab. 3 Prävalenzraten schwerer Gewalt nach Befragungsjahr und Befragtengruppe (in %) VHN 3 | 2021 186 DIRK BAIER, YVONNE KRIEG, SÖREN KLIEM Kinder- und Jugenddelinquenz in Deutschland FACH B E ITR AG In den niedersachsenweiten Jugendbefragungen wurden all die genannten Einflussfaktoren erfasst. Entsprechend Tabelle 4 waren 13,2 % der Jugendlichen von schwerer elterlicher Gewalt (u. a. mit Gegenstand oder Faust geschlagen) in der Kindheit betroffen, 35,8 % der Jugendlichen konsumieren mindestens wöchentlich Gewaltmedien (u. a. Filme ab 18 Jahren, Ego- Shooter). Gewaltlegitimierenden Männlichkeitsnormen stimmen 9,6 % der Jugendlichen zu, gewaltakzeptierenden Einstellungen 7,2 %. Mindestens einen ganzen Schultag im letzten Schulhalbjahr haben 18,1 % der Jugendlichen geschwänzt, mindestens wöchentlichen Alkoholkonsum berichten 11,0 % der Befragten. Bekanntschaft mit mehr als fünf delinquenten Freunden (also Personen, die einen Ladendiebstahl, eine Körperverletzung usw. ausgeführt haben) berichten 7,4 % der Jugendlichen. Sicherlich könnten noch weitere Einflussfaktoren berücksichtigt werden; die sieben Faktoren bilden aber ein breites Spektrum und sehr bedeutsame Einflussfaktoren ab. Die in Tabelle 4 dargestellten Analysen wurden berechnet, um die genannten Fragen zu beantworten. In den Analysen wird jeweils das Ausführen schwerer Gewalt erklärt. Im jeweils ersten Modell wird aufgezeigt, dass eine Gruppe mit der höheren Gewaltprävalenz jeweils signifikant höhere Prävalenzraten aufweist als eine Gruppe mit niedrigerer Gewaltprävalenz. Im jeweils zweiten Modell wird dann geprüft, ob diese höhere Gewaltprävalenz erklärbar ist. Zurückgegriffen wurde dabei auf das Verfahren der binär-logistischen Regressionsanalyse. Die Koeffizienten geben an, ob ein Einflussfaktor risikoerhöhend (Werte über 1.000) oder risikomindernd (Werte unter 1.000) wirkt. Die erste Analyse stellt die Prävalenzraten des Jahres 2015 und des Jahres 2019 gegenüber 4 . Dabei wird deutlich, dass die Prävalenzrate schwerer Gewalt 2019 um das 1,4fache (signifikant) höher liegt als die Prävalenzrate 2015. Werden nun die sieben Einflussfaktoren berücksichtigt, ergibt sich keine signifikant erhöhte Gewaltrate mehr. Es wird zugleich empirisch belegt, dass alle Faktoren signifikante Risikofaktoren des Gewaltverhaltens sind: Jugendliche, die schwere elterliche Gewalt erlebt haben, haben ein erhöhtes Gewaltrisiko; Gleiches gilt für Jugendliche, die Gewaltmedien konsumieren usw. Der Anstieg der Gewaltprävalenz ist mithin auf Veränderungen in den Einflussfaktoren zurückzuführen, lässt sich durch diese also vollständig erklären. Zusätzlich durchgeführte Analysen haben dabei ergeben, dass primär drei Faktoren für den Anstieg verantwortlich sind: Der Anteil an Männlichkeitsnormen zustimmender Jugendlicher ist von 6,0 auf 13,9 % angestiegen; auch der Anteil an Jugendlichen mit gewaltakzeptierenden Einstellungen ist von 5,2 auf 9,3 % gestiegen. Der Anteil schwänzender Jugendlicher hat sich zudem von 13,4 auf 24,7 % erhöht. Hinsichtlich des Geschlechts zeigt sich, dass männliche Jugendliche ein ca. 3,8-fach so hohes Risiko der schweren Gewalttäterschaft aufweisen wie weibliche Jugendliche. Dieser Unterschied lässt sich durch die sieben Einflussfaktoren nicht vollständig, aber immerhin zu einem großen Teil erklären. Insbesondere der Gewaltmedienkonsum und die Gewaltakzeptanz sind dabei als Erklärungsfaktoren des gender gap von Bedeutung, wie zusätzliche Auswertungen zeigen konnten. Männliche Befragte konsumieren zu 58,9 % mindestens wöchentlich mediale Gewalt, weibliche Befragte hingegen nur zu 12,5 %. Zustimmend zu gewaltakzeptierenden Einstellungen äußern sich 11,4 % der männlichen, aber nur 2,9 % der weiblichen Jugendlichen. Die beiden verbleibenden Analysen führen zu ähnlichen Ergebnissen. Jugendliche mit Migrationshintergrund weisen ein ca. 2,1-mal so hohes Risiko der Gewalttäterschaft auf, niedrig gebildete Jugendliche ein 3,5-mal so hohes Risiko - im Vergleich mit Jugendlichen ohne Migrationshintergrund bzw. Jugendlichen mit hoher VHN 3 | 2021 187 DIRK BAIER, YVONNE KRIEG, SÖREN KLIEM Kinder- und Jugenddelinquenz in Deutschland FACH B E ITR AG Bildung (Gymnasium). Die Berücksichtigung der verschiedenen Einflussfaktoren hilft, diese Unterschiede vollständig (Bildung) bzw. weitestgehend (Migrationshintergrund) zu erklären. Zusätzliche Auswertungen belegen, dass bei beiden Modellen drei Faktoren im besonderen Maße eine Erklärung für die erhöhten Prävalenzraten darstellen: Männlichkeitsnormen, gewaltakzeptierende Einstellungen und die Bekanntschaft mit delinquenten Freunden. So stimmen Jugendliche ohne Migrationshintergrund zu 6,5 % Männlichkeitsnormen zu, Jugendliche mit Migrationshintergrund zu 17,2 % (hohe Bildung: 5,8 %, niedrige Bildung: 16,8 %). Der Anteil an Jugendlichen mit zustimmender Haltung zur Gewaltakzeptanz beträgt bei Jugendlichen ohne Migrationshintergrund 5,6 %, bei Heranwachsenden mit Migrationsgeschichte 10,8 % (hohe Bildung: 4,3 %, niedrige Bildung: 14,5 %). Mehr als fünf delinquente Freunde kennen 5,8 % der Jugendlichen ohne Migrationsgeschichte, aber 11,2 % der Jugendlichen mit Migrationshintergrund (hohe Bildung: 3,9 %, niedrige Bildung: 14,8 %) 5 . 5 Fazit und Ausblick Die vorgestellten Auswertungen haben unter Rückgriff auf verschiedene Datenquellen aufgezeigt, dass Kinder- und Jugendkriminalität in Deutschland kein ubiquitäres Phänomen und in längerfristiger Betrachtung rückläufig ist. Dies sind zwei positive Nachrichten, die in den Medien eher selten gewürdigt werden. Die deutliche Mehrheit der jungen Menschen verhält sich gesetzeskonform, und der Anteil sich nicht gesetzeskonform verhaltender junger Menschen liegt heute niedriger als noch vor 15 Jahren. Auch für die Schulen zeichnet sich ab, dass Gewalt hier keinesfalls zunimmt. Warum hält sich dann hartnäckig die Wahrnehmung in der Bevölkerung, dass Kinder- und Jugendkriminalität steigt? Von Bedeutung ist hier sicherlich die Medienberichterstattung Prävalenz 2013 -2019 2015 vs. 2019 Mädchen vs. Jungen ohne vs. mit Migrationshintergrund hohe vs. niedrige Bildung Modell 1 Modell 2 Modell 1 Modell 2 Modell 1 Modell 2 Modell 1 Modell 2 höhere Prävalenz schwere elterliche Gewalt Gewaltmedienkonsum Männlichkeitsnormen Gewaltakzeptanz ganze Schultage geschwänzt Alkoholkonsum mehr als 5 delinquente Freunde - 13,2 35,8 9,6 7,2 18,1 11,0 7,4 1.406*** 0.922 1.260*** 1.111*** 1.531*** 1.899*** 1.396*** 1.176*** 1.606*** 3.789*** 1.731*** 1.205*** 1.081*** 1.425*** 1.981*** 1.565*** 1.177*** 1.623*** 2.085*** 1.253** 1.162*** 1.145*** 1.438*** 2.037*** 1.434*** 1.194*** 1.607*** 3.485*** 1.183 1.114 1.212*** 1.597*** 1.897*** 1.302* 1.185*** 1.611*** N - 19838 19838 35779 35779 35622 35622 14374 14374 Tab. 4 Binär-logistische Regressionsanalysen zur schweren Gewalt (abgebildet: Exp(B)) * p < .05, ** p < .01, *** p < .001 VHN 3 | 2021 188 DIRK BAIER, YVONNE KRIEG, SÖREN KLIEM Kinder- und Jugenddelinquenz in Deutschland FACH B E ITR AG (u. a. Hestermann, 2018): Vorfälle jugendlicher Gewalt, die es natürlich weiterhin gibt, werden intensiv und überregional diskutiert. Dies lässt den Eindruck entstehen, dass diese Vorfälle alltäglich seien, obwohl sie es gerade nicht sind, was sie für die Medien interessant macht. Da die meisten Menschen keine eigenen Erfahrungen mit Kinder- und Jugendkriminalität haben, entsteht ihr Bild über die öffentliche Berichterstattung, welche die tatsächlichen Verhältnisse jedoch nicht wiedergibt. Dies könnte als ein typischer Problemdiskursprozess in modernen Gesellschaften eingestuft werden, insofern sich die Bevölkerung bei vielen Themen nicht mit den tatsächlichen Verhältnissen auskennt. Im Bereich der Kriminalität ist dieser Prozess aber womöglich besonders bedeutsam (u. a. Albrecht, 2004). Wenn die Bevölkerung die Kriminalitätsentwicklung falsch wahrnimmt und von einem verunsichernden Kriminalitätsanstieg ausgeht, erzeugt dies einen politischen Handlungsdruck. Nicht überraschend gehört das Thema innere Sicherheit in Wahlkampfzeiten daher zu den Themen, denen vonseiten verschiedener Parteien besondere Aufmerksamkeit geschenkt wird. Es werden Lösungen versprochen, um bei der Bevölkerung ein Sicherheitsgefühl zu erzeugen; diese Versprechungen müssen dann nach erfolgten Wahlen auch in die Tat umgesetzt werden. Meist handelt es sich um Lawand-Order-Lösungsansätze, d. h. darum, vorhandene Strafmaße zu erhöhen oder neue Strafbestände zu schaffen. Es geht um Abschreckung, nicht um umsichtige Prävention. Maßnahmen der negativen Generalprävention erweisen sich aber als wirkungslos, wie die kriminologische Forschung immer wieder zeigen konnte (u. a. Hirtenlehner, 2020). Dass es sich hier nicht nur um ein Gedankenexperiment handelt, zeigt das Beispiel des sog. Warnschussarrests. Dieser wurde im Jahr 2013 eingeführt und beinhaltet, dass zu Bewährungsstrafen verurteilte Jugendliche zusätzlich mit einem Arrest sanktioniert werden können. Beschlossen wurde dies in einer Phase sinkender Jugendkriminalität und gegen Empfehlungen von Expertinnen und Experten. Die Evaluation hat gezeigt, dass der Warnschussarrest nicht rückfallmindernd wirkt, wie dies auch von Expertinnen und Experten erwartet wurde (Klatt et al., 2016). An dieser Stelle soll nicht infrage gestellt werden, dass es Maßnahmen zur Verhinderung von Kinder- und Jugendkriminalität braucht. Die vorgestellten Auswertungen haben gezeigt, dass in kurzfristiger Perspektive ein Anstieg im Bereich der (außerschulischen) Gewalt wie auch in anderen Kriminalitätsbereichen existiert - Dramatisierungen sind diesbezüglich aber fehl am Platz, insofern das höhere Kriminalitätsniveau von vor 15 Jahren noch nicht erreicht ist. Die niedersächsischen Befragungen belegen, dass im Bereich der schweren Gewalt die Prävalenzrate von 2,4 auf 3,4 % angestiegen ist. Dies sowie andere ansteigende Prävalenzraten rechtfertigen es, Präventionsarbeit im Kinder- und Jugendbereich zu intensivieren. Dabei bieten die vorgestellten Auswertungen auch Hinweise, wo Präventionsarbeit ansetzen müsste: Einerseits muss es darum gehen, das zunehmende Problem des Schulschwänzens zu adressieren, wobei auf Erfahrungen vergangener Präventionsprojekte zurückgegriffen werden kann (u. a. Brettfeld, Enzmann, Trunk & Wetzels, 2005). Andererseits müssen verschiedene Einstellungen und Normorientierungen junger Menschen über Präventionsarbeit verändert werden. Die Hintergründe der Veränderungen konnten hier zwar nicht untersucht werden; es zeigt sich aber, dass junge Menschen vermehrt den Gewalteinsatz als positiv einschätzen und auch stärker als antiquiert einzustufende Konzepte von Männlichkeit befürworten. Möglicherweise schlägt sich hier das Wirken medialer Vorbilder nieder. In jedem Fall sollte dieser sukzessive Kulturwandel im Kinder- und Jugendalltag weiterhin mittels systematischer empirischer Forschung beobachtet und mit geeigneten Maßnahmen beeinflusst werden. VHN 3 | 2021 189 DIRK BAIER, YVONNE KRIEG, SÖREN KLIEM Kinder- und Jugenddelinquenz in Deutschland FACH B E ITR AG Jenseits davon konnten die Auswertungen auch Hinweise darauf geben, welche Faktoren dafür verantwortlich sind, dass männliche Jugendliche, Jugendliche mit Migrationshintergrund sowie Jugendliche mit geringerem Bildungsniveau häufiger auf Gewalt zurückgreifen als andere Jugendliche. Hierin schlagen sich keine angeborenen und unveränderlichen Eigenschaften nieder, sondern es sind soziale und persönliche Faktoren, die eine Rolle spielen und die über Präventionsmaßnahmen zu beeinflussen sind. Anmerkungen 1 Auch bei den Kindern gab es, auf niedrigerem Niveau, einen solchen Anstieg der Tatverdächtigen (2013: 1.412 Tatverdächtige wegen eines Verstoßes gegen das Aufenthalts- und Asylverfahrensgesetz, 2015: 8.948 Tatverdächtige). 2 Um den Migrationsstatus der Jugendlichen zu bestimmen, wurden diese gebeten anzugeben, wo sie bzw. die leiblichen Eltern geboren wurden und welche Staatsangehörigkeit sie bzw. die Eltern besitzen. Es werden all jene Befragten als Jugendliche ohne Migrationshintergrund klassifiziert, die sämtliche Fragen mit „deutsch“ oder „Deutschland“ beantworteten. 3 Räuberische Erpressung umfasst, dass man von jemandem verlangt, Geld oder Sachen herzugeben (unter Androhung von Gewalt); sexuelle Gewalt bzw. Belästigung umfasst, dass man jemanden unsittlich angefasst oder mit Gewalt zu sexuellen Handlungen gezwungen hat. Räuberische Erpressung ist von 2015 bis 2019 von 0,2 auf 0,4 %, sexuelle Gewalt/ Belästigung von 0,4 auf 0,7 % gestiegen. 4 Es werden also die Befragungen 2013 und 2017 aus den Analysen ausgeschlossen. 5 Die höhere Akzeptanz von Männlichkeitsnormen und die häufigere Bekanntschaft mit delinquenten Freunden lässt sich mit Blick auf Jugendliche mit Migrationshintergrund möglicherweise u. a. damit erklären, dass sie häufiger in marginalisierten, benachteiligten Wohngebieten leben, in denen die soziale Kontrolle und der soziale Zusammenhalt geringer ausgeprägt sind. Literatur Albrecht, H.-J. (2004). Öffentliche Meinung, Kriminalpolitik und Kriminaljustiz. In M. Walter, H. Kania & H.-J. Albrecht (Hrsg.), Alltagsvorstellungen von Kriminalität. Individuelle und gesellschaftliche Bedeutung von Kriminalitätsbildern für die Lebensgestaltung, 491 -520. Münster: Lit. Baier, D. (2018). Familiale Sozialisation und Delinquenz. In D. Hermann & A. Pöge (Hrsg.), Kriminalsoziologie. Handbuch für Wissenschaft und Praxis, 201 -218. Baden-Baden: Nomos. https: / / doi.org/ 10.5771/ 9783845271842-200 Baier, D. & Rabold, S. (2009). Drogenkonsum im Jugendalter - Verbreitung, Bedingungsfaktoren und Zusammenhang mit Gewaltverhalten. Zeitschrift für Jugendkriminalrecht und Jugendhilfe, 20 (4), 292 -306. Baier, D., Pfeiffer, C., Simonson, J. & Rabold, S. (2009). Jugendliche in Deutschland als Opfer und Täter von Gewalt. Erster Forschungsbericht zum gemeinsamen Forschungsprojekt des Bundesministeriums des Innern und des KFN. Hannover: Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen e.V. Forschungsbericht Nr. 107. Baier, D., Rabold, S. & Pfeiffer, C. (2010). Peers und delinquentes Verhalten. In M. Harring, O. Böhm- Kasper, C. Rohlfs & C. Palentien (Hrsg.), Freundschaften, Cliquen und Jugendkulturen. Peers als Bildungs- und Sozialisationsinstanzen, 309-338. Wiesbaden: VS Verlag. https: / / doi.org/ 10.1007/ 978-3-531-92315-4_15 Baier, D. & Pfeiffer, C. (2011). Medienkonsum als Ursache des schulischen Misserfolgs und der Jugendgewalt. Ergebnisse von Längsschnittstudien. In T. Stompe & H. Schanda (Hrsg.), Delinquente Jugendliche und forensische Psychiatrie. Epidemiologie, Bedingungsfaktoren, Therapie, 69 -90. Berlin: Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft. Baier, D. & Pfeiffer, C. (2015). Gewalterfahrungen undGewaltverhalten. InW.Melzer,D. Hermann,U. Sandfuchs, M. Schäfer, W. Schubarth & P. Daschner (Hrsg.), Handbuch Aggression, Gewalt und Kriminalität bei Kindern und Jugendlichen, 238 - 243. Bad Heilbrunn: Verlag Julius Klinkhardt. Baier, D., Fleischer, S. & Hanslmaier, M. (2017). Entwicklung der Punitivität und ausgewählter Einflussfaktoren in der deutschen Bevölkerung in den Jahren 2004 bis 2014. Monatsschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform, 100 (1), 1 -25. https: / / doi.org/ 10.1515/ mkr-2017-0102 VHN 3 | 2021 190 DIRK BAIER, YVONNE KRIEG, SÖREN KLIEM Kinder- und Jugenddelinquenz in Deutschland FACH B E ITR AG Bergmann, M. C., Baier, D., Rehbein, F. & Mößle, T. (2017). Jugendliche in Niedersachsen. Ergebnisse des Niedersachsensurveys 2013 und 2015. Hannover: Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen e.V. Forschungsbericht Nr. 131. Bergmann, M. C., Kliem, S., Krieg, Y. & Beckmann, L. (2019). Jugendliche in Niedersachsen. Ergebnisse des Niedersachsensurveys 2017. Hannover: Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen e.V. Forschungsbericht Nr. 144. Brettfeld, K., Enzmann, D., Trunk, D. & Wetzels, P. (2005). Abschlussbericht zur Evaluation des Niedersächsischen Modellprojekts gegen Schulschwänzen (ProgeSs). Unveröffentlichter Forschungsbericht. Hamburg: Universität Hamburg. Heinz, W. (2006). Kriminelle Jugendliche - gefährlich oder gefährdet? Konstanz: UVK Universitätsverlag. Hestermann, T. (2018). Jugendkriminalität in den Medien: Opfer, Dämonen und die Mediatisierung der Gewalt. In B. Dollinger & H. Schmidt- Semisch (Hrsg.), Handbuch Jugendkriminalität, 67 -85. Wiesbaden: Springer VS. https: / / doi.org/ 10.1007/ 978-3-531-19953-5_4 Hirtenlehner, H. (2020). Differentielle Abschreckbarkeit als Evidenzgrundlage negativer Generalprävention. In C. Grafl, M. Stempkowski, K. Beclin & I. Haider (Hrsg.), „Sag, wie hast du’s mit der Kriminologie? “ - Die Kriminologie im Gespräch mit ihren Nachbardisziplinen, 81 -104. Mönchengladbach: Forum Verlag Godesberg. https: / / doi.org/ 10.1515/ mks-2020-2051 Klatt, T., Ernst, S., Höynck, T., Baier, D., Treskow, L., Bliesener, T. & Pfeiffer, C. (2016). Evaluation des neu eingeführten Jugendarrestes neben zur Bewährung ausgesetzter Jugendstrafe (§ 16 a JGG). Berlin: Wissenschaftlicher Verlag. Köllisch, T. & Oberwittler, D. (2004). 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Anschriften der Autorin und der Autoren Prof. Dr. Dirk Baier ZHAW Soziale Arbeit Institut für Delinquenz und Kriminalprävention Pfingstweidstr. 96 CH-8005 Zürich E-Mail: dirk.baier@zhaw.ch Yvonne Krieg Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen e.V. Lützerodestraße 9 D-30161 Hannover Prof. Dr. Sören Kliem Ernst-Abbe-Hochschule Carl-Zeiss-Promenade D-07745 Jena
